Lebenslänglich besser - Dorothee Markert - E-Book

Lebenslänglich besser E-Book

Dorothee Markert

0,0

Beschreibung

Der pietistische Einfluss auf unsere Kultur ist allgegenwärtig, auch wenn wir heute fast nichts mehr über den Pietismus wissen. Pausenlos arbeiten, nie mit sich zufrieden sein, sich mit anderen vergleichen und die Welt verbessern wollen: Nicht nur religiös oder streng pietistisch Erzogene haben wenig Freiheit, sich gegen dieses ein Leben lang wirkende innere Programm zu entscheiden. Das säkularisierte Bürgertum und vor allem auch der Sozialismus trugen pietistisches Erbe weiter. Wie es kam, dass der Pietismus weltweit so große Wirkung entfaltete, und wie wir uns von seinen negativen, fundamentalistischen Tendenzen befreien können, wird in diesem Buch dargestellt. Gleichzeitig werden aber auch die positiven Entwicklungen gewürdigt, die wir dem pietistischen Einfluss verdanken.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dorothee Markert

Lebenslänglich besser

Unser verdrängtes pietistisches Erbe

Books on Demand

Inhalt

Einleitung

Teil I. Aussagen „fromm“ erzogener Frauen und Männer

Fragebogeninterviews und andere Quellen

Die Befragung

Vorstellung der Befragten

Literarische Verarbeitungen „enger“ religiöser Erziehung

Enge, Strenge, Schuldgefühle

Zusammenfassung

„Ich habe freudig darin gelebt“

Zusammenfassung

Teil II. Unser zwiespältiges pietistisches Erbe

„Schaffet, dass ihr selig werdet“

Vom Arbeitszwang zur Arbeitssucht

Arbeiten mit Freude und Sinn

Von der „Hoffnung besserer Zeiten“ zum Einsatz für die Weltrevolution

Das Tausendjährige Reich Christi auf der Erde

Literarische und gelebte Utopien

Mission

Die Entkirchlichung des Christentums

Der Glaube an den „neuen Menschen“ und die „säkularen Religionen der Moderne“

Pietismus und Aufklärung

Von der Zusammenarbeit zum unheilbaren Bruch

Pietistisches Erbe im Werk deutscher Dichter und Denker des Aufklärungszeitalters

„Schlechthinnige Abhängigkeit“ gegen Autonomie und Selbstbestimmung

Der „breite und der schmale Weg“ und andereZweiteilungen der Welt

Gerettete und Verdammte

Fundamentalismus

Vorschläge für den Weg zurück in die ganze Welt

Literatur

Fragebogen über das Aufwachsen in einer vom Pietismus geprägten Familie

Anmerkungen

Einleitung

Der Pietismus ist schon so lange kein Thema mehr in der Öffentlichkeit, dass viele Menschen noch nicht einmal mit dem Begriff etwas anfangen können. Bei der Suche im Internet finden wir unter „pietistisch“ nur die wenig erhellende Erklärung, „den Pietismus betreffend“, und unter „Pietismus“ steht etwas von einer protestantischen Erneuerungsbewegung im 17. und 18. Jahrhundert. Pietismus scheint also höchstens ein Thema für evangelische TheologInnen und für HistorikerInnen zu sein, es scheint etwas aus der Vergangenheit zu sein, das nichts mehr mit uns modernen, aufgeklärten, säkularisierten Menschen zu tun hat.

In folgendem Zeitungsartikel kommt der Pietismus ebenfalls als etwas zum Glück Überwundenes vor: „Stuttgart hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Der schaffige Pietismus, das Enge, die früh hochgeklappten Bürgersteige geistern zwar noch durch manches Klischee. Aber die Stadt hat inzwischen eine hohe Dichte an Clubs, Straßencafés und Cabrio-Fahrern, und der Stuttgarter hat gemerkt, dass Schaffen und Häuslebauen nicht alles ist.“1 Pietismus heißt also im allgemeinen Verständnis zunächst einmal Enge, „Schaffigkeit“ und früh zu Bett gehen. Für die hier angesprochene Lustfeindlichkeit wird allerdings in der Umgangssprache viel häufiger der Begriff „puritanisch“ verwendet, der im Internetlexikon „The free dictionary“ folgendermaßen erklärt wird: „sittenstreng, enthaltsam und einfach, nach strengen Prinzipien lebend“. Ein Puritaner oder eine Puritanerin wird hier als eine Person beschrieben, für die „Freude eine Sünde“ ist.

Die Unwissenheit über den Pietismus und das Desinteresse daran in der Öffentlichkeit stehen in seltsamem Gegensatz zu dem, was die ältere und neuere Pietismusforschung herausgefunden hat. Hier wird der Pietismus als „groß angelegte Lebensreform, als Weltveränderung durch Menschenveränderung“ bezeichnet,2 als ein komplexes historisches Phänomen, das in seinen vielfältigen theologie-, frömmigkeits- und sozialgeschichtlichen Bezügen schwer zu erfassen ist.3 Karl Kupisch spricht von einer „bedeutsamen Erscheinung der deutschen Frömmigkeitsgeschichte“, die in ihrem Zusammentreffen mit der sozialen Problematik untersucht werden sollte.4 Einigkeit besteht darüber, dass der Pietismus zusammen mit dem Puritanismus die bedeutendste religiöse Bewegung des Protestantismus seit der Reformation darstellt.5 Doch es handelt sich nicht nur um eine religiöse Bewegung. Wie hier Lächele, zitieren die meisten Autoren, die über den Pietismus schreiben, aus Johannes Wallmanns umfassender, meisterhaft auf den Punkt gebrachten Erklärung, was unter Pietismus zu verstehen ist: „Der Pietismus ist eine im 17. Jahrhundert entstehende, im 18. Jahrhundert zu voller Blüte kommende religiöse Erneuerungsbewegung im kontinentaleuropäischen Protestantismus, neben dem angelsächsischen Puritanismus die bedeutendste religiöse Bewegung des Protestantismus seit der Reformation. Gleicherweise in der lutherischen wie in der reformierten Kirche entstanden, dringt der Pietismus auf Individualisierung und Verinnerlichung des religiösen Lebens, entwickelt neue Formen persönlicher Frömmigkeit und gemeinschaftlichen Lebens, führt zu durchgreifenden Reformen in Theologie und Kirche und hinterlässt tiefe Spuren im gesellschaftlichen und kulturellen Leben der von ihm erfassten Länder.“6

