Level Three: Endgame Love - Vanessa Hußmann - E-Book

Level Three: Endgame Love E-Book

Vanessa Hußmann

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Beschreibung

Sie dürfen sich nicht lieben, doch das Schicksal hat andere Pläne …

Nach der Trennung von ihrer ersten großen Liebe beschließt Nele, ihr Leben auf den Kopf zu stellen: Sie schmeißt das BWL-Studium und schreibt sich für Game Art ein. Das Praktikum bei der Spieleentwicklungsfirma Exeoh ist ein weiterer Meilenstein in ihrem neuen Leben, und Nele kann ihr Glück kaum fassen. Zumindest, bis sie ihren Mentor Milan kennenlernt. Der talentierte Level Designer bringt Nele zwar all das bei, was ihr jahrelang unerreichbar erschien, sieht aber auch verdammt gut aus. Jedes Mal, wenn er in ihrer Nähe ist, schlägt ihr Herz schneller. Doch eine Beziehung mit ihm ist vertraglich untersagt. Als ein 24-Stunden-Schwimmen für wohltätige Zwecke ansteht, bittet Milan sie um Hilfe, weil er nicht richtig schwimmen kann. Bei heimlichen nächtlichen Treffen werden die beiden immer vertrauter miteinander. Trotz aller Verbote …
Spice-Level: 3 von 5

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Seitenzahl: 508

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Nach der Trennung von ihrer ersten großen Liebe beschließt Nele, ihr Leben auf den Kopf zu stellen: Sie schmeißt das BWL-Studium und schreibt sich für Game Art ein. Das Praktikum bei der Spieleentwicklungsfirma Exeoh ist ein weiterer Meilenstein in ihrem neuen Leben, und Nele kann ihr Glück kaum fassen. Zumindest, bis sie ihren Mentor Milan kennenlernt. Der talentierte Level Designer bringt Nele zwar all das bei, was ihr jahrelang unerreichbar erschien, sieht aber auch verdammt gut aus. Jedes Mal, wenn er in ihrer Nähe ist, schlägt ihr Herz schneller. Doch eine Beziehung mit ihm ist vertraglich untersagt. Als ein 24-Stunden-Schwimmen für wohltätige Zwecke ansteht, bittet Milan sie um Hilfe, weil er nicht richtig schwimmen kann. Bei heimlichen nächtlichen Treffen werden die beiden immer vertrauter miteinander. Trotz aller Verbote …

Die Autorin

Vanessa Hußmann wurde 1992 geboren und liebt es, in fremde Welten einzutauchen. Sie hat ein Jahr in den USA gelebt und war in Thailand und Vietnam unterwegs. Am liebsten aber ist sie mit ihrer Familie zu Hause und schreibt zwischen Lichterketten und unzähligen Büchern Geschichten. Dabei kann sie immer auf die Unterstützung ihres Katers Bowie zählen. Wenn Vanessa nicht schreibt, verbringt sie ihre Zeit mit einem guten K-Drama oder den Sims, nur um diese nach wenigen Spielstunden wieder zu vergessen. Weitere Informationen auf Instagram unter: @vanessahussmann.

Lieferbare Titel

Level One: Feelings Reloaded

Level Two: Hearts at Play

Vanessa Hußmann

Level Endgame LoveThree

Roman

Band 3 der Levels-Reihe

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe 02/2026

Copyright © 2026 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Nina Bellem

Umschlaggestaltung: www.buerosued.deInnengestaltung unter Verwendung der Bilder von: © Adobe Stock (WiseLayz, hiten666, SickleMoon, Sova Olga, Arina, Yejin Woo)

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-32866-5V001

www.heyne.de

Du bist jetzt bereit, Level Three: Endgame Love zu starten.

Aber denke daran: Es ist nicht bloß eine Geschichte. Deine Emotionen beeinflussen dein Leseerlebnis.

Die Contentwarnung findest du hier.

Für das bestmögliche Leseerlebnis achte gut auf dich.

Für alle Künstler*innen unter euch, die denken, nicht gesehen zu werden.

Playlist

Wincent Weiss – Auf den Grund

Ateez – Turbulence

Dan + Shay – 19 You + Me

Vide – Everything

Mokita – Ready Yet

Chord Overstreet – Hold Me

Dean Lewis – Waves

Charlie Puth – See You Again

Daughtry – Wild Heart

Parachute – Kiss Me Slowly

The Fray – You Found Me

Glee Cast – Keep Holding On

Sia – Breathe Me

Taylor Swift – Begin Again

Adam Lambert – Better Than I Know Myself

Ariana Grande – Supernatural

Taylor Swift – You Are In Love

Taylor Swift – So High School

Foals – Spanish Sahara

Daughter – The Right Way Around

Daughter – Departure

Noah Kahan – The View Between Villages

Avril Lavigne – I’m With You

BTS – Magic Shop

Wincent Weiss – Langsam

Teil 1

Warnung: Achte während des Lesens auf deine Gefühle. Vor allem auf die, die verboten sind …

Prolog

Familie.

Etwas, das ich nie hatte, mir aber immer gewünscht habe.

Als Kind bedeutet Familie einem alles. Man wächst mit der Vorstellung auf, dass Vater und Mutter beide wichtig sind, dass sie da sind. Anwesend. Bei Fußballspielen, für Gutenachtgeschichten oder wenn man sich verletzt hat. Für Umarmungen, so kurz sie auch waren.

Die Eltern sind da.

Meine waren es nie.

Ich habe einen Vater, den ich nie kennengelernt habe. Eine Mutter, für die ich zu schwierig war, die lieber um die Häuser gezogen ist, anstatt sich um mich zu kümmern. Die mich aufgegeben hat, als ich sie am meisten brauchte. Der ich nicht wichtig war, bis ich ins Heim kam.

Das zumindest ist meine Version, meine Vorstellung, meine Sicht. Ich habe mich damit abgefunden, meine Mutter niemals wiederzusehen, und dass sie für immer ein unvollständiges Kapitel in meinem Leben bleiben wird. Eines, das ich immerzu aufschlage, auch wenn ich es nicht will.

Womit ich nicht gerechnet habe, ist, dass sie an einem eigentlich normalen Montagmorgen plötzlich vor meiner Tür steht. Neu auferstanden, wie ein Phönix aus der Asche, völlig verändert, als hätten die letzten Jahre nicht existiert. Wie eine Version ihrer selbst, der sie immer hinterhergejagt ist und zu der sie erst werden konnte, nachdem sie mich zurückgelassen hat.

Nein, damit habe ich nicht gerechnet.

Genauso wenig mit ihrer Bitte, mich mit ihr zu treffen, weil sie mich sehen will.

Etwas, das sich mein inneres Kind immer gewünscht hat zu hören. Etwas, das es auch heute noch hören will.

Sie steht vor mir, ist nicht nur eine Wunschvorstellung. Und dennoch weiß ich, dieses Bild von einer perfekten Familie werde ich niemals bekommen. Ich werde niemals der Typ sein, der bedingungslos vertrauen, der sein Herz verschenken und sich einer Person öffnen kann, in der Hoffnung, die Narben aus der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Das alles hat meine Mutter mir genommen.

Aber mein inneres Kind, dieser kleine Junge von damals, ist so ausgehungert nach Liebe, dass er blind für all die Warnungen ist.

Ich sage zu, gebe ihrer Bitte nach, auch wenn der klügere Teil in mir weiß, am Ende werde ich sowieso wieder enttäuscht werden.

Für mich gibt es kein Happy End.

Lesson 1

Nele

Ich habe einen Fünf-Jahres-Plan.

