Verlag: Sieben Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Kriegerseele - Paige Anderson

Jahrelang hatte Venor seine magischen Fähigkeiten verheimlicht, ist freiwillig ins Exil gegangen und hat stets die Einsamkeit gesucht. Doch seine Bemühungen blieben fruchtlos. Sein Geheimnis wurde gelüftet und im Grunde bleibt ihm nur noch die völlige Isolation. Doch eine erneute Spaltung des Drachenclans wäre fatal. Nachdem der Rat der Nephelim von Marvae ausgelöscht wurde, drängt die Zeit mehr als je zuvor. Der Clan muss reagieren und die machtbesessene Nephelim aufhalten, bevor ihre Welt in den Untergang stürzt. In der Stunde höchster Not scheint der kühle und distanzierte Drachenkrieger Venor seine Rettung jedoch in einer Frau zu finden. Sie weckt Gefühle in ihm, die er lange verloren glaubte, und gibt ihm neue Kraft. Das einzige Problem ist, sie wurde geschickt, um ihn zu töten.

Meinungen über das E-Book Kriegerseele - Paige Anderson

E-Book-Leseprobe Kriegerseele - Paige Anderson

Kriegerseele

Drachenclan 4

Paige Anderson

KriegerseeleDrachenclan 4Paige Anderson

© 2017 Sieben Verlag, 64823 Groß-UmstadtUmschlaggestaltung: © Andrea Gunschera

ISBN-Taschenbuch: 9783864436987ISBN-eBook-mobi: 9783864436994ISBN-eBook-epub: 9783864437007

www.sieben-verlag.de

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Epilog

1. Kapitel

„Tu doch etwas!“

„Was denn?“

„Keine Ahnung, heißes Wasser und Handtücher?“

„Und was soll ich damit tun?“

„Das machen die in den Filmen auch immer!“

Ungerührt horchte Nutzlos den verzweifelten Rufen der Frauen. Hektische Schemen huschten hinter dem Vorhang vorbei, Geschirr schepperte, fiel zu Boden. Das ging nun schon seit Stunden. Und mit jeder Minute wurden die Stimmen lauter, die Schritte schneller, die Atemzüge der werdenden Mutter rasselnder. Nutzlos bekam alles mit. Der Ast, auf dem sie hockte, hatte bereits eine kleine Kuhle in der Rinde. Das war ihr Platz. Er war ideal. Hoch genug über dem Fenster, um im Schatten des Lichts zu liegen, aber tief genug, um einen klaren Blick ins Innere des Hauses zu erhalten. Es war eine Pinie, wodurch ihr Eigengeruch, den sie zusätzlich noch zu verringern wusste, überlagert wurde. Nutzlos war eins mit dem Baum. Nicht einmal ein Drachenkrieger konnte sie hier entdecken. Was eine beachtliche Leistung war, wenn man bedachte, was ein Krieger war. Eine Kampfmaschine. Ein Raubtier. Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit. Diese Attribute wurden jedem Drachenkrieger in die Wiege gelegt. Die anderen Rassen der Übernatürlichen unterlagen ihnen gnadenlos. Elfen waren geborene Heiler, hochmütig, doch hilflos in ihrer Verteidigung. Dryaden, die jeweils eine Affinität zu einem bestimmten Element besaßen waren zwar wehrhafter, aber im Vergleich zu den Kriegern nicht mehr als ein Kleinkind mit einem Stock. Demnach gab es neben den Kriegern nur noch die Nephelim. Nutzlos zog den Kragen ihres Mantels enger um den Hals. Der Rat der Nephelim hatte alle betrogen. Nutzlos kam nicht umhin, diesem Umstand Bewunderung zuzusprechen. Ja, es gab mehr Menschen als Übernatürliche auf der Erde. Und ja, die Übernatürlichen weilten im Geheimen, also wussten sie, wie das wahre Ich zu verbergen war. Dennoch, diesen vier Nephelim, Marvae, Asmodeus, Ghladran und Charismon war es gelungen, sie alle zu täuschen. Die Geschichte, die sie frei erfunden hatten, war ein unumstößliches Fundament ihrer Geschichtsschreibung. Die Mitglieder des Rates bildeten die Führung ihrer Gesellschaft, mit den Drachenkriegern als ihre treuen Untergebenen an ihrer Seite. Sie sollten die Übernatürlichen gegen Satyrn schützen, dämonische Kreaturen, diee vom und durch den Schmerz ihrer Opfer lebten. Dass der Krieg ganz anders ablief, wusste Nutzlos schon immer. Sie erinnerte sich noch als sei es gestern gewesen. Obgleich es fast 2000 Jahre zurück lag. Die Nephelim waren ein friedliches Volk. Mächtig, aber mit sich und der Umwelt im Gleichgewicht. Bis Marvae, Asmodeus, Ghladran und Charismon auftauchten. Der Putsch ging schnell, das Massaker suchte seinesgleichen. Nutzlos war es ein Rätsel, wie ein solches Blutbad je in Vergessenheit geraten konnte.

Indem jeder, der davon wusste, tot war. Du bist die Nächste!

Die Stimme in ihrem Kopf ließ sie zusammenzucken. Es geschah häufiger. Gedanken, die sie nicht haben durfte, schlichen sich in ihren Geist, ließen sie die Nächte durchwachen.

Aus dem Gebäude vor ihr drangen erneut spitze Schreie. Die Geburt dauerte viel zu lange für eine Elfe. Das Kind würde sterben. Und Lillian vermutlich auch. Nutzlos beobachtete die Krieger und ihre Gefährtinnen bereits viele Jahre. Sie wusste alles. Namen, Eigenarten, Vorlieben, Gewohnheiten. Manchmal verbrachte sie Tage hier oben, ohne Nahrung, ohne Schlaf. Nutzlos kam nicht umhin, es spannend zu finden. Der Clan wirkte wie eine große Familie. So etwas kannte Nutzlos nicht. Der älteste Krieger war Mennox, 621 Jahre konnte er Kraft und Erfahrung sammeln. Als Gegner nicht zu unterschätzen. Vor allem nun, da seine Gefährtin Lillian Nachwuchs erwartete. Sein Zorn würde die Ozeane verdampfen lassen, sobald er erfuhr, dass Mutter und Kind tot waren. Was nicht mehr lange dauern würde, da war Nutzlos sicher.

Die anderen Krieger könnten ihn nicht aufhalten. Callista war ein Küken, unberechenbar, schwach. Liam hatte das Gemüt eines Halbstarken. Kurzfristig hatte Nutzlos einmal gedacht, er würde aufwachen. Als er in Ägypten auf seine Auserwählte stieß. Andrea, eine starke Hybriden Dryade. Endlich war der Clan dem Rat der Nephelim dort auf die Schliche gekommen. Doch sie waren zu zögerlich, hielten ihre Erkenntnisse zu lange im Verborgenen. Zeit, die sie Marvae schenkten, um zu reagieren. Ein fataler Fehler. Der Clan nutzte seine Mittel nicht. Der mittlere Krieger Darian war ein gutes Beispiel. Seine Gefährtin Mercy war ein Orakel, in der Lage, die Zukunft vorherzusehen. Statt sie zu den Visionen, die tausende Leben retten könnten, zu zwingen, oder sie unter Beruhigungsmittel zu setzen, wie das früher in Ägypten mit Orakeln gemacht wurde, packte er sie in Watte. Umsorgte sie. Liebte sie. Und die Vorhersagen blieben aus, wurden undeutlich. Nutzlos hatte oft Gespräche zwischen den beiden belauscht. Sie hatten keine Ahnung, wie mächtig das Orakel war. Ihre Bindungen zu anderen machten sie blind. Emotionen benebelten ihren Geist, machten die Kriegerrasse schwach. Der Einzige, der sich darüber erheben konnte, war Venor. Er war nur knapp zwanzig Jahre jünger als Mennox, aber dennoch stärker als der Rest. Er band sich nicht an irdischen Ballast. Er hatte seine Bestimmung und ihr zu folgen war seine Erfüllung. Nutzlos verstand ihn besser als alle anderen. Sie wusste, wie es sich anfühlte Befehle zu befolgen, ohne nachzudenken. So, wie es ihr bestimmt war. Es war an Venor, den abtrünnigen Krieger Baltes zu töten. Baltes hatte Ghladran die Treue geschworen, einem Nephelim, der sich dazu entschlossen hatte, die anderen drei zu übergehen und die Macht an sich zu reißen. Er hatte sie unterschätzt. Vor allem Marvae. Sie war es, die Ghladrans Versuche im Keim zu ersticken wusste. Baltes überlebte seinen Meister und Venor fiel die Aufgabe zu, sich um diesen Umstand zu kümmern. Er stieß den Abtrünnigen eine Klippe hinunter, ein grober Fehler, den Nutzlos nie nachvollziehen konnte. Wieso hatte der Krieger den Feind nicht enthauptet? Dann wäre eine Rückkehr ausgeschlossen gewesen. Doch so schwang sich Baltes zu einem persönlichen Rachefeldzug auf. Nach ein paar stümperhaften Experimenten verbrüderte Baltes sich jedoch mit Marvae. Und das war eine gefährliche Mischung. Nutzlos wusste, dass Marvae das Ziel verfolgte, sich des restlichen Rates zu entledigen. Hierfür brauchte sie Baltes’ Hilfe. Baltes wollte den Clan tot sehen und Marvae erklärte sich im Gegenzug bereit, ihm hierbei zu helfen. Bald käme also Nutzloses Zeit. Das, wofür sie ihr Leben lang trainiert hatte. Ihre Bestimmung würde sich erfüllen.