Während der Pietismus als religiöses, insbesondere protestantisches Phänomen recht gut untersucht ist, wobei diese Themenfelder jedoch kaum überschritten werden, finden wir nur vereinzelte Hinweise auf den Pietismus als kulturell und gesellschaftlich wirkmächtige Erscheinung. In religions- und kultursoziologischen Schriften nimmt die Auseinandersetzung mit Max Webers These vom Zusammenhang zwischen protestantischer Ethik und dem „Geist des Kapitalismus“ so großen Raum ein, dass der viel deutlichere Bezug vom Pietismus zu Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie und Sozialismus kaum in den Blick genommen wird. Meine Arbeit soll diese Lücken in groben Zügen füllen, um zu einer gründlicheren Untersuchung dieser Zusammenhänge anzuregen, als dies in einem ersten Überblick über die wichtigsten Einflüsse des Pietismus auf unsere kulturelle und gesellschaftliche Gegenwart möglich ist. Wenn ich von „unserem pietistischen Erbe“ spreche, das ich in seinen positiven und negativen Aspekten untersuchen möchte, beziehe ich mich damit auf die vom Pietismus beeinflussten Länder in ihrer Gesamtheit und nicht nur auf die Teilbereiche von ihnen, die sich der christlichen, protestantischen oder gar evangelikalen Religion zugehörig fühlen.

Die Pietismusforschung konnte sich bis heute nicht auf einen Konsens über den Pietismusbegriff einigen, wobei der wissenschaftliche Streit um einen engeren oder weiteren Pietismusbegriff in seinen Spitzfindigkeiten möglicherweise dazu beigetragen hat, dass das Interesse an diesem Thema die akademischen Spezialdisziplinen kaum überschritten hat. Ob der Pietismus mit den Texten von Johann Arndt beginnt, ob puritanische Erbauungsbücher mit einbezogen werden müssen oder ob der Ursprung bei Philipp Jakob Spener liegt, ist zwar nicht unwichtig, aber ausschließlich von wissenschaftlichem Interesse. Mir liegt daran, den Pietismus so zu erklären, dass die wichtigsten Anliegen, die wir bei Arndt, Spener, teilweise auch bei puritanischen Gemeinschaften sowie bei heutigen pietistischen Gruppierungen finden, auch Menschen außerhalb der Kirchen einleuchtend vermittelt werden können. Wenn ich mich nicht ausdrücklich auf bestimmte historische Personen oder Situationen beziehe, bezeichne ich in diesem Buch daher Bewegungen und Gruppierungen als pietistisch, deren Hauptanliegen es ist, dass sich das Christentum im täglichen Leben auswirkt, dass es ethisch umgesetzt wird. Der Glaube soll das Alltagsleben durchdringen. Dass „Gott gegenwärtig“7 ist, soll spürbar werden. Um dies zu unterstützen, werden in den Familien tägliche Hausandachten gehalten, meistens anhand von Texten aus christlicher Erbauungsliteratur, aus Bibelkalendern, beispielsweise dem Neukirchner Kalender oder aus den seit 1731 herausgegebenen „Losungen“ der Herrnhuter Brüdergemeine. Zusätzlich zum sonntäglichen Gottesdienst oder stattdessen werden in eigenen pietistischen Gemeinschaftstreffen ebenfalls Bibeltexte ausgelegt und Andachten gehalten. Auch außerhalb dieser Treffen bestehen in der Regel enge, fast familiäre Kontakte zwischen den Gemeinschaftsmitgliedern.

Während, historisch betrachtet, die Bildung pietistischer Gemeinschaften ein rein protestantisches Phänomen ist, dessen gesellschaftliche Bedeutung mit der Säkularisierung kontinuierlich abnahm, hat in den letzten Jahren der Zulauf zu entsprechenden Gruppierungen aus dem katholischen Umfeld stark zugenommen. So könnten die Hauskreise, die aus in den Pfarreien angebotenen Glaubenskursen oder „Exerzitien im Alltag“ entstanden, die Gruppen der „Gemeinschaft christlichen Lebens“, der Fokolarbewegung oder des Katharinawerks nach meiner Definition durchaus auch als „pietistisch“ bezeichnet werden, wobei die beiden letzteren ökumenisch bzw. sogar interreligiös ausgerichtet sind. In all diesen Gruppen geht es wie in den Anfängen der pietistischen Bewegung im 17. Jahrhundert um eine auf die einzelnen Menschen und ihren Alltag konzentrierte Rechristianisierung.