Die Punkte darauf sind folgende: Zusammen mit meinem Freund Theo das Studium beenden. Raus aus Berlin in einen Bungalow ziehen, hinein ins Grüne, umgeben von lauter Blumen und Grünpflanzen. Mit einem Australian Shepherd und ein paar Katzen. In dem Bungalow gibt es ein Zimmer nur für mich, meine Bücher und Videospiele, einen Schreibtisch zusammen mit dem Grafiktablet, das ich dann endlich habe. In lauen Sommernächten werde ich dann zeichnen, nebenbei dem Zirpen der Grillen lauschen und die klare Nachtluft einatmen. Später gehe ich dann ins Bett, zu Theo, wir lieben uns und führen dieses Bilderbuchleben, von dem wir immer geträumt haben.

Es gibt nur einen Haken an der Sache.

Der Fünf-Jahres-Plan existiert nicht mehr. Statt in einem Bungalow sitze ich auf der Bettkante meines alten Kinderzimmers, und von der glücklichen Beziehung fehlt auch jede Spur. Von der Wand aus starren mich Poster aus der Jugend an, und ich halte das Handy fest umklammert, in der Hoffnung, Theo würde sich endlich melden.

Um mir zu sagen, dass ich mich bloß in einem Albtraum befinde und alles nur ein Missverständnis ist. Dass ich mir die Trennung nur eingebildet habe.

Allerdings fühlen sich seine Worte, die seit vier Wochen unaufhörlich in meinem Kopf herumkreisen, dafür viel zu real an. Sie erinnern mich immerzu daran, dass mein gesamtes Leben in tausend Scherben zersprungen ist.

»Das mit uns hat keine Zukunft, Nele. Guck dich mal an: Du bist vierundzwanzig und trägst immer noch das Shirt mit dieser lächerlichen Figur darauf. So wirst du niemals erfolgreich werden.«

Das Shirt mit der lächerlichen Figur trage ich gerade, denn es handelt sich um meine liebste Mangafigur: Zoro aus One Piece.

Seit einem Monat wohne ich wieder bei meinen Eltern und weiß nicht, wie mein Leben so eine Wendung nehmen konnte. Einige Sachen befinden sich noch immer in unserer ehemaligen Wohnung, in der Theo wohnen geblieben ist, aber ich habe es bislang nicht über mich gebracht, erneut dort aufzukreuzen. Dass er beschlossen hat, mich aus seinem Leben zu streichen, schmerzt zu sehr.

Und dennoch hoffe ich jeden Tag, dass er sich meldet. Alles in mir tut weh. Jede einzelne Bewegung, jeder Schritt und jeder Atemzug. Vor allem aber mein Herz, denn es ist gebrochen.

Noch nie in meinem Leben habe ich dieses Gefühl von absoluter Ohnmacht verspürt. In mir existiert nur Leere, ich funktioniere bloß noch. Seit der Trennung habe ich keinen Fuß mehr in die Uni gesetzt, weil ich Angst habe, Theo dort zu begegnen.

Das mit uns hat keine Zukunft.

Das mit uns hat keine Zukunft.

Das mit uns hat keine Zukunft.

Ich schmeiße das Handy zur Seite, und heiße Tränen laufen mir über die Wangen, weil ich die Welt nicht mehr verstehe.

Mit vierundzwanzig wohne ich wieder bei meinen Eltern – auch wenn daran nichts Verwerfliches ist –, aber ich hatte eben diesen Plan. Habe an ihm festgehalten und daran geglaubt. Jetzt in dem Zimmer zu schlafen, aus dem ich vor vier Jahren ausgezogen bin … Es fühlt sich an wie ein gewaltiger Rückschritt. Zumal ich nicht mehr die Nele von damals bin. Es gibt nur ein Davor und Danach, aber irgendwie befinde ich mich dazwischen. Ich bin wie gelähmt, obwohl ich weiß, dass ich die Trennung hinter mir lassen muss.

Ich lege mich wieder aufs Bett, ziehe die Beine fest an meinen Körper, um nicht völlig auseinanderzubrechen. Aber es ist zu spät, denn von mir ist nichts mehr übrig. Alles, was mich ausgemacht hat, wurde ersetzt von Liebeskummer und Selbstzweifeln.

Was ist, wenn Theo recht hat und ich erwachsen werden muss? Wenn meine Leidenschaft für Anime, Manga und Gaming zwar in dieses Kinderzimmer gehört, aber in der Außenwelt nichts verloren hat? Wenn ich anfange zu werden, wie Theo mich gerne haben will, dann wird alles wieder gut. Oder?

Ich stehe auf, um die Poster von den Wänden zu reißen, doch im letzten Moment höre ich meine Mutter rufen: »Nele, willst du auch etwas essen?«

Seufzend folge ich dem Geruch von Spaghetti bolognese nach unten. Auch wenn ich wieder hier wohne, ist es immer noch ungewohnt. Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meinen Eltern, dennoch wäre ich lieber in eine eigene Wohnung gezogen. Dazu fehlt mir als Studentin jedoch das nötige Kleingeld, und durch die überraschende Trennung gab es keine Möglichkeit, schnell ein WG-Zimmer zu finden.

Bevor ich das Esszimmer betrete, setze ich ein Lächeln auf, damit nicht sofort auffällt, dass ich einige Minuten zuvor noch geweint habe. Aber natürlich werfen mir meine Eltern einen besorgten Blick zu, als ich mich an den Tisch setze.

»Was hat er jetzt schon wieder gemacht?«, fragt Papa argwöhnisch.

Früher war Theo der perfekte Schwiegersohn, meine Eltern hörten bereits die Hochzeitsglocken für uns läuten. Zumindest bevor er sich verändert hat und unsere Interessen auseinandergegangen sind. Ich will nicht darüber nachdenken, es nicht wahrhaben. Denn sonst müsste ich akzeptieren, dass die Trennung unvermeidbar war. Jeder um mich herum ist insgeheim froh, dass wir nicht mehr zusammen sind, dessen bin ich mir bewusst.

»Nichts«, antworte ich. »Es ist halt nur … nicht leicht.« Ich habe mir fest vorgenommen, nicht zu weinen. Aber unter den Blicken der beiden brechen sofort alle Dämme, und ich vergrabe das Gesicht in den Händen.

Sie sollen mich nicht so sehen. Ich will es nicht schwieriger für sie machen. Nicht zu viel sein. Ich war für Theo schon zu viel.

Mama streicht mir über den Rücken, was mich jedoch nicht tröstet, sondern es nur schlimmer macht.

»Was ist, wenn es doch meine Schuld ist?«, frage ich plötzlich. Es ist ungeplant, überkommt mich einfach, und schon im nächsten Moment bereue ich meinen Ausbruch.

Fragend ziehen meine Eltern die Augenbrauen zusammen.

Ich beiße mir auf die Lippe und sehe weg. »Ich meine nur … ich hätte mich mehr anpassen, mehr darauf eingehen können, was Theo möchte. Was er sich vorstellt. Dass es dem Ansehen seines Vaters schaden könnte, wenn er mit jemandem zusammen ist, der gerne von Manga und K-Dramen schwärmt, verstehe ich sogar. Und –«

»Stopp.« Mama hebt die Hand, um mich zu unterbrechen. »Das sind Dinge, die dich ausmachen. Und an denen ist nichts falsch. Dass ihr euch beide in sieben Jahren verändert, ist völlig normal. Trotzdem gibt ihm das nicht das Recht, dich so zu behandeln.«

Auch wenn ich das weiß, prallen die Worte an mir ab. Stattdessen denke ich an diese eine Situation, die ich einfach nicht vergessen kann. Vielleicht liegt es daran, dass sie mich daran erinnert, dass ich dank Theo immer denke, ich bin nicht richtig.

Ich konnte nicht sagen, dass mir das Arbeiten in der Kanzlei von Theos Vater Spaß machte. Der Job brachte mir nebenbei Geld ein, und zwischendurch sah ich Theo dort. Auch wenn er BWL studierte, half er regelmäßig in der Kanzlei aus.