Willst du das auch?

Nutzlos schüttelte den Kopf, als könne sie so die Stimme zum Schweigen bringen. Was sie wollte, war unwichtig, sie war Nutzlos.

Laute Schritte knirschten den Weg hinauf. Sofort verlangsamte ihre Atmung und sie ging in ihren Tarnmodus über. Die Bewegungen ihres Brustkorbes waren kaum wahrnehmbar, ihr Herzschlag ein langsames Pochen und jede Faser ihres Körpers angespannt.

Callista kam zurück. Mit Keleth. Sehr zu Nutzloses Überraschung hatte Baltes einen Sohn. Halb Satyr, halb Drachenkrieger. Doch trotz der vielversprechenden Mischung hatte Keleth offenbar die schlechten Kriegereigenschaften mitgeerbt. Mitgefühl, Liebe, falsche Ergebenheit.

Du trägst auch Liebe in dir. Denk an Sahira! Rinde splitterte unter ihren Fingernägeln. Nicht jetzt!

Bis heute wusste Nutzlos nicht, auf welcher Seite Keleth tatsächlich stand. Es war zu verwirrend. Zu viele Gefühle, zu viele Lügen. Und Nutzlos würde es nicht wagen, Marvae unbestätigte Informationen zukommen zu lassen. Das hatte sie bereits bitter lernen müssen. Wenn sie herausfinden könnte, wen Keleth hinterging, seinen eigenen Vater oder Callista, würde sie das vielleicht endlich ans Ziel bringen. Mühevoll hielt sie ihren Puls in Schach. Sie würde …

Schreie lenkten ihre Aufmerksamkeit zum Fenster. Stimmengewirr erklang, sie konnte es nicht verstehen. Lautlos glitt sie vom Ast herunter, huschte hinter den Baum und ging dort in die Hocke. Sie wusste, dass es gefährlich war umherzulaufen, während sie den Aufenthaltsort der anderen Krieger nicht kannte. Insbesondere Venor tauchte urplötzlich auf, als wäre er auf der Suche nach ihr. Vorsichtig schlich sie zur Ecke des Hauses unter eine Fensterbank. Nutzlos wusste genau, wie sie Geräusche vermeiden konnte. Wie sonst wäre sie in der Lage gewesen, fünf Drachenkrieger über Jahre hinweg zu belauschen, ohne dass jemand etwas bemerkte.

Als sie in der richtigen Position war, um den Gesprächen im Innern folgen zu können, gefror ihr das Blut in den Adern. Mennox. Nutzlos umklammerte ihren Dolch, ging im Kopf alles durch, was sie über den Kampfstil der Drachenkrieger gelernt hatte, machte sich bereit, um …

Mit einem lauten Krachen flog die Tür auf. Mennox stürzte hinein. Nutzlos atmete leise aus. Der Krieger hatte sie nicht gesehen. Liebe machte einen Krieger blind, egal wie alt und mächtig er war. Sie nutzte den Lärm, um Abstand zwischen sich und das Haus zu bringen. Es war zu gefährlich hier. Erneut Schreie, darunter das Weinen eines Babys. Also hatte das Kind es geschafft. So sehr sie die Krieger auch kannte und studiert hatte, diese Information war wertlos. Hinter einem Busch riskierte sie einen Blick. Callista lag auf dem Boden. Mennox hielt sein Katana, die lange Klinge eines Drachenkriegers, umklammert. Nun erschloss sich die Szene endlich. Keleth musste Lillian notoperiert haben, um das Baby zu holen. Nutzlos wusste, dass Baltes’ Sohn eine medizinische Ausbildung der Menschen absolviert hatte. Mennox musste die Situation fehlinterpretiert haben. Als er Keleth töten wollte, musste sich Callista dazwischen geworfen haben. Keleth machte keine Anstalten Mennox anzugreifen. Und wenn es eine Gelegenheit gegeben hätte, dann jetzt. Selbst aus der Ferne konnte Nutzlos den bestürzten Ausdruck in den dunklen Augen des Kriegers sehen. Er würde sich vermutlich nicht einmal wehren. Doch Keleth beachtete ihn gar nicht. Mit zitternden Armen presste er weiße Mulltücher auf Callistas Bauch. Die Frauen hielten sich die Hände vor den Mund, im Hintergrund weinte das Baby. Das perfekte Chaos. Sollte sie ihre Chance nutzen? Nein. Nutzloses Auftrag war klar. Tränen rollten über Keleths Wangen. Er hatte sich tatsächlich in die Kriegerin verliebt. Dummer Bengel. Er war tot. Sobald Marvae davon erfuhr, würde sie Baltes befehlen seinen Sohn beiseite zu schaffen. Und so, wie sie seine Vaterqualitäten einschätzte, hatte dieser damit keine Probleme. Verrat war etwas, was niemand leichtfertig verzeihen konnte. Und Baltes oder Marvae erstrecht nicht. Blutrache wäre die einzige Möglichkeit ihre Gemüter zu versöhnen. Zufrieden zog sich Nutzlos zurück. Diese Information war mehr wert, als sie es sich je erträumen konnte. Wenn sie es vor Tagesanbruch zurück schaffen wollte, musste sie nun gehen. Trotz ihrer Aufregung blieb sie im Schatten der Bäume und bewegte sich langsam und bedächtig.

„Hast du ihn?“

„Ja. Beweg dich!“

Nutzlos erstarrte. Obgleich die Stimmen nur brüchig und vom Wind zerrissen zu ihr herüberklangen, erkannte sie diese sofort. Liam und Darian. Sie bewegten sich auf Nutzlos zu. Rasch packte sie einen Ast über sich und zog ihren Körper daran hoch. Mit einem lautlosen Satz schwang sie sich in die Luft, drückte ihren Rücken gegen den Stamm und verharrte regungslos.

„Wieso wacht er nicht auf?“

„Er hat eine Menge Blut verloren …“

„Blödsinn. Wir hatten schon schwerere Wunden!“ Liams Stimme klang höher als sonst.

Durch das dichte Geäst konnte Nutzlos nicht viel erkennen.

„Diese Wunden stammen von einem Blutritual“, entgegnete Darian. „Keine Klinge könnte ihm einen solchen Schaden zufügen!“

„Dafür hat sie ordentlich gejammert, als Baltes ihr sein Schwert in den Bauch gerammt hat.“

Endlich traten die Krieger aus dem Wald hervor. Venor hing zwischen den Kriegern. Einen Arm jeweils um die Schultern gelegt, die Füße schleiften hinter ihm her, als gehörten sie nicht zu seinem Körper.

