Leben ist - Marco Miele - E-Book

Leben ist E-Book

Marco Miele

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Beschreibung

Wie schön und unbeschwert wäre unser Leben doch, wenn wir in jedem Moment immer präsent sein könnten, ohne über Vergangenes zu grübeln oder uns um die Zukunft zu sorgen. Wäre es nicht möglich, dass unsere Sorgen und Ängste weniger würden und wir das Leben mehr genießen könnten, wenn wir uns nur öfter dem Hier und Jetzt widmeten? Erlebe auf der Reise in diesem Buch all die schönen und spannenden Geschichten, die das Leben selbst geschrieben hat, und entdecke das Geheimnis über die Magie des Augenblicks.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Marco Miele

LEBEN IST

Marco Miele, in Waiblingen bei Stuttgart geboren und aufgewachsen, ist mehrfach ausgezeichneter Magier, Mentalist und Hypnotiseur. Er tritt seit über 20 Jahren erfolgreich international auf und ist Preisträger des Merlin Award, der international renommiertesten Auszeichnung unter Magiern. Außerdem wurde er im Jahr 2020 bei „Italia’s Got Talent“ bester Magier der Staffel.

Sein erstes Buch „Leben ist“ lädt zum Nachdenken, Träumen und Lachen ein. Anhand spannender Geschichten, die er im Laufe seines Lebens als Zauberkünstler erlebt hat, beschreibt er auf unterhaltsame und gleichzeitig tiefsinnige Weise, wie erfüllend es sein kann, sich dem Hier und Jetzt, der „Magie des Augenblicks“, hinzugeben und wie sich so jeder seine Portion Glück ins Leben holt.

Da ihm die Kleinen unter uns besonders am Herzen liegen, kommen alle Einnahmen des Buches bedürftigen Kindern zugute.

„Wir saßen da … im magischen Augenblick,der alles Leben und noch mehr umfasst.Und da begann ich, mich frei zu fühlen.“

Marco Miele

Originalausgabe © 2020 Marco Miele

1. Auflage

Autor: Marco Miele

Umschlaggestaltung & Illustration: Yvonne Müller

Lektorat: Sophie Marchand, Michèle Marchand

Fotos Autor: © by Daniela Kleih Photography

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-19810-4 (Softcover)

978-3-347-21433-0 (Hardcover)

978-3-347-21434-7 (E-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Sophie

INHALT

Wie alles begann …

Amsterdam

Eine ungewöhnliche Therapie

Nur 8 Zigaretten

Let’s talk about SEX

Jürgen

Frag doch einfach!

Eine unerwartete Freundschaft

All you need is LOVE

Die Kunst der Verführung

Der perfekte Illusionist

Leben ist

Träume

Wie alles begann …

Was dachtest Du, als Du den Titeldes Buches gelesen hast?

„Leben ist“

Ja – was ist Leben denn?

Vielleicht ging es Dir wie vielen Menschen, die eine Lücke sehen: Sie wollen sie füllen. Sie können nicht ertragen, dass irgendwo ein freier Raum herrscht. Sie mögen nicht, dass Dinge unausgefüllt sind. Eigentlich wären wir damit bereits mitten im Thema – aber lass uns von vorne beginnen.

Der endgültige Impuls, die Arbeit an diesem Buch aufzunehmen, verschaffte mir Robert, ein alter Bekannter von mir, den ich kürzlich durch Zufall in der Stadt traf. Wir plauderten ein wenig über dieses und jenes. Er sah ziemlich bedrückt aus und tatsächlich erzählte er mir, dass er mit seiner Frau gerade in einer Ehekrise steckte. Die gemeinsamen Kinder vereinfachten die Situation natürlich nicht, sodass er mitten in einer Familienkrise stand.

Während er mir davon erzählte, merkte ich, dass ich immer wieder den Fokus verlor. Mir fiel es schwer, Robert zuzuhören und die Aufmerksamkeit zu halten. Womöglich lag es daran, dass ich die Nacht über nicht gut geschlafen hatte, dass mir dann am Morgen in der Küche das Honigglas aus der Hand glitt und der Boden mit dutzenden Scherben sowie jeder Menge Honig bedeckt war … der Tag startete also bestenfalls bescheiden und dieses Gefühl trug ich in das Gespräch mit Robert hinein.

Später, lange nachdem ich mich von Robert verabschiedet hatte, wurde mir klar, dass sich unser Gespräch bedauerlicherweise sehr leer angefühlt hatte. Es war, als hätte etwas „gefehlt“, von dem ich nicht wusste, was es war.

