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Grundwissen ADHS für's Studium Fragen zum Thema ADHS betreffen viele Studiengänge: Welche Symptome sind typisch? Wie diagnostiziert man ADHS? Welche Ursachen wurden erforscht – genetisch, neuropsychologisch, umweltbedingt? Wie entwickelt sich ADHS über die Lebensspanne? Sehr verständlich informiert dieses Buch über den aktuellen Kenntnisstand zu ADHS. Anwendungsbezogen und kritisch werden psychologische und medizinische Therapieansätze sowie pädagogische Maßnahmen vorgestellt. Im Zentrum stehen dabei Interventionsmöglichkeiten in der Schule und die Unterstützung der Betroffenen im Alltag. Mit Infokästen, Marginalien, Übungsfragen und Glossar. Die ideale Seminarlektüre, mit der sich Studierende in Psychologie, Pädagogik und Lehramt effizient auf ihre Prüfung vorbereiten können.
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2025
utb 3684
Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage
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Caterina Gawrilow
Modelle, Ursachen, Diagnose, Therapie
4., aktualisierte Auflage
Mit 16 Abbildungen, 10 Tabellen und 47 Vertiefungsfragen
Ernst Reinhardt Verlag München
Prof. Dr. Caterina Gawrilow ist Professorin für Schulpsychologie am Fachbereich Psychologie der Eberhard Karls Universität Tübingen. Weitere Informationen finden Sie unter www.pi.uni-tuebingen.de/arbeitsbereiche/schulpsychologie.
Von der Autorin auβerdem im Ernst Reinhardt Verlag erschienen: „ADHS“
(utb 978-3-8252-3289-4).
Hinweis: Soweit in diesem Werk eine Dosierung, Applikation oder Behandlungsweise erwähnt wird, darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren groβe Sorgfalt darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht. Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen oder sonstige Behandlungsempfehlungen kann vom Verlag jedoch keine Gewähr übernommen werden. – Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnungen nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <https://dnb.d-nb.de> abrufbar.
UTB-Band-Nr.: 3684
ISBN 978-3-8252-6547-2 (Print)
ISBN 978-3-8385-6547-7 (PDF-E-Book)
ISBN 978-3-8463-6547-2 (EPUB)
© 2025 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München
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Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuchs
Vorwort zur 4. Auflage
IGeschichte, Symptome, Abgrenzung
1Geschichte der ADHS
1.1Geschichte der ADHS
1.2Ist ADHS eine Modediagnose?
2Kernsymptome, Stärken und Subtypen der ADHS
2.1Kernsymptome
2.1.1Unaufmerksamkeit
2.1.2Hyperaktivität
2.1.3Impulsivität
2.2Stärken und Ressourcen der Kinder mit ADHS
2.3Diagnosesysteme, Subtypen und Erscheinungsbilder
2.3.1ADHS-Subtypen nach dem DSM
2.3.2ADHS-Subtypen nach der ICD
2.4Spezifische Kriterien für eine Diagnose der ADHS im Erwachsenenalter
3Komorbide Störungen
3.1Externalisierende Störungen
3.2Internalisierende Störungen
3.3Lern- und Leistungsstörungen
3.4Störungen, die von Beginn an parallel zur ADHS vorliegen vs. Störungen, die sich im Laufe einer ADHS entwickeln können
3.5Komorbide Störungen im Erwachsenenalter
4Abgrenzung der ADHS von anderen Störungen und von einer alterstypischen Entwicklung
4.1Abgrenzung der ADHS von anderen Störungen
4.1.1Differentialdiagnosen im Kindesalter
4.1.2Differentialdiagnosen im Erwachsenenalter
4.2Abgrenzung der ADHS von einer alterstypischen Entwicklung
4.2.1Der Einfluss des relativen Lebensalters
5Häufigkeit der ADHS
5.1Aktuelle deutsche Daten zur Häufigkeit von ADHS
5.2Vergleich der Prävalenz der ADHS in Deutschland und in anderen Ländern
5.3Warum ist die Frage nach der weltweiten Prävalenz der ADHS wichtig?
6Geschlechterunterschiede
6.1Untersuchungen zur Geschlechterdiskrepanz bei der ADHS
6.2Ursachen für die Geschlechterdiskrepanz bei der ADHS
6.3Schlussfolgerungen für die Praxis: Anpassung der Diagnostik, der Diagnosekriterien und der Therapie
IIUrsachen, Entwicklung
7Ursachen der ADHS
7.1Übersicht rezenter Ätiologie-Modelle und -Theorien
7.2Genetik und ADHS
7.3Psychosoziale Faktoren
7.4Umwelteinflüsse und ADHS
7.4.1Weitere Umweltursachen
8Exekutive Funktionen und Selbstregulationsfähigkeiten bei der ADHS
8.1Selbstregulation bei der ADHS
8.2Attributionen bei Kindern mit ADHS
8.3Was sind exekutive Funktionen?
8.4Exekutive Funktionen in der ADHS-Forschung
8.4.1Inhibitionsleistungen von Kindern mit ADHS
8.4.2Shifting-Leistungen bei Kindern mit ADHS
8.4.3Das Arbeitsgedächtnis von Kindern mit ADHS
8.5Effektivität von Wenn-Dann-Plänen als Selbstregulationsstrategie
8.5.1Einfluss von Wenn-Dann-Plänen auf die Reaktionsinhibition bei Kindern mit ADHS
8.5.2Einfluss von Wenn-Dann-Plänen auf den Belohnungsaufschub bei Kindern mit ADHS
8.5.3Einfluss von Wenn-Dann-Plänen auf den Aufgabenwechsel bei Kindern mit ADHS
8.5.4Einfluss von Wenn-Dann-Plänen auf die Unterdrückung ablenkender Reize bei Kindern mit ADHS
9Entwicklung der ADHS
9.1Kleinkindalter
9.2Vorschulalter
9.3Grundschulalter
9.4Pubertät
9.5Längsschnittstudien zur Entwicklung der ADHS
9.5.1Längsschnittstudien zur Vorhersagbarkeit der ADHS
9.5.2Risiko- und Schutzfaktoren
10ADHS im Erwachsenenalter
10.1Schwierigkeiten bei einer ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter
10.2Neuropsychologie der ADHS im Erwachsenenalter
10.2.1Exekutive Funktionen bei Erwachsenen mit ADHS
10.2.2Multitasking bei Erwachsenen mit ADHS
10.2.3Kompensationsmechanismen bei der ADHS im Erwachsenenalter
10.3ADHS im Berufsleben
IIIDiagnostik, Intervention, Förderung
11Diagnostik der ADHS
11.1Diagnostik der ADHS bei Kindern und Jugendlichen
11.1.1Spezifika einer ADHS-Diagnostik im Kleinkind- und Vorschulalter
11.1.2Spezifika einer ADHS-Diagnostik im Grundschulalter
11.1.3Spezifika einer ADHS-Diagnostik im Jugendalter
11.2Diagnostik der ADHS im Erwachsenenalter
11.3Timing der ADHS-Diagnose
12Psychologische und medizinische Interventionen für Kinder und Jugendliche mit ADHS
12.1Behaviorale Interventionen in der Schule
12.2Selbstregulations-, Selbstmanagement- und Selbstinstruktionstrainings
12.2.1Selbstregulationsstrategien im Unterricht
12.3Trainingsprogramme zur Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen
12.3.1Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten: THOP
12.3.2Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern
12.3.3ADHS in der Schule: Übungsprogramm für Lehrkräfte
12.3.4Marburger Trainings
12.4Medikamentöse Therapie
12.4.1Methylphenidat (MPH)
12.4.2Atomoxetin
13Interventionen für den Alltag von Kindern und Jugendlichen mit ADHS
13.1Strukturierende Maβnahmen
13.1.1Situationen mit hohen Anforderungen an die Eltern
13.1.2Situationen mit hohen Anforderungen an die Lehrkräfte
13.1.3Strukturierende Maβnahmen für Kinder mit ADHS
13.2Selbstregulation im Alltag unterstützen
13.3Zusammenarbeit mit Lehrkräften
13.4Selbsthilfegruppen
13.5Lob
13.6Sport
13.7Natur
14Vergleichsstudien zu Therapien der ADHS im Kindesalter
14.1MTA-Studie
14.1.1Ergebnisse der MTA-Studie
14.2Realität der ADHS-Therapie von Kindern in Deutschland
15Interventionen für die ADHS im Erwachsenenalter
15.1Das Kölner Training
15.1.1Ablauf des Kölner Trainings
15.1.2Effektivität des Kölner Trainings
15.2ADHS-Therapievergleichsstudien im Erwachsenenalter
Glossar
Literatur
Stichwortverzeichnis
Zur schnelleren Orientierung wurden in den Randspalten Piktogramme benutzt, die folgende Bedeutung haben:
Literaturempfehlung
Internetquelle
Begriffsklärung, Definition
(Fall-)Beispiel
Studie
Merksatz
Vertiefungsfragen am Ende der Kapitel
Wie bei jeder Neuauflage dieses ADHS-Lehrbuches erstaunt mich auch dieses Mal, wie schnell die Überarbeitung notwendig wurde – ein klares Zeichen für die überaus dynamische und lebendige Entwicklung der ADHS-Forschung. Neue Erkenntnisse haben unser Verständnis von Grundlagen, Diagnostik und therapeutischen Ansätze im Bereich der ADHS erweitert. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für die Vielschichtigkeit der Störung – von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter.
Diese Neuauflage integriert aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und versucht diese in praxisnahe Empfehlungen für Diagnostik und Intervention zu übersetzen. Ein besonderer Fokus liegt auf der interdisziplinären Betrachtung und auf geschlechtsspezifischen Aspekten von ADHS.
Das Ziel ist, Studierenden und Fachkräften eine fundierte, praxisorientierte Grundlage zu bieten. Ich danke allen, die mit ihrer Forschungsarbeit, den Rückmeldungen zur vergangenen Auflage und praktischen Erfahrung zur Weiterentwicklung dieses Lehrbuchs beigetragen haben, und hoffe, dass es auch in dieser Auflage eine wertvolle Unterstützung im universitären und beruflichen Alltag darstellt. Ein besonderer Dank richtet sich an die Absolvent:innen und Studierenden im Masterstudiengang MSc Schulpsychologie und alle Mitarbeitenden im Arbeitsbereich Schulpsychologie der Universität Tübingen: Ohne euch wäre diese Überarbeitung nicht möglich gewesen.
Tübingen im März 2025
Caterina Gawrilow
Die Geschichten vom Zappelphilipp, vom Hans Guck-in-die-Luft und dem bitterbösen Friederich dürften jedem bekannt sein. Mit diesen und anderen Geschichten aus dem „Struwwelpeter“ hat Heinrich Hoffmann, ein Frankfurter Nervenarzt, schon im Jahr 1845 Kinder beschrieben, die heutzutage mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert werden könnten. Bereits zuvor und in der Folge haben sich Mediziner:innen und Psycholog:innen eingehend mit der Thematik der unaufmerksamen, unkontrollierbaren, impulsiven und motorisch sehr aktiven Kinder beschäftigt.
Sir George F. Still
Beispielhaft soll hier der englische Kinderarzt Sir George F. Still (1868–1941) zitiert werden. Still hat im Jahr 1902 im Rahmen der Goulstonian Lectures des „Royal College of Physicians“ in London über „Nicht normale psychische Bedingungen bei Kindern“ („Some Abnormal Psychical Conditions in Children“) gesprochen. Diese Vorlesungen wurden etwas später im Lancet, einer weltweit bekannten und führenden medizinischen Fachzeitschrift, publiziert. Dort beschrieb Still 23 Kinder, die Schwierigkeiten hatten, ihre Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, mangelnde Selbstregulation, mangelnde volitionale Kompetenz und somit auch wenig inhibitorische Kontrolle (d. h. wenig Unterdrückung von impulsiven Reaktionen) zeigen, oft aggressiv sind und sich nicht disziplinieren lassen – obwohl ihre Intelligenz normal ausgeprägt war. Er schrieb:
“I would point out that a notable feature in many of these cases of moral defect without general impairment of intellect is a quite abnormal incapacity for sustained attention” (Still 2006, 133).
Still beschrieb einen 6-jährigen Jungen, der seine Aufmerksamkeit nicht für längere Zeit auf ein Spiel oder ähnliches richten könne. Dies sei besonders in der Schule sichtbar und führe dazu, dass der Junge schlechtere Leistungen als die anderen Kinder zeige, obwohl er im Gespräch den Eindruck eines aufgeweckten und klugen Jungen mache. Weiterhin berichtete er von einem 11-jährigen Jungen, der erhebliche Schulprobleme habe und nur schlecht lesen und rechnen könne. Auβerdem sei dieser Junge extrem erregbar und reagiere auf kleinste Provokationen – auch gegenüber Kindern, die er gar nicht kenne – aggressiv.
An dieser Stelle wird der Zusammenhang zu der heute diagnostizierbaren ADHS sichtbar: Kinder mit ADHS-typischem Verhalten haben vor allem in der Schule Probleme (Abb. 1.1). Die Vermutung liegt nahe, dass es also unaufmerksame, impulsive und wenig selbstregulierte Kinder schon immer gegeben haben muss.
Abb. 1.1: Kinder mit ADHS haben vor allem in der Schule Schwierigkeiten (Zeichnung: Vitali Konstantinov)
Auch der Hinweis auf die normal ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten deckt sich mit unserem heutigen Wissen (Gansler et al. 1998). In einer deutschen Studie konnte dies bestätigt werden (Geiβler 2009): Die Leistungen von Kindern mit ADHS wurden mittels eines Intelligenztests mit den Leistungen von Kindern ohne ADHS verglichen. Als Intelligenztest wurde der HAWIK-III (Tewes et al. 1999) verwendet, welcher im diagnostischen Alltag recht häufig zur Untersuchung der kognitiven Leistungsfähigkeit von Kindern eingesetzt wird. Der Test versteht Intelligenz als bestehend aus mehreren, voneinander unabhängigen Einzelaspekten: dem Verbal-IQ, der die sprachliche Leistungsfähigkeit erfasst, dem Handlungs-IQ, der visuell-handlungsbezogene Leistungsfähigkeit erfasst und dem Gesamt-IQ, der sich aus den Ergebnissen des Verbal- und Handlungs-IQ zusammensetzt. Es zeigte sich, dass der Verbal-IQ der Kinder mit ADHS signifikant über der Norm lag, während der Handlungs-IQ der Kinder mit ADHS signifikant unter der Norm blieb – der Gesamt-IQ der Kinder mit ADHS unterschied sich nicht signifikant von der Normstichprobe.
Insgesamt ist zu betonen, dass der Zusammenhang von ADHS-Symptomen und Ergebnissen in Intelligenztests komplex ist: Es muss davon ausgegangen werden, dass beispielsweise eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne (also Schwierigkeiten der Daueraufmerksamkeit) vor allem bei langen und aufwändigen Testprozeduren per se problematisch ist. Die Forschung beschäftigt sich aktuell mit der Frage, welche kognitiven Profile in Intelligenztestwerten typisch sind – und bei Kindern mit ADHS-Symptomen finden sich häufig Hinweise darauf, dass für alle Untertests in Wechsler-Intelligenztests, die mit exekutiven Funktionen, wie z. B. dem Arbeitsgedächtnis assoziiert sind, die Leistungen beeinträchtigt sind (Wilson 2024).
William James
Auch der amerikanische Philosoph und Psychologe William James (1842–1910) beschrieb in seinem 1890 veröffentlichten Werk „The Principles of Psychology“ Menschen, die ihre Impulse nicht unterdrücken und inhibieren können. Er beobachtete bei Menschen mit diesem Persönlichkeitstyp eine gewisse Skrupellosigkeit, mangelndes Nachdenken über Konsequenzen, wenig gewissenhafte Überlegungen und folgerte, dass aus diesem Grund die Betroffenen ihre übermäβige (explosive) Energie entwickeln. Interessanterweise entwickelte James die Annahme, dass diese mangelnde Impulskontrolle nicht nur negative Folgen sondern auch Vorteile haben kann. Positiv formuliert interpretierte er die Reaktions-Schnelligkeit der Betroffenen als Schlagfertigkeit und war auβerdem der Ansicht, dass viele revolutionäre Charaktere der Geschichte diesem Typus angehörten.
Alpha-Typ und Beta-Typ
Besonders spannend an den Ausführungen James’ ist die Annahme der mangelnden Impulskontrollfähigkeit als Persönlichkeitsfaktor. Dies findet sich in neuerer Zeit wieder: John M. Digman hat im Jahr 1997 einen Artikel publiziert, in welchem er darlegt, dass zwei übergeordnete Persönlichkeitsstrukturen allen bis zu diesem Zeitpunkt publizierten Persönlichkeitstypologien zugrunde liegen: der Alpha- und der Beta-Typ. Der Alpha-Typ ist aus seiner Sicht durch Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität, der Beta-Typ durch Extraversion und Offenheit für Neues gekennzeichnet. Untersuchungen konnten diese Zweiteilung bestätigen. So wurde beispielsweise in Genanalysen eine Bestätigung für den Beleg dieser Zweiteilung gefunden und ein Zusammenhang zu gesundheitsbewusstem Verhalten dargelegt: Menschen, die eher den Beta-Typ repräsentieren, zeigen häufiger risikobereites, gesundheitsschädliches Verhalten und Sensation Seeking (Horvath / Zuckerman 1993). Auch wenn dieses Konzept der simplen Zweiteilung von Persönlichkeiten in der Fachwelt kontrovers diskutiert wird (Ashton et al. 2009), drängt sich die Ähnlichkeit des Beta-Typs mit der ADHS-Symptomatik auf.
Diese Frage taucht in Diskussionen um die Validität der ADHS leider immer wieder auf. Anhand der beispielhaften Darstellungen aus der Geschichte der Medizin und Psychologie und der wissenschaftlichen Evidenz, die in den letzten Dekaden in medizinischen, psychologischen, klinischen und neurowissenschaftlichen Studien gewonnen wurde, muss jedoch festgestellt werden:
ADHS ist keine Modeerscheinung oder Modediagnose! In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik ADHS spielt die Frage nach dem Vorhandensein bzw. Nicht-Vorhandensein der ADHS keine Rolle mehr – die Forschung konzentriert sich aktuell vielmehr auf Fragen im Zusammenhang mit ADHS-Ätiologie, -Prävention und -Intervention (Gield 2019).
1.
Warum ist es nicht korrekt, anzunehmen, dass Kinder mit ADHS einen niedrigeren IQ-Wert in Intelligenztests erlangen als Kinder ohne ADHS?
2.
Was spricht dagegen, die ADHS als Modediagnose zu bezeichnen?
Die Kernsymptome der ADHS sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität – alle möglichen zu diagnostizierenden ADHS-Subtypen beziehen sich auf diese Kernsymptome. Dabei wurde mehrfach empirisch nachgewiesen, dass die Unaufmerksamkeit abzugrenzen ist von der Hyperaktivität-Impulsivität (Nigg et al. 2002). Das bedeutet, dass Unaufmerksamkeit ein singuläres Konstrukt darzustellen scheint, während Hyperaktivität und Impulsivität fast immer gekoppelt, d. h. gemeinsam, auftreten. Dies spiegelt sich auch in den aktuellen Annahmen zu den Subtypen der ADHS wieder. Die drei Kernsymptome der ADHS, die unterschiedlichen Möglichkeiten ADHS zu diagnostizieren sowie die Subtypen der ADHS werden in diesem Kapitel behandelt.
Die Unaufmerksamkeit zeigt sich in vielen Bereichen: zu Hause, in der Schule und im Umgang mit Gleichaltrigen. Kinder mit ADHS sind also häufig unkonzentriert und haben somit Schwierigkeiten beim Spiel oder beim Folgen des Unterrichtsgeschehens.
Flüchtigkeitsfehler
Sie machen oft Flüchtigkeitsfehler und können Anweisungen und Instruktionen nur schlecht folgen.
Vergesslichkeit
Eine weitere Auffälligkeit im Zusammenhang mit der Unaufmerksamkeit ist die Vergesslichkeit von Kindern mit ADHS: verlorene Turnbeutel, vergessene Schirme und verschwundene Federmäppchen gehören zum Alltag dieser Kinder.
Ablenkbarkeit
Zudem lassen sich Kinder mit ADHS oft durch äuβere Reize ablenken: Wenn es gerade das Ziel bzw. die Aufgabe ist, sich auf die morgige Klausur vorzubereiten, und der beste Freund an der Tür klingelt, gelingt es Kindern mit ADHS nur schwer, diesen Reiz (in diesem Beispiel der Freund) zu unterdrücken und sich weiter auf die Aufgabe zu konzentrieren (→ Kapitel 8 zu Selbstregulation).
Die motorische Überaktivität ist wohl das am leichtesten zu erkennende Merkmal der Kinder mit ADHS: Übermäβiges Zappeln mit Händen und Füβen, Herumrutschen auf dem Stuhl, Herumlaufen und Klettern gehören dazu.
Zappeln
Insgesamt ist es so, dass Kinder mit ADHS sich nicht ruhig verhalten können, wenn es von ihnen verlangt wird. Beispielsweise im Unterricht oder beim Anstehen in einer Schlange. Die Kinder wirken somit häufig wie „getrieben“.
Kinder mit ADHS platzen häufig mit Antworten oder Fragen heraus, wenn dies gerade unangemessen ist. Sie können nur schwer abwarten, bis sie an der Reihe sind und unterbrechen andere häufiger als Kinder ohne ADHS.
Bisherige Forschung beschränkt sich weitgehend darauf, ADHS-Symptome als stabile Personenmerkmale zu betrachten, auf Basis derer eine Unterscheidung zwischen Personen (mit versus ohne ADHS-Diagnose) möglich ist. Dementsprechend erfolgt die Beurteilung dieser Symptome im Rahmen der ADHS-Diagnostik in der Regel nur zu einem einzigen Zeitpunkt. Empirische Befunde weisen darauf hin, dass eine solche Betrachtungsweise zu kurz greift (Schmid et al. 2016): Von Jugendlichen selbstberichtete Symptome der Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität zeigten im Alltag Schwankungen von Tag zu Tag. Dies schlägt sich auch in der von Kindern und Jugendlichen sowie von den Eltern berichteten Interaktionsqualität nieder, d. h. zu Zeitpunkten, an denen die Kinder/Eltern mehr kindliche ADHS-Symptome berichten, ist auch die eingeschätzte Beziehungsqualität zu den Eltern geringer (Moschko et al. 2023). Für ein umfassenderes Verständnis der Symptomatik ist es somit angezeigt, ADHS-Symptome nicht nur einmal, sondern wiederholt an mehreren verschiedenen Tagen zu erfassen. Auch exekutive Funktionen, von denen angenommen wird, dass sie ADHS-Symptomen unterliegen, fluktuieren über kürzere Zeiträume beträchtlich – ebenso wie die im Klassenzimmer beobachteten ADHS-Symptome im Jugendalter (Helps et al. 2011; Imeraj et al. 2016).
In einer eigenen nicht-publizierten Befragung von Eltern und Lehrkräften konnten wir folgende Stärken der Kinder mit ADHS feststellen:
Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn,
Kreativität,
Harmoniebedürfnis,
Nicht-nachtragend-Sein.
Dies deckt sich mit Einschätzungen von Lauth und Naumann (2009) – als positive Seiten der Kinder mit ADHS listen diese Autoren auf:
Spontaneität,
Sinn für Situationskomik,
Ideenreichtum und Kreativität,
körperliche Fitness und Spaβ an Bewegung,
Gespür für soziale Fairness,
kratzbürstiger Charme.
Eine ADHS-Diagnose kann entweder nach dem DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) oder der ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) vorgenommen werden. In Deutschland werden Diagnosen nach der ICD erstellt – in wissenschaftlichen Arbeiten werden allerdings häufig DSM-Diagnosen verwendet.
DSM
Das DSM ist ein Klassifikationssystem psychischer Störungen der American Psychiatric Association. Die erste Auflage erschien im Jahr 1952 – mittlerweile gibt es auch entsprechende Publikationen in anderen Sprachen weltweit. Die aktuelle deutsche Version aus dem Jahr 2015 heiβt DSM-5.
ICD
Die ICD ist das wichtigste, weltweit anerkannte Klassifikationssystem für Diagnosen und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. Die letzte deutschsprachige Ausgabe aus dem Jahr 2010 lautet ICD-10-GM (German Modification). Die ICD-11 wurde 2019 verabschiedet und trat 2022 in Kraft. Allerdings wird erst nach einer flexiblen Übergangszeit von mindestens fünf Jahren die Berichterstattung über die ICD-11 erfolgen.
Tab. 2.1: Geschichte der ADHS-Diagnosen nach DSM und ICD
DSM-Diagnosen
ICD-Diagnosen
1980
DSM-III
Attention Deficit Disorder
1965
ICD-8
Hyperkinetisches Syndrom der Kindheit
1987
DSM-III-R
Attention Deficit Hyper-activity Disorder
1975
ICD-9
Hyperkinetisches Syndrom des Kindesalters mit Entwicklungsrückstand / mit Störung des Sozialverhaltens
1994
DSM-IV
Attention Deficit Hyper-activity Disorder
1991
ICD-10
Hyperkinetische Störung
2013
DSM-5
Attention Deficit/Hyperactivity Disorder
2022
ICD-11
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
Laut DSM können drei Subtypen der ADHS unterschieden werden: Kinder mit einer ADHS vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbildes, Kinder mit ADHS vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Erscheinungsbildes und Kinder mit ADHS des gemischten Erscheinungsbildes. Im DSM werden die Subtypen also anhand der Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität unterteilt. Ein wichtiges Diagnosekriterium für alle Subtypen ist der Beginn der Störung vor dem 12. Lebensjahr.
Träumer
Dieser Subtyp wurde mit Veröffentlichung des DSM-IV (American Psychiatric Association 1994) eingeführt. Kinder mit ADHS des vorwiegend unaufmerksamen Subtyps werden oft als „Träumerinnen“ oder „Träumer“ bezeichnet. Eltern und Lehrkräfte berichten häufig, dass die Kinder zu Hause oder im Unterricht abwesend und mit den Gedanken ganz woanders zu sein scheinen, wichtige Informationen nicht wahrnehmen und im Vergleich zu anderen Kindern wesentlich langsamer sind.
Es gibt Hinweise darauf, dass dieser Subtyp in klinischen Stichproben weniger häufig und in nicht klinischen Stichproben häufiger ist als die anderen Subtypen der ADHS. Vermutlich hängt dies damit zusammen, dass die Kinder mit ADHS des vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbildes weniger auffallen als Kinder, die zusätzliche Merkmale von Hyperaktivität und Impulsivität aufweisen. Aus diesem Grund ist eine gezielte Diagnostik dieses Erscheinungsbildes von groβer Bedeutung (→ Kapitel 11). ADHS dieses Erscheinungsbildes tritt häufiger bei Mädchen als bei Jungen auf (→ Kapitel 6).
Ein weiterer wichtiger Unterschied zu den anderen beiden Subtypen der ADHS sind die komorbiden Störungen (→ Kapitel 3). Kinder mit ADHS des vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbildes zeigen weniger externalisierende (z. B. aggressive) komorbide Symptome, leiden jedoch häufiger an Lernstörungen wie zum Beispiel Lese-Rechtschreibstörungen.
Tom ist ein ruhiger und friedlicher Junge. Als Kleinkind war er zwar häufig quengelig und schnell gereizt, aber trotzdem war mit ihm immer gut auszukommen. Im Kindergarten ist er recht gut mit den anderen Kindern zurechtgekommen, auch wenn er meistens allein gespielt hat und bei den Tobespielen der Jungs nicht mitmachen wollte. In der Grundschule hatte er keine gröβeren Schwierigkeiten – er fiel aber auch nicht durch übermäβig gute Leistungen auf. Meistens schaute er verträumt aus dem Fenster und so wunderte es seine Lehrerin auch nicht, dass er oft wichtige Informationen und Instruktionen verpasste. Seine Vergesslichkeit war ein weiteres Problem: Ständig lieβ Tom wichtige Dinge zu Hause liegen oder vergaβ seinen Turnbeutel, seinen Schirm etc. in der Schule. Nun steht der Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule an und es treten die ersten gröβeren Probleme auf: Toms Klassenlehrerin hält ihn prinzipiell für geeignet, ein Gymnasium zu besuchen; viele seiner weiteren Lehrerinnen und Lehrer haben jedoch Bedenken, ob er den Gymnasialstoff bewältigen kann: Aus ihrer Sicht scheint Tom kognitiv nicht in der Lage dafür zu sein. Die Eltern sind ratlos und wenden sich an einen Schulpsychologen, der eine Gymnasialeignung aufgrund eines Intelligenztests sowie eine ADHS feststellt.
Auch dieser Subtyp wurde 1994 im DSM-IV eingeführt, da in empirischen Studien festgestellt wurde, dass ein kleiner Prozentsatz der Kinder mit ADHS lediglich Hyperaktivitäts- und Impulsivitätssymptome aufweist, aber keine Zeichen der Unaufmerksamkeit zeigt. Dieser Subtyp wird häufiger im jüngeren Alter festgestellt (Kindergarten, Grundschule), weshalb angenommen wurde, dass ADHS des vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Erscheinungsbildes ein Vorläufer des ADHS-Mischtyps ist. Hierzu ist aber weitere Forschung unbedingt notwendig.
In eigenen Untersuchungen konnten wir in Übereinstimmung mit obiger Theorie feststellen, dass bei Kindern im Vorschulalter die Symptome Hyperaktivität und Impulsivität häufiger sind (Merkt / Gawrilow 2011). Bezüglich komorbider Störungen scheint dieser Subtyp dem ADHS-Mischtypus sehr ähnlich zu sein. Die Kinder zeigen also häufig externalisierende Störungen (z. B. oppositionelles Trotzverhalten). Empirisch und klinisch ist dieser Subtyp jedoch wesentlich seltener nachzuweisen als die anderen beiden Subtypen (Lahey et al. 2005): ADHS-Mischtypus und ADHS – vorwiegend unaufmerksamer Subtyp werden öfter diagnostiziert als ADHS – vorwiegend hyperaktiv impulsiver Subtyp.
Kinder mit ADHS des Mischtyps sind sowohl unaufmerksam als auch hyperaktiv-impulsiv. Diese Kinder haben sowohl zu Hause, in der Schule als auch in sozialen Beziehungen enorme Schwierigkeiten: Sie scheinen nicht zuzuhören, können sich nicht länger auf eine Aufgabe oder Interaktion konzentrieren, zappeln herum und stören bzw. ärgern damit ihre Eltern und Klassenkamerad:innen.
Laut der ICD-10 können folgende Subtypen der ADHS diagnostiziert werden: einfache Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung, hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens und Aufmerksamkeitsstörungen ohne Hyperaktivität. Wichtig ist in der ICD der frühe Beginn der Störung, d. h. vor dem 6. Lebensjahr. In der ICD wird auf die aktuell unbefriedigende Situation der Untergliederung der ADHS hingewiesen – als wesentliche Gliederungsmerkmale werden das Vorhandensein bzw. Nicht-Vorhandensein von Aggressivität, Delinquenz und dissozialem Verhalten herangezogen. Abb. 2.1 gibt ergänzend einen Überblick nach DSM-5 und ICD-11.
Dieser Subtyp soll diagnostiziert werden, wenn Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität-Impulsivität vorliegen. Jedoch dürfen keine Symptome der Störung des Sozialverhaltens erkennbar sein: Beispielsweise dürfen die Kinder kein dissoziales, aggressives oder aufsässiges Verhalten an den Tag legen.
Kinder, die eine Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens aufweisen, sind unaufmerksam, hyperaktiv und impulsiv sowie gleichzeitig aggressiv. Sie zeigen also neben den typischen ADHS-Symptomen auch Symptome einer Störung des Sozialverhaltens und damit ein andauerndes und wiederkehrendes Muster dissozialen, aggressiven und aufmüpfigen Verhaltens.
Abb. 2.1: Kriterien zur Diagnose von ADHS nach ICD-11 und DSM-5 (nach Döpfner et al. 2013)
Mit Jahresbeginn 2022 trat die ICD-11 in Kraft, die aktuell noch in einer Erprobungsphase ist. Bis zum Jahr 2027 soll sie in der Praxis verpflichtend sein. (https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html, 24.02.2025). In der ICD-11 wurden die diagnostischen Kriterien der ADHS an das DSM-5 angepasst.
Kinder, die nur unaufmerksam, aber nicht hyperaktiv-impulsiv sind, können in der ICD-10 wie folgt diagnostiziert werden: Verhaltens- und emotionale Störung mit Beginn in Kindheit und Jugend. Auch hier zeigt sich, dass in der ICD (anders als im DSM) die ADHS nach dem Vorhandensein einer Störung des Sozialverhaltens und nicht entlang der Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gegliedert wird.
Die Fähigkeit, Emotionen in der Stimme und im Gesichtsausdruck anderer Menschen zu erkennen, ist eine Schlüsselfähigkeit im Bereich sozialer Interaktion. Aus diesem Grund wird das Erkennen von Emotionen bei psychiatrisch erkrankten Patient:innen seit langem erforscht. Es wurde beispielsweise beobachtet, dass autistische Kinder Probleme haben, in der Stimme und im Gesichtsausdruck anderer Menschen Emotionen zu erkennen. In sozialen Situationen (d. h. in der direkten Interaktion mit anderen Menschen) zeigen autistische Kinder ebenfalls diese Schwierigkeiten.
Untersuchungen zu den Grundemotionen (Angst, Ekel, Freude, Trauer, Wut und Überraschung) konnten ähnliche Defizite in der Emotionserkennung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS feststellen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ADHS negative Emotionen überinterpretieren, was dazu führt, dass ADHS-Betroffene vermeintliche und tatsächliche Wut häufiger bei ihrem Interaktionspartner erkennen (Cadesky et al. 2000). In den meisten vorhandenen Untersuchungen wird dieses Problem in Zusammenhang mit defizitären exekutiven Funktionen und defizitärer Selbstregulation gebracht: Vermutlich wird dieses Problem der Emotionserkennung durch eine mangelhafte Selbstregulation verursacht. Die Probleme bei der Emotionserkennung könnten möglicherweise auch erklären, warum ADHS-Betroffene Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen zeigen. Bislang ist jedoch noch nicht nachgewiesen, ob dieser kausale Zusammenhang existiert.
Viele der bisher benannten ADHS-typischen Probleme sind sehr spezifisch für Kinder und Jugendliche. ADHS gibt es jedoch auch bei Erwachsenen (→ Kapitel 10). Eine ADHS bei Erwachsenen hat ein gänzlich anderes Erscheinungsbild als eine ADHS bei Kindern.
Das DSM-5 trägt diesem Rechnung und auch insbesondere dem Umstand, dass ADHS bis in das Erwachsenenalter hinein bestehen kann. Mit Einführung des DSM-5 müssen bei Patient:innen ab 17 Jahren lediglich 5 der genannten Symptome bestehen.
Aufmerksamkeitsstörung:
das Unvermögen, Gesprächen aufmerksam und konzentriert zu folgen, eine erhöhte Ablenkbarkeit (irrelevante Stimuli können nicht gefiltert werden) und Vergesslichkeit (z. B. häufiges Verlieren von Alltagsgegenständen wie Autoschlüssel oder Brieftasche).
Motorische Hyperaktivität:
innere Unruhe, „Nervosität“ (im Sinne eines Unvermögens, sich entspannen zu können), Unfähigkeit, sitzende Tätigkeiten durchzuhalten (z. B. am Tisch still zu sitzen, Spielfilme im Fernsehen anzusehen, Zeitung zu lesen), stets „auf dem Sprung“ sein. Bei Inaktivität treten gehäuft dysphorische, depressive Stimmungslagen auf.
Aufmerksamkeitsstörung und motorische Hyperaktivität müssen noch immer vorliegen (somit wird mit diesen Kriterien nur der kombinierte Typ gemäβ DSM-IV-TR diagnostiziert), zusätzlich müssen mindestens zwei weitere der folgenden Aspekte erfüllt sein:
Affektlabilität:
der Wechsel zwischen normaler bzw. niedergeschlagener Stimmung und leichter Erregung (mit einer Dauer von einigen Minuten bis maximal einigen Tagen); die niedergeschlagene Stimmungslage wird von den Betroffenen häufig als Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben.
Desorganisiertes Verhalten:
unzureichend strukturierte, geplante und organisierte Aktivitäten; diese Desorganisation wird im Zusammenhang mit der Arbeit, der Haushaltsführung oder mit schulischen Aufgaben berichtet. Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht, die Patient:innen wechseln planlos von einer Aufgabe zur nächsten und lassen ein gewisses „Haftenbleiben“ vermissen. Unsystematische Problemstrategien liegen vor, weiterhin finden sich Schwierigkeiten in der zeitlichen Organisation und die Unfähigkeit, Zeitpläne oder Termine einzuhalten.
Affektkontrolle:
andauernde Reizbarkeit, verminderte Frustrationstoleranz und in der Regel kurzfristige Wutausbrüche, die häufig eine nachteilige Wirkung auf die Beziehung zu Mitmenschen haben; typisch ist auch eine erhöhte Reizbarkeit im Straβenverkehr.
Impulsivität:
Dazwischenreden, Unterbrechen anderer im Gespräch, Ungeduld, impulsives Geldausgeben sowie das Unvermögen, Handlungen im Verlauf zu verzögern, ohne dabei Unbehagen zu empfinden.
Emotionale Überreagibilität:
überschieβende emotionale Reaktionen auf alltägliche Stressoren. Die Patient:innen beschreiben sich selbst als schnell „genervt“ oder gestresst.
Liegen also neben Aufmerksamkeitsstörung und motorischer Hyperaktivität (kombinierter ADHS-Typ) noch zwei zusätzliche Kriterien vor, kann ADHS im Erwachsenenalter diagnostiziert werden.
Die in Überarbeitung befindlichen Leitlinien zur ADHS sind hier zu finden: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-045.html
Die jeweils aktuell gültige ICD kann man online recherchieren unter: https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/_node.html
Aktuelle Informationen zum DSM finden sich hier (englischsprachig): https://psychiatry.org/psychiatrists/practice/dsm
3.
Welche Kernsymptome kennzeichnen die ADHS? Wie können diese Kernsymptome beschrieben werden?
4.
Sind die Charakteristika dieser ADHS-Symptome immer Ausdruck klinisch gestörten Verhaltens?
5.
Welche Symptome kennzeichnen eine ADHS im Erwachsenenalter und was unterscheidet die Kernsymptome der ADHS im Erwachsenenalter von den Kernsymptomen der ADHS im Kindesalter?
6.
Was sind Stärken bzw. positive Seiten von Kindern mit ADHS?
Komorbide Störungen, also Störungen die im Sinne einer Doppel- bzw. Mehrfachdiagnose neben der ADHS zusätzlich vorliegen, sind bei ADHS-Betroffenen eher eine Regel als eine Ausnahme. Nachgewiesenermaβen ist es oft schwieriger, bei den ADHS-Betroffenen mit dominanter Hyperaktivität und Impulsivität solche komorbiden Störungen zu diagnostizieren: Bei hyperaktiven und impulsiven Kindern mit ADHS werden komorbide Störungen also häufig übersehen. Dass Menschen mit ADHS hochgradig impulsiv sind, führt weiterhin dazu, dass zusätzliche (komorbide) externalisierende bzw. extraversive Störungen und Verhaltensweisen zu erwarten sind: Die Betroffenen handeln unüberlegt, aggressiv und oppositionell.
Aber auch internalisierende Störungen und Verhaltensweisen sind häufig. Dazu gehören z. B. affektive Störungen, wie depressive und Angststörungen. Des Weiteren zeigen Kinder mit ADHS mit Eintritt in die Grundschule auch oft Lern- und Leistungsstörungen. Sobald komorbide Störungen im Spiel sind, wird eine ADHS-Diagnose erschwert, da der Diagnostiker erkennen muss, ob tatsächlich eine komorbide Störung vorliegt oder eine Differentialdiagnose erstellt werden muss (→ Kapitel 4). Alle komorbiden Störungen stellen für die Entwicklung der Betroffenen einen zusätzlichen Risikofaktor dar. Dies bedeutet, dass der Verlauf der ADHS für PatientInnen mit zusätzlichen komorbiden Erkrankungen zumeist schwerwiegender und beeinträchtigender ist als für Betroffene ohne komorbide Erkrankungen.
