Lesereise Irland - Nicole Quint - E-Book

Lesereise Irland E-Book

Nicole Quint

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Beschreibung

Was hat eine irische Nonne mit Michelangelo gemein? Warum muss die Menschheitsgeschichte wegen eines Rentierknochens neu geschrieben werden, und wie können Wachtelkönige uns einen Weg zu mehr Nachhaltigkeit weisen? Die Antworten darauf findet Nicole Quint auf ihren Reisen kreuz und quer durch Irland. Unterwegs zwischen Dublin und Galway, Belfast und Baltimore genießt sie das Leuchtturmwärterdasein, trifft die Unsichtbaren der irischen Hauptstadt, bedauert die verpasste Karrierechance blau gelockter Hunde und erfährt, dass der heilige Patrick nun ganz offiziell weibliche Konkurrenz und die erste Quallenzüchterin der Welt endlich mehr Anerkennung bekommt. Am spannendsten aber wird es in Irland immer dort, wo es nicht dem Klischee der grünen Kelteninsel entspricht …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Nicole Quint

Lesereise Irland

Begrabt mich unter dem Pub

Picus Verlag Wien

»Giorraíonn beirt bóthar.«

Für Thomas, der mir den Weg verkürzt.

Copyright © 2023 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien

Umschlagabbildung: © Eugen-B/iStockphoto

ISBN 978-3-7117-1115-1

eISBN 978-3-7117-5489-9

Informationen über das aktuelle Programmdes Picus Verlags und Veranstaltungen unterwww.picus.at

Inhalt

Vorwort

Poetry in Motion

Von den Vorzügen einer Fährfahrt

Experten der Straße

Zu wahr, um schön zu sein?

Heilige Emanzipation

St. Patrick bekommt Konkurrenz

Gut gedüngte Geschichte

Wo Nostalgie und Azaleen blühen

Glaube, Liebe, Haushaltsfarben

Italien hatte Michelangelo, in Irland malte Lilly

Die Wiesen des Wachtelkönigs

Vokabellernen gegen den Klimawandel

Reibach mit dem Paradies

Über die Ökonomisierung von Wasser und Fels

Eine wie keine

Spezialfall Valentia Island

Talk to Joe

Der Pulsmesser der Nation

Rettet das Richtige!

The way to shorten a road

Das Kummerloch

Von Scheinkelten und brandneuen Iren

Die Heimleuchter

Durch raue See und dunkle Nacht

Vier Pfoten für Irland

Die Revolution frisst ihre Hunde

Nichts Neues im Norden?

Was vom Gestern übrig blieb

Der siebte Sohn des siebten Sohnes

Mit Löffeln zum Friedhof

Éirinn go brách!

Zwei Zentner Sehnsucht im Gefühlsgepäck

Die Autorin

Vorwort

»Kürzer als die Bibel, aber länger als mein Vorstrafenregister.« Wenn mein alter Nachbar Mícheál eine seiner Geschichten mit diesen Worten einleitet, tut man gut daran, sich schnell eine Sitzgelegenheit zu suchen. Der kleine alte Mann mit der Guinness-geformten Körpermitte bringt mit seinen Erzählungen Krieg und Frieden, Fegefeuer und Feenbäume und gerne auch ein bisschen Klatsch in das Leben seiner Zuhörer. Wann immer ihm die Welt zu schnell wird, drückt Mícheál auf die Stopptaste und rettet uralte Mythen und Legenden ins 21. Jahrhundert. Dann erzählt er von Druiden und Wasserfrauen, von Tír na nÓg, dem Land der ewigen Jugend, und von Noah, der nicht nur von allen Tierarten je ein Paar, sondern auch zwei Portionen fish and chips mit auf seine Arche nahm. Welche der alten Damen im Dorf einst das Hippiemädchen war, das mit sechzehn Jahren ausbüxte, um in Gretna Green ihre große Liebe zu heiraten, und welcher Nachbar noch gemeinsam mit Albert Einstein Geige spielte – Mícheál weiß es, so wie er natürlich auch weiß, was sich alle irischen Frauen wünschen: Begrabt mich unter dem pub, dann kommt mein Mann mich an jedem Tag der Woche besuchen. Wenn er es einem verrät, funkeln seine grünblauen Augen so hell wie der Ozean bei Sonnenschein.