Ich mochte Robert und seine Erzählung berührte mich, aber irgendwas in mir lenkte meinen Geist immer wieder von dem Gespräch weg. Ich fühlte mich, als wäre ich gar nicht richtig anwesend gewesen.

Nun halte ich nichts davon, die Ursache im Außen zu suchen. Wenn ich mich nach einem Gespräch nicht befriedigt fühle, kann mein Gesprächspartner nichts dafür; ich muss die Ursache bei mir selbst suchen. Gerade dann, wenn ich Veränderungen anstrebe oder mit einem Zustand nicht zufrieden bin.

Und das tat ich dann auch: Ich ließ mich in dem Park nieder, der mir so oft schon ein Ort des Rückzugs gewesen war, genoss die zarten Sonnenstrahlen, die sich durch die Wolken kämpften und atmete einfach nur ruhig, im Beisein zwei, drei kleiner Bienen, die um mich herum surrten.

Die Begegnung mit Robert ging mir nicht wirklich aus dem Kopf und ich brauchte auch nicht lange, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Während des Gesprächs mit ihm in der Stadt, schenkte ich ihm nicht meine volle Aufmerksamkeit. Robert war in diesem Moment sozusagen nicht meine Hauptattraktion.

Die Beobachtung darüber, dass ich mich viel zu oft „im Kopf“ befinde, dass ich mit den Gedanken in der Zukunft oder in der Vergangenheit hänge – aber zu selten im Hier und Jetzt, war etwas, das mich immer wieder im Leben beschäftigt hatte.

Wieso war mir das zerbrochene Honigglas oder die schlaflose Nacht wichtiger, als Robert in die Augen zu schauen, seinen Worten zu lauschen und mir einen Reim auf sein Gesagtes zu machen? Kurz: Warum konnte ich nicht für ihn da sein, so wie er es in dem Moment gebraucht hätte?

Vielleicht gingen Dir auch schon mal ähnliche Gedanken durch den Kopf.

Nicht nur bei Gesprächen mit Bekannten, sondern auch in vielen alltäglichen Situationen können wir uns selbst dabei beobachten, wie selten wir fokussiert bei der Sache sind:

Ob beim Sport, beim Autofahren, beim Essen kochen oder spazieren gehen – wir nehmen die Umwelt selten bewusst wahr, begeben uns selten in den jetzigen Moment, sondern beschäftigen uns gedanklich mit dem, was wir noch erledigen müssen oder früher mal erlebt haben. Besonders das Smartphone und die sozialen Medien bringen uns bedauerlicherweise oft von unserer Wirklichkeit ab.

Ich glaube, dass sich einer der größten Irrtümer hinter der Annahme verbirgt, dass wir als Mensch dauernd irgendwo „ankommen“ wollen. Wir sind versteift darauf, Ziele zu setzen und diese erreichen zu müssen.

Wir wollen Erfolge erzielen, streben nach Anerkennung. Dabei vergessen wir häufig, wie wertvoll und befriedigend es ist, dem Menschen an Deiner Seite zuzuhören, ihm in die Augen zu schauen und genau zu beobachten, wie er etwas erzählt und was er eigentlich damit sagen will. Den Gedankenturbo runterzustellen, voll und ganz in den Moment einzusteigen und wirklich ANWESEND zu sein.

Wahrscheinlich hätte mir genau das bei Robert geholfen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass das Berührendste und Befriedigendste im Leben jene Momente sind, die wir im Hier und Jetzt voll erleben. Und zwar unabhängig davon, ob sie schön sind oder nicht. Diese Erkenntnis zu teilen und weiter zu schenken, treibt mich an, dieses Buch zu schreiben.

Folge mir auf die wundersame Reise des Lebens, die mir gezeigt hat, wie vielfältig die Palette magischer Momente sein kann und erlebe, wie und wem sie sich zeigt.

Lasse Dich darauf ein zu erfahren, wo und wann sich die Magie des Augenblicks entfalten kann, ob beim drohenden Flugzeugabsturz, in Gesellschaft mit einer vermeintlich berüchtigten Rockergruppe, in der sinnlichen Vereinigung zweier Körper oder in der Ergründung der Liebe …

Erkenne, dass Dir das Leben selbst verloren geht, wenn Du zu sehr in der Vergangenheit oder in der Zukunft festhängst und die Gegenwärtigkeit nicht voll auskostest.