Im Gegensatz zu ihm, der stets im Anzug oder Hemd auftauchte, trug ich gerne lockere Kleidung. Jeans, ein Shirt mit Print und meine saubersten Sneakers. Mir war wichtiger, es bequem zu haben. Vor allem wenn ich am Schreibtisch saß, E-Mails für Theos Vater weiterleitete oder Akten sortierte. So wie heute. Ich musste mich konzentrieren, damit ich nicht einschlief, weil die Arbeit monoton war. Eigentlich jeden Tag. Während Theo im Studium seiner Leidenschaft nachging, hatte ich das Gefühl, innerlich zu sterben, in der Kanzlei und an der Uni. Ich hasste alles. Nur traute ich mich nicht, mit ihm darüber zu sprechen, weil er schon all diese Pläne für uns gemacht hatte. Pläne, die vor dem Studium noch ganz anders klangen. Zuvor sehnten wir uns nach Freiheit, nach endlosen Reisen mit einem Rucksack durch Thailand oder Vietnam. Wir wollten nie wegen eines Jobs komplett ausbrennen oder das Gefühl haben, nicht richtig zu leben. Theo war seit dem Studium das komplette Gegenteil geworden. Und ich wusste nicht, wo er abgebogen war, wo unsere Wege begonnen hatten, in verschiedene Richtungen zu laufen …

Als das Telefon klingelte, wurde ich aus den Gedanken gerissen.

»Nele, kannst du mir bitte den grauen Ordner in den Besprechungsraum bringen? Er liegt auf meinem Schreibtisch, ich habe ihn dort liegen lassen.«

»Natürlich, Viktor. Kommt sofort.«

Mit schweren Gliedern stand ich auf, griff nach dem Ordner und lief zum Besprechungsraum. Mit ein bisschen zu viel Schwung öffnete ich die Tür und blieb ruckartig stehen, als sich fünf Köpfe in meine Richtung drehten. Fünf Männer starrten mich verdutzt an, einer schmunzelte.

Hitze stieg mir in die Wangen, ich lächelte verhalten und eilte zu Viktor, der am Kopfende des Konferenztisches saß.

»Danke dir, Nele.«

»Ich wusste gar nicht, dass du eine Tochter hast, Viktor«, sagte einer der Männer und musterte mich dabei. Dann lächelte er verhalten, als er mein Shirt sah, auf dem ein Bild von Sailor Venus prangte.

»Oh, das ist Nele. Theos Freundin.«

Auch wenn er lächelte, störte mich etwas an der Art, wie er es sagte. Als wäre ihm diese Tatsache unangenehm. Genau in diesem Augenblick entdeckte ich Theo am Tisch. Er starrte auf einen Punkt vor sich, anstatt mich anzusehen. Tat so, als wäre ich gar nicht da.

War ich ihm etwa peinlich?

Den ganzen Tag über musste ich an die Situation in der Kanzlei denken. Die Blicke der Männer hatten sich tief in mich eingebrannt. Als hätte ich ihre Welt betreten, in die ich nicht gehöre. Als würde Theo mich nicht dabeihaben wollen.

Er kam erst spät aus dem Gym nach Hause. Etwas, das ebenfalls neu war. Früher hatte er nie exzessiv trainiert. Manchmal, in leisen Momenten, wenn ich allein war, hatte ich Angst, dass er dort vielleicht jemanden kennengelernt hatte …

Trotzdem wartete ich jeden Abend auf ihn, ganz egal wie oft er mich versetzte. In der Hoffnung, er würde wieder zu dem Theo werden, in den ich mich früher verliebt hatte.

Als er schließlich die Wohnung betrat, sprang ich sofort auf. »Hast du mal auf die Uhr geguckt? Es ist nach zehn.«

Ich wollte nicht vorwurfsvoll klingen, doch die Enttäuschung darüber, wieder einmal versetzt worden zu sein, nagte an mir. Für diesen gemeinsamen Abend hatte ich Johanna und Lou abgesagt.

Wieder einmal.

»Entspann dich, ja? Es hat eben länger gedauert.« Er rollte mit den Augen, war sofort genervt.

»Du hättest schreiben können.«

»Ich muss mich ja wohl nicht bei dir abmelden.«

Ich öffnete den Mund, sagte jedoch nichts. Diese Diskussion führten wir in letzter Zeit sehr oft, und ich war es leid. Ohne weiter darauf einzugehen, ging ich zurück zur Couch.

Seufzend legte er seine Jacke ab und kam zu mir. Sein Blick verhärtete sich erneut, als er das Sailor-Venus-Shirt sah. Automatisch verschränkte ich die Arme vor der Brust.

»Ich war dir heute peinlich, oder? In der Kanzlei.«

Normalerweise behielt ich solche Gedanken für mich, aus Angst vor der Wahrheit. Eine Wahrheit, die ich insgeheim bereits kannte. Die ich nicht wahrhaben wollte, weil ich hoffte, den Theo von früher zu erkennen. Dass er wieder der Mann wurde, der mich in den Arm nahm, der mich sein ließ, wie ich war, anstatt mich zu kritisieren. Nicht der, der vor mir saß. Kalt, distanziert und oft genervt.

»Du kannst nicht ständig damit rumlaufen. Wir sind erwachsen, Nele. Vor fünf Jahren war das vielleicht noch okay. Aber jetzt sollten wir uns unserem Alter entsprechend verhalten.«

»Unserem Alter entsprechend verhalten? Wer gibt vor, wie das aussehen soll? Die Männer im Besprechungsraum etwa? Deine neuen Freunde im Studium, die du so anhimmelst?«

»Das Leben dreht sich eben nicht nur um Anime und Videospiele. Komm endlich in der Realität an.«

Seine Worte versetzten mir einen Stich. Anime und Videospiele. Zwei der Dinge, die ich am meisten liebte. Dennoch lenkte ich ein. »Es tut mir leid, wenn ich dich heute in Verlegenheit gebracht habe.«

Darauf antwortete er nicht sofort. Theo wich meinem Blick aus, wirkte gedanklich weit weg. Dann sagte er: »Ich weiß nicht, ob das mit uns noch Sinn macht.«

Er sagte das, als bedeutete es nichts. Eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken. Ich hingegen wusste nicht mehr, wie ich atmen sollte.

»Was?«, fragte ich verwirrt. »Wovon sprichst du?«

Er besaß einen eigenartigen Humor, machte manchmal seltsame Witze, das war ich bereits gewohnt. Deshalb konnte ich seine Worte nicht ernst nehmen. Allerdings blieb seine Mimik starr wie Stein. In meiner Brust knackte es, und ich bekam das Gefühl, plötzlich den Boden unter den Füßen zu verlieren.

»Ich bin nicht mehr der Junge von damals, Nele. Aber du siehst mich noch immer so. Ich will das nicht mehr. Die Dinge, die du willst, will ich nicht.«

»Tut mir leid, dass mir Geld und Ansehen nicht so wichtig sind wie dir.«

Wieder schnaubte er nur, während mein Herz weiter brach. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und starrte stattdessen an mir herab, weil Theo wieder herablassend auf mein Shirt blickte.

»Ich verstehe es trotzdem nicht. Gestern … Da haben wir noch miteinander geschlafen, und heute willst du Schluss machen? Was ist mit all unseren Plänen?«

Theo zuckte nur mit den Achseln. »Stell dich nicht so an, ja? Wir hatten eine schöne Zeit und guten Sex. Aber ich sehe mich einfach nicht in deiner rosaroten Welt mit all diesen komischen Videospielen und Mangafiguren. Das ist mir heute noch mal ganz deutlich bewusst geworden. Ich habe mich verändert, und vielleicht ist das das Problem. Denn du bist stehen geblieben. Was okay ist. Aber für mich passt es nicht mehr.«

Wieder knackte es in meinem Brustkorb, und ich war mir nicht sicher, ob ich gerade starb. Ich befand mich in einer Schockstarre, unfähig, zu denken oder zu reagieren. Zwar hörte ich, was Theo sagte, doch ich verstand es nicht.

