Beschreibung

ALS BESIEGTER MUSSTE ER FLIEHEN - ALS KÖNIG WILL ER WIEDERKEHREN Das Jahr 1030. Der junge Wikinger Harald kämpft in seiner ersten Schlacht an der Seite seines Halbbruders, König Olaf. Als der König getötet wird und die Schlacht verloren ist, muss Harald fliehen. Sein Weg führt ihn an die Höfe der mächtigsten Fürsten seiner Zeit, bis nach Byzanz, wo er sich einem Söldnerheer anschließt. Seine militärischen Fähigkeiten verhelfen ihm schon bald zu Einfluss und Wohlstand. Doch nie hat Harald seine wahre Bestimmung aus den Augen verloren: Nach Jahren im Exil begibt er sich auf den Weg, um den Thron seiner Ahnen zurückzuerobern und das Reich der Wikinger zu vereinen. Denn Harald ist der einzige wahre Thronfolger … "Das Blut der Wikinger" ist der erste Band der faszinierenden Trilogie "Last Viking" von Poul Anderson, die fesselnde und wahre Geschichte des Wikingerfürsten Harald Sigurdharson.

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Titel der englischen OriginalausgabeTHE LAST VIKING – THE GOLDEN HORN

1. Auflage

Veröffentlicht durch den

MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK

Frankfurt am Main 2018

www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe

MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK

Copyright der englischen Originalausgabe

© Poul Anderson 1980

Karten+Stammbaum: Hauke KockDeutschsprachige Übersetzung: Andrea BlendlLektorat: Andre PiotrowskiSatz: Karl-Heinz ZapfCovergestaltung: Alfie, Matthias LückVP: 215-139-01-04-1018

eISBN: 978-3-96188-052-2

Poul Anderson

LASTVIKING

– DAS BLUT DER WIKINGER –

Diese Trilogie istdem Andenken an meinen VaterAnton William Andersongewidmet.

POUL ANDERSON

Poul William Anderson (1926 – 2001) wurde in Pennsylvania (USA) als Sohn skandinavischer Eltern geboren. Seine Familie lebte für eine Weile in Dänemark, zog aber nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zurück in die USA. Sie siedelten sich in Minnesota an, wo Anderson an der University of Minnesota einen Abschluss in Physik machte.

Anderson begann noch als Student zu schreiben und veröffentlichte 1947 seine erste Geschichte. Er war die gesamte zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aktiv und schuf Klassiker wie die Dominic-Flandry-Bücher und Sir Rogers himmlischer Kreuzzug. Er gewann zahlreiche Hugo- und Nebula-Awards. Er war Präsident der Science Fiction and Fantasy Writers of America und Gründungsmitglied der Society for Creative Anachronism. 1998 wurde er zum Großmeister der SFWA ernannt. Er arbeitete regelmäßig mit seiner Frau Karen zusammen, und die gemeinsame Tochter ist mit dem bekannten SF-Autor Greg Bear verheiratet. Poul Anderson starb im Juli 2001.

Inhalt

VORWORT

FRÜHE KÖNIGE VON NORWEGEN

DAS GOLDENE HORN

PROLOG VON OLAF DEM DICKEN UND SEINER FAMILIE

BUCH EINS DAS GOLDENE HORN

I WIE SIE BEI STIKLASTADH KÄMPFTEN

II WIE SIE NACH MIKLAGARDH REISTEN

III VON KÖNIGEN IN MIKLAGARDH

IV WIE DREI FEIERTEN

V VON HARALD UND GYRGI

VI WIE GYRGI ERZÜRNT WURDE

VII WIE HARALD VERLOBT WURDE

VIII WIE KAISER MICHAEL SEIN SCHICKSAL FAND

IX Wie der Abdichter herrschte

X WIE ZOE UNDANKBAR WAR

XI WIE HARALD INS GEFÄNGNIS GEWORFEN WURDE

XII VON MARIA SKLERAINA

XIII WIE HARALD HEIRATETE

XIV VON MAGNUS DEM GUTEN UND SVEIN ESTRIDHSSON

XV WIE HARALD NACH HAUSE KAM

XVI WIE SVEIN WÜTEND WURDE

VORWORT

Den vollständigsten und lebhaftesten Bericht über König Harald Sigurdharsons1 unglaubliche Karriere findet man in der Heimskringla aus dem dreizehnten Jahrhundert, an die ich mich stark angelehnt habe. Aber Snorri Sturluson, der Fürst der Historiker, was Stil und einen Sammler betrifft, dem es nicht an Urteilsvermögen mangelt, liegt in vielen Punkten erwiesenermaßen falsch und lässt andere weg. Hier muss man sich an byzantinische Autoren wenden: Kedrenos, Zonaras, Glykas, Psellus und andere, an den Dänen Saxo Grammaticus und den Deutschen Adam von Bremen, an den Engländer William von Malmesbury und die Angelsächsische Chronik, an die Mörkskinna und Fagrskinna und das Flateyjarbók und kürzere isländische Sagas und an modernere Autoritäten wie zum Beispiel Finlay, Oman, Storm und Gjerset. Eine Quelle von vielen Informationen sind die Verse der zeitgleichen Skalden. Man sollte erwähnen, dass all die skaldische Dichtung, die in diesem Buch übersetzt ist, einschließlich derer von Harald selbst, authentisch ist. Verschiedene Stätten und Ausstellungen, besonders jene im dänischen Nationalmuseum, sind eine Schatzkammer voll Informationen über die Details des alltäglichen Lebens im elften Jahrhundert … aber Quellen zu zitieren, ist eine erschöpfende Angelegenheit.

Alle Hauptcharaktere außer (vielleicht) Maria Skleraina und ihrem Vater sind historisch, und viele Nebencharaktere sind es ebenso, obwohl natürlich das Erscheinungsbild, die Persönlichkeit und das letztliche Schicksal von mehreren reine Vermutungen sind. Ich habe versucht, alle etablierten Fakten zu respektieren und die Lücken mit den logischsten Schlüssen zu füllen. Aber wenn die Fakten unbekannt, die Daten vage, die Motive obskur, die Chroniken widersprüchlich und gleich gute Autoritäten miteinander im Konflikt sind, habe ich nicht gezögert, jene Ereignisse und Chronologie zu wählen, die am besten zu den Bedürfnissen einer Geschichte passen. So ist Saxos Seemannsgarn über Haralds Kampf gegen einen Drachen ziemlich eindeutig mythisch und wird deshalb weggelassen. Williams Geschichte über sein Ringen mit einem Löwen widerspricht den verlässlicheren Byzantinern. Aber Snorris Geschichte über Maria könnte, obwohl sie vielleicht nur eine Legende ist, auch wahr sein und ist enthalten.

