Kulllmann kann's nicht lassen - Elke Schwab - E-Book

Kulllmann kann's nicht lassen E-Book

Elke Schwab

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Beschreibung

Kullmann ist offiziell pensioniert und Hauptkommissar Dieter Forseti hat die Nachfolge angetreten. Schon gleich muss der Neue einen verzwickten Fall lösen: Eine verkohlte Frauenleiche in einem ausgebrannten Auto wirft Fragen auf. Während Forseti an einen Unfall mit Fahrerflucht glaubt, sieht die Kriminalkommissarin Anke Deister mehr dahinter. Wen fragt sie am besten, wenn sie nicht mehr weiter weiß? Ihren ehemaligen Chef und Mentor, Norbert Kullmann, Hauptkommissar a.D.. Der Altmeister kann es natürlich nicht lassen und eilt seinem Schützling zu Hilfe - sehr zum Leidwesen des neuen Dienststellenleiters und zur Freude seiner früheren Mitarbeiter ... Dritter Band der Krimireihe (im Original unter dem Titel "Großeinsatz") Band 1: Ein ganz klarer Fall Band 2. Kullmann jagt einen Polizistenmörder Band 3: Kullmann kann's nicht lassen Band 4: Kullmann stolpert über eine Leiche Band 5: Kullmann und die Schatten der Vergangenheit Band 6: Kullmann in Kroatien Band 7: Kullmann auf der Jagd Band 8: Kullmann ermittelt in Schriftstellerkreisen Band 9: Kullmann und das Lehrer sterben Band 10: Kullmann unter Tage Band 11. Kullmann ist auf den Hund gekommen

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Elke Schwab

Kulllmann kann's nicht lassen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

1

Kullmann

kann‘s nicht lassen

Kullmann-Reihe 3

Elke Schwab

Impressum

Texte: © Copyright by Elke SchwabUmschlag:

© Copyright by Elke Schwab und Manfred Rother

2. überarbeitete Auflage 2019

ISBN: 978-3749432110

Foto: Manfred Rother

Buchcover: Manfred Rother und Elke Schwab

www.elkeschwab.de

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugs-weisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kullmann kann‘s nicht lassen

Kullmann-Reihe 3

Elke Schwab

Mitten in der Nacht klingelte das Telefon. Verschlafen schaute Anke Deister zuerst auf die Uhr, die zwei Uhr zwanzig anzeigte, bevor sie den Hörer abnahm. An diesem Wochenende hatte sie Bereitschaftsdienst, da musste sie abheben, egal wie schwer es ihr fiel. Ihr Bauch, der immer dicker wurde, war ihr dabei im Weg, also musste sie sich mühsam erheben, um an das Telefon heranzukommen.

Es war ihr Arbeitskollege Erik Tenes, mit dem sie seit einem knappen halben Jahr im Team arbeitete. Erik war vom Polizeipräsidium in Köln zum Landeskriminalamt in Saarbrücken versetzt worden. In der kurzen Zeit hatte er sich zu einem beliebten Kollegen entpuppt, trotz aller Zweifel, die Anke anfangs hatte. Oft erinnerte sie sich daran, wie sie ihn ›überdimensionalen Eisklotz‹ tituliert hatte, weil sie ihn überhaupt nicht einschätzen konnte. Heute musste sie darüber lachen, weil dieser Eindruck so falsch war, wie er nur sein konnte.

»Hallo Anke, wir haben einen Unfall mit tödlichem Ausgang. Die Kollegen der Verkehrspolizei wollen, dass wir vom LKA zum Unfallort kommen, weil Fahrerflucht vermutet wird.«

»Ich beeil mich.« Anke gähnte in den Hörer.

»Nein, du brauchst dich dafür nicht aus dem Bett zu quälen. Ich will dich einfach nur informieren, damit uns der Chef morgen keine Schwierigkeiten machen kann. Diese Sache übernehme ich allein und rufe dich rechtzeitig wieder an.«

Diese Rücksichtnahme rührte Anke. Außerdem war sie froh, nicht aufstehen zu müssen. Ihre Schwangerschaft machte sie häufig müde, ein Zustand, der neu für sie war. Erleichtert ließ sie sich zurück in die Kissen sinken und dachte noch eine Weile darüber nach, wie überaus fürsorglich Erik sich ihr gegenüber verhielt, seit er wusste, dass sie Mutter wurde. Ganz am Anfang seiner Dienstzeit in Saarbrücken hatte er ihr einmal von seiner Familientragödie erzählt. Das war ein Thema, das er seither nicht mehr angesprochen hatte. Vermutlich, weil es ihm zusetzte. Er hatte seine Frau und seine Tochter durch einen Autounfall verloren. Aber das war noch nicht das Ende der Geschichte; seine Frau war schwanger und auf dem Weg zu ihrem Gynäkologen zur Untersuchung, als es passierte. Bei diesem Gedanken musste Anke sich schütteln vor Entsetzen. Schützend hielt sie ihre Hand auf den Bauch, der sich inzwischen deutlich unter ihren Kleidern abzeichnete. Sie war jetzt im fünften Monat. Vor einigen Tagen hatte sie die erste Bewegung gespürt, was ihre Einstellung zu der Schwangerschaft ganz und gar verändert hatte. Diese zarten Bewegungen waren für sie der unumstößliche Beweis, dass da wirklich ein Kind heranwuchs, ihr Kind.

Am nächsten Morgen wurde sie in aller Frühe erneut durch das Telefon geweckt. Wieder war es Erik, der ihr riet, ins Büro zu kommen, bevor der Chef ankam.

Anke traf rechtzeitig ein.

Der neue Chef, der erst seit fünf Monaten die Abteilung leitete, war prinzipientreu und unerbittlich. Da konnte Anke ihre Schwangerschaft nur schwerlich als Entschuldigung einsetzen, wenn es darum ging, sich vor nächtlichen Einsätzen zu drücken. Dieter Forseti hatte die Nachfolge von Norbert Kullmann angetreten. Kullmann war jahrelang Ankes Vorgesetzter und ihr bester Lehrmeister und Berater gewesen. Obwohl inzwischen fünf Monate vergangen waren, gelang es Anke immer noch nicht, sich an den neuen Chef zu gewöhnen. Die Umstellung war extrem. Während Kullmann fürsorglich und väterlich für sie war, gab sich Forseti immer ernst, streng, sogar stets bemüht, keine menschlichen Züge von sich preiszugeben.

Erik sah übernächtigt aus. Kaffee brodelte in der Kaffeemaschine. Sogleich stellte er ihr eine Tasse vor die Nase, doch Anke konnte zurzeit den Geruch von Kaffee nicht ertragen. Hastig sprang sie von ihrem Stuhl auf, rannte zur Toilette und knallte die Tür hinter sich zu. Kurze Zeit später kam sie zurück.

Erik begann mit seinem Bericht: »Auf der Neuhauser Straße zwischen Saarbrücken-Rußhütte und Riegelsberg ist ein Auto in einer S-Kurve von der Straße abgekommen, über die auslaufenden Leitplanken geschleudert und einen Abhang hinuntergestürzt.« Während er sprach, legte er Anke Polizeifotos vor. »Das Fahrzeug ist zum größten Teil ausgebrannt. Eine Frau saß auf dem Beifahrersitz.«

Die Fotos von der stark verbrannten Frauenleiche waren schrecklich. Bei diesem Anblick hatte Anke Mühe nicht schon wieder zur Toilette zu rennen.

»Das Auto wird in der Kriminaltechnik auf Spuren von Fremdeinwirkung untersucht, die Leiche ist in Homburg in der Rechtsmedizin. Ich warte noch auf einen ersten Bericht.«

»Wer hat den Unfall gemeldet?«, fragte Anke.