Blutritual. Nutzlos verkrampfte sich. Sie wusste um Marvaes Pläne, die Herrschaft zu übernehmen. War heute der große Tag? Es wunderte Nutzlos zwar nicht, dass Marvae ihr nichts davon mitgeteilt hatte, dennoch war sie schockiert. Sofern es tatsächlich heute geschehen sollte, war es nicht so gelaufen, wie die Nephelim es vorgehabt hatte.

Dafür hat sie ordentlich gejammert, als Baltes ihr sein Schwert in den Bauch gerammt hat.

Dann wurde sie von Baltes verraten?

Nein!

Leichtsinnig sprang sie hinunter, kaum dass die Krieger außer Sicht waren. Marvae durfte nicht tot sein. Wenn sie starb, war alles umsonst gewesen. 3000 Jahre voller Schmerz, Erniedrigungen, Angst und Blut wären sinnlos vergangen. Das durfte nicht sein. Das durfte nicht passieren! So schnell ihre Füße sie trugen lief sie durch den Wald. Sie kannte den Weg, war ihn schon hundert Male gelaufen. Doch heute war es anders. Sie rannte ungeachtet der Geräusche, die sie verursachte. Furcht beschleunigte ihre Schritte, Adrenalin rauschte durch ihre Adern, machte sie leichtsinnig.

Liebe macht dich blind, Nutzlos.

„Halt die Klappe!“, rief sie ihrer inneren Stimme zu und sprang über eine Wurzel.

Sei nicht tot, sei nicht tot, sei nicht tot!

Keine Stimmen, kein Rauschen, nichts. Als Venor versuchte, seinen Körper wahrzunehmen, gelang es ihm nicht. Er schwebte in einem warmen Raum, kein Licht drang zu ihm hindurch, kein Laut. Er fühlte sich schwerelos, sorglos. Es wäre ein Leichtes gewesen, in diesem Dämmerzustand zu bleiben. Im Vergleich mit der sonstigen Hektik in seinem Kopf war es eine Wohltat. Kein Knistern, erzeugt durch die Emotionen anderer. Was sonst im Verborgenen wütete, unter Umständen nie an die Oberfläche kam, jedes noch so geringe Aufflammen eines Gefühls, all das konnte Venor bei anderen spüren. Wenn jemand lachte, aber in seinem Inneren schreien wollte. In Venor hallte dieser Schrei wider. Eine nicht erwiderte Liebe ließ ihn bittere Galle schmecken, obwohl er die Menschen nicht einmal kannte. Zerrissenheit, die Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, bereitete ihm Schwindel. Jede Emotion verursachte bei dem Drachenkrieger eine körperliche Reaktion. Venor wusste nicht mehr, wann es angefangen hatte oder ob er schon immer anders war. Es gehörte zu ihm. Seine Gabe. Sein Fluch. Er war der in sich gekehrte, verschlossene Einzelgänger. Die Einsamkeit war jedoch einfacher zu ertragen als der ständige Sturm in seinem Inneren, sobald er sich in der Nähe seiner Kameraden befand. Alle rangen mit sich und der Welt. Mennoxs Angst um Lillian drohte ihn selbst zu lähmen. Liams immerwährende Lust führte zu Schweißausbrüchen. Darians düstere Gedanken und Pessimismus schürten Wut in Venor, eine Art Echo der Emotionen. Und Callistas Gefühlswelt wechselte schlagartig von einem Extrem ins andere, sodass er sich kaum konzentrieren konnte. In all den Jahren hatte er seinen Körper äußerlich unter Kontrolle, die Fassade aufrecht zu erhalten kostete ihn allerdings einen Großteil seiner Kraft. Deswegen kapselte er sich ab. Nur allein konnte er Ruhe finden. Seine eigenen Emotionen, so kalt und beängstigend diese auch waren, stellten das geringere Übel dar.

Jetzt war es anders. Venor spürte die Anwesenheit anderer. Aber er hörte nichts, nahm ihre Sorgen und Nöte nicht wahr. Hier war es schön. Wäre da nicht der dumpfe Nachhall einer Erinnerung. Irgendetwas war passiert. Ein Versuch die Augen zu öffnen, führte zu einem heißen Stich hinter seinen Lidern. Den Schmerz ignorierend machte er weiter. Statt ein Zimmer zu sehen, erblickte er jedoch ein Fenster zu seinen eigenen Erinnerungen. Er befand sich noch immer im Dämmerzustand, konnte nur mit Mühe einen klaren Gedanken fassen. Je mehr er sich auf die Szenen konzentrierte, desto quälender wurde der Schmerz in seinem Kopf. Dann, ohne Vorwarnung, prasselte eine Flut von Bildern auf ihn nieder, rissen die Mauern des Vergessens mit einem dröhnenden Schlag ein. Marvae, Blut, Ketten, Baltes. Es war zu viel. Die Eindrücke verschwammen, Farben liefen ineinander, alles wurde undeutlich. Venor war sicher, dass er keine Fesseln um die Handgelenke trug, und doch spürte er den kalten Stahl, wie er sich in seine Haut fraß. Langsamer …

Er durfte die Erinnerungen nicht auf einmal zulassen, das würde er in seinem jetzigen Zustand nicht lange aushalten. In kleinen Schritten versuchte er sich zu erinnern. Er war betäubt worden, danach war er in einem Keller aufgewacht. Baltes und Marvae waren dort, ketteten ihn an die Wand. Marvae benutzte seine magischen Fähigkeiten, um Asmodeus und Charismon aus dem Weg zu räumen. Das Blut floss seine Hände hinab. Sie öffneten seine Adern, um Magie, die von Marvae ausgesandt wurde, in ihn hinein zu zwingen. Von hier strömte sie zurück zu Marvae. So konnte sie die beiden anderen Ratsmitglieder einsperren, indem sie die Magie abzapfte, die sich zwischen ihm und ihr befand. Weder Asmodeus noch Charismon konnten fliehen. Baltes musste nur zustechen. Übelkeit überfiel Venor. Der Gedanke an Marvaes Magie in seinem Körper ließ ihn schaudern. Wehrlos musste er es über sich ergehen lassen. Der brutale Übergriff kam einer Vergewaltigung gleich. Mit scharfer Klinge wurde seine Haut geöffnet, damit dieses Monster sich Zutritt verschaffen konnte. Kalt, herzlos, bar jeder Emotion war es das schrecklichste Gefühl, an das er sich erinnern konnte. Es laugte ihn von innen aus, entzog ihm seine Lebensenergie. Gekrönt wurde es noch von ihrem selbstsicheren Gesichtsausdruck. Widerlich. Baltes hingegen führte sein Schwert ohne Gefallen. Konzentriert, aber nicht rachsüchtig. Er tötete nicht aus Spaß. Das hatte der Krieger noch nie getan. Venor wusste, dass er litt. Der Verlust seines Lehrmeisters, so gestört dieser auch gewesen sein mochte, hatte ein tiefes Loch in Baltes’ Brust gerissen. Diesen Schmerz wandelte er in Zorn um, wurde unberechenbar. Das war nicht immer so. Venor gefesselt, blutend und wehrlos zu sehen, hatte Baltes nicht mit Freude erfüllt, selbst wenn er es vorgab. Das Band zwischen den Drachenkriegern hielt ein Leben lang. Es quälte Baltes. Keleths Gesicht tauchte vor seinem geistigen Auge auf. Er und Callista hatten ihn gerettet. Nein … Venor konzentrierte sich. Baltes hatte sich geopfert, um Keleth zu schützen. Mit dem Nebeneffekt, dass Venor und Calli ebenfalls davon kamen. Marvae war verwundet worden, Baltes starb in den Armen seines Sohnes. Traurigkeit überspülte die Erinnerungen, nahm das Geschehene mit. Venor blieb wieder zurück in der Dunkelheit. Trotz allem bedauerte er Baltes’ Tod. In seiner letzten Stunde auf dieser Welt, hatte er seinen Zorn überwunden und sein wahres Gesicht gezeigt. Es war der Baltes, der in Venors Erinnerung schon immer gelebt hatte. Nun war er fort. War Venor ebenfalls tot? Er konnte sich diese Frage nicht beantworten. Vielleicht war das hier eine Art Zwischenwelt und er war nicht in der Lage seinen Weg fortzusetzen. Leises Gemurmel drang durch die Schwärze. Zu weit weg, um auszumachen was gesprochen wurde, oder von wem die Laute stammten. Venor versuchte eine Richtung zu finden, einen Anhaltspunkt. Je mehr er sich bemühte, desto klarer wurden die Geräusche, ohne dass er einen bestimmten Kurs eingeschlagen hätte. Es war, als zöge sein Geist die Umwelt näher an sich heran. Mit den Stimmen kamen auch Emotionen. Der leere, dunkle Raum um Venor herum begann zu vibrieren, sein Kopf summte.