Manchmal hat man nur einen Hinweis, dem man folgen kann. Zum Beispiel wird Haralds Arktisexpedition von Adam kaum erwähnt und ist nur auf einem Runenstein erhalten. Ich habe sie etwas willkürlich auf 1061 datiert, aber ich halte das für wahrscheinlicher als 1065, was man manchmal liest. Kurzum, Ereignisse passierten mehr oder weniger so, wie in diesem Buch beschrieben. Wie viel mehr oder weniger, können wir nicht sagen.

Anstatt die Geschichte mit unvertrauten Worten vollzustopfen, habe ich die nächsten deutschen Entsprechungen benutzt. Also: Königliche Leibwache statt hird, Marschall statt stallar, Vogt statt lendrmadhr, Freibauer statt bondi usw. (»Freibauer« wurde statt »Bauer« gewählt, weil Letzteres einen Abhängigkeitszustand und eine strenge Standestrennung andeutet, die zu jener Zeit in Skandinavien nicht existierte.) Ebenfalls werden Ortsnamen, die den Lesern vertraut sind, in ihren deutschen Formen wiedergegeben: d. h. Norwegen statt Noreg, oder in den modernen Formen, die man auf Landkarten findet, z. B. Roskilde statt Róiskelda.

Ausnahmen von dieser Regel sind einige nicht zu übersetzende Worte, wie etwa Jarl und Thing, die im Text erklärt werden, und Ortsnamen, die dem typisch mitteleuropäischen Leser ohnehin neu wären, zum Beispiel Stiklastadh. Throndheim wird genutzt, eine Form, die der ursprünglichen näher ist als das heutige Trondheim, weil die Wurzel wichtig ist. Eigennamen, die exotisch sind, egal wie sie geschrieben werden, wurden soweit möglich in ihrer ursprünglichen Form belassen. Um der Klarheit und Einfachheit willen wurden einige Schreibweisen und die Grammatik etwas modifiziert. Man muss bedenken, dass mittelalterliche Rechtschreibung eine furchterregende und wundervolle Sache war.

Leser, die sich für die Aussprache des Altnordischen interessieren, können das Folgende als eine sehr grobe (Warnung!) Richtlinie nutzen. Ansonsten können sie die Regeln für modernes Deutsch nutzen und liegen nicht weit daneben.

A:

breit, wie in Atem

Aa:

etwa wie å auf Schwedisch

Ae:

wie das deutsche ä

Alf:

alle Buchstaben ausgesprochen, wie in Alfred

Au:

wie in Haus

Dh:

wie th im Englischen bei this

E:

wie in Ende, e am Wortende wird ausgesprochen

Ei, ey:

wie äi

Gn:

beide Buchstaben ausgesprochen

I:

In einer Silbe, wenn von einem einzelnen Konsonanten gefolgt, oder am Wortende, wie in Maschine. Wenn von einem doppelten Konsonanten gefolgt, wie in mit.

J:

Wie in jetzt.

Kn:

beide Buchstaben ausgesprochen

Ng:

immer wie in Ring

O:

meistens lang, wie in Boot

Ö:

wie im Deutschen

R:

gerollt

Th:

wie th im Englischen bei thing

U:

ungefähr wie in Mut, kurz, wenn von einem doppelten Konsonanten gefolgt

Y:

wie das deutsche ü

1 Sein Spitzname Hardhraadhi, der harter oder strenger Rat bedeutet, wurde in der Geschichtsschreibung als Hardrada (manchmal mit Harfagr verwechselt) festgehalten und wird in diesem Buch als Hardradi wiedergegeben.

Die Betonung liegt gewöhnlich auf der ersten Silbe. Diese Regeln können ebenfalls auf Altenglisch und, weniger akkurat, auf Russisch angewandt werden – aber natürlich nicht auf Griechisch, wo die üblichen Konventionen der Transliteration Anwendung finden.

Das Zitat aus dem Agamemnon in Buch eins, Kapitel X stammt aus Edith Hamiltons Übersetzung in Three Greek Plays, mit freundlicher Erlaubnis der Herausgeber W. W. Norton and Company, Copyright 1937 (W. W. Norton and Company, Inc.).

Abschließend muss ich meine sehr reale Dankbarkeit an mehrere Leute ausdrücken: an meine Frau Karen, an Marvin Larson, Philip K. Dick und Reginald Bretnor für ihren Rat und ihre Ermutigung, an Willy Ley und Dr. Leland Cunningham für Hilfe mit der historischen Astronomie, an Kenneth Gray, nicht nur für den Vorschlag für den Titel, sondern auch dafür, dass er sein gewaltiges Wissen über russische und byzantinische Geschichte nutzte, um Buch eins kritisch zu lesen, an den verstorbenen Professor George Guins für Hilfe mit einem schwierigen Aspekt russischer Kirchengeschichte. Aber alle Mängel und Fehler sind gänzlich meine eigenen.

Poul Anderson

FRÜHE KÖNIGE VON NORWEGEN

Alle gehörten zur Yngling-Familie, die nach Legenden vom Gott Yngvi-Freyr und tatsächlich von Harald Schönhaar abstammte, der die Vereinigung von Norwegen ungefähr 872 n. Chr. abschloss. Einige waren, obwohl sie den Titel König führten, lokale Vasallen. Könige von ganz Norwegen sind hier in kursiv, und die Daten ihrer Regierungszeit sind angegeben. Man sollte daran denken, dass die meisten dieser Männer Brüder oder Halbbrüder hatten, die nie einen Titel führten und nicht gezeigt werden. Es gab die folgenden drei Interregna: Haakon der Große, Jarl von Hladhi, herrschte zwischen Harald Graafell und Olaf Tryggvason, die Söhne von Haakon zwischen Olaf Tryggvason und Olaf dem Dicken (St. Olaf), und Svein Alfifasson als der Vizekönig von Knut dem Großen zwischen Olaf dem Dicken und Magnus dem Guten.

Spätere Könige stammten von Olaf Kyrre ab.

DAS GOLDENE HORN

Fröhlich und recht freudigsehen Mädchen die Staubwolkewenn wir geritten kommenzu Rögnvalds Stadt Skara.Hey! Lass uns den Pferden heißdie Sporen geben, damit die Mädchenaus weiter Ferne dem Lärmder Huftritte lauschen können!

Sighvat

Prolog

VON OLAF DEM DICKEN UND SEINER FAMILIE

Über Land kam eine Truppe Männer geritten. Sie waren die Leibwache des Königs von Norwegen, und er war auf dem Weg, um seine Mutter zu besuchen.

Der Winter lag immer noch über dem Hochland, aber als die Gruppe nach Süden und bergab zog, in die Provinz Hringariki, spürte sie die erste Frühlingsbrise. Hier wurden die Berge zu Hügeln, wo Fichten düster über dem Schnee standen. Die Sonne glitzerte hoch aus einem klaren Himmel. Lauter als Hufe im Matsch rauschte ein Fluss über Gestein Richtung See. Hin und wieder flatterte ein Rabe, erstaunlich schwarz, weg, als die Reiter näher kamen.