»Ein Mann, namens Emil Tauber. Er kam an der Unfallstelle vorbei, sah das brennende Auto, konnte aber nichts mehr für die Frau tun.«

»Ist er glaubwürdig?«

»Er muss noch seine Aussage zu Protokoll geben, erst dann können wir mehr über ihn erfahren. Die Spurensuche hat inzwischen herausgefunden, in welche Richtung der Fahrer des Wagens geflüchtet ist. Sie sind noch vor Ort und suchen weiter.«

»Heißt das, dass tatsächlich ein Tötungsdelikt vorliegt?«

»Das können wir nur aus dem Verhalten des Autofahrers schließen. Wenn derjenige sich in den nächsten Stunden noch meldet, dann könnte eine Schockreaktion vorliegen und wir müssen unsere Theorie ändern.«

»Welche Theorie?«

»Ganz einfach: Der Fahrer kommt von der Straße ab, das Auto fängt Feuer, er rettet nur sich aus dem Auto und lässt die Beifahrerin in den Flammen zurück. Warum auch immer. Es kann vorsätzlicher Mord vorliegen oder unterlassene Hilfeleistung. Vielleicht war er zu besoffen um zu merken, was wirklich los war. Im Kriminallabor werden alle Spuren ausgewertet, vielleicht finden sie dort einen entscheidenden Hinweis.«

»Und zwar?«

»Wie wär’s mit einem Feuerzeug?« Erik lachte müde.

»Ja stimmt! Das wäre wie im Fall unseres Diebes Robbie Longfinger, den man an seinen langen Fingern erkennt.«

Dieter Forseti betrat in Begleitung seiner Mitarbeiterin Claudia Fanroth das Büro. Claudia war gleichzeitig mit ihm in diese Abteilung gekommen und arbeitete immer an seiner Seite. Da hatte Ankes erster Eindruck sie nicht getäuscht: Claudia war und blieb unnahbar. Sie machte nicht die geringsten Versuche, sich mit den anderen Mitarbeitern der Abteilung zu arrangieren. Ihre Zusammenarbeit ging über die obligatorischen Dienstvorschriften nicht hinaus. Außer bei Erik, überlegte Anke, als sie aus ihren Augenwinkeln beobachtete, wie sie sich gezielt vor seinen Augen niederließ. In ihrem maßgeschneiderten Hosenanzug wirkte sie wie immer tadellos. Ihre blonden Haare waren akkurat zurückgebunden, da lag kein Haar falsch. Ihre ebenmäßigen Gesichtszüge waren dezent geschminkt, was ihre hohen Wangenknochen und ihre weit stehenden, großen Augen betonte. Sie könnte als Fotomodell Karriere machen, gestand Anke dieser Frau zu. In ihrer Gegenwart fühlte sie sich mit ihrem immer dicker werden Bauch besonders unförmig und plump. Das waren Augenblicke, in denen sie erkannte, dass sie noch viel über sich selbst lernen musste – sie musste lernen, sich so zu akzeptieren, wie sie war. Ein dicker Bauch während einer Schwangerschaft war das Natürlichste auf der Welt. Das erging allen Frauen so. Also: nicht kaschieren, sondern präsentieren, überlegte sie, auch wenn es schwerfiel.

Jürgen Schnur und Esther Weis, die schon lange in der Abteilung arbeiteten, waren inzwischen ebenfalls eingetroffen und die Arbeit konnte beginnen. Erik berichtete bis ins Detail, was es an Hinweisen über den neuen Fall gab. Forseti hörte konzentriert zu. Erst als Erik fertig war, wandte sich der Dienststellenleiter an Anke und fragte: »Warum lassen Sie ihren Kollegen alles allein vortragen?«

Anke wurde heiß. Dieser Kerl bemerkte aber auch alles. Aber klein beigeben durfte sie nicht, weil sie damit nicht nur sich selbst in Schwierigkeiten brachte.

»Weil er alles Erwähnenswerte bereits genannt hat.«

Diese Antwort war so geschickt, dass Forseti nicht weiter nachhakte. »Wer ist die Tote?«, ging er stattdessen zum Geschäftlichen über.

»Sybille Lohmann«, antwortete nun Anke. »Witwe, ein Sohn, Sven Koch, wohnhaft in Riegelsberg-Walpershofen.«

»Ist der Sohn schon informiert?«

»Nein, wir haben erst in den frühen Morgenstunden anhand des Autokennzeichens die Identität des Opfers ermittelt. Es ist ihr Wagen, in dem sie gefunden wurde«, erklärte Erik diese brenzlige Situation.

»Esther Weis und Jürgen Schnur, Sie beide werden das übernehmen«, bestimmte Forseti.

Die beiden Angesprochenen nickten.

»Gibt es bereits Ergebnisse aus der Rechtsmedizin?«

Erik verneinte.

»Ich warte auf einen Anruf von dort. Der Pathologe versprach, sich sofort zu melden, wenn er ein Ergebnis hat«, erklärte Anke schnell.

»Warum dauert das so lange?«, schimpfte Forseti, worauf Jürgen Schnur ganz trocken reagierte: »Wir sind hier nicht ausgerüstet wie das Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Aber wir machen unsere Arbeit gut.«

»Das will ich hoffen«, konnte Forseti darauf nur entgegnen und teilte die Aufgaben ein. »Frau Deister, ich will auf Ihre Umstände Rücksicht nehmen und werde Sie nicht zur Beaufsichtigung der rechtsmedizinischen Untersuchung nach Homburg schicken. Bis das Kind da ist, sind Sie von diesen Aufgaben befreit.«

Anke bedankte sich, obwohl ihr das widerstrebte. Seine Selbstherrlichkeit nahm ihr jegliche Lust an der Arbeit.

»Erik und ich könnten den Sohn der Toten zur Rechtsmedizin fahren! Was halten Sie davon?«, schlug Claudia vor.

»Warum wollen Sie das tun?«, fragte Forseti anstelle einer Antwort.

»Weil ich die Familie kenne«, antwortete Claudia.

»Wie gut?«, hakte Forseti skeptisch nach. »Befangenheit wäre sicherlich nicht gerade ein guter Start.«

»Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich bin einfach nur im gleichen Ort aufgewachsen. Sybille Koch war damals bekannt in Walpershofen, weil sie leichtlebig war. Soweit ich informiert bin, weiß sie nicht, wer der Vater ihres Sohnes ist. In kleinen Dörfern wird immer gern über andere geredet.»

»Kennt der Sohn der Toten auch Sie?«

»Ganz sicher, er ist nur wenige Jahre jünger als ich. Als kleiner Junge war er ein echtes Ekelpaket und hat die älteren Mädchen nach allen Regeln der Kunst geärgert. Da hat er bei mir keine Ausnahme gemacht.«

Bei dieser Vorstellung mussten alle lachen, sogar Forseti, dem selten ein Lächeln zu entlocken war.

»Besteht die Möglichkeit, dass Sven Koch der Fahrer des Unfallautos war?«, mischte sich Jürgen in die Unterhaltung ein.

Kurze Stille trat ein. Claudia überlegte eine Weile, schüttelte aber dann energisch den Kopf und meinte: »Nein, Sven Koch hatte ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter. Wäre er wirklich der Fahrer des Wagens gewesen, hätte man ihn auch dort an der Unfallstelle gefunden.«

»Das ist nur eine Vermutung. Fahren Sie zusammen mit Erik Tenes den Sohn der Toten abholen, damit er sie identifizieren kann. Anschließend benötigen wir seine Aussage«, schloss Forseti das Thema ab.

Anke zog sich in ihr eigenes Zimmer zurück, um sich ein wenig Ruhe zu gönnen. Leider trat kurz darauf Esther ein. Während ihres letzten großen Falls waren zwischen Anke und Esther große Differenzen entstanden, die Anke am liebsten vergessen hätte. Doch Esther schien das anders zu sehen.