Seine Storys von früher, vom alten Leben auf den Inseln vor der Westküste, beendet Mícheál oft mit dem traditionellen Ausspruch: »Ní bheidh ár leithéidí ann arís.« – »So etwas wie uns wird es nie wieder geben.« Zurückkommen werden die alten Bräuche und Sitten nicht, aber in Mícheáls Erzählungen die Zeiten überdauern. Mit einigen brachte er mich zum Lachen, andere rührten mich zu Tränen, aber alle veranschaulichen, welche Bedeutung Familie, Freundschaft, Glaube und Aberglaube auch im 21. Jahrhundert noch haben. Stärker als Irlands Landschaften, seine Musiktraditionen oder die Leichtigkeit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, binden mich deshalb all die Geschichten an die Grüne Insel, die man sich über sie erzählt.

Die Liebe der Iren für gute Märchen, Sagen und Anekdoten geht zurück auf die Zeit, als der seanchaí, ein traditioneller storyteller, am Abend in die cottages kam, um am Torffeuer mit altem Wissen zu unterhalten, und noch heute schaffen es Geschichten, Gemeinschaft und Geselligkeit zu stiften. Sie sind ein Fenster in die irische Psyche und Seele und offenbaren gemeinsame Überzeugungen, Werte und Weltsichten. Das Fabuliergen liegt allen Iren im Blut. Manche sind bloß geschwätzig, andere aber verstehen es, Spannung aufzubauen. Dann gibt es Action, Dramen und Enthüllungen. Ein bisschen Mythos, drei Prisen Folklore und ein kleiner Witz, mit dem man dem irischen Alltag die rauen Kanten abschleifen kann – fertig ist die gut gefüllte Geschichtenwundertüte, die man sich im pub, am Marktstand, während einer Busfahrt oder in der Küche des B & B abholen kann.

So eine Wundertüte habe ich nun auch gepackt, mit eigenen Erlebnissen und Geschichten, die ich auf Fähren und Inseln, an den Rändern der modernen irischen Gesellschaft, in Kirchen, Leuchttürmen und Felsentümpeln für mein Irlandpotpourri gesammelt habe, immer mit W. B. Yeats’ feurigem Appell im Herzen: »Lasst uns hinausgehen, ihr Geschichtenerzähler, und jede Beute ergreifen, nach der sich das Herz sehnt, und keine Angst haben. Alles existiert, alles ist wahr, und die Erde ist nur ein wenig Staub unter unseren Füßen.«

Poetry in Motion

Von den Vorzügen einer Fährfahrt

Gewöhnlich lässt man seinen Reiseträumen ja Flügel wachsen, es sei denn, es soll nach Irland gehen. Dann zieht man ihnen lieber Schwimmwesten an und hebt die Anker. Die lichterlohe Vorfreude auf die Grüne Insel lässt sich nämlich nur dadurch noch steigern, dass man mit einem Fährschiff anreist. Will man bloß irgendwie ankommen, kann man sich auch schnell verfrachten, in die Economy Class einpferchen und fliegend verschleppen lassen. Will man aber reisen und dem Moment entgegensehnen, in dem sich die verwischten Konturen der irischen Küste langsam durch einen Schleier aus Gischt, Regen und Nebel abzeichnen, muss man ein Schiff besteigen. Fährfahrten und Flugreisen sind eben so verschieden wie Liebe und Liebesfilm. Wie passend, dass die Reederei Irish Ferries ihr jüngstes Flottenmitglied auf den Namen von Irlands Nationaldichter getauft hat – William Butler Yeats. Ein Sehnsüchtiger, ein Romantiker und spleeniger Schwärmer, der nun posthum zum Transporteur von Reiseträumen geworden ist und den hundertfünfundneunzig Meter langen Schiffskoloss so in eine Fee aus Stahl verwandelt hat. Zur Wunscherfüllung hat die »W. B. Yeats« gut achtzehn Stunden Zeit, so lange dauert die Überfahrt vom französischen Cherbourg nach Dublin.

