Letzte Nacht - Catherine McKenzie - E-Book

Letzte Nacht E-Book

Catherine McKenzie

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Beschreibung

Als der 39-jährige Familienvater Jeff überfahren wird und stirbt, fällt das Leben seiner Frau Claire in sich zusammen. Sie hat keine Zeit für Trauer und muss ihren Sohn auffangen, das Begräbnis arrangieren, mit wohlwollenden Familienmitgliedern umgehen. Dann reist auch noch Jeffs Bruder an, der zugleich ihr Exfreund ist. Doch auch eine andere Frau bricht bei der Nachricht von Jeffs Tod zusammen: Tish, seine Kollegin. Sie nimmt an dem Begräbnis teil, aber nur sie weiß, wie groß das Risiko ist, das sie damit auf sich nimmt. Und tatsächlich wird Claire auf sie aufmerksam und fragt sich, was diese Frau mit ihrem Mann verbunden hat …

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Seitenzahl: 452

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DAS BUCH

»Natürlich, jeder Mensch kennt Reue. Lose Enden. Dinge, die wir tun würden, wenn wir mehr Zeit hätten.«

Jeff ist ein guter Familienvater und stolz auf seine langjährige Ehe. Doch in seinem Herzen gibt es zwei Frauen. Einer von ihnen gab er ein Versprechen, von dem außer ihnen niemand weiß.

Eines Abends stirbt Jeff bei einem tragischen Unfall.

Tish ist Jeffs Kollegin. Als sie von Jeffs Tod erfährt, bricht sie zusammen. Doch er war nicht ihr Mann. Was hat die beiden verbunden?

Claire hat ihren Mann geliebt. Sein Tod zieht ihr den Boden unter den Füßen weg. Als die unbekannte Frau auf der Beerdigung auftaucht, kommen ihr plötzlich Zweifel. Hat sie ihren Ehemann vielleicht gar nicht richtig gekannt?

»Eine zarte, ehrliche Geschichte über Geheimnisse, Familie und die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Wahrheit.«      Booklist

DIE AUTORIN

Catherine McKenzie lebt mit ihrem Ehemann im kanadischen Montreal. Sie studierte Geschichte und Jura und arbeitet heute als Anwältin. Nebenbei bloggt sie für The Huffington Post. www.catherinemckenzie.com

CATHERINE

MCKENZIE

LETZTE

NACHT

Roman

Deutsch von Marie Rahn

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien

unter dem Titel HIDDEN.

Vollständige deutsche Erstausgabe 05/2015

Copyright © 2014 by Catherine McKenzie

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Claudia Krader

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik Design, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN: 978-3-641-11406-0

www.heyne.de

In Gedenken an Rodrigo Contreras,

der mir immer riet zu schreiben, was wahr ist,

und nicht, was einfach ist.

Angenommen, ich sage Sommer,

schreibe »Kolibri« auf ein Blatt,

stecke es in einen Umschlag,

bringe ihn den Hügel hinunter

zum Postkasten. Wenn du

meinen Brief öffnest, erinnerst du dich

an jene Tage und daran, wie sehr,

oh, wie sehr ich dich liebe.

KOLIBRI, RAYMOND CARVER

PROLOG

Als Letztes musste ich nur noch Art Davies feuern.

Ich hasse es, Leute zu feuern. Ehrlich. Von den unzähligen, hassenswerten Dingen an meinem Job hasse ich am meisten, jemandem sagen zu müssen, dass er nicht mehr zur Arbeit kommen darf.

Man hatte wieder mal die Unternehmensberater gerufen, und nun stand ihre Empfehlung auf Seite 94 ihrer 217 Seiten umfassenden PowerPoint-Präsentation: Die Buchhaltung ist mit 1,2 Mitarbeitern überbesetzt.

1,2 Mitarbeitern.

Wer redet so?

In der Abteilung Berichtswesen gibt es einen Typen, der, Sie ahnen es schon, den ganzen Tag nur die Quintessenz aus Berichten extrahiert. Ich bekam die Zusammenfassung des Gutachtens und blätterte gleich zu der Seite, die mit einer dieser gelben Haftnotizen mit rotem Zeigefinger markiert war. Mir sank das Herz. Neben der Empfehlung, das Personal meiner Abteilung um 1,2 Mitarbeiter zu reduzieren, stand: Art Davies?

Art Davies?, las ich ein zweites Mal, und das Herz wurde mir noch schwerer. Solche Fragezeichen mochten zwar ganz unschuldig wirken, doch standen sie ebenso wenig für einen Vorschlag wie ein Schuss in die Brust.

Der Quintessenzer aus dem Berichtswesen ist das direkte Bindeglied zwischen Management und Unternehmensberatern. Seine Aufgabe besteht darin, so viele Vorschläge der Berater umzusetzen, dass ihre absurd hohen Honorare gerechtfertigt werden. Das Management kann dann dem Aufsichtsrat mit einer eigenen PowerPoint-Präsentation darlegen, dass vierundsiebzig Prozent der Empfehlungen umgesetzt wurden.

Also: gut gemacht.

Art Davies. Fuck. Art Davies war es, der mich vor sechs Jahren einstellte, damals, als die Abteilung noch nicht mal halb so groß war und auch keine Berater herumschlichen, die bemerkt hätten, dass man Art eigentlich nicht mit dem Heuern und Feuern betrauen konnte. Ehrlich gesagt, konnte man Art mit so einigem nicht betrauen, aber er war ein großartiger Kerl. Stets guter Laune, immer bereit, Fehler zu verzeihen, und ein zuverlässiger Lieferant witziger YouTube-Videos, wenn der Tag sich auf dem totalen Tiefpunkt befand.

Bei den letzten beiden Beraterrazzien hatte ich mir alle Mühe gegeben, seinen Kopf zu retten. Er hatte sich nach dem Peter-Prinzip zum Abteilungsleiter hinaufgehangelt, wie die Arts dieser Welt das zu tun pflegen. Als ich lange genug in der Firma war, um von den hohen Tieren zur Kenntnis genommen zu werden, tauschten wir die Positionen. Vor ein paar Jahren stieg ich auf und er ab. Art, der gute alte Art, nahm es so locker hin, dass man fast glauben konnte, es wäre ihm egal.