Denn genau dort passiert das Leben.

Dieses Buch möchte Dir zeigen, wie viel Lebenskraft Du aus dem Zauber des Augenblicks schöpfen kannst, wenn Du Dich auf ihn einlässt und wie viel Glück Dir das Leben damit zu schenken vermag.

Wir starten in einer der großartigsten Städte, die ich je kennen lernen durfte:

Amsterdam

Amsterdam

Ein von Gewässern und Kanälen durchzogener Traum, in dem Gastfreundlichkeit auf Heimatliebe trifft, Multi-Kulti auf „typisch Niederlande“ und sensible Nasen auf feinsten Geruch, den insbesondere Jugendliche von weitem erkennen.

Ich bin gerne hier, kann mich kulturell weiterbilden, interessante Menschen kennen lernen, die Natur entdecken und spazieren gehen – oder einfach nur gemütlich mit Freunden einen interkulturellen Abend genießen.

Zu gerne erinnere ich mich etwa an einen lauen Sommerabend im Juli 2016, als ich mich eigentlich nur mit einem alten Bekannten in Amsterdam treffen und ein paar Bier trinken wollte. Nach zwei oder drei Stunden waren wir nicht mehr nur zu zweit; sondern eine richtige Ansammlung an Frauen und Männern geworden, die mehrstimmig fröhliche Lieder sangen, weil einer seine Gitarre mitgebracht hatte.

Schnell verbreitete sich unsere Stimmung wie ein Lauffeuer und es stießen immer mehr Menschen dazu. Gegen Mitternacht gingen wir dann noch gemeinsam in einen der anliegenden Clubs und tanzten und feierten bis spät in die Nacht. Obwohl wir eigentlich nur ein oder zwei Bier trinken wollten – DAS ist Amsterdam.

Auch mein Beruf als Magier und Hypnotiseur brachte mich immer mal wieder dorthin; ich war mittlerweile so häufig dort, dass mich die Angestellten in meinem Lieblingshotel schon mit Vornamen ansprechen: Wenn ich dort einkehre, fühlt es sich fast ein kleines bisschen so an, als käme ich nach Hause.

Anfang 2019 zog es mich wieder dorthin. Sintal, ein sehr herzlicher Mensch mit indischen Wurzeln, war offenbar neu im Team und begrüßte mich freudestrahlend an der Hotelrezeption. Es gibt Menschen, zu denen man direkt eine Verbindung und Energie fühlt; bei ihm war das der Fall.

Wir kamen sofort ins Plaudern und ich fand es ein wenig schade, das Gespräch so abrupt beenden zu müssen, da ich um 18:00 Uhr zum Abendessen mit einer Freundin verabredet war. Sintal überreichte mir meine Zimmerschlüssel für die drei Nächte und ich zog meinen kleinen Koffer hoch auf die zweite Etage.

In meinem Zimmer angekommen, stellte ich zweierlei fest: Erstens hatte meine Freundin abgesagt. Plötzlich aufgetretenes Fieber! Na toll. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, sie nach einer gefühlten Ewigkeit wiedersehen zu können, aber manchmal läuft es eben unglücklich. Und zweitens musste ich feststellen, dass offensichtlich das Bad nicht ordentlich gereinigt worden war.

Entweder wurde dies vergessen oder die Reinigungskraft ist unterbrochen worden … nach so etwas Ähnlichem sah es aus, denn selbst die Handtücher lagen noch auf dem Boden. Ich bin eigentlich nicht kleinlich bei sowas, aber das ging dann doch zu weit und irgendwie fühlte ich mich mit der Zimmerzuteilung nicht mehr richtig wohl.

Ich legte meine Sachen ab und ging wieder runter zur Rezeption, an der Sintal abermals freudestrahlend auf mich zu warten schien.

„Everything okay, Sir?“

„Um ehrlich zu sein“, antwortete ich ihm auf Englisch, „nicht wirklich. Es sieht aus, als wäre das Bad nicht gemacht worden, vielleicht wurde es einfach vergessen.“

„Oh, entschuldigen Sie vielmals“, unterbrach Sintal mich. „Das ist uns aber sehr unangenehm. Ich kümmere mich umgehend um diese Angelegenheit und Sie bekommen natürlich sofort ein anderes Zimmer.“

Doch wie er feststellte, gab es keines mehr in meiner gebuchten Preiskategorie. „Es tut mir leid, alle Zimmer dieser Kategorie sind bereits ausgebucht. Aber dann biete ich Ihnen ein kostenloses Upgrade auf die nächst höhere Preisklasse an, in der obersten Etage. Wäre Ihnen das recht?“

Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich kannte das Hotel, die Zimmer in dieser Kategorie sind wirklich sehr exklusiv! „Oh, das ist aber sehr zuvorkommend, vielen Dank, ich wollte keine Umstände …“, stotterte ich kurz. „Aber nein, Sir, das ist vollkommen in Ordnung. Ihr Aufenthalt ist uns eine Ehre, und wir möchten, dass Sie sich rundum gut versorgt fühlen.