„Wird sie wieder gesund?“

Ohne Zweifel war das die Stimme seines Anführers. Doch die Stärke darin war einem brüchigen Zittern gewichen. Angst kroch aus seinen Poren, floss direkt in Venors Geist.

„Es wurden keine wichtigen Organe verletzt. Sie hatte Glück.“

Darian. Düstere Äste der Unsicherheit rankten zu Venor. Drohten, ihn zu greifen.

„Ich würde mir nie verzeihen, wenn ich …“

„Rotauge hat sie zusammengeflickt.“ Liams Verachtung stach spitz hervor, eine scharfe Nadel, die direkt in Venors Schläfen drückte. „Jetzt können wir ihn wohl nicht mehr umbringen.“

„Er hat meine Tochter gerettet. Und meine Frau. Rühr ihn an und dir fehlt danach eine Hand“, knurrte Mennox.

Venor wusste, dass das keine leere Drohung war. Auch ohne ein Empath zu sein.

„Geht es den beiden gut?“, fragte Darian.

„Ich wollte sie zu ihrer Schwester schicken. Zum Glück hat diese Familie mehr Geld als Sandkörner am Strand. Aber leider auch einen selten harten Dickschädel. Sie will nicht gehen, ehe Venor wieder aufwacht.“

„Tut mir leid, Kumpel.“ Ein dumpfer Schlag erklang. Liam musste ihm auf die Schulter geklopft haben. „Verdenken kann ich es ihr aber nicht. Ich kenne ihre Cousinen … Das Wort unschön ist auf so vielen Ebenen zutreffend.“

Ein krächzender Würgelaut. Es folgte eine bedrückende Stille. Ein Schwall von Gefühlen überrannte Venors Kopf. Niemand sagte etwas, doch Venor blieb die Luft weg.

„Wie geht es weiter?“, fragte Liam.

Die Dunkelheit um Venor herum begann die Emotionen zu dämpfen und zum ersten Mal war er dankbar, in dieser Zwischenwelt zu sein.

„Marvae lebt, sie ist weg. Wie schwer ihre Verletzungen sind, können wir nur mutmaßen“, antwortete ihr Anführer leise.

„Wir wissen aber jetzt, wie wir ihr den Garaus machen können!“ Liams Optimismus wurde jäh von Darian unterbrochen. „Wir können gar nichts. Oder war noch jemand außer Venor in Hogwarts?“

Erneut Stille. Damit hatte Darian recht. Venor war eine Ausnahme. Neben Baltes waren sie die Einzigen, die über signifikante, magische Fähigkeiten verfügten. Und nur damit konnten sie Marvae ausschalten.

„Er ist unsere letzte Hoffnung.“

Obwohl Venor seinen Körper nicht wahrnehmen konnte, spürte er die Hand an der Stirn. So gutherzig diese auch gemeint war, umso grauenvoller fühlte es sich an. Es war keine sanfte Berührung des Trosts. Mit der Wucht eines Güterzuges wurde Venor zurück in die Dunkelheit geworfen. Ohne Sicherheitsseil, ohne Vorwarnung. Die Stimmen rissen ab, die Emotionen verebbten, die Anwesenheit der Krieger verpuffte im dunklen Nebel. Venor war wieder allein. Allein in der Finsternis seiner Gedanken.

2. Kapitel

Nutzlos wusste nicht, wie viele Meilen sie bereits hinter sich hatte. Ohne einen Gedanken an die Blasen an ihren Füßen zu verschwenden, rannte sie weiter. Da sie nie in einem Auto gesessen hatte, fiel ihr das Laufen stets leicht. Doch heute war es anders. Mit jedem Schritt wurden ihre Beine schwerer. Falls Marvae tot war, waren all ihre Hoffnungen dahin. Mit einem Schlag. Sahira würde einen elenden Tod sterben. Verhungern, verdursten. Grausame Szenen liefen vor ihrem geistigen Auge ab.

Nein! Das würde nicht passieren. Marvae ging es gut. Sie war alt, mächtig und stärker als alle Übernatürlichen zusammen. Nichts und niemand konnte sie töten. Stoisch predigte Nutzlos diese Worte in ihrem Kopf. Sie gaben ihr die Kraft, die bleierne Schwere in ihren Knochen und die Feuchtigkeit auf ihren Wangen zu ignorieren.

Endlich, kamen die großen, fahlen Steine in Sicht. Sie hoben sich scharf vom zarten Blau der Dämmerung ab. Die ersten Vögel zwitscherten, begrüßten den neuen Tag. Die Idylle wurde nur von dem modrigen Geruch des Moores getrübt. Es roch nach altem Holz und faulem Wasser. Nutzlos kannte den Weg, wusste, wo der Pfad sicher war und wo man im Morast versank. Geschickt sprang sie über einen morschen Baumstumpf. Die Ruine war nur noch wenige Schritte entfernt. Dachziegel suchte das Auge vergebens. Graue Dachbalken ragten in den Himmel, gleich dem Gerippe eines toten Tieres. Die groben Steinblöcke, die einst die Außenmauern des Anwesens bildeten, hatten zwar ihre Form behalten, doch Moos, Flechten und Dreck hatten sie zu grünen Klumpen werden lassen. Efeu eroberte die schmucklosen Fenster. Sie verlangsamte ihren Lauf und steuerte auf den Eingang zu. Nicht mehr als ein Loch in der Mauer. Mit geschlossenen Lidern durchschritt sie den Vorhang aus Gestrüpp und ging rein. Da war er. Der kurze, stechende Schmerz in ihren Schläfen, der den Bruch des Zaubers ankündigte. Dies war keine verlassene Ruine. Als Nutzlos die Augen öffnete, befand sie sich in einer riesigen Vorhalle. Schwarzer Marmor, edelsteinbesetzte Statuen, goldener Stuck. Es war die pure Dekadenz. Marvaes geheimer Rückzugsort. Die Nephelim hatte mittels Magie eine Illusion erschaffen. Statt der prächtigen Villa, in der Nutzlos nun stand, war von außen nur ein verfallener Hof erkennbar. Dazu noch der bestialische Gestank. Niemand würde hier freiwillig einen Fuß hineinsetzen. Marvae hatte Nutzlos im Keller ein Quartier eingerichtet. Und wenn doch ein Mensch den Weg herein fand, würde er das Grundstück nicht mehr lebend verlassen. Marvae spürte sie alle auf. Und ihre Strafen entzogen sich jedweder Vorstellung. Nicht einmal ihre sogenannte Armee aus minderbemittelten und unterbegabten übernatürlichen Fanatikern, die Regulierung, wusste von diesem Ort.

„Herrin?“, rief Nutzlos in die Stille. Ihre Stimme hallte von den hohen Wänden wider. Nichts. Sofort beschleunigte sich ihr sonst so ruhiger Puls.

Ohne weitere Zeit zu verschwenden lief sie die geschwungene Treppe hinauf. Mit einem kräftigen Ruck riss sie die Tür zu Marvaes privaten Räumen auf. Als sie das letzte Mal ein Zimmer betrat, ohne vorher zu klopfen, hatte Marvae ihr beide Handgelenke gebrochen. Da sie ihre Hände offensichtlich nicht benutzte, würde sie deren Funktionstüchtigkeit auch nicht vermissen, argumentierte die Nephelim. Aber heute war ihr die Strafe egal. Nutzlos würde mit Freude jede Gewalttätigkeit über sich ergehen lassen, wenn die Nephelim nur noch am Leben war. Üppige Decken und Kissen lagen unberührt auf dem Bett.