Verstand nicht, wie er hier vor mir stehen, mir das Herz herausreißen konnte und es ihm nicht mal etwas ausmachte. Als wäre ich ihm völlig egal und als hätten die letzten sieben Jahre nie existiert.

»Zieh bis Ende der Woche bitte aus.«

Danach ging er an mir vorbei und verschwand im Badezimmer. Verschwand aus meinem Leben, als wären wir uns niemals begegnet.

Nur langsam schaffe ich es, ein paar Nudeln zu essen. Jetzt, wo mich die Erinnerung überrannt hat, ist mir speiübel. Der Schock, die Leere und diese grenzenlose Fassungslosigkeit machen es mir unmöglich, am aktiven Leben teilzunehmen.

Ich fasse an meinen Hals, taste nach der Kette meiner Oma, weil sie mir immer Sicherheit gibt. Es ist ein Familienerbstück, mit einem blauen Morphofalter als Anhänger. Aber sie ist nicht da, weil sie sich in unserer – nein, Theos – Wohnung befindet und ich sie in der Eile vergessen habe. Das einzige Materielle, was mir wirklich am Herzen liegt, aber ich kann mich nicht überwinden, sie zu holen. Denn dann müsste ich die Wohnung betreten, die einst mein Zuhause war. In der wir Momente geschaffen haben, die für die Ewigkeit sein sollten, aber jetzt nichts mehr bedeuten.

»Nele?«

Ich höre, wie Papa mich ruft, aber mein Kopf ist wie in Watte gepackt. Langsam sehe ich ihn an.

»Hast du dir schon Gedanken gemacht, wann du zurück zur Uni gehst? Ich will dir keinen Druck machen, nur –«

Mama legt ihre Hand auf seine und schüttelt den Kopf.

»Falscher Zeitpunkt.«

Ich ringe mir ein Lächeln ab und bin froh, mich nicht erklären zu müssen. Gerade weiß ich gar nicht, ob ich die Uni jemals wieder von innen sehen möchte. Und das liegt nicht nur an Theo. Das Studium erscheint mir auf einmal sinnlos. Nach dem Abi wusste ich nicht genau, wo ich hinwollte. Es hieß immer nur, dass ich mit meiner Kreativität nicht weit kommen würde, weil die Künstlerbranche ein Fass ohne Boden sei. Ohne Kontakte würde ich es niemals schaffen.

Da ich mit achtzehn lieber den sicheren Weg nehmen wollte, entschied ich mich für BWL. Vielleicht auch, weil Theo dieses Bild von mir hatte, dem ich entsprechen wollte: schön, erfolgreich und ehrgeizig. Stets darauf bedacht, Karriere zu machen.

Tja, und jetzt sitze ich in meinem Elternhaus, habe keine Ahnung, wie mein Leben aussehen soll, und bin alles, was Theo absolut unattraktiv findet.

»Tut mir leid, aber ich … ich bin müde.«

»Du hast kaum gegessen, Spatz.« Mama mustert mich mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Wir setzen dich nicht unter Druck, okay? Nimm dir ein Semester Auszeit, und wenn du noch mehr Zeit brauchst, ist das auch in Ordnung.«

Sie meint es ehrlich, und trotzdem sehe ich, dass diese Worte ihr Mühe bereiten. Zwar würden meine Eltern es nie laut aussprechen, aber da sie mich bislang finanziell unterstützt haben, bedeutet eine Pause, sie müssen noch länger für mich aufkommen. Und da meine Eltern Normalverdiener sind, die Urlaub mit Wohnwagen an der Ostsee machen, weil alles andere zu teuer ist … Ich kann ihnen das nicht aufbürden. Und das will ich auch gar nicht.

Ich muss anfangen, mein Leben wieder in den Griff zu kriegen.

Lesson 2

Nele

Im Hintergrund läuft der Soundtrack von Silent Hill 2, und ich frage mich, ob ich mir damit meine eigene alternative Welt erschaffe. Oder ob ich vielleicht schon mittendrin stecke.

Ich starre an die Zimmerdecke, bin genervt von mir selbst, weil ich es nicht schaffe, mich aus meinem Selbstmitleid und Liebeskummer zu kämpfen. Es ist leichter, den Schmerz anzunehmen, anstatt aktiv dagegen anzugehen. Oder mir zu überlegen, wie die nächsten Schritte aussehen sollen. Als mein Handy klingelt, schrecke ich hoch, weil ich hoffe, es ist Theo. Obwohl ich weiß, dass er sich sowieso nicht melden wird.

Ich lasse dennoch enttäuscht die Schultern hängen, weil es Louisa ist, die in unseren Trio-Gruppenchat geschrieben hat. Er besteht aus ihr, Johanna und mir. Die beiden sind meine besten Freundinnen, aber ich meide sie ebenfalls, weil ich nicht will, dass sie mich so sehen. Sonst bin ich immer die toughe, rationale Nele. Von der ist aber nichts mehr übrig.

Und vielleicht meide ich die beiden auch, weil ich neidisch darauf bin, wo sie gerade im Leben stehen. Für dieses Gefühl hasse ich mich sogar ein wenig. Ich weiß genau, dass sie in den letzten zwei Jahren ebenfalls mit Rückschlägen zu kämpfen hatten.

Johanna arbeitet als Narrative Designerin bei der erfolgreichen Spieleentwicklungsfirma Exeoh und musste mit ansehen, wie ihr Ex-Freund ihre Spielidee klaute. Das alles ist aber mittlerweile nicht mehr von Bedeutung, da die beiden wieder zusammen sind, aber Johanna hat vorher einiges aushalten müssen.

Und Louisa hat sich von einem Job zum nächsten gehangelt und nie aufgehört, davon zu träumen, als Schauspielerin durchzustarten. Dieser Traum ist in Erfüllung gegangen. Mittlerweile hat sie sich sogar ein zweites Standbein aufgebaut und arbeitet auch als Synchronsprecherin. Eigentlich sollte ich mir beide zum Vorbild nehmen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Mit einem tiefen Atemzug öffne ich den Gruppenchat.

Louisa:

Wie sieht’s aus bei euch? Wollen wir ins Urban Oasis?

Johanna:

Du lebst noch! Ich dachte schon, Henry hat dich entführt ;-)

Louisa:

Musst du gerade sagen. Ich hatte nicht viel Zeit, weil ich ein paar neue Jobs angenommen habe. Aber das würde ich euch gerne persönlich erzählen. Nele, wie geht’s dir? Kommst du? :-)

Schon komisch, wie die Dinge sich verändern. Normalerweise war ich immer diejenige mit der stabilen Beziehung, hab die Lebenskrisen der beiden mitgetragen und sie unterstützt. Und nun stecke ich selbst mitten in einer solchen Krise.

Ich fange an zu tippen, lösche die lange Ausrede darüber, warum ich nicht kommen kann, wieder und antworte:

Nele:

Bin auf dem Weg.

Es kostet mich große Überwindung, aus meinem Loch herauszukriechen. Aber vielleicht ist das ein guter Anstoß, damit ich mich wieder aufrapple und dafür sorge, dass die Dinge von nun an wieder besser laufen.

Ich schaffe es nicht, mir den Bob, wie sonst, lockig zu frisieren. Mittlerweile ist das Pink total verwaschen, sieht glanzlos aus – genau wie ich mich fühle. Der rote Ansatz ist nicht mehr zu übersehen, ich muss dringend zum Friseur.

Sofort denke ich wieder an Theo. Daran, wie er die knalligen Farben in meinem Haar gehasst hat. Ich habe nur ein Mal ein Kompliment von ihm bekommen, und das war, als meine Haare blond waren.

Um die Augenränder etwas zu verstecken, trage ich Concealer und Puder auf, was meinen Anblick aber eigentlich nur verschlimmert. Den Clean-Girl-Look werde ich niemals verstehen, ich sehe gerade nur aus wie eine Leiche. Wenig später sitze ich mit Kopfhörern in der Bahn und lasse die Welt an mir vorbeiziehen, während ich nach Berlin-Mitte fahre. Es ist eine weitere Umstellung, da ich früher fünf Minuten gebraucht habe, um im Zentrum zu sein.

Als ich ankomme, betrete ich grimmig das Urban Oasis und stelle fest, dass ich die Erste bin. Natürlich. Louisa hat es nicht unbedingt mit Pünktlichkeit, obwohl sie direkt gegenüber wohnt, Johanna ist aber sicherlich gleich da, und ich … Mein innerer Monk wird bereits nervös, selbst wenn ich fünf Minuten zu früh bin. Eigentlich bin ich immer extrapünktlich.

Unser Stammtisch in der Tapasbar ist zum Glück frei. Ich lasse mich in der Sitznische nieder und denke ernsthaft darüber nach, einen Shot zu bestellen. Eigentlich halte ich nichts davon, Gefühle mit Alkohol zu betäuben, aber im Moment klingt die Vorstellung zu verlockend. Der Gedanke daran, mal ohne zu weinen einzuschlafen, weil ich zu betrunken bin …

Oh Gott, was denke ich da nur?

Nein, ein bisschen Würde ist mir noch geblieben, weshalb ich das bestelle, was ich immer nehme: die Hauslimonade mit Zitrone und Minze.

Wie erwartet betritt Johanna kurz darauf die Bar. Immer wenn ich sie sehe, frage ich mich, wie jemand so schön sein kann. Das schwarze Haar fällt ihr offen über die Schultern, der rote Lippenstift sitzt perfekt, und wenn ich einen Girl Crush nennen müsste, wäre sie es.

»Hey«, begrüßt sie mich mit einem breiten Lächeln. »Endlich sehe ich dich mal wieder.«

»Ja, ist ’ne Weile her«, gebe ich zu.

Sie sieht mich wissend an, und ihr Lächeln verschwindet. »Es wird irgendwann besser.«

»Ich weiß.«

Eigentlich bezweifle ich das, aber ich habe keine Energie, um ihr zu widersprechen.

»Was gibt es sonst Neues?«, will sie wissen. »Wir können uns schon auf den neusten Stand bringen. Bis Lou kommt, dauert es mit Sicherheit noch.«

»Manche Dinge ändern sich wohl nie.«

»Nein. Aber vielleicht ist das ganz gut.«

Am Ende kommt Lou nur zwanzig Minuten zu spät, und Johanna und ich haben bloß über Oberflächliches gesprochen. Ich habe nichts, was ich erzählen kann, weshalb ich umso aktiver bei meinen Freundinnen zuhöre.

»Exeoh startet im Herbst wieder mit dem Mentoren-Programm. Das machen sie nur alle zwei Jahre, und jeder ist total aufgeregt deswegen«, erzählt Johanna.

»Mentoren-Programm?«, hakt Louisa nach. Sie trinkt genüsslich einen Schluck von ihrer Sangria. »Das klingt wie die Hungerspiele.«

»Ha, ha, also ganz so schlimm wird es hoffentlich nicht. Es ist ein Praktikum, das wirklich gut gefördert wird. Alex und Milan sind beide dank dieses Programms ins Team gekommen.«

»Das klingt interessant«, sage ich abwesend. Mit den Gedanken bin ich aber ganz woanders.

»Nele?«

Louisa und Johanna mustern mich gleichermaßen abwartend und besorgt. Keine Ahnung, worum es gerade geht.

»Hm?«

»Willst du drüber sprechen?«, fragt Louisa mich freiheraus. Anders als Johanna scheut sie sich nicht, Dinge direkt anzusprechen.

Ich weiche ihren Blicken aus, fahre den Rand meines Glases nach und wünsche mir bloß, dass diese Leere endlich verschwindet. Dass ich wieder atmen kann, ohne das Gefühl zu haben auseinanderzubrechen.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Können wir irgendetwas für dich tun, Nele? Egal, was es ist, sag es uns, und wir sind da«, sagt Johanna. Ihre braunen Augen glänzen verdächtig. »Wir vermissen dich.«

Jetzt fühle ich mich noch schlechter, weil ich nicht will, dass sie sich Gedanken um mich machen.

»Ich komme klar«, antworte ich schnell und versuche zu lächeln, aber ich kann spüren, es ähnelt mehr einer Grimasse. »Es wird schon. Ich … ich weiß nur nicht, wie ich zurück zur Uni soll. Allein bei dem Gedanken, Theo dort zu sehen, bekomme ich Magenschmerzen.«

Ein Aufeinandertreffen ist unvermeidbar, da wir die meisten Seminare zusammen haben. Gott, wieso habe ich mich damals nur zu BWL überreden lassen, wo ich doch alles daran hasse? Jetzt gibt es keinen Grund mehr, das Studium weiterzuverfolgen.

»Am liebsten würde ich es abbrechen.«

Ganz plötzlich habe ich es laut ausgesprochen. Vor meinen Eltern würde ich das niemals tun, denn sie würden einen Herzinfarkt bekommen, zumal ich keine Alternative habe.

»Was hindert dich daran?« Louisa zuckt mit den Schultern. »Mir ist es sowieso ein Rätsel, wie du es schaffst, so gute Noten zu schreiben, obwohl du gar nicht in diesen Studiengang gehörst.«

»Und was soll ich deiner Meinung nach sonst studieren?«, gebe ich bissig zurück.

»Game Art.«

Mehr sagt sie nicht, aber das ist auch nicht nötig.

Die Gaming-Welt scheint immer außerhalb meiner Reichweite zu sein, obwohl ich sie so sehr liebe. Aber selbst wenn ich früher mal davon geträumt habe, etwas in Richtung Game Art zu studieren, bin ich diesem Traum nie nachgegangen.

Denn kreative Menschen braucht niemand, wie Theo immer sagte. Meine Anime- und Mangazeichnungen wurden von ihm immer belächelt, weshalb ich mich kaum getraut habe, sie jemand anderem zu zeigen. Meine Freundinnen wissen, wie kreativ ich bin, aber es fällt mir schwer, Lob anzunehmen.

Frustriert lehne ich mich zurück und schnaube. »Das kann ich nicht bringen. Meine Eltern bezahlen jetzt schon fast alles für mich, und Game Art wird hier in Berlin nur an einer einzigen staatlichen Hochschule angeboten. Und eine Privatuni ist keine Option.«

»Wer sagt, dass du es nicht schaffst, dort angenommen zu werden?« Johanna lächelt sanft.

»Weißt du, wie stark die Konkurrenz ist? Der Studiengang ist total überlaufen, weil jeder denkt, er könnte das nächste Red Dead Redemption oder The Last Of Us erfinden.«

»Nele, du hast das nötige Talent dafür. Warum glaubst du nicht an dich? Es kann doch nicht sein, dass Theo dir das alles genommen hat.« Louisa verzieht aufgebracht das Gesicht. »Tut mir leid, wenn ich dir das sage. Aber du kannst jetzt tun und lassen, was du willst, ohne Rücksicht auf ihn nehmen zu müssen. Sieh es doch als Chance. Ich weiß, Theo war nicht immer dieser arrogante Schnösel, doch in den letzten zwei Jahren warst du nur sein Schatten. Fang an, wieder für dich zu leben.«

Ich hasse es, wenn Louisa direkt wird. Dann weiß ich manchmal nicht, wie persönlich ich ihre Worte nehmen soll, ohne mich aufzuregen.

Ich war nur sein Schatten …

Tränen schießen mir in die Augen, die ich schnell wegblinzle. Ich habe es satt, mich so zu fühlen. Nicht nach mir, nur wie jemand, der gibt, gibt, gibt. Und wofür? Dass man mir sagt, ich soll erwachsen werden. Dass meine Leidenschaften keinen Platz auf der Welt haben.