Sie waren große Männer, in zottige Pelze gekleidet, die sie über Brünnen aus Ketten geworfen hatten, und von der Kälte gerötet. Sonnenstrahlen flackerten wie Feuer auf ihren Helmen und Speerspitzen, die mit dem Trab ihrer struppigen kleinen Pferde auf und ab schnellten. Schilder klirrten an Kruppen, Leder knirschte, Eisen klapperte, manchmal erklang Gelächter. Olaf Haraldsson führte sie an. Er war nicht der Älteste, er hatte noch kein Vierteljahrhundert gesehen, aber er war der König. Er war von mittlerer Größe, breit gebaut und hatte einen Bauch. Man konnte ihn sogar fett nennen, aber schwere Knochen und hartes Fleisch lagen darunter. Sein Gesicht war breit, mit einem braunen Bart, einer schroffen Nase, einem großen Mund und kleinen eisblauen Augen. Er trug ein Schwert um seine Taille und eine Axt am Sattel.

»Wir sind beinahe durch den Wald«, rief er über seine Schulter. »Ich erinnere mich an die Landmarken. Wir sind bald da.«

»Das Bier auch?«, fragte sein Nebenmann.

Olaf grinste. Die Straße machte eine Kurve, der Wald endete, und Olaf ritt über Ackerland. Hier lag die Erde nackt zwischen Schneewehen und der Wind weckte auf jeder Pfütze kleine Wellen. Rauch stieg als Fahne von einem Haus zu ihrer Linken auf. Die Bewohner kamen heraus, um die Krieger anzustarren: kräftige Freibauern, langbeinige Frauen, Kinder, deren Haarschopf beinahe weiß war, alle in Wadmal und winterlichen Schaffellen. Waffen wurden gesenkt, als die Truppe keine Bedrohung darstellte. Hinter ihnen sah Olaf ihre Schweine, Ziegen und Rinder hinter Holzzäunen und dahinter andere Bauernhöfe wie diesen und Land, das sich im Süden bis zum Oslofjord außer Sichtweite erstreckte. Und dies war sein. Er war der König. Diese Tatsache war noch nicht zu alt, um sie innerlich laut zu rufen.

Bald sah er den See, den er kannte, und das Heim seiner Mutter. Sie hatte etwas, das ein eigenständiges Dorf war: Scheunen, Hütten, Werkstätten und Wohnhäuser an drei Seiten eines gepflasterten Hofs. An der vierten Seite stand die Halle, mit einem steilen Dach und Drachenköpfen, die von den Giebeln starrten. Boten waren vorausgeritten, um mitzuteilen, dass er kommen würde. Als er auf die Steine trabte, sah er, dass ihn der Haushalt in seiner besten Kleidung erwartete. Sein Pferd schnaubte müde, als er es zügelte.

Er stieg ab und marschierte zu der Tür, wo seine Mutter stand. Er legte seine Handschuhe ab und nahm mit plötzlicher Unbeholfenheit ihre Hände. Sie lächelte. »Willkommen, Olaf!«, sagte sie.

»Ich hätte schon früher kommen sollen«, murmelte er.

»Drei Jahre waren lang, ja. Aber es waren drei harte Jahre. Ich verstand gut, dass du keine Zeit entbehren konntest. Jetzt kommt herein, du und deine Männer.« Ihr Stolz ließ sie die Stimme heben. »Komm herein, König!«

Aasta Gudhbrandsdottir war eine groß gewachsene Frau, die immer noch aufrecht und schlank dastand, obwohl ihr volles blondes Haar mit grauen Strähnen durchzogen war. Sie sah ihm so mutig wie ein Mann in die Augen, und er wusste, dass es nicht nur daran lag, dass er ihr Sohn war. Sie hatte sich den Feinden seiner Familie mit demselben Blick entgegengestellt, als jene dieses Reich beherrscht hatten. Er erinnerte sich, wie sie sich immer für ihn gegen seinen Stiefvater, Sigurdh Syr, gestellt hatte und dass es hauptsächlich ihr Tun war, dass dieser nicht Norwegens Herrscher war.

Sorgfältig wie ein Junge streifte er seine Füße ab. Im Vorraum gab er einem Diener seinen Mantel, den Helm und die Brünne. Seine Kleider darunter waren gut, ein blaues Leinenhemd und eng anliegende Hosen, eine goldene Brosche an seinem Hals und ein Goldreif an einem behaarten Arm. Er und seine Leibwache folgten Aasta in den Hauptraum.

Lange und finster erstreckte dieser sich zwischen Säulen, in die Bestien und Helden geschnitzt waren. Feuer flackerte in den Gruben. Rauch stach in den Augen der Männer, ehe er sich an den hohen Dachbalken vorbei und durch die Löcher im Dach hinaus kräuselte. Aasta hatte frische Zweige auf den Boden und Kissen auf die Bänke legen und ihre feinsten Teppiche an die Wände zwischen die Waffen und Geweihe hängen lassen. Klapptische waren aufgestellt und mit Speisen beladen worden, Fässer mit Bier und Met standen daneben, die Frauen des Haushalts warteten darauf, alle zu bedienen. Olaf bekam den Hochsitz, der Sigurdh gehört hatte, an der Mitte einer Seitenwand. Seine Mutter setzte sich zu seiner Rechten.

Zuerst musste ihr Kaplan die Speisen segnen, denn Olaf war ein gläubiger Christ und fand, dass sein größtes Werk darin lag, das Heidentum im ganzen Land auszumerzen. Dann stürzten sie sich darauf, hackten Fleisch und Brot mit ihren Messern herunter, warfen Knochen zu den Hunden, leerten Horn um Horn, bis die Halle bebte. Erst nach dem Mahl, als die Tische abgeräumt waren und die Männer davongingen, um auf dem Anwesen zu ruhen, sprach Aasta viel mit Olaf.

Er hatte den Eindruck, dass er die Führung übernehmen sollte, und sagte unbeholfen: »Es ist schade, dass Sigurdh tot ist. Er war ein guter Mann.«

»Gut«, nickte sie. »Weise und sanft, und wir waren zusammen nicht unglücklich, er und ich. Aber ihm fehlte das Herz eines Königs.«

Schockiert über ihre Direktheit – ihr Mann war erst vor wenigen Monaten gestorben –, sagte Olaf: »Aber er … er war es, der die Anführer dazu bekam, mir gegen die Haakonssöhne zu helfen, als ich nach Hause gekommen war.«

»Weil ich ihn dazu brachte«, antwortete sie. »Ich spreche nicht schlecht über die Toten. Sigurdh Syr war ein mächtiger Freibauer und kein Feigling. Aber er war kein König, auch wenn er den Namen trug.«

»Mein Vater …« Olaf schloss den Mund, denn er hielt es für das Beste, die Sache ruhen zu lassen. Harald Gudhrodharson war König in der Provinz Vestfold und Aastas erster Ehemann gewesen, aber er hatte sie beiseiteschieben und Sigridh die Stolze von Schweden heiraten wollen. Und Sigridh hatte ihn ermorden lassen und gesagt, dass das diese kleinen Unterkönige lehren würde, nicht zu kommen und ihr den Hof zu machen. Später heiratete sie Svein Gabelbart, Herrn von Dänemark und Eroberer von England. Olaf hatte seinen Vater Harald nie gekannt, der gestorben war, ehe Olaf geboren wurde.

