Lesereise Kreta - Julia Lorenzer - E-Book

Lesereise Kreta E-Book

Julia Lorenzer

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Beschreibung

Die größte Insel Griechenlands ist seit Jahrzehnten ein Sehnsuchtsziel für Menschen aus aller Welt. Julia Lorenzer besucht eine deutsch-kretische Familie, durchwandert Schluchten, fährt über entlegene Küstenstraßen und lernt, was kretischen Wein und kretischen Honig so besonders macht. Außerdem erzählt sie vom südlichsten Punkt Europas, von Meeresschildkröten und Walen, von den Frauen des Autors Nikos Kazantzakis, von den Instrumenten, zu deren Klängen die Kreter seit Generationen tanzen, und von einer Gesellschaft, die voller Stolz auf die eigene Geschichte blickt und zugleich versucht, die Herausforderungen einer neuen Zeit zu meistern. In Kreta existieren urbanes Leben und Massentourismus neben einer unberührten, rauen und eindrucksvollen Natur. Die unsterblichen Mythen der Antike und die Heldengeschichten aus Jahrhunderten des Widerstands treffen auf eine dynamische Gegenwart.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Julia Lorenzer

Lesereise Kreta

Insel zwischen Traum undWirklichkeit

Picus Verlag Wien

Copyright © 2026 Picus Verlag Ges.m.b.H.

Friedrich-Schmidt-Platz 4/7, 1080 Wien

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Buntspecht, Wien

Umschlagabbildung: © DaLiu / Shutterstock

ISBN 978-3-7117-1127-4

eISBN 978-3-7117-5555-1

Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unter www.picus.at

Inhalt

Muss sich alles ändern? Auf der Suche nach dem echten Kreta

Giorgos und das Schicksal Neuer Wein aus alten Reben

Im Schatten eines Giganten Kazantzakis und die Frauen

Im Einsatz für Caretta caretta Bei den Volunteers von ARCHELON

Die gefallenen Helden Im Teufelsdreieck

Einfach hierbleiben? Der Traum vom Leben auf Kreta

Der Tanz des Lebens Die erstaunliche Geschichte des Antonis Stefanakis

Eine Insel vor der Insel Am südlichsten Punkt Europas

Götter, Berge, Bienen Der Mythos im Glas

Winter am Ende der Welt Im fernen Osten Kretas

Die Autorin

Muss sich alles ändern?Auf der Suche nach dem echten Kreta

Orientalische Exotik, italienischer Stil, griechische Gelassenheit – das historische Zentrum Chanias bietet alles, was man sich von einer mediterranen Stadt nur wünschen kann. Die bunten Pastelltöne der makellos renovierten Fassaden strahlen mit dem Blau des Himmels und dem des Wassers im venezianischen Hafen um die Wette. An den Tischen vor den Cafés finden sich die ersten Gäste dieses Samstags ein, man spricht Englisch, Französisch, Deutsch, schwärmt vom gestrigen Ausflug auf die nahe Halbinsel Akrotiri und zum dortigen Alexis-Sorbas-Strand, lässt den Blick von den Kuppeln der alten Moschee entlang der Kaimauer bis zum schlanken Leuchtturm an deren Ende schweifen und dann weiter über die Hafeneinfahrt zu den zinnenbewehrten Festungsanlagen und dem Nautischen Museum, das sich in selbstbewusstem Rot von den wuchtigen Bollwerken abhebt. Man hat in einem der Hotels übernachtet, die in die altehrwürdigen Häuser direkt an der Uferpromenade eingezogen sind, oder sich eine Unterkunft im von engen Gassen geprägten Topanas-Viertel, im alten jüdischen Quartier oder auf dem Kastelli-Hügel gesucht. Dort locken neue Boutique-Hotels mit authentischem

Flair, aber auch mit Spa-Bereich und modernstem Komfort, sanierungsbedürftige Altbauwohnungen wurden in schicke Ferienapartments verwandelt.

Einheimische leben hier kaum noch, die wohnen heute in den Außenbezirken. In den vergangenen Jahrzehnten sind weit jenseits der alten Stadtmauern viele neue Siedlungen entstanden, sie gehen direkt über in die Ferienorte und großen Hotelanlagen, die sich entlang der Nordküste Kretas aneinanderreihen. Nicht nur aus den abgelegeneren Regionen der Insel, sondern auch vom griechischen Festland ziehen Menschen nach Chania, um nach der beispiellosen griechischen Wirtschaftskrise der 2010er Jahre am ähnlich beispiellosen Aufschwung des Tourismusgeschäfts teilzuhaben.

