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Das Buch enthält Lebensbilder von Dichtern aus dem Umkreis der Nachkriegs-Literaturszene. Nähere Informationen zum Gesamtprojekt: https://www.facebook.com/VerlagfuerBibliotheken
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2018
Wilhelm Schloz
Ludwig Finckh
Suse von Hoerner-Heintze
Werner May
Alma Rogge
Ernst von Dombrowski
Freundesgabe des Arbeitskreises für deutsche Dichtung
zum 70. Geburtstage von
Wilhelm Scblox
MCMLXIV
Wilhelm Schloz, Studienrat a. D., wurde am 25. April 1894 in Deizisau Kreis Eßlingen geboren. Er wohnt in Stuttgart-Weilimdorf, Grefstraße 51.
Spätsommer. Novelle in Briefen, 21. Tausend. Hünenburg-Verlag, 7101 Burg Stettenfels bei Heilbronn, DM 4.80.
Ernte einer Gezeit. Gedichte. Verlag Gebr. Knöller, Stuttgart. Auslieferung durch Greifen-Kunst, 7065 Winterbach, DM 4.00.
Kleiner Hausgarten der Weisheit. Aphorismen. Silberburg-Verlag, Stuttgart, DM 5.80.
Hans im Glück. Ein symbolisches Spiel. Verlag des Schwäbischen Albvereins, Stuttgart, Laienspielreihe, etwa DM 2.50.
Wenn e an Di denk, Muetter, no wird’s halt schwäbisch. Gedichte und Prosa in schwäbischer Mundart, 2. Auflage. Hünenburg-Verlag, 7101 Burg Stettenfels bei Heilbronn, DM 7.80.
D’ Uhr goht ao wieder. Ein ernst-heiteres Spiel aus Schwaben, 3. Auflage. Silberburg-Verlag, Stuttgart, DM 2.00.
Begegnungen, Kurzgeschichten, Anekdoten, Erzählungen
Früher erschienen und zur Zeit vergriffen:
Die Deutschland suchten. Zwölf Lebensbilder, 22. Tausend.
Gedichte, 5. Tausend.
Funken aus Muspelbeim. Gespräche mit Dingen.
Die große Prüfung. Geschichten, 6. Tausend.
Regina Holderbusch. Drei Erzählungen, 25. Tausend.
An ein junges Mädchen. Briefe, 5. Tausend.
Diese Freundesgabe wurde herausgegeben im Auftrage des Arbeitskreises für deutsche Dichtung, Göttingen, von Ossietzkystraße 7, von Hinrich Jantzen, Kronberg.
Fotos und Reproduktionen: Wilhelm Pabst, Göppingen (1, 3—8);
Hinrich Jantzen, Kronberg (2).
Klischees: Wilhelm Riegger, Karlsruhe.
Wilbelm Scbloz
Bei einer Lesung
Professor Dr. Otto A. Sommer, Weihenstephan,
Landwirtschaftliche Hochschule
Dem Freunde!
Hinter all dem, wer wir sind, was wir sind und wie wir es geworden sind, steht die Genesis unseres Seins, Werdens und Wirkens.
Wohl tritt sie selten ins wache Bewußtsein, für den Wissenden und Suchenden ist sie jedoch erkennbar, wie die Konturen eines Gebirges bei spät verglühendem Abendrot.
Jedem von uns ist sie als Teil unserer Wirklichkeit schicksalhaft und verpflichtend mitgegeben und vorgezeichnet.
Lebens- und Leistungsablauf eines jeglichen Lebewesens ist in allen Entwicklungsstadien abhängig und wird realisiert von dem vielgestaltigen Zusammenspiel der genetischen Veranlagungen mit den Einflüssen der Umwelt.
Im Bereich der Haustier- und Pflanzenzucht beispielsweise bemühen wir uns seit der Jahrhundertwende mit zunehmendem Erfolg, Methoden zu entwickeln, mit deren Hilfe es möglich ist, diesen Beziehungen nachzuspüren. Sie erscheinen jedoch hoffnungslos unzureichend, wenn man es unternehmen will, damit allein in das innere Gefüge eines Menschen, in sein Leben und seinen Wirkungsbereich einzudringen. Denn hier handelt es sich ja nicht nurmehr um mechanistisch-statische Zustände, um den physiologisch gesteuerten Ablauf von Entwicklungen und Funktionen. Nein — hier geht es entscheidend und zusätzlich um das — Gesetzmäßigkeiten und Formeln kaum zugängliche — dynamische Geschehen der geistig-seelischen Entwicklung eines Menschen.
Selten nur ist er dabei lediglich passiv Betroffener, oft vielmehr aktiv Beteiligter. Nur so gestaltet sich, ja so mitgestaltet er selbst seine Persönlichkeit und sein Leben. Dies zeichnet ihn vor allen anderen Geschöpfen dieser Welt aus.
Du, lieber Wilhelm Schloz
hast kaum etwas dem Zufall überlassen, wenn es darum ging, Dein Leben und Deinen Lebensweg zu gestalten.
Deine ganze Art ist geprägt von schwäbischer Herkunft und Heimat:
Herb und schwer wie der Wein aus dem Remstal
der Geist und Mut anregt, den Menschen besinnlich macht
aber auch den Widerspruch herauslockt.
Liebenswert wie das Neckartal
das alt und jung durch die Lande vom Schwarzwald bis ins
Rheintal begleitet
vorbei an Burgen und Bergen, an Dörfern und Städten
und das uns hinführt zu den Menschen, ihren Sitten, Gebräuchen
und ihrer Sprache.
Ursprünglich und rauh wie die Alb.
Herz und Gemüt stärkt sie
und ein Blick von einer ihrer Höhen ins Land hinaus
macht frei, weitschauend und frohgemut.
Und wenn die Sonne niedergeht
und der Abend uns umfängt
werden auch wir unruhige Menschen
eins mit dem All, etwa so, wie Du es einmal in einem Spruch ausgedrückt hast:
„Sonne, Mond und Sterne
Erde, Wald und Ferne
Mutterhand und Brot
sind des Lebens Lot.“
Dein ganzes Büchlein „Geliebte Landschaft“ scheint mir aus dieser Grundhaltung geworden zu sein.
So vielgestaltig die schwäbische Landschaft ist, so verschiedenartig, ja so vielgesichtig sind auch ihre Menschen. Aber alles bleibt in rechten Maßen und strebt nach überschaubaren Zielen, kleinen und großen!
Du bist so ein Schwabe, artshalbcr geboren und mit Willen Dein ganzes Leben lang so geblieben. Aber beileibe kein Allerwelts-Schwabe, wie wir ihm oft und überall begegnen, sondern ein ganz eigener, eben der Wilhelm Schloz.
Aber noch eins, was zu diesen besonderen Schwaben und recht eigentlich zu Deinem Wesen und zu Deiner Gesinnung gehört: es wird nicht nur geredet von einer Sache, es wird nicht nur spintisiert, wie das so schön und bezeichnend heißt, sondern es wird geschafft und Hand angelegt, um einen Gedanken, mag er auch zunächst noch so utopisch anmuten, durch die persönliche Tat in die Wirklichkeit umzusetzen. Das gilt auch von Dir!