Aber genau das will ich beweisen, denn ich verdiene es, gesehen zu werden. Ich will mich nicht länger für die Frau schämen, die ich bin. Nur ist das leichter gesagt als getan, wenn man über einen langen Zeitraum hinweg immer das Gefühl vermittelt bekam, etwas würde mit einem nicht stimmen.

»Ich meine das nicht böse«, rudert Louisa etwas zurück und lächelt schief. »Ich will nur, dass du nichts unversucht lässt. Vor allem, wenn du nicht weißt, ob es klappt oder nicht. Was, wenn du genommen wirst?«

Ja, was wäre dann?

Ich nehme einen tiefen Atemzug, der in meiner Lunge brennt, und sehe meine Freundinnen an.

»Ich habe einfach Angst, versteht ihr? Wenn ich das durchziehe, dann … dann wirklich nur für mich. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mal was nur für mich getan habe.«

»Und genau deshalb solltest du dich bewerben«, sagt Louisa. »Jetzt bist du mal an der Reihe.«

Johanna greift nach meiner Hand und versucht es mit Diplomatie. »Die Bewerbungsphase endet erst in ein paar Wochen. Lass es dir durch den Kopf gehen …«

»Hast du wenigstens deine Kette wieder?«, will Louisa auf einmal wissen. Automatisch blickt sie auf meinen Hals. »Nele! Du musst diesem Arsch endlich die Stirn bieten. Es ist eine Frechheit, dass er sie dir noch nicht geschickt hat.«

»Ich …« Ich öffne den Mund, finde aber keine passende Antwort. Mit brennenden Augen starre ich auf meine Hände und will am liebsten aufstehen und gehen.

Auch wenn ich mich immer stark gebe, bin ich es nicht. Johanna und Louisa sind da ganz anders, nur wissen sie das nicht, weil ich ihnen nie eine andere Seite von mir gezeigt habe. Dass sie keine Ahnung haben, wie sie in dieser Situation mit mir umgehen sollen, ist nicht ihre Schuld.

»Wir können sie zusammen holen«, schlägt Johanna vor.

»Das ist eine gute Idee. Dann kann ich ihm auch gleich die Meinung sagen.« Louisa grinst teuflisch.

Sofort schüttle ich den Kopf. »Nein, ich … ich muss das selbst machen. Aber erst, wenn ich so weit bin.«

Plötzlich nehme ich jedes Geräusch überdeutlich wahr. Jede Stimme, die Gerüche des Essens und die Musik im Hintergrund. Alles ist zu viel, zu laut. Ich will nur noch nach Hause, mich im Bett verkriechen und hoffen, dass ich endlich aus diesem Albtraum erwache.

Auch wenn jedes Wort meiner Freundinnen wahr ist.

Die ganze Nacht liege ich wach. Das ist nichts Neues, nur denke ich dieses Mal nicht ausschließlich an Theo. Stattdessen drehen sich Louisas Worte immerzu in meinem Kopf, wie ein Karussell.

Game Art.

Es ist wie ein Floh, den ich ins Ohr gesetzt bekommen habe und nicht mehr loswerde. Dabei führt es zu nichts, weil ich das sowieso niemals studieren werde. Allein die Vorstellung, wie meine Eltern aus allen Wolken fallen würden, wenn ich ihnen das verkünde, schiebt meinem Traum gleich wieder einen Riegel vor. Das geht einfach nicht.

Trotzdem bin ich irgendwann so genervt, dass ich mir mein MacBook schnappe und mich durch die verschiedenen Universitäten klicke. Schließlich bleibe ich beim Studiengang Game Art, Illustration und Animation hängen.

Mein Herz schlägt das erste Mal seit der Trennung wieder höher, als ich Kursnamen wie Animationsprinzipien, Level und Character Design oder Visual Scripting lese. Bislang zeichne ich nur auf Papier und dem iPad, aber ich träume davon, irgendwann mal ein professionelles Grafiktablet zu besitzen. Eigentlich war der Punkt fest in meinem Fünf-Jahres-Plan verankert, nur existiert der ja nicht mehr.

Wo also sehe ich mich in fünf Jahren?

Trauere ich dann immer noch Theo hinterher und hocke dabei in meinem alten Kinderzimmer?

Habe ich einen Job, von dem ich genau weiß, dass er mich nicht glücklich macht?

Vielleicht gab es eine Zeit, in der mir Sicherheit und die Aussicht auf einen guten Verdienst viel gegeben haben. Allerdings habe ich auch schmerzlich lernen müssen, dass es Sicherheit nicht gibt. Es ist bloß ein Phantom, damit die Menschen sich an etwas klammern können.

Und was bringt mir ein guter Verdienst, wenn ich nicht glücklich bin?

Seufzend starre ich auf die Studiengangsbeschreibung, schließe die Augen und lasse für einen kurzen Moment den Traum von einem Neuanfang zu.

Neue Uni mit einem Studium, das bisher unerreichbar erschien. Ich würde meiner Leidenschaft nachgehen, zeichnen können und mich tief in die Materie von Technik, Animation und Gaming begeben.

Vielleicht könnte ich eine nette WG finden, mein Zimmer so einrichten, dass es sich nach mir anfühlt. Auch wenn ich noch nicht weiß, was das bedeutet. Irgendwie würde ich das herausfinden, denn alles, was zählt, ist, dass mein Herz sich in diesen Sekunden lebendig fühlt wie in den ganzen letzten Wochen nicht mehr. Nein, eigentlich in den ganzen letzten Jahren nicht mehr.

Zum ersten Mal brenne ich wieder für etwas. Die Steine, die mir noch im Weg liegen, wirken riesig und unüberwindbar. Aber ich kann nicht aufhören, mir dieses Leben vorzustellen.

Langsam öffne ich die Augen wieder und weiß auf einmal genau, was ich zu tun habe. Es ist eine Entscheidung, die schon eine Ewigkeit in mir brodelt und sich endlich freikämpft.

Bevor ich es mir anders überlegen kann, logge ich mich auf der Seite meiner Hochschule ein, scrolle mich durch die Informationen und gelange dann an die Stelle, die ich suche.

Antrag auf sofortige Exmatrikulation.

Lesson 3

Nele

»Du hast was?«

Geschockt und gleichermaßen überrascht starren meine Eltern mich an. Ich fühle mich wie bei einem Verhör und merke wieder, wie wenig ich das Ganze überdacht habe. Normalerweise treffe ich Entscheidungen nie aus dem Bauch heraus, aber dieses Mal blieb mir keine andere Wahl.

Der Antrag auf sofortige Exmatrikulation ist bereits durch – es hat nicht mal eine Woche gedauert. Das bedeutet: Ich bin keine BWL-Studentin mehr. Eigentlich sollte es mir Angst machen, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Stattdessen verspüre ich das erste Mal seit Monaten Frieden.

»Ich weiß, es wirkt übereilt, aber …« Die letzten Tage habe ich mir die genauen Worte zurechtgelegt, um das alles meinen Eltern zu erklären, damit sie nicht vom Stuhl fallen. Sie auszusprechen, ist allerdings schwieriger, als ich erwartet hatte.

»Ich hasse das Studium. Alles daran. Und jetzt, wo das mit Theo ist … Ich kann nicht zurück und ihm dort jeden Tag begegnen.«

Verdammt, wenn ich es so sage, klinge ich wie der größte Feigling. Am liebsten würde ich das sofort zurücknehmen. Ich fummele am Saum meines Shirts herum und versuche, ruhig zu bleiben. Obwohl die Küche groß genug für uns drei ist, kommt es mir vor, als würde sie gerade schrumpfen, um mich herum immer enger und die Luft immer dünner werden.

Mein Vater presst die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, was bedeutet, dass er aufgebracht ist und dagegen ankämpft, seinem Ärger Luft zu machen.

Mama hingegen wirkt ratlos und verwirrt.

»Könnt ihr bitte was sagen?«

»Bist du jetzt glücklich?«, stellt sie die Gegenfrage.

Überrumpelt sehe ich die beiden abwechselnd an, ehe ich nicke. »Glücklich würde ich nicht unbedingt sagen. Aber ich bin befreiter. Als hätte man mir eine Last von den Schultern genommen.«

Meine Eltern sehen sich an, Papa lehnt sich zurück und schnaubt. »Dann war es die richtige Entscheidung«, antwortet er.

Okay, damit habe ich nicht gerechnet. In solchen Situationen ist er manchmal schwer einzuschätzen – er würde mir nie Vorwürfe machen, aber ich sehe ihm genau an, dass meine Entscheidung nicht das ist, was er sich für mich wünscht.

»Um ehrlich zu sein, überrascht es mich nicht, dass du das Studium nicht weiter durchziehen willst. Dass du überhaupt durchgehalten hast … Hast du denn schon eine Idee, wie es weitergehen soll?«

Meine Überraschung hält an. Eigentlich dachte ich, ich würde auf mehr Widerstand stoßen, vor allem da jetzt der Teil kommt, der mich nervös macht.

»Ja, die habe ich. Aber sie wird euch nicht gefallen.«

»Nele, uns muss sie nicht gefallen. Sie muss dir gefallen.« Papa seufzt. »Solange du nicht irgendwelche zwielichtigen Dinge machst, kann ich damit leben.«

Sein Kommentar bringt mich zum Schmunzeln. Gleichzeitig bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich direkt von einer negativen Reaktion meiner Eltern ausgegangen bin. Dabei hätte ich es besser wissen müssen.

Die Beziehung mit Theo hat offenbar Spuren hinterlassen.

»Ich verspreche euch, mir so schnell wie möglich einen Job zu suchen, und –«

»Nele, nun sag schon. Was hast du dir überlegt?«, unterbricht mich Mama.

»Also …« Ich atme tief durch, weil ich plötzlich überfordert bin. Es fällt mir schwer, über diese Entscheidung zu sprechen. Weil ich Veränderungen eigentlich hasse und genug davon habe.

»Ihr wisst ja, dass ich das Zeichnen über alles liebe, und zusammen mit Gaming ist es …«, fange ich an und schüttle dann den Kopf, weil es besser ist, einfach direkt zur Sache zu kommen. »Ich möchte Game Art studieren.«

Anschließend wird es ganz still in der Küche. Meine Eltern werfen sich einen Blick zu, aber ich kann nicht einschätzen, was in ihnen vorgeht. Falls sie enttäuscht sind, lassen sie es sich nicht anmerken.

»Okay«, sagt Papa schließlich. »Wenn es das ist, was dich glücklich macht.«

Ich merke ihm an, dass es ihm nicht leichtfällt, sich für meine Leidenschaft zu begeistern. Schon als Kind hat er nicht nachvollziehen können, wie ich stundenlang auf dem Game Boy Pokémon zocken konnte. Dennoch hat er sich immer bemüht, Interesse zu zeigen.

»Erst mal muss ich angenommen werden, und dann … gibt es noch einen Haken.«

Ich würde gerne diesen Teil des Gespräches überspringen, weil es mir unangenehm ist, meine Eltern um ihre finanzielle Unterstützung zu bitten. Bei meinem alten Nebenjob in der Kanzlei habe ich gut verdient, allerdings ist der keine Option mehr. Es sei denn, ich möchte ständig Theos Vater begegnen.

»Noch wurde ich nicht angenommen, also weiß ich nicht, ob es wirklich klappt, aber es kann sein, dass ich nur einen Platz an einer privaten Schule bekomme … Für die staatliche habe ich mich auch beworben, doch der Studiengang an der Akademie klingt genau nach dem, was ich mir vorstelle. Sie ist praxisorientierter, und die Kurse sind kleiner …«

Laut ausgesprochen, fühlt es sich an, als würde ich mein Todesurteil verkünden. Wenn meine Eltern sagen, dass sie mich nicht unterstützen können, würde ich das sogar verstehen.

Mama winkt nur ab. »Mach dir über das Geld keine Gedanken, ja? Wir wollen nur, dass du glücklich bist. Alles andere sehen wir dann.«

»Dennoch … Ihr unterstützt mich schon so lange. Ich weiß, meinetwegen müsst ihr auf vieles verzichten.«

»Lass das unsere Sorge sein. Jetzt bist du an der Reihe. Es geht nur um dich.«

Niemals hätte ich geglaubt, einmal in der Küche meiner Eltern zu sitzen und ihnen zu sagen, dass ich mein Leben verändere. Dass ich das erste Mal mich an erste Stelle setze.

Mir fällt ein Stein vom Herzen, und Tränen schießen mir in die Augen. Ich stehe auf und falle beiden um den Hals.

»Danke euch«, sage ich mit belegter Stimme.

»Wir werden dich immer unterstützen, Spatz. Hast du etwas anderes erwartet?«

Ich richte mich wieder auf und schüttle den Kopf. »Nein, eigentlich nicht. Es ist nur … Ich glaube, da ist in den letzten Jahren einiges in mir kaputtgegangen, und jetzt sehe ich vieles verzerrt.«

Anders kann ich es nicht beschreiben, aber so ungefähr fühlt es sich an. Ich frage mich ständig, ob ich die Welt noch mit dem richtigen Blick sehe oder ob sie eigentlich ganz anders ist.

»Ich wünschte, du müsstest das nicht durchmachen.« Mama wischt sich über die Augen. »Dich traurig zu sehen, ist für uns das Schlimmste. Und sich derart in einem Menschen getäuscht zu haben …«

»Es ist nicht eure Schuld.«

»Deine aber auch nicht«, antwortet Papa mit so fester Stimme, dass ich zusammenzucke. »Wenn wir geahnt hätten, dass Theo –«

»Nicht. Ich will nicht über ihn sprechen.«

»Zweifle nur nie wieder an uns, ja?« Papa nimmt meine Hand und drückt sie.

»Okay.«

Ich verspüre einen Anflug von Hoffnung. Nur ganz klein und zart. Beim allerersten Zweifel wird er wieder davongespült werden, das weiß ich. Aber jetzt ist er da. Eine willkommene Abwechslung zu dem, was sonst in mir vorgeht. Vielleicht habe ich wirklich eine Chance und werde genommen. Und dann wird endlich alles gut.

Das muss es einfach.

Ich fühle mich wieder wie achtzehn. Voller Vorfreude und Zukunftsplänen. Mit dem großen Unterschied, dass ich dieses Mal allein bin.

Aber vielleicht ist das auch gut? Denn es gibt niemanden, der meine Kreativität zurückhält oder kleinredet. Nur ich, in meinem alten Zimmer, im Haus meiner Eltern. Die Junisonne scheint angenehm durch das Fenster, die Vögel zwitschern laut, als wollten sie mich motivieren.

Mit zitternden Fingern fülle ich die Formulare für die Bewerbung zum Studiengang Game Art, Illustration und Animation aus. Bei einer Zusage bekomme ich alle wichtigen Informationen per Post zugeschickt. Kurz habe ich auch darüber nachgedacht, ein reines Online-Studium zu machen.

Aber ich will eine zweite Chance an der Uni. Ein richtiges Uni-Leben, das in New-Adult-Büchern oft romantisiert wird. Und von mir selbst. Ich war beispielsweise nie auf irgendwelchen Studentenpartys – nicht nur, weil ich nicht der Typ dafür bin, sondern auch, weil Theo immer andere Pläne für uns hatte. Allein aus Trotz will ich das komplette Gegenteil von der Nele sein, die er in mir gesehen hat. Und so finde ich vielleicht auch einen Teil von mir selbst wieder.

Seit einem halben Jahr studierte ich jetzt BWL, und ich hasste alles daran. Jeden Tag wartete ich darauf, dass es besser wurde, auf die Gewissheit, dass ich mich richtig entschieden hatte. Aber sie kam nie.

Es war Freitagabend, ich saß am Schreibtisch und zeichnete. Das Einzige, was mir Spaß bereitete. Die Momente, wenn ich meiner Kreativität freien Lauf ließ und den Kopf ausschaltete.

Wenn ich mich nicht immerzu fragte, was Theo trieb, der spontan abgesagt hatte. Mal wieder. Eigentlich waren wir verabredet gewesen, stattdessen ging er jetzt mit Kommilitonen feiern, wie ich in seiner Instagramstory sehen konnte. Das war neu, da er bis vor Kurzem gar nicht gerne auf Partys ging.

»Sind nicht mein Ding«, hatte er immer gesagt.

Jetzt hieß es: »Man muss auch mal mitziehen. Für die Kontakte ist es wichtig.«

Plötzlich ging bei ihm alles nur noch um die Arbeitswelt, Zahlen und Erfolg. Er wurde immer mehr zu seinem Vater, was mir Angst machte. Theo kam aus einer reinen Juristenfamilie, was nichts Schlechtes war – doch für sie stand Geld an erster Stelle. Und für Theo auf einmal auch, dabei wollte er nie wie seine Eltern werden, die nie Zeit für ihn gehabt hatten, als er noch ein Kind gewesen war.

Und jetzt hatte er keine Zeit mehr für mich.

Nachdem alle Daten abgeschickt sind, blinzle ich den Bildschirm an. Habe ich das wirklich getan? Ich warte auf die Selbstzweifel, die immer wie Theos Stimme klingen, und darauf, dass sie versuchen, mir das Ganze wieder auszureden. Warte darauf, dass sie wieder sagen, Kunst und Kreativität hätten keinen Platz auf dieser Welt.

Doch jetzt gerade bleibt alles still. Ich lasse die Schultern sinken, atme tief durch, klappe das MacBook zu und schiebe es zur Seite. Ich habe lange nicht gezeichnet, weil es mir falsch vorkam, mich in der Gaming-Welt zu Hause zu fühlen. Wenn ich jetzt meine gesammelten Werke ansehe, die vielen Charaktere im Fantasystil oder die, die aussehen, als wären sie einer apokalyptischen Welt entsprungen – dann empfinde ich Wehmut.

Es fühlt sich fremd an, einen Stift in die Hand zu nehmen. Mein Kopf ist so voll, und ich bin so unsicher, dass ich mich kaum traue, mich meiner größten Leidenschaft hinzugeben.

Theo darf dir das nicht auch noch nehmen.

Vermutlich kann ein bisschen Musik dabei helfen, Inspiration zu finden. Deshalb öffne ich das MacBook wieder und suche auf Spotify nach meiner liebsten Playlist, die leider viel zu weit nach unten gerutscht ist. Tatsächlich befindet sie sich an letzter Stelle, was mir zu denken gibt, da ich sie immer höre, wenn ich zeichne: ein Mix aus Anime-Musik und Videospielen im Lo-Fi-Stil.

Dann versuche ich, mich daran zu erinnern, wie frei ich bin, wenn ich den Kopf ausschalte. Wenn ich ganz ich selbst bin.

Vorsichtig setze ich den Stift an, denke darüber nach, was ich zeichnen könnte. Meine Hand bewegt sich jedoch nicht. Egal wie lange ich das Papier anstarre, es passiert nichts.

Lesson 4

Milan

Die Sonne knallt erbarmungslos auf die Schrebergärten und meine geliebten Pflanzen. Die Hitze macht ihnen zu schaffen, sie lassen kraftlos die Köpfe hängen, während ich sie gieße und hoffe, dass es ihnen gleich besser geht. Dennoch weiß ich genau, wie sie sich fühlen.

Mir geht es nicht anders.

Ich bin mit den Gedanken überall, versuche, mich zu fokussieren. Versuche, irgendwie klarzukommen, seitdem sich mein Leben in der letzten Woche um hundertachtzig Grad gedreht hat. Wie verhält man sich seiner Mutter gegenüber, zu der man das erste Mal seit Jahren wieder Kontakt hat?

Ich dachte, ich wüsste es. Habe es mir oft genug in den einsamen Momenten im Heim ausgemalt. Dennoch ist es jetzt ganz anders als erwartet, kalt und distanziert, sodass ich nicht weiß, ob die Entscheidung, sie wieder in mein Leben zu lassen, richtig war.

Mit zwölf kam ich ins Heim, wegen Kindeswohlgefährdung. Die Familienhilfe versuchte alles, damit meine Mutter und ich nicht auseinandergerissen wurden, doch es half nichts. Schlussendlich mussten sie Vernachlässigung feststellen. Zuerst sollte es nur eine akute Inobhutnahme sein, daraus wurden dann aber sechs Jahre.

In dieser Zeit verschlechterte sich mein Verhältnis zu meiner Mutter zusehends, bis es irgendwann gar nicht mehr existierte. Umso überraschender war es, als sie plötzlich vor mir stand. Völlig verändert. Das komplette Gegenteil von der Frau, die ich in Erinnerung habe. Sie scheint jetzt die Person zu sein, die sie immer sein wollte.

Etwas, das mit mir nicht möglich gewesen war.

Es ist unser erstes Treffen. Eines, das sich anfühlt, als würde ich auf Scherben laufen und müsste aufpassen, mich nicht zu schneiden.

Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll, dabei gibt es genug Gedanken, die sich angestaut haben. Etliche Fragen liegen mir auf der Zunge, aber ich habe Angst, die Wahrheit zu erfahren. Die Wahrheit hinter dem Warum. Warum hat sie mich im Heim gelassen? Warum war ich ihr nicht genug?

Es sind Fragen, die mich seit Jahren begleiten, die mich nicht loslassen und nachts aufschrecken lassen, weil sie mich mal wieder bis in meine Albträume begleitet haben.

Die Nachricht, dass sie mich treffen will, kam aus heiterem Himmel. Ich weiß nicht mal, wie sie meine Adresse herausgefunden hat. Im ersten Moment dachte ich, es handele sich dabei um einen schlechten Scherz.

Aber dann stand sie vor mir …

»Ich will dir nicht in deine Entscheidung reinreden, Milan. Nur bitte, pass auf dich auf, ja?« Maggie sieht mich aus ihren stahlblauen Augen an. Um ihren Hals und ihre Handgelenke klimpern Goldketten und Armbänder. Sie wirken viel zu protzig, und ich bezweifle, dass es sich um echtes Gold handelt, aber irgendwie passen sie zu der Achtzigjährigen.

»Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung ist. Aber was soll ich machen? Sie stand letzte Woche einfach vor der Tür. Ich konnte sie nicht einfach wegschicken.«

»Pass einfach nur auf dich auf«, wiederholt sie und zeigt mit ihren knochigen Fingern auf mein Herz. »Und ich hoffe, deine Mutter weiß zu schätzen, wie gut du dich gemacht hast. Es ist nicht selbstverständlich. Und schon gar nicht, dass du sie einfach wieder in dein Leben lässt.«

Ich stelle die Gießkanne zur Seite und schenke ihr ein knappes Lächeln. »Ich mache nichts Weltbewegendes.«

»Red dich selbst nicht klein. Ich verstehe zwar nicht ganz, was genau du machst, aber so, wie es klingt, veränderst du manchmal das Leben anderer. Und das ist etwas Gutes.«

Seufzend wische ich mir den Schweiß von der Stirn, stemme die Hände in die Hüften und sehe mich um. Mit dem Garten bin ich dieses Jahr nicht zufrieden. Die Arbeit an dem Bauwagen hat zu viel Zeit in Anspruch genommen, weshalb alles andere in den Hintergrund gerückt ist. Doch nachdem im letzten Winter die Heizung einige Male ausgefallen ist, musste ich mich diesen Sommer erst darum kümmern, mein Heim winterfest zu machen.

Normalerweise ist es nicht erlaubt, in einem Schrebergarten zu leben. Und schon gar nicht ist es erlaubt, sich dort einen Bauwagen hinzustellen und ihn sich zu einer