Die damalige Bewegung selbst hielt sich nur für eine Fortsetzung der Reformation, von der die Beteiligten dachten, dass sie unvollendet geblieben sei.8 Die Reformation der Lehre sollte durch eine zweite Reformation, die des Lebens, ergänzt werden.9 Dass es schwierig ist, die religiöse Botschaft ausschließlich über Predigten an die Gläubigen zu bringen, wird schon seit dem 16. Jahrhundert diskutiert.10 Das Anliegen, den Alltag christlich zu gestalten, finden wir schon vor dem Pietismus, beispielsweise bei Johann Arndt und in der calvinistisch-puritanischen Erbauungsliteratur, die großen Einfluss auf die pietistische Bewegung hatte.11 Pietistische Neuerungen waren die privaten Zirkel und Gemeinschaften mit ihrer dichten Gruppen- und Freundschaftskultur, in der neben dem mündlichen auch der schriftliche Austausch immer größere Bedeutung gewann. Pfarrer führten Ringkorrespondenzen, Laien lasen aus ihren Tagebüchern vor und verfassten zu Lebzeiten ihre Leichenpredigten als fromme Lebensrückblicke zur Erbauung anderer. Ulrike Gleixner behauptet in diesem Zusammenhang, das pietistische Ich sei im Wesentlichen schreibend erschaffen worden. An anderer Stelle bezeichnet sie den Pietismus als eine Frömmigkeit in unablässiger Kommunikation.12 Eine weitere Besonderheit im Pietismus, die meines Erachtens am nachhaltigsten politisch-gesellschaftlich-kulturell gewirkt hat, wie ich im Kapitel über den Sozialismus aufzeigen werde, ist die spezifische Form der Naherwartung, der Erwartung der Wiederkunft Christi und der Glaube an ein Tausendjähriges Reich, das Christus dann errichten würde. Diese spezielle Form der Naherwartung, Chiliasmus genannt, musste in öffentlichen Verlautbarungen umschrieben oder verborgen werden, da sie in den Kirchen als Ketzerei galt. Deshalb sprach Spener vermutlich von der „Hoffnung besserer Zeiten“ anstatt vom Tausendjährigen Reich Christi, auf dessen schnellere Herbeiführung und Vorbereitung zahlreiche pietistische Aktivitäten zur Weltverbesserung ausgerichtet waren.

Da ich den Einfluss des Pietismus auf unsere Kultur darstellen möchte, muss ich mich im zweiten Teil meines Buches mehr, als mir lieb ist, auf die Personen beziehen, die durch eine verengende Tradierung und eine an „großen Männern“ orientierte historische Forschung als „Väter“ der pietistischen Bewegung, als ihre „Hauptvertreter“ hervorgehoben wurden. Ihr Leben und ihre Schriften wurden gründlicher erforscht, so dass ihr Einfluss auf spätere Autoren deutlicher zu erkennen ist, beispielsweise der Einfluss von Philipp Jakob Spener auf den Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant. Neben Spener (1635-1705), der die Bildung von religiösen Hauskreisen („Konventikeln“) beförderte und in seinem Buch „Pia desideria“ ein wichtiges Grundlagenwerk schuf, beziehe ich mich hauptsächlich auf August Hermann Francke (1663-1727), den Gründer der Halleschen Stiftungen, dessen pietistische Richtung durch seine Zusammenarbeit mit dem preußischen Königshaus großen Einfluss auf die preußische Kultur bekam. Von diesem „Halleschen Pietismus“ unterscheidet sich in vieler Hinsicht die pietistische Richtung der „Herrnhuter“, die von Nikolaus Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf und Pottendorf (1700-1760) gegründet wurde, der als Adliger die Möglichkeit hatte, auf seinem Gut Religionsflüchtlingen Asyl zu gewähren, die in der Siedlung „Herrnhut“ in einer pietistischen Gemeinschaft zusammenlebten. Herrnhut war Vorbild für zahlreiche weitere pietistische Siedlungen und ist vor allem durch die dort herausgegebenen „Losungen“ weltweit bekannt geworden. Obwohl Graf Zinzendorf das Pädagogium der Franckeschen Stiftungen besuchte und viel von Francke lernte, unterscheidet sich sein Pietismus stark von dem von Francke vertretenen. Dafür ist wahrscheinlich auch der Einfluss seiner Großmutter Henriette Catharina von Gersdorff (1648-1726) verantwortlich, bei der der junge Graf aufwuchs. Diese hochgebildete Frau korrespondierte schon früh mit zahlreichen Wissenschaftlern und Theologen ihrer Epoche und unterstützte schließlich die Bewegung des Pietismus. Weitere pietistische „Väter“, die in meinem Buch erwähnt werden, sind Johann Albrecht Bengel (1687-1752), der als wichtigster württembergischer Pietist des 18. Jahrhunderts gilt, sowie die württembergischen Pietisten Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782), Philipp Matthäus Hahn (1739-1790) und Michael Hahn (1758-1819), der die „Hahn’schen Gemeinschaften“ begründete.

Da es das Anliegen des Pietismus war und ist, den christlichen Glauben im Alltag spürbar werden zu lassen, und da für seine Weitergabe vor allem die Frauen in den Familien verantwortlich waren, sind für das Verständnis des Pietismus Erzählungen über das Aufwachsen und das weitere Leben einzelner pietistischer Menschen mindestens ebenso wichtig wie die Berichte über die pietistischen „Großen“ und ihre Schriften. Großes Gewicht haben für mich daher die Aussagen pietistisch Erzogener im ersten Teil meines Buches, die ich aus sechzehn Fragebogeninterviews zusammengestellt habe.

Zwischen den ersten pietistischen Zirkeln, die Spener in Frankfurt gründete, und den pietistischen Gemeinschaften, aus denen die von mir interviewten Personen kommen, liegen etwa drei Jahrhunderte. Von Anfang an gab es große Unterschiede unter den sich der pietistischen Bewegung zugehörig fühlenden Gruppen, es gab Ausgrenzungen, Abspaltungen, aber auch Zusammenarbeit und Zusammenschlüsse. Auf einen Niedergang der Bewegung im Zusammenhang mit der Säkularisierung folgte ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Neupietismus eine erneute Erweckungsbewegung, die neue Gruppierungen, neue Abspaltungen, aber auch Zusammenschlüsse mit älteren Gruppen hervorbrachte. Heute spricht man eher von evangelikalen als von pietistischen Gruppierungen oder von „bibeltreuem“ oder „entschiedenem“ Christentum. Jede Gruppierung hat ihre eigene Geschichte, beruft sich auf ihre eigenen Gründer oder Gründerinnen, auf die ich leider im Rahmen dieses Buches nicht eingehen kann. Doch das Hauptanliegen ist dasselbe wie damals und es verbindet die verschiedenen Gemeinschaften miteinander, so unterschiedlich sie sind: Die christliche Religion soll sich auf den Alltag auswirken, und dies soll in der Welt sichtbar werden. Die von mir Befragten sowie die zitierte autobiographische Literatur beziehen sich auf folgende pietistischen Gemeinschaften: Evangelische Gemeinschaft/Methodisten, Hahn’sche Gemeinschaft, Altpietisten, St. Chrischona, Christlicher Verein Junger Männer (CVJM), Pfingstgemeinde, Evangelische Gemeinschaft innerhalb der Landeskirche, Süddeutsche Gemeinschaft, Hermannsburger Mission, Herrnhuter Brüdergemeine, Innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses/Liebenzeller Mission und evangelisch-freikirchliche Baptisten.