In jenen zwanziger Jahren, als die konkreten Leitziele der bündischen Jugend zu verblassen begannen, da erfaßte Dich, gleichermaßen aus Herkunft und Überzeugung kommend, und fernab von jeder Romantik oder gar zeitbedingter Tendenz die innere Not unseres Volkes und führte Dich hin zu dem vom Versiegen bedrohten bäuerlichen Lebens- und Wirkungsbereich.
Da stehst Du bei der Begründung der Württembergischen Baucrnhochschule (1924) an maßgebender Stelle, da kommt dann der Gedanke in Dir auf, eine neue Art bäuerlicher Siedlung zu schaffen. Nach langer Vorbereitung und trotz persönlicher Schwierigkeiten aller Art ziehst Du eines Tages mit Deinen „Landgenossen“ hinauf auf die Alb zu jenem landschaftlich so schön gelegenen „Birken und Teich“. Nur Du selbst und die dort lebenden Bauern können ermessen, was Du unter Hintansetzung so vieler persönlicher Dinge und der Überwindung ebenso vieler sachlicher Schwierigkeiten geleistet hast. Wie enttäuschend, ja, wie erniedrigend mag es für Dich gewesen sein, als Dein hochgemutes und kurz vor der Vollendung stehendes Ziel zwangsmäßig und zwangsläufig anderen Gesichtspunkten geopfert werden mußte.
Ist diese Zeit vergessen und ist diese Arbeit untergegangen? Nein! Sie lebt durch jene Siedlerhöfe weiter und sie ist Dir und uns erhalten geblieben in Deinem so schönen Gedicht „Der Acker“.
Der Acker
Acker, deine braune Krume ist Brot.
Deine Tiefe ist Leib
trächtig vom Kommenden.
Daß ich säen darf
den goldenen Samen
ist mein Adel
und ihn ernten
des Menschen Kron’.
Schweigen ist Segen.
Und noch ehe mein Kind
im Frühling den Kreisel vergessen
und die Mädchen noch spielen
„Blinde Kuh“
vor dem Dorfe
steht, zur Hüfte mir groß
die Frucht, grün und schlank
quellend vom Safte des Brachmonds.
Dann biegt der Sonne Bogen
gilbend die schwankende Fülle.
Der Tag ist heiß.
Und reif wie die Braut
ruht im Arm mir
die flammende Garbe.
Heißere Glut des Sommers auf deinen Leib nun?:
Acker, ich komme!
Und wie die Mutter das Kind
dem die Sonne die Haut verbrannt am Tage
umlegt zur Nacht
auf die weniger schmerzsame Seite
will ich wenden dich
bald
mit dem lindernden Pfluge am Abend.
Was hat uns eigentlich zusammengeführt, wo haben wir uns kennengelernt und wann Freundschaft geschlossen? Es ist gar nicht so einfach, dies zeitlich genau festzulegen. Kommen wir doch aus verschiedenen, wenn auch sehr verwandten Bereichen. Als Du schon verheiratet und ein „gestandener“ Mann warst, zog ich erst vom Main und Spessart her zum Studium ins Schwabenland — nach Hohenheim, wo einst die Bombaste von Hohenheim saßen, die wahrscheinlich schon längst vergessen wären, wenn es nicht den Bombastus Paracelsus gegeben hätte. Es ist merkwürdig, daß ich viele Deiner Freunde kannte, bevor ich mehr von Dir wußte und Dich überhaupt einmal sah. Vom persönlichen Kennenlernen also ganz zu schweigen! Aber immer wieder tauchte Dein Name in ihren Gesprächen auf. An Eurem schönen Gautag 1925 in Besigheim am Neckar, da sah ich Dich mit Weib und Kind zum ersten Mal bewußt und hörte Dich!
Trotz all’ dem waren wir schon in jenen weit zurückliegenden und so glücklichen Jahren und Tagen Freunde in dem Sinne, wie er in dem Aufruf zur ersten freideutschen Jugendtagung 1913 auf dem Hohen Meißner zum Ausdruck kam: „Brüderliche Erkennung und Anerkennung“ und in jenem wohl nimmer wiederkehrenden Geist, der damals tausendc junger Menschen in der deutschen und europäischen Jugendbewegung zusammenführte.
Erst gegen Ende des Krieges kam ich auf dem langen und weiten Weg beruflicher und soldatischer Tätigkeiten über Königsberg, Göttingen, Frankreich, dem Balkan und Rußland wieder zurück ins Schwabenland. Aber die Zeiten waren schwer und sorgenvoll, schier aussichtslos. Bei dem Marschweg aus dem Neckartal hinauf auf die Alb, da sah ich Dich, den Freund des Herzens und der Jugend wieder. Zu einem Zuruf reichte es nicht, aber das spürte ich, daß Du Dich — wie ich selbst — in großer Not und auf dem Wege in eine völlig ungewisse Zukunft befandest. Das war am 21. April 1945, bei hereinbrechendem Abend. Du hast es selber in einem der vielen kleinen Lagerbriefe an mich so dargestellt:
„Ostersonntag, 21. April 1946:
Füglich zählen wir die Tage unserer Freundschaft von jenem an, da Du irgendwo auf der Alb, inmitten des Gewühls des deutschen Reichszerbruches über einen, den Du auch als einen Umherirrenden erkanntest, dachtest: ‚So, der also auch in diesen Tagen heimatlos und doch noch hoffend und glaubend unterwegs.‘“
Aber das war nur eine Station dieses gemeinsamen Leidensweges jener Zeit. Nach einer gerade einigermaßen überstandenen Kriegsgefangenschaft bei den Franzosen warfen unsere anderen Freunde von jenseits des Meeres ihre Netze aus. Und siehe da, wir beide blieben darin hängen! So trafen wir uns unversehens — und eigentlich erstmals richtig — wieder. Und dann hatten wir in einem der berühmt-berüchtigten „Internment Camps“ viele Monate Zeit, uns endlich und wirklich kennenzulernen, von Mensch zu Mensch, von Freund zu Freund. Diese Freundschaft ist uns erhalten geblieben und hat sich noch gefestigt und vertieft in all den Jahren seither — bis auf den heutigen Tag! So ist uns aus tiefer Not und großem Leid viel Freude, Glück und Segen erwachsen!
Du bist nun 70 Jahre alt geworden! Dazu möchte ich Dich, lieber Wilhelm, beglückwünschen und anrufen mit Deinen eigenen Worten:
„Nun heb’ dich auf, o Herz, zum hohen, heil’gen Liede!
Ein neuer Tag bricht an in seines Lichtes Güte!