»Ich glaube, Claudia schafft es, sich an Erik heranzumachen.«

»Stört dich das?«, erwiderte Anke, ohne sich anmerken zu lassen, dass sie diese Absicht ebenfalls mit gemischten Gefühlen beobachtet hatte.

»Nein, nicht im Geringsten«, wehrte Esther ab, wobei Anke deutlich erkannte, dass sie genau das Gegenteil von dem sagte, was sie meinte. Zu genau erinnerte sich Anke daran, dass Esther keine Mühen gescheut hatte, bei Erik zu landen. Aber es war ihr nicht gelungen. Sollte es nun Claudia gelingen, würde das die Stimmung in ihrer Abteilung verschlechtern. Zum Glück betrat just in dem Moment Jürgen Schnur das Zimmer und wechselte unbemerkt den unangenehmen Kurs.

»Ich glaube, dass wir gar keinen Fall haben«, begann er.

»Warum?«

»Sybille Lohmann, geborene Koch, ist erst vor einem Jahr Witwe geworden. Ihr Mann, Kurt Lohmann, war am 11. September 2001 in New York im World Trade Center, als dieser schreckliche Terrorangriff geschah!«

Diese schwere Katastrophe ereignete sich vor fast genau einem Jahr. Die Medien waren voll davon und die Bilder, die das Fernsehen ausstrahlte, waren so schrecklich, dass Anke sich keine Nachrichten mehr ansehen konnte. Schon vor einem Jahr hatte sie deshalb schlaflose Nächte verbracht, was sie sich nicht noch mal antun wollte.

»Ist es ganz sicher bewiesen, dass Kurt Lohmann unter den Toten war?«, vergewisserte sich Anke.

»Ganz sicher«, bestätigte Jürgen. »Ich habe mit dem Bundeskriminalamt gesprochen, dort wurden die Untersuchungen sämtlicher Gewebeproben der Toten, die aus Deutschland kamen, durchgeführt. Nach allen Vergleichsproben konnte einwandfrei festgestellt werden, dass Kurt Lohmann darunter war.«

»Das ist ja schrecklich«, schüttelte Esther den Kopf. »Und nun stirbt auch noch die Witwe – äußerst tragisch.«

»Bevor wir hier alle in Tränen ausbrechen, muss ich noch erwähnen, dass Sybille Lohmann und ihr Mann schon seit einiger Zeit getrennt gelebt haben«, entschärfte Jürgen die Tragik.

»Das heißt aber nicht, dass es ihr nicht mehr nahe ging«, stellte Esther mürrisch klar.

»Nein! Aber erfahren werden wir es sicherlich nicht mehr«, konnte Anke dazu nur bemerken.

»Warum so kaltschnäuzig?« Esther klang böse.

»Warum so gefühlsdusselig? Das hilft bei unseren Ermittlungen nicht weiter.«

»Ruhe jetzt!«, unterbrach Jürgen das Streitgespräch, wofür er erstaunte Gesichter erntete. »Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich eure Streitereien schnellstmöglich unterbinden muss.«

»Hat Sybille Lohmann etwas zu vererben?«, fragte Anke schnell weiter.

»Das muss ich noch herausfinden«, gab Jürgen zu. »Aber es ist Sonntag, da bekomme ich nicht alle Informationen.«

Das Telefon klingelte. Es war Dr. Thomas Wolpert, der junge Rechtsmediziner, den Anke nur durch ihre regelmäßigen Telefonate kannte. Sie freute sich, dass ausgerechnet Thomas an diesem Wochenende Dienst hatte, weil sie gern mit ihm plauderte.

»Wir haben erste Ergebnisse, die ich dir durchfaxen möchte«, erklärte er.

»Ist das alles, was du mir sagen willst?«, fragte Anke etwas enttäuscht.

»Nein, so schnell bekommst du mich nicht mehr aus der Leitung.«

»Das beruhigt mich! Also, was kannst du mir schon vorab über die Tote sagen?«

»Wir haben hier so unsere Zweifel«, begann er geheimnisvoll. »Die Tote hat eindeutig Kohlenmonoxid im Blut, was die Todesursache ist. Außerdem haben wir die Schürfwunden an beiden Unterarmen untersucht, die die charakteristische Hyperämie, verursacht durch die erhöhte Anzahl von Leukozyten, aufweisen.«

»Das klingt in meinen Ohren eindeutig.«

»Ja, aber das ist noch nicht alles. Wir haben keinerlei Rußpartikel in Atemwegen und Lunge der Toten gefunden. Außerdem haben wir weitere Verletzungen an beiden Knien gefunden, die eindeutig postmortal eingetreten sind. Diese Wunden zeigen keinerlei Eiweißreaktion und sind hart und gelb.«

»Was sagt uns das?«

»Das fragen wir uns auch. Wir werden noch alle möglichen toxikologischen Untersuchungen durchführen, die uns mehr über den genauen Todeszeitpunkt aussagen können«, erklärte der Rechtsmediziner.

»Du bist dir also nicht sicher, ob das Opfer bei dem Unfall gestorben ist?«

»Nein, nicht hundertprozentig. Deshalb dürfen wir nichts außer Acht lassen.«

»Es könnte aber doch sein, dass die Frau bei dem Absturz des Wagens starb, kurz bevor das Feuer ausbrach?«, spekulierte Anke weiter.

»Sicherlich! Aber an was? Sie hatte keine Knochenbrüche, ihr Genick war heil, die Schädeldecke ebenso. Woran könnte sie gestorben sein, bei dem Aufprall? Vielleicht an einem Herzinfarkt, weil ein gewaltiger Schreck vorausgeht, wenn ein Auto in einen Graben stürzt«, überlegte Thomas weiter.

»Kannst du das Herz noch untersuchen? Die Leiche war stark verkohlt«, zweifelte Anke.

»Die inneren Organe sind gut erhalten. Das ist immer das Erstaunliche bei Brandleichen. Die hohe Temperatur nimmt zum Körperinneren schnell ab, weil sie das Fett und den hohen Wassergehalt nicht durchdringen kann.«

»Wenn das so ist, dann kannst du doch das Herz auf einen Infarkt untersuchen«, schlug Anke vor.

»Dir liegt aber viel daran, diesen Fall so einfach wie möglich zu machen«.

»Du hast es erkannt. Ich bin jetzt werdende Mutter, da wünsche ich mir nichts sehnlicher, als eine komplikationslose Zeit bis zum Mutterschutz.«

»Das kann ich verstehen.«

Mit dem Bericht des Rechtsmediziners machte sich Anke auf den Weg zu ihrem neuen Vorgesetzten. Es war für sie immer noch ein befremdliches Gefühl, wenn sie in Kullmanns ehemaliges Büro trat und dort Dieter Forseti am Schreibtisch sitzen sah. Nichts mehr in diesem Büro verriet etwas über Kullmanns dreißigjährige Dienstzeit, die er in diesen Gemäuern verbracht hatte. Und trotzdem war Kullmann niemals ausgelöscht. Viel zu beeindruckend und zu erfolgreich war seine jahrzehntelange Arbeit gewesen. Dieter Forseti war das genaue Gegenteil, was Ankes Erinnerungen an ihren ehemaligen Chef eigentlich noch leichter machte. Kullmanns warmherzige Ausstrahlung und seine gemütliche, väterliche Erscheinung vermisste sie am meisten. Forsetis Aussehen war aristokratisch, tadellos; sein Auftreten unnahbar und unpersönlich. Über sein Privatleben wusste sie gar nichts, weil er niemals ein außerdienstliches Wort sprach. Das behagte Anke nicht, weil sie dadurch einfach nicht den Menschen hinter der Fassade sehen konnte.