„Herrin?“, rief sie erneut.

„Schaff dich hier rein!“, herrschte die kalte Stimme sie an, nach der Nutzlos sich so sehr sehnte.

Von der Badezimmertür schien ein fahles Licht auf die Kommode zu ihrer Linken. Marvae lebte. Ein Stein in der Größe der Cheops-Pyramide fiel von ihrem Herzen ab.

Mit gespitzten Fingern schob sie die Tür auf und warf sich ohne den Blick zu heben sofort auf die Knie. So war es ihr Ritual. Marvae allein entschied, ob Nutzloses Anblick heute zumutbar war oder nicht.

„Herrin! Ich war in Sorge um Euer Wohl … ich …“

„Wo ist deine Kapuze?“

Die schrille Stimme der Nephelim kam einem Fingernagel auf einer Schiefertafel gleich. Oh nein! Hastig bedeckte Nutzlos ihr Haupt, zog den Stoff tief ins Gesicht. „Es tut mir leid Herrin. Meine Sorge um Euch ließ mich meine Aufgaben vergessen.“

„Egal. Steh auf und komm her.“

Nutzlos zögerte einen Moment. Kein hämisches Lachen, trotz der Vorfreude ihr wehzutun? Keine Schürhaken? Fesseln? Nicht einmal eine Ohrfeige? Marvae hatte sie schon wegen geringerer Vergehen fast umgebracht. Ihr Antlitz nicht zu bedecken, war jedoch keine leichte Verfehlung. Nutzlos schüttelte die rüden Gedanken ab und öffnete die Augen. Sofort begriff sie den Grund für Marvaes Zurückhaltung. Der Boden war bedeckt mit dunkelrotem Blut. Schlieren zogen sich wellenartig über die polierten Fliesen. Ohne nachzudenken kroch sie auf Marvae zu, die auf einem Hocker neben der Wanne saß und sich den Bauch hielt. Nutzlos riskierte sogar einen kurzen Blick auf ihr Gesicht. Die langen, weißen Haare, die alle Nephelim hatten, klebten an ihren Wangen. Ihre Haut war fahl, die Pupillen glasig. Doch der Ausdruck darin war kälter, wütender und wahnhafter als je zuvor.

„Nur nicht so hoffnungsvoll, ich werde nicht sterben.“ Mit einem gehässigen Lächeln richtete sich die Nephelim auf.

„Ich würde niemals wagen …“

„Ja, ja. Hol das Kästchen auf dem Schrank dort. Du musst die Wunde nähen.“

Während Nutzlos immernoch auf Knien zu der niedrigen Kommode an der gegenüberliegenden Wand rutschte, hörte sie das nasse Rascheln von Kleidung. Zurück auf ihrem Platz nahm sie Marvaes Verletzung in Augenschein. Es war eine lange Linie an ihrer Seite. Die Ränder hoben sich glatt von der Haut ab, das Blut bereits geronnen. Die Klinge musste einem Drachenkrieger gehört haben. Da die Drachenkrieger einen angeborenen Schutz gegen die Magie der Nephelim hatten, konnte nur ein Krieger die Waffe gegen sie erheben. Doch der Schnitt war zu sauber, um von einem normalen Schwert zu stammen. Nur Drachenstahl konnte derartig scharf geschliffen werden. Die Heilung würde komplikationslos verlaufen, sofern keine inneren Organe verletzt worden waren. Aber da Marvae sie angewiesen hatte, ihren Bauch zu nähen, schien das nicht der Fall zu sein. Im Laufe ihrer Ausbildung hatte Nutzlos gelernt, alle Arten von Wunden zu versorgen.

„Denkst du ich bin von gestern? Leg das Lidocain weg. Ich brauche keine Betäubung.“

„Wie Ihr wünscht“, antwortete Nutzlos leise und schob die Ampulle zurück in das Etui. Ohne ein weiteres Wort zog sie einen Faden auf die Kanüle.

„Davon abgesehen würde ich deinen Schädel zum Bersten bringen, bevor du die Spritze setzen könntest, Nutzlos.“

Nach all der Zeit genoss Marvae den Namen, den sie ihr gegeben hatte, noch immer. Nutzlos. So hieß sie. Das war sie.

„Und mach das ordentlich. Ich möchte nicht so aussehen wie du!“

„Sehr wohl, meine Herrin. Es wird keine Narbe zurückbleiben.“ Zumindest hoffte Nutzlos das inständig. Die feinste Linie auf ihrer makellosen Haut und Nutzlos würde wahrscheinlich ein Körperteil fehlen.

„Da du hier bist, gehe ich davon aus, du weißt Bescheid?“, fragte die Nephelim in einem gespielt beiläufigen Ton.

Die Antwort auf diese Frage war überaus wichtig.

„Baltes hat es gewagt, sich an der gesamten Welt der Übernatürlichen zu vergehen, indem er seinen kümmerlichen Arm gegen das Licht unseres Lebens erhoben hat. Sein unwürdiger Sprössling und der Drachenclan haben ihm bei dieser Missetat geholfen. Keine Pein im Universum der Lebenden wird je ausreichen diesen Verrat zu sühnen!“

Ein scharfer Schmerz entflammte in Nutzloses Kopf, ließ Gedanken in splitterndes Eis zerspringen. Keuchend fiel sie zu Boden. Ihre Rückmeldung war anscheinend richtig. Sonst wäre sie jetzt tot. Abtrünnigkeit war eine Todsünde in den Augen der Nephelim. Loyalität und Ergebenheit ihre obersten Gebote. Sie tötete ohne den Funken von Reue jeden, dem sie kein Vertrauen aussprach. Und das waren sehr viele.

„Du hast die Krieger beobachtet. Und niemals herausgefunden, dass dieser rotäugige Abkömmling eines Wurms auf der Seite des Clans steht?“

„Nein!“, rief Nutzlos laut. „Ich habe nie etwas gesehen, was diese Vermutung zugelassen hätte! Wirklich! Ich würde es nicht wagen, Euch jemals zu hintergehen.“ Nutzlos kniete vor Marvae, die Handflächen flach auf dem Boden, das Haupt gesenkt. Es war die absolute Wahrheit.

„Natürlich nicht. Wir haben ja eine Abmachung.“

Da war er wieder. Der gehässige Ausdruck in ihrer Stimme, der Nutzlos schmerzhaft an den Grund ihrer Loyalität erinnerte.

„Mach dich endlich an die Arbeit“, befahl die Nephelim.

Erleichtert hob Nutzlos die Hände und drückte die Wundränder aufeinander. Marvae zuckte nicht einmal zusammen, als die Nadel ihre Haut durchdrang.

„Das ändert alles“, fuhr die Nephelim nach einer Weile fort. „Charismon und Asmodeus sind zwar tot, dafür wissen die Krieger nun, wie sie mich zumindest in der Theorie töten können.“

„Sie haben nicht die Macht dazu, Baltes ist tot. Ihr seid jetzt schon unantastbar“, sagte Nutzlos und nähte konzentriert weiter.

„Venor. Er besitzt Potenzial. Sie müssen nur einen Gegenpart finden, der ebenfalls so mächtig ist. Bisher blieb ihre Suche erfolglos. Selbst unter den Hybriden gibt es keine solche Kraft. Ich würde es spüren. Ein jämmerlicher Rest an Magie, ähnlich der deinen, würde nicht einmal genügen eine Kerze zu entflammen.“ Ein spitzes Lachen erklang. „Wie amüsant. Erneut bist du völlig nutzlos.“

„Ja, Herrin.“ Nach Jahren der körperlichen und verbalen Erniedrigung hatte sie derlei Sätze verinnerlicht. Nutzlos wusste genau, dass, sofern sie mehr Magie in sich trüge, sie schon längst tot gewesen wäre. Marvae duldete keine Konkurrenz. Niemals.

„Dennoch muss er sterben. Möglichst schnell.“

„Er liegt im Koma. Ich glaube nicht, dass er wieder aufwachen wird“, antwortete Nutzlos ungerührt. Der flüchtige Blick hatte ausgereicht, um zu diesem Schluss zu kommen. Zudem kannte sie die verheerende Wirkung Marvaes Magie.