Sieh’, wie der Berge Kron’ dem Ncbelmeer entsteigt
so glänzt des Menschen Herz, das sich vor Größ’rem neigt.“
Rektor Otto Fabrizius, Deizisau
Gruß aus Deizisau
Immer sind es die Keime, die über ein schöpferisches Dasein entscheiden, und immer beginnen sich diese schon in früher Jugendzeit zu regen. Der Ort, wo Wilhelm Schloz das Licht der Welt erblickte, wo er seine ersten Schuhe vertreten und seine ersten Hosen zerrissen, wo er seine ersten Worte gelallt und seine ersten Zeichnungen gekritzelt hat, heißt Deizisau.
Hier, in der Geborgenheit eines bäuerlichen Elternhauses, unter dem angeblich immer blauen Himmel dieses Dorfes am Neckar, hat er Eindrücke und Impulse empfangen, die sein Leben und Schaffen maßgeblich prägten.
Dieser Versuch will keine stilkritische Analyse und Wertung seines schriftstellerischen und malerischen Gesamtwerkes geben, sondern lediglich diesen Beziehungen zwischen seiner engeren Heimat und seinem Werk ein wenig nachspüren.
Als er sich vor einigen Jahren, einer Einladung folgend, mit einer Dichterlesung und einer Kunstausstellung seiner Heimatgemeinde vorstellte, wurde dies für seine engeren Landsleute zu einem Fest der Einkehr, zu einer Seelcnrast und Augenweide ohne die Zerstreuungen und Ausschweifungen der sonst hier üblichen Feste. Hier lag und hing vor aller Augen ausgebreitet, was er in seinen Büchern dem Wort anvertraut, was er in langen Jahren gemalt und gezeichnet hatte und gab Zeugnis von einer imponierenden Lebens- und Schaffenskraft.
Ein erstaunliches Phänomen auch, daß er, nachdem ihn der Erste Weltkrieg des rechten Armes beraubt hatte, diesen herben Schicksalsschlag mit gesteigerter Schaffensfreude beantwortete und nicht eher ruhte, bis er die linke Hand seinem künstlerischen Willen gefügig gemacht hatte. Der elementare Drang, seinen inneren Bildern sichtbare Gestalt zu geben, war stärker als alle Hindernisse. Schwer zu sagen, wieviel Kraft, Mut, Zähigkeit, Treue, Liebe, aber auch schöpferische Intelligenz es ihn gekostet haben mag, einem widrigen Geschick seine ihm gemäße Lebensform abzutrotzen und neben seiner Tätigkeit als Lehrer sich nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Maler einen geachteten Namen zu erringen. Unserer Jugend hat er damit ein Beispiel vorbildlicher Lebensbewältigung gegeben, was in unserer Zeit, deren Idol das süße Leben zu sein scheint, kein geringes Verdienst ist.
Sein schriftstellerisches Werk ist nicht sehr umfangreich. „Meine Quelle rinnt schmal, doch auch in Trockenzeit“, sagt er von sich selbst. Wobei freilich das Wort Quelle in unserer ausgetrockneten Kulturlandschaft schwer wiegt: Lebendige Quellen sind rar, aber darum um so gewichtiger.
Eines seiner Bücher steht in besonders naher Beziehung zu seiner Heimatgemeinde, weshalb es hier (stellvertretend für andere Werkproben) eine kurze Würdigung erfahre. Es ist sein „Wenn i an Di denk, Muetter, no wird’s halt schwäbisch“. Hier ist er — thematisch und sprachlich — ganz heimgekehrt in das Dorf seiner Kindheit, heimgekehrt mit der Welterfahrung und der Weisheit eines erfüllten Lebens. Die Atmosphäre der von den Wundern der Technik noch unberührten guten alten Zeit mit ihrem bedächtigen Atem, ihrer Gemütsinnigkeit und Schlichtheit ist so unmittelbar eingefangen, das Lokalkolorit so präzise getroffen, die Verschmelzung von Stoff, Form und Gehalt zu gewachsener Einheit so fugenlos, daß wir Deizisauer in diesen Gedichten und Prosastücken ein bleibendes Denkmal unserer bodenständigen Mundart sehen dürfen. Dieses Buch ist das Schmuck- und Ehrenkleid, in das eingehüllt unser sonst längst verblichenes Alt-Deizisau insgeheim weiterlebt — allen Wandlungen einer schnellebigen Zeit zum Trotz.
Als eine der zahlreichen Doppelbegabungen hat sich Wilhelm Schloz neben dem Wort auch dem Bild verschrieben. Bemerkenswert ist aber, daß er sich beiden Möglichkeiten künstlerischen Ausdrucks zu allen Zeiten gleich intensiv bedient hat, daß er mit derselben Leidenschaft immer Maler und Schriftsteller zugleich war. Beide, Dichter und Maler, leben von dem unerschöpflichen Vorrat der Gesichtseindrücke, auch wenn sie die äußere Wirklichkeit niemals photographisch getreu wiedergeben, sondern ihre Werke nach geheimnisvollen, selbst der Künstlerseele verborgenen Gesetzen gestalten.
In seinem vielseitigen bildnerischen Werk, wie es die schon erwähnte Kunstausstellung darbot, fanden sich nur wenige Motive aus der engeren Heimat des Dichtermalers: eine alte Dorfstraße etwa (jetzt auf dem Rathaus), cinc Neckarlandschaft, der prächtige Charakterkopf seines Vaters, einige Zeichnungen. Und doch gilt wie für den Dichter so auch für den Maler Schloz sein Wort: „Was das Kinderaug nicht sah, bleibt ewig fremd“. Es ist offensichtlich, daß die ein ganzes Leben währende Liebe zur Landschaft, zu Blume und Baum, zu Tier und Mensch sich hier in Deizisau zum ersten Mal entzündet, das durstige Auge sich hier zum ersten Mal gesättigt, die ungelenke Kinderhand sich hier zum ersten Mal gestaltend der Bilder bemächtigt hat.
Vielleicht ist es die tiefe Verwurzelung im heimatlichen Grund, die ihm das Vertrauen in seine natürlichen Sinne erhalten und ihn vor gewagten modischen Experimenten bewahrt hat. Seine Bilder verflüchtigen sich nicht in sinnentleerte Abstraktionen, sie erstarren nicht zu surrealistischen Dissonanzen, sie bestätigen vielmehr die Schöpfung und den Menschen in ihrem gottgeschaffenen Sosein und sprechen über die Sinne zur menschlichen Vernunft. So stoßen sie den Beschauer auch nicht in die Abgründe der Verzweiflung und Verwirrung, sondern lassen ihn in vollem Maße teilhaben an den Segnungen und Tröstungen, die nach Reinhold Schneider allein von den Bildern kommen.
Wenn die Menschen von heute immer weiter verstädtern, ja, wenn sie sich gar von der Erde loszulösen trachten, Wilhelm Schloz ist dieser Quelle unserer Kraft zeitlebens treu geblieben: ein Sohn dieser Erde, ein Sohn auch seines Volkes und seiner Heimat, ja seines Dorfes. Wie die reife Ähre sich erdwärts neigt und mit ihrer Spitze zum Acker als dem tragenden Grund herniederweist, so gewannen in seinen letzten Veröffentlichungen die Bilder und Gestalten seiner frühen Jugend zusehends an Raum: die Rotfeldlinde, das Wiesle, das Elternhaus, der Stall, das Moggele, die alte Magd, die Mutter usw.