Er las den Bericht gründlich durch, bevor er den Kopf hob und seine drei Mitarbeiter der Reihe nach anschaute. Anke ahnte schon, dass dieser Blick nichts Gutes bedeutete, und so war es auch.

»Ist es wirklich notwendig, mir diesen Bericht zu dritt vorzulegen?«

Esther und Jürgen verstanden diese Anspielung sofort und eilten aus dem Büro. Anke blieb nichts anderes übrig, als stehenzubleiben, weil sie die Beauftragte war.

»Nach diesem Befund steht nicht eindeutig fest, dass das Opfer noch geatmet hat, als das Feuer ausbrach. Genauso wenig steht fest, dass sie nicht mehr geatmet hat. Also dürfen wir weder einen Unfall mit Todesfolge noch ein Tötungsdelikt ausschließen.«

Damit machte Forseti Ankes Hoffnung auf eine schnelle Lösung des Falls zunichte.

»Die Tatsache, dass in den Atemwegen und in der Lunge keine Rußpartikel gefunden wurden, rät uns zur Vorsicht.«

Anke wartete darauf, dass er ihr endlich sagte, was sie nun tun sollte.

»Beauftragen Sie das Kriminallabor, die Spurensuche auf das Haus der Toten zu erweitern! Nach diesem Bericht besteht die Möglichkeit, dass die Frau schon tot war, bevor das Auto zu brennen begann.«

Anke nickte und wollte sich geschwind aus dem Raum verdrücken, als Forseti sie aufforderte zu bleiben. Mit einem Seufzer drehte sie sich um. Seine Strenge hatte um seinen Mund Falten bilden lassen – Zeugen seiner Unnachgiebigkeit. Seine Stirn war ebenfalls in Falten gelegt, als sei er unentwegt am Nachdenken.

»Ich habe den Eindruck, dass hier in meiner Abteilung Dinge geschehen, die sich meiner Kenntnis entziehen«, begann er emotionslos.

Anke wurde ganz heiß zumute.

»Ist Ihnen nicht gut?«, lenkte er plötzlich ein, worüber Anke noch mehr überrascht war. »Setzen Sie sich doch, bevor Sie umfallen!«

Die junge Frau nutzte die Gelegenheit, sich auf das nun folgende Gespräch vorzubereiten. Sie musste standhaft bleiben, was ihr in ihrem Zustand nicht so leichtfiel. Ihre Schwangerschaft brachte in letzter Zeit häufiger schlechte Launen und damit verbunden schlechtes Taktieren in unerwarteten Situationen zutage. Das musste sie in den Griff bekommen, denn sie könnte Erik in Schwierigkeiten bringen. Das hatte er bestimmt nicht verdient.

»Ich glaube, es geht wieder«, keuchte Anke theatralischer, als ihr Zustand eigentlich war.

Ihr Chef biss prompt an. Er schaute sie eine Weile schweigend an, schüttelte dann den Kopf mit den Worten: »Wir werden uns ein anderes Mal darüber unterhalten, wenn es Ihnen wieder besser geht.«

Anke freute sich innerlich wie ein kleines Kind, dass ihr dieser Schachzug gelungen war. Doch sie bekam keine Gelegenheit, diese Freude auszukosten, da wurde die Tür aufgestoßen und Claudia und Erik traten ein. Als Ankes und Claudias Blicke sich trafen, hatte Anke nur noch einen Gedanken: so schnell wie möglich dem Raum zu verlassen. Aber so sollte es nicht kommen, weil Erik sie am Arm leicht berührte und ihr ein Zeichen gab zu warten.

»Wir haben Sven Koch nicht zu Hause angetroffen«, begann Claudia zu berichten. »Von Nachbarn haben wir allerdings erfahren, dass Mutter und Sohn sich am gestrigen Abend heftig gestritten haben. Sven hatte die Küchentür geöffnet, die zum Nachbarhaus zeigt, weshalb die Nachbarn den Streit deutlich hören konnten.«

»Haben die Nachbarn verstehen können, worüber die beiden sich gestritten haben?«

»Sie haben nur verstanden, dass die Mutter gegen den Willen ihres Sohnes noch am gleichen Abend wegfahren wollte«, antwortete Claudia.

»Wohin?«

»Das haben die Nachbarn nicht verstanden.«

»Wie könnte dieser Streit im Zusammenhang mit dem Unfall stehen?«, überlegte Forseti laut.

»Vielleicht hat er sich erboten, seine Mutter selbst zu fahren. Während der Fahrt gerieten sie erneut in Streit und kamen von der Straße ab«, mutmaßte Erik.

»Sicher! Nur leider ist das alles viel zu hypothetisch. Sie beide müssen unbedingt Sven Koch finden. Nur er selbst kann uns darauf die Antwort geben. Frau Deister bleibt heute im Büro für den Fall, dass jemand sich hier meldet.«

Damit waren die Aufgaben verteilt.

Erleichtert verließ Anke hinter Erik und Claudia das Büro. Sie freute sich, endlich wieder in ihrem eigenen Zimmer allein sein zu können. Von dort aus rief sie Theo Barthels an und teilte ihm mit, welche Aufgaben Forseti für ihn und sein Team vorgesehen hatte. Theo war verständlicherweise nicht gerade glücklich darüber, den ganzen Sonntag arbeiten zu müssen.

Entspannt lehnte sie sich in ihrem Bürostuhl zurück. Morgen hatte sie einen weiteren Termin bei ihrer Hebamme. Sie wollten ihre Schwangerschaftsgymnastik und Bewegungstherapie durchsprechen. Bei dem Gedanken an die quirlige, kleine Susi Holzer musste Anke lächeln. Ihr Gynäkologe hatte ihr Susi wärmstens empfohlen. Anke war glücklich über diesen Tipp. Sie konnte sich von nun an auf die Geburt vorbereiten, was sie mit jeder Woche, die sie näher darauf zukam, mit mehr Lampenfieber erfüllte. Zufrieden legte sie ihre Hände auf den Bauch. Sie hoffte, wieder eine Bewegung ihres Kindes zu spüren. Geduldig wartete sie; das war eine Geduld, die sie ganz neu an sich selbst entdeckte.

Es sollte noch ein ruhiger Tag werden. Sie begann, eine Akte über den neuen Fall anzulegen, als das Telefon klingelte. Es war ihr langjähriger Kollege und guter Freund bei der Verkehrspolizei, Bernhard Diez: »Hallo Anke! Ich war heute Nacht an der Unfallstelle. Jetzt habe ich ein Problem.«

»Was für ein Problem?«, fragte Anke.

»Ich soll einen Bericht schreiben, wer von der Kripo am Unfallort eingetroffen ist. Ich weiß, dass du dich mit Erik Tenes abgesprochen hast und will euch nicht in Schwierigkeiten bringen. Aber ich habe große Pläne für meine Zukunft. Da wäre es nicht gerade förderlich, mit einem Lügenmärchen aufzufallen.«

»Was für Pläne hast du denn?« Anke wurde neugierig, obwohl ihr der Gedanke zusetzte, dass ihre Unaufrichtigkeit, was den Einsatz in der Unfallnacht betraf, auffallen könnte.

»Ich habe mich auf eine Übernahmeausschreibung zum Kriminaldienst beworben. Die Personalabteilung hat mir zugesichert, so bald wie möglich mit meinem Durchlauf bei den verschiedenen Abteilungen beginnen zu können. Mein Ziel ist es natürlich, in deine Abteilung zu kommen.«

»Das hört sich richtig gut an.« Anke würde sich tatsächlich freuen, Bernhard Diez als Arbeitskollegen zu bekommen. Seit Jahren kannten sie sich schon und ihre Zusammenarbeit war immer effektiv. Aber einen gefälschten Bericht konnte Bernhard sich in dieser Situation wirklich nicht leisten. Deshalb sprach sie das Einzige aus, was in dieser Situation zu sagen war: »Schreib den Bericht wahrheitsgemäß. Den Rest werden Erik und ich schon regeln.« Dabei klang sie zuversichtlicher, als sie in Wirklichkeit war.

