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Mehr Natur, mehr Leben, mehr Glück – für Tiere und Menschen Weniger Rasenmäher, mehr Summen und Brummen! In" Let's go wild!" zeigt die renommierte Molekularbiologin und Biodiversitätsexpertin Dr. Antje Arnold , wie wir mit einfachen Mitteln aus einem klassischen Gartenparadies ein echtes Naturparadies machen – für Insekten, Vögel, Pflanzen, Pilze und nicht zuletzt: uns selbst. Denn naturnahes Gärtnern bedeutet nicht Verzicht, sondern Vielfalt. Und diese Vielfalt macht glücklich. Ob mit wilden Hecken, blühenden Wiesen, Totholzecken oder Teichen – wer den Garten nicht aufräumt, sondern bewusst gestaltet, schafft einen lebendigen Raum voller Entdeckungen, Erholung und ökologischer Wirkung. Mehr Mut zur Wildnis – für mehr Lebensqualität im eigenen Garten: - Der erste Wildgarten-Ratgeber mit ganzheitlichem Blick: Für Tiere, Pflanzen – und Menschen. Denn Wildnis tut allen gut. - Gärtnern mit System und Seele: Verständlich erklärt, wissenschaftlich fundiert und mit einem Augenzwinkern geschrieben – ideal für Einsteiger und Umsteiger. - Weniger Arbeit, mehr Natur: Naturnah gestaltete Gärten brauchen weniger Pflege, sparen Kosten und schenken mehr Lebensqualität. - Mit Herz und Haltung: Die Autorin bringt nicht nur jahrzehntelanges Fachwissen mit, sondern auch persönliche Erfahrungen aus ihrem eigenen wilden Garten. - Inspirierende Gestaltungsideen mit vielen Fotos: Von der Hecke bis zur Mauer, von der Wiese bis zum Teich – praxisnahe Anleitungen, wie aus Unordnung echte Struktur wird. - Das Wildnis-ABC im Anhang: Kompaktes Nachschlagewerk für alle, die's genau wissen wollen. Für alle, die Gärtnern neu denken – ökologisch, entspannt und voller Leben Let's go wild! ist kein Gartenratgeber wie jeder andere – sondern eine Einladung, sich wieder mit der Natur zu verbinden. Für mehr Vielfalt, mehr Glücksgefühle und eine bessere Zukunft für uns alle.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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ISBN 978-3-7589-0355-7
1. Auflage 2026
GuU 9-0355 02_2026_02
DIE BÜCHERMENSCHEN HINTER DEM PROJEKT
Verlagsleitung: Nadja Harzdorf-van Wickeren
Projektleitung: Fabian Barthel
Lektorat: Angelika Lang
Korrektorat: Anne-Sophie Zähringer
Bildredaktion: Natascha Klebl (Cover), Petra Ender
Covergestaltung: zero-media.net, München
eBook-Herstellung: Teresa Klocker
BILDNACHWEIS
Layoutelemente: AdobeStock, Getty Images, iStock, Shutterstock.
Illustrationen: Bella Illenberger
Fotos: Antje Arnold; Adobe Stock; Alamy Stock Photos/Artellia, /buccaneer, /Colin Varndell, /Neils Saksons, /Zoonar/Peter Himmelhuber, GAP Photos, /Nova Photo Graphik; Getty Images; Herr, Esther; Image Professionals; /Friedrich Strauss; mauritius Images/Alamy Stock Photos/Historic Images, /Alamy Stock Photos/Vladi Alon, /SuperStock/Fine Art Images, /Volker Preusser, Nickig, Marion; Shutterstock; VWW – Verband deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten e.V.; Wikipedia; Wildbienen Thuenen/ Heynoldt, T., /Spenn, Matthias; Wittmann, Rudi.
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WARUM UNS DAS BUCH BEGEISTERT
Der Wildnis wieder mehr Raum in unseren Gärten geben, für die Natur und auch für uns – wie das gelingt, zeigt uns die Biodiversitäts-Expertin Dr. Antje Arnold.
Nadja Harzdorf-van Wickeren, Verlagsleitung
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Die Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die Meinung bzw. Erfahrung des Verfassers dar. Sie wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für persönlichen kompetenten medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbstverantwortlich. Weder Autoren noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.
Liebe Wildnis-Gärtnerin, lieber Wildnis-Gärtner,
»Let’s go wild« nimmt dich auf eine spannende Reise mit – nicht nur in die Welt der Wildnis, sondern auch zu einem tieferen Verständnis, warum Wildnis und ein wild gestalteter Garten dir Glücksmomente und Gesundheit zaubern kann. Hier findest du nicht nur einen Ort der Entspannung und des inneren Wohlbefindens, sondern auch eine ständig sprudelnde Quelle für Distanz zum Alltag, für Kreativität und den oft so wichtigen Perspektivenwechsel. In der heutigen Welt können wir in unseren wilden Gärten wieder das entdecken, was uns oft fehlt, aber für das wir gemacht sind: das Leben im Moment, das Beobachten der Natur, aber auch das Ungezwungene und die Abwesenheit von Druck.
Lass dich von der Vielfalt, dem orchestrierten Zusammenwirken von Mikroorganismen, Pilzen, Pflanzen und Tieren beeindrucken und inspirieren. Sie bilden ein komplexes, funktionierendes Netzwerk in deinem wilden Garten. Vor deiner Terrassentür kannst du die Wunder der Natur entdecken: von schillernden Insekten bis zu anmutigen Wildpflanzen.
Und mehr noch: Indem du Wildnis in deinen Garten und in dein Leben wieder hereinholst, wirst du Teil einer größeren Bewegung, die auf Respekt für unsere Mitlebewesen setzt, denn sie haben es mehr als nötig. Ein Schritt in die eigene Wildnis kann der Anfang eines erfüllteren, gesünderen Lebens sein. Also, worauf wartest du? Wage den ersten Schritt, von Wildblumenwiesen über Pilzgeflechte bis hin zu Mäuselöchern als Mikrohabitate! Let’s go wild!
Warum wir uns in wilder Natur wie in den Bergen, am Meer, im naturnahen Wald und im Dschungel glücklich fühlen – eine Reise in das Herz längst vergangener und heutiger Wildnis.
Was passiert in unserem Körper, in unserem Geist, wenn wir uns in der Wildnis, also in unberührter Natur aufhalten?
Es gibt diesen einzigartigen Moment, den viele von uns nur zu gut kennen: Man steht auf einem Berggipfel, der Wind weht einem durch die Haare, der Blick reicht über endlose Täler und schneebedeckte Gipfel. Oder man spaziert an einem einsamen Strand entlang, die Wellen rauschen und die salzige Meeresluft erfüllt die Lungen.
Vielleicht zieht man auch durch einen naturnahen Wald, das Moos unter den Füßen, die Vögel zwitschern, und alles fühlt sich irgendwie »richtig« an. In diesen Momenten wird es plötzlich klar – es ist die Natur, die uns dieses tiefe Gefühl von Glück und Erfüllung schenkt. Doch warum ist das so?
Die Antwort liegt tief in unserer Evolution verwurzelt und hat sowohl biologische als auch psychologische Gründe.
Schroffe Felsen, urige Bäume, steile Bergflanken und ein weiter Blick vermitteln uns unberührte Wildnis.
Bevor es die Zivilisation schaffte, uns mit Straßen, Beton und Glaswänden einzuschließen, lebten wir Menschen im Einklang mit der Natur. Wir waren Jäger und Sammler, die ihre Tage in den Wäldern, Bergen, Steppen, an Flüssen und seit relativ kurzer Zeit auch auf den Feldern verbrachten. In dieser Zeit waren wir direkt auf die Natur angewiesen – nicht nur für Nahrung und Wasser, sondern auch für unsere psychische und physische Gesundheit. Wissenschaftler sprechen hier von der »biophilen Hypothese«, die besagt, dass der Mensch eine angeborene Affinität zu natürlichen Umgebungen hat, da wir uns in diesen Landschaften über Millionen von Jahren entwickelt haben. Wir hören ab Seite 42 noch davon.
Die Natur war unser Lebensraum und viele der tiefsten Teile unserer Psyche sind noch immer in diese Umgebungen eingebettet. Diese Evolution hat dazu geführt, dass unsere Gehirne und Körper auf natürliche Reize wie Bäume, Wasser, Berge, Felsen und Tiere besonders positiv reagieren.
Ein wichtiger Grund, warum wir uns in der Wildnis so wohlfühlen, liegt in der Reduktion von Stress. In einer Welt, die von digitaler Ablenkung und sozialem Druck geprägt ist, hat das Eintauchen in die Natur eine beruhigende Wirkung auf unseren Geist. Zahlreiche Studien belegen, dass natürliche Umgebungen den Cortisolspiegel – ein Hormon, das mit Stress in Verbindung steht – senken. Wenn wir uns in der Wildnis aufhalten, insbesondere in weniger urbanisierten Gebieten, erleben wir eine natürliche »Flucht« aus der hektischen Welt.
Das Gehirn reagiert auf die Stille und den Rhythmus der Natur, indem es in einen Zustand versetzt wird, der oft als »restorative attention« bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um die Fähigkeit der Natur, unser Gehirn von den ständigen Reizen und Überlastungen der modernen Welt zu befreien, sodass wir uns erholen und regenerieren können. Die beruhigenden Reize von Wasser, Bäumen oder einer Berglandschaft helfen uns dabei, die ständige »kognitive Belastung« zu reduzieren.
Besondere Bäume dienten seit jeher als Kraftquelle. Heute gelingt uns in solcher Umgebung die Flucht aus unserem überreizten Alltag und die Chance zu Regeneration.
Besonders im Wald zeigt sich, wie tief unser Bedürfnis nach natürlichen Umgebungen verankert ist. Waldböden, bedeckt von einer Schicht aus Laub, Nadeln und Moos, dämpfen Geräusche und schaffen eine akustisch geschützte Umgebung. In Studien konnte gezeigt werden, dass Spaziergänge im Wald oder in waldähnlichen Umgebungen die Aktivität des parasympathischen Nervensystems anregen, das für Entspannung und Regeneration verantwortlich ist (siehe Seite 211). Dieser Effekt wird auch als »Shinrin Yoku« bezeichnet, was auf Japanisch so viel wie »Waldbaden« bedeutet. Japanische Forscher haben herausgefunden, dass der Aufenthalt in einem natürlichen Waldumfeld die Symptome von Angst und Depression verringert und sogar das Immunsystem stärkt (dazu mehr ab Seite 45). Das »Waldbaden« ist mittlerweile eine anerkannte Therapieform.
Beton und Asphalt kombiniert mit Lärm, Gestank und Enge dominieren unsere Städte.
Der Wald bietet dabei nicht nur eine Flucht vor der urbanen Welt, sondern auch eine Vielfalt an Sinneseindrücken, die uns in den Moment zurückholen. Die frische, feuchte Luft, das Rascheln der Blätter und der Duft von Erde und Moos schaffen eine nahezu meditative Atmosphäre. Studien haben gezeigt, dass der Aufenthalt in Wäldern die Ausschüttung von »Wohlfühl«-Hormonen wie Endorphinen und Serotonin anregt, die uns ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit vermitteln.
Weite, insbesondere nach körperlicher Anstrengung, löst ganz besondere Gefühle aus: Freiheit, Selbstbestimmtheit und Stolz, etwas geschafft zu haben.
Berge und Meer üben eine ganz besondere Faszination auf uns aus. In der modernen Welt fühlen wir uns oft gefangen – in vier Wänden, in Büros, im Verkehr, in festgefahrenen Routinen, vielleicht auch in Beziehungen. Gewaltige Berge und das offene Meer zeigen uns, wie groß und unendlich die Welt ist. Diese Weite löst in uns das Gefühl von Entlastung, Freiheit und Unabhängigkeit aus. Auf Gipfeln erzeugt die Weite des Panoramas ein intensives Empfinden von Freiheit und Autonomie. Die enorme horizontale und vertikale Ausdehnung aktiviert im Gehirn Belohnungssysteme, die das Hormon Dopamin ausschütten und so Glücksgefühle verstärken. Die Kontraste aus Felsformationen und lichtdurchfluteten Gipfelplateaus üben eine ästhetische Faszination aus, die über visuelle Ästhetik hinaus auch kognitive Ressourcen mobilisiert und kreatives Denken anregt.
Ein faszinierendes Phänomen ist, dass die Nähe zum Meer eine besondere Wirkung auf unsere Psyche hat. Forschungen haben gezeigt, dass der Klang von Wellen eine beruhigende Wirkung auf das Gehirn hat und dabei hilft, Stress abzubauen. Der gleichmäßige Rhythmus der Brandung wirkt als »soft fascination« im Sinne der Attention Restoration Theory (siehe Seite 43) und ermöglicht dem »directed attention«-System eine Regeneration. Gleichzeitig fördert die salzhaltige Luft – durch Aerosole von Meersalz und Mikroalgen – eine verbesserte Lungenfunktion und besitzt antimikrobielle Eigenschaften, die einen direkten positiven Einfluss auf das autonome Nervensystem haben (im autonomen oder vegetativen Nervensystem werden automatische Vorgänge im Körper reguliert wie Verdauung oder Atmung, die nicht willentlich beeinflusst werden können).
Auch die Weite des Horizonts, also der scheinbar endlose Blick auf das Meer, hat etwas Beruhigendes und lässt uns unser eigenes Leben relativieren. Dieses Gefühl von »endloser Freiheit« kann zu einer tieferen Zufriedenheit führen, da wir uns unserer eigenen Unwichtigkeit im größeren Kontext der Natur bewusst werden.
Urgewalt des Meeres als Inbegriff purer Wildnis: Der Wellenschlag, der Geruch der Gischt schaffen Erholung und Klarheit.
Die überbordende Fülle an Grün, unbekannten Geräuschen und Gerüchen stimuliert unsere tiefsten Sinne.
Der Dschungel – wild, geheimnisvoll, exotisch – übt auf viele von uns eine einzigartige Faszination aus. Doch warum fühlen wir uns auch von dieser dichten, oftmals feuchten und überbordenden Natur so angezogen? Der Dschungel ist ein Ort der Reizüberflutung, der uns gleichzeitig sowohl anzieht als auch herausfordert. Die Vielfalt an Leben – von Tieren über Pflanzen bis hin zu den Geräuschen der Natur – spricht die tiefsten Sinne an. In der Natur des Dschungels ist das Leben überall präsent. Diese Unmittelbarkeit des Lebens kann uns erfrischen und kann gleichzeitig ein Gefühl der Ehrfurcht hervorrufen.
Forschungen haben gezeigt, dass die Vielfalt an Reizen, die in einem Dschungel zu finden ist, das Gehirn in einen Zustand der »aufmerksamen Ruhe« versetzt. Diese Form der Aufmerksamkeit wird oft als besonders kreativ und produktiv angesehen, da unser Gehirn gezwungen ist, sich auf die verschiedenen Sinneseindrücke zu fokussieren, ohne überfordert zu werden. Der Dschungel fordert uns auf, präsent zu sein, aufmerksam zu sein und die Schönheit in der Komplexität wahrzunehmen.
Wildnis ist vielschichtig – der Begriff an sich, aber auch seine kulturelle Bedeutung in den verschiedenen Dimensionen. Die Sicht auf Wildnis wandelt sich stetig.
Der Begriff »Wildnis« bezeichnet naturnahe Räume, die weitgehend unbeeinflusst von menschlicher Nutzung sind und die sich nach ihren eigenen ökologischen Prozessen entwickeln. Sie zeichnen sich durch hohe biologische Vielfalt, dynamische Sukzession und eine geringe infrastrukturelle Erschließung aus.
Wildnis ist Lebensraum für viele bedrohte Arten und erfüllt wichtige ökologische Funktionen wie Kohlenstoffbindung, Wasserrückhalt und Klimaregulation. In der Umweltethik symbolisiert Wildnis zudem die Eigenwertigkeit der Natur – unabhängig von ihrer Nützlichkeit für den Menschen.
Schauen wir auf die Lebenswelten in geologischer Vergangenheit bei uns in Mitteleuropa.
Wir leben innerhalb der Eiszeit in einer kurzen, aber kühleren Warmphase als im Eem.
Wenn wir den Begriff Wildnis aus ökologischer Sicht betrachten – also die Natur Mitteleuropas ohne menschlichen Einfluss –, müssen wir Geologie plus Paläontologie zurate ziehen und gedanklich weit zurückreisen. In die Erdgeschichte, ins Quartär – unsere große Eiszeit –, das vor rund 2,5 Millionen Jahren begann und bis heute andauert.
In dieser langen Phase wechselten sich etwa alle 100.000 Jahre zehnmal so lange Kaltzeiten mit kurzen, wärmeren Zwischenzeiten ab, gesteuert von einem Taktgeber, den sogenannten Milanković-Zyklen: Veränderungen in der Erdumlaufbahn und der Neigung und Richtung der Erdachse sorgen für ein Abwechseln von kalten und wärmeren Phasen.
Aktuell leben wir in einer dieser kurzen Wärmephasen, dem Holozän, das vor rund 12.000 Jahren begann. Während der letzten großen Kaltzeit – der Weichsel-/Würm-Kaltzeit – reichten zeitweise die Gletscher von Norden her bis zur Weichsel und von Süden bis zur Würm. Mitteleuropa war keineswegs komplett vereist, so wie man es sich gerne vorstellt. Der Boden war zwar oft gefroren, aber die Vegetation variierte zwischen schütterer Tundra-Vegetation bis hin zu rotbuchen- und tannenreichen Wäldern. Hier lebten archaische Menschen: zunächst verstreut die Neandertaler als Jäger, dann seit etwa 45.000 Jahren der moderne Mensch, der sich rasant entwickelte und tiefgreifende Veränderungen mit sich brachte – insbesondere für die Tier- und Pflanzenwelt.
Die maximale Vergletscherung Europas um 20.000 v. Chr. während der letzten kleinen Kaltzeit, die von Norden bis zur Weichsel und mit dem Alpengletscher von Süden bis zur Würm reichte.
Um zu verstehen, wie Mitteleuropas Wildnis ohne menschlichen Einfluss aussah, lohnt sich der Blick in die Eem-Warmzeit. Diese begann vor rund 130.000 Jahren und dauerte etwa 11.000 Jahre an. Der Neandertaler war schon da, aber seine Eingriffe in die Natur waren gering. Das Klima war milder als heute, die Durchschnittstemperaturen lagen tagsüber bis zu 2 °C über dem Niveau der vorindustriellen Zeit, ausgelöst durch extremere Milanković-Zyklen. Der globale Meeresspiegel lag wegen der geschrumpften Eisschilde bis zu 9 m über dem heutigen Niveau. Milde Temperaturen, ein komplexes Mosaik aus Wald- und Offenlandflächen und eine lebendige Tierwelt wirkten zusammen. Die enge Rückkopplung zwischen großen Pflanzenfressern und der Vegetation schuf ein dynamisches Gleichgewicht, das uns heute als Referenz für ein ursprüngliches mitteleuropäisches Naturgefüge dienen könnte – ein faszinierender Einblick in die Balance von Klima, Flora und Fauna.
Die Megaherbivorentheorie (siehe Seite 210) besagt, dass die Landschaft kein dichter Urwald war, sondern ein vielfältiges Mosaik aus Wald, Offenland und Feuchtgebieten: kleinteiligen Lebensräumen, die auch durch vor allem große und viele wandernde Pflanzenfresser geschaffen wurden. Ein Wechselspiel aus lichtdurchfluteten Laubmischwäldern, wenigen dichten Waldbereichen und weitläufigen Offenländern prägte das Gelände. Lediglich weniger als ein Viertel der Landfläche lag unter geschlossenem Laubwald. Der Großteil davon bildete eine Mischung aus sogenannten Leichtwäldern mit weniger als 60 % Kronenschluss und etwa 17 % offenen Flächen wie Wiesentäler und Flussauen. Die Wälder und Offenländer waren innerhalb weniger hundert Meter ineinander verzahnt. Solche Offenlandflächen entstanden teils durch das Wirken einer artenreichen Megaherbivorenfauna, also durch große Pflanzenfresser wie Auerochsen, Wildpferde und Elefanten: Sie hinterließen beim Grasen und Treten Grasländer und Buschstadien und hielten so das halboffene Mosaik lebendig.
In den feuchten Niederungen wuchsen Seggen und Weiden, auf Hängen lichte Eichen-Hainbuchen-Wälder. An trockeneren Standorten gediehen Eiben und Wacholder, die offenen Flächen leuchteten von arten- und blütenreichen Kräuterfluren, die sich durch Großsäugetier-Tritte und gelegentliche Überschwemmungen immer wieder erneuerten.
Wisente (Europäischer Bison) zählen zu den letzten großen Pflanzenfressern, die in Europa noch übrig sind.
Die Tierwelt spiegelte das Landschaftspatchwork:
Flusspferde und Waldelefanten hinterließen an Flussufern Trittsiegel und Fraßspuren, während Elefanten in lichten Zonen Nahrung suchten. Mehrere Nashornarten bewegten sich durchs Geflecht aus Wald und Offenland: das Steppennashorn in Halboffenland, das Merck’sche Waldnashorn in waldreichen Biotopen und das Hundsheimer Nashorn in offenen Grasflächen. Seltener tauchte der Europäische Wasserbüffel in sumpfigen Auen auf.
Auerochsen grasten in den Offenländern, während Rothirsche, Damhirsche und Rehe Nischen in Lichtungen und Dickichten nutzten.
Höhlenlöwen und Höhlenhyänen jagten an Saumstrukturen, ergänzt wurden sie durch Wölfe, Braunbären und Luchse.
Kleinere Säugetiere wie Bilche, Eichhörnchen und Waldmäuse belebten die Boden- und Baumschichten mit ihrem emsigen Treiben.
Und das war in dieser »vormenschlichen Wildnis« längst nicht alles: Auch Warm- und Kaltzeit-Mammuts, Riesenhirsche, Breitstirnelche, Steinböcke, Gämsen, Esel und Warmzeit-Pferde gab es in großer Zahl – in den Warmzeiten mit dünnerem Fell, in den Eiszeiten mit dickem, zotteligem Fell. Auch lebten dann weniger Exemplare, da die Nahrung knapper war. Aber alle Tiere hatten enormen Appetit auf Pflanzen – mit erstaunlichen Effekten. Wir alle kennen die Aufnahmen riesiger, periodisch ziehender Tierherden von Pflanzenfressern der Savannen Afrikas wie der Serengeti. So ähnlich muss es damals wohl weltweit ausgesehen haben. Diese Tierherden hielten die Flächen weitgehend frei von geschlossenem, dunklem Wald.
In den dichten Waldbereichen bildeten Eiche (Quercus spec.), Hainbuche (Carpinus betulus), Bergahorn (Acer pseudoplatanus), Ulme (Ulmus glabra), Vogelkirsche (Prunus padus) und Winterlinde (Tilia cordata) zusammen mit einem mehrschichtigen Unterwuchs ein üppiges Kronendach.
In den Leichtwäldern dominierten Pionierarten wie Hasel (Corylus avellana), verschiedene Weiden (Salix spec.) und Schwarzdorn (Prunus spinosa), begleitet von blütenreichen Lichtungskräutern.
Die offenen Flächen bestanden aus arktisch-alpenähnlichen Grasfluren, feuchten Auwiesen und Sukzessionsrasen, gesäumt von Schilf (Phragmites australis) und Kopfweiden (Salix alba) entlang der Gewässer.
In den Laubwäldern dominieren heute Rotbuchen, an den Rändern und im Mittelwald gedeihen auch Hainbuchen.
Blütenreiche Kräuterfluren entstanden nach der letzten Eiszeit, dieses Mal durch die aufkommende Landwirtschaft.
Das Holozän startete vor etwa 11.700 Jahren – und vieles veränderte sich. Der Mensch trat auf den Plan.
Die Eem-Wälder Nordeuropas wirkten als mosaikartige Mischwald-Landschaften: Birke (Betula spec.), Fichte (Picea abies) und Kiefer (Pinus spec.) bildeten das Gerüst, während Stieleiche (Quercus robur), Bergulme (Ulmus glabra) und Winterlinde (Tilia cordata) Farbtupfer setzten. Lichtungen und Übergangsmoore verliehen zusätzliche Reize. Im Holozän rückten wegen der niedrigeren Temperaturen im Vergleich zum Eem Rotbuche (Fagus sylvatica) und Hainbuche (Carpinus betulus) stärker in den Vordergrund, nicht zuletzt, weil neolithische Rodungen offene Flächen schufen. Ackerbau und Neophyten (siehe Seite 210) ergänzten das floristische Bild um neue Komponenten. Das Neolithikum bezeichnet die jungsteinzeitliche Zeitepoche, in der sich der Mensch vom Jäger und Sammler allmählich zum Bauern und Viehzüchter entwickelte.
Übrig geblieben sind europaweit nur wenige Exemplare von Elchen.
Die großen Pflanzenfresser verschwanden – Rentier, Rotwild, Auerochse und Wildpferd blieben als letzte Vertreter übrig – die Giganten, die Stars des Eem, sind Geschichte.
Für das Ende der Eiszeitriesen war eine Mischung aus verschiedenen Einflüssen verantwortlich:
Menschlicher Druck: Frühpaläolithische Jäger überraschten mit ihren Fernwaffen eigentlich uns überlegene Tiere und bejagten die großen Pflanzenfresser intensiv (Overkill-Theorie), während deren langsame Fortpflanzung kein schnelles Erholen der Bestände erlaubte. Bis ins späte Pleistozän hinein tummelte sich auf allen Kontinenten eine beeindruckende Vielfalt an Großtieren – ähnlich jener, die uns heute nur noch aus Afrika vertraut ist. Doch vor rund 100.000 bis 10.000 Jahren setzte eine Aussterbewelle ein, die zahlreiche dieser imposanten Arten für immer verschwinden ließ. Nur in Afrika und teilweise in Südasien überlebten einige der tierischen Riesen wie Elefanten und Nashörner – und mit ihnen auch deutlich mehr andere Großsäuger als anderswo. Abgesehen von diesen Regionen verschwanden weltweit sämtliche Arten mit einem Körpergewicht über 1000 kg sowie rund 80 % aller Arten zwischen 100 und 1000 kg – meist parallel zum allmählichen Vormarsch des modernen Menschen. Dagegen ist der Anteil verschwundener Arten unterhalb der 45-Kilogramm-Grenze kaum der Rede wert.
Klimaeinbruch: Im Jüngeren Dryas (ca. 12.900–11.700 v. Chr.) fielen die Temperaturen rasch, wodurch sich Vegetationsmuster veränderten, sodass spezialisierte Weideökosysteme zusammenbrachen.
Lebensraumverlust: Moorbildungen und das Wiederaufwachsen dichter Wälder nahmen den offenlandliebenden Riesen ihre Weidegründe.
Virus killt Mammut? Vorstellbar ist aber auch, dass ein tödliches Virus, möglicherweise eingeschleppt durch die sich immer schneller ausbreitenden Menschen oder deren Begleiter wie Ratten und Flöhe, zum Aussterben beitrug (Hyperdisease-Theorie).
Gemeinsam führten diese Faktoren zum schrittweisen Verschwinden der Riesen, während anpassungsfähige Arten wie das Rotwild überlebten.
Wildschweine sorgen heute für Vielfalt in den Wäldern. Sie pflügen die Böden auf der Suche nach Nahrung um.
Doch auch im beginnenden Holozän war die Wildnis noch bunt:
Auerochsen hielten Waldlichtungen offen.
Wisente liebten das Mosaik aus Wald und Offenland.
Rothirsche, Rehe und Elche nutzten Waldränder, Sümpfe und Moore.
Wildpferde zogen über offene Ebenen.
Wildschweine durchwühlten Wälder.
Wölfe, Luchse, Bären, Otter und Biber prägten das Landschaftsbild.
Auch kleinere Säuger wie Wildkatzen, Feldhasen und verschiedene Nagetiere wie Eichhörnchen waren allgegenwärtig. In der Luft jagten Uhus, in den Bäumen lebten Schwarzstörche und Singvögel. Die Ufer von Gewässern und flache Tümpel bewohnten Reptilien und Amphibien wie die Gelbbauchunke und die Ringelnatter. Insgesamt konnte sich diese vielfältige Tierwelt ungestört entfalten – großflächige menschliche Eingriffe fehlten weitgehend, wodurch Nahrungsnetze stabil blieben und selbst spezialisierte Arten passende Lebensräume fanden.
Mit dem Holozän begann eine neue Ära: Nachdem der Mensch die großen Pflanzenfresser quasi »aufgegessen« hatte, musste er sich anderweitig versorgen. Der Mensch wurde sesshaft, begann mit Ackerbau und Viehzucht. Auch er schuf Mosaike. Die Wälder veränderten sich: Rotbuche und Hainbuche wurden häufiger, Lichtungen entstanden durch Rodungen. Auch neue Pflanzenarten hielten Einzug – durch bewusste Einführung oder Zufall.
Könnte das unsere gesuchte Wildnis-Referenz sein?
Stark bejagt, verschwanden Wildpferde im 16. Jh. Nun kommen sie und Wildnis zurück.
In Richtung Auerochse rückgezüchtete Taurusrinder schaffen Strukturreichtum und Offenlandschaften. Sie sind Schlüsselarten beim Rewilding.
In ganz Europa gewinnt jüngst ein faszinierender Ansatz im Naturschutz an Bedeutung: das Rewilding. Ziel ist es, der Natur wieder mehr freien Lauf zu lassen – mit möglichst wenig menschlicher Steuerung, um Ökosysteme wiederherzustellen und das Artensterben zu stoppen. Große Pflanzenfresser stehen dabei im Mittelpunkt: Wisente, Wildpferde oder robuste Rückzüchtungen wie Taurusrinder. Diese Tiere gestalten als sogenannte Schlüsselarten Landschaften aktiv – sie sind Architekten lebendiger Vielfalt.
Große Pflanzenfresser sorgen durch ihr Fress- und Bewegungsverhalten dafür, dass Landschaften abwechslungsreicher werden. Sie halten offene Flächen frei, schieben Waldränder zurück und schaffen lichte Gehölzinseln – ein Mosaik verschiedenster Lebensräume entsteht. Genau diese Vielfalt ist ein Segen für die Artenvielfalt: Blumenreiche Wiesen, besonnte Lichtungen und strukturreiche Hecken entstehen und bieten Nischen für unzählige Insekten, Vögel und andere Tiere.
Dunghaufen sind kleine, aber äußerst effektive und lebendige Mikrohabitate (siehe Seite 175).
Was reingeht, muss auch raus – und genau das ist für die Ökosysteme ein echter Gewinn. Dung und Urin der Tiere reichern den Boden mit Nährstoffen an bestimmten Stellen an und kurbeln das Pflanzenwachstum genau dort an. Das wiederum schafft Pflanzenvielfalt, fördert Insektenvielfalt (siehe Seite 175), was auch Vögeln und anderen Insektenfressern zugutekommt. Zudem verbessern die Tiere mit ihren Tritten die Bodenstruktur, wodurch Wasser besser gespeichert und Mikroorganismen aktiviert werden, aber auch Insekten ihre Eier ablegen können – die Basis eines gesunden Ökosystems.
Klettenartige Samen bleiben im Fell der Wildtiere hängen und gehen so mit auf Wanderschaft.
Ob im Fell von Säugetieren, im Gefieder von Vögeln oder über den Verdauungstrakt: Die Tiere transportieren unzählige Samen über weite Strecken. Diese »wilde Logistik« hilft den standortgebundenen Pflanzen, neue Plätze zu besiedeln und ihre genetische Vielfalt zu erhalten. Gerade in zerschnittenen Landschaften ist das ein wertvoller Beitrag zur Wiedervernetzung.
Auch fürs Klima spielen große Pflanzenfresser eine wichtige Rolle. Studien an ausgewilderten Wisenten in den Karpaten zeigen, dass Herden freilebender Großsäuger helfen könnten, große Mengen Kohlenstoff im Boden zu speichern, indem der Dung von Bodenlebewesen unter die Erde gebracht und dort sowohl verspeist als auch gespeichert wird. Dies alles ganz ohne Hightech, nur mit Hufen, Dung und Instinkten.
Rewilding bringt nicht nur der Natur Vorteile: Die Rückkehr der Wildnis begeistert, zieht Touristen an und stärkt regionale Wirtschaftskreisläufe. Und vielleicht noch wichtiger: Sie zeigt uns, wie lebendig Natur sein kann, wenn man sie einfach mal machen lässt. Das hat für viele Menschen einen unschätzbaren Wert.
»Wildnis« hat eine bewegte Bedeutungsgeschichte. Was einst einfach unbewohntes, ungezähmtes Land bedeutete, wurde über die Jahrhunderte mit kulturellen, religiösen und ideologischen Vorstellungen aufgeladen.
Das Wort »Wildnis« ist abgeleitet vom althochdeutschen wildernis und verwandt mit wild. Doch Wildnis hatte nicht immer die gleiche Bedeutung für uns Menschen. Sie unterlag einem stetigen Wandel.
Mesopotamien: In den Keilschrifttexten von Akkad und Sumer erscheint die Wildnis als ungezähmter Raum jenseits der Stadtmauern, bewohnt von Dämonen und Ungeheuern. Gleichzeitig diente sie mythologisch als Ursprungsraum schöpferischer Kräfte und als Ort der göttlichen Begegnung.
Ägypten: Für die alten Ägypter war die Wüste, der »überflüssige« Raum, das Gegenbild zur geordneten Welt. In ihr herrschten Chaos und Prüfung – zugleich bot sie aber Rückzug für jene, die jenseits des Alltags nach Erleuchtung strebten.
Höhlen dienten den Menschen nicht nur als Schutz, sondern auch als Rückzugsort zur Kontemplation.
Für die Griechen waren die Wälder voller Mysterien. Homers Odyssee schildert Höhlen, die Reisende in ihren Bann zogen, während Arkadien längst Legende als spiritueller Rückzugsort war.
Die Römer sahen in der silva nicht nur Raum für mörderische Gesetzlose, sondern auch eine Quelle für Freiheitsträume. Ovid beschrieb in den Metamorphosen, wie Bäume und Räume in steter Verwandlung stehen – ein Bild für Wandel und Unbeständigkeit (Ovid 8 n. Chr.). Parallel wuchs die römische Forstverwaltung, in der saltus als kontrolliertes Forstgebiet auftauchte.
Benedikt von Nursia, Begründer des Benediktinerordens, zog sich aus dem Trubel Roms zurück und lebte zunächst mit asketisch lebenden Einsiedlern, später auch für einige Jahre allein in einer Höhle. Diese Erfahrungen prägten seine Lehre entscheidend.
Spätantike: Als das weströmische Reich zerfiel, kehrte die »Unordnung« in die Wälder zurück. Augustinus von Hippo setzte in seiner Schrift De civitate Dei (426 n. Chr.) die »himmlische Stadt« dem »heidnischen Wald« entgegen.
Frühmittelalter: Mönche wie Benedikt von Nursia (ca. 480–547 n. Chr.) wählten hingegen die Einsamkeit der Wildnis als Ort der Selbstprüfung. Die Regula Benedicti beschreibt im Kapitel 4, wie Abgeschiedenheit von Gesang und Kontemplation dem Helfen und Prüfen der Seele dient.
Hochmittelalter: Mit zunehmender Kultivierung verwandelte sich die Bedeutung der Urwälder in »unnützes Ödland«. Deutsche Landfriedensgesetze des 12. Jahrhunderts übertrugen gemeinschaftlich Jagd- und Weiderechte auf diese Peripherie.
Kunst und Sage: In Minneliedern und Chroniken wurde der Wald zur Theaterkulisse – Schauplatz ritterlicher Duelle, Rituale und romantischer Abenteuer. Er blieb stets Gegenwelt zur höfischen Burg und Sinnbild unbändiger Natur.