Vor allem die Mutter, die er zu ihrem hundertsten Geburtstag mit einem Gemälde in Worten verewigt hat. Einst schenkte sie ihm das Leben und wandelte mit dem Knaben über die Fluren unseres Dorfes. Nun zaubert der Sohn die längst Entrückte auf die Erde zurück und bannt sie in sein kunstvolles Sprachgewebe. Er selber muß darüber freilich wieder zu dem kleinen Büble werden, das vor nunmehr siebzig Jahren anfing, die Wunder dieser Welt zu erfahren.
Mild leuchte ihm in Weilimdorf das Licht der Abendsonne! Dieser Gruß aus Deizisau aber erinnere ihn an das Morgenrot der ersten Frühe, mit dem alles begann.
Karl Götz, Stuttgart
Der Erzähler Wilhelm Schloz
Es ist nicht ganz leicht, über die Erzählkunst eines Mannes zu schreiben, der noch im Schwabenalter, also um die Vierzig herum, einmal im Freundeskreis gemeint hat, er wisse nicht, wie man eine Geschichte schreibe. Daß er das Geschichtenschreiben, d. h. mehr als dies, das richtige Erzählen nämlich, inzwischen gelernt hat, beweist das halbe Hundert Kurzgeschichten aus seinen letzten Schaffensjahren. Man muß diese Geschichten mit seinem ersten kleinen Erzählbuch, den „Funken aus Muspelheim“, vergleichen, das er selber im Untertitel „Gespräche mit Dingen“ nannte, um den Weg, den der Erzähler Wilhelm Schloz zurückgelegt hat, aber auch, um die Breite seines Erzählbereichs abschätzen zu können. Waren es zuerst mit erzählerischer Muse vorgetragene lyrisch-philosophische Betrachtungen, so sind es zuletzt meisterliche erzählerische Klcingebilde voll dichter Präzision, voller Farbigkeit und voller Spannung. Und dazwischen liegen so verschiedenartige und doch von innen her stark zusammenklingende Bücher wie die Sammlung von zwölf Lebensbildern deutscher Männer: „Die Deutschland suchten“, die „sieben Geschichten um einen Kriegsfreiwilligen“, „Die große Prüfung“, die Novelle in Briefen: „Spätsommer“, die drei Erzählungen des Bandes „Regina Holderbusch“, das Büchlein „An ein junges Mädchen. Ernte einer Begegnung“ und die Aphorismen, Betrachtungen und Skizzen in dem „Kleinen Hausgarten der Weisheit“.
Wilhelm Schloz war immer der Meinung, die Künstler müßten, aus ihrer Zeit heraus und in sie hineinwirken, und doch ganz sie selbst bleiben. Er hat diese Forderung für sich selber sehr ernst genommen. Es ist deshalb zum tieferen Verständnis und zu einer möglichst sachlichen Beurteilung seines Werkes nötig, den Zeitabschnitt zu umreißen, in den seine Haupttätigkeit fällt. Er selber betonte gelegentlich deutlich, daß er jener Generation angehöre, die bei Ausbruch des ersten Weltkrieges altersmäßig gerade zum Kriegsdienst herangewachsen war, die aber im politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben noch kaum einen sicheren eigenen Standpunkt haben konnte, im Gegensatz etwa zu den um ein Jahrzehnt älteren, eines Franz Marc z. B. in der Malerei oder eines Heinrich Lersch, Gorch Fock oder Karl Bröger in der Dichtung. Es ist die Generation, über die zwei Weltkriege und zwei Geldentwertungen hinweggegangen sind, die Generation, die mehr und tiefgreifendere politische und gesellschaftliche Umstürze und Neuordnungen, mehr Wandlungen ihres Geschichts- und Weltbildes, mehr Brüche und Umbrüche des geistigen Lebens mitgemacht hat als irgend eine Generation vor ihr. Besonders einschneidend war es für die Angehörigen dieser Generation, daß gerade in ihren Reifejahren, in denen ihre Hauptleistungen zu erwarten waren, eine Herrschaft angebrochen war, zu der sich die künstlerisch Schaffenden bedingungslos und möglichst wörtlich bekennen sollten, wenn sie nicht einfach abgemeldet oder in gefährlicher Weise verfolgt werden wollten. Für die meisten brachte diese Zeit schwere innere und äußere Auseinandersetzungen mit sich. Dies alles war der Schaffenskraft und dem Schaffensmut keineswegs förderlich.
Wilhelm Schloz kam in all die Verworrenheit der Zeit hinein aus dem ersten Weltkrieg schwer versehrt ohne rechten Arm und ohne Beruf zurück. Mit Zähigkeit und großer Hingabe widmete er sich ernstem Studium und der Vorbereitung auf den württembergischen Gewerbeschuldienst. Er lernt mit geduldiger Beharrlichkeit Feder und Pinsel, Meisel und Zirkel, Hammer und Hobel mit der linken Hand zu führen. Und daneben drang er in eine der geistigen Schatzkammern der Völker nach der anderen ein. Noch stärker aber als zu den nur geistigen Bereichen drängte es diesen Mann aus schwäbischem Bauernhaus zu den nüchternen Wirklichkeiten des Lebens. Als er z. B. sein 1931 erschienenes Buch „Landhunger“, eine kulturpolitische Untersuchung, geschrieben hatte, ließ er ihm eine Broschüre über das Bauern- bzw. Siedlungshaus folgen, mit für die damalige Zeit durchaus zeitgemäßen, selbst erprobten praktischen Anregungen. Als ihn seine eigene Entwicklung mit der von Dänemark ausgehenden und in Nord- und Ostdeutschland zuerst aufgegriffenen Arbeit der Bauernhochschulen zusammenführte, schrieb er aus dem Bedürfnis nach Lehr- und Vorbild-Büchern für die bildungshungrigen jungen bäuerlichen Menschen heraus die zwölf vorbildlich knapp und plastisch geschriebenen Lebensbilder, die in dem Band „Die Deutschland suchten“, zusammengefaßt sind (Ulrich von Hutten, Meister Eckehart, Heinrich von Kleist, Freiherr vom Stein, Gebhard Leberecht von Blücher, Albrecht Dürer, Johann Sebastian Bech, Hans Sachs, Friedrich der Große, Friedrich Hölderlin, Friedrich Ludwig Jahn, Paul de Lagarde). Mit diesem Buch war er, ohne Vorsatz, in den erzählerischen Bereich geraten. Aus seinem äußeren Lebensweg und aus seiner inneren Veranlagung heraus wird es verständlich, daß er trotz frühen Beginnens erst verhältnismäßig spät zu ruhigem dichterischem Schaffen gekommen und daß sein Werk dem äußeren Umfang nach schmal geblieben ist.