Wenn das kleine Lotsenboot die »W. B. Yeats« aus dem Hafen geleitet, vorbei an den langen festungsbewehrten Außenmolen, versammeln sich alle zum Abschiednehmen auf dem Promenadendeck. Hat das Schiff aber die offene See erreicht, lassen sich nur noch wenige Passagiere von aufrührerischen Böen umherschubsen und die Wangen windrosa färben. Allein die Sehnsüchtigen, Staunenden und Schweigsamen bleiben an der Reling zurück, wo viel Platz für Tagträume und kleine Meeresandachten ist. In Seeluft baden, sich von kräuselnden Wellen hypnotisieren lassen, auf das Unbekannte schauen, das hinter dem silbrig glimmernden Horizontfaden liegt, und seine trüben Gedanken als Treibgut davonschicken. Vergessen sind dann die lärmenden Nachbarn daheim, das mürrische Gesicht des Vorgesetzten und sogar die Steuernachzahlung. Weit weg von allen Zumutungen des Alltags wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um ein Mundorgellied wie »Wir wollten mal auf Großfahrt gehen« zu singen oder den englischen Kinderklassiker We’re going this way, that way, forwards backwards, over the deep blue sea. A bottle of rum to fill my tum and that’s the life for me. Manch einer testet seine Wind- und Wetterfestigkeit an Deck allerdings nur deshalb so ausdauernd, weil es ihm beim Ringen um seinen Mageninhalt hilft, die Nase in den Wind zu halten und einen Punkt am Horizont zu fixieren. Dabei hat Irish Ferries der Innenarchitektin Helen Kilmartin in vorausschauender Weise extra zur Bedingung gemacht, bei der Auswahl von Möbeln und Materialien für die »W. B. Yeats« auf bestimmte Grüntöne zu verzichten, von denen man aus der Farbpsychologie weiß, dass sie zuverlässig Unwohlsein auslösen. Noch wirksamer als diese Vorsichtsmaßnahme dürfte jedoch eine alte Seemannsweisheit sein: Immer nur Dinge essen, die rauf nicht viel schlechter schmecken als runter, scones zum Beispiel oder soda bread. So präpariert ließe sich Irland sogar im Sturm erobern, begleitet von galoppierenden Wellen, denen der Wind durch die weißen Schaummähnen fegt. Capaill bhána, weiße Pferde, haben die alten Iren sie genannt. Ebenso poetisch wie diese Meeresrösser sind die Zitate von W. B. Yeats, die an vielen Wänden im Inneren der Fähre zu lesen sind. »And I shall have some Peace there, for Peace comes dropping slow«, dürfen die Gäste der Innisfree Club Class Lounge als ermunternde Aussicht auf den inneren Frieden verstehen, den sie nach achtzehn Stunden Fahrt erlangt haben könnten, wenn sie denn endlich einmal ihre Mobiltelefone ausschalten würden. Auf dem Weg zur Maud-Gonne-Bar, benannt nach Yeats’ großer Liebe, bittet der Dichter »Tread softly because you tread on my dreams«. Sanft treten? Wir geben uns Mühe, lieber Mr Yeats, aber bei der herausfordernden Kombination aus Wellengang und Guinness geraten sämtliche Wege auf der Fähre zu Trainingsstrecken für den breitbeinigen Matrosengang. Ihren Träumen werden einige blaue Flecken deshalb nicht erspart bleiben, aber Sie kennen sich ja aus auf hoher See, wir nehmen Sie beim Wort. »I have sailed the seas!«, steht jedenfalls in großen Lettern neben der Rezeption geschrieben. Durchaus glaubwürdig, denn Yeats’ Familie mütterlicherseits war dick im Reedereibusiness aktiv und hätte gewusst, dass Poesie auf Wellen nicht ohne die richtige Propellerdimensionierung auskommt. Heute birgt die »Yeats« im Inneren ein hochkomplexes Ingenieurswerk aus modernsten Sicherheits-, Befehls- und Kontrollsystemen, doch nicht einmal die Schiffsevakuierungs- und Rettungsausrüstungen wecken bei den Passagieren gesteigertes Interesse. Die Schiffsunglücke, die sich in der Irischen See ereigneten, liegen zu lange zurück, als dass Mütter heute noch Rettungsboote zählen oder nach Schwimmwesten für ihre Kinder fragen würden. Entspannt sitzen irische Großfamilien, französische und deutsche Urlauber gemeinsam mit osteuropäischen Lastwagenfahrern am Abend vor den großen Panoramafenstern der Bar. Die Musik kommt zum Glück nicht aus der Steckdose. Sie ist handgemacht, und der Mann mit Gitarre hat vor allem irische Evergreens, amerikanische Country- und Folkmusic im Repertoire. Füße klopfen den Takt mit, Köpfe und Oberkörper wippen sacht, und als Van Morrisons »Brown Eyed Girl« erklingt, lassen einige Gäste sogar Bier und bar food stehen, um mitzusingen, während vor den Fenstern die Sonne untergeht und einen violetten Schleier hinter sich herzieht. Auch später in der Kabine ist die gerahmte Welt vor dem Fenster das erste und einzige Programm, mehr braucht es nicht. Der Fernseher bleibt aus. Mondlicht legt einen strahlend weißen Pfad auf den Wellen aus und ein Schwarm aufgescheuchter Möwen schwirrt als perlmuttfarbener Schimmer an der Scheibe vorbei. Der Fensterrahmen hält die Szene für einen Augenblick fest und macht sie zu einem Bild von Tausenden, die während dieser Reise noch entstehen werden.