Setzen Sie sich! Sie können gern einen Drink zu sich nehmen, ich lasse einen Pagen Ihr Gepäck auf das neue Zimmer transferieren … Sie hatten nur Ihren kleinen Koffer, richtig?“

Ich staunte, dass ihm dieses Detail bei meinem Check-In aufgefallen war. Mir war klar, dass Gastfreundlichkeit hier in den Niederlanden großgeschrieben wird. Aber so etwas? Das war ganz großer Service.

Ich bestellte mir ein Glas stilles Wasser, weil mir nicht nach Alkohol zumute war und checkte kurz meine E-Mails über mein Smartphone. „Sybille … Reiner Mertens … Festhalle Frankfurt …“, und dann schickte ich meiner kurzfristig erkrankten Freundin einen Schnappschuss meines Wasserglases. „Schön viel trinken! Und Hühnersuppe!“ Sie antwortete zwei Stunden später. Gut zu wissen, dass sie ihre Krankheit wegschlafen wollte.

Im Laufe der nächsten Minuten fuhr ich mit der Plauderei fort, die ich ganz zu Anfang mit Sintal begonnen hatte. Wir lagen außerhalb der Hochsaison, sodass nicht viel los war und so redeten wir über Gott und die Welt, über Indien und Deutschland, über seinen neuen Job hier in dem Hotel und über das, was er in seiner Freizeit gerne machte. Als er wissen wollte, womit ich mich in meinem Leben beschäftigte, erzählte ich kurz über mich.

„Du zauberst? Wirklich? Auf Bühnen?“, fragte er erstaunt.

„Ja, genau, auf Bühnen“, nickte ich. „Das klingt wirklich toll …“, geriet Sintal ins Schwärmen, „… mein Großvater hat mir früher immer einige Taschenspielertricks gezeigt und ich war ein ums andere Mal verblüfft von seiner Fingerfertigkeit. Ich habe mich auch selbst immer wieder darin geübt, aber leider bin ich nicht sehr weit gekommen damit. Nicht mal meine Kinder beeindrucke ich mit dem, was ich mal gelernt habe! Sie lachen immer, weil sie meine Tricks sofort durchschauen.

Leider habe ich auch zu selten die Möglichkeit, eine Zaubershow oder Ähnliches zu besuchen; Amsterdam ist eine bunte Stadt, aber sie bietet eben auch nicht alles.“

„Ja, Amsterdam ist kein Las Vegas oder New York, da gibt’s ja jeden Abend Auftritte von Magiern …“

„Du sagst es, Marco, Du sagst es …“

In diesem Augenblick merkte ich, dass er sich freuen würde, von mir verzaubert zu werden und meine Magie hautnah zu erleben.

„Magst Du mal was sehen?“

Seine Augen strahlten: „Dein Ernst?“

Er konnte es spürbar kaum erwarten und ich verblüffte ihn kurz darauf mit einer meiner Lieblingsillusionen:

Ich bat ihn als Erstes, seine Armbanduhr in seine Hosentasche zu legen. Er nahm sie ab und schaute noch einmal kurz auf das Ziffernblatt, als wenn er sich vergewissern wollte, dass sie die richtige Uhrzeit anzeigte: „Oh, 18:35 Uhr, in 25 Minuten habe ich Feierabend“, bemerkte er, bevor er seine elegante Uhr in seine rechte Hosentasche schob.

Dann sagte ich ihm, er solle sich einen Ort auf der Welt vorstellen, an dem er jetzt in diesem Moment gerne Urlaub machen würde. „Außerhalb von Indien am besten, sonst ist es zu einfach“, ergänzte ich noch mit einem Augenzwinkern. „Ja, das stimmt!“, lachte er.