Geschichte, Kulturgeschichte, Kulturphilosophie beschäftigten den Sucher, Grübler, Jugend- und Volkserzieher Wilhelm Schloz zu allen Zeiten aufs stärkste. Aber auch die sachlichste Darstellung nahm unter seiner Feder einen verhaltenen dichterischen Hauch, eine gewisse erzählerische Lebendigkeit an. Am Anfang stand bei ihm freilich durchaus nicht das Wort, am wenigsten das leicht daherkommende Wort. Am Anfang stand bei ihm die Sache oder das geistige Ereignis, von dem er ergriffen war. Der Ausdruck der inneren Ergriffenheit war ihm wichtiger als die Flüssigkeit oder Spannung der äußeren Hergangsschilderung. Die Sätze fließen ihm nicht leicht und spielerisch aus der Feder. Sie sind wohl überlegt, mit Muse durchdacht; sie werden oft genug bei der Niederschrift, ja bei der letzten Korrektur noch behauen und gefeilt. So wie Wilhelm Schloz etwa im Freundeskreis am Tische sitzend erzählt, so tut er auch auf dem Papier: Nachdem er zunächst, ein wenig vorgebeugt mit großer Aufmerksamkeit zugehört hat, beginnt er, sich mit ein paar bedächtigen Sätzen ins Gespräch zu mischen. Er hält dann wohl auch mitten im Satz inne, überlegend, sich verbessernd, um dann aber plötzlich „in Fahrt zu kommen“. Und, einmal in Erzählung, Polemik oder Kritik „drin“, bricht nicht selten aus aller Besinnlichkeit heraus eine freilich immer verhalten gedämpfte Leidenschaft. Hier dürfen einige Arbeiten aus dem Grenzbereich von sachlicher Darstellung und Erzählung nicht unerwähnt bleiben: eine frisch zupackende, intuitiv wagende Betrachtung über den Sinngehalt des germanischen Mythos an Hand beider Edden, eine tief ansetzende essayistische Arbeit über das Verhältnis des Deutschen zum Gesamtgermanischen, eine Arbeit über drei der bedeutendsten europäischen Maler zwischen Impressionismus und Expressionismus, eine Untersuchung über das Problem des Weltanschaulichen in der Dichtung und einige andere. Zum Buch vereinigt, sind diese Arbeiten während des Krieges vollständig der Vernichtung anheimgefallen.
Das wahrscheinlich zarteste und ganz dem Inneren zugewandte verbreitetste Buch von Wilhelm Schloz „Spätsommer“, jene Novelle in Briefen, ist inmitten der erregenden dreißiger Jahre, 1938 erschienen. Es erzählt in schlichter Weise die Geschichte eines Mannes, der durch den Tod der Frau mit den Kindern in den besten Mannesjahren alleingelassen wird und seinem herben Verzicht auf ein sich schon abzeichnendes spätes, erneuertes Glück mit einer spätsommerlich reifen Frau. „Nicht der Frühling der Leidenschaft spricht hier“, hieß es in einer ausführlichen Besprechung dieses Buches, „sondern der Herbst mit seinem magischen Glanz des wissenden Vergehens. Aus dem Buch quillt eine Weisheit und Lebensreife, entspringt eine tiefe Erfahrung am Menschen und seinem Sein, die zu Achtung und Bewunderung zwingt.“ Als nächstes Buch erschien der Band „Regina Holderbusch“, in dem drei Erzählungen zu einem gedämpften, aber reinen und schönen Akkord zusammenklingen: Die Geschichte der ihres Wertes und ihrer Fraulichkeit wohl bewußten, starken Regina Holderbusch, die Geschichte des Malers Franz Heidecker, der im Kampf um seine Kunst und im Kampf um das Glück seines Lebens den Weg des Leidens, des Verzichts und der Entsagung gehen muß, „Die Königskerze“, und die Erzählung „Der verflogene Schwan“, in der Wilhelm Schloz ein ergreifendes Beispiel stellvertretenden Opfers aus dem Krieg erzählt. „Das Gemeinsame der drei Stücke“, hieß es in einer schönen Würdigung, „liegt im Charakter ihrer Hauptgestalten, aus dem die Handlung Leben, Bewegung und Sinn erhält. Es ist die Unerbittlichkeit gegen sich selbst, die diese starken Charaktere prägt. Es wäre ihnen unmöglich, mit einer Lebenslüge ein äußeres Glück zu erkaufen, das dem inneren Gesetz ihres Wesens und damit ihres Schicksals nicht entspräche. Sorgfältige Arbeit am Stil und eine saubere Sprachbehandlung stellen diese Erzählungen auf ein hohes künstlerisches Niveau mit einem reinen Zusammenklang von Gehalt und Form.“
Zuvor schon war das kleine Buch „Die große Prüfung, Geschichten um einen Kriegsfreiwilligen“ erschienen. Ein Kenner der zahlreichen Erlebnisbücher aus dem ersten Weltkrieg schrieb dem Verfasser, er habe der vielschichtigen Kriegsliteratur ein weiteres und wichtiges Blatt eingefügt, nämlich die Darstellung der inneren Vorgänge, der seelischen Nöte und schließlich der menschlichen Behauptung und Reifung der jüngsten Kriegsteilnehmer.
Zu diesem kleinen Band trat später ein ihm recht verwandter Weggenoß in dem Büchlein, „An ein junges Mädchen, Ernte einer Begegnung“, das sein Verfasser scherzhaft einmal ein „kleines Erziehungsbuch in Liebesbriefen“ genannt hat, obwohl es gar keine Liebesbriefe sind, die da drin stehen, sondern kleine Episteln im Plauderton, von der Liebeserklärung bis zum freiwilligen Abschied, von der Ordentlichkeit bis zu den üblen Launen. Ein Büchlein, gerichtet an die Siebzehnjährigen, das dem Verfasser aber einmal auch den Dankbrief einer Siebzigjährigen einbrachte.
Nach dem Krieg folgte eine lange Pause des Schweigens. Für einen kleinen Roman über ein Heimkehrcrschicksal und für eine Anzahl Erzählungen hat sich bis jetzt noch keine Tür in die Öffentlichkeit aufgetan. Das eine und das andere ist in die Sammlung der Kurzgeschichten mit eingegangen.