Bernhard bedankte sich bei ihr und legte auf.

Gegen Abend kehrte Erik als Erster zum Landeskriminalamt zurück. Das war die beste Gelegenheit, ihm von ihrem Telefonat mit Bernhard zu berichten. Als Erik sich alles angehört hatte, beschloss er: »Ich gehe zum Chef bevor der Bericht auftaucht. Damit ist das Missgeschick aus der Welt!«

»Gar nichts wirst du tun«, bestimmte Anke so entschlossen, dass Erik staunte. »Dieser Bericht ist für die Abteilung der Verkehrspolizei. Es ist unwahrscheinlich, dass Forseti ihn überhaupt zu Gesicht bekommt. Also warum die Pferde unnötig scheu machen.«

»Ja, ja, die Pferde?«, lachte Erik über den Vergleich. »So ganz vergessen kannst du sie wohl nicht.«

Mit dieser Bemerkung versetzte er Anke einen wehmütigen Stich ins Herz. Bis zu ihrer Schwangerschaft war sie aktiv in einem Reitstall in Gersweiler geritten. Sie vermisste die Pferde – vor allem ein bestimmtes Pferd, den braven Wallach namens Rondo. Aber mit ihrem dicken Bauch und ihrer großen Angst, dass ihrem Kind etwas passieren könnte, wagte sie sich nicht mehr in die Nähe dieser großen Tiere.

2. Kapitel

Dunkelgraue Wolken setzten dem neuen Tag ihren Stempel auf. Dazu stürmischer Wind und Regen – alles, worauf Anke verzichten könnte. Zuhause bleiben ging nicht, sie hatte einen Termin bei der Hebamme in der Praxis ihres Gynäkologen. Den Weg dorthin legte sie zu Fuß zurück, was unter diesen Bedingungen kein Vergnügen war.

Sie musste nicht lange warten, bis sie aufgerufen wurde. Susi war eine kleine, rundliche Frau mit einem heiteren Gesichtsausdruck, immer fröhlich und zum Lachen aufgelegt. Ihre dunklen Locken wippten bei jeder Bewegung. Allerdings wirkte die Hebamme an diesem Morgen übernächtigt. Dunkle Ringe hatten sich um ihre Augen gebildet und von ihrer sonst so unbeschwerten Heiterkeit war nicht viel zu merken.

»Was ist los, Susi?«

»Nichts!« Sie schüttelte ihren Kopf, dass die Locken munter hin und her flogen.

»Entschuldige, es geht mich nichts an«, lenkte Anke gleich ein.

Diese Reaktion erstaunte Susi. Eine Weile schaute sie Anke an und sagte dann: »Du merkst aber auch alles.«

»Was soll das heißen?«

»Dass bisher keine meiner Freundinnen so aufmerksam gewesen wäre, wie du gerade jetzt. Dabei kennen wir uns erst seit wenigen Sitzungen.«

»Das macht wohl mein Beruf aus.«

»Ich habe wirklich ein Problem, an dem ich mehr nage, als ich anfangs gedacht hätte.«

Anke horchte auf.

»Meine Freundinnen Rita, Annette und ich hatten Samstagnacht ganz toll gefeiert. Wir waren auf einer Party von Bekannten eingeladen; die Stimmung war toll und wir hatten reichlich getrunken. Weil ich den klarsten Kopf von uns dreien hatte, habe ich uns nach Hause gefahren, was wohl nicht gerade das Intelligenteste war, was wir tun konnten.«

»Stimmt! Aber deswegen bist du bestimmt nicht so bedrückt.«

»Nein! Jetzt bekomme ich Drohanrufe.«

»Oh«, stutzte Anke. »Was hat der Anrufer oder die Anruferin gesagt?«

»Es war ein Mann und er hat gesagt: Ich weiß, dass du es warst! Dafür wirst du bezahlen!«

»Was meinte er damit?«

»Das ist es ja gerade. Ich weiß es nicht. Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Bei den ersten Anrufen habe ich noch gelacht und einfach aufgelegt, aber der Anrufer hat sich immer wieder gemeldet, bis ich ihn ernst genommen habe. So oft, wie der angerufen hat, kam es mir nicht mehr wie ein dummer Schuljungenstreich vor.«

»Hast du heute schon von ihm gehört?«

»Nein! Vielleicht bin ich zu früh aus dem Haus gegangen.«

»Gab es Streit auf der Party?«

»Nein, nicht im Geringsten.« Susi schüttelte energisch den Kopf.

»Wo war die Party?«

»In Saarbrücken, im Nauwieser Viertel. Dort wohnen einige Bekannte von uns in einer Wohngemeinschaft, was sich für große Partys geradezu anbietet.«

Anke hatte zwar noch nie die Gelegenheit bekommen, auf solchen Partys mitzufeiern, stellte sich das aber ganz toll vor.

»In der Nacht seid ihr dann den ganzen Weg bis Riegelsberg nach Hause gefahren?«

Susi nickte schuldbewusst.

In diesem Augenblick kam der Gynäkologe herein, begrüßte die beiden Damen und überreichte Susi die Lokalzeitung. Verwundert schaute Susi ihren Chef an, doch kaum hatte sie einen Blick auf den größten Artikel geworfen, da wusste sie, warum er das tat. Anke entdeckte ebenfalls den Bericht und gemeinsam lasen sie ihn durch. Es ging um den Unfall, der sich auf der Neuhauser Straße zwischen Saarbrücken und Rußhütte ereignet hatte. Darin wurde sogar das Unfallopfer namentlich erwähnt. Allerdings ließ der Bericht mehr Fragen offen, als er beantwortete.

Anke fiel ein, dass Susi ebenfalls in Walpershofen wohnte. Wie hatte Claudia Fanroth den Ort beschrieben? Ein kleines Dorf! Dort kannte jeder jeden.

»Kennst du Sybille Lohmann?«

Susi antwortete: »Klar! Sie hatte mal als Schreibkraft im amtsärztlichen Dienst beim Gesundheitsamt Saarbrücken gearbeitet, genauso wie meine beiden Freundinnen Rita und Annette. Das ist aber schon eine Weile her.«

»Darum zeigt dir dein Chef diesen Artikel?«

Susi nickte.

»Das hört sich aber nicht so an, als würdest du Sybille nur als Arbeitskollegin deiner Freundinnen kennen. Wie gut kanntest du sie wirklich?«

Susi taxierte Anke eine Weile und fragte dann: »Warum fragst du mich das alles?«

»Ich überlege, welches Motiv der mysteriöse Anrufer haben könnte. Welchen Weg seid ihr nach Hause gefahren?«

»Das ist ja gerade das Unheimliche«, gestand Susi. »Wir sind über Rußhütte nach Riegelsberg gefahren. Den Weg haben wir genommen, weil wir hofften, dort auf keine Polizeikontrolle zu treffen. Aber von einem Unfall haben wir nichts gesehen.«

»Ganz sicher? Vielleicht kannst du deinem Gedächtnis ein wenig nachhelfen«, drängte Anke.

»Nein. Da war absolut nichts. Ein brennendes Auto im Graben, so etwas merkt man sich doch.«

»Da du gefahren bist, bist du die Einzige, die alles gesehen hat. Ist dir ein Fahrzeug auf deiner Spur entgegengekommen?«

Susi wollte gerade etwas antworten, als sie innehielt.