„Ein nichtsnutziger Wurm glaubt also, dass er sterben wird. Ausgezeichnet. Dann kann uns ja nichts passieren.“

„Verzeiht mir Herrin. Ja. Er muss getötet werden.“

Für einen kurzen Moment kehrte absolute Stille ein. Nutzlos nähte unbeirrt weiter. Sie setzte die Stiche so akkurat, wie ihre Finger es zuließen.

„Du kannst es tun“, sagte Marvae langsam.

Nutzlos hielt inne. Sie wagte nicht nachzufragen, das stand ihr nicht zu. Der nachdenkliche Ausdruck der Nephelim beunruhigte sie jedoch.

„Mit deiner kleinen“, Marvae wedelte mit den Händen, „Gabe.“ Nutzlos wurde eiskalt. „Dachtest du ich hätte vergessen, was du kannst? Oh, Nutzlos. Ich hätte dich Arglos nennen sollen. Ich weiß, dass du in Gedanken herumschleichst. Gleich eines unscheinbaren, widerlichen Parasiten. Aber du hast es nie bei mir gewagt. Daher verzeihe ich dir.“

Nutzlos wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie besaß tatsächlich eine Gabe, doch bisher dachte sie, dass es ihr einziges, verbleibendes Geheimnis war.

„Verzeiht mir!“, rief Nutzlos, nachdem sie den letzten Stich beendet hatte. „Ich wusste nicht, dass es irgendeinen Nutzen hat. Meine Künste sind kümmerlich, armselig, Eurer Aufmerksamkeit nicht würdig.“ Ernste Panik stieg in ihr auf. Sie durfte Marvae nicht verärgern. Nicht um ihretwillen. Es ging um mehr. Die Abmachung, wie die Nephelim es gern nannte. Das bloße Wort in ihrem Kopf ließ einen metallischen Geschmack gegen ihren Gaumen branden. Kühle Finger hoben ihr Kinn. Durch das Dunkel ihrer Kapuze sah sie das makellose Gesicht Marvaes lächelnd auf sie hinab blicken.

„Du kannst es wiedergutmachen. Töte Venor. Unbemerkt. Leise. Der Clan wird denken, er sei seinen Verletzungen erlegen. Das gewährt mir Zeit, zu heilen. Ohne Venor sind sie nichts. Ameisen, die darauf warten, zerquetscht zu werden.“

Wie in Trance nickte Nutzlos. „Ja, Herrin. Alles, was Ihr wünscht.“

„Gut.“ Ruckartig ließ sie ihr Gesicht los und stand auf. „Hol Verbandmaterial aus dem Keller, damit du meine Wunde abkleben kannst. Danach lass mir ein Bad ein.“

Mit diesen Worten verließ sie das Badezimmer. Nutzlos blieb allein auf dem blutigen Boden zurück. Sie war nicht einmal in der Lage gewesen, nach Sahira zu fragen. Es waren bereits Monate vergangen, ohne ein Lebenszeichen. Nutzlos schloss die Augen. Sahira lebte. Das spürte sie. Wenn es auch sonst nichts war, das sie fühlte.

Venor töten. Er war ein Krieger. Sie hatte keine Ahnung, wie der Geist eines Drachenkriegers funktionierte. Hatte er Blockaden? Venor besaß Magie. Konnte er sie auf der mentalen Ebene angreifen? Wie nah musste sie an ihn herankommen, um ihre Gabe einzusetzen? Diese Aufgabe war zu wichtig, um ohne Vorbereitung heranzugehen. Wenn sie scheiterte, war alles verloren. Und für Sahira würde sie alles tun. Selbst wenn es ihr eigener Untergang wäre.

Obwohl er seinen Körper nicht fühlte, nicht einmal eine Gestalt wahrnahm, tat Venor jeder Muskel weh. Alle Gedanken, die sich in seinem Kopf formten, erzeugten einen heißen Schmerz. Er kämpfte um sein Bewusstsein. Wollte endlich aus diesem dunklen Traum erwachen. Seit Stunden, oder Tagen, es hätten auch Jahre sein können, versuchte er seine Augen zu öffnen. Zwecklos. Die Anstrengung forderte ihren Tribut. Er konnte nicht mehr. Jeder, der ihn kannte wusste, dass Venor niemals aufgab. Immer wenn er dachte, an seine Grenzen zu stoßen, ging er darüber hinaus. Setzte neue Maßstäbe in dem, was er leisten konnte. Jetzt musste sogar er kapitulieren. Er würde ein Gefangener seines eigenen Geistes bleiben. Unfähig mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten, nicht imstande seine Hilferufe irgendwie hörbar zu machen. Die anderen würden seinen Körper am Leben halten, dessen war er sicher. Doch wozu? Es war nicht mehr als eine Hülle. Wieso also klammerte sich Venor an sein Bewusstsein? Aus welchem Grund hielt er so fest an der Schwärze, wollte mit allen Mitteln ausbrechen, statt hinunter zu fallen? Angst. Es brauchte eine Weile, bis Venor sich das eingestehen konnte. Er hatte Angst vor dem Tod. Ja, er hatte Schmerzen, ja er war allein und ja, die Dunkelheit war bitterkalt. Aber was kam danach? Würde er im Nichts verschwinden oder für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden? Beides gefiel ihm nicht.

Erneut startete er einen Versuch. Konzentriert suchte er seine Umgebung ab, versuchte, irgendein Lebenszeichen zu orten. Vorhin hatte er die Anwesenheit seiner Clangefährten gespürt. Er konnte sie sogar hören. Wenn ihm dies noch einmal gelänge, könnte er vielleicht …

„Wo bist du?“

Eine Stimme in der Ferne. Er kannte sie nicht, sie klang dennoch vertraut. Erleichtert stellte Venor fest, dass er endlich nicht mehr allein war.

„Ich kann ihn nicht finden“, sagte die Flüsterstimme.

„Ich bin hier!“, rief Venor und erschrak über die Lautstärke seiner Stimme. Grollend hallte sie im Schatten umher. Stille. Hatte er sie verloren? War er wieder allein?

„Bist du noch da?“, setzte er nach, diesmal leiser. Seine Stimme war weder ängstlich noch verzweifelt. Obwohl er beides war. Offensichtlich konnte er seine Emotionen sogar in seinen Gedanken kontrollieren.

„Ja“, erwiderte die Stimme.

Laut und deutlich als stünde die Person direkt neben ihm. Es war eine Frau. Venor versuchte etwas zu erkennen, einen Schemen, einen Schatten. Irgendetwas, was einer körperlichen Form glich. Seine Gefährten klangen anders. Er verstand zwar, was sie gesagt hatten, doch alles war gedämpft, als befänden sie sich hinter einem dicken Vorhang. Nun war es anders.

„Wer bist du?“, fragte er und verdrängte den Gedanken, dass er womöglich einfach dabei war den Verstand zu verlieren. Aber warum sollte seine innere Stimme weiblich sein?

„Ich bin Nutzlos“, kam die prompte Antwort.

„Wieso bist du nutzlos?“, hakte Venor nach. Die These über seinen Geisteszustand festigte sich.

„Ich kann dir helfen.“

Sie ging nicht auf seine Frage ein. Doch das war Venor egal. Es kam ihm vor, als spräche er seit Jahren zum ersten Mal mit jemandem. Niemals hätte er geglaubt, dass ihm so etwas fehlen würde.

„Wobei willst du mir helfen?“

„Ich kann dich befreien.“

„Wirst du mich töten?“ In seiner Situation käme das einer Hilfe gleich.

„Nein“, antwortete sie. „Damit wäre niemandem von uns geholfen. Ich kann dir helfen, zu erwachen.“

„Dann lebe ich noch“, sagte er zu sich selbst.

„Genau genommen liegst du im Koma. Und je länger du in diesem Zustand verweilst, desto schwieriger wird es, deinen Geist zu befreien.“

Jetzt wurde die Stimme ungeduldig. Venors Neugierde wuchs.