Eine freundliche und dankbare Aufnahme hat dann der 1960 erschienene „Kleine Hausgarten der Weisheit“ gefunden, eine wohlausgewählte, wohlabgewogene Sammlung von besinnlichen, nachdenklichen, gescheiten und weisen Aphorismen, Betrachtungen und Skizzen, die den Leser ansprechen, zum Innehalten, zum Nachdenken und zum Weiterdenken veranlassen. Ein Kritiker hat diesem kleinen Band im Rcutlinger Generalanzeiger eine lange und liebevolle Besprechung gewidmet, die er mit den Worten schloß: „Das Buch ist nicht nur ein ‚Hausgarten der Weisheit‘, es ist ein Trostbuch.“
Alles Denken und Schaffen von Wilhelm Schloz ist aus dem festen Grund seiner hartgeprüften, zäh verteidigten Lebensbejahung gewachsen. Es ist kein Widerspruch hierzu, wenn in seiner erzählenden Prosa das äußere Geschehen oft im Verzicht endet. Dieser gütige, lebensglück- und leiderfahrenc aufrechte Mann, dieser treue und zuverlässige Freund weiß zu gut, daß dem Reifen jeder Frucht Verblühen oder Vergehen, Versicht in diesem oder in jenem Sinne vorausgegangen ist. Weil er die Tragik alles Lebendigen kennt, ist sein Ja zum Leben, das alle seine Werke durchzieht, so ergreifend und so überzeugend.
Dr. Hildegard Friese, Bietigheim
Über die Lyrik
Es ist schwer, einen lebenden Freund zum Geburtstag schriftlich zu grüßen, der einem dabei gewissermaßen über die Schulter schaut und lautlos lacht. Oder lacht er garnicht?
Es ist noch schwerer, über einen Wilhelm Schloz zu schreiben, dem hartes Schicksal im ersten Kriege schon die Rechte nahm, und der sein Trotzdem-Leben neben Familie und Beruf derart vertieft, weitet und erhöht, daß er es in Graphik und Malerei, in Prosa, Drama und Lyrik, in Hoch- und Volkssprache gestalten muß.
Am schwersten erscheint es, aus diesem Gesamtwerk und -wirken nur seine „Lyrik“ herauszulösen und in Kürze, an wenigen Beispielen, die hohe Spannung der Kräfte und Bilder anzudeuten, die sich in dieser Lebens-Lyrik aus fünf, sechs schweren Jahrzehnten verbirgt.
Denn Wilhelm Schloz ist gar kein Lyriker im landläufigen Sinne oder in der Sprache Goethes, der den Lyriker als „enthusiastisch aufgeregt“ bezeichnet. Nein, dazu ist Schloz bei aller Vielspurigkeit zu schlicht und schwer zugänglich, viel zu besinnlich, ja grüblerisch und kämpferisch zugleich, er ist zu bäuerlich derb und tief bescheiden — er ist allzu schwäbisch. Am nächsten kommt er wohl der „Gedankenlyrik“, doch genügt auch dies nicht ganz, denn seine Lyrik will, wie jedes echte Spiel der Leier, Lied werden, als Musik sich lösen. Und das trotz seiner Sorge, nicht etwa gar „glatt“ zu schreiben, die seine Sprache oft holzschnitthart und rauh, ja nüchtern erscheinen läßt — um dann aber wieder aufzurauschen in Schluchzen und Jubel, scheu und gebändigt. Und sogar das Spiel mit der Sprache beherrscht er, leicht und schelmisch, „pizzicato“, wenn er will.
*
Fünf kleine Bücher sind es, die in weitem Bogen von Jugend und Mannesreife zum tätigen Alter seine veröffentlichte Lyrik zeigen.
Der namenlose Vorläufer „Bruchstücke aus Werdetagen eines Ungenannten“ von 1923 ist eine Kostbarkeit. Von dem „Ungenannten“ stammt das zarte
Ruhe, kleiner, schattendunkler See
Unterm Flüstern deines Binsenkranzes
Im Geschweige lichtbetauter Weite.
Sterne! Welten! Unfaßbares All!
Ja, er ist euch wahrlich nicht zu klein
Euren ewigen Glanz in ihm zu spiegeln.
Noch enger verdichtet sich seine Dichtung zum unlösbaren, unteilbaren Gespinst aus Laut und Wort, Bild und Gedanke in der „Ernte einer Gezeit“. Mit „Gezeit“ meint Schloz hier einen Lebensabschnitt jenseits der Lebensmitte, er sammelt die Ernte zweier Jahrzehnte ein. Er beginnt mit dem zuchtvollen „Mir selbst gesagt“ und bekennt
Was ich eh’ geraubt an Frieden
will ich spät mit Frieden zahlen.
und am Schluß in den „Zeiten“
Das Maß sucht’ ich, und draus Spruch und Gericht;
und draus den Auftrag; und daraus die Pflicht.
Nun rückt in seinem Denken der Dank nach vorn, so in dem Gedicht „Der Acker“, das an anderer Stelle abgedruckt ist und das Gedicht „Demut“ schließt mit dem gültigen Wort
Mir ziemt Dank
und nicht Gericht.
Doch dann sprengt der „Lyriker“ Schloz selber die herbe Welt der Gedanken und singt sein „Erde und Wasser“ über uns hin
Was ist lieblicher, als wenn im Frühling ...
Was ist gewaltiger, als wenn aus der Erde ...
wenn im Frühling
aus der Erde
die Wasser quillen.
Es gluckert die Furche.
Es gurgelt im Graben.
Die Straße wässert.
Es ertrinkt der Weg.
Die Wurzeln wippen
ungestüm freigespült.
Die Gräser schauern.
Jeder Erdgang wird Quell.
Die Berge singen.
Die Täler rauschen.
Die Tiefe murmelt.
Es glänzt das Licht.
Was, was ist lieblicher, als wenn im Frühling . . .
Was ist gewaltiger, als wenn die Erde ...
als wenn sich im Frühling
die Erde
bereitet.
Ein Mal gelingt dem ganz erlebenden und schaffenden Künstler die durchscheinende Vision „Weißer und schwarzer Schwan“ in herrlicher bildnerischer Darstellung und auch im Lied
Weißer Schwan.
Wie brautbeladener Kahn.
Stumm und stolz.
In dem das Niedere zu Schlacke schmolz.
Schneeiger Hals.
Aufsteigt mir Bild des Grals.
Als trügst du ihn an Bord.
Und dazu das Reine Wort.
Nur mit Beschwer
steigst du ans Land. Und sehr
fremd auf dem grauen Sand.
strahlt dein Engelsgewand.
Als du Gott gelangst
gab es schon die Angst?
War es der Beschwörung Ruf
daß er dir den dunklen Bruder schuf?
Wie glänzt dein Weiß ...
Hier! Ich zahl’ den Preis:
daß dem Dunklen ich mich hinverschreibc.
Opfergabe, daß das Licht uns bleibe.
„Daß das Licht uns bleibe!“ Aber nicht jenes „grausame innere Licht“, das ihm in „Schwermut“ das „Auge verschleiert“. Sondern dies Licht klingt mit dem strengen „Ja“ des selben Bandes zusammen:
Männlich kurzes Wort!
Wo du bist am Ort
ist rein das Haus.
Du gibst Bergung und Hut.
Bist streng, doch gut.
Du entwirrst den Graus
und führst aus ihm heraus.
Wie tust du wohl!
So nimm uns auch den Groll!
Ach, ließe sich wieder auf dich bauen
wir hätten gefunden, was alle suchen: Vertrauen.