»Kannst du diese Felder alleine bewirtschaften?«, fragte er hastig. »Ich könnte einen vertrauenswürdigen Mann heruntersenden, um dir zu helfen.«

»Ich habe genug Leute«, sagte Aasta. »Es war sehr gut von dir, mich besuchen zu kommen. Du musst mir die ganze Geschichte erzählen, wie du diesen Winter die Könige im Hochland zerschmettert hast. Jetzt sind keine mehr übrig, die sich selbst auch nur Unterkönig nennen, oder?«

»Nein«, sagte er.

»Lass es so bleiben.«

»Das werde ich, wenn Gott es erlaubt.«

Aasta stand auf. »Aber willst du nicht die Kinder sehen?«, fragte sie. »Bleib hier, ich hole sie herein.«

Sie traten langsam ein, alle außer dem Jüngsten schüchtern ihrem erwachsenen Halbbruder gegenüber. Der Älteste war Guthorm, etwa zehn, dann kamen das Mädchen Gunnhild, der Junge Halfdan, das Mädchen Ingridh und schließlich der dreijährige Junge Harald.

Olaf beugte sich lächelnd vor. »Fürchtet euch nicht«, sagte er. »Hierher, kommt zu mir.«

Aasta führte die Jungen vorwärts. Guthorm und Halfdan sahen bereits wie ihr Vater Sigurdh aus, der große, bedächtige Mann, der mit seinen Händen geschickt gewesen war und auf den Feldern, die er liebte, selbst gearbeitet hatte. Einen nach dem anderen nahm Olaf sie auf die Knie, wie es der Brauch war. Um sie zu prüfen, brummte er und starrte sie finster an. Guthorm zuckte zurück, und Halfdan brach in Tränen aus. Olaf konnte sehen, dass Aasta unzufrieden war, aber er nahm Harald trotzdem hoch. Der Junge war groß für sein Alter, hatte scharfe Augen unter einer hellen Mähne. Seine Miene blieb unbeeindruckt, als ihn der König anfunkelte.

Olaf zupfte an seinem Haar. Sofort rupfte eine kleine Hand wütend an seinem Bart. Der König lachte und ließ Harald hinunter. »Du wirst rachsüchtig, wenn du erwachsen bist, Verwandter!«, rief er.

Am nächsten Tag wanderten Olaf und seine Mutter über die Ländereien. Ein warmer Wind hatte in der Nacht geweht, und jetzt schmolz der Schnee mit der Eile eines alten Mannes, der sterben und fertig sein wollte. Wolken hingen düster im Süden und kündigten Regen an, aber über sie strahlte Sonnenlicht. Ein Hase sprintete bei ihren Schritten fort und Spatzen lärmten auf den Feldern. Hoch oben segelte ein Adler, zwei Schwingen und ein Schnabel am Himmel.

Olaf und Aasta sprachen von alten Zeiten und allem, was seither geschehen war, und spazierten zum See hinunter. Er war vom Wind aufgewühlt, beinahe schwarz vor dem letzten Schnee und roch nach Feuchtigkeit. Eine Landzunge ragte ins Wasser hinaus, die auf ihrem Rücken zehn Bauernhöfe trug, von denen Rauch aufstieg. »Schau«, sagte Olaf, »dort drüben sind die Jungen.«

Guthorm und Halfdan bauten Spielzeughäuser aus Tonerde. Harald war alleine und ließ Holzstücke schwimmen. »Ständig bleibt er alleine«, sagte seine Mutter. »Seine Geschwister sind seiner überdrüssig.«

Olaf schlenderte hinüber, um ihn zu beobachten. Harald sah hoch und erwiderte seinen Blick mit blauen Augen, die für einen Dreijährigen seltsam kühl wirkten. »Was hast du da?«, fragte der König.

»Das sind meine Kriegsschiffe«, sagte Harald.

Olaf nickte und antwortete ernst: »Ganz sicher wird die Zeit kommen, Verwandter, wenn du viele Schiffe führen wirst.« Er drehte sich um und pfiff nach Guthorm und Halfdan, die kamen und sich stolz vor ihn stellten. »Erzähl mir, Guthorm«, sagte Olaf, »wovon du gerne das meiste hättest?«

»Kornfelder«, murmelte der Junge.

»Und wie groß sollten diese Felder sein?«

Guthorm errötete. »Sie sollten so groß sein, dass diese ganze Landzunge, die dort ins Wasser hinausragt, jeden Sommer mit ihrem Korn bepflanzt werden könnte.«

Olaf lächelte. »Ja, das wäre nicht so wenig Korn.« Zu Halfdan sagte er: »Und wovon willst du am meisten haben?«

»Rinder«, sagte Halfdan sofort.

»Und wie viele Rinder hättest du gern?«

»So viele, dass … dass …« Der Junge schwenkte eifrig die Hände. »Dass sie, wenn sie zum Trinken herunterkämen, dicht gedrängt um den See stehen würden.«

»Ihr seid wie euer Vater, ihr beiden«, sagte Olaf. »Aber Harald, wovon willst du das meiste haben?«

»Krieger«, sagte der Jüngste.

»Und wie viele Krieger willst du haben?«

»So viele, dass sie bei einer Mahlzeit alle Rinder meines Bruders Halfdan essen könnten.«

Olaf brüllte vor Gelächter. Als er seine Fassung wiederfand, sagte er zu Aasta: »Hier ziehst du einen König groß, Mutter!«

Er spazierte mit ihr weiter, und was sonst noch zwischen ihnen gesagt wurde, ist nicht bekannt.

BUCH EINS

DAS GOLDENE HORN

I

WIE SIE BEI STIKLASTADH KÄMPFTEN

1

In der Nacht vor König Olafs letzter Schlacht lagen seine Männer auf dem Boden und schliefen in Mäntel gewickelt unter ihren Schilden. Es war Ende Juli im Jahr unseres Herrn tausenddreißig, und die Nächte waren noch kurz und hell. Unter einem tiefblauen Himmel mit schwach leuchtenden Sternen hoben sich Hügel wie die Wellenbrecher eines Schiffs. Harald Sigurdharson ging mit dem Gefühl schlafen, dass diese ganze Erde ein Schiff war, das sich durch einen Nebel aus Sternen zu einem unbekannten Hafen aufmachte.