Dies gilt auch für andere Städte Kretas, etwa Rethymnon, das mancherorts dank historischer Hinterlassenschaften ebenfalls venezianischen Charme versprüht. Heraklion ist nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zwar nicht als Schönheit wiederauferstanden, weist aber mit der Nähe zu den Ausgrabungen von Knossos und mit dem Archäologischen Museum gleich zwei absolute Highlights auf, die zuletzt immerhin eine halbe Million Kreuzfahrttouristen im Jahr anlockten. Agios Nikolaos, eine Autostunde östlich der Hauptstadt gelegen, war vor wenigen Jahrzehnten noch ein idyllisch um einen Süßwassersee drapiertes Dorf am Golf von Mirabello. Heute ist es eine pulsierende und schnell wachsende Kleinstadt, die auch wegen der Luxusresorts im nahen Elounda auf Touristen mit gehobenem Anspruch abzielt.

Während es an diesem Samstagmorgen in den Touristenhochburgen noch entspannt zugeht, herrscht in dem Achttausendfünfhundert-Einwohner-Ort Arkalochori bereits Hochbetrieb. Es ist Markttag, die Stände drängen sich um einen kleinen Platz im Zentrum. Viele der Gebäude des Ortes weisen Risse im Putz auf, zahlreiche Türen und Fenster sind verrammelt, zwischen Wohnhäusern, Friseursalons und Geschäften klaffen Lücken, in denen wild wuchernde Pflanzen über die zerbröckelnden Mauerreste einer Ruine klettern. Wer genau hinsieht, erkennt gelbe Dreiecke, die an die Fassaden gesprüht wurden. Sie bedeuten: Einsturzgefahr, nicht mehr nutzbar. Im Herbst 2021 hat ein Erdbeben die Gegend erschüttert. Es grenzt an ein Wunder, dass es nur ein Todesopfer gab, denn ein Großteil der Bauwerke in Arkalochori wurde zerstört oder beschädigt, manche Dörfer im Umland haben die Erdstöße komplett verwüstet. Doch so tief die Narben auch sind, die die Naturgewalt hinterlassen hat – das Leben geht längst wieder seinen gewohnten Gang.

Vor den meisten Ständen sind transparente Plastiktüten aufgereiht, randvoll mit Kartoffeln. Auf den Theken liegen Berge von Zucchini und Gurken unterschiedlicher Größe, Körbe voller Eier, eimerweise Nüsse, Mandeln und eingelegte Oliven. Ein Verkäufer, dessen dunkelblaues Hemd sich über einen imposanten Bauch spannt, sieht mit seinem Kopftuch, der markanten Nase, den langen grauen Haaren und dem Vollbart aus wie das fleischgewordene Klischee eines kretischen Familienoberhaupts. Ein einmaliges Schnäppchen seien seine Paprikaschoten, ruft er den Vorübereilenden zu, ein Kilo gebe es heute für zwei Euro. Nebenan bietet eine junge Frau frisches Brot an, ein älteres Ehepaar präsentiert Honiggläser unterschiedlicher Formen und Größen auf einem antik anmutenden Klapptisch. In einer anderen Ecke wird frischer Fisch angeboten, ganz in der Nähe Schafskäse. Aus der geöffneten Heckklappe eines Kombis ertönt das Gackern der im Heck des Wagens auf Käufer wartenden Hühner. Direkt von der Ladefläche des gegenüber geparkten Pick-ups bekommt man Spitzhacken und Spaten. Etwas abseits gibt es Schuhe, Hosen, Hemden, Unterwäsche und Handtücher, außerdem Teller, Töpfe und Pfannen sowie Drogerieartikel, Spielzeug und Möbelstücke. Auf diesen Markt verirren sich nur selten Touristen. Dreißig Kilometer von der Hauptstadt Heraklion entfernt, etwa auf halber Strecke zwischen der Nord- und der Südküste, könnte man glauben, dass in der kretischen Provinz immer alles beim Alten bleibt und dass Smartphones und Pick-ups daran genauso wenig ändern wie ein Erdbeben.