Und nun muß man die nur vierzehn Prosazeilcn „Von der Sprache“ mitten im Bande selber lesen — zweimal, dreimal — bis man es ganz faßt: ... Aber wenn Gott dich liebte, gab er dir eine schwere Zunge. Also, daß sie dir sei ein stauendes Wehr, zu verhindern die Versandung deiner Seele; also, daß ihr See wachse in seiner Tiefe.
Gott! Dank Dir! Daß du das Wehr dann und wann brechen läßest und überströmen zu deinem Ruhm.
*
Würde man Wilhelm Schloz nach seinen dichterischen Leitbildern fragen, so käme die Antwort so stolz wie dankbar zugleich: es seien Liliencron, Hölderlin und Weinheber gewesen. Und seine eigene Frei-Werdung im Werk bedarf keines Wortes mehr. Ganz ohne Vorbild jedoch steht der Dichter mit seiner ernsten Mundart-Lyrik vor uns, als Schwabe ebenbürtig neben dem niederdeutschen Holsten Klaus Groth und dem südostdeutschen Steirer Hans Klöpfer: „Wenn e an Di denk, Muetter, no wird’s halt schwäbisch!“
Muetter! Das ist seine wahre Mutter-Sprache, in der allein er das Ernsteste und Tiefste sagen kann. Nur müßte man sie von ihm selber sprechen hören, die Gedichte:
De jong Magd — Beim Bibel-lease — Em Stall — ’s Moggele — De alt Magd em morgnets ond em obneds — No en Gang durch’s Haus — Drhoem — De Friede hao — Uf em Kirchhof — An de Heileche zwölf Nächt — Für enander do sei(n) ...
Von diesen zwölf reinsten Bildern aus seiner bäuerlichen Wesensheimat wurde mir selber das heimlichste zum Lied, drum darf es hier als Beispiel stehen, wenn dies auch den engeren Aufgabenbereich meines Auftrags sprengt. Nicht in schwerflüssigem Öl — nein, in hauchhellen Wasserfarben malt dein Herz, Wilhelm Schloz, seine Heimat:
No en Gang durch’s Haus
mit dr Latern.
Und en Blick no naus
zo de Stern.
Jetz isch still.
Ond dui Seel will
nex mae als ihr Rueh.
Aus jetzt ao d’Schueh!
De letzt Tür zue.
— — — Ob e sc morge ao wieder auftue?
*
Fruchtbar wächst seine Lyrik nach diesem Ausruhen bei der geliebten Mutter weiter. Sie nimmt Fäden aus den „Gedichten“ und der „Ernte“ auf, beschränkt sich voll Selbstzucht auf knappste Form, verwebt das Wort mit Graphik zum Gleichgewicht der Aussage und kristallisiert sich in die „Geliebte Landschaft“ aus, in die „Eselshaldener Vierzeiler und zwölf Zeichnungen“. Die gesammelte innere Spannweite, Einfühlungs- und Spannkraft des erd- und sternverbundenen, schwer und spät ausgereiften bäuerlichen und künstlerischen Menschen Wilhelm Schloz, unseres Freundes, gibt uns in diesem bisher jüngsten schmalen Band eine Kraft ins Herz, die keiner Deutung bedarf.
Über „Lyrik“ ist grundsätzlich jedes Wort eines anderen zu viel. Drum tönte als reuevoller Abschluß dieses Versuchs bewußt ein reiner Dur-Dreiklang in seinen eigenen Worten auf!
Da über den Wiesen der Heuduft hing
hinter den Tannen der Tag verging
mein Fuß sich in den Lampen der Glühkäfer verfing . . .
Ach wieviel der Worte! — — So schön bist du Mond?
Wolken ziehn . . . Ihr habt nichts zu flichn
nur zu sein, und abendlich zu glühn. —
Ist der Mensch . . . bin ich mir nur geliehn?
Schweigt es nimmer, dies „Woher“, „Wohin“?
Über allem der Dank. Nichts, das nicht Dankes wert.
Keine finsterste Nacht, die nicht ein Tag verzehrt.
Kein Weh, dem nicht ein leises Wohl nachklänge.
Nicht ein Gewesenes, ob dem ein Werdendes nicht schon ein Danklied sänge.
Dr. Tbilde Maier, Überlingen
Mundartdichtung
Aus der Rückschau hat Wilhelm Schloz sein inneres Verhältnis zur Mundart einmal mit den Worten umschrieben: „Ich habe mit sechzig Jahren das erste mundartliche Gedicht geschrieben. Erst nach der Schule des lyrischen hochdeutschen Gedichts. Es geht daraus hervor, als ein wie hochwertiges und vollkommenes Kunstmittel ich die Mundart erachte.“ Allein, Wertschätzung der Mundart als Kunstmittel, damit ist die innere Beziehung des Dichters zu dieser Sprachform nicht erschöpft. Wilhelm Schloz ist mit der Mundart verwachsen — mit seiner Mundart, einer Verbindung von altbodenständigem Schwäbisch, wie man es am mittleren Neckar, in Deizisau, der Heimat des Vaters, spricht und dem herberen Schwäbisch vom mittleren Albrand, wo die Mutter herkommt. Die Mutter — wenn Wilhelm Schloz an sie denkt, „dann wird es halt schwäbisch“, wie der Titel eines schmalen, aber äußerst gehaltvollen Bändchens mundartlicher Gedichte teilweise lautet, die 1955 im Hünenburg-Verlag, Burg Stettenfels, erschienen sind.
In der Werkstatt
Blumenstrauß (Ol)
Weißer und schwarzer Schwan (Ol)
Wilhelm Schloz — Selbstbildnis (Öl, 1959)
Der Erstling aus dem Bereich mundartlicher Schöpfungen war ein Spiel. Jahrelang lag dafür in dem Dichter ein heiterer, ein ernst-heiterer Stoff bereit. Ein Stoff für das Theater. Die Stoffwelt ländlich, dörflich, bäuerlich .Es wäre, wie Schloz selbst sagt, ein Vergehen an seinem inneren Gehalt und Gefüge gewesen, ihn hochdeutsch zu fassen. Das einstige dörfliche Bauernkind tastete sich als schon erfahrener Autor richtig behutsam und schüchtern an die Mundart heran. Plötzlich stand das Stück da — in Prosamundart: ein schwäbischer Student kommt als Erntehelfer in die Familie des Bruckerbauern, des Bürgermeisters einer Albgemeinde. Der Schultesbauer mag ihn recht wohl leiden, nicht zuletzt, weil dem angehenden „Pfärr“ keine Arbeit zu viel und er tüchtig zugreift. Die Bäurin, eine gescheite Frau hegt für den jungen Menschen, der früh die Mutter verloren hat, mütterliche Gefühle, mit einer schwiegermütterlichen Beimischung, falls ... Ja, denn da sind die beiden Mädle, s Kathrele und s Mariele, und jede ist dem Studcntlein von Herzen zugetan, die Kleine in ihrer keck-fröhlichen und doch nicht oberflächlichen Art, die Große mit der Tiefe des Gefühls der reifenden Frau, der zum ersten Mal in ihrem Leben im Mann auch die immer ersehnte und versagte geistige Welt begegnet. Die damit aber auch zugleich vor eine ganz persönliche Entscheidung gestellt wird. Denn da ist der tüchtige und menschlich sehr wertvolle Jungbauer, und eh der Student kam, war dem Kathrele klar, daß sie zusammengehören, ohne daß viel Worte darüber gemacht worden wären. Wenn nur das Studentlein selbst es wüßte, wie es mit seinem Herzen bestellt ist! „I glaub, i mag boide!“ Das ist das Ergebnis seiner Gewissenserforschung — und die Mutter dazu! Mit der Kleinen tanzt er, und die Große möcht er bei der Hand nehmen und mit ihr zusammen still dahinwandern. — Der innere Zwiespalt der Beteiligten trübt mehr und mehr die Gemeinschaft der Menschen auf dem Bruckerhof. Nichts geht mehr seinen gewohnten Gang — und zuletzt bleibt die Uhr stehen, die seit Jahr und Tag das Leben auf dem Hof geregelt hat. Dem Student, der Ursache aller Wirrnis, gelingt es nicht, sie wieder in Gang zu bringen, wohl aber dem Jungbauern, der mit einem Blick überschaut, woran es liegt — an dem Zigarettenstummel, den der Erntehelfer unachtsam auf den Kastenboden des Uhrgehäuses gelegt hat! Die Uhr geht wieder, und ihr Gang wird zum Symbol der wiederhergestellten Ordnung, auch der inneren, nach der jeder weiß, zu wem er gehört.
Damit ist in Kürze der Inhalt des Mundartspiels umrissen, dem der Autor sehr bezeichnend den Titel: „D Uhr goht au wieder“ gegeben hat. Der reiche innere Gehalt des Spiels ist hierdurch keineswegs erschöpft. In diesem Stück wird bäuerliches Wesen nicht idealisiert, aber in die Tiefe geführt. Wilhelm Schloz hat in zahlreichen Aufführungen großen Erfolg gehabt.
Auf demselben bäuerlichen Lebensboden sind die Mundartgedichte von Schloz entstanden. Frühe Bilder und Eindrücke aus der Kindheitswelt des Dorfes, gleichsam versunken in einem tiefen Brunnenschacht, sind darin ans Licht gehoben und haben dichterische Gestalt gefunden. Wir geben hier eins davon, „Em Stall“, wieder:
S ischt Naacht, ond d’ Stall-Latern brennt.
Uf’m Melkstüehle sitzt d’Bäure mit zemeglegte Händ.
Bettet se? Denkt se noch? — E Kueh will brenge
’s ischt e bißle e schwierechter Fall
’s kö(nn)t sei(n), zmol müeßt mr sprenge
do bleibt se lieber auf ond wachet em Stall. —
Ond weage sellem, en so eme Fall
ischt bei (ch)r zwische Denke ond Bette koe so groaßer Onterschied.
Hie ond do saet se voar se na e Gsangbuechlied.
D’ Bläß hot grad leis en Aozger tao
ond ommergucket, ob d’Bäure no bei (eh)r sei.
„Sei no ruehech, Bläß! ’s goht ao vrbei.
I kenn’s, was de omtreibt, jo ao.“
Vo Viere. —
Ond zmol isch (s)e mittle dren em Senierc:
’s ischt halt jedesmol o(n)gschickt gwea.
Jedesmol eme Hauptgschäft. Ond nochher mueß mr’s büeße.
Dui Kueh hot ao z lang ond z’härt na müesse.
’s ischt so leicht ebbes gscheah.
Aber so isch’ bei ons: Schaffe, Sehende, Müed-sei(n) isch onser Laos;
a(l)s de klei(n) fangt’s a(n), mit deam wear mr graoß.
Ond d Kender . . . ‚ dees goht so zwischenei(n).
So lang se oen brauchet, no klei(n)
jo. do isch’ schö mit’n. Me möcht vo koem
no ao en Tag fortsei(n).
’s will oem schiergar schao
z’lang sei bis zom Hoemkomme ond Füettere.
Aber kaum send se graößer, staoßet se noch oem.
’s tuet waeh.
Aber z’arg därf mr’s ao et an se na lao
do drfür send mr halt Müettere.
D’ Bläß hot wieder en Troester tao.
„I moe, Bläß, mr sotte de Baure no e weile en Ruch lao.
’s ischt jo noet so weit. Ond’r ischt jo glei do.
Ach, jetzt send mr wieder fraoh an (eh)m, jo.“
„Oo, wenn’r fluccht ond schreit
daß mr se ganz schämt voar de Leut
älles zmol toe sott sei(n)
ond mr kaum mae sott schnaufe
do hätt mr schao oft wölle verlaufe.
Aber mo wött mr na?
Mr käme bald wieder hoe.
Mo mier nemme nausgseahnet, ischt ear halt e Ma(nn).“
„Geab’s Gott, daß’s guet goht!“
Uf dr Kirchuhr schlä(g)t’s zwölfe. — „So. isch’ schao so spot!“
„Witt wieder aufstaoh, Bläß? — No stand no e weile na!“
— Ach, wie guet isch’, daß dr Mensch bette ka(nn)! —
’ischt e guete Zeit still. — D’ Bläß tuet jetzt en lautere Schroe.
No wird’s Zeit sei(n) für d Brotsupp. —
D Bäure stoht auf ond rieht’ e bißle d Stroe.
I will’m gaoh klopfe, (e)m Baure. — Se losnet.
„’s ischt mr, daß (e)r’s ghaört hot.“
„So, lieg na, Bläß! — Gang’s guet! Geab’s Gott!“
Man kann solche ursprünglichen Dinge nicht schlichter und nicht inniger sagen. Sie sind empfunden, wie sie der bäuerliche Mensch empfindet, und sind gesagt, ohne Wortgepränge, ganz einfach und selbstverständlich, beides Merkmale echter Kunst — auch heute noch! Mit ein paar Worten nur eine Situation deutlich machen, nicht nur äußerlich, sondern ihren menschlichen Gehalt schöpferisch gestalten!
Seinen Mundartgedichten hat Wilhelm Schloz ein Nachwort mitgegeben, in dem sehr viel Wesentliches enthalten ist. Mit einen Satz umreißt der Autor treffend die Gleichartigkeit und Verschiedenheit von alemannischer und schwäbischer Mundart: „Mir ist das Alemannische und das Schwäbische in ihrem Verhältnis zueinander immer erschienen wie Landadel (mit seinem Bildungszuschuß) und Freibauerntum (mit seiner Urständigkeit).“
Was die Mundartdichtung weithin diskreditiert, ist ihr Mißbrauch zur Darstellung des meist oberflächlich Witzigen und Lächerlichen. Sie ist damit in den Augen Vieler selbst lächerlich geworden.