Die Aussagen der Interviewten werden im ersten Teil des Buches in ihren negativen und positiven Aspekten dargestellt (Kapitel 1 bis 3), im zweiten Teil erweitert sich der Blickwinkel hin zum pietistischen Einfluss auf unsere Kultur insgesamt. Genauer untersucht werden die Einstellung zur Arbeit (Kapitel 4), der Drang, die Welt zu verbessern und einen neuen Menschen zu schaffen, insbesondere der Einfluss des Pietismus auf den Sozialismus (Kapitel 5), die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Pietismus und Aufklärung (Kapitel 6) und die gefährliche Enge und Strenge, die durch dualistische Zweiteilungen der Welt und die entsprechenden Polarisierungen und Frontenbildungen entsteht (Kapitel 7).

Zeigen möchte ich mit meinem Buch, wie stark unsere Kultur vom Pietismus geprägt ist, obwohl sie so tut, als sei sie vor allem ein Kind der Aufklärung. Ohne etwas über den pietistischen Einfluss auf unser Fühlen, Denken und Handeln zu wissen, können wir beispielsweise nicht verstehen, woher in unserer Kultur der Zwang zu rastlosem Arbeiten ohne Genussfähigkeit kommt, der einer heute dringend notwendigen Abkehr vom wirtschaftlichen Wachstumszwang entgegen steht. Auch zu einem besseren Verständnis von Sozialismus und Kommunismus kann die Beschäftigung mit dem Pietismus beitragen, denn dieser hatte eine große Bedeutung für die Entstehung der sozialistischen Bewegung. Die Beschäftigung mit fundamentalistischen Aspekten des Pietismus kann uns zudem helfen, unsere Anfälligkeit für andere Formen des Fundamentalismus zu verstehen und damit zu einem besseren Umgang mit religiösem und anderem Fundamentalismus zu kommen.

Dankbar bin ich den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, deren Forschungsergebnisse ich in meinem Buch verwenden konnte. Da ich keine Spezialistin für das jeweilige Thema bin, ist es möglich, dass ich dabei auch Ungenauigkeiten und vielleicht sogar Irrtümer mit übernommen oder selbst neue produziert habe, doch ich glaube nicht, dass dies für die wichtigsten Anliegen dieses Buches eine große Rolle spielt. Wenn solche Fehler andere zu eigenen, gründlicheren Forschungsarbeiten anregen, die zu weiteren Auseinandersetzungen über meine Thesen führen, freue ich mich.

Teil I. Aussagen „fromm“ erzogener Frauen und Männer

1. Fragebogeninterviews und andere Quellen

Die Befragung

Den Fragebogen13 entwickelte ich im Anschluss an Vorgespräche mit drei pietistisch Erzogenen aus meinem Freundeskreis. Hier schon wurde deutlich, dass die Thematik für meine Gesprächspartner und –partnerinnen weit in den Hintergrund getreten war, dass sie aber nach dem Gespräch das starke Bedürfnis verspürten, sich mehr mit ihrer pietistisch geprägten Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Meine InterviewpartnerInnen gewann ich ebenfalls über persönliche Beziehungen. Ich bat Freunde und Bekannte, meinen Fragebogen auszufüllen oder die Fragen mündlich zu beantworten. Diese Personen konnten wiederum Freunde und Bekannte dazu einladen, was sie auch gern taten. Auffallend war, dass ich ausgefüllte Fragebögen mit einer Ausnahme nur von Menschen zurückbekam, die mich – zumindest aus der Ferne – persönlich kannten. Offensichtlich war ein Minimum an Vertrauen mir gegenüber Voraussetzung, das Vertrauen, dass ich verantwortungsvoll mit den Aussagen umgehen würde, um sich auf die teilweise zweifellos aufwühlende Konfrontation mit diesem schwierigen Thema einzulassen. Umgekehrt fühlte auch ich mich den Befragten gegenüber anders verpflichtet, als wenn es Fremde wären. Das half mir, der immer wieder angesichts der Materialfülle und der Schwierigkeiten des Schreibens aufkommenden Versuchung zu widerstehen, das Projekt einfach fallen zu lassen.

Die Reaktion auf meinen Fragebogen war durchweg positiv: Fast alle, die ihn schließlich ausgefüllt zurückschickten, bedankten sich für die Anregung und fanden es schön und mutig, dass ich diese Arbeit schreiben wollte. Sie hatten durch die Fragen eine Reise in ihre Kindheit unternehmen können und merkten, dass sie dabei mit einigem in Kontakt kamen, das noch verarbeitet werden wollte. Einzelne reagierten auch mit Erschrecken, als ihnen bewusst wurde, wie „unübersehbar groß“ der Einfluss der Religion gewesen war.

Während mein Weg der Probandengewinnung mir sehr umfangreiche, sehr persönliche und authentische Antworten bescherte, ist die Zusammenstellung der Interviewten für die Gesamtgesellschaft in keiner Weise repräsentativ. Überrepräsentiert sind in meiner Untersuchung Frauen, bei denen wiederum der Anteil gleichgeschlechtlich Liebender überproportional hoch ist, überrepräsentiert sind auch akademisch Gebildete und dabei wiederum Theologen und Theologinnen, ebenso Personen aus der württembergischen Landeskirche. Insbesondere die Aussagen über die jeweiligen pietistischen Gemeinschaften sind selbstverständlich zufällig und nicht verallgemeinerbar. Wie sehr es letztlich von den einzelnen Menschen und ihren Beziehungen abhängt, ob eine religiöse Erziehung als positiv oder als negativ erlebt wird – und auch das ist nie eindeutig –, ist sicherlich eines der wichtigsten Ergebnisse meines Buches in Bezug auf pietistische Erziehung.

Vorstellung der Befragten

Dass es den pietistisch Erzogenen oder die pietistisch Erzogene nicht gibt, zeigt die Unterschiedlichkeit der Lebensgeschichten, die ich im Folgenden zusammenfasse, bevor ich auf die einzelnen Aussagen in den Interviews eingehe.

Johann und Regina Bühler14

Der Förster und Forstwissenschaftler Johann Bühler, 1932 geboren, wuchs in einer Kleinstadt in Württemberg als Einzelkind in einer Familie auf, in der „alle gläubig waren“. Erst als er 17 Jahre alt war, kam eine „Ziehschwester“ dazu, ein Flüchtlingsmädchen aus Schlesien, das in die Familie aufgenommen wurde. Sie gehörten der Evangelischen Gemeinschaft an, die jetzt zur methodistischen Kirche geworden ist. Die Mutter und die Großmutter besuchten auch zeitweilig die „Stunde“ einer Hahn’schen Gemeinschaft, dort sei es der Mutter aber zu „eng“ gewesen. Die 1880 geborene Großmutter, die mit ihrer Güte und Gottergebenheit beeindruckte, sei der Mittelpunkt der Familie gewesen. Der Großvater, ein stolzer Bauer, der den als Soldat lange nicht anwesenden Vater ersetzte, war ein „normaler Kirchgänger“, vergaß aber bei der täglichen Abendandacht nie, für die Tiere zu beten15. Er hatte das Bedürfnis, „seinen Betrieb mit Gott zu führen“. Die Familie war nicht reich. Trotzdem unterstützte die ganze Familie die Basler Mission, half Flüchtlingen und Soldaten. Nachbarschaftshilfe war selbstverständlich. Johann hatte aber nicht den Eindruck, dass sie deshalb Opfer bringen und sich besonders einschränken mussten. Dies sei einfach das über Generationen weitergegebene praktische Christentum gewesen. Johann ist sich mit seiner Frau Regina darin einig, dass es durch das pietistisch geprägte Aufwachsen nichts Belastendes, sondern nur Förderndes gegeben habe. Beide können sich ein Leben ohne „Beziehung zur Vertikale“16 nicht vorstellen. Johann engagierte sich später als Delegierter der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, er war im Kirchengemeinderat und leitete die Aktion „Freunde von der Straße“, eine ökumenische Obdachlosenarbeit. Seine Frau singt im Kirchenchor und besucht ältere und kranke Menschen der Gemeinde. Jahrelang hat sie ihre Mutter und ihre Schwiegermutter gepflegt.

Regina Bühler ist der Meinung, dass sie keinen pietistischen Hintergrund habe. Doch auch in ihrer Familie wurde bei den täglichen Andachten vor dem Essen der Tagestext des Neukirchner Kalenders17 vorgelesen, und das Bild vom schmalen und breiten Weg18 hing im Zimmer der Großmutter. Ihre Mutter sei eine gläubige Frau mit starkem Gottvertrauen gewesen und habe das ganze Gesangbuch auswendig gekonnt.

Bis heute halten Johann und Regina Bühler täglich Morgen- und Abendandachten, was auch ihre erwachsenen Kinder weiterhin mit ihren Kindern tun. Sie erleben es als Zeichen der Verbindung zwischen Eltern und Geschwistern, dass dies gleichzeitig stattfindet. Den Enkeln werden die religiösen Geschichten des Ururgroßvaters und seiner Schwester erzählt und sie lernen kleine Verse auswendig, die der Urahn schon seinen Kindern beigebracht hatte. Johann und Regina betonen beide, dass sie ihre Kinder nie zu etwas gezwungen hätten. Die Tochter engagiert sich in der „Kinderkirche“, der Sohn beschäftigt sich neben seinem Beruf her viel mit theologischen Fragen.

Adam Schäfer

Der Landwirt und Krankenpfleger, 1934 geboren, wuchs mit elf Geschwistern zusammen in Württemberg auf dem Land auf. Gläubig im Sinne des Pietismus waren vor allem der Großvater, die Mutter, drei Schwestern und je ein jüngerer und ein älterer Bruder sowie eine Tante von der väterlichen Seite. Da das Einkommen des Vaters und die kleine Landwirtschaft, die von der ganzen Familie betrieben wurde, so viele Menschen ernähren musste, mussten Adam und seine Geschwister als Kinder auf vieles verzichten, was andere Menschen hatten. Doch trotz knapper finanzieller Mittel erlernte Adam das Posaunen- und das Orgelspiel. Adam war sehr beeindruckt von den Prophezeiungen und Belehrungen seines Großvaters. Er war froh, „am Himmelreich teilhaben zu können“, und genoss das Eingebundensein in seine Gemeinschaft.

Mit 20 Jahren stellte er dann in dem Betrieb, in dem er mittlerweile arbeitete, zu seinem großen Erstaunen fest, dass seine Kollegen ebenso nett und hilfsbereit waren wie er, obwohl sie kirchenfern waren. Dies stellte in Frage, was er über die „schlechten Weltmenschen“ gehört hatte. Nachdem dann auch noch ein ehemaliger Pfarrer in einem Gesprächskreis erklärt hatte, dass viele Worte Jesu nicht von ihm selbst stammen, zweifelte Adam alles an, was mit Glauben zu tun hatte. Diese Haltung hat er bis heute beibehalten. Er kann sich nur noch eine Religiosität vorstellen, die viel weiter gefasst ist, „nicht mehr in der Enge, sondern frei, ungebunden in ein größeres Geschehnis hinein“. Heute spielt Adam noch im Posaunenchor mit, wobei er betont, dass die Gruppe nicht besonders fromm, sondern eher „menschlich“ sei. Auch in einer Friedensgruppe ist er aktiv. Die Söhne Adam Schäfers sind beide sozial eingestellt und der christlichen Religion und Kirche gegenüber ebenso kritisch wie er.

Margarete Mayer

Sie wurde 1939 als Jüngste von fünf Geschwistern geboren und ist die Tochter eines Predigers der Landeskirchlichen Gemeinschaft St. Chrischona, der verstarb, kurz nachdem er aus dem Krieg zurückgekehrt war. Alle Familienmitglieder waren gläubig im Sinne des Pietismus, Margaretes Mutter praktizierte den Glauben am intensivsten. Die Familie lebte nach ihrer Flucht aus Ostpreußen in einer Kleinstadt in Bayern. Margarete wurde Krankenschwester, da zunächst nur die Brüder studieren durften, und später Gymnasiallehrerin. Durch das Kennenlernen anderer Sicht- und Denkweisen, durch die Beschäftigung mit Philosophie und durch Gespräche mit ihren Brüdern, die beide Theologie studierten, wuchs sie etwa vom Alter von 19 Jahren an, ohne dass sie das wollte, allmählich aus der Gemeinschaft hinaus und trat mit 37 Jahren konsequenterweise aus der Kirche aus. „Die Bibel war nicht mehr wörtlich wichtig, damit hörte die ‚Sprache Kanaans‘19 auf und damit die Gemeinschaft“, schreibt sie. Sie habe von da an keine religiöse Gemeinschaft mehr gefunden, die für sie „gestimmt“ habe. Sie sei Vereinnahmungen gegenüber skeptisch geworden, auch wenn eine gewisse Gemeinschaftssehnsucht immer mal wieder „hochkomme“. Heute engagiert sich Margarete, die mittlerweile Rentnerin ist, in einer Frauenwohngenossenschaft und in der Frauen- und Lesbenbewegung.

Christian Zwicker

Der Ingenieur der Nachrichtentechnik wurde 1941 geboren und hatte einen älteren Bruder und eine wesentlich jüngere Schwester. Die Familie lebte in einer Kleinstadt in Württemberg. Der Vater war selbstständig und hatte eine kleine Firma, in der die ganze Familie mitarbeiten musste. Finanziell hatten sie ihr Auskommen, „konnten aber keine großen Sprünge machen“. Streng altpietistisch gläubig waren Christians Mutter und deren Mutter. Diese hatten eine sehr „enge“ Einstellung und waren „ängstlich, obwohl sie immer vom Gottvertrauen sprachen“. Der Großvater mütterlicherseits sei dagegen ein „fröhlicher Pietist“ gewesen, der seinen Glauben wirklich gelebt habe. Den Vater rechnet Christian nicht wirklich dem Pietismus zu – er sei einfach nur gläubig gewesen – , obwohl auch er in die „Stunde“ ging und dort ein angesehener Redner war. Ebenfalls gläubige Pietisten, aber wesentlich offener, seien der Bruder und die Schwester der Mutter gewesen. Zu dieser Tante und zu seinem Vater hatte Christian eine starke Bindung. Wichtig war für ihn auch die „Jungenschaft“ im Christlichen Verein junger Männer (CVJM), der damals in Württemberg stark pietistisch beeinflusst war.

Erst in den letzten Klassen des Gymnasiums begann Christian an dem zu zweifeln, was man ihm anerzogen hatte. Eine weitere Veränderung seiner Sichtweise ergab sich, als er in einer Gruppe unter der Leitung eines Jugendpfarrers modernere Gottesdienste erarbeitete. Dies stieß auf Unverständnis bei Mutter und Tante, es „machte ihnen Kummer“, was bei Christian wiederum Schuldgefühle auslöste. Endgültig verabschiedete er sich von der Kirche nach schlechten Erfahrungen mit dem Pfarrer der Gemeinde, in der er Kindergottesdienst hielt. Bei einem Kurs für Kinderkirchhelfer, den er mit anderen zusammen leitete, wurde ihm klar, dass er nicht mehr hinter dem stand, was er den jungen Menschen beibringen sollte. Mit 49 Jahren trat er schließlich aus der Kirche aus und fand zunächst bei Sufis westlicher Prägung eine neue religiöse Heimat. Über die Mystik der Sufis habe er wieder zum Christentum gefunden. Auch wenn er kirchenfern sei, fühle er sich durchaus als Christ. Christian ist sehr engagiert in der Unterstützung einer freien Privatschule. Er hofft, dass er seinen Kindern nichts von dem mitgegeben hat, was er „aufgeladen“ bekam. Er wollte sie in der Freiheit erziehen, die er sich immer gewünscht hat. Christians Kinder sind beide kirchenfern und nicht gläubig.

Katharina Schäfer

Die pensionierte Lehrerin und Studienleiterin für Religionspädagogik, 1942 geboren, wuchs als Jüngste von acht Geschwistern in ländlicher Umgebung auf. Ihre Eltern und Geschwister sowie einige Onkel und Tanten waren pietistisch, der Vater war Prediger einer pietistischen Gemeinschaft. Dafür erhielt er sehr wenig Geld. Die Familie konnte nur durch Nebenerwerbslandwirtschaft überleben, die von der ganzen Familie betrieben wurde. Vor allem die Mutter musste viel arbeiten, aber auch alle Kinder hatten zahlreiche Pflichten. Katharina durfte als einziges Mädchen studieren, bei den Brüdern war das selbstverständlich. Die älteste Schwester musste das Gymnasium abbrechen, um in der Familie zu helfen, was Katharina sehr ungerecht fand. Obwohl Katharina in ihrer Schulklasse beliebt war, kam keine anhaltende Freundschaft zustande. Sie vermutet, dass ihre Frömmigkeit Distanz bewirkte. Sie kam sich damals moralisch besser vor als die Mitschülerinnen, beneidete diese aber um ihre größeren Freiheiten, beispielsweise ins Kino zu gehen oder die Tanzstunde zu besuchen.

Nach Beendigung des Lehramtsstudiums ging Katharina zu einem Diakonischen Jahr nach Berlin – „so weit als möglich von zu Hause fort“. Dort lernte sie in einem Jugendkreis die modernere Theologie kennen und fand zu einem weniger dogmatischen, offeneren Glauben, der auch andere Weltanschauungen mit einbezog. Ganz langsam löste sie sich aus dem Glaubenszusammenhang der Familie. Dabei war für sie am schwierigsten, die Enttäuschung ihrer Eltern zu verkraften, die viel Hoffnung in ihren pietistischen Weg gesetzt hatten und sich um ihr Seelenheil Sorgen machten.

Katharina engagiert sich kirchlich, politisch und sozial: Sie ist in ihrem Wohnort initiativ oder maßgeblich beteiligt an der Weltgebetstagsarbeit, der Friedensarbeit, der Eine-Welt-Arbeit, zudem hilft sie anderen Menschen durch persönliche Beratung. Ihre beiden Söhne sind Mitglieder der Kirche geblieben. Während der eine, der bei der Kirche angestellt ist, sich intensiv mit kirchlich-theologischspirituellen Fragen auseinandersetzt, wobei er die Kirche nicht sehr positiv sieht, interessiert sich der andere nicht für Religion, ist aber sozialpolitisch engagiert.

Juliane Zimmermann

Sie wurde 1945 geboren und wuchs mit zwei jüngeren Brüdern in Württemberg in ländlich-kleinstädtischer Umgebung auf. Außer dem Vater, der die Familie früh verließ und lange keinen Unterhalt bezahlte, waren alle gläubig im Sinne des Pietismus, auch die Großeltern väterlicherseits. Die Familie war finanziell völlig vom Vater der Mutter abhängig, der sie bei sich aufgenommen hatte, und musste sich sehr einschränken, oft gab es nicht einmal genug zu essen. Im Haus dieses Großvaters trafen sich regelmäßig Gebetsbrüder der Hahn’schen Gemeinschaft.

Juliane war das „schwarze Schaf“ in der Familie, da sie sich gegen Enge und Zwang wehrte und schließlich mit 17 Jahren schwanger wurde. „Aus Trotz“ heiratete sie den Vater des Kindes, die Ehe scheiterte. Schon in der Zeit der Konfirmation hatte sich Juliane vom Glauben der Familie entfernt. Dazu trug auch ein „frommer“ Onkel bei, der sie zu missbrauchen versuchte. Mit 30 Jahren begann sich Juliane wieder dem Glauben anzunähern. Sie kehrte zunächst in die lutherische Kirche zurück, ging dann in eine Pfingstgemeinde, hatte aber auch Kontakt zu gläubigen Katholiken. Nach einer Zeit schwerer Depressionen wurde sie durch einen gläubigen Psychiater auf Bücher einer Mystikerin aufmerksam gemacht und fand schließlich zu einem intensiven Engagement in einer ökumenischen Gruppe und einer Gruppe für Frieden und aktive Gewaltfreiheit. Juliane ist außerdem im Gemeinderat politisch aktiv. Vor ihrer Verrentung arbeitete sie als Verwaltungsangestellte. Dass sie heute wieder zu einem eigenen Glauben gefunden hat, ist für sie ein Wunder.

Ihre Tochter war als Kind viel mit Julianes Mutter zusammen und hatte eine sehr enge Beziehung zu dieser frommen Frau. Später schloss sie sich verschiedenen Freikirchen an und trat dann einer sehr engen protestantischen, antikatholischen und antiökumenischen Gemeinschaft bei, der die Familie ihres Mannes angehört. Während Juliane für ihren Schwiegersohn wegen ihrer ökumenischen und interreligiösen Offenheit eine Häretikerin ist, hält ihre Tochter an der herzlichen Beziehung zu ihr fest.

Christoph Baur

Der 1948 geborene Pfarrer wuchs in Baden auf dem Land zusammen mit vier älteren und vier jüngeren Geschwistern auf. Gläubig im Sinne des Pietismus waren beide Eltern – der Vater war Pfarrer und stammte aus Thüringen – , sehr fromm waren auch die Mutter und die Schwester der Mutter, die ursprünglich aus Ostpreußen kamen. Die andere Schwester der Mutter galt als schwarzes Schaf, da sie ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hatte. Für Christoph war vor allem die fromme Tante Vorbild, die in der Familie den Haushalt führte, die Kleidung für die Kinder nähte und zusätzlich noch mehrere Äcker bebaute, womit sie es Christophs Mutter ermöglichte, trotz der vielen Kinder ihren Aufgaben als Pfarrfrau nachzukommen. Durch die Mitarbeit der Tante und die handwerklichen Fähigkeiten der Mutter reichte das Gehalt des Vaters für ein Leben in großer Einfachheit. Trotzdem leistete sich die Familie „Kultur“: Jedes Kind durfte ein Instrument lernen, alle neun Kinder studierten, sogar eine Studienreise nach Griechenland wurde unternommen. Christoph beeindruckte bei seinen Eltern deren selbstverständliche Frömmigkeit mit Tischgebet und abendlichen biblischen Geschichten. Auch durch das, was er über den Widerstand der Eltern gegen das Hitlerregime hörte, sowie wegen ihrer ökumenischen Aufgeschlossenheit waren sie ihm Vorbild. Ebenfalls wichtig für seine religiöse Entwicklung war die Mitgliedschaft im CVJM.

Mit Beginn des Studiums begann Christoph, sich von zuhause „abzunabeln“. Er studierte zunächst Sport, da er den Körper ins Leben mit hineinnehmen wollte – die Eltern lebten „auf seltsam befremdende Weise körperfern“. Er las psychologische Literatur und lernte viel von der Esoterik. Im Zusammenhang damit und durch seine Begeisterung für Taizé kam er zur Meditation. Schließlich entschied er sich, ein Pfarrer „gegen den Strich“ zu werden. Christoph engagiert sich im Rahmen seines Berufs besonders für ein Projekt in Indien und arbeitet bei Amnesty International mit.

Die Weitergabe von Glauben an seinen Sohn scheint ihm bis jetzt „nicht sehr gelungen zu sein“. Christoph ist ihm gegenüber sehr zurückhaltend, was Religion und religiöse Praxis angeht.

Magdalena Maurer

Die Sonderschullehrerin, ebenfalls 1948 geboren, wuchs mit zwei älteren Brüdern in einer Kleinstadt in Württemberg auf. Vor allem die Mutter und die Großeltern mütterlicherseits praktizierten ihren altpietistischen Glauben sehr intensiv. Doch auch der Vater besuchte die „Stund“, die altpietistische Gemeinschaftsstunde am Sonntagnachmittag. Die Familie hatte ein eigenes Geschäft, in dem der Vater Tag und Nacht arbeitete, die Mutter und die Kinder mussten sehr viel mithelfen.

Während und nach dem Studium brach Magdalena völlig mit dem, was ihrer Familie so wichtig war, vor allem in Liebesdingen und in Bezug auf Genuss und Konsum suchte sie sich aus der Enge ihres pietistischen Aufwachsens zu befreien. Durch ihre Freundschaft mit Kollegen, die sehr in der Kirche engagiert waren – und auch, weil sie die ganze Zeit auf der Suche nach „Heimat“ war –, näherte sie sich dem christlichen Glauben wieder an und heiratete schließlich sogar kirchlich. Auf Empfehlung ihres ältesten Bruders besuchte sie Grundkurse zum Alten und Neuen Testament, wo „viele der althergebrachten Vorstellungen über den Haufen geworfen“ wurden, was ihr den Weg zu einem freieren Glauben eröffnete. Heute besucht Magdalena regelmäßig Gottesdienste oder spielt dort Orgel und liest sogar wieder täglich die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine, wobei allerdings manchmal „der alte Widerstand in ihr hochkommt“. Außerdem engagiert sie sich in einem Ökumenischen Arbeitskreis „Eine Welt“ und besucht einen ökumenischen Hauskreis der Fokolarbewegung.

Ihre erwachsenen Kinder sind kirchlich nicht engagiert, sind aber auch nicht aus der Kirche ausgetreten. Magdalena bedauert, dass es ihr nicht gelungen ist, den Kindern zu vermitteln, was ihr am Glauben wichtig war. Der Glaube sei „kein Thema“ gewesen, aus der Angst heraus, Fehler zu machen. Ihre Tochter ist heute zwar gläubig, aber eher kirchenfern, ihr Sohn interessiert sich nicht für Kirche und Religion.

Johanna Gmelin

Die Großhandelskauffrau, 1949 geboren, wuchs als Älteste von fünf Geschwistern in einem Dorf in Württemberg auf. Während der Vater sich der evangelischen Kirche zugehörig fühlte, nachdem sich die Hahn’sche Gemeinschaft im Hause seines Vaters aufgelöst hatte, gehörten Johannas Mutter und deren Eltern und Geschwister zur Süddeutschen Gemeinschaft. Sie „waren strengere Christen, die alles enger sahen“. Obwohl der Vater auch mit in die Süddeutsche Gemeinschaft ging, war er in der mütterlichen Familie, die in der Erziehung dominierte, nicht so angesehen, da er deutlich machte, dass er die Evangelische Kirche für genauso gut hielt. Neben dem Beruf des Vaters lebte die Familie von Nebenerwerbslandwirtschaft. Aufgrund hoher Schulden war das Geld immer knapp. Johanna wurde mit der Drohung, es werde ihr sonst später „dreckig gehen“, dazu gedrängt, in den Jugendbund der Süddeutschen Gemeinschaft einzutreten.

Sobald sie erwachsen war, trat sie wieder aus. Von den Ansichten her sei es ihr dort einfach zu eng gewesen. Und wenn man nicht beim Gruppenabend oder in der Gemeinschaft gewesen sei, habe es Kritik von allen Seiten gegeben. Johanna ging dann längere Zeit in keine Kirche. In dieser Zeit fühlte sie sich sehr einsam. In nichtkirchlichen Gruppen fühlte sie sich nicht wohl, da sie ja vieles, was dort selbstverständlich war, wie beispielsweise das Tanzen, „nicht gewohnt war“. So fing sie wieder an, in die Kirche zu gehen. Dort hilft sie bei Seniorennachmittagen mit und besucht außer dem Gottesdienst auch einen Frauentreff. Ihre erwachsenen Kinder gehen nicht in die Kirche und gehören auch keiner religiösen Gruppe an.

Andreas Gruber

Der 1950 geborene Psychotherapeut war das jüngste von drei Kindern und wuchs auf dem Land in Württemberg auf. Seine Mutter gehörte der Landeskirche an, besuchte aber daneben auch Bibel- und Gebetskreise. Der Großvater, der mit in der Familie lebte, hielt Gebetsstunden mit „Brüdern“ ab. Andreas kannte seinen Vater kaum, er hatte die Familie verlassen. Der Vater sei aber wohl nicht gläubig gewesen. Seine Mutter beeindruckte ihn durch „ihre unendliche Güte und die Bereitschaft, ihre eigenen Interessen zugunsten der Sorge für andere hintenanzustellen“. Auch habe sie Schuld immer zunächst bei sich gesucht und andere nur sehr indirekt angeklagt, wobei sie dies dann auch wieder zurückgenommen habe. Finanziell lebten sie sehr knapp, nur mit der Unterstützung durch den Großvater und geringem väterlichen Unterhalt reichte das Geld, das die Mutter durch eine Wäscheannahmestelle, Heimarbeit und später durch Fabrikarbeit verdiente. Andreas besuchte ein evangelisch-kirchliches Aufbaugymnasium, wo „die christliche Tradition zunächst ungebrochen fortbestand“. Hier kam ihm zum Bewusstsein, dass andere Jungen „weniger mit Religion am Hut hatten“. Er nahm wahr, dass sie in Kneipen gingen, aktiver im Umgang mit Mädchen und überhaupt viel selbstbewusster waren.