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Der Autor begann sein Lehrersein, als in Bayern die Kollegstufe eingeführt wurde. Als er in Pension ging, wurde auf G8 umgestellt. Er schildert hier seine Erfahrungen mit Schülern, Eltern und hauptsächlich mit Kollegen. Wie es hinter den Kulissen eines Gymnasiums so zugeht interessiert wohl viele Eltern und Schüler.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort
Der Weg zum Lehrersein: Universität und Referendariat
Schulleitung
Titel und Gehalt
Vom Notenmachen und von Korrekturen
Lehrer in einzelnen Fächern
Lehrerindividuen
Fachbetreuer und Fachbetreuung
Wandertage und Schullandheim
Effektives Arbeiten, sinnlose Nachmittage, Elternsprechstunde, Ferien
Sonst
Schon jahrelang trage ich mich mit dem Gedanken, ein Büchlein über meine Erlebnisse und Erfahrungen als Lehrer und meine Gedanken zu meinem Lehrer-Beruf zu schreiben. Fast alle, denen ich dies mitteilte, rieten mir davon ab. Nur ein Freund empfahl mir: Schreibe!
Eines stand von vornherein fest: Es sollte kein Büchlein werden, in dem ausschließlich das Verhältnis Lehrer – Schüler - Eltern geschildert wird. Ich hatte die Schüler gern und sie mich auch, wenigstens die meisten. Im Vordergrund dieses Büchleins stehen die Lehrer bzw. mein Verhältnis zu den Kollegen bzw. das Verhältnis der Lehrer untereinander. Warum ich diese Thematik in den Vordergrund stelle hat zwei Gründe:
Oft bedauerten mich schulfremde Menschen, mit denen ich ins Gespräch kam. „Lehrer sein ist doch heute schwer, bei diesen Schülern!“ Ich antwortete dann: „Nicht die Schüler sind das Problem, sondern die Kollegen samt der Schulleitung!“
Das Lehrerkollegium ist gegenüber den Schülern und Eltern oft ein verschworener Haufen mit Wagenburgmentalität. Es ist eine Gemeinschaft, aus der nur wenig nach außen dringt. Ein Lehrer, der vor Eltern oder Schülern etwas Negatives über den Schulleiter oder die Kollegen sagt gilt als Außenseiter, den man als Nestbeschmutzer entsprechend behandelt. Auch wenn ein Lehrer einen Mist gebaut hat, so wird er vom „Chef“ gegenüber den Eltern gedeckt - versteht sich.
Meine Schilderungen beziehen sich auf meine Erfahrungen als Lehrer in den Jahren 1978 – 2010. In der Zwischenzeit hat sich manches geändert, was ich hier nicht berücksichtigen kann, selbst wenn ich es wollte. Die allermeisten Änderungen waren gerade nicht recht intelligent und werden über kurz oder lang wieder geändert werden oder wurden schon geändert. So wurde, als ich meinen Schuldienst beendete, gerade das G 8 eingeführt. In der Zwischenzeit ist man wieder beim G9. Als ich meinen Dienst begann wurde die Kollegstufe eingeführt. Als ich ihn beendete wurde sie wieder wesentlich geändert.
Über die aktuelle Schulordnung und –organisation weiß ich nicht mehr Bescheid, weil es mich nicht mehr dafür interessiert. Sie spielen hier keine Rolle, denn ich erzähle hier nur meine Erfahrungen.
Viel Kopfzerbrechen machte mir die Gliederung. Welche Gliederung ich auch wählte, Wiederholungen waren immer gegeben. Ich bitte diese zu entschuldigen.
Heute ist es leider notwendig zu erwähnen, dass ich das generische Masculinum verwende, weil es jahrhundertelang galt, grammatikalisch korrekt und kürzer ist und sich nicht dem gender-mainstreaming anbiedert. Aber diese Argumente gelten heute nichts mehr. Hätten hier nicht wenigstens die Deutschlehrer eine geistige Leuchtturmfunktion übernehmen können? Wenn wenigstens sie auf diesen Genderismus-Schwachsinn verzichtet hätten und nicht „man“ durch das meist falsche „wir“ ersetzt hätten, so hätte dies ihnen zur Ehre gereicht.
Manches hier scheint übertrieben und ist es vielleicht auch. Manches was hier übertrieben scheint, ereignete sich wirklich so. Ich hatte nicht die Absicht, Lehrer lächerlich zu machen. Ich kannte sehr viele Lehrer, die einen sehr guten Job machten. Weiter ist zu bedenken, dass ich manches, schon wegen des zeitlichen Abstandes, überzeichne oder zumindest recht subjektiv schildere. Einiges erzählten mir Kollegen und ich konnte die Richtigkeit nicht überprüfen. Eine hundertprozentige Gleichheit zu bestimmten Lehrern gibt es hier also nicht. Es soll hier ja keine wissenschaftliche Arbeit geschrieben werden, sondern eine Satire mit einem wahren Kern.
Und ein wenig spricht aus den Kapiteln auch Frust; Frust darüber, dass ich es als Lehrer zu (fast) nichts gebracht habe.
Auf der Universität
Wenigstens war es zu meiner Zeit auf der Universität noch so: Man hatte kein geregeltes Leben. Man ging am Vormittag in die Vorlesung oder blieb im Bett liegen, um seinen Rausch auszuschlafen. Man hörte im Hörsaal dem Professor zu oder man döste, mit dem gutem Gewissen anwesend zu sein, unaufmerksam vor sich hin. Man schrieb im ersten Semester so schnell das Gesagte des Professors mit, dass man das Mitgeschriebene zwei Semester später nicht mehr lesen konnte. Am Nachmittag verdaute man dann das kalorienreiche Mensaessen in einem Park oder im Studentenwohnheim, in einem überflüssigen Seminar oder in einer der wenigen „Pflicht-Übungen“. Am Abend saß man zusammen und trank Bier, viel Bier und redete über dies und das, über außerparlamentarische Opposition oder rotes Gutmenschsein, nur über nichts Vernünftiges oder gar Gewinnbringendes. Man gaffte sich die Augen aus nach Studentinnen für das nahende Schlafengehen und wusste doch, dass man wieder allein ins Bett gehen wird. Weder Vorlesungen, noch Seminare, noch Übungen bereiteten auf das Erste Staatsexamen vor. Die Professoren lasen über ihre Forschungshobbies oder aus ihrer neuesten Buchveröffentlichung. Am Ende der Vorlesung brachten sie den Hinweis, dass dieses Buch in ihren Büros verbilligt zu erwerben ist. Einige Stundeten nahmen an, dass schon der Erwerb dieses wissenschaftlichen Meisterwerkes „ihres“ Professors ihnen bessere Staatsexamensnoten bringen würde.
Für solche Studenten reichte es dann oft nicht einmal für eine Anstellung als Lehrer. Sie wurden Journalist. Aber wie gesagt, mit dem Ersten Staatsexamen hatte das Studium nichts, höchstens wenig, zu tun. Man machte die vorgeschriebenen „Scheine“ und ein nichtvorgeschriebenes Seminar bei einem Professor, bei welchem man eine mündliche Staatsexaamensprüfung machen musste. Ungefähr ein halbes Jahr vor der Ersten Staatsexamensprüfung blieb man der Universität fern, um auf die Prüfungen zu lernen. Da die Ablenkung im Studentenwohnheim sehr groß war, legte man kurz vor den Prüfungen die mit teurem Geld der Eltern erworbenen Bücher unter das Kopfkissen. Ob es dies war, oder die simplen Staatsexamensaufgaben, ich weiß es heute nicht mehr, auf jeden Fall, ich bestand problemlos das Erste Staatsexamen.
Um jedoch zum Ersten Staatsexamen überhaupt zugelassen zu werden, musste man bei einem Professor eigener Wahl eine Zulassungsarbeit schreiben. Das Thema konnte man, in Absprache mit dem Professor, selber wählen. Dies brachte die meisten Lehramtsstudenten das erste und einzige Mal in direkten Kontakt zu einem Professor. Ansonsten kannte man Professoren nur aus einer Zehnermeter-Entfernung im Hörsaal.
Ich war bei meinem ersten persönlichen Gespräch mit einem Professor wegen meiner Zulassungsarbeit überrascht: Zum vereinbarten Termin betrat ich das professorale Vorzimmer. Eine junge, hübsche, überschminkte Sekretärin mit gestylter Frisur und zu viel Modeschmuck um Hals und Arme, aber ohne Ehering, nahm mir sofort meine Schüchternheit vor und in dieser heiligen Halle (eigentlich war es ein viel zu kleines Sekretariat, vollgestopft mit Ordnern, Büchern, Staub, Schreibgeräten und schlechter Luft). Sie fragte, natürlich mit Augenaufschlag, nach meinem Begehren, öffnete, nach meiner Antwort, sogleich die Türe in ein Zimmer, indem ich den Professor vermutete, hieß mich eintreten, ohne den darin befindlichen Professor zu fragen, ob es ihm genehm sei. Während ich in das Zimmer ging, sprang der Professor sogleich von seiner Couch auf, auf der er sich anscheinend gerade ein Nickerchen gegönnt hatte, gab mir die Hand, bot mir einen Stuhl an und rief der, die Türe gerade schließenden Sekretärin nach, sie solle doch zwei Tassen Kaffee bringen. „Sie trinken doch Kaffee?“, fragte er mich dann. Sollte ich jetzt „Nein“ sagen? Während wir beide uns gegenüber setzten, begann der Professor zu reden, ganz normal zu reden, über meine Facharbeit, über sein Spezialgebiet, über das Wetter und die Politik, über seine abgeschlossene und meine hoffentlich bald beginnende Karriere, ja selbst einen Nebensatz über Freundinnen brachte er unter. Hierbei fiel mir auf, dass ich, außer bei seinem Spezialgebiet, durchaus beim Reden mithalten konnte: Von der Politik verstand er auch nicht mehr als ich, beim Wetter verließ er sich zu viel, wenigstens nach meinem Gefühl, auf die Wettervorhersagen im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen und beim Nebensatz über Freundinnen fühlte ich mich sogar ein wenig überlegen. Wir redeten, tranken den allmählich kalt werdenden Kaffee, einigten uns auf ein Facharbeitsthema und schließlich verabschiedete ich mich entspannt vom Professor. Es schlossen sich noch drei weitere Besprechungen über meine Facharbeit an. Das Verhältnis wurde immer gelöster. Ich hatte den Eindruck, dass er auch nur ein, wenngleich sehr ehrgeiziger Mensch war und dass man mit ihm reden konnte, wie mit einem normalen Menschen, ja, dass er sogar Spaß versteht und dass er sich sogar einen Lehramtsstudenten Ernst und sich für ihn Zeit nahm.
Im letzten Semester wurde ich HiWi (hilfswissenschaftliche Kraft). Nun gab es wöchentliche Treffen mit einem Assistenten und selten mit dessen Professor. Doch diesen Gedanken will ich erst unten weiterverfolgen.
Wie bereits gesagt, die Besuche der meisten Veranstaltungen an der Universität waren für das Erste Staatsexamen nahezu wertlos oder besser gesagt überflüssig. Nehmen wir das Fach Mathematik: In den beiden ersten Semestern wurde der gesamte Stoff der Zwischenprüfung gelesen. In zwei weiteren Semestern wurde das gelesen, was man für das Erste Staatsexamen brauchte. In vier Semestern hatte man also den ganzen Stoff gehört, welcher im Ersten Staatsexamen geprüft wurde. Und selbst wenn man jede Vorlesung zweimal hören wollte oder musste, dann hätte man nach acht Semestern die Erste Staatsexamensprüfung ablegen können. Die meisten Studenten machten das Erste Staatsexamen aber erst nach 10 bis 12 Semestern. Wie überfordert oder faul oder beides müssen die meisten Lehramtsstudenten damals gewesen sein? Die meisten Lehrer meinten später, wenn man sie auf die Dauer ihres Studiums ansprach, dass sie neben zu arbeiten mussten und so wenig Zeit zum Studieren hatten. Was sie nicht dazu sagten war, dass man im Jahr fünf Monate Semesterferien hatte, in denen man hätte arbeiten können.
Nehmen wir das Fach Geographie. Ich besuchte neun Semester lang je zwei Vorlesungen, zwei Übungen und zwei (Pro)Seminare. Nichts, aber auch wirklich nichts, was ich hier hörte und mitschrieb oder verschlief konnte ich beim Ersten Staatsexamen verwenden. So gesehen war mein Geographiestudium weitgehend überflüssig, wenigstens im Blick auf das Erste Staatsexamen.
Aber das Studieren wurde damals im allgemeinen Sinne aufgefasst. Das lateinische Wort „studere“ bedeutet nämlich „sich bemühen“. Und man bemühte sich redlich, nicht nur im Vorlesungsraum oder Seminarzimmer, sondern auch in Bierkneipen und Discos, in Opern und Theatern. Vor allem bemühte man sich, während der Studienzeit eine Frau fürs Leben zu finden denn man wusste, dass dies die beste Gelegenheit hierfür war. Eine solche Gelegenheit kommt nicht wieder. Vor dem Studium war man zu jung und nach dem Studium zu phlegmatisch hierzu.
Wie oben schon angedeutet, kam ich in den letzten Semestern mit Professoren persönlich in Kontakt. Man fühlte sich von den meisten Professoren ernst genommen, von wenigen gar geschätzt. Wenn es nicht gerade um das Spezialgebiet des Professors ging, dann fühlte man sich auf Augenhöhe mit dem Professor und nicht selten hatte man den Eindruck, dass man selber mit dem Leben besser zurecht kam als der geistig etwas realitätsferne und -fremde Professor.
Und dann kam nach dem Ersten Staatsexamen der Schock – das Referendariat.
Referendariat
Das Universitätsstudium schließt jemand, der in den Staatsdienst gehen will, also auch ein zukünftiger Lehrer, mit dem Ersten Staatsexamen ab. Dann beginnt die zweijährige „Lehrlingszeit“, das Referendariat. Der ehemalige Student nennt sich nun Referendar. Er kommt, zusammen mit anderen Referendaren, an ein bestimmtes Gymnasium. Dieses ist nun die Stammschule des Referendars. Dort wird er hauptsächlich in Pädagogik und Didaktik von Lehrern, die an diesem Gymnasium auch Schüler unterrichten und sich Seminarlehrer nennen, ausgebildet. Hier hält jeder Referendar, anfangs unter Aufsicht eines Seminarlehrers, seine ersten Unterrichtsstunden. Nach einem halben Jahr wird jeder Referendar an ein anderes Gymnasium, an die Zweigschule, versetzt. Dort hält er Unterricht, relativ selbständig, nur unter Beobachtung eines ihn betreuenden Lehrers dieses Gymnasiums. Nach einem halben Jahr wechselt er entweder die Zweigschule oder er bleibt. Nach einem Jahr Zweigschuleinsatz kommt er zurück an die Stammschule. Dort unterrichtet er ein halbes Jahr weiter und wird von Seminarlehrern unterrichtet. Am Ende dieser zweijährigen Referendarzeit macht der Referendar eine Prüfung, das Zweite Staatsexamen. Wenn er dann den entsprechenden Notendurchschnitt, ein Mittelwert aus den beiden Staatsexamen, hat und der Staat Lehrer braucht, dann wird er vom Staat als Lehrer, genauer als „Studienrat zur Anstellung“ angestellt. So war es jedenfalls zu meiner Zeit.
Beginn des Referendariats
Nachdem ich in München studiert hatte, wollte ich mein Referendariat in einer anderen bayerischen Stadt machen, denn Bayern hat ja noch andere sehenswerte Städte. Meinem Wunsch wurde entsprochen und so fand ich mich an einem Nachmittag in einer mir völlig fremden Stadt an einem mir fremden Gymnasium ein. Ich war versammelt mit noch zehn anderen Referendaren. Sieben davon hatten in dieser Stadt schon studiert und kannten sich vom Studium her. Während sich diese miteinander unterhielten, stand ich etwas im Abseits.
Bald kam ein alter, weißgrauer, hinterlistig schauender Mann. Er war, wie sich gleich heraus stellte, unser oberster Seminarlehrer, der Seminarleiter, und vereidigte uns als vorläufige Beamte des Freistaats Bayern mit geringem Gehalt. Nach dieser Zeremonie händigte er uns einen „Stundenplan“ für die nächsten Tage aus und verließ mürrisch den Raum. Ich wollte mich mit meinen zukünftigen Zunftgenossen anfreunden und fragte sie, warum sie denn Lehrer werden wollen. Ohne zu überlegen antworteten mir alle, dass das Lehren ein notwendiges Übel ist. Ihr Hauptziel ist es, mit der Verbeamtung unkündbar zu sein, wenn man nicht gerade eine Schülerin vergewaltigt. So kann man das Übel Leben am besten ertragen. Ich schob nur nach: „Wisst ihr was das heißt? Lebenslang! Danach kommt nur noch der Tod!“
Am nächsten Tag begann unsere Umerziehung. War man gewohnt, an der Uni von Professoren und Assistenten, Doktoren und Doktoranten als denkende Erwachsene wahrgenommen zu werden, so wurde man von den Referendarlehrern, welche nun Staatsbürgerkunde und Pädagogik und Fachdidaktik lehren sollten und welche alle einmal von einem Doktorgrad geträumt, ihn aber nie gemacht hatten, wie Schüler behandelt. Wir Referendare wurden sowohl von den Schülern, als auch von den Referendarlehrern wie eine 14. Klasse – damals gab es noch 13 Klassen bis zum Abitur – angesehen und auch so behandelt. Es soll sogar ein Münchner Gymnasium gegeben haben, in welchem sich im Lehrerzimmer die Referendare nicht sitzend, sondern nur stehend aufhalten durften.
Einstieg in das Referendariat
Der Einstieg in das Referendariat war ein Schock. Die Seminarlehrer an der Stammschule brummten uns Arbeit über Arbeit auf. Ich war das Arbeiten aber seit dem Abitur nicht mehr gewohnt. Aber nicht allein die viele Arbeit irritierte mich. Viel schlimmer war, dass mir der Großteil dieser Arbeit als unsinnige, sinnlose Schikane erschien. Auch die anderen Referendare dachten so. Die Zeit des Referendariats sollte für die Singels ja auch eine Zeit der Suche nach einer Frau fürs Leben, mit der man Kinder zeugen wollte, sein. Und wenige Referendare, die damals schon gefunden hatten, waren gar schon Eltern. Sie konnten also ihren pädagogischen Eros bei sich zuhause austoben und nicht an der Seminarschule. Demgegenüber hatten unsere Seminarlehrer je ein bis zwei verzogene, schon erwachsene Kinder und die Biographie dieser Kinder zeigte, dass die Seminarlehrer nicht gerade gute Pädagogen waren.
Diese geballte Arbeit kam also zur Unzeit und überhaupt waren wir es nicht gewohnt, kurzfristig Arbeiten auszuführen. An der Universität hatte man für Seminararbeiten Wochen oder gar Monate Zeit; nun sollten Arbeiten schon nach wenigen Tagen, manchmal schon am nächsten Tag, gemacht sein.
Ich hatte Glück: An unserer Seminarschule waren schon acht Referendare verheiratet bzw. lebten nicht mehr allein. Wir waren uns sofort einig, dass wir uns während der Referendarzeit nicht überanstrengen sollten. Der Staat brauchte Lehrer, also brauchten wir keine besonders guten Noten. Die einen wollten noch Zeit für ihre Ehefrauen und eigenen Kinder haben, ich brauchte Zeit, um meine Dissertation zu schreiben und bei dem Dümmsten unseres Kurses würde es auch nichts nützen, wenn er viel arbeitet. Er machte sich keine Hoffnung. Ihm genügte, dass er monatlich seinen bescheidenen Referendargehalt bekam. Also galt unsere Devise, wir würden das Maaß unserer Belastbarkeit selber festlegen und uns von den Seminarlehrern nicht viel vorschreiben lassen. Angeblich sollten - was fast so viel bedeutet wie mussten - die Notenschnitte der Referendarkurse in ganz Bayern ungefähr gleich sein. Wenn also alle in unserem Kurs faul sind, so würde der Notendurchschnitt auch nicht viel anders sein, als wenn alle in unserem Kurs sehr fleißig sind. Bei den Noten ging es eigentlich nur um die Rangfolge. Also vereinbarten wir, nur das Nötigste zu machen.
Seminarlehrer
Unsere Seminarlehrer waren schlimm.
Es gab einen Seminarlehrer, der sollte uns Politische Bildung beibringen. Sein Problem war, dass er nicht viel Ahnung von Politik und noch weniger von Bildung hatte und dass seine Diskussionsrhetorik, selbst gegenüber primitiv-links orientierten Referendaren, recht bescheiden war.
Es gab einen Seminarlehrer für Psychologie. Der hatte nicht viel Ahnung von moderner Psychologie, wenigstens kam es mir so vor, mir, der ich an der Universität auch Psychologie gehört hatte. Bei ihm begann und endete die Psychologie bei „Sigmund Freud für Anfänger“.
Es gab einen Seminarlehrer für Schulrecht und Schulorganisation. Der hatte nun gar keine Ahnung. Er las uns die Paragraphen der Schulordnung der Reihe nach vor und wenn ihm zu einem Paragraphen eine Anekdote aus seiner Lehrerkarriere einfiel, dann erzählte er uns dieses und erwartete, dass wird darüber lachen oder wenigstens schmunzeln und auf jeden Fall glücklich dreischauen.
Diese Seminarlehrer unterrichteten uns an der Stammschule nur eine Stunde in der Woche, am Nachmittag, wenn man, vom Mittagessen geschwächt, vor sich hin döste und auf „aus“ geschaltet hatte.
Noch schlimmer waren die beiden Seminarlehrer, welche für die beiden Fächer, die ich einmal lehren sollte, zuständige waren. Mit denen hatte man an der Stammschule täglich zu tun. Man fühlte sich diesen fachlich mindestens ebenbürtig. Ich kam ja gerade von der Universität und war wissenschaftlich quasi auf dem neuesten Stand. Also an Fachwissen konnten mir die beiden das Wasser nicht reichen und das ließ ich ab und zu bei Gesprächen einfließen. Steigernd kam hinzu, dass, nach meinen Erfahrungen, nur dümmere Lehrer Seminarlehrer wurden und waren. Um dies zu erläutern muss ich weiter ausholen:
Es gibt bei den Gymnasiallehrern folgende Grade: Studienrat, Oberstudienrat, Studiendirektor, Oberstudiendirektor. Dementsprechend ist die Besoldung. Ein Studienrat wird nach A 13 besoldet, ein Oberstudienrat nach A14, ein Studiendirektor nach A 15, ein Oberstudiendirektor nach A 16. Der größte Gehaltsunterschied liegt zwischen A 14 und A 15. Deshalb wollte natürlich jeder Lehrer Studiendirektor werden. Hierzu benötigte man eine entsprechende Beurteilung durch den Schulleiter und eine sogenannte Funktionsstellen. Eine Funktionsstelle war z.B. Fachbetreuung eines Faches, oder Stundenplanmacher, oder Oberstufenbetreuer. Jedes Gymnasium hatte eine bestimmte Anzahl solcher Funktionsstellen. Wenn man eine Funktionsstelle vom Schulleiter erhielt und diese eine Zeit lang ausübte, dann wurde man zum Studiendirektor befördert. Allerdings musste man diese Funktionsstelle dann auch ein aktives Lehrerleben lang innehaben. Eine solche Funktionsstelle war auch „Seminarlehrer“.
Mögen manche Eltern denken, dass die meisten Lehrer dumm sind und gescheite Menschen in die Wirtschaft gehen, so trifft das wohl auf etliche, aber nicht auf alle Lehrer zu. Nicht alle Lehrer sind dumm, aber fast alle Lehrer sind ehrgeizig. Dies heißt, in die Sprache der Schulkarriere übersetzt, dass A15 das Lebensziel der allermeisten Lehrer ist. Wie erreichen nun die Lehrer, die wirklich dumm oder sagen wir besser ungeeignet sind, dieses Ziel? An der Schule, wo sie unterrichten, haben sie nur eine geringe Chance, in absehbarer Zeit eine „normale“ Funktionsstelle zu erhalten. Man weiß ja, dass sie dumm sind. Es gibt bessere Fachlehrer als sie, also werden sie nie Fachbetreuer werden. Es gibt bei den Schülern beliebtere Lehrer als sie, also ist ihnen der Weg zur Unterstufenbetreuerstelle versperrt usw. Die einzige Chance die sie haben, eine Funktionsstelle zu erringen, ist, den unbeliebten Job eines Seminarlehrers auszuüben. Und dafür nehmen sie alles in Kauf: Sie wechseln an ein anderes, weit entferntes Gymnasium, welches diese Funktionsstelle anbietet, sie nehmen in Kauf, sich mit arroganten Referendaren, welche meinen, ihnen fachlich überlegen zu sein und es meistens auch sind, abzugeben. Sie lassen sich von Referendaren blamieren und vorführen. Und das alles nur, um einmal A 15 zu werden. Mangelnder Charakter wird bei ihnen später durch den höheren Gehalt ersetzt.
Wir hatten so einen Seminarlehrer für Mathematik. Zuerst war er ein schlechter Lehrer an einem Gymnasium im Süden Bayerns. Dann wurde eine Seminarlehrerstelle für Mathematik an einem Gymnasium im Norden Bayerns ausgeschrieben. Er bewarb sich hierfür und weil er der einzige Bewerber war, so erhielt er diese Stelle und ich erhielt mit ihm einen besonders schlechten Seminarlehrer. Schon sein Aussehen provozierte zum Nicht-Ernst-Nehmen. Er war groß und schlank. Seine Kleidung hing an ihm wie an einem Kleiderständer. Er hatte ein schütteres Haar, hervorquellende Augen unter fast kahlen Augenbraunen. Sein Kinn spitzte wie ein Keil schräg nach unten. Seine schwülstigen Lippen umspielten fletschende Zähne (man war sich aber nicht sicher, ob es noch die eigenen Zähne waren). Ich rätselte, nachdem ich erfahren hatte, dass er verheiratet war, was seine Frau an ihm liebenswert fand und wie wohl seine Kinder aussehen. Später erfuhr ich, dass er seine Frau terrorisierte – er war der Ansicht, dass er sich das als A-15-Lehrer erlauben darf– und dass seine beiden Kinder missraten waren. Zuerst wollte dieser Karl-Valentin-Verschnitt uns Referendaren zeigen, wie ein richtig guter Unterricht „aussieht“:
Also schleppte jeder von uns Referendaren einen Stuhl in das Zimmer der Klasse 8a, stellte ihn an die Rückwand des Klassenzimmers und setzten sich darauf. Wir hatten uns untereinander abgesprochen, dass wir diesem Seminarlehrer deuten wollen, dass wir von ihm nichts lernen können und deshalb auch nicht wollen. Also unterließen wir es, mit Ausnahme der drei dümmsten Referendare, irgendetwas zum Mitschreiben mitzunehmen. So saßen wir, mit verschränkten Armen, an der Rückwand des Klassenzimmers, unter den Blicken der umtreibenden Schüler der Klasse 8a. Ich vermutete bald, dass die Schüler uns etwas bieten wollten. Die meisten Schüler schauten uns kumpelhaft, einige mitleidig an. „Arme Referendare und dann noch so ein Seminarlehrer“, dachten sich wohl die meisten 8a-ler, „denen werden wir zeigen, wie man mit einem solchen Seminarlehrer fertig wird!“
Die Glocke schrillte. Unser Seminarlehrer, der Kasperlverschnitt, betrat erhobenen Hauptes das Klassenzimmer: Die Schüler ließen sich weder vom Glockenklang noch vom Seminarlehrer stören. Sie redeten weiter mit ihren Mitschülern, schrieben die Hausaufgaben weiter ab oder gafften uns Referendare weiter lachend an. Nur um den eingetretenen Seminarlehrer kümmerte sich niemand. Die meisten stellten oder setzten sich so hin, dass sie dem Seminarlehrer den Rücken zudrehten. „Ruhe, ist bald Ruhe?“, brüllte dieser in die Menge. Der Lärmpegel senkte sich und die noch stehenden Schüler setzten sich. Einige zogen gelangweilt ihr Mathebuch und –heft aus ihrer Schultasche. Bei mäßigem Lärm ging es ans Verbessern der Hausaufgabe. Um es kurz zu machen: einige Schüler hatten die Hausaufgaben richtig gelöst, einige Schüler falsch und die meisten hatten sie gar nicht gemacht. Der Seminarlehrer sprach einige Schüler auf die nichtgemachte Hausaufgabe an und bekam folgende Begründungen bzw. Ausreden. Der eine musste am vergangenen Nachmittag seinem Vater helfen das Wohnzimmer zu tapezieren, der andere seine Mutter beim Bügeln unterstützen, der dritte auf seine kleine Schwester aufpassen, weil seine Mutter gerade fremd ging (Gelächter!), der vierte, ein Fahrschüler, fand im Zug nicht mehr die nötige Zeit, um die Hausaufgabe abzuschreiben, der fünfte und alle weiteren hatten zu Hause zwar versucht, die Hausaufgaben zu lösen, aber die Lösung, trotz intensivem Bemühen, nicht gefunden – was natürlich nicht stimmte. Der Seminarlehrer bekam einen roten Kopf, fletschte mit den Zähnen und rief dann im autoritären Tonfall in die sich wieder unterhaltende Schülerschar: „Bis morgen habt ihr die Hausaufgabe nachgemacht, verstanden!“ Da sprang sogleich ein Schüler auf und fragte: „Herr Lehrer, muss ich auch die Hausaufgabe bis morgen machen, ich habe sie doch schon auf heute gemacht, allerdings falsch!“ Die Schüler lachten, der Kopf des Seminarlehrers rötete sich weiter. Der Schüler drehte sich spöttisch zu uns Referendaren um, als wollte er uns deuten: „Den habe ich wieder dran gekriegt!“ und dabei meinte er den Seminarlehrer, der uns gerade eine Paradeunterrichtsstunde vorführte, wenigstens wollte er das, wenigstens sollte das eine sein. Gleich darauf meldete sich wieder ein Schüler und stotterte ganz entrüstet: „Ich habe versucht, die Hausaufgabe zu machen, aber nach ihrem schlechten Unterricht ist mir das nicht gelungen!“ Die meisten Schüler nickten bestätigend. Wir Referendare schauten äußerlich betroffen, innerlich aber jubelnd, drein. Der Seminarlehrer schob seinen Unterkiefer und damit auch seine Unterlippe weiter nach vorne, seine Zähne glitten übereinander, seine Lippen zitterten. Er versuchte die Situation zu retten indem er spöttelte. „Du bist ja nicht gerade der Hellste dieser Klasse!“ Die Runde ging an ihn, denn die Schüler lachten nun über ihren nicht besonders hellen Mitschüler. „Wir machen jetzt mit dem Stoff weiter!“, brüllte der Seminarlehrer, nachdem also die Hausaufgabe „besprochen war“. 16 Minuten nach Beginn des Paradeunterrichts begann die Behandlung des neuen Stoffes. Unser Seminarlehrer beschrieb, wie ein übertrieben agierender Schauspieler, den neuen Mathematikstoff. Er wechselte blitzartig seine Lautstärke von mäuschenleise nach brülllaut und umgekehrt, er warf wilde Blicke über die Köpfe der Schüler und siegessichere zu uns Referendaren an der Wand. Er ließ die Zähne hervorblitzen und schaute im nächsten Augenblick wieder sanft auf die Schüler, die dieses Schauspiel allerdings nicht sonderlich beeindruckte. Gelangweilt saßen sie da. Einige unterhielten sich mit dem Banknachbarn, andere gähnten, wieder andere malten Strichmännchen in das aufgeschlagene Mathematik-Schulheft. Einerseits langweilten sie sich wirklich, ob dieses uninteressanten, schon gewohnten Schauspiels, welches ihnen unser Seminarlehrer bot, andererseits wollten sie uns Referendaren zeigen, was für eine Zumutung dieser Lehrer für sie war.
Nach ungefähr einer weiteren viertel Stunde drehte sich unser Seminarlehrer zur Tafel, um das soeben erarbeitete dorthin zu schreiben, damit es die Schüler in ihre Hefte mitschreiben können. Zu unserer Überraschung schlugen alle Schüler auch ihre Schulhefte auf, um mitzuschreiben. Eifrig damit beschäftigt, wurde es im Klassenzimmer ruhig. Das Schwätzen wurde eingestellt, es herrschte eine wohltuende Ruhe. Die drei Dümmsten von uns schrieben gar selber das mit, was der Seminarlehrer an die Tafel kritzelte. Sie waren so dumm, dass sie meinten, dieses Mitgekritzel für die 2. Staatsexamensprüfung brauchen zu können. Jedenfalls war es leise, als unser Mathematik-Seminarlehrer an die Tafel schrieb und den Schülern und uns Referendaren seinen Rücken zuwandte. Einmal drehte sich der Seminarlehrer um und warf uns Referendaren einen zufriedenen Blick zu, wackelte genüsslich mit seinem Unterkinn, als wollte er uns sagen: „Seht nur, in meinem Unterricht herrscht Ruhe und Disziplin und Lernfreude, so müsst auch ihr einmal unterrichten!“ Dann wandte er sich wieder der Tafel zu und schrieb eine Formel auf sie. Anscheinend waren auch einigen Schülern die zufriedenen und belehrenden Blicke des Seminarlehrers aufgefallen. Sie fühlten sich dadurch unwohl, fast beleidigt und das wollten sie ändern. Als unser Seminarlehrer also wieder zur Tafel gewandt eifrig schrieb und es besonders leise war, da schrie ein Schüler: „Kikeriki, kikerikie!“. Der Seminarlehrer wandte sich blitzschnell von der Tafel zur Klasse, der „Hahn“ hatte aber schon aufgehört zu kikerikien. Die Blicke aus den funkelnden Augen des Seminarlehrers flogen durch die Klasse. Würde er die Frage, wer der Kikerikier war, stellen, fragten wir Referendare uns still. Die Frage kam nicht. Anscheinend hielt der Lehrer seine Blicke für so strafend, dass er meinte, das müsste vorläufig genügen. Er drehte sich wieder zur Tafel und schrieb weiter. Bald darauf grunzte ein Schüler in die Stille des Unterrichts hinein. Alle Schüler begannen zu lachen und wir Referendare schmunzelten. Reflexartig drehte sich der Seminarlehrer wieder zur Klasse - aber das Grunzen war schon vorbei. Die Blicke des Seminarlehrers lagen nun drohend auf den belustigten Schülern. Dann stieß er eine Drohung aus, so in der Art: „Noch einmal, dann muss die ganze Klasse morgen Nachmittag nachsitzen!“ Dann drehte er sich wieder zur Tafel und schrieb weiter. Es sah so aus, als hätte seine Drohung gewirkt (abgesehen davon, dass diese Drohung rechtswidrig war, denn es gibt keine Kollektivstrafen, auch in der Schule nicht!). Lange war es in der Klasse ruhig. Der Mühe, das an der Tafel stehende mitzuschreiben, unterzogen sich allerdings immer weniger Schüler. Kurz vor Ende des Tafelanschriebes kam dann doch noch ein „Mäh, mäh“ aus der Klasse und wieder lachten die Schüler. Der Seminarlehrer nahm dies allerdings nicht mehr zur Kenntnis, sondern führte seinen Tafelanschrift nun stoisch zu Ende. Er tat so, als überhöre er das Gemähe. – Dies war angeblich (s)ein pädagogischer Trick, wird er uns am Nachmittag bei der Nachbesprechung dieser Stunde erläutern. - Nun verlor auch für die Schüler das Kikerikie und das Gemähe seinen Reiz. Die Schüler stellten es und ihr Lachen ein und dösten vor sich hin. So verlief die restliche Stunde, bis fünf Minuten vor Stundenende, ohne etwas Aufregendes. Dann begannen die Schüler ihr Unterrichtsmaterial in ihren Schultaschen zu verstauen. Der Seminarlehrer nuschelte noch mit entschuldigendem Tonfall zu uns an der Rückwand: „Leider haben wir nur die Hälfte des vorgesehenen Stoffes behandelt!“ Die Ankündigung der Hausaufgaben durch den Seminarlehrer nahmen die meisten Schüler nicht wahr. Der Seminarlehrer schrieb deshalb an die Tafel, welche Hausaufgaben die Schüler zu machen haben. Er schrieb es in der Hoffnung, dass sich wenigstens eine Hand voll Schüler zu Hause mit diesen Aufgaben beschäftigen und dass wenigstens einige Schüler die Hausaufgaben von anderen Schülern abschreiben würden. Und einige Schüler schrieben sogar diese Hausaufgabenangaben von der Tafel ab. Die Mehrzahl der Schüler begann sich freilich zu unterhalten, so als wäre die Schulstunde schon zu Ende. Kurz bevor der Seminarlehrer das Klassenzimmer verließ drehten sich die Schüler zu uns Referendaren um, nickten uns zu, einige hoben den Daumen nach oben als wollten sie uns sagen: „So, jetzt haben wir euch gezeigt, wie man nicht unterrichten soll – und so etwas ist euer Seminarlehrer!“
Und in der Tat habe ich viel aus dieser Vorführstunde gelernt. Bis zu meiner Pensionierung habe ich deshalb nie eine so schlechte Stunde gehalten wie diese Stunde, die damals unser Seminarlehrer hielt!
Am Nachmittag saßen wir Referendare dem Seminarlehrer gegenüber, um seine Unterrichts-Stunde zu besprechen. Dieser erklärte uns, wie schwierig diese Klasse ist- wir nickten bestätigend - und mit welchen tollen pädagogischen Tricks er diese Klasse immer wieder in der Griff bekommt – wir schauten uns verdutzt an. Ob uns seine pädagogischen Tricks während seines Unterrichts aufgefallen sind, fragte er; wir nickten und wussten nicht warum. „Natürlich“, so fuhr der Seminarlehrer fort, „kosten diese Tricks Zeit“ und deshalb hat er seinen vorgesehenen Stoff nicht „durchgebracht“. Wir nickten wieder, denn wir wussten nicht, wieviel Stoff er vorgesehen hatte.
Als wir Referendare kurz vor Schuljahresende wieder einen Vorführunterricht in dieser Klasse besuchen mussten stellten wir fest, dass unser Seminarlehrer, der uns etwas beibringen sollte und auch wollte aber nicht konnte, in dieser Klasse gerade die Hälfte des im Lehrplan vorgesehenen Jahresstoffes behandelt hatte.
Für mich stand fest, dass nicht nur wir Referendare, sondern auch die Schüler, bei diesem Seminarlehrer fast nichts lernen konnten. Aber er war trotzdem A 15!
Noch eine Episode aus dem Unvermögen dieses Seminarlehrers: eine Unterrichtsstunden in einer 11. Klasse. Wir saßen wieder auf den selbst mitgetragenen Stühlen im Klassenzimmer, im Rücken der Schüler. Wir warteten gelangweilt auf den „Schauunterricht“ unseres Seminarlehrers. In unseren Köpfen stand aber schon fest: So werde ich einmal nicht unterrichten. Wir fragten uns: „Wie lassen geschlechtsreife, fast erwachsene Schüler, die man schon mit „Sie“ anreden musste, unseren Seminarlehrer auflaufen? So Spielchen wie grunzen und Kikeriki-Schreien dürften für Elftklässler wohl zu läppisch sein. Als unser Seminarlehrer das Klassenzimmer betrat ließen sich die Schüler von ihm nicht stören und unterhielten sich untereinander einfach weiter. Die Begrüßung durch den Seminarlehrer nahmen nur wenige Schüler zur Kenntnis.
Dann sollte die Hausaufgabe besprochen werden. In dieser Klasse war es aber Brauch, dass immer nur ein Schüler die Hausaufgabenbesprechung übernahm. Es entwickelte sich also ein Dialog zwischen unserem Seminarlehrer und diesem Schüler, während die anderen Schüler, wenngleich leise, miteinander weiter plauderten. Dann folgte der eigentliche Unterricht. Es war ein Monolog des Seminarlehrers. Die Schüler passten nicht auf. Die allermeisten konnten sich wieso einen Nachhilfelehrer leisten. Wieso also aufpassen? Als sich die Schüler schließlich alles erzählt hatten, was sie in letzter Zeit alles erlebt haben, entschlossen sich die Elftklässler, uns Referendaren etwas Neues zu zeigen: Plötzlich begannen sich fast alle Schüler, auf eine Frage des Seminarlehrers hin, zu melden. Wurde einer dann vom Seminarlehrer aufgerufen, so sagte er: „Sorry, mir ist die Antwort gerade entfallen! Ich habe nämlich Alzheimer!“. Ein anderer antwortete, als er aufgerufen wurde: „Wenn sich so viel melden, dann kann ich doch nicht damit rechnen, dass Sie gerade mich aufrufen. Sorry, ich weiß keine Antwort!“ Der Seminarlehrer rief nach einigen solchen Antworten nicht mehr auf. Nun wurden die Schüler aber erst richtig aktiv. Sie schnalzten mit den Fingern. Einige riefen: „Ich weiß es!“. Andere antworteten: „Ich auch!“ Und so endete auch diese Unterrichtsstunde für den Seminarlehrer irgendwie unbefriedigend, für die Schüler lustig, für uns Referendare mit gemischten Gefühlen. Würde mir auch einmal gleiches passieren wie diesem Seminarlehrer? Nein, ich wollte ein guter Lehrer und keine Seminarlehrer werden. Dieser hatte wieder nur die Hälfte des vorgesehenen Stoffes behandelt und die Schüler hatten uns Referendaren wieder gezeigt, wie man mit einem völlig überforderten Lehrer umzugehen pflegt.
Nachdem wir einige Stunden den Paradeunterricht unseres Seminarlehrers genossen hatten wussten wir also, wie man es nicht macht. Wie man es macht, wie man einen guten Unterricht hält, das mussten wir uns selbst beibringen. So war es gar nicht schlecht eingerichtet, dass wir bald in jedem Fach in einer Klasse selbständig unterrichten durften, leider unter der Aufsicht eines Seminarlehrers, der auch ab und zu unsere Unterrichtsstunden besuchte. Also ging auch ich guten Mutes ans Werk. Einen Trost hatte ich: Schlechter als unsere Seminarlehrer würde, ja konnte ich nicht unterrichten. Ich hatte von unseren Seminarlehrern, ganz speziell von unserem Mathematik-Seminarlehrer, gelernt, wie man schlecht unterrichtet. Um einigermaßen gut zu unterrichten, erinnerte ich mich an meine eigene Schulzeit. Ich dachte zurück an die guten Lehrer, welche ich auf dem Gymnasium hatte und überlegte mir: Warum war deren Unterricht so gut? Warum erinnere ich mich noch nach fünf und mehr Jahren an deren Unterricht? Was unterschied ihren Unterricht von dem meiner Seminarlehrer? War deren Unterricht speziell für mich geeignet oder auch für den Großteil meiner Mitschüler? Und meine ersten eigenständigen Unterrichtsstunden liefen dann auch recht gut. Sie fanden noch meistens vor den Augen des Seminarlehrers und der Mitreferendare statt. Noch etwas schüchtern lag mein Blick auf den großkotzig dreinblickenden Schülern. Leicht verängstigt schielte ich auf den Seminarlehrer, der, verbissen an der Rückwand des Klassenzimmers sitzend, dreinschaute und eifrig anscheinende Verfehlungen mitschrieb. Dies verunsicherte mich anfänglich mehr als die teils gelangweilten, teils störenden Schüler. Die Unterrichtsstunde war aus und ich hatte den mir vorgenommenen Stoff in etwa durchbekommen. Ich hatte zwar nicht alles was ich vorsah und was ich schriftlich fixiert dem Seminarlehrer vorher abgeben musste, erreicht, aber so im Großen und Ganzen lief es ganz gut. Und was das Wichtigste war, so dachte ich stolz, es war wesentlich besser gelaufen als die Schauunterrichtsstunden des Seminarlehrers.
Nach der Unterrichtsstunde war eine Besprechung zwischen Seminarlehrer und mir. Der dümmlich dreischauende Valentin-Verschnitt eines Seminarlehrers sucht lange seine Aufzeichnungen, die er während meiner Probestunde gemacht hatte, in seiner von unwichtigen Zetteln überfüllten Aktentasche. Ob beabsichtigt oder nicht, jedenfalls erhöhte er so sein Einschüchterungspotential. Gleichzeitig deutet er mir durch seine Aktentaschenüberfüllung an, wieviel Arbeit er hat oder sich macht. Auch sollte diese Überfüllung Vorbildcharakter signalisieren. Dann legte er los: „Am Anfang war schlecht….., dann hätten Sie das und jenes viel besser machen können…, dann ist nicht zu akzeptieren, dass sie das und jenes so erläuterten…., auch das halte ich für falsch…, insgesamt kann man da nicht zufrieden sein!“ Süßsauer grinsend schloss er seine Aufzeichnungen und stecvkte sie wieder in seinen überfüllten Aktenkoffer. Nach über einer Stunde war diese Besprechung – eigentlich war es ein Monolog des Seminarlehrers – beendet. Völlig irritiert verließ ich die Besprechung und ging geistig abwesend nach Hause. Was habe ich nur falsch gemacht, fragte ich mich immer wieder. Aus den schwachsinnigen Bemerkungen des Seminarlehrers konnte ich keine Fehler von mir herleiten. Zu Hause musste ich mich schon wieder auf die nächste Probeunterrichtsstunde vorbereiten, aber wie? Ich wusste nur, dass mein Seminarlehrer einen schlechten Unterricht hält aber dies nicht erkennt und dass ich jetzt schon besser unterrichtete als er. Nachdem ich so grübelnd am Schreibtisch saß kam mir der Gedanke: Eigentlich ist doch alles egal. Ob die nächste Stunde „gut läuft“ oder nicht ist egal. Wie die Schüler mitmachen ist auch egal. Ich weiß nämlich jetzt schon, dass der Seminarlehrer wieder mit mir nicht zufrieden sein wird.
Es war nach meiner vierten Probeunterrichtsstunde. Wieder musste ich zur Besprechung mit dem Mathe-Seminarlehrer. Wieder zerriss er meinen Probeunterricht nach Strich und Faden. Ich tat so, als interessierte mich das alles nicht. Ich machte keine Notizen von seiner Kritik. Ich hatte nicht einmal eine Mappe oder etwas Schreibbares zu dieser Besprechung mitgenommen. Ich fragte Nichts und antwortete nicht auf die dummen Äußerungen meines Seminarlehrers. Ich schaute nur gelangweilt aus dem Fenster auf die Schüler, welche gerade im Pausenhof Fußball spielten. Als der Seminarlehrer seinen Negativmonolog beendet hatte, sagte ich ganz gelassen zu ihm: „Vielleicht war meine Unterrichtsstunde nicht gut, vielleicht war sie sogar schlecht, das kann ich noch nicht beurteilen und sie wissen es schon überhaupt nicht. Eines ist jedoch sicher: Ich hielt einen besseren Unterricht als sie ihn je hielten!“ Ich stand auf, ließ den Seminarlehrer sitzen und verließ grußlos das Sprechzimmer. Er blieb sitzen, das Maul leicht geöffnet, das Unterkiefer etwas seitlich vorgeschoben, die Zunge spielte an der Oberlippe. Er schaute blöd drein und er war blöd, - aber er war A 15!
Weil der Seminarlehrer weder pädagogisch, noch didaktisch, noch psychologisch, noch irgendetwas „drauf hatte“, beschränkte er sich auf Nebensächlichkeiten. Für ihn waren freilich diese objektiv gesehenen Nebensächlichkeiten Hauptsächlichkeiten. Sie waren für ihn das Wichtigste, das er den Referendaren beibringen musste und überhaupt etwas pädagogisch und didaktisch und weiß Gott was noch alles Fundamentales. Nach seiner Meinung wurde man zu einem guten, vielleicht zu einem sehr guten Lehrer, wenn man diese Nebensächlichkeiten streng berücksichtigt. So konnte er stundenlang uns Referendare über Korrekturzeichen, die er zum Teil selbst erfunden hatte, belehren. Mit diesem Beispiel kann ich auch ganz gut erklären, was eine Nebensächlichkeit bzw. bei ihm eine Hauptsächlichkeit war:
