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Eine Frau, die sich über Konventionen, Dogmen und patriarchale Machtstrukturen radikal hinwegsetzt: als Frau, als Nonne, als Schriftstellerin, als Rebellin. In einem furiosen Selbstgespräch schlüpft Cristina Morales in die Haut der großen spanischen Mystikerin Teresa und erzählt ihr Leben neu. Als Tochter eines zum Christentum konvertierten jüdischen Kaufmanns trat sie 1535 mit 20 Jahren in ein Karmelitinnenkloster ein. Später gründete sie 17 Reformklöster, kämpfte gegen die Inquisition und schrieb Werke, die bis heute zu den bedeutendsten der christlichen Mystik zählen. Morales' Teresa ist keine Heilige im klassischen Sinne, sondern eine kluge, zornige, verletzliche und kämpferische Frau, die sich gegen die Zumutungen ihrer Zeit behauptet – gegen die Kirche, gegen die Männer, gegen die eigene Familie. Eine Frau, die schreibt, weil sie muss. Weil Schweigen keine Option ist. Ein mitreißender Roman über Mystik und Macht, über Körper und Geist, über das Schreiben als Widerstand. Archaisch und modern zugleich, voller Ironie, Wut und Poesie: Letzte Tage mit Teresa von Ávila ist ein sprachliches Abenteuer, ein wilder Ritt durch die Geschichte einer Frau, die sich nicht unterkriegen lässt.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Cristina Morales
Aus dem Spanischen von Friederike von Criegern
Prolog
Nachwort
Anmerkung zur Juan Marsé gewidmeten Ausgabe: Der Körper der Schriftsteller
Notiz zur zweiten Ausgabe: HA HA HA HA!
Das mystische Abenteuer lebt vom reinen Paradoxon. Wer es antritt, der macht dies, weil er meint, die Welt – so voller Dinge, so an die Zeit gebunden – genüge nicht, möge sie noch so sehr das Werk des Schöpfers sein. Und um gegen dieses Ungenügen zu kämpfen, setzt man sich nicht nach außen hin in Bewegung, sondern nach innen, und gräbt im Urschlamm des eigenen Selbst. Das Ich, das nur ein Pronomen war, wird Substantiv, um gegen sich selbst Krieg zu führen und sich aufzulösen. Und erreicht es den Gipfel, findet es die Autorität, die es sucht, dann empfindet es das, was ihm vorher ungenügend schien, reiner und von den Wundern vollendet, auch wenn dort außen sich nichts verändert hat. Man kann es nicht besser formulieren als Teresa de Jesús, im Deutschen bekannt als Teresa von Ávila: »Wenn ich etwas Schönes oder Herrliches wahrnehme, wie Wasser, Auen, Blumen, Düfte, Musik usw., ist mir, als wollte ich nichts davon sehen oder hören; so groß ist der Unterschied zu dem, was ich normalerweise sehe, und so vergeht mir die Lust darauf. [U]nd es [kommt] mir als Unrat vor.« Das von Gott Geschaffene als Unrat zu bezeichnen: Fast können wir da den Inquisitor speicheln hören, der glaubt, endlich eine Häretikerin gefangen zu haben. Aber nachdem der Gipfel bestiegen und Gott im Trommelfell erklungen ist, dann wird die vormals ungenügende Welt entschieden außergewöhnlich: »Mir nützte es, Felder oder Wasser oder Blumen zu sehen. In diesen Dingen fand ich eine Spur des Schöpfers, ich meine, sie weckten mich auf und sammelten mich und dienten mir als Buch.« Was zuvor Unrat war, ist nun vage Erinnerung, und Mallarmé um Jahrhunderte vorausgreifend, schreibt Teresa einen exzeptionellen Satz, in dem sie ausdrückt, dass nicht etwa alles existiere, um letztlich in ein Buch zu fließen, sondern dass die Welt per se ein Buch sei, und ihr Autor, den sie in ihrem Inneren berge, sei die einzige angemessene Autorität unter so vielen und so leeren »falschen Autoritäten«, die ihr aufgezwungen wurden. Man sieht hier, dass Teresa Nicolás de Cusa gelesen hat, der dafür warb, jenes Buch Gottes zu lesen, das die Natur ist – also, sich zu bemühen, es zu verstehen –, im Gegensatz zur reinen bewundernden Kontemplation des Meister Eckhart. Gottes Buch, das man im eigenen Inneren trägt, ist zwingend das Buch von einem selbst, und es lässt sich nicht nur lesen: Es ist eine Einladung, sich selbst neu zu schreiben. Américo Castro, der mit Intelligenz das Werk der Heiligen Teresa untersuchte, und es mit Präzision über die Philosophie hinaus verwendete – »die Mystik lehnt die Philosophie ab« – und darin ein Ja-ist-Nein des Nihilismus findet, das Cioran, sich selbst im Spiegel Teresas betrachtend, segnen würde, und der Teresa als seine wichtigste Lehrerin betrachtet, irrt trotz alledem, wenn er diese Absätze als schlüssigen Beweis für die Naivität der Autorin betrachtet. Naivität? Nur, wenn wir das Ohr an die Etymologie des Wortes halten und uns daran erinnern, dass Ingenuität in der Antike und im Mittelalter den Stand der Freigeborenen bezeichnete, derer, die sich den einfältigen Luxus leisten konnten, die Wahrheit zu sagen, weil sie keine Strafen zu erwarten hatten, wenn sie es taten. Entschiedene und riskante Ingenuität, die sich zu schreiben traut: »Man wird sagen, dass ich ein Dummkopf sei, weil es [i. e. Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes] nicht das sagen möchte, sondern viele Bedeutungen hat, da doch klar ist, dass wir dieses Wort nicht zu Gott sagen dürfen […]. Ich bekenne, dass es viele Verstehensebenen hat; doch die Seele, die in rasender Liebe entbrannt ist, möchte von keiner etwas wissen, sondern einfach diese Worte sprechen.« Das heißt also, verstehen Euer Ehren was immer euch wohlgefällt, um mich vor den Flammen zu retten, doch was ich sagen will, wenn ich sage, dass ich einen Kuss vom Munde Gottes will, ist: dass ich einen Kuss vom Munde Gottes will.
Zweifellos hatte Teresa mit sichtbaren und weniger sichtbaren Feinden zu kämpfen, und vielleicht sah sie sich gezwungen, eine gewisse Vorsicht walten zu lassen, wenn sie schrieb, um nicht den Rachedurst von einigen derer zu stillen, die nicht merkten, welches Geschenk sie uns machten, als sie ihre Bekenntnisse ermöglichten. Wandervogel wurde sie sogar genannt, als das darauf hinauslief, jemanden als Hure zu bezeichnen: unruhig und unstet. Viele Male musste sie vor den Tribunalen der Inquisition erscheinen, weil dieser Dominikaner oder jener Augustiner Zeter und Mordio und zum Himmel geschrien hatte, jenem Ort, an dem die falsche Autorität Gott eingesperrt hatte, und sie versuchten, ihre Schriften gegen sie zu verwenden, weil sie sagte, dass sie Gott in ihrem Inneren barg und ihre Stunden damit vertat, ihm zuzuhören, und sich Sinnlichkeiten hingab, die man sich nicht erlauben durfte. Aber von dort bis zur Vermutung, dass sie nicht schrieb, was sie schreiben wollte, dass sie ihre Euphorie und ihre Ekstase dämpfte, das ist ein Schritt. Ein Schritt in die Fiktion, natürlich.
Es ist außerdem auch ein paradoxer Ausgangspunkt, wie das ganze mystische Abenteuer: Man geht davon aus, dass das, was wir von Teresa haben, nicht genügt, dass es die B-Seite braucht, um vollständig zu erklingen. Das erlaubt die Fiktion, denn die Fiktion erfindet nicht nur Ereignisse: Sie erfindet ganz fundamental Stimmen. Und die Stimme, die Cristina Morales für Teresa erfindet, ist überzeugend und entschieden. Als dieses Buch zuerst mit dem Titel Malas palabras[Schimpfwörter] erschien, da wirkte es tatsächlich wie die B-Seite vom Buch des Lebens von Teresa. Nun, da es wieder seinen ursprünglichen Titel trägt, könnte man die Stimme von Teresa/Morales wie eine Art gewagte Coverversion hören, die, ohne das Original ersetzen oder begleiten zu wollen, es neu interpretiert, indem sie es erweitert – indem sie es als gegeben hinnimmt – und es in eine andere Gegenwart entlässt, denn der Unrat der Welt, den die Vision von Teresa nur als großes Wunder anerkennt, nachdem sie ihn als Spur des Göttlichen gesehen hat, ist heute ein ganz anderer, auch wenn die Mechanismen, die ihn regieren, im Grunde genommen mehr oder weniger dieselben geblieben sind: Um sie, wenn schon nicht zu deaktivieren, so doch zumindest zu verringern, braucht es entweder den Willen zur Macht, wofür es ratsam ist, weiterhin unruhig und unstet zu bleiben, oder den Ehrgeiz, sich zu verstecken, wofür ein Zimmer für sich allein und die fünfhundert Pfund pro Jahr, die Woolf forderte, unerlässlich sind. Beides waren Ambitionen von Teresa, beide wurden erfüllt.
Die Teresa, die hier vorgestellt wird, wurde zwischen Klöstern und Wanderwegen eingefangen, im Haus einer Freundin, die sie gebeten hat, ihr Gesellschaft zu leisten, um die Trauer um den Verlust ihres Mannes zu lindern. So schwer die Einladung ihres Beichtvaters, sie solle ihre Erfahrungen zu Papier bringen, auch auf Teresa lastet, das Erste, dem sie sich stellt, ist die Frage, was sie von sich selbst erzählen solle, damit weder Eitelkeit noch Groll den Versuch untergraben, etwas zu sagen, was für den Empfänger des Textes zu etwas nutze, und dass nicht nur bloße Fingerabdrücke bleiben. Und sie hinterfragt sich: »Schreiben, um zu gefallen? Wirft man da nicht noch mehr Schutt auf die Ruinen, oder bedeutet es, sie zu säubern und neu auszurichten, so zu tun, als würde man bauen, obwohl es in Wahrheit doch kein Gebäude gibt, sondern nur einen ordentlichen Haufen Unrat?« So sehr die Spezialisten auch Montaigne für den Begründer der »Literatur des Ich« halten, so sehr manche auch Augustinus und seine Confessiones diesem Moment vorziehen mögen, so offensichtlich scheint es doch zu sein, dass Teresa die Erste war, die sich selbst als unerhörtes Thema der Erzählung erachtete: Sie wurde Text, sie webte sich selbst. Und an diesen Nähten stellt Morales’ Buch nicht so sehr eine Hypothese auf, sondern vielmehr eine Fiktion vor: Eine Fiktion, die, solange sie andauert, vorgibt, die Wahrheit zu verdrängen; sobald man die erzählende Stimme gehört hat, ist es aber letztlich nicht mehr wichtig, ob sie mit der Wahrheit der eigenen Stimme der Protagonistin übereinstimmt, zu der wir dank der vielen weltweit verfügbaren Ausgaben ihrer Schriften leichten Zugang haben.
Die von Morales gewebte Teresa bietet drei maßgeblichen Eigenschaften die Stirn: Als Frau – durch den Spiegel ihrer Mutter betrachtet, welche ihr Leben damit verbrachte, zu gebären, bis sie bei einer Geburt starb – weigert sie sich, in Erfüllung der Rolle als Ehefrau eine Kinderfabrik zu sein; als Geistliche, die mit einem der mächtigsten Unternehmen ihrer Zeit verbandelt ist, nimmt sie sich vor, keine Vermittler für ihre Liebesbeziehung mit demjenigen in Anspruch zu nehmen, der von den falschen Autoritäten im Himmel verortet wird und den sie in ihrem Zimmer eingesperrt haben möchte; als Schriftstellerin, die weiß, dass sie sich an ein Publikum in Gefangenschaft wendet, schreibt sie eine leichtfüßige und anmutige Prosa, die nur dann stockt, wenn sie darum ringt, das Unaussprechliche auszusprechen. In dieser dreifachen und einzigartigen Teresa vereinen sich auch die Zeiten, und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft tanzen Ringelreihen, erwecken Kindheitserinnerungen zum Leben, während sich zugleich im stets vereitelten Jetzt die Koketterie des Göttlichen manifestiert, die das Ewige ist.
Um diese formidable Figur zu fassen zu bekommen, zögerte die Autorin nicht, Teresa die erste Person Singular zu stehlen. Ihre erste Entscheidung war, dem Plagiat keinen Raum zu geben, ein gängiges Risiko für jeden aktuellen Text, der in die Vergangenheit reist, um sich als historisches Dokument auszugeben, ohne aber etwas anderes zu erreichen als im schlimmsten Falle eine Karikatur zu werden, und im besten eine reine Stilübung. Es ergab keinen Sinn, uns fünf Jahrhunderte später Teresa von Ávila wieder hervorzuholen, sie durch ein anderes Glas zu betrachten, durchbohrt – um es auf teresianische Art zu sagen – von einem sehr gegenwärtigen Blick, ein Fake zu produzieren, das die Imitation zur Norm erhebt. Die Wahrhaftigkeit der Figur muss aus ihr selbst kommen, indem ihr fiktiver Charakter verstärkt wird, und da fehlt es einem kaum, dass diese Teresa sich nicht irgendwann ein Paar Sneaker anzieht, wie die Marie Antoinette von Sofia Coppola, um so das Illusorische des Trugbilds zu betonen. Und so entsteht eine zutiefst politische Teresa, denn letztlich ist ihr Schicksal bestimmt von der Abfolge von Fragen darüber, wie die Welt organisiert ist – also darüber, wie die Wirklichkeit erfunden wird –, und darüber, wie die vorübergehenden Autoritäten, die sie führen, aufeinanderfolgen, ein Schicksal also, dem sie sich gezwungenermaßen, wäre zu betonen, zu ihrem eigenen Schutz unterwerfen muss, und zum Schutz ihres eigenen Machtwillens und ihres Bedürfnisses, wirksame Mittel zu suchen, um sich selbst zu retten und Einfluss auf ihr Umfeld auszuüben. Das heißt, dieses Abenteuer bringt sie unvermeidlich dazu, jede – künstliche – ererbte Autorität zu diskutieren und in Frage zu stellen, denn auctoritas sind nur diejenigen, die das vergrößern, worauf ihr Schatten fällt. Und wie sollte die Familie, in der die Mutter zu einer Gebärmaschine gemacht wurde, Autorität sein? Oder der Klerus, dessen Macht sich aus der bloßen Vermittlung speiste, nachdem er Gott im Himmel eingesperrt hatte? Angesichts dieser Umstände, die ihr Ich formten, macht sich Teresa auf den Weg, den Unrat der Welt zu finden und ihre einzigartige, strahlende Autorität zu erlangen: Sie findet sie zuerst in sich selbst, dann sperrt sie sie in ihrer Zelle ein, denn in der Zelle ist sie vollkommen frei – dies ein weiteres ihrer existenziellen Paradoxa –, und schließlich, – damit die Paradoxa sich nicht auflösen – trägt sie sie in die Welt hinaus, um auch selbst eine falsche Autorität zu werden, gemäß dem Gesetz jeglicher Autorität, die ihren Drang, über andere zu herrschen, nicht unterdrücken kann.
Das Buch von Morales, Ergebnis eines Auftrags des Verlags zur 500-Jahrfeier der Geburt von Santa Teresa, schien seinem Wesen nach gezwungen zu sein, ein Efeu-Werk zu werden: etwas, das eine Mauer braucht, an der es sich hochranken kann, und ohne die es haltlos zu Boden fallen würde. Der Autorin ist es gelungen, die Mauer Teresa in ein Trampolin zu verwandeln. Sie klammert sich nicht an ihr fest, sondern sie nutzt sie für einen Sprung. Den Sprung der Fiktion, und zu seinen beachtenswertesten Leistungen gehört, dass er uns vergessen lässt, welches Trampolin den Impuls gab, sich in die Luft zu werfen. Und um mit einem weiteren Paradoxon abzuschließen: Das Bemerkenswerteste an dieser Stimme ist wohl, dass sie einer Teresa Gestalt verleiht, die lebt, ohne durch eine andere zu leben, und die sie rühmt, mit der ganz eigenen Autorität der Fiktion, die überzeugende Stimmen erfindet.
Juan Bonilla
Für Javi, ohne dessen Gehalt ich diesen Roman nicht hätte schreiben können
Für meinen Mann, der mich umbringen will
Das Bekenntnis ihrer Sünden legen die Schwestern einmal in der Woche, oder spätestens nach dero zweien bei ihrem Beichtvater ab. […]
Sie sind mit Eifer bemüht, sich kurz zu fassen in ihrem Bekenntnis, indem sie mit Zurückhaltung die Reden beiseitelassen oder verwerfen, welche nicht zu jener Beichte gehören, nicht mehr als ihre Sünden bekennen sie. […]
Die Priorin und die Schwestern haben als zugewiesenen Beichtvater einen Pater, der ehrlich sei und fromm, weise und taktvoll und erprobt in der Überwachung der Regeln, nicht zu jungen Alters sei er, vielmehr reiferen Alters, sie sollen ihn in geschäftlichen und mühseligen Angelegenheiten demütig anrufen, und ohne seinen Rat werden sie keinerlei unüberlegt Ding tun.
Regelwerk eines Frauenklosters Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, geweiht Unserer Lieben Frau der Menschwerdung, app. 1510.
Die Gnade des Heiligen Geistes sei mit meinem ehrwürdigen Beichtvater, sie schütze seinen Schlaf und wärme ihn in dieser kalten Nacht, Amen.
Es ist weit nach Mitternacht und ich bin hellwach. Wir alten Frauen brauchen wenig Schlaf, ganz anders als die alten Männer. Gewiss schläft Hochwürden lang und tief, und zu dieser Stunde ruht er bereits seit zweien und atmet hinunter bis in den Magen. Mir aber schlägt all das auf den Magen, und den Schlaf verschlägt es mir erst recht. Doch so habe ich Gelegenheit zu üben, was der Pater mir aufgetragen hat, und das ist wahrlich keine einfache Aufgabe. Während er ruht, arbeite ich.
Die Gnade des Heiligen Geistes, sie sei, oh, sie sei mit dem Dominikaner, der den Mund ans Gitter führte, die Stimme senkte und mir zuflüsterte: »Schreibt auf, welche Gnade und Barmherzigkeit der HErr Euch gewährt, Mutter Teresa, auf dass ich Eure Beichte besser verstehe.« Und er ergänzte: »Auf dass ich Euch besser verstehe.« Und, weiter im Flüsterton: »Auf dass die großen Schriftgelehrten Euch verstehen.« Auch ich neigte mich zum Gitter, imitierte ihn, und ich roch seinen Atem, er hatte gut gegessen. Sein Orden war mir stets wie ein Fest vorgekommen, und welch Verheißung von Reichtum lag in seiner Stimme! Ich fühlte mich wie ein Lehrling, dem der Meister zum ersten Male die Pinsel reicht, wie ein Schildknappe, den der Edelmann das Schwert schwingen lässt, wie ein Sklave, dem sein Herr in die Augen blickt. Ich stimmte mit einem Lächeln zu, mit einem Lächeln empfing ich seinen Segen und mit einem Lächeln eilte ich in meine Zelle, bereitete die Bögen vor, setzte mich und zog das Tintenfass heran. Ich nahm die Haube ab und krempelte die Ärmel meines Habits hoch. Doch dann, die Feder in der Hand und bereits auf das Papier gesetzt, den ersten Satz im Kopf und schon aus der Hand fließend, hielt ich inne. Ich dachte noch einmal über seine Worte nach. »Wart Ihr denn nicht erbärmlich und eitel, bevor Ihr Euch habt zur Nonne weihen lassen? Wer wäre besser geeignet als Ihr, Mutter, um zu erklären, wie GOtt die Frauen belohnt, die ihr Erdenleben hinter sich lassen? Niemand kann Euch besser verteidigen als Ihr selbst, kann besser klarstellen, dass Ihr mit keinerlei Reformen liebäugelt, und so wird ein für alle Mal diese Feindseligkeit enden, welche die Heilige Inquisition gegen Euch hegt, und endlich werdet Ihr dann als das gesehen, was Ihr wahrhaftig seid: eine lebende Heilige.«
Die Feder hatte, aufs Papier gedrückt, einen schwarzen Fleck hinterlassen. Erneut imitierte ich den Dominikaner, der den Teufel im Munde geführt hatte: Bedenkt, der Teufel, der ist alt, so werdet alt, ihn zu verstehen! Nun ist diese bescheidene Dienerin bereits siebenundvierzig. Wer von uns beiden Teufeln ist der ältere, Ihr oder ich?
Ich hatte mir die Haube wieder angelegt, war zum Rosenkranz gegangen und danach zum Essen. Wie immer hatte ich kaum etwas zu mir genommen. Mein Beichtvater stand mir so klar vor Augen, dass ich noch mit ihm im Sinn meine Gebete vor dem Schlafen sprach. Ich hatte begonnen für ihn zu beten, GOtt schütze ihn, denn ich weiß, er verteidigt mich gegen die, die mich angreifen. Und zu einem anderen Gebet zu wechseln wollte nicht gelingen, denn unser Gespräch erfüllte mich ganz. Ich bat GOtt, mich zu erleuchten, um besser zu begreifen, welche Aufgabe mein Beichtvater mir gegeben hatte. Ich sagte: Mein GOtt, soll ich schreiben, dass ich in meiner Jugend erbärmlich und eitel war und dass GOtt mich dafür nun belohnt? Soll ich schreiben, um dem Beichtvater zu gefallen, um den Schriftgelehrten zu gefallen, um der Inquisition zu gefallen oder mir selbst? Soll ich schreiben, dass ich mit keiner Reform liebäugele? Soll ich schreiben, weil man es mir auftrug und ich das Gelübde des Gehorsams ablegte? Mein GOtt, soll ich überhaupt schreiben?
Und es ergab sich, dass GOtt und ich uns einig waren: Ich solle schreiben, was der Dominikaner von mir erwarte, weil er nichts anderes zulasse und ich ihm Gehorsam schulde. Ich soll schreiben, weil ich will, dass sich die guten Gelehrten mir anschließen, dies wird mich zu einer besseren Schriftstellerin machen und damit zu einer besseren Magd GOttes, und weil ich nicht will, dass mir die Inquisition den Prozess macht, nur weil ich eine Frau bin und über GOtt schreibe, und mehr noch: weil ich eine Frau bin und schreibe, weil ich eine Frau bin und lese. Weil ich eine Frau bin und spreche. Also lächele ich erneut angesichts des Auftrags, denn endlich verstehe ich ihn. Mein Vater, über den die Engel ihre schützenden Flügel breiten: Ich werde Euch geben, was Ihr von mir verlangt, und was Ihr nicht von mir verlangt, das werde ich Euch nicht geben, doch darum werde ich nicht unterlassen, es zu schreiben, denn es ermüdet, nicht verstanden zu werden, es ermüdet, dass sie dich verbrennen wollen, und mit Fug und Recht wünscht man sich, diese Qual möge enden, doch wird man nicht müde, über die Welt nachzudenken, davon zu erzählen und zu versuchen, kein Dummkopf zu sein. Und damit bin ich also um ein Uhr morgens im Palast von Doña Luisa de la Cerda beschäftigt, hier in Toledo, am elften Januar im Jahr des HErrn Fünfzehnhundertzweiundsechzig.
All dies geschehe zu Lob und Preis unseres HErrn Jesus Christus, und Er wird die Worte jener zu berichtigen wissen, die stets Seine unwürdige Dienerin ist, TeresadeJesús
Meine Mutter las immer hinter dem Rücken meines Vaters, heimlich wie ein Kind, das ein paar Kichererbsen gestohlen hat. In meiner Erinnerung hat sie hängende Wangen und Tränensäcke, schwere Ringe schlingern um knochige Finger, und ihre Lippen sind voll, rissig und nie ganz geschlossen. Sechs Monate lang war sie so. In den anderen sechs Monaten, wenn die jährliche Schwangerschaft sich zeigte, wurde ihr Gesicht apfelrund und die Ringe schmiegten sich ans Fleisch, und die fülligeren Mundwinkel verschlossen ihre Lippen, bis der Geburtsschrei kam. Wenn wir diesen Wandel sahen, bestätigten wir alle, dass sie schwanger ungleich schöner und gesünder war und dass die Kinder darum nicht nur dem Wohle von Haus und Hof dienten, sondern auch dem ihren. Aber in diesem unaufhörlichen An- und Abschwellen bemerkte ich, dass der Kontrast zwischen dem einen und dem anderen Zustand immer größer wurde. Meine Mutter gebar mit immer weniger Mühe, das ging so weit, dass bei meinem Bruder Agustín ihre Fruchtblase während des Mittagessens platzte und sie ihn gleich dort auf ihrem Stuhl zur Welt brachte, indes räumten die Bediensteten den Tisch ab und mein Vater schlürfte seinen Tee. In der gleichen Geschwindigkeit, mit der sie gebar, magerte sie ab, als wollte ihr Körper keinen Rest seines vorherigen Glanzes bewahren, wie jemand, der nach einem Festmahl speit. In ihren letzten Jahren erlebte ich sie so schwach, ihre niemals zur Gänze geschlossenen Lippen so verhärmt, dass ich mir nicht erklären konnte, wie sie erneut anzuschwellen vermochte, ein letztes Mal, mit Juan, Friede sei mit seiner Seele. In diesem Falle wuchs ihr Bauch, ohne sich dem übrigen Körper mitzuteilen, einer Schlange gleich, die ein Schaf verschlungen hat. Erst da erlaubte sie es sich, ihre Bücher ganz offen bei meinem Vater zu lesen, der ihr sogar ein paar der seinigen lieh. Sie konnte weder vom Bett aufstehen noch ohne Hilfe gehen, und wenn ich mit meinen elf Jahren zu ihr ging und ihr die Hand küsste und sah, dass die Ringe ihr nur darum nicht herabfielen, weil die knotigen Knöchel ihnen den Weg versperrten, da stellte ich mir vor, dass sie dieses Mal wohl nicht gebären würde, sondern platzen müsste, dass Juan aus dem Leib meiner Mutter geschleudert würde und man meine Mutter von oben bis unten zunähen müsste, sie nie wieder anschwellen könnte und für immer dünn bliebe, weniger wunderbar, aber zufriedener.
Verzeiht, Pater. Ich weiß schon, da Ihr es mir von Anfang an sagtet, dass ich deutlicher schreiben muss, andernfalls könnt Ihr mich nicht verstehen. Ach, die Schriftgelehrten! Was nutzen Euch die Buchstaben, wenn Ihr nicht in der Lage seid, das sich wiederholende Bild einer Frau am Boden zu begreifen? Nun, ich sage es deutlicher: Die Ehe brachte meine Mutter um. Nicht das Kindbettfieber, kein Blutsturz, auch nicht die letzte Geburt, die keine Explosion war, sondern sanft wie regelmäßiger Stuhlgang. Mein Vater brachte meine Mutter um, nach und nach und ganz unmerklich, so wie das Quecksilber in den Minen die Lungen der Verdammten vergiftet. Seit sie mit vierzehn Jahren geheiratet hatte, nahm mein Vater ihr Nacht um Nacht, jedes Mal, wenn er sich auf sie legte, ein wenig Leben. Dieser schleichende Mord ist mir heute, da ich ihn erkenne, schier unerträglich, doch das Kind, das ich war, verurteilte derlei Schikanen nicht. Ganz im Gegenteil, ich gab dem Opfer die Schuld. »Sie schmückt sich nicht heraus, weil sie es so möchte, denn an Schmuck mangelt es ihr nicht, den kauft ihr ja mein Vater.« Meine Mutter und ich lasen gemeinsam in ihrem Gemach, als ich sie fragte: »Mutter, warum trägst du deine Taftkleider nicht, warum nicht die Perlen in den Ohren? Du hast doch schwarze Perlen, die aus Ostindien stammen?«
»Und du, kleiner Wirrkopf, was achtest du so auf solchen Tand?«
Beschämt senkte ich den Kopf über das Buch und wir lasen weiter, meine Mutter verbesserte mich, wo ich mich irrte, was häufig vorkam, denn ich war nicht aufmerksam, sondern formulierte in meinem Kopf eine Antwort auf ihre Antwort. Wir waren noch nicht bis zur nächsten Seite gekommen, als ich stöhnte, weil ich es wiedergutmachen wollte:
»Mutter, ich liebe dich so sehr.«
Und sie bat mich, nachdem sie mich flüchtig gestreichelt hatte, sie alleine zu lassen.
»Aber Mutter, du bist doch immer allein.«
»Was könnte ich mehr wollen, mein Wirrköpfchen.«
Tatsächlich war meine Mutter nicht allein. Sie wurde von zwölf Kindern belagert, zehn eigenen und zwei angenommenen, dazu fünf Diener, zwei Haushälterinnen, eine Amme und ein Ehemann, furchtloser Kapitän des feindlichen Heers, das des Nachts den Zaun durchbrach und ihre Brunnen vergiftete. So wie die Belagerung von Zamora, die nicht in einer Stunde gewonnen wurde, so gab es auch die Belagerung von Doña Beatriz, gewonnen nach neunzehn Jahren: Die Jahre seit der Heirat mit meinem Vater und bis dieser zum zweiten Male Witwer wurde. Für ihn war es in der Tat der zweite Ort, den er einnahm, und er machte reiche Beute: Nachkommen in Hülle und Fülle, die ihm das Alter absicherten, ein reiches Erbe und an der Tür das Wappen eines Altchristen.
Doch überlassen wir meine Mutter noch nicht dem Tod, habe ich mir doch vorgenommen, Euch die Geschichte meiner Jugend wohl zu erzählen. Und ich greife Euer Gnaden vor, denn gewiss werdet Ihr mich bei der Lektüre dieser Bögen, die ich Euch freilich nie zu lesen geben werde, beschuldigen, nicht schreiben zu können und verteufelte Sprache zu verwenden, Jesus bewahre uns. Doch Jesus muss uns nicht davor bewahren, diese Sprache zu verwenden, Pater, denn da Er meine Seele, die diese Worte schreibt, durch keine Traurigkeit beschwert, zeigt Er mir, dass diese und keine anderen die rechten Worte sind, und mit der Zeit, wenn andere Leser kommen, wird sich erweisen, dass man dann für nichts mehr um Vergebung bitten muss. Und auch wenn ich gewiss nicht so gut schreibe, wie ich wollte, so weiß GOtt, dass Ihr Befriedigung ja doch nur aus der Lektüre päpstlicher Bullen und Akten der Heiligen Inquisition ziehen werdet. Vale.
Schlecht geht es einem bei Luisa de la Cerda nicht. Ich bin in ihrem Haus, um Euren Auftrag zu erfüllen, der darin besteht, mein Leben für die Schriftgelehrten aufzuschreiben, und meinen eigenen, der darin besteht, mein Leben für mich selbst aufzuschreiben; und so sammle ich mehr Leben zusammen als eine Katze. Aber noch bin ich hier und erfülle einen weiteren Auftrag, und dieser ist der vorrangige und der Grund für die vorher genannten: meine Gastgeberin trösten. Das verlangt der Obere des Konvents von uns Nonnen, wir sollen für die reichen Witwen die Beichtschwestern geben, denn ansonsten sollen wir für niemanden die Beichtschwestern, Ratgeberinnen oder Lehrerinnen sein. Die Priorin sagte mir, ich solle nicht dumm sein und die Gelegenheit nutzen: Zu Weihnachten in einem guten Hause in Toledo hätte ich es wärmer als in unserem mit Reif überzogenen Kloster in Ávila, sie müsse einen Mund weniger stopfen und Doña Luisa wisse schon, wie sie der Gemeinschaft meine Mühen vergelten könne. Der Gemeinschaft? Ich lache über die Gemeinschaft Unserer Lieben Frau der Menschwerdung, wo das Einzige, was uns gemein ist, unsere Schulden sind, Schulden und noch mehr Schulden. Hat man je ein ärmeres Kloster voller so reicher Nonnen gesehen? Pomp und schlechte Buchhalterinnen, so nenne ich es. Ehre GOttes und schlechte Ernten, so nennen sie es. Und noch mehr benenne ich: Mägde, Dienerinnen, Köchinnen, Laufburschen, Gärtner, Buchhalter müssen bezahlt werden, denn die Damen rühren keinen Finger, nicht einmal den kleinen, wenn sie ihre Teetassen zum Mund führen. Und ich hatte den steifsten kleinen Finger von allen, bei GOtt. Bis ich es bemerkte.
Weder dumm noch Profiteurin, antwortete ich der Priorin: Ich gehe aus Gehorsam, den ich Euch und dem Provinzial schulde.
Und sie kamen zur rechten Zeit, diese Anweisungen, Pater, und die Witwenschaft von Doña Luisa; möge GOtt mir viel mehr solcher Gelegenheiten schicken, das Gelübde des Gehorsams zu erfüllen! Denn, nur dass wir uns verstehen, Pater, just zu jener Zeit war ich dabei, mit meinem Bruder Lorenzo, meinem Schwager Juan de Ovalle und meiner Freundin Guiomar de Ulloa die Angelegenheit der Gründung eines neuen Klosters ohne steife kleine Finger abzuschließen. Und da das Unwetter stärker wird, und das nicht nur wegen des Winters, ist man besser nicht in der Stadt während der Monate, bis die Antwort aus Rom kommt. Auch De Ulloa hat sich in ihren Palast in Toro zurückgezogen, um aus der Schusslinie zu sein. Schon zwei Mal haben sie uns in Ávila die Kommunion verweigert, zu fasten toleriere ich, doch diese Entsagung nicht.
Wie gesagt, schlecht geht es einem nicht bei Luisa de la Cerda, und Ihr werdet mir sagen, wie soll es einem auch nicht gut gehen in einem Haus im Wert von sechshunderttausend Maravedís, und dann werde ich Euch antworten, Ihr solltet genau hinschauen, vom Aufstehen bis Ihr zu Bett geht, sollte Euer Ehren Gelegenheit haben, Luxus zu sehen, und dann achtet darauf, dass Prunk nicht immer der Garant für Vergnügen und eine gute Unterkunft ist, gibt es doch Paläste und königliche Klöster, wie die Ihren, in denen die Stühle so fein geschnitzt sind, dass man den Rücken nicht anlehnen kann, ohne dass sich das Non Plus Ultra ins Fleisch prägt. Doña Luisa hat gute Teppiche, und als ich sie auf dieses Detail aufmerksam machte, sagte sie:
»Das macht es leichter, unbeschuht zu sein.«
Könnt Ihr euch vorstellen, Vater, wie wütend ich wurde? Was ist es für ein Kampf, sich der Schuhe zu entledigen und die ursprüngliche Armut wieder zu etablieren. Gut kenne ich die Bluttöpfe, die der Teufel zum Kochen bringt, und so bemühe ich mich, als aufmerksame Köchin auf das Blubbern zu achten, auf dass es nicht aufhört, denn andernfalls wird die Brühe nicht schmackhaft; und überkochen darf sie auch nicht, denn das wäre eine Sauerei. Und so antwortete ich der Dame:
»Im Gegenteil. Das macht es schwieriger.«
»Frau …«
»Mutter, wenn es Euch nichts ausmacht.«
»Ach, Mutter, Verzeihung. Das war ein Scherz, um mehr Vertrauen zueinander zu fassen.«
Und da fachte nun der Teufel die Glut an, nicht dass die Dame ein Teufel wäre, das habe ich nicht gesagt, GOtt bewahre. Die Dame ist eine Dame und benimmt sich wie eine Dame, und unser HErrgott liebt sie und auch ich soll sie lieben, doch der Teufel versucht mich, damit ich sie nicht liebe. Weiß GOtt, es ist schwer, Doña Luisa de la Cerda zu lieben. Ich strenge mich an:
»Ich vertraue Euch, Doña Luisa, und darum wage ich es, Euch ehrlich zu antworten, und selbiges – und keine Scherze – erwarte ich von Euch.«
Sie, die Hände gefaltet und das Gesicht gerötet, nicht etwa vom Pudern, sondern wegen der Hitzewallungen, antwortete mir: »Wie gut habe ich daran getan, Euch zu rufen, Mutter! Wie deutlich lasst Ihr mich erkennen, welch Sünderin ich bin! Ihr seid wahrhaftig eine Heilige!«
Diese Damen, immer tragen sie die Heiligkeit auf der Zunge. Sie hat mir ein ausgezeichnetes Zimmer gegeben, obwohl ich um das ärmlichste von allen bat. Das ärmste von allen? Das ärmste wäre das des Burschen, und selbst das dürfte noch einen Spiegel haben, so gering schätze ich sie. Doch hätte ich ins Burschenzimmer gehen wollen? Ich wollte Doña Luisa mit ihrer aufdringlichen Gastfreundschaft nicht vor den Kopf stoßen, dies wäre Undankbarkeit ihr gegenüber und eine Laune meinerseits, also nahm ich die luxuriöse Unterkunft an und dankte ihr, bat lediglich darum, die Spiegel entfernen zu lassen. Auch eine Laune? Bin ich etwa in meinem Hause, wo ich befehlen kann? Kann ich sie denn nicht selber abhängen? Warum habe ich das Zimmer nicht einfach so angenommen, wie es mir angeboten wurde, mit oder ohne Teppiche, mit oder ohne Spiegel? Oh, HErr, welch opulente Formen nehmen Eure Prüfungen an. So wollte ich mich auf die Probe stellen und befragte mich selbst wegen des Burschenzimmers. An diesem Morgen, zur Stunde, da De la Cerda sich herausputzte, ging ich also zum Schuppen und fand tatsächlich ein elendes Loch vor: Gerätschaften, Werkzeuge, große Scheren für den Baumschnitt, Säcke, Seile, ein Schemel zum Sitzen und eine Pritsche, auf der der Moriske sein Mittagsschläfchen hält, denn die Nacht verbringt er zu Hause. Kein Spiegel, ich Besserwisserin. Wäre ich hier eingezogen, wenn es nach meinem Willen gegangen wäre, in diesen nach Urin riechenden Verschlag, und das für all die Monate, die man in diesem Hause nach mir verlangte? Was waren das für Novizinnen-Sorgen, Vater, und das bei jemandem, der seit zwanzig Jahren das Habit trägt! Ich nehme an, in den Schuppen zu ziehen, wäre nur eine eitle Geste der Heiligkeit gewesen, dumme Aufopferung, Stolz der hässlichen Sorte, und am schlimmsten, und das ließ mich meinen Fehler erkennen: Ich hätte damit dem Morisken das einzige Dach genommen, das ihn vor den Wettern schützt.