Eine Stimme, hoch und fröhlich, weckte ihn, ehe die Sonne aufging. Er setzte sich auf und versuchte zu sehen, wer dunkel vor dem Morgengrauen im Osten stand und sang. Das war der Isländer Thormodh Kohlbrauen-Skalde, der seine Kameraden mit dem alten Bjarkamaal wecken wollte.

Die Sonne geht auf,

des Hahns Federn rascheln,

es ist Zeit für Sklaven,

sich ans Werk zu machen.

Erwacht, Krieger,

erwacht nun,

all die guten

Burschen von Adhils.

Harald erschauderte. Er sagte sich, dass das nur daran lag, dass der Morgentau so kalt und schwer auf seinen Kleidern lag. Aber alle wussten, dass heute die Schlacht stattfinden würde.

Er stemmte sich auf die Füße und dachte, dass seine jun-genhaften Träume nie vorausgesehen hatten, wie weit er gehen musste, um einen Krieg zu finden. Der Ritt vom Heim seiner Mutter mit der Truppe, die sie für ihn ausgehoben hatte, war überhastet gewesen, hatte aber endlos gewirkt. Er hatte sich seltsam gefühlt, als er erfahrene Männer geführt hatte, und das mit der kühlen Art überspielt, die jede Freundschaft mit ihnen verhinderte. Als sie schließlich König Olaf getroffen hatten, musste das Heer dann das Gebirge überqueren. Und jetzt waren sie an den seewärtigen Hängen des Throndlag, nicht weit vom Fjord entfernt. Doch erst vor Kurzem hatten ihre Späher Feinde gesehen, die sich gegen sie sammelten.

Die Armee erwachte zum Leben, als Thormodh das Lied weitersang. Es gab ein Klirren von Waffen, ein Brummen von Stimmen, viel Husten und Klatschen von Händen. Harald schien die Streitmacht unzählbar, aber Rögnvald Brusason hatte ihm erklärt, dass sie sehr klein war, um ein ganzes Land zu gewinnen. Olafs Leibwache und andere Freunde aus der Zeit, bevor er aus dem Land vertrieben worden war, die Männer von Dag Hringsson, einem norwegischen Fürsten, der aus dem Exil zurückgerufen worden war, um zu helfen, die Schweden, die König Önund Jacob geschickt hatte, die Norweger, die wie Harald direkt von ihren Bauernhöfen gekommen waren, um sich anzuschließen, zählten zusammen weniger als viertausend, und viele von ihnen waren schlecht bewaffnet.

»Etwas Seltsames ist über Olaf gekommen«, war Rögnvald fortgefahren. »Diese Heiden, die geholfen hätten, sind jetzt …« Er schüttelte trübsinnig den Kopf. Denn nicht wenig gemeines Volk war gekommen, um unter dem Banner des Königs zu kämpfen, besonders Gesetzlose, die ihre Lage verbessern wollten, aber Olaf wollte nur getaufte Männer haben. Das hatte ihn fünfhundert Krieger gekostet, die fortgingen, statt die alten Götter aufzugeben. Jeder Mann, der übrig war, war angewiesen worden, das heilige Kreuz auf seinen Schild zu malen.

Harald ging auf den König zu. Er fand, es gehörte sich, dass er, Olafs Halbbruder, Thormodh für die Verse dankte, wie es andere taten. Olaf hatte drei Skalden dabei, denen er befohlen hatte, innerhalb eines Schildwalls zu bleiben und die Schlacht zu beobachten, sodass sie später der Welt erzählen konnten, was passiert war. Sie waren bitter eifersüchtig auf Sighvat Thordharson, den größten Skalden ihrer Tage und guten Freund des Königs. Er war jetzt nicht hier, weil er auf einer Pilgerfahrt nach Rom war, und die anderen hatten ihn dafür verspottet.

Harald kam rechtzeitig, um zu sehen, wie Olaf Thormodh einen schweren goldenen Armreif gab, und den Isländer Danke sagen zu hören: »Wir haben einen guten König, aber niemand kann sagen, wie lange er wohl leben wird. Gewähre mir dies, Herr, dass du uns nie getrennt sein lässt, im Leben oder im Tod.«

»Wir werden so lange zusammen sein, wie ich wählen kann, was passiert«, sagte Olaf sanft, »wenn du nicht von mir getrennt werden willst.«

»Ich hoffe, Herr, wie auch immer es im Krieg oder Frieden läuft, dass ich mit dir stehen darf, solange ich lebe«, sagte Thormodh. »Dann soll Sighvat mit seinem goldbeschlagenen Schwert hinziehen, wo er will!«

Harald wandte sich ab, ohne etwas zu sagen. Er hatte Tränen in den Augen von Männern gesehen.

Rögnvald Brusason zerrupfte gerade Fladenbrot und Pökelfleisch mit den Zähnen. Er nickte Harald zu, dass er sich zu ihm setzen sollte.

»Ein kaltes Frühstück«, sagte der Junge.

»Wir haben vielleicht auch ein kaltes Abendessen«, sagte Rögnvald.

Er war ein großer, schlanker Mann, sehr gut aussehend, mit langem hellem Haar und Bart, der Sohn eines Jarls von Orkney und einer der Männer, die dem König am nächsten standen. Olaf hatte Haralds Männer zu seinen befohlen, und diese beiden waren gute Freunde geworden. Obwohl Harald erst fünfzehn Jahre alt war, lag kein großer Altersunterschied zwischen ihnen.

Hörner wurden hallend geblasen. Die Armee sammelte sich und zog weiter die Straße durch das Tal entlang. Bald zog Bodennebel auf. Selbst zu Pferde und oberhalb der dichtesten Schwaden wurde Haralds Mund trocken. Die Helme unter ihm wirkten grau.

Einmal erhaschte er einen Blick auf ein Scharmützel, als Waffen in der Sonne aufblitzten. Er wollte hinreiten. Rögnvald legte ihm eine Hand auf den Arm. »Langsam, Junge. Das sind nur ein paar Späher, die tot sein werden, bevor du dort hinkommst. Du wirst bis Sonnenuntergang noch genug kämpfen.«

Eine Geschichte verbreitete sich durch die unordentlichen Reihen, gefolgt von brüllendem Gelächter. Olaf hatte den Anführer dieser feindlichen Vorhut erkannt, die unerwartet auf sein Heer gestoßen waren. Es war ein Isländer namens Hrut, was »Hammel« bedeutet. Er hatte zu den Isländern in seiner Leibwache gesagt: »Man sagt mir, dass in eurem Land jeder Hausherr seinen Knechten jeden Herbst ein Schaf geben muss. Heute gebe ich euch einen Hammel zum Schlachten.« Hrut und seine Männer wurden sofort niedergemetzelt. »Das ist wieder wie der alte Olaf!« Zähne blitzten unter dem schweißgetränkten Schmutz in Rögnvalds Gesicht auf.