„Hast Du?“, fragte ich ihn. Er nickte. „Ok, dann schaue mir in die Augen und stelle Dir diesen Ort jetzt genau vor.“ Wir blickten uns beide für einige Sekunden konzentriert an: „Wow, Gran Canaria!“, rief ich grinsend aus.

Sintals Gesichtsausdruck in dem Moment war unbeschreiblich. Seine Augen wirkten schlagartig doppelt so groß, die Kinnlade fiel ihm buchstäblich runter, er war etwas blass geworden und schaute mich völlig ungläubig an. Ich liebe diese Reaktionen und lachte ihn herzlich an!

„Das gibt’s doch gar nicht! Wie hast Du das gemacht?!“, Sintal war fassungslos, „wie kann denn das sein? Das ist unmöglich! Du kannst ja Gedanken lesen!“ Ich lächelte ihn an und fuhr fort: „Ok, warte!“, ich war nun voll in meinem Element, „jetzt stelle Dir vor, Du sitzt dort am Strand von Gran Canaria und genießt einen leckeren Drink in einer Bar, ja?“.

Er nickte wieder und seine Augen schauten mich gebannt an. „Da hängt eine Uhr an der Wand. Wie spät ist es da?“

„14:45 Uhr“, gab er spontan zurück.

Was danach geschah, kannst Du Dir jetzt vorstellen …

Sintal war fix und fertig für heute! Eine Mischung aus Faszination, Ungläubigkeit und Begeisterung schüttelte ihn emotional durch … damit begeisterte er mich wiederum!

Als sein Kollege zum Schichtwechsel kam, hatte sich mein „neuer Fan“ wieder etwas beruhigt: „Das ist ja direkt schade, dass ich nun Feierabend habe!“, rief Sintal.

„Hast Du noch etwas Zeit? Dann zeige ich Dir noch was, das wird Dir gefallen!“, versprach ich ihm. „Sehr gerne, aber es ist nur so, ich habe meiner Frau versprochen, mit ihr essen zu gehen… Bist Du denn morgen Abend hier? Da habe ich die Spätschicht“, fragte er halb im Scherz, aber ich merkte, dass es ein hoffnungsvoller Scherz war und entgegnete ihm prompt: „Ja, das lässt sich einrichten, meine Show ist schon am Nachmittag!“

„Wirklich? Na da bin ich aber ein Glückspilz!“, strahlte er wieder in seiner unnachahmlichen Art, „ab 18:00 Uhr bin ich hier!“ – „Dann sind wir verabredet!“, lachte ich.

„Ich freue mich riesig!“, rief er aus und verabschiedete sich sichtlich beglückt.

Auch ich ging an diesem Abend voller Vorfreude zu Bett, schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein; ich würde am morgigen Tag nicht nur die Zuschauer bei meiner Show im Kunstmuseum verzaubern, sondern danach auch Sintal glücklich machen… womit sich meine Überlegungen um meine abendliche Freizeitplanung erledigt hatten!

Szenenwechsel – ungefähr 16 Stunden später, ich hatte meinen Auftritt erfolgreich über die Bühne gebracht, kam ich gegen 18:30 Uhr wieder in die Hotellobby zurück. Da empfing er mich schon mit seinem unverwechselbaren Lächeln, das noch größer schien als sonst …

„Sintal, mein Lieber“, begrüßte ich ihn, „… alles gut bei Dir?“

„Ich freue mich, Dich wiederzusehen, Marco“, sagte Sintal.

„Ich freue mich auch! Hast Du ein bisschen Neugierde mitgebracht? Immerhin wollte ich Dir ja heute noch was ganz Besonderes aus meiner Zauberkiste zeigen!“

„Ich kann es kaum erwarten! Aber, um ehrlich zu sein – ich habe noch jemanden mitgebracht.“

Er führte mich in die Hotellobby um die Ecke und ich blieb abrupt stehen; von der einen auf die andere Sekunde stockte mir der Atem: Da saßen bestimmt fast zwei Dutzend Menschen, darunter einige Kinder, die mich alle mit einem großen Applaus und erwartungsvoll glänzenden Augen empfingen! Meinte er all diese Menschen mit „jemanden“? Die konnte er unmöglich alle mitgebracht haben!

Doch ich hörte ihn sagen: „Als ich gestern mit meiner Frau essen war …“, in der Sekunde stand die jüngere der beiden Frauen auf und bewegte sich auf uns zu.