Doch dann schüttelte sie den Kopf: »Nein, ich bin einmal nur stark geblendet worden. So stark, dass es Rita und Annette auf dem Rücksitz ebenfalls aufgefallen war. Aber sonst nichts. Da hatte einer mit Sicherheit nur versehentlich das Fernlicht eingeschaltet.«

Enttäuscht ließ Anke sich in den Stuhl zurücksinken.

*

Als Anke im ersten Stock auf ihr Büro zueilte, kam ihr ein junger Mann mit dicker Hornbrillenfassung und starken Brillengläsern entgegen. Durch die dicken Gläser wirkten seine Augen vergrößert wie unter einer Lupe, so dass die Schielstellung noch mehr hervorgehoben wurde. Sein Gesicht war teigig und übersät mit Pickeln, sein dünnes, aschblondes Haar klebte in fettigen Strähnen an seinem Kopf. Seine Statur war unförmig und seine Kleidung altmodisch und ungepflegt. Er strömte unangenehmen Körpergeruch aus. Erstaunt schaute Anke ihm nach, wie er im Korridor verschwand. Plötzlich hörte sie Eriks Stimme ganz dicht an ihrem Ohr: »Das ist Emil Tauber. Er hatte den Unfall entdeckt und sofort die Polizei benachrichtigt. Er musste heute Morgen seine Aussage zu Protokoll geben.«

»Ist er verdächtig?«, fragte Anke.

»Das ist bei diesem Mann schwer zu beurteilen. Er benimmt sich merkwürdig, so als fiele es ihm schwer, über den Unfall zu sprechen. Dabei ist nicht erkennbar, ob er sich immer so verhält, weil er Komplexe und dazu noch eine feuchte Aussprache hat, oder ob mehr dahintersteckt. Deshalb werden wir ihn überprüfen.« Mit einem taxierenden Blick auf Anke fügte er an: »Wie war deine Sitzung?«

Sein Interesse an ihrem Kind rührte Anke. Ihre Sorge wegen der Schwangerschaft im Abseits zu landen, hatte sich nicht bewahrheitet.

Sie berichtete, was sie von ihrer Hebamme über die Heimfahrt Samstagnacht und über die Drohanrufe erfahren hatte.

Daraufhin blätterte der Kollege in seinen Berichten und las laut vor: »Das Unfallfahrzeug wird auf Spuren untersucht, die auf ein Fremdverschulden am Unfall hinweisen. Das wird allerdings schwierig, weil das Auto Feuer gefangen hatte.«

»Wann hat Emil Tauber den Unfall gemeldet?«, fragte Anke.

»Um halb eins.«

Anke nickte und spürte immer deutlicher, dass die Theorie, die sich schon in ihrem Kopf anbahnen wollte, nicht mehr standhalten konnte. Eigentlich war sie froh darüber, weil sie Susi vertraute.

»Was denkst du?«, hakte Erik nach.

»Ich hatte die fixe Idee, dass Susi mit ihren Freundinnen das Fahrzeug von Sybille Lohmann von der Straße abgedrängt hatte. Aber eine Party in den Ausmaßen, wie Susi mir berichtet hatte, ist um halb eins nicht zu Ende.«

»Das muss aber nicht bedeuten, dass die drei bis zum Schluss auf dem Fest waren. Frag doch einfach mal nach, um wie viel Uhr die drei losgefahren sind.«

Plötzlich wurde die Tür ohne anzuklopfen geöffnet und Claudia trat ein.

»Wir haben endlich den Sohn der Toten ausfindig gemacht. Er befindet sich im Verhörraum«, sprudelte sie los. »Erik, kommst du bitte mit. Wir beiden sollen das Verhör durchführen!«

»Warum Verhör?«, staunte der. »Ist der Sohn verdächtig?«

»Das kann man wohl sagen. Er wollte sich einer Befragung entziehen. Daraufhin haben wir ihn mitgenommen.« Claudia wirkte ungeduldig.

Erik folgte ihr. Anke blieb allein in ihrem Büro zurück.

Sie blätterte in den Akten, als ihr Telefon klingelte. Es war Susi, ihre Hebamme. Sie klang verzweifelt, als sie sagte: »Ich habe wieder einen Drohanruf bekommen.«

»Was hat er gesagt?«

»Er sagte, dass ich diesmal mit meinem Leben bezahle.« Sie begann zu schluchzen.

»Was bezahlen?«, hakte Anke nach.

»Genaueres hat er nicht gesagt. Ich habe große Angst. Was soll ich machen?«

»Ich muss meinen Chef fragen, ob wir eine Fangschaltung an dein Telefon anschließen dürfen.« Sie konnte Forseti in dieser Hinsicht allerdings schlecht einschätzen. »Wie viel Uhr war es denn, als du mit deinen beiden Freundinnen die Party verlassen hast?«

Susi überlegte eine Weile und gestand zögernd: »Das weiß ich nicht mehr so genau. Wenn ich besoffen bin, habe ich es nicht mehr so genau mit der Uhrzeit.«

»Ungefähr?«

»Ein Uhr würde ich sagen. Ich weiß, dass es relativ früh war. Da wir schon früh angefangen hatten, waren wir umso früher fertig.«

Das war alles andere als zufrieden stellend. Mit solchen vagen Angaben den Chef von einer Fangschaltung zu überzeugen, war sicherlich ein hartes Stück Arbeit. Zielstrebig ging sie zum Büro ihres Vorgesetzten, aber es war leer. Sie fand ihn auf der gegenüberliegenden Seite des Verhörzimmers, von wo aus man alles durch den Einwegspiegel beobachten konnte.

Erik und Claudia saßen einem jungen Mann gegenüber, der äußerst gepflegt und beherrscht wirkte. Anke war über diese Erscheinung überrascht. Sie hatte etwas ganz anderes erwartet. Der junge Mann machte nicht den Eindruck, als handelte er unüberlegt oder hitzköpfig. Mit vorbildlicher Haltung saß er da und wirkte äußerst ruhig, so als könnten die vielen Fragen, die auf ihn einstürmten, ihn nicht im Geringsten berühren. Das Einzige, was auffällig war, waren seine roten Augen. Er hatte geweint.

»Ist er verdächtig?«, fragte Anke.

»Er hat bis jetzt noch nichts ausgesagt, was von einem Verdacht ablenken könnte«, lautete Forsetis Antwort.

Anke wartete, bis Erik und Claudia eine Pause einlegten und das Verhörzimmer verließen. Erst dann trug sie vor, was sie auf dem Herzen hatte: »Ich bitte um eine Fangschaltung bei Susi Holzer. Sie wird mit Drohanrufen belästigt und hat Angst.«

Der Hauptkommissar schaute Anke ungläubig an, bis er endlich reagierte: »Sind wir hier, um verängstigte Mädchen in Sicherheit zu wiegen?«

»Nein, wir sind hier, um neben der Aufklärung von Tötungsdelikten auch potenzielle Tötungsdelikte zu verhindern«, reagierte sie schlagfertig.

Forseti zog seine rechte Augenbraue hoch, ein Zeichen seiner Überraschung, steckte seine rechte Hand in die Hosentasche und ging einige Male auf und ab, bis er endlich erwiderte: »Was rechtfertigt Ihre Behauptung eines potenziellen Tötungsdelikts?«

Sie schilderte ihm das Gespräch mit Susi Holzer und fügte ihre Vermutung hinzu, dass Susi an der Unfallstelle vorbeigekommen sein könnte, ohne sich dessen bewusst zu sein.

»Das Auto hat gebrannt«, stellte Forseti den Sachverhalt dar. »Wie kann Susi Holzer an der Unfallstelle vorbeigefahren sein, ohne sich dessen bewusst zu sein?«

Anke überlegte kurz, weil sie die Ironie seiner Frage nicht überhört hatte. Die Situation war brenzlig, weil Susi ihr anvertraut hatte, dass sie betrunken Auto gefahren war. Aber im Nachhinein konnte ihr das nicht mehr zum Nachteil gereichen, überlegte sie und antwortete wahrheitsgetreu.