Doch dieser Eindruck täuscht. Nur wenige Kilometer nordöstlich von Arkalochori ändert sich gerade alles. Auf einer Fläche von sechshundert Hektar ist kein Baum und kein Strauch mehr zu sehen. Wo sich bis vor Kurzem Olivenhaine erstreckten, gibt es nur noch aufgebaggerte und planierte rotbraune Erde. Mittendrin ragt das Betonskelett des Terminal-Gebäudes auf, daneben liegt eine schnurgerade Piste – die Basis der künftigen mehr als drei Kilometer langen Start- und Landebahn. Dazwischen Verbindungsstraßen, Nebengebäude, Gräben für Kabel und Rohrleitungen. Es ist derzeit das größte Infrastrukturprojekt in Griechenland und nach der Fertigstellung wird hier der zweitgrößte Flughafen des Landes seinen Betrieb aufnehmen, um Heraklions längst chronisch überlasteten Nikos-Kazantzakis-Airport zu ersetzen.

Vielerorts auf Kreta legt man große Hoffnung in dieses gigantische Bauprojekt. Kreta gehört zu den zehn beliebtesten Reisezielen Europas, und seit der Coronakrise wird jedes Jahr ein neuer Besucherrekord verzeichnet. Die zentrale Lage des neuen Flughafens soll es bisher schwerer erreichbaren Orten an der Südküste möglich machen, am Aufschwung des Tourismussektors teilzuhaben. Und die Wirkung ist bereits sichtbar: Im Hinterland des alten Hippie-Sehnsuchtsortes Matala entstehen in Erwartung steigender Gästezahlen neue Luxusunterkünfte. Auch bei Ierapetra – der südlichsten Stadt Europas, die bisher hauptsächlich von den Gewächshäusern in ihrer Umgebung lebt – sind bereits die Bagger, Kräne und Betonmischer eingetroffen. Sie verwandeln einen ganzen Küstenabschnitt in ein Urlaubsparadies, stampfen Apartmentsiedlungen und Hotels sowie die dazugehörigen Straßen und Geschäfte aus dem Boden.

Der neue Flughafen ist kein isoliertes Projekt. Er ist eingebunden in den insgesamt vierhundertachtzig Infrastrukturmaßnahmen umfassenden »Kreta-Entwicklungsplan 2030«, den der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis im Januar 2023 vorstellte. Man habe die ursprünglichen Entwürfe für den Flughafen deutlich erweitert, stellte er damals fest, schließlich müssten »die sehr positiven Entwicklungen« berücksichtigt werden, die sich zuletzt im Tourismussektor gezeigt hätten.

Seitdem gehen die Arbeiten erstaunlich gut voran, auch wenn man an jeder Ecke auf Hinterlassenschaften der Minoer stößt, die erst einmal von Archäologen gesichtet werden müssen. Fünfunddreißig Fundstätten gab es bisher allein bei der Baustelle des Flughafens und der Zufahrtsstraßen, wobei die bedeutendste auf einem Hügel zutage trat, auf dem eine Radarstation eingerichtet werden sollte. Man fand eine geheimnisvolle kreisförmige und im Inneren labyrinthartig verschachtelte Struktur, wie man sie noch nie vorher entdeckt hatte. Stand hier vor viertausend Jahren eine eigenartige Festung oder doch eine Kultstätte? Während die Fachleute das zu klären versuchen, wird die Radarstation an anderer Stelle gebaut.

Die Sorge, dass am Ende hauptsächlich Konzerne und Baufirmen Nutznießer des »Entwicklungsplans 2030« sein werden, scheint unbegründet. Wo man auf Kreta neue Ziele für den Fremdenverkehr erschließt oder die Kapazität der alten erweitert, profitieren meist auch die Bewohner der betreffenden Gegenden. Kleine Läden machen bessere Geschäfte, und für manch einen lohnt es sich plötzlich, das von den Großeltern geerbte Haus zu renovieren und wochenweise an Feriengäste zu vermieten. Für Jüngere gibt es bessere Perspektiven, die Abwanderung ist nicht mehr unumgänglich. Eine gute und flächendeckende medizinische Versorgung, Radwege, Sportplätze und kulturelle Einrichtungen – all das kommt auch denen zugute, die schon immer hier leben.