Ansonsten, dachte Harald, war wenig von dem König übrig, den er gekannt hatte, außer Tapferkeit. In seiner Jugend war Olaf der Dicke unter den wildesten Wikingern gewesen, die England überfallen hatten. Das war, nachdem sein Namensvetter, König Olaf Tryggvason, getötet worden und Norwegen unter Dänen, Schweden und rebellischen Haakonssöhnen aufgeteilt worden war. Das Heidentum war wieder erblüht. Als Olaf Haraldsson heimgekehrt war, um sein Geburtsrecht einzufordern, hatten ihm sein Stiefvater Sigurdh Syr und andere Anführer geholfen, die die Fremdherrschaft leid waren. Er schlug die Ausländer und die Jarle, er zog gegen die Unterkönige aus dem Hochland, tötete einige und verstümmelte andere, bis er alleine den Titel König in Norwegen trug. Er kämpfte gegen den mächtigen König von Schweden, aber heiratete schließlich dessen Tochter. Er unterwarf die Jarle von Orkney und machte diese Inseln wieder zu einem norwegischen Lehen. Überall behandelte er seine eigenen Norweger, wie ein Reiter ein ungezähmtes Pferd behandelt. Mit milden Worten, wenn er konnte, öfter mit Schwert und Feuer, brachte er sie zur Verehrung von Christus und unter seine eigene Herrschaft.

Aber genau diese Allmacht hatte ihm Schwierigkeiten bereitet, dachte Harald. Immer mehr Norweger begannen Olaf den Dicken zu hassen. Viele wandten sich heimlich an Knut den Großen, König von Dänemark und England, der Norwegen wegen des Siegs seines Vaters Svein Gabelbart über Olaf Tryggvason auch für sich beanspruchte. Am Ende erhoben sich Anführer und Freibauern gemeinsam zu einer Revolte, die Dänen kamen ihnen zu Hilfe, und Olaf der Dicke war gezwungen, zu fliehen und bei Großfürst Jaroslaw in Russland Schutz zu suchen.

Aber jetzt, nach anderthalb Jahren, als Knuts dänische Jarle im Meer ertrunken waren, war Olaf nach Hause zurückgekehrt. Mit allen Männern, die er versammeln konnte, Russen, Schweden, Norwegern, trachtete er wieder nach seiner Königswürde.

Haralds Gesicht mit dem Bartflaum wurde entschlossener. Dass diese Verräter, diese Schweine es wagten, sich gegen Olaf zu stellen! Ihren König!

Aber in Wahrheit hatte sich Olaf in Russland verändert, er hatte sich so sehr verändert, dass sein Spott über Hrut verblüffend war. Der Mann, der einst sture Freibauern wie Weizen niedergemäht hatte, hatte in letzter Zeit Geld gespendet, um Messen für die Seelen der Feinde, die fallen würden, zu bezahlen. Er hatte Plündern und Brandschatzen verboten. Er hatte versucht, seine Armee auf der Straße zu halten, sodass kein Getreide zertrampelt würde. Er sprach freundlich mit jedem Mann. Manchmal hatte er Visionen.

Harald machte ein Kreuzzeichen. Ihm fehlte die Frömmigkeit seines Verwandten, aber das Wiedererwachen des Heidentums, das er während Olafs Exil gesehen hatte, hatte ihn erzürnt – dass Männer das taten, was ihr rechtmäßiger Herrscher verboten hatte.

Sie mussten an diesem Tag nicht weit kommen. Olaf suchte nur nach einem Feld, das gut zu verteidigen war. Auf einem hohen Hügel über einem Bauernhof nahe Stiklastadh bliesen die Hörner zum Halt. Rögnvald und Harald banden ihre Pferde an, denn im Norden kämpften Männer zu Fuß und halfen einander, Rüstungen anzulegen. Unterpolster, Helm mit Nasenschutz, rasselnde knielange Ringbrünne, kleiner Holzschild mit seinem einzelnen Handgriff, Schwert in der Scheide an der Hüfte: Alles sandte einen Schauer wie Wein durch den Jungen. Danach beobachtete er, wie sich Männer hinter den Bannern ihrer Anführer an ihre Plätze stellten. Rögnvald blinzelte zum Horizont.

»Dags Truppe ist noch nicht in Sicht«, sagte er. Sie hatte einen anderen Weg genommen. »Am besten fragen wir den König, was wir tun sollen.« Er schob sich durch das Gedränge. Harald trabte ihm hinterher.

Olaf sprach gerade mit einem kräftigen, ergrauten Freibauern, drehte sich aber um, als Rögnvald näher kam.

»Guten Tag!«, grüßte er. »Was ist das Problem?« Als der Mann aus Orkney es erklärt hatte, beschloss Olaf: »Dann übernehmen am besten die Hochländer den rechten Flügel. Stell deine Standarte auf, um sie dort zu sammeln.«

Sein Blick fiel auf Harald, und er strich sich über den Bart und starrte, bis sein Halbbruder nervös wurde. Trotz seiner Jugend war Harald bereits so groß wie die meisten Männer, mit breiten Schultern und einer schmalen Taille und großen, aber wohlgeformten Händen und Füßen. Dichtes helles Haar fiel um ein hageres Gesicht mit einer langen, geraden Nase, einem kantigen Kinn und dünnen Lippen. Über großen, hellen Augen waren die Brauen dunkel, die linke höher als die rechte, was ihm den Anschein verlieh, immer die Welt zu betrachten und zu grübeln, wie er sie umstürzen konnte. Seine Kleidung war gut und mit Goldfäden verziert, wie es seinem Stand angemessen war, aber von der Reise beschmutzt wie die von allen anderen.

»Ich glaube, du hältst dich besser aus der Schlacht heraus, Verwandter«, sagte Olaf. »Du bist noch nicht mehr als ein Kind.« Harald spürte, wie ihm heiß wurde. Es machte ihn wütend, dass seine Stimme bebte, als er antwortete: »Nein! Ich werde dort sein. Sollte ich zu schwach sein, um mein Schwert zu halten, dann kannst du es an meine Hand binden und dann sehen, dass ich nicht mehr Mitleid für diese Bauern habe als du. Aber … aber … ich werde mit meinen Leuten kämpfen!« Er japste nach Luft und suchte hastig nach einem Weg, seine Worte zu festigen. Es war angemessen, in großen Momenten Verse zu schmieden, und die Männer auf Aastas Hof hatten ihm die Skaldenkunst ebenso wie das Führen von Waffen beigebracht. Er platzte mit einem heraus, den er vor nicht allzu langer Zeit gedichtet hatte:

Nichts soll eine Frau je

sehen, als dass ich tapfer

meinen Platz verteidige und gierig

die Gleve mit Röte beschmiere.