Erik und Claudia traten hinzu. Claudia runzelte die Stirn und fragte: »Gehen wir jetzt jedem Hirngespinst nach?«

»Ich überlege auch, welchen Zusammenhang Sie da sehen wollen«, stimmte der Vorgesetzte Claudia indirekt zu.

Dabei schauten alle Anke so erwartungsvoll an, dass sie schon wieder zu schwitzen begann. Sie fühlte sich hilflos, weil der Faden, den sie in ihrem Geiste gesponnen hatte, in der Tat zweifelhaft war. Aber es war besser als nichts, oder das, was die lieben Kollegen, die sie gerade anstarrten, vorzubringen hatten. Also nahm sie sich zusammen und schoss zurück: »Sehen Sie ihn nicht?«

Forseti verzog ärgerlich das Gesicht, reagierte aber beherrscht: »Wir werden keinen groß angelegten Lauschangriff starten ohne stichhaltige Beweise. Zunächst warten wir das Ende unseres Verhörs mit Sven Koch ab, bevor ich die weiteren Schritte überdenke.«

Anke war enttäuscht, allerdings mehr über ihre eigene Unbeherrschtheit als über die Reaktion des Vorgesetzten.

Claudia bewegte sich langsam auf die Tür zum Verhörraum zu. Doch als sie bemerkte, dass Erik ihr nicht folgte, blieb sie stehen und schaute ihn erwartungsvoll an. Er verstand die Geste sofort und beeilte sich. Anke und Forseti blieben auf der anderen Seite des Raums, um das weitere Gespräch beobachten zu können. Der erste Eindruck, den Anke von dem jungen Mann bekommen hatte, blieb. Er wirkte überzeugend mit seinen Antworten, war nicht aus der Ruhe zu bringen und ließ keinen Zweifel daran, dass er darunter litt, seine Mutter verloren zu haben.

Claudia fragte in scharfem Tonfall: »Stimmt es, dass Sie sich am Samstagabend, kurz vor dem Tod Ihrer Mutter, noch heftig mit ihr gestritten haben?«

»Ja, das stimmt.«

Diese Antwort verblüffte nun alle.

»Über was haben Sie sich gestritten?«

»Meine Mutter wollte verreisen, ich war dagegen.«

»Wohin wollte Ihre Mutter verreisen?«

»Sie sagte es mir nicht.«

»Sagten Sie nicht, Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter sei immer gut gewesen?«, hakte nun Erik nach.

»Was hat das damit zu tun?«, hielt Sven Koch dagegen. »Sie hat die Lebensversicherung ihres verstorbenen Mannes ausgezahlt bekommen und wollte damit ein neues Leben anfangen. Ich war darüber nicht glücklich, weil ich auf keinen Fall wegziehen wollte. Das setzt aber nicht voraus, dass ich sie deshalb umbringe.«

»In dem Fall sind Sie allerdings der Alleinerbe, wenn ich das richtig verstehe?«, schaltete Erik sofort.

»Na, herzlichen Glückwunsch«, bemerkte Sven abfällig.

»Ganz genau! Je nachdem, wie hoch die Versicherungssumme ist, kann man Sie doch beglückwünschen«, trieb Erik den Spott weiter.

»Ach so, darauf läuft das hinaus«, schimpfte Sven Koch. »Ich hatte bis Samstagabend nicht gewusst, dass sie eine Summe der Lebensversicherung erwartete. Wie sollte ich in der Kürze der Zeit ein Verbrechen planen und ausführen?«

»Stimmt! Sie hatten nicht viel Zeit, da musste es eben schnell gehen.«

»Und welche Bedeutung hat in Ihrer Theorie der so genannte Alleinerbe?«, hakte Sven nach.

»Das wollen wir von Ihnen wissen. Warum diese Eile und Brutalität, wenn Sie am Ende doch alles erben?«, erklärte Erik in einem Tonfall, der Sven Koch zum Schweigen brachte. Jetzt erst merkte der junge Mann, in welcher Situation er sich befand.

»Ich verlange meinen Anwalt«, sagte er plötzlich.

»Das steht Ihnen zu.« Erik gab sich geschlagen.

Claudia wollte nicht so schnell aufgeben, jetzt wo sie ihn am Haken zappeln sah: »Warum wollen Sie einen Anwalt, wenn Sie angeblich nichts zu befürchten haben?«

Sven Koch schwieg.

Erik erhob sich und verließ den Raum. Verzweifelt schaute er Anke an, die nur mit den Schultern zucken konnte. Forseti hingegen wirkte enttäuscht und brachte das sogleich zum Ausdruck: »Mussten Sie den Verdächtigen so hart anfassen.«

»Ich schlage vor, dass wir uns in Walpershofen umhören, wie das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wirklich war«, mischte Anke sich ein, um Erik aus der Patsche zu helfen.

»Wir werden nicht umhinkönnen nachzuprüfen, ob es diese Lebensversicherung wirklich gegeben hat«, richtete Forseti sich an Anke.

»Sollte das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wirklich so gut sein, wie Sven Koch es beschreibt, hat er sie nicht aus Geldgier umgebracht«, beharrte Anke.

»Sie sind hier nicht als Profiler beschäftigt«, konterte Forseti böse. »Machen Sie also die Arbeit, von der Sie etwas verstehen!«

*

Claudia Fanroth verließ zusammen mit Sven Koch den Verhörraum. Als der junge Mann heraustrat und Anke sah, bemerkte er: »Schick«,wobei sein Blick gezielt auf ihren Bauch fiel.

Anke erschrak über diese Frechheit so heftig, dass sie nichts zu entgegnen wusste.

»Wird es ein Junge oder Mädchen?«, fragte der Mann doch tatsächlich weiter.

»Es ist wohl besser, Sie gehen jetzt.« Erik stellte sich zwischen ihn und Anke, damit er gar keine andere Wahl hatte, als zu verschwinden. Anke war erleichtert über die spontane Hilfe, denn sie hatte sich von diesem Schnösel überrannt gefühlt. Mit nur einem einzigen Wort war es ihm gelungen, sie aus der Fassung zu bringen.

Aber Forseti ließ ihr keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Sofort bestimmte er, dass Claudia Fanroth und Erik Tenes gemeinsam die Nachbarschaftsbefragungen durchführten. Anke durfte sich mit dem Heraussuchen der Versicherungsgesellschaft, bei der die angebliche Lebensversicherung abgeschlossen worden war, beschäftigen. Weiterhin beauftragte er sie, Akten über die Vergangenheit von Sybille Lohmann herauszusuchen, damit die Ermittler sich ein besseres Bild vom Opfer machen konnten.

Enttäuscht begab sie sich zuerst zu Fred Feuerstein, dem Aktenführer, und trug ihm ihre Bitte vor. Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit. Fred Feuerstein, dessen richtiger Name Manfred Feuer lautete, war schon lange beim Landeskriminalamt beschäftigt und im Laufe der Jahre ein guter Freund von Norbert Kullmann geworden. Anke arbeitete gerade deshalb gern mit ihm zusammen, weil sie von ihm viele interessante Anekdoten aus seiner gemeinsamen Dienstzeit mit ihrem ehemaligen Chef zu hören bekam. Sie hatte leider nur wenige Jahre mit Kullmann zusammengearbeitet, aber diese kurze Zeit war entscheidend für sie geworden. Kullmann hatte ihr nicht nur in beruflichen Dingen weiterhelfen können, er war für sie viel mehr gewesen als ein Vorgesetzter. Während Fred Feuerstein lustig plauderte, wuchs in Anke der Entschluss, Kullmann sobald wie möglich zu besuchen. Er hatte ihr angeboten, immer für sie da zu sein, und nun wollte sie sein Angebot annehmen.