»Hätte keinen Besseren treffen können«, sagte er und schlug mir auf die Schulter. »Freut mich, für dich zu arbeiten.«

Ich ging mit Riesenschiss nach Hause und erklärte meiner Frau, ich würde kündigen. Sie brauchte Stunden, um mir das auszureden. Behauptungen wie großartige Chance und was wir alles mit dem Geld tun könnten prallten von mir ab. Mein Entschluss stand fest.

Bis sie sagte: »Weißt du, wahrscheinlich wird Art so glücklicher sein. Er kam mir nie wie jemand vor, der Verantwortung übernehmen will.«

Zwar wollte ich es nicht zugeben, aber da hatte sie recht. Art würde wahrscheinlich wirklich glücklicher sein, wenn er nicht mehr heuern und feuern, dem Aufsichtsrat Bericht erstatten oder die Vorschläge des Quintessenzers umsetzen musste.

Also kündigte ich nicht, sondern tauschte mit Art den Schreibtisch. Ich stellte das silbergerahmte Foto meiner Familie genau dorthin, wo vorher Arts gestanden hatte, und machte mich wieder an die Arbeit. Und jetzt das.

Unwillkürlich fragte ich mich: Wenn es den Begriff des Peter-Prinzips für den Aufstieg bis zum Erreichen der Unfähigkeit gab, gab es dann auch einen Begriff dafür, den zu feuern, der einen eingestellt hat?

Als ich Tish anrief, um es ihr zu erzählen, gab sie einen mitfühlenden Laut von sich. Sie wusste, wie sehr ich es hasste, jemanden zu feuern.

»Überlass das doch der Personalabteilung«, schlug sie vor.

»Nein, das kann ich nicht.«

»Wieso nicht? Das machen die im Management ständig. Glaub mir.«

»Aber bezeichnest du sie dann nicht als Feiglinge?«

Sie lachte, es klang melodisch. »Ja, ja. Aber dich würde ich nie so nennen.«

»Ja, klar.«

»Nein, das weißt du doch.«

Ich seufzte. »Okay, kann sein. Aber trotzdem.«

»Du musst es tun.«

»Ich muss es tun.«

»Sag Bescheid, wenn du ein paar Tipps brauchst.«

»Du meinst, wenn ich deinen Fünf-Punkte-Plan fürs effektive Feuern brauche?«

»Wie zum …« Sie schnalzte mit der Zunge. »Du kleiner Mistkerl hast den ganzen Bericht gelesen, oder? Unglaublich.«

Ich lächelte, dabei konnte sie es gar nicht sehen. »Ich habe gern alle Informationen.«

»Aha.«

»Ich muss diesen Typen eine Nasenlänge voraus sein. Man weiß nie, wann sie ihren Scheinwerfer auf einen selbst richten.«

»Du bist so krank.«

»Ich mach mich wieder an die Arbeit.«

»Viel Spaß mit deinen Zahlen.«

»Den hab ich, das weißt du doch.«

Ich legte auf und fuhr mir mit der Hand übers Gesicht. Zwar hatte ich das Gespräch mit Tish genossen, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass Art gehen und ich das übernehmen musste.

Den ganzen Freitag über tat ich alles, um das Unvermeidliche aufzuschieben. Doch Arts Kündigung lag auf meinem Tisch. Eine blaue Mappe mit ein paar hilfreichen Tipps für seine Zukunft und einem Blatt Papier, auf dem seine nicht verhandelbare Abfindung stand. Art war sechsundfünfzig, zweiundzwanzig Jahre in der Firma, aber – meinetwegen – nicht im Management. In Zahlen hieß das: 28,4 Wochenlöhne als Abfindung.

Was war bloß mit dieser Firma los?

Konnte man hier nicht in glatten Zahlen denken?

Nein, denn das hätte Auswirkungen auf das Kreisdiagramm gehabt und wäre am Ende auf die Empfehlung hinausgelaufen, sie zu feuern.

Also stieß ich um Viertel vor fünf einen letzten tiefen Seufzer aus und checkte ein letztes Mal meine E-Mails. Ich hatte eine Nachricht von Tish: Viel Glück.

Danke, schrieb ich zurück. Ich berichte später haarklein.

Dann drückte ich auf Senden, schaltete den Computer aus, legte die Hände auf den Schreibtisch und drückte mich hoch in den Stand.

Die Trägheit der Masse hat etwas Komisches an sich. Wissenschaftlich gesehen ist es Unsinn, aber ich schwöre, ich musste stärker drücken als sonst. Meine Schritte den Flur hinunter kamen mir auch schwer und träge vor, wie im Traum, wenn man versucht zu rennen, sich die Luft zähflüssig anfühlt und die Beine wie Blei sind.

Art saß an seinem Schreibtisch vor einer Excel-Tabelle und blinzelte über seine Brille hinweg auf den Monitor. Er hatte sich nie die Gleitsichtbrille besorgt, die ihm sein Augenarzt vor Monaten verschrieb. Jetzt hatte er, wie das Abfindungspaket unter meinem Arm verkündete, nur noch vier Wochen Zeit dazu, sonst hätte er Pech gehabt.

Er blickte zu mir auf. »Hey, Jeff, kannst du mir helfen? Irgendwie kriege ich die Spalten nicht ausgeglichen.« Halb ratlos, halb selbstironisch schüttelte er den Kopf.