Der junge tatenwürdige Krieger

wird nicht vor Speerschäften zurückweichen,

die fliegen, wenn sich die Männer

beim blutigen Treffen versammeln.

Olaf seufzte. »Dann bleib«, sagte er in einem besorgten Tonfall. »Es ist Gottes Wille, ob du lebst oder stirbst.«

Er wandte sich wieder an den Freibauern, dem der Hof in der Nähe gehörte, und fuhr fort: »Thorgils, mir wäre lieber, wenn du dich aus dem Kampf heraushältst und mir stattdessen versprichst, dich um die Verwundeten zu kümmern und die Gefallenen zu begraben. Und sollte ich sterben, versorge meine Leiche, wie es nötig ist, falls sie das nicht verbieten.«

Der Mann nickte schweigend, drückte seine Hände zwischen die des Königs und hastete mit einem kleinen Stolpern davon.

Harald ging mit Rögnvald zu seinem Posten und fragte sich, ob er sich zum Narren gemacht hatte. Aber bald war er ohnehin vergessen, weil sich Olaf erhob, um zu seinen Männern zu sprechen. Er stellte sich auf einen Felsen, sodass ihn alle sehen konnten, in Kettenhemd und verziertem Helm, eine Hand trug einen Speer und die andere einen weißen Schild mit einem goldenen Kreuz, das Schwert an die dicke Taille gegürtet. Seine Worte rollten mit dem Volumen eines Seemanns heran:

»Wir haben ein großes und gutes Heer, und selbst wenn die Bauern etwas mehr Männer haben, war es immer eine Sache des Glücks, welche Seite gewinnt. Und wisst dies: Ich werde nicht vor dieser Schlacht fliehen, für mich heißt es Sieg oder Tod, und ich bitte, dass das Ergebnis das wird, was Gott für das Beste hält. Lasst uns Trost darin suchen, dass wir wissen, dass unsere Sache die bessere ist …«

Sein Banner flatterte in einer Windböe über seinem Kopf, der in der Sonne golden leuchtete. Die Männer jubelten. Als er sie drängte, am Anfang, so stark sie konnten, vorwärts zu marschieren und die vorderen Reihen des Feindes in die Flucht zu schlagen, sodass einer über den anderen stolpern würde und es umso schlimmer für sie würde, desto mehr da wären, dachte Harald wild, dass dieser Herrscher die Tore der Hölle stürmen konnte.

Immer noch zeigte der Feind sich nicht. Als Olaf fertig gesprochen hatte, setzte sich seine Armee im langen Gras hin und wartete. Harald ließ seinen Blick wandern. Hinter ihm lagen die dicht gedrängten Gebäude des Bauernhofs, Holzwände und Reetdächer. Rinder grasten auf der Wiese mit einer Ruhe, die unerhört wirkte. Hinter ihnen glitzerte ein Fluss. Anderswo sah er Hügel, Felder, die unter der Brise grün wogten, die dunkle Masse eines Waldes. Als er aufstand, sah er, dass einige weitere Männer gekommen waren, um mit dem König zu sprechen. Aber kurz darauf ließen sie ihn allein. Olaf schlief mit dem Kopf auf Finn Arnasons Schoß ein. Der kräftige Finn Arnason, aus einer mächtigen norwegischen Familie, unterstützte den König, obwohl sein eigener Bruder Kalf im Rebellenheer hochgestellt war. Harald dachte, dass dies ein bitterer Tag für ihn sein musste.

Der Junge versuchte, mit Rögnvald zu sprechen, der locker dalag und an einem Grashalm kaute, aber das Gespräch verstummte bald. Würden sie ewig hier sitzen?

Als schließlich ein Schrei ertönte, zuckte Harald zusammen, als hätte ihn ein Pfeil getroffen. Die Feinde kamen ins Blickfeld.

Sie marschierten über einen Hügel, endlos, Speere über Speere über Speere. Das dumpfe Trampeln von Tausenden Füßen erreichte Harald über Meilen. Da kamen sie, dachte er mit pochendem Herzen, da kamen sie unter den Bannern ihrer Anführer: einfache bärtige Männer in grauem Wadmal, Bauern, Fischer, Tagelöhner, Knechte, einfache Leute, die nicht besteuert und bestraft und in eine Kirche getrieben werden wollten, die sie kaum verstanden. Welle um Welle von ihnen ergoss sich langsam ins Tal hinunter. Es war, als würde sich die Erde wütend erheben, um ihre Könige abzuschütteln.

Rögnvald pfiff. »Hundert mal hundert – mindestens«, sagte er. »Morgen werden die Raben fett sein.«

Finn Arnason schüttelte Olaf, der blinzelte und leise sagte: »Warum hast du mich geweckt? Warum hast du mich nicht meinen Traum genießen lassen?«

»Du hast wohl kaum so gut geträumt, dass du dich nicht besser bereit machst«, sagte Finn. »Siehst du nicht, dass das ganze Bauernheer jetzt auf den Beinen ist?«

Olaf sah den Hang hinunter. »Sie sind noch nicht so nahe, dass es besser war, mich zu wecken, statt mich träumen zu lassen.«

»Was war denn dein Traum?«, knurrte Finn.

»Ich dachte, ich sah eine hohe Leiter, und ich kletterte so weit hinauf, dass der Himmel sich vor mir öffnete.«

Finn machte Anstalten, sich zu bekreuzigen, aber aus alter Gewohnheit machte er Thors Hammer. »Ich denke nicht, dass dieser Traum so gut war, wie du glaubst«, sagte er. »Ich denke, er bedeutet, dass du ein todgeweihter Mann bis, falls es nicht nur ein Traumnebel war, der über dich kam.«

2

Der Kampf wurde immer noch verzögert. Die Freibauern brauchten Zeit, um ihre Reihen zu schließen, während ihre Anführer vor ihnen predigten, und Olaf wartete noch auf Dag. Schließlich sahen sie den Fürsten, Meilen entfernt in einer Rauchwolke, aber er würde erst in einer Weile ankommen. Haralds Zunge fühlte sich dick und trocken an, als müsste er sich übergeben.

»Vorwärts, vorwärts, Freibauern!« Die Schreie hingen in der Luft, die sehr still geworden war. Langsam kamen die Feinde den Hang hoch. Hinter den Schlachtreihen machten sich Bogenschützen und Männer mit Schleudern bereit.

Sie waren nur einige Meter entfernt, als sie wieder stehen blieben. Harald konnte ihre Gesichter sehen, ihre Arme, eine Narbe, die einen Mund verzerrte, und einen scharlachroten Mantel, der das beste Kleidungsstück eines anderen sein musste. Hinter ihrer ersten Reihe wurde er sich nur ihrer Vielzahl bewusst.