Am nächsten Morgen verheißen die beiden rot-weiß gestreiften Schornsteine des stillgelegten Pigeon-House-Kraftwerks die baldige Ankunft. Längst zu Wahrzeichen der Stadt geworden, markieren die über zweihundert Meter hohen Schlote das industrielle Dublin mit seinen Werften, Frachtschiffen, Kränen und Containerhallen. Ausgehend von den Hafenanlagen ragt einer der längsten Seewälle Europas, der Great South Wall, rund zwei Kilometer in die Dublin Bay hinaus. Aus der Ferne kann man an seiner Spitze schon den Poolbeg-Leuchtturm erkennen, ein kleines signalrotes Ausrufezeichen, das den Endpunkt der Reise verkündet. Angekommen!

Experten der Straße

Zu wahr, um schön zu sein?

Die Iren haben relativ wenig Illusionen über ihr Land, aber sie lieben es trotzdem.

FINTAN O’TOOLE

»The duty of the day is to get through the day«, erklärt Shane. Niemand von uns nickt, denn Shane meint keinen dieser Tage, den man schon beim Aufstehen gerne hinter sich hätte, samt der verflixten Matheprüfung, dem Vorstellungsgespräch oder der Wurzelbehandlung. Mit solchen Tagen haben wir alle schon Bekanntschaft gemacht. Shane spricht davon, dass er morgens nicht wusste, ob er am Abend wieder ein Bett haben würde, wo er Schutz vor Regen und Kälte finden könnte und wie lange er für sein Essen würde anstehen müssen. Sieben Jahre hat er auf Dublins Straßen gelebt und sich irgendwie durch den Tag gebracht, bis er nicht mehr darauf hoffte, jemals wieder einen Weg zurück in ein normales Leben zu finden. Heute lautet die Aufgabe seines Tages, uns durch Smithfield, sein altes Viertel, zu führen. Keiner kennt sich hier besser aus als er. Als echter Experte für urbanes Elend arbeitet Shane als Stadtführer für den gemeinnützigen Verein Secret Street Tours und zeigt uns auch Orte, die nicht im Reiseführer stehen. Shanes Smithfield ist nicht das der alten Jameson Whisky Distillery, der hippen Cafés, Hotels und Wellness-Salons, sondern das der Notschlafunterkünfte, der Beratungsstellen und der Suppenküchen, und genau dorthin führt er seine Gäste. Wir folgen, steif und förmlich wie ein Leichenzug. Ist das in Ordnung, was wir hier machen? Werden wir hier nicht zu Voyeuren in einer Schlüssellochshow? Komm Schatz, wir gehen Armut gucken, hat heute Morgen bestimmt keiner von uns gesagt, doch das Unbehagen am eigenen Handeln bleibt. Betretenes Schweigen, betroffene Blicke, doch Shane hat ein gutes Gespür für seine Gegenüber. Er begegnet unseren Bedenken mit einer eindrucksvollen Offenheit, die hilft, Berührungsängste abzubauen: »Mein Mietvertrag lief aus«, erzählt er. »Verlängert wurde er nicht, weil die Nichte meines Vermieters in Dublin studieren wollte und eine Wohnung brauchte.