»Lass es doch einfach, Art.«

»Aber ich muss das heute noch schaffen. Steht in meiner Zielvorgabe.«

»Ist schon okay. Du musst gar nichts.«

»Du bist wirklich ein Prachtk …« Er verstummte abrupt, als er die Mappe unter meinem Arm sah. »Das ist doch nicht … ich meine … sie können doch nicht … nach all den Jahren …«

»Komm, gehen wir in den Konferenzraum.«

Geschockt stand er auf und folgte mir schweigend. Meine Schritte erschienen mir so schwer, als wären meine Füße Zementblöcke. Wir schafften es zum Konferenzraum, wo Art sich auf den nächsten Stuhl fallen ließ. Ich versuchte, es ihm nicht gleichzutun, als ich ihm gegenüber Platz nahm. Schaffe eine Atmosphäre von Mitgefühl und Zuversicht, hatte Tish mir geraten. Was genau hieß das? Mitgefühl brachte ich noch zustande, aber Zuversicht?

Nie wieder würde ich Art in die Augen sehen können.

Konzentriere dich auf die einzelnen Punkte des Pakets, hatte sie gesagt.

Also schlug ich die Mappe auf und leierte den Text herunter, der auf dem Blatt stand. Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihre Stelle gestrichen wurde. In Anerkennung Ihrer treuen Dienste freuen wir uns, Ihnen Folgendes anbieten zu können …«

Ich verstummte, weil Art anfing zu weinen. Es war kein Schluchzen, sondern ein Rinnsal von Tränen, das still hinter seiner Brille die Wangen hinunterfloss und Flecken auf seinem Hemd hinterließ.

Herrgott. Was sollte ich denn jetzt machen?

Manchmal ist eine tröstende Hand auf der Schulter angebracht, kam mir in den Sinn. Manchmal lässt man sie einfach weinen und ist nur für sie da.

Ich entschied mich für Letzteres. Zum einen, weil ich es einfach nicht über mich bringen konnte, die Hand zu heben. Zum anderen, weil ich meinte, zu so einer Geste müsste man auch etwas sagen – nur was? Das alles wieder gut würde? Dass er etwas Neues, etwas Besseres finden würde? Dass er sein Haus nicht verlieren würde oder die Rücklagen fürs College seiner Kinder angreifen müsste, um das zu verhindern?

Es würde nichts wieder gut werden, und er würde nichts Neues finden.

Typen wie Art finden nie was Neues.

Nicht mit sechsundfünfzig.

Nicht, wenn der, der einen feuert, der ist, den man eingestellt hat.

Aber das muss ich Art lassen: Nach sechzig Sekunden des Schweigens hatte er sich wieder gefasst.

Er nahm die Brille ab und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. »Du musst das wohl bis zum Ende vorlesen.«

»Ja. Tut mir leid, das ist …«

»Firmenpolitik.«

»Es tut mir leid«, sagte ich noch einmal.

»Ist gut, Jeff. Mach dir keine Gedanken.«

Ich ließ den Kopf hängen. Jetzt tröstete Art mich, weil ich ihn feuerte. Einen Augenblick lang fühlte ich mich tatsächlich besser. Ich war wirklich der mieseste Typ auf Erden.

»Ich bin gleich fertig«, brachte ich hervor.

»Danke.«

Nachdem ich die miesen Konditionen seines Abfindungspakets verlesen hatte, musste Art die letzte Demütigung über sich ergehen lassen und unter meiner Aufsicht zusammenpacken. Als ich in der Firma anfing, hätte jemand in Arts Position einen richtigen Abschied bekommen. Man hätte es Frühpensionierung genannt. Es hätte ein schönes Büfett, vielleicht sogar eine schöne Uhr gegeben. Art hätte sich ein bisschen betrunken. Jemand hätte eine Rede über Arts Verdienste um die Firma gehalten, ein oder zwei Anekdoten aus seinem Arbeitsleben erzählt und behauptet, er würde allen fehlen.

Aber das war einmal. Jetzt holte ich Faltkartons aus dem Materialschrank, klappte sie mechanisch auseinander und fragte mich, wie viele man davon brauchen würde, um mehr als zwanzig Arbeitsjahre zu verstauen.

Es reichten zwei.

Wenn es darauf ankam, reiste Art mit leichtem Gepäck.

Er packte alles ein. Ich holte für die Kartons eine Sackkarre aus dem Schrank, trotz seiner Proteste, dass er sie ohne Weiteres tragen könnte.

»Das weiß ich«, sagte ich. »Aber ich möchte es so, klar?«

»Du bist der Boss.«

Er lächelte verlegen, ein wortloses Eingeständnis, dass nichts von all dem passieren würde, wäre ich nicht der Boss. Oder vielleicht doch. Wenn ich gekündigt hätte, als ich es wollte, wäre ein anderer befördert worden oder von draußen gekommen. Der hätte Art vielleicht nicht so lange geschützt wie ich. Wer weiß?

Trotzdem kam ich mir vor wie ein Arschloch.

Art nahm seinen hellbraunen Mantel und streifte ihn sich über. In stillschweigendem Einvernehmen verließen wir das Gebäude über die Feuertreppe, was uns den Spießrutenlauf durch das noch zur Hälfte besetzte Großraumbüro ersparte.

Ich folgte ihm, schob die quietschende Sackkarre vor mir her und hoffte nur, seine Kartons kippten nicht um. Ich hatte angelegentlich den Blick abgewandt, als er hastig seinen Schreibtisch räumte, weil ich an die Geschichte seines ersten gekündigten Mitarbeiters dachte, die er gern erzählte. Ein gewisser Don, ein Mann vom alten Schlag, der zum Lunch gern drei Martinis trank und am Nachmittag derart nachließ, dass es höheren Orts schließlich auch ohne das Zutun von Beratern auffiel. Art hatte versucht, ihn vor dem Lunch zu erwischen, war aber durch ein paar Meetings aufgehalten worden.

Gegen drei schließlich ging er zu Don, der wie der Schiefe Turm von Pisa an einem Aktenschrank lehnte. Er nahm die Neuigkeit nicht gut auf. Nachdem er sich so weit beruhigt hatte, dass er nur noch sporadisch fluchte, erklärte er sich bereit, seinen Schreibtisch zu räumen. Doch als er die oberste Schublade aufziehen wollte, klemmte sie. Art wusste nicht, ob Don so betrunken war, dass er vergessen hatte, was sich in der Schublade befand, oder ob es ihm einfach egal war. Jedenfalls stemmte Don sich mit dem Fuß gegen den Schreibtisch und zerrte aus Leibeskräften am Griff. Als die Schublade schließlich aufging, taumelte er mit ihr zurück, und ein Stapel Pornohefte glitt zu Boden.

In Arts Geschichte blieb Don vollkommen unbeeindruckt. Er hob einfach seine Hefte auf und drückte sie sich an die Brust.

»Mehr wollte ich sowieso nicht mitnehmen«, bemerkte er nur und schwankte zum Vordereingang hinaus.

Ich wählte die lange, sanft abschüssige Rollstuhlrampe neben dem Haupteingang. Unten wartete Art schon auf mich. Sein nun völlig ausdrucksloses Gesicht, seine ganze Haltung schrien förmlich: Bringen wir’s hinter uns. Ich folgte ihm über den Parkplatz, an den Reihen sorgfältig rückwärts eingeparkter Autos vorbei. Vor einer silbernen Limousine blieb er stehen. Der linke Seitenspiegel hatte einen Sprung.

»Kinder«, sagte Art. »Du weißt ja, wie das ist.«

»Klar«, sagte ich, obwohl Seth, Gott sei Dank, noch nicht alt genug zum Fahren war.

Er ließ den Kofferraumdeckel aufspringen. Ich stellte die Kartons im Kofferraum ab und knallte den Deckel wieder zu. Dann standen wir einen unangenehmen Augenblick lang nur da. War ein Händedruck oder gar eine Umarmung angezeigt? Art erlöste mich, indem er die Hand ausstreckte.

Ich ergriff sie. »Pass auf dich auf«, sagte ich. »Das alles tut mir sehr leid.«

»Ich komm schon klar. Wer weiß, vielleicht fang ich sogar mit Golf an?«

»Dann melde dich bei mir.«

Er ließ sich auf den Fahrersitz sinken. Der Motor sprang an, und Art war gefasst genug, um erst nach links, dann nach rechts und wieder nach links zu blicken, bevor er ausparkte. Ich sah ihm nach, als er über den Parkplatz fuhr, auf die sinkende Sonne zu, die mich zwang, meine Augen mit der Hand abzuschirmen. Ich fühlte mich verantwortlich für ihn, solange er sich auf dem Firmengelände befand. Wieso, weiß ich allerdings nicht. Wenn er erst vom Parkplatz runter war, dann käme er klar, so mein Gefühl.

Nachdem sein Wagen im Feierabendverkehr verschwunden war, wandte ich mich dem Firmengebäude zu. Die großen Fenster reflektierten die Sonne. Ich brachte es einfach nicht über mich, wieder hineinzugehen. Stattdessen beschloss ich, nach Hause zu laufen. Es war warm, mein Wagen konnte übers Wochenende problemlos hier stehen bleiben. Ich hatte mein Handy dabei. Den Bericht über Arts Kündigung konnte ich Montag nachreichen.

Ich steckte die Hände in die Taschen und nahm eine Abkürzung über den Parkplatz zur Hauptstraße. Mein Zuhause lag nur eine Meile entfernt, und die Sonne schien warm auf mein Gesicht. Einen Moment lang schloss ich die Augen, um das Gefühl in mich aufzunehmen. Deshalb hab ich’s wohl nicht kommen sehen.

I

1

Zu spät zum Essen

Der Freitag ist ein ganz normaler Tag in der Kindertagesstätte, wenn es mit dreißig Kindern zwischen einem und vier Jahren so etwas wie »normal« überhaupt gibt. Keine Ausflüge in die Notaufnahme, obwohl Carrie Myers sich einen Penny in die Nase gesteckt hatte. Die Elternanrufe rangieren im üblichen Spektrum, von null bei den Tiefenentspannten zwanzig Prozent, bis zehn bei Mandy Holden.

Das liegt an den Videokameras, heutzutage Standard in Kindertagesstätten. Zwölf Kameras (sechs im Babyzimmer, sechs im Kleinkindzimmer), an strategischen Stellen angebracht, damit die besorgten Eltern ihr Kind den ganzen Tag über per Internet im Blick haben, wenn sie das wollen.

Ich bin froh, dass Seth seinen Schulabschluss vor der Erfindung der Videoüberwachung gemacht hat. Zwar rede ich mir ein, ich wäre bei den zwanzig Prozent Tiefenentspannten, kenne mich aber gut genug, um zu wissen, dass ich die Aufnahmen acht Stunden täglich auf dem Bildschirm gehabt hätte.

Doch da ich nie die Möglichkeit dazu hatte, erlaube ich mir manchmal, entnervt zu sein. Die Monitore sind um meinen Schreibtisch herum aufgestellt, als wäre ich der Sicherheitschef, was ich wohl auch bin. Wann immer ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung auf dem Monitor des Kleinkindzimmers erhasche und kurz darauf LTs Heulen durch die Wand dringt, zähle ich die Sekunden. Drei, zwei …

Dann greife ich zum Telefonhörer. »Hi, Mandy«, sage ich, ohne auch nur zu tun, als wüsste ich nicht, wer da anruft. Mandy Holden ruft täglich zwischen fünf- und zehnmal an und verlangt Aufklärung über alles Mögliche. Angefangen von der Nahrungsaufnahme ihres Sohnes LT bis zu jedem Zwischenfall, den sie über die von ihr unermüdlich verfolgten Schwarz-Weiß-Übertragungen mitbekommt. LT ist nach seinem Vater Trevor benannt, weil er dem Aussehen, Auftreten und allem anderen nach Little Trevor ist, also Trevor in klein. Bei uns allerdings nennen wir ihn – wenn keine Eltern zuhören – nur bei dem Namen, den er verdient: Little Terror.

»Haben Sie das gesehen, Claire? Dieser Junge …«

»Sein Name ist Kyle.«

»Egal, er hat LT geschubst. Er braucht einen gesalzenen Denkzettel. Wenn Sie nicht mit seinen Eltern reden, dann tue ich es!«

»Sie können nicht bei jedem kleinen Zwischenfall die Eltern anrufen.«

»Kleiner Zwischenfall? Dasselbe hat er letzte Woche schon einmal gemacht.«

»Wenn Sie sich recht erinnern, war es damals LT, der Kyle geschubst hat. Kyle hatte sich nur revanchiert und ihn zurückgeschubst.«

»Revanchiert? Ach was! Ich hab’s doch genau gesehen.«

»Tut mir leid, Mandy, aber ich habe mir auf Ihre Aufforderung hin das Video angesehen. LT war ganz eindeutig der Angreifer.« In diesem Moment revanchiert sich LT bei Sophie Taylor, indem er ihr das Pausenbrot stibitzt. Ganz sicher bekomme ich deswegen auch einen Anruf.

»Wollen Sie damit etwa sagen, dass mein Sohn Probleme hat, seine Aggressionen zu zügeln?«

»Natürlich nicht. Damit meine ich nur, dass Dreijährige, und ganz besonders dreijährige Jungs, öfter mal streiten. Das dürfen Sie nicht überbewerten, ganz gleich, wer der Anstifter ist.« Ich werfe einen liebevollen Blick auf ein Foto von Seth in diesem Alter, das über meinem Bildschirm hängt. Darauf präsentiert er mit einem halb verschmitzten, halb unschuldigen Lächeln seine Milchzähne.

»Anstifter!«

»Das ist doch nur ein Begriff.« Ich lege eine bedeutsame Pause ein und senke die Stimme. »Aber wenn Sie sich wohler dabei fühlen, LT aus unserer Einrichtung zu nehmen, haben Sie natürlich jedes Recht dazu.«

Damit spiele ich meinen Trumpf aus. Alle Kindertagesstätten der Stadt sind überfüllt. Mandy wird ihren Platz nur aufgeben, wenn LT auf einer Trage hinaustransportiert wird.

»Davon war nie die Rede«, schnappt sie.

»Nun, mir scheint, Sie rufen in letzter Zeit häufiger an, und wir haben wirklich eine lange Warteliste.«

Ich höre sie mit den Zähnen knirschen. »Ich drücke nur Sorge um mein Kind aus, Claire. Da müssen Sie mir nicht gleich drohen.«

»Aber nicht doch, beruhigen Sie sich. Sie wissen doch, wie gern wir alle LT haben. Wir wollen nicht, dass er geht. Wir wollen, dass Sie sich wohlfühlen.«

»Ich fühle mich wohl«, sagt sie. »Und LT fühlt sich auch wohl.«

»Das ist schön. Es gibt also kein Problem?«

»Nein. Gar kein Problem. Ich muss jetzt zu einem Termin …«

»Dann bis bald.«

Ich lege auf und vergrabe mein Gesicht in den Händen. Ich arbeite gern hier, wirklich, aber manchmal wünsche ich mich in die Erwachsenenwelt zurück, zu den Erwachsenenproblemen. Vor allem an Tagen, an denen die Mandys dieser Welt zu Höchstform auflaufen.

Natürlich war auch diese Welt voller Erwachsener, die sich darüber beschwerten, wie ihre Babys behandelt wurden.

Sehr zum Unmut einiger Eltern ist mir meine Mittagspause heilig. Dann nehme ich keine Anrufe entgegen und bin nicht erreichbar. Ich bin einfach nicht da, außer für Kommilitonen aus der Musikschule.

Diese Regel hatte ich kurz nach der Eröffnung von Playthings eingeführt. Damals trieb ich noch in einem Meer aus Trauer – aus denselben Gründen, die mich dazu bewegt hatten, meine juristische Karriere zu beenden und eine Kindertagesstätte zu eröffnen.

»Sie müssen sich Freiräume schaffen«, hatte mein Arzt mir geraten, als ich über Schlafstörungen und allgemeine Lustlosigkeit klagte. »Für etwas, das Ihnen Freude macht. Hatten Sie so etwas in Ihrem Leben? Vorher?«

Ich hätte es mir leicht machen und ihm sagen können, dass ich früher nur hektisch zwischen Arbeit und Kind hin und her getitscht war. Für anderes war keine Zeit gewesen. Muße für mich selbst hatte ich überhaupt nicht gekannt. Stattdessen sagte ich leise: »Klavier«, obwohl ich seit Jahren nicht mehr gespielt hatte. Ich hatte nicht mal mehr ein eigenes Instrument. Wir hatten es damals nicht mit ins neue Haus genommen, weil die zusätzlichen Umzugskosten für einen Staubfänger nicht lohnten. Damals war mir die Entscheidung nicht schwer gefallen, aber nun kamen mir Zweifel.

»Also Klavier«, erwiderte Dr. Mayer mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Und etwas daran, etwas, das mit meinem früheren Ich verbunden war, setzte sich in mir fest.

Ich verließ seine Praxis und fuhr schnurstracks zur nahe gelegenen Musikschule. Nachdem ich geparkt hatte, schaute ich durch die Windschutzscheibe auf das Gebäude mit der bunten Fassade. Wie Playthings war dies eindeutig eine Einrichtung für Kinder. Ich konnte drinnen das von Kindern gemalte Wandbild mit Notenschlüsseln und falsch proportionierten Gitarren sehen, ein Relikt meiner Kindheit, die ich zu einem beträchtlichen Teil in just jenem Gebäude verbracht hatte. Es gab auch Unterricht für Erwachsene, aber das Ganze sah doch sehr nach der Suzuki-Methode aus. Fast wäre ich nicht hineingegangen.

Aber ich hatte es versprochen, also machte ich es.

Ein paar Minuten später hatte ich eine Stunde bei Connie für den nächsten Tag verabredet. Auf meine zaghafte Frage nach Mr. Samuels, dem freundlichen Lehrer aus Kindertagen, hatte die Frau am Empfang nur mit einem ausdruckslosen Blick reagiert.

Connie erwies sich als schweigsame teutonische Blonde, die irgendwie in Springfield hängen geblieben war. »Warum denn?«, hatte ich ganz am Anfang gefragt. »Zu kompliziert«, hatte sie knapp erwidert und sich damit jede weitere Frage verbeten. »Heute üben wir Tonleitern.« Als sie sah, dass ich mehr als Anfängerakkorde konnte, gab sie mir schwierigere Stücke. Und sobald meine Hirn-Hand-Koordination wieder in Gang gekommen war, machte ich etwas aus ihnen.

Am Anfang hasste ich Connie irgendwie, was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte. Nach ein paar Stunden beschwerte ich mich eines Abends bei Jeff, sie hätte einen perfekten Drill-Sergeant abgegeben. »Dann hör doch auf«, meinte er nur, zog sich die Unterwäsche aus und schlüpfte ins Bett. »Wenn’s keinen Spaß macht, lass es bleiben.«

Ich gesellte mich zu ihm und lehnte mich mit dem Rücken ans Kopfende. Dann streckte ich meine Finger. Sie schmerzten leicht, so als bekäme ich Arthritis.

»Ich hab das Gefühl, es könnte irgendwann Spaß machen. Obwohl das vielleicht das falsche Wort ist.« Ich zögerte. Wie sollte ich ausdrücken, dass ich nach dem Glück suchte und es sich manchmal so anfühlte, als wäre es nur ein paar Noten entfernt?

»Aber sie ist doch bestimmt nicht die einzige Klavierlehrerin der Stadt, oder?«

Da hatte er recht. Doch die beiden jüngeren Lehrerinnen, mit denen ich es versuchte, hatten sich so an Kinder gewöhnt, die gerade genug übten, um ihre Eltern zu besänftigen, dass sie nachgiebig und ihre Finger langsam geworden waren. Als ich Stücke vom Blatt spielte, die sie mir mit der Bemerkung vorlegte: »Das wird sicher eine Herausforderung«, stahl sich ein komischer Ausdruck auf ihr Gesicht. Das war so nicht vorgesehen. Eine sagte mir unverblümt: »Sie sollten zu Connie gehen.« Und die andere »vergaß« eines Tages einfach unsere Stunde und meldete sich nie wieder. Die Botschaft kam bei mir an.

Also ging ich zu Connie zurück. Jetzt sitze ich auf der harten Klavierbank in einem Raum mit perfekter Akustik und spiele Debussys Reverie. Connie steht neben mir, um die Noten umzublättern. Mein linker Fuß drückt das Dämpferpedal, meine linke Ferse wippt im Takt. Als die sehnsüchtige Melodie erklingt, lehne ich mich vor, als wollte ich die Töne erhaschen und in mich aufnehmen. Dann kommt un poco crescendo, die Musik strömt durch meine Finger, in meine Brust und steigt mir zu Kopf. Die Welt weicht zurück, immer weiter, und doch fühle ich mich, in Ermangelung eines besseren Worts, lebendig.

Als ich um fünf nach Hause komme, sitzt Seth am Esszimmertisch und macht augenscheinlich Hausaufgaben. Aber unser Uraltfernseher gibt das statische Knistern von sich, das erst etwa eine Minute nach dem Ausschalten verstummt. Daher weiß ich, was Seth wirklich gemacht hat. Jetzt muss ich entscheiden, ob ich deshalb mit ihm rede oder nicht.

Die Stunde, die Seth zwischen Schulschluss und Jeffs oder meiner Heimkehr allein zu Hause verbringt, ist etwas Neues, das wir seit seinem zwölften Geburtstag im Februar ausprobieren. Seth hat hart für diese Freiheit gekämpft und uns gezeigt, dass er alt und verantwortungsvoll genug ist. Sein Zimmer war stets aufgeräumt, seine Noten wurden besser, und er legte sogar jedes Mal sein PS-Dingsbums weg, wenn wir ihn darum baten. Also vereinbarten wir eine Probezeit bis zum Ende des Schuljahres. Wenn er es nicht vermasselt, können wir dabei bleiben.

Es ist schön, mehr Geld zu haben, aber mir fehlen die Gespräche mit Ashley, Seths langjähriger Babysitterin für die Zeit nach der Schule. Früher erzählte sie mir am Ende des Tages, was Seth gemacht hatte, während wir nicht da waren. Je älter Seth wird, desto seltener werden die Gelegenheiten, ihn unbemerkt zu beobachten. Mehr als die Gespräche mit Lehrern, Berichte von den Großeltern und die Informationen von Ashley blieben uns nicht. Jetzt muss ich meinen Sohn ausspionieren, wenn ich wissen will, was ihn wirklich beschäftigt.

Seth hebt langsam den Kopf und schenkt mir das Lächeln, das jedes Mal mein Herz zum Schmelzen bringt. Bis zu einem gewissen Grad kann ich ihm – notgedrungen – widerstehen. Bei Babysittern und Frauen in Lebensmittelläden hat es sein ganzes Leben lang funktioniert.

»Hey, Mom.«

»Hey, Kumpel, wie war’s heute in der Schule?«

»Wie immer.«

»Hast du viele Hausaufgaben?«

»Nicht mehr als sonst. Damit bin ich schnell fertig.«

»Aber noch vor dem Abendessen«, sage ich in einem Ton, der viel zu sehr an meine Mutter erinnert.

»Ach, Mom, es ist Freitag.«

Kapitulierend hebe ich die Hände und gehe in die Küche, in Gedanken schon bei dem, was der Kühlschrank hergibt, und ob wir kochen oder auswärts essen sollen. Jeff hat am Abend zuvor erwähnt, er müsste heute jemanden feuern und das wäre ihm sehr unangenehm. Würde er deshalb lieber auswärts essen? Oder lieber zu Hause? Auswärts bedeutet zwar Ablenkung, aber dann trinkt er vielleicht zu viel und gerät ins Grübeln.

Trotzdem, auswärts.

Ich schnappe mir das schnurlose Telefon und rufe im Büro an. Als er sich dort nicht meldet, versuche ich es auf seinem Handy. Es klingelt und klingelt, dann meldet sich die Mailbox. Ich blicke auf die Uhr. Es ist Viertel nach fünf, da kommt er freitags normalerweise nach Hause. Vielleicht hat sein Meeting länger gedauert, Kündigungen sind nie einfach. Und es ist ein schöner Tag, da ist er vielleicht zuerst zur Driving Range gefahren und hat ein paar Bälle geschlagen. Wenn es geht, bringt er keine schlechte Laune aus der Firma mit nach Hause.

Die nächste Stunde übe ich ein neues Stück, das Connie mir gegeben hat. Haydns Sonate in f-Moll. Ich erarbeite mir den Fingersatz und lass die Noten im Kopf erklingen, während ich sie stumm auf dem Küchentisch anschlage. Mittlerweile ist es nach sechs und Jeff definitiv zu spät dran. Erneute Anrufe im Büro und auf dem Handy sind vergeblich, also hole ich mein Handy aus der Tasche und schicke ihm eine SMS: Bald zu Hause? Dann warte ich mit dem Handy in der Hand auf seine Antwort, aber nichts kommt. Irgendwann schaltet mein Telefon auf Standby, als wollte es nicht länger warten.

Ein Anflug von Ärger überkommt mich, aber ich verdränge ihn. Jeff verliert sich oft in dem, was er tut. Seine Konzentrationsfähigkeit erstaunt mich nach all den Jahren immer noch. Wenn ich mich darüber ärgerte, würde ich mich über etwas ärgern, was ihn ausmacht, und das will ich nicht.

Trotzdem habe ich Hunger. »Seth, sollen wir was bestellen?«

Sofort kommt Seth wie ein eifriger Welpe in die Küche gesprungen und stürzt sich auf die Schublade mit den Prospekten. Nach kurzem Hin und Her entscheiden wir uns für Pizza. Seth verspricht, er würde wenigstens ein Stück von der vegetarischen essen, damit er heute etwas Gemüse bekommt.

Als die Pizza eintrifft, ist Jeff noch nicht zu Hause. Ich decke nicht mal den Tisch, sondern esse mit Seth am Küchentisch, wo ich ihn vorsichtig über seine Woche ausfrage. Wie immer weicht er meinen Fragen aus und antwortet mit vollem Mund. »Ach, Mom, ehrlich«, oder: »Weiß nicht«, oder: »Ganz gut.«

Ich bemühe mich, es nicht persönlich zu nehmen, sondern versuche daran zu denken, wie ich in dem Alter war und was ich alles für mich behielt.

Ich erlaube Seth, sein letztes Stück Pizza mit ins Wohnzimmer zu nehmen, wo er seine Hausaufgaben fertig macht. Währenddessen bringe ich das Geschirr zur Spüle, die sich unter dem Fenster zum Vorgarten befindet. Beim Spülen fällt mir auf, dass es fast halb acht ist. Jetzt bin ich doch wütend auf Jeff, dass er sich nicht gemeldet hat.

Da nähert sich langsam ein Streifenwagen und hält vor unserem Haus. Zwei uniformierte Polizisten sitzen darin. Den einen am Steuer kenne ich, weiß seinen Namen aber nicht mehr, obwohl wir zusammen zur Highschool gegangen sind. Er umklammert das Lenkrad, als wollte er sich gegen etwas Unangenehmes wappnen. Neugierig sehe ich zu, wie die beiden kräftigen Männer den Wagen verlassen. Ich frage mich, ob die Nachbarstochter wieder Mist gebaut hat, aber sie gehen nicht zu ihrem Haus, sondern zu meinem. Sofort denke ich an Seth. Wie ist er bloß auf den Polizeiradar geraten?

Dann durchzuckt mich plötzlich die Erkenntnis, und mein Herz krampft sich zusammen. Meine Hände im Seifenwasser werden langsam schrumpelig.

Jetzt sind sie an der Haustür, und ich kann mich immer noch nicht rühren. Sie blicken nicht in meine Richtung, sondern starr geradeaus, und drücken länger als nötig auf die Klingel. Das schrille Geräusch dringt durchs ganze Haus, ich habe es nie gemocht.

Das alles geschieht in Echtzeit, nicht langsamer, nicht schneller, genau in der Zeit, die es braucht, zur Haustür zu kommen und die Klingel zu drücken.

»Mom«, brüllt Seth. »Machst du auf?«

In mir schreit alles: Geh zur Tür! Lass Seth nicht zur Tür!, aber ich kann mich einfach nicht bewegen. Ausgerechnet in diesem Augenblick kann ich meinen Sohn nicht beschützen.

»Echt, ey!«, höre ich ihn murren, als er den Fernseher ausschaltet und zur Haustür schlurft.

Da setzen sich meine Füße in Bewegung. Ich öffne den Mund, bringe aber keinen Ton heraus. Ich schaffe es nicht, vor Seth an der Tür zu sein, die aufschwingt und die beiden Beamten freigibt. Und mein Sohn, mein hinreißender, kluger Sohn sieht die unangenehme Pflicht in ihren Mienen, dreht sich mit entsetztem Blick zu mir um und rennt weg.

2

Versprechen brechen

»Habe ich das richtig verstanden, Tish?«, fragt meine beste Freundin Julia abwesend. »Du hast seit ein paar Tagen nichts mehr von diesem Typen gehört?«

Ich liege mit dem an mein Ohr geklemmten Hörer auf dem Esszimmerboden. Unter mir spüre ich den kratzigen Wollteppich und darunter den harten Holzboden. Von der Stuckverzierung an der Decke baumeln alte Spinnweben. Keine Ahnung, wie lange schon. Normalerweise liege ich nicht auf dem Esszimmerboden. Normalerweise gibt es keinen Grund dafür. Aber im Augenblick fühlt sich mein Herz so an, als hätte sich eine Hand darum geschlossen und würde immer fester zudrücken.

»Es geht gar nicht um die Anzahl der Tage, aber er reagiert auch nicht auf meine E-Mail …« Ich verstumme abrupt vor dem Mehrzahl-S. Da muss ich aufpassen.

An meinem Bein ist was. Eine kleine, schwarze Ameise. Ich sehe eine ganze Straße von der Küche herüberwandern. Keine Ahnung, wohin sie wollen, offenbar bin ich ihnen im Weg.

»Ich versteh nicht, wo das Problem sein soll«, sagt Julia. Im Hintergrund ruft ihr Dreijähriger nach ihr. Sein Vater macht: »Schsch.«

Genau das ist die Eine-Million-Dollar-Frage. Das Problem ist, warum ich vier Stunden für diesen Anruf gebraucht habe. Das Problem ist, dass ich es nicht aussprechen kann, obwohl ich Julia etwas sagen muss.

»Tish«, setzt sie an, als ich zu lange schweige. »Es ist gerade wirklich schlecht …«

Meine Chance für einen eleganten Abgang. Ich könnte sie entschuldigen und vor der Tatsache kapitulieren, dass sie eigentlich gar nicht wissen will, warum ich sie angerufen habe. Möglicherweise würde sie diesen Anruf vergessen. Zwar hätte sie ihn irgendwie noch im Kopf, aber der Inhalt wäre weg – wie bei dem Gedanken, dem Geistesblitz kurz vor dem Einschlafen, bei dem perfekten Satz, den man sofort aufschreiben sollte, es aber nie macht.

Ich könnte sie vom Haken lassen, tue es aber nicht. Ich gehe unter, auf dem Fußboden mit dem Trupp Ameisen, der direkt über mich hinwegmarschiert, mit dem glitschigen Hörer in der Hand. Wenn mich jetzt niemand rettet, bin ich vielleicht für immer verloren.

»Bitte. Leg nicht auf.«

»Ist gut. Gib mir zwei Minuten. Bleib, wo du bist.«

Fast hätte ich gelacht. Wenn ich irgendwohin gehen könnte, ganz gleich wohin, dann wäre ich schon weg.

Ich höre, wie der Hörer auf die Küchentheke gelegt wird und dann die kurze Verhandlung mit Ken, ob er Will für ein paar Minuten nehmen kann.

»Ja, es ist wichtig«, sagt sie, worauf zustimmendes Gemurmel folgt.

Ich höre Will aufheulen, als seine Mutter das Zimmer verlässt. Dann flucht Ken und entschuldigt sich sofort, als würde sein dreijähriger Sohn böse, wenn er flucht.

»So«, sagte Julia kurz darauf. Ich höre, dass es bei ihr still ist. »Ich bin im Arbeitszimmer und habe die Tür zu gemacht. Was zum Teufel ist los?«

Den ersten Anflug von Sorge verspürte ich Freitagabend.

Nach dem Essen und einem Film mit Zoey auf der Couch, während Brian noch Überstunden machte, wurde mir bewusst, dass Jeff mir nicht geschrieben hatte, wie die Kündigung gelaufen war. Er hatte sich vorher so darüber aufgeregt, dass ich sicher war, er würde mir alles darüber erzählen wollen. Aber als ich meine E-Mails checkte, fand ich nur seine alten Nachrichten.

Wie war es?, schrieb ich und wartete eine Minute auf seine Antwort. Als nichts kam, legte ich das Handy weg und wandte mich wieder Zoey zu. Sie wollte mir unbedingt erzählen, welche Probleme sie mit Briefe an Julia hatte, dem Film, den wir gerade sahen.

Als Brian nach Hause kam, war Zoey gerade bei Punkt sieben angekommen.

»Und warum müssen sich die Protagonisten zu Anfang des Films immer hassen? Damit’s der Dümmste kapiert: Hallo, die beiden kommen zusammen!«

Sie stoppte ihre Tirade, um zur Tür zu rennen und Brian auf den Rücken zu springen. Er sollte sie eine Runde durchs Haus tragen, obwohl sie wusste, dass sie mit elf eigentlich zu alt dafür war.

Brian ließ seine Arzttasche fallen und gehorchte. Zoey kreischte entzückt auf. Ich folgte den beiden durch die Küche ins Esszimmer und dann die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Es war spät, schon fast zehn. Brian beendete seine Runde, indem er Zoey aufs Bett fallen ließ und auf die rote Digitalziffer auf der Uhr daneben zeigte.

»Du brauchst deinen Schlaf, Kind«, sagte er. Seine Stimme war vom langen Tag ganz heiser. »Du hast dieses Wochenende viel vor.«

»Ich weiß.«

Er wuschelte ihr durchs Haar, und ich küsste sie auf die Wange. Wie aus einem Munde sagten wir: »Lies nicht mehr so lang«, dann lachten wir alle drei. Wir lachten auch noch, als Brian und ich durch den Flur in unser Schlafzimmer gingen.

Allein beim Anblick unseres großen, weichen Betts war ich erschöpft. Ich zog mich aus.

»Ziemlich spät geworden«, sagte ich.

Brian lockerte seine Krawatte. »Tut mir leid. Harrys Kinder hatten wieder Krupp.«

»Du bist der letzte Arzt in der Welt, der Hausbesuche macht.«

»Das will ich nicht hoffen.«

Ich sammelte meine Kleider zusammen und steckte sie in den Wäschekorb. Brian trat von hinten an mich heran, schlang seinen Arm um meine Taille und drückte seine Lippen auf meinen Hals. Ich lehnte mich kurz an und versuchte, die Energie aufzubringen, seinen Kuss zu erwidern und die Krawatte zu lösen.

»Ich bin todmüde«, sagte ich.

»Ich kann es kurz machen.«

Daraufhin drehte ich mich um und schlang ihm die Arme um den Hals. Er lächelte zwar, aber ich wusste, er meinte es ernst.

»Warum warten wir nicht, bis es nicht kurz sein muss?«

»Ich komme drauf zurück.«

»Gut.« Ich küsste ihn und presste meine Lippen fest auf seine, um den Deal zu besiegeln. »Kommst du auch ins Bett?«

»Ich glaube, ich esse erst noch was und sehe mir die Nachrichten an.«

»Aber bleib nicht zu lange auf. Morgen ist ein großer Tag, nicht wahr, Kleiner?«

ENDE DER LESEPROBE