Für die angepeilten Ziele der Tourismusbranche sind die Maßnahmen des Entwicklungsplans jedenfalls unumgänglich. Der alte Flughafen bei Heraklion fertigt derzeit gut neun Millionen Passagiere pro Jahr ab und ist damit heillos überfordert. Der Neubau soll Anfang 2027 mit zehn Millionen Fluggästen jährlich beginnen und diese Zahl dann bis in die 2050er Jahre auf achtzehn Millionen steigern. Zeitgleich wird für den Flughafen in Chania von einer Verdoppelung der Passagierzahlen von fünf auf zehn Millionen gesprochen. All diese Reisenden wollen nicht nur bequem ankommen und dann irgendwo übernachten, sie brauchen auch Straßen, Geschäfte, eine funktionierende Müllentsorgung und im Notfall einen Arzt. Auf der ganzen Insel wird gebaut, um Versäumtes nachzuholen und mit dem prognostizierten Wachstum Schritt zu halten. Wie unverzichtbar dies ist, fasste ein einheimischer Experte bei der Vorstellung des Entwicklungsplans zusammen: »Davon, wie wir den Balanceakt zwischen dem Tourismus und den Anforderungen an die Infrastruktur meistern, wird unser Erfolg abhängen.«

Einen Eindruck von einem Balanceakt, der zur Zerreißprobe werden könnte, bekommt man bei den Resten des zwischen grünen Hängen am Eingang des Dikti-Gebirges liegenden Dorfes Sfendili. Die Schotterpiste, die hierher führt, ist eigentlich nur noch für Baustellenfahrzeuge freigegeben. Trotzdem stehen nahe bei den verfallenen Häusern ein paar Autos, sie gehören Anglern aus der Umgebung, die den schönen Samstagvormittag nutzen, um ihr Glück am Ufer des Stausees zu versuchen. Dass dieses Ufer jetzt, zu Beginn des Sommers, so weit unterhalb von Sfendili liegt, ist ein Problem. Der Weiler musste 2014 von seinen rund achtzig Bewohnern verlassen werden, als man begann, das aus dem Hochgebirge abfließende Wasser mithilfe des neuen Aposelemi-Staudamms zu speichern. Ein künstlicher See mit einer Kapazität von mehr als fünfundzwanzig Millionen Kubikmetern entstand, er soll die Wasserversorgung für Heraklion, Agios Nikolaos und sechs weitere Gemeinden sichern – insgesamt etwa dreihunderttausend Menschen.

In den folgenden Jahren versanken die Häuser des kleinen Ortes je nach Wasserspiegel mehr oder weniger tief, manchmal ragten nur noch wenige Gebäude hervor, am eindrucksvollsten das lang gezogene Dach der Kirche mit dem weiß getünchten Glockentürmchen, das man auch vom gegenüberliegenden Ufer gut erkennen konnte. Sfendili wurde zu einer kleinen Attraktion, der man mit einem Augenzwinkern den Namen »Atlantis Kretas« verlieh.

Der Spitzname klingt heute wie Hohn. Wo das lebensspendende Nass plätschern sollte, gähnt oft nur noch ein leerer Abgrund. Sfendili liegt dann nicht mehr am Ufer eines Sees, sondern am Rand einer riesigen Grube, auf deren Boden sich ein vergleichsweise kläglicher Rest Wasser befindet. Im Januar 2025 schlugen die Verantwortlichen Alarm: Von den verbleibenden 2,3 Millionen Kubikmetern könnten nur noch vierhunderttausend abgelassen werden, der Rest müsse aus statischen Gründen zur Sicherung des Damms im See verbleiben. Nach mehreren überdurchschnittlich trockenen Jahren mit extrem heißen Sommern waren fast alle Reserven aufgebraucht. Zwar brachte das folgende Frühjahr noch den einen oder anderen ersehnten Regenguss, der den Wasserpegel wieder leicht steigen ließ, doch für die kommende Hitzeperiode war man einmal mehr schlecht gerüstet.