3. Kapitel

Erik musste den Umweg über die Lebacher Straße nach Walpershofen fahren. Die Neuhauser Straße über Rußhütte war für die Arbeit des Spurensicherungsteams immer noch gesperrt. Erik hatte Claudia während der Spezialausbildung als verdeckter Ermittler beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden kennengelernt. Damals war er noch verheiratet gewesen und Vater einer Tochter. Jedes Mal, wenn er Claudia ansah, sich an ihre gemeinsame Zeit erinnerte, spürte er diesen quälenden Verlustschmerz. Immer noch gab er sich allein die Schuld am Tod seiner Frau, weil er nicht wie versprochen zur Stelle gewesen war, um sie zum Arzt zu fahren. Stattdessen hatte er mit Kollegen so viel getrunken, dass ihm alles egal war, sogar seine Familie. Kathrin, seine Tochter, wäre inzwischen 14 Jahre alt, und sein zweites Kind, ein Junge, zwei. Die Gewissheit, einem Menschen, seinem Sohn, die Möglichkeit zu leben genommen – ihm niemals die geringste Chance gegeben zu haben - quälte ihn. Dabei hatte er sich auf das zweite Kind genauso gefreut wie zuvor auf das Erste. Würde es ihm jemals gelingen, mit dieser Schuld fertig zu werden?

Als er Claudia Fanroth kennengelernt hatte, befand er sich auf dem Höhepunkt seiner Selbstherrlichkeit. Er war vom Glück verwöhnt: erfolgreich als Kriminalbeamter, die Frauen bewunderten ihn, seine Familie erfüllte ihn mit Stolz – all das war für ihn ganz selbstverständlich gewesen. Er hatte geglaubt, dass ihm alles in die Hände fiel, ohne viel dafür zu tun. Seinem Hochmut verdankte er es, dass er sich auf eine Affäre mit ihr eingelassen hatte. Heute bereute er, sich so gewissenlos verhalten zu haben. Er hatte seine Frau belogen, betrogen und im entscheidenden Moment im Stich gelassen.

»Was ist mit dir?«, fragte Claudia. »Ich habe dich lebenslustiger und draufgängerischer in Erinnerung.«

»Das war einmal«, entgegnete Erik knapp. Er hatte keine Lust, Claudia seine wahren Gefühle zu offenbaren. Ihre Beziehung war nur von kurzer Dauer gewesen und hatte sich ausschließlich auf die körperlichen Gelüste konzentriert. Warum also sollte er sich ihr anvertrauen. Im Grunde genommen kannte er sie gar nicht.

»Entschuldige, wenn ich dir zu nahegetreten bin.«

Erik schwieg daraufhin. Rasch fügte sie an: »Wir haben uns doch mal gut verstanden. Warum kann das heute nicht mehr so sein?«

»Ich habe doch gar nichts gesagt.«

»Eben. Ich möchte, dass du etwas zu mir sagst.«

»Der Zeitpunkt zum Reden ist denkbar schlecht. Wir müssen die Nachbarn des Opfers befragen, das geht nun mal vor«, entgegnete Erik schroff.

Sybille Lohmanns Haus stand weit von der Herchenbacher Straße zurückgesetzt, so dass es von Fremden leicht übersehen werden konnte. Eine lange Einfahrt führte darauf zu, die mit Bäumen und Sträuchern gesäumt war. Laub verteilte sich über dem Zufahrtsweg, was dem Haus eine Atmosphäre von Trostlosigkeit und Vernachlässigung verlieh. Der Wind wirbelte einige Blätter auf und wehte neue aus den Bäumen hinzu. Sie klingelten am Haus rechts daneben. Eine ältere Dame öffnete die Tür. Sie stellten ihre Frage nach dem Verhältnis zwischen Mutter Sybille und Sohn Sven, woraufhin die Alte sofort losplapperte: »Also diese beiden waren schon seltsam. Der Junge hatte niemals gleichaltrige Freunde oder Freundinnen. Die meiste Zeit hat er bei seiner Mutter verbracht.«

»Was ist daran so seltsam?«, fragte Erik.

»Sven hatte keine Freundin, zumindest keine, von der ich weiß. Aber wenn Sybille Besuch von drei jungen Damen bekam, dann benahm er sich immer, als sei er der Hahn im Korb. Dabei waren die Besucherinnen zu Sybille gekommen und nicht zu ihm. Das gab häufig Streit.«

»Wer waren die drei Frauen?« Claudia zückte sogleich ihren Notizzettel.

»Die eine habe ich sofort erkannt, das war Susi Holzer, die Hebamme aus unserem Dorf. Susi hatte sich nebenbei als Babysitterin ein bisschen Geld verdient. Sie liebt Kinder über alles.«

»Ist Susi Holzer in ihrer Funktion als Hebamme oder Babysitterin zu Sybille Lohmann gekommen?«

»Da war plötzlich ein Baby, keiner wusste Genaueres darüber«, grübelte die Alte. »Etwas ist dort passiert. Ich weiß leider nicht mehr genau was. Was ich aber beobachten konnte ist, dass Susi und Sybille heftigen Streit bekommen hatten. In letzter Zeit habe ich Susi nicht mehr gesehen. Nur noch die beiden anderen, Annette Fellinger und Rita Rech. Sie besuchten Sybille gelegentlich, aber diese Besuche wurden auch immer seltener.«

»Wie lange ist das nun her?«, fragte Erik hocherfreut über die Wendung seiner Ermittlungen.

»Das war im Frühling.« Die Alte war sich ganz sicher.

Erik und Claudia bedankten sich und begaben sich zum Haus auf der anderen Seite. Auf dem Weg dorthin meinte Claudia verächtlich: »Weißt du jetzt, was ich meine, wenn ich sage, dass ich es in einem Dorf wie diesem nicht mehr aushalte?«

Erik nickte und fragte zurück. »Wie alt warst du, als du hier weggegangen bist?«

»Ich hatte gerade das Abitur gemacht und mich sofort in Wiesbaden an der Fachhochschule für Verwaltung angemeldet. Damals war ich zwanzig.«

»Hätte es nicht gereicht, von Walpershofen nach Saarbrücken zu ziehen? Musste es gleich ein anderes Bundesland sein?«

»Ich hatte meine Gründe.«

Erik spürte, dass nun er es war, der zu weit gegangen war. Sofort entschuldigte er sich und steuerte das Haus der Nachbarn zur anderen Seite an. Eine junge, dunkelhaarige Frau öffnete ihnen. Sie trug hautenge Leggins, die ihre schlanken Beine betonte, dazu ein Top, das kurz über dem Bauchnabel endete und Piercing-Schmuck freilegte. Nachdem Erik den Grund seines Besuches erklärt hatte, ließ die Frau unverhohlen ihren Blick an ihm herunter- und wieder heraufwandern, bevor sie die beiden bat einzutreten. Dabei machte es den Eindruck, dass sie Claudia am liebsten vor der Tür zurückgelassen hätte. Erik spürte die Blicke, erwiderte sie ebenso eindeutig und fragte: »Können Sie uns etwas über das Verhältnis zwischen Sybille Lohmann und ihrem Sohn Sven Koch sagen?«

»Oh ja«, meinte sie, bat die Polizeibeamten an einem großen Tisch in einem lichtdurchfluteten Raum Platz zu nehmen. Sie berichtete, während sie mit gekonntem Hüftschwung auf und ab ging: »Sven ist ein kleiner Schwerenöter. Zwar ist er gerade mal süße fünfundzwanzig Jahre alt, was ihn aber nicht daran hindert, mit Frauen wie mir zu flirten.«