« Shane fand keine neue Bleibe. Seinen ganzen Besitz brachte er in einem Lagerhaus unter und ließ sich umgehend auf dem Amt als wohnungslos registrieren, sonst hätte er keinen Anspruch auf Unterstützung gehabt. Sein Freund Derek, der ebenfalls als Stadtführer bei Secret Street Tours arbeitet, konnte sich nicht sofort dazu durchringen, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Nachdem er aus seinem Haus rausmusste, fuhr er mit gepackten Koffern zum Dubliner Flughafen. Unter den misstrauischen Augen der Sicherheitsleute spielte er drei Wochen lang die Rolle des Passagiers, der immer wieder sein Flugzeug verpasst hat. Seine Tagesaufgabe lautete, in der Menge der Reisenden unterzugehen und auf diese Weise unsichtbar zu werden. Jetzt kommen die Reisenden zu ihnen. Die meisten Teilnehmer von Shanes heutiger Stadtführung sind Touristen, einige andere studieren hier, nur einer ist selbst Dubliner und wohnt in einem der eleganteren Viertel auf der Südseite der Liffey, wo man über die vulgäre North Side die Nase rümpft und sie ansonsten ignoriert. Auch er ist also nur zu Besuch in Smithfield.

In den sechziger Jahren war der Stadtteil so abgewirtschaftet, dass er im Film »Der Spion, der aus der Kälte kam« das Nachkriegsberlin doubeln durfte. Saniert und aufgehübscht wurde hier erst während des Booms der Celtic-Tiger-Jahre, als viele schicke Wohn- und Geschäftshäuser am Smithfield Square entstanden. Die Dubliner Version der Piazza Navona in Rom sollte auf dem Platz entstehen. Ein gewagtes Vorhaben. Irlands Hauptstadt ist grau. Würde sie abends ausgehen, würde sie das kleine Graue zur backsteinroten Handtasche wählen. Durchaus ansehnlich, aber keine Sophia Loren. Wir stehen im Nieselregen unter den hohen, von markanten Metallsegeln geschmückten Laternenmasten und bilanzieren, dass die Vorstellung der Stadtplaner von italienischem Flair sich in ein paar Restaurants und Bars erschöpft. Das Temperamentvollste war wohl der traditionelle Pferdemarkt, der allsonntäglich abgehalten wurde, bevor Dublins Imagepfleger ihn von hier verdrängten. So entstand ein Viertel wie aus dem Versandhauskatalog, bei dem wichtige Teile nicht mitgeliefert wurden – Räume für Kultur und Begegnungen.