Wozu das führen kann, zeigte sich bereits im Sommer 2024 weiter im Süden, oberhalb der Messara-Ebene, die die größte landwirtschaftlich genutzte Fläche der Insel darstellt. Als der Wasserstand des dortigen Faneromeni-Stausees zu niedrig und die Verteilung streng rationiert wurde, fürchteten viele Bauern um ihre Existenz. Dutzende wurden beim illegalen Abpumpen ertappt. Wer Glück hat, kann in so einem Fall auf einen eigenen Grundwasserbrunnen zurückgreifen, doch die intensive Nutzung solcher Quellen droht das Problem zu verschärfen: Der Grundwasserspiegel sinkt dann noch mehr, in Küstennähe dringt salziges Meerwasser immer weiter in die Böden im Landesinneren vor. Vor diesem Hintergrund werden stark steigende Besucherzahlen zum Problem. Im Durchschnitt verbraucht jeder Tourist deutlich mehr Wasser als ein Einheimischer. Das gilt insbesondere für die anspruchsvollen Urlauber, für die die meisten neuen Unterkünfte entstehen. Kein Luxury Resort kommt ohne Swimmingpool aus – in manchen Anlagen verfügt sogar jede Suite über ein eigenes Becken.

Längst ringen drei Fraktionen um die immer knapper werdenden Wasserreserven Kretas: der Tourismussektor, die Landwirtschaft und die Privathaushalte. Dass Letztere befürchten, von den Verantwortlichen im Zweifel zugunsten der beiden anderen im Stich gelassen zu werden, zeigt ein Witz, der während der jüngsten Wasserkrisen auf Kreta und einigen Kykladeninseln die Runde machte: »Wenn du duschen willst, ist das ganz einfach. Du musst nur dein Haus verkaufen und ins Hotel ziehen.«

Der Kampf um die Ressource Wasser ist das deutlichste Beispiel für die Probleme, die der aktuelle Boom mit sich bringt. Aber nicht das einzige. Das Schlagwort »Overtourism«, das in Griechenland bisher meist im Zusammenhang mit Hotspots wie Santorini oder Mykonos verwendet wurde, fällt inzwischen auch immer öfter, wenn es um Kreta geht. Läuft man auch hier Gefahr, durch den ungebremsten Anstieg der Besucherzahlen und den entsprechenden Ausbau der Infrastruktur vieles von dem zu zerstören, was die Touristen überhaupt erst anlockt? Die bessere Anbindung der Südküste wird dazu führen, dass aktuell nur mit etwas Aufwand zu erreichende Buchten, Täler und Dörfer ihren Status als Geheimtipp verlieren. Es wird weniger Rückzugsräume für diejenigen geben, die ein authentisches Naturerlebnis suchen, ohne dabei von Scharen anderer Touristen umgeben zu sein. Und auch wer Pauschalurlaub im All-inclusive-Paket macht, ergötzt sich lieber am Anblick von Olivenhainen und naturbelassenen Stränden als an dem von Asphalt und Beton. Gerade die begehrten Luxusgäste haben ein untrügliches Gespür dafür, wann ein Reiseziel seinen individuellen Charme und jede Aura von Exklusivität verliert. Dann zieht die Karawane weiter und sucht sich neue Ziele – aber für eine Insel, die alles auf die Karte Tourismus gesetzt hat, wird es nicht mehr möglich sein, das Rad zurückzudrehen. Ist man also auf dem Holzweg, wenn man sich in erster Linie um makellose Scheinwelten für Urlauber kümmert und darüber das »echte« Kreta vernachlässigt?

Doch was ist eigentlich das »echte« Kreta? Findet man es auf dem Markt der vom Erdbeben gezeichneten Ortschaft Arkalochori, wo die Verkaufsstände am Ende des Vormittags bereits abgebaut werden? Oder zwischen den versunkenen und wiederaufgetauchten Ruinen von Sfendili, die die Angler nun bald verlassen werden, um rechtzeitig zum Mittagessen zu Hause zu sein? Verbirgt es sich in den jahrtausendealten Relikten der Minoer, die hier fast jede Baustelle zeitweise zur archäologischen Grabung machen? An den paradiesischen Stränden von Elafonissi und Vai oder in einstigen Hippie-Hochburgen wie Matala und Palekastro, die ihren lässigen Charme zu bewahren suchen? Manifestiert es sich in der chaotischen und ungeschminkten Großstadt Heraklion? Oder begegnet man ihm vielleicht doch vor den bunten Fassaden am venezianischen Hafen von Chania, wo in den Bars und Cafés jetzt kaum noch ein freier Tisch zu finden ist?