„Also ist das ein Traum?“, fragte er und sandte seine verbliebenen Sinne aus. Die Frage interessierte ihn nicht wirklich, aber er wollte wissen, mit wem er sprach.

„Nein. Die meisten Personen, die im Koma liegen, durchleben ein Kapitel ihrer Vergangenheit oder träumen vor sich hin. Du bist wach. Dein Körper denkt, es sei ein Traum.“

Nichts. Venor spürte keinerlei emotionale Regung um sich herum. Er tastete vorsichtig in jede Richtung.

„Das ist zwecklos. Du kannst mich weder sehen, noch wittern, noch spüren.“

„Woher weißt du, dass ich das versuche?“, hakte er nach und zog sich umgehend zurück.

„Wir sind in deinem Kopf. Und hier ist es nicht gerade leise“, murmelte sie.

Leise? Venor hätte gesagt, es herrschte Totenstille. Außer ihren Stimmen nahm er nichts wahr. Keinen Herzschlag, keine Atmung. Absolute Leere.

„Wo bist du?“, fragte Venor langsam.

„Weit weg von dir.“

Venor hatte so etwas vermutet. „Wie kannst du auf diese Weise mit mir reden?“

„Wie kannst du die Gefühle anderer wahrnehmen?“, erwiderte sie beiläufig. Sofern er es nicht besser wüsste, hätte er schwören können ein Schulterzucken gehört zu haben. „Wir haben alle unsere Talente“, schloss sie ihren Satz.

„Gut, dann hilf mir. Ich verspreche dir, ich werde dir nichts tun und …“

„Du könntest mir nichts tun, selbst wenn du wolltest, Krieger. Nicht du stellst hier die Bedingungen, sondern ich“, unterbrach sie ihn und sofort wurde es kälter um ihn herum.

Er hatte sie offensichtlich verärgert. „Wenn du mich hättest aussprechen lassen, wüsstest du, dass ich sagen wollte: Und ich werde dir im Gegenzug meine Dienste anbieten.“ Venor wusste, wie die Welt lief. Niemand tat etwas aus purer Nächstenliebe. Es gab keine Geschenke, keinen Altruismus, keine guten Taten. Hinter allem steckte eine Forderung. Eine Art ungeschriebenes Gesetz. Bei Menschen und Übernatürlichen gleichermaßen.

„Ich weiß, wo Marvae sich aufhält. Sie ist verletzt und angreifbar.“

Sie stockte, Venor schwieg. Diese Information war zu wichtig und ließ ihn alles Weitere vergessen.

„Ich helfe dir und ihr werdet sie töten.“

„Was hat sie dir getan, dass du ihr so grollst?“ In der Außenwelt hatte Marvae ihren Ruf aufrechterhalten können. Sie galt als Befreierin. Und nun nach dem Tod ihrer Gefährten wahrscheinlich als heroische Überlebende.

„Ich kenne ihr wahres Gesicht. Sie hat … meinen Lieben Leid zugefügt, das nur durch Blutsühne gerächt werden kann.“

Venor fiel zum ersten Mal auf, dass sie merkwürdige Worte benutzte. Sie musste älter sein, in einer anderen Zeit geboren. Für Übernatürliche keine Seltenheit. Doch die meisten passten sich trotz Unsterblichkeit an ihre Umgebung an. Kleidung, Gestik, Mimik und Sprache entsprachen stets der jeweiligen Epoche.

„Einverstanden. Wo ist Marvae?“, fragte Venor.

„Ich habe nicht vor, dir blind zu vertrauen. Dazu habe ich zu viel zu verlieren. Falls herauskommt, dass ich dir meine Hilfe angeboten habe, ist der Tod noch das Angenehmste, was mir widerfahren könnte.“ Sie klang kühl und distanziert. Als wäre sie dieses Leid gewohnt. „Ich helfe dir. Danach rehabilitierst du dich und wir werden uns treffen. Dann werde ich dir die Details nennen und wir können einen Plan ausgestalten. Du wirst jedoch nicht mehr als eine Woche Zeit haben, deine Kräfte zu sammeln.“

„Du hast mein Wort“, versprach Venor. Selbst, wenn sie log. Er hatte im Vergleich zu ihr nichts zu verlieren. Im Schlimmsten Fall würde er sterben, was, da war er sich sicher, auch ohne ihr Zutun über kurz oder lang geschähe.

„Ich werde dich anleiten. Ich bin nur ein Gast in deinem Geist, das bedeutet ich kann dich nicht retten. Das musst du selbst tun.“

„Ich habe schon alles versucht“, sagte Venor ärgerlich. „Ich kann weder Stimmen erkennen, noch kleine Lichter, die gelegentlich durchdringen. Je mehr ich versuche sie festzuhalten, desto tiefer sinke ich in die Schatten.“

„Weil du nicht verstehst, wie ein Verstand funktioniert“, antwortete sie tadelnd. „Die Lichter, wie du es nennst, sind Trugbilder. Du darfst ihnen nicht folgen, sie leiten dich nicht hinaus, sondern führen dich weiter hinab in die Bewusstlosigkeit. Du möchtest aufwachen, und versuchst gleichzeitig in der Traumwelt zu bleiben. Du gehst in die falsche Richtung.“

Die Selbstverständlichkeit, mit der sie redete, beunruhigte ihn. Als spräche sie mit einem Kind.

„Es gibt keine Richtungen“, sagte er langsam. „Es gibt nur die Dunkelheit.“

„Und da musst du hin. Du klammerst dich an diese Welt, das Innere deines Geistes, statt loszulassen.“

„Ich soll mich in die Schatten fallen lassen?“ Die Ungläubigkeit seiner Stimme ließ sich nicht verhindern. „Das ist mein Tod.“

„Nein. Ist es nicht. Es wird dein Tod sein, falls du an diesem Ort verweilst. Du treibst ankerlos umher, und bald wirst du verloren sein. Gestrandet in den Weiten deines Bewusstseins. Also lass los.“

Venor zögerte. Was, wenn sie recht hatte? Die Vorstellung für immer hier zu sein, ließ ihn frösteln. Er brauchte keine Gesellschaft, aber für alle Ewigkeit allein mit seinen tiefsten Gedanken, war zu viel für ihn.

„Einfach loslassen?“

„Entspanne deinen Geist, löse die Klammern, von denen du denkst, dass sie dich festhalten.“

Venor war sicher, wenn sie in der Lage gewesen wäre ihn zu schubsen, sie hätte es getan. Ihre Stimme klang ungeduldig.

„Ich kann nicht mehr lange hier verweilen, das kostet mich zu viel Kraft. Dein Verstand ist … ein Chaos“, sprach sie und tatsächlich wurde sie leiser. „Lass los!“

Venor konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt diese Art der Aufregung verspürt hatte. Auge in Auge mit Todfeinden. Eine Klinge am Hals, die Pistole am Kopf. All das konnte ihn nicht aus der Fassung bringen. Ein freier Fall in seinem Bewusstsein hingegen, hinein ins Ungewisse …

„Los!“, schrie sie ihn an, und obwohl es lautstark widerhallte, war sie auf einmal weit entfernt.

Ohne nachzudenken überwand Venor seine Angst und wandte sich ab. Weg von der Richtung, aus der die Stimmen kamen, fort von dem Licht, das seine Dunkelheit für kurze Momente erhellte.

„Wo werden wir uns treffen?“, rief er, aber es war zu spät. Sofort als er seinen Geist abwandte, verlor er jeden Halt. Es fühlte sich an, als fiele er mit dem Rücken voran in ein tiefes Loch. Sie antwortete nicht, und selbst wenn sie es getan hätte, er hätte es nicht mehr gehört. Weißes Rauschen verschluckte alles um ihn herum. Verzweifelt kämpfte er gegen den Drang an irgendwo Halt zu suchen. Er wollte schreien, doch der Fall schien seine Muskeln zu verhärten. Gleich einem Stein wartete er auf den Aufprall, der ihn zerschmettern würde.

Mit einem gewaltigen Ruck kam die Welt zum Stillstand. Sein Körper war zurückgekehrt. Binnen einer Sekunde war die Dunkelheit verschwunden, die Stille löste sich auf und die grelle, laute Welt, wie er sie in Erinnerung hatte, schlang sich um ihn. Ein tiefer Atemzug und er schlug die Lider auf.

„Venor!“

3. Kapitel

„Ist er wach?“

„Keine Ahnung.“

„Ruf Lillian.“

Venor widerstand dem Drang die Augen wieder zu schließen. Gleißendes Licht ließ seinen Blick verschwimmen. Mühsam versuchte er die Eindrücke zu sortieren. Er lag auf einem weichen Bett, sein Körper schien intakt zu sein. Bis auf seine pochenden Schläfen verspürte er keinen Schmerz. Flackernd kamen die Umrisse des Zimmers zum Vorschein. Es war Tag, eine sanfte Brise umspielte den Vorhang vor dem geöffneten Fenster. Vögel zwitscherten, Sonnenstrahlen tauchten den Raum in mattes Gold. Es war unerträglich. Die Geräusche dröhnend Laut, das Licht grell und unangenehm.

„Venor? Kannst du mich hören?“

Mennox’ Gesicht erschien in seinem Blickfeld. Seine langen, schwarzen Haare kitzelten fast Venors Kinn, so dicht war er über ihn gebeugt.

„Wie viele Tage war ich weg?“, fragte Venor und richtete seinen Oberkörper auf. Quälend langsam hoben sich seine Schultern von der Matratze. Dem Gefühl nach hatte er mindestens einen Monat das Bett nicht verlassen. Seine Knochen fühlen sich träge an, als hätten sie die gewohnten Bewegungen vergessen.

„Heute ist der dritte Tag“, antwortete Mennox und stopfte zwei Kissen in Venors Rücken. „Mann, diesmal dachte ich wirklich es hätte dich erwischt.“

Mennox versuchte beiläufig zu klingen, doch Venor spürte die tiefsitzende Furcht seines Gegenübers. Er war mehr als ein Anführer. Sie beide waren die Ältesten. Über fünfhundert gemeinsame Jahre verbanden sie. Angst. Bitter, schwer und kühl. Da waren sie wieder. Die Emotionen anderer, die ihm das Leben zur Hölle machten.

„Mir geht es …“ Venor wurde von einem lauten Knall unterbrochen.

In der Tür stand Callista, keuchend eine Hand in die Hüfte gepresst.

„Genau das meinte ich!“ Lillians Stimme klang vom Flur herein. „Niemand hält sich hier an meine Anordnungen. Sie sollte im Bett bleiben!“

„Was soll ich denn machen?“, antwortete Keleth, der nach Callista das Zimmer betrat, und schaute Callista böse an.

Diese ignorierte ihn und starrte Venor an. „Ich dachte du stirbst“, sagte sie leise.

Schuldgefühle wälzten sich über Venor hinweg. „Du musst dir nicht die Schuld geben. Mir geht es gut.“ Es gab keinen Grund mehr, seine Gabe zu verheimlichen. Sie wussten ohnehin Bescheid.

„Setz dich da hin!“, zischte Keleth und schob die Kriegerin zu einem Stuhl am Fußende des Bettes.

Dann nickte er Venor knapp zu, mied jedoch den direkten Augenkontakt. Er war verunsichert.

„Nicht alle auf einmal. Er braucht Ruhe!“ Lillians Stimme schrillte gleich einer Alarmglocke durch die Gänge.

Darian und Liam stürmten ins Zimmer und blieben wie angewurzelt vor Venors Bett stehen.

„Und ist seine Rübe Matsch?“, fragte Liam und schaute von Venor zu Mennox.

Liams Kopf kippte nach vorn und ein Klatschen hallte durch den Raum. „Au!“

Eine rote Mähne kam hinter dem Krieger zum Vorschein. Andi. „Ich kann das den ganzen Tag tun, wenn es sein muss“, antwortete sie schulterzuckend.

„Ich suche mir demnächst eine Selbsthilfegruppe für Männer in gewalttätigen Beziehungen!“ Liam rieb sich gespielt betrübt den Hinterkopf.

„Ein Weight Watchers Treffen wäre angebrachter bei diesem Hüftgold“, murmelte Callista.

„Du kannst mir ja deine Mitgliedskarte leihen“, sagte Liam süffisant.

„Ihr seid unmöglich“, mischte sich Darian in die Unterhaltung ein.

„Ich würde dich ja zu dem Treffen unterdrückter Männer mitnehmen, Kamerad, aber ich weiß aus sicherer Quelle, dass die Reitgerte in eurem Zimmer noch nie ein Pferd gesehen hat.“ Liams Mundwinkel zuckten, als er Darian zuzwinkerte.

„Woher weiß er das?“, rief dieser empört in Richtung Tür.

Seine Gefährtin Mercy stand im Türrahmen und schüttelte ihren braunen Haarschopf. „Oh, Darian. Als ob ich ihm das gesagt hätte“, flüsterte sie nun mit hochrotem Kopf.

„Du …“ Darian funkelte seinen Kameraden an.

„Du hast wirklich eine Gerte?“ Erwartungsfreudig schaute er von Darian zu Andi.

„Vergiss es“, antwortete sie ohne zu zögern. „Erinnerst du dich noch an letzte Woche? Als ich dich aus der Schaukel schneiden musste, weil sich dein … du weißt schon, in den Schlaufen verfangen hatte? Ich denke das genügt vorerst an Experimenten.“

Venor wusste, warum die eher zurückhaltende Andi das sagte. Sie wollte die Peinlichkeit von Mercy ablenken. Mitgefühl.

Darians Miene hellte sich sofort auf. „Du hast in einer Liebesschaukel festgesteckt?“

Callista prustete lauthals los.

„So war das nicht“, murmelte Liam. „Und das tat wirklich weh.“

Venor kniff die Augen zusammen. Normalerweise ertrug er die Wortgefechte still leidend. Zwar fühlte es sich vertraut an, aber der Raum quoll bereits jetzt über vor Gefühlen. Zorn, Ärger, Mitleid, Freude. Nach einer Weile begannen sich die Emotionen zu vermischen, ließen sie Atmosphäre um Venor dick werden, nahmen ihm die Luft zum Atmen. Es war zu viel.

„Genug!“ Lillians wütende Stimme hallte durch das Zimmer. Mit einem kleinen Bündel im Arm betrat sie den Raum, wobei sie jedem Einzelnen einen tadelnden Blick zuwarf. „Der Nächste, der den Mund aufmacht, muss einen Tag lang Windeln wechseln.“

Diese Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Sofort kehrte Ruhe ein. Liebevoll übergab sie das Bündel Mennox. Leises quäken erklang. Es war ein seltsames Bild. Die riesigen Hände seines Anführers schlossen sich sanft um das Baby. Die Liebe, die in diesem Moment von ihm ausging, war stärker als alles, was Venor je gespürt hatte. So stark, dass selbst ihm warm ums Herz wurde.

Zarte Finger umfassten sein Handgelenk.

„Dein Puls ist kräftig. Etwas zu schnell für meinen Geschmack“, sagte Lillian mit einem Lächeln.

Als geborene Elfe lag ihr das Heilen im Blut. Elfen hatten ein Gespür für Krankheiten und wie diese kuriert werden konnten. Diese Kenntnisse wurden an jede Generation weiter gegeben.

„Ich konnte nicht viel für dich tun“, gab sie zu. „Die Verletzungen waren zu … speziell.“

Das Unausgesprochene hing schwer in der Luft. Die Blicke im Raum waren auf Venor gerichtet.

„Ich hielt es nicht für wichtig. Meine Gabe hat keinen nennenswerten Vorteil im Kampf“, antwortete er schlicht. Dies entsprach auch der Wahrheit. Emotionen wahrnehmen zu können war nutzlos.

„Nicht wichtig?“ Darian brach die Stille als Erster.

„Schon gut.“ Mennox hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die Stimmung drohte zu kippen.

„Er hat recht“, pflichtete Liam in ernstem Ton bei. „Du hast uns diese Tatsache bewusst verschwiegen.“

Mennox warf Liam zwar einen bösen Blick zu, sagte jedoch nichts, um diese Aussage zu entkräften.