Sie begrüßte mich freundlich, „… da habe ich ihr davon erzählt, dass wir beide uns kennenlernten und dass Du mir ein paar Zaubertricks zeigen möchtest. Sie war auch sofort Feuer und Flamme!“

„Oh ja!“, stimmte sie ein, als hätten die beiden das abgesprochen, „Mein Name ist Jayanti, ich freue mich, Dich kennen zu lernen!“ Auch aus ihren Augen funkelte Herzlichkeit und Wärme, mich durchschauderte kurz die Energie, die sich binnen weniger Sekunden zusammenzog.

Inzwischen hatte ich mich wieder etwas gefangen und meine Stimme wiedergefunden: „Hallo Jayanti, es freut mich ebenfalls! Das ist ja eine Überraschung!“

Dann erhoben sich auch die anderen Menschen von ihren Stühlen und kamen mit neugieriger Miene auf uns zu.

„Ja und als wir dann Zuhause darüber redeten, Dich heute hier zu treffen, haben es unsere Kinder mitbekommen und wollten natürlich auch gleich dabei sein“, erklärte mir Sintal und zeigte dabei auf ein Mädchen und zwei Jungs, dann fuhr er fort:

„Die wollten dann unbedingt noch Freunde mitbringen. Ja und meine Frau hat es heute bei meiner Mutter erwähnt, die hat es gleich ihrer Schwester und ihrer Cousine erzählt, die es dann an ihren Mann, ihren Kindern und ihren Bruder weitergegeben hat, durch ihn haben dann noch der Bruder meiner Frau und seine Familie davon erfahren, die haben ihrem Onkel Bescheid gegeben, der hat seiner Cousine davon erzählt, die hat es ihrer Tochter mit Familie weitergesagt und die haben dann meinen Cousin und seine Schwester, die gerade zu Besuch hier sind, informiert.

Ach ja, und unsere liebe Nachbarin konnten wir ja dann nicht alleine lassen!“

Mir schwirrte der Kopf, ich blickte langsam nicht mehr durch und schaute nur staunend auf die Menge der Menschen, die sich in der Hotellobby versammelt hatte.

Sintal sah meine großen Augen und fügte grinsend hinzu: „Mach Dir keine Sorgen Marco, mit dem Chef ist alles abgesprochen, er wollte sich dieses Erlebnis nicht nehmen lassen und ist auch ganz gespannt!“ Dabei deutete er auf einen Mann mittleren Alters, der sich etwas zurückgehalten hatte. Na sowas!

Ich wusste nicht, ob es eine dieser Situationen war, in denen man lieber davon laufen würde oder die einen zur Höchstform auflaufen ließ. Ich hätte nie damit gerechnet, auf einmal Sintals halbe Familie kennenzulernen und dass dann auch noch der Chef des Hotels da sein würde!

Eigentlich war geplant, dass wir vielleicht einen oder zwei Tee miteinander trinken, ich ihm ein paar weitere Zaubereien zeigte und mich dann von meinem Tag erhole. Aber das Schicksal wollte es jetzt anders. Ich stand da und alle strahlten mich voller gespannter Erwartung an.

Ich sah in die Augen der Kinder und wusste; ich kann jetzt nicht kneifen oder nur mit ein paar simplen Kartentricks hier auftreten! Es fühlte sich an, als wenn ich hier am Rande einer Wanne voll kaltem Wasser stünde und ich spürte, wie in mir das Adrenalin in die Höhe schoss. Nun sollte ich hier plötzlich, aus dem Stegreif eine richtige Zaubershow präsentieren; das war mir vorher so noch nie passiert!

Ich habe schon vor weitaus mehr Leuten gezaubert, aber das hier war einfach völlig unerwartet. Keine präparierten und eingeübten Shows … von einer solchen kam ich ja gerade, hatte also in meinem Zauberkoffer alles dabei. In mir kribbelte die Spannung, die ich vor jedem Auftritt spüre, nur in diesem Fall viel intensiver.

Von wegen spontan! Spontan ist es, dass Sintal mal eben innerhalb kürzester Zeit große Teile seiner Familie zusammengetrommelt hat. Es war, als wenn für einen Moment die Zeit stehen geblieben wäre; ich nahm die Atmosphäre wahr, mein Kopf war leer, ich konnte keinen Gedanken fassen und genau das gab mir Raum, zu fühlen und im Augenblick zu sein.

Und da sah und spürte ich es! Aus meiner erstaunten „Schockstarre“ wurde prickelnde Freude, die sich in Windeseile in mir ausbreitete. DAS war der Moment, in dem hier Magie entstehen würde!