Eine kleine Gruppe trat aus der Formation, um mit Olaf zu sprechen. Rögnvald zeigte sie Harald. »Das ist Kalf Arnason, und das ist Thorgeir aus Kvistadh, und das ist Thorstein der Schiffsbauer. Er hasst Olaf, weil der König einmal zur Strafe sein bestes Schiff genommen hat. Ich sehe Thori Hund noch nicht – doch, da ist er und marschiert unter diesem grünen Banner nach vorne.«

Für Harald, für den diese Männer nur Namen und Taten gewesen waren, war es seltsam, sie aus Fleisch und Blut zu sehen. Er konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass sie irgendwie mehr als Männer waren, genau wie es Olaf war, und dass heute mehr ausgekämpft würde, als wer Norwegen beherrschen sollte.

Scharfzüngige Worte drangen von den Brüdern Kalf und Finn zu ihm. Olaf sagte etwas darüber, sogar zu dieser späten Stunde noch Frieden zu schließen, aber die Anführer gingen zurück zu ihren Heeren. Und jetzt nahmen Thori Hund und seine Männer ihre Stellung an der Spitze ein, und Rögnvald legte Harald eine Hand auf die Schulter. »Halte deinen Schild schräg hoch«, erinnerte er ihn. »Sie werden schießen.«

»Vorwärts, vorwärts, Freibauern!«

Olafs Heer brüllte den Kampfschrei, den er ihnen gesagt hatte, zurück: »Vorwärts, vorwärts, Christenmänner, Männer des Kreuzes, Männer des Königs!«

Harald hörte das finstere Pfeifen von Pfeilen, die hinter ihm hochschossen. Er sah, wie ein anderer Schwarm diesen am Himmel traf und auf ihn herabstürzte. Etwas schlug gegen seinen Schild, er spürte, wie ein Stein abprallte, ein Pfeil traf den Rand des Schilds und blieb stecken, ein Speer zischte vorbei. Er erkannte mit gewaltigem Erstaunen, dass er jetzt wirklich in einer Schlacht war. Es war wie die Erkenntnis vor zwei Jahren, dass er mit seinem ersten Sklavenmädchen geschlafen hatte.

»Los!«, brüllte Rögnvald. Der Standartenträger aus dem Hochland rannte los.

»Vorwärts, vorwärts, Christenmänner, Männer des Kreuzes, Männer des Königs!«

Als er den Hang hinunterstürzte, bekam Harald einen Blick auf das feindliche Heer weiter unten. Irgendwie hatten die Männer an den Flanken Olafs Schrei aufgenommen, und ihre Kameraden attackierten sie blindlings. Gelächter dröhnte in seiner Kehle.

Ein Mann vor ihm stöhnte und fiel auf die Knie. Ein Pfeil ragte aus seinem Auge. Er fasste nach ihm, rollte sich herum, und Harald glitt auf dem Blut aus, das aus seinem Gehirn floss. Der Junge bemerkte kaum, wie er sich aufrappelte und Rögnvald folgte.

Plötzlich war die feindliche Front vor ihm. Er sah ein Gesicht über einem Schild. Jeder Zug brannte sich in sein Gedächtnis: dichte blonde Brauen, große Nase, raue Poren. Sein Schwert zischte herab und traf den Rand des Schilds.

Der Freibauer schnaubte und schlug mit einer leichten einhändigen Axt zu. Harald fing den Hieb mit seinem eigenen Schild ab und taumelte unter der Wucht. Er zielte tiefer, schlug nach den Beinen des Kerls und sah, wie die Wade aufgeschnitten wurde. Der Freibauer jaulte und stolperte rückwärts. Harald drängte vorwärts und hackte zu. Zähne grinsten ihn an, ein anderer Mann stand dort. Wo war der erste hingekommen? Etwas traf seinen Helm, und er taumelte. Sein Kopf dröhnte. Er schlug wild um sich und erwischte mit seiner Klinge einen Axtgriff. Das Schwert wurde ihm beinahe aus der Hand gerissen. Dann schob sich noch ein dritter Mann vor ihn. Sie hauten aufeinander ein. Er sah Rost am Schwert des anderen.

War dies die Schlacht, dachte er düster – dieses Trampeln und Rutschen und Hämmern, in einem Mahlstrom aus stinkenden Körpern? Aber … wusste man am Ende jemals, ob man irgendjemanden getötet hatte oder nicht?

»Folge dem Banner«, hatte der alte Hrafn gesagt. »Folge immer dem Banner, oder du wirst nicht wissen, wo du bist.« Er war Aastas Hufschmied gewesen, bis das Alter und Rheuma ihn zu schwach gemacht hatten. Die Leute flüsterten sich zu, dass er heimlich immer noch heidnische Opfer darbrachte, und tatsächlich hatte er nervös gefragt, ob sie ihm Höllenschuhe an die Füße binden würden, wenn er tot war, für die lange Reise dorthin.

Einst aber war Hrafn ein großer Wikinger gewesen, und er hatte Harald viel Waffenkunst und Geschichten über weit entfernte Orte gelehrt. Jetzt lag er in der Erde. Harald erinnerte sich flüchtig, dass ihm niemand Höllenschuhe angezogen hatte.

Als der Jugendliche eine Gelegenheit hatte, blickte er auf, sah Rögnvalds Standarte über einem Schwarm aus Helmen aufragen und erzwang sich einen Weg dorthin. Pfeile, Speere, Steine hagelten herunter. Er sah einen Bluterguss an seinem linken Arm, wo das Hemd unter der Brünne zerrissen war, und fragte sich, wie der dort hingekommen war.

Rögnvald Brusason sah ihn und brüllte: »Wir treiben sie zurück! Wir treiben sie zurück, hörst du?«

Ein leises Schallen von Hörnern erklang von der Seite. Die Freibauern hatten das Heer des Königs flankiert und kamen in drei Fronten näher. Ihre vordersten Krieger hackten mit Axt und Schwert, die hinter ihnen stachen mit Speeren, und weiter hinten feuerten die Bogenschützen und Steinschleudern ohne Unterlass. Harald sah einen Mann fallen, mit dem er erst gestern gewürfelt und geprahlt hatte. Füße trampelten die Leiche in den Boden.

Vorwärts! Er hackte und hackte, blockte Hiebe mit seinem Schild ab, bis er splitterte, als hätten Mäuse an ihm genagt. Ein Mann war vor ihm, er schlug zu, sein Schwert biss tief in den roten Hals, und der Mann ging zu Boden. Aber es gab keine Zeit, um sich über diese erste Beute seines Lebens zu freuen. Schweiß brannte in seinen Augen und tränkte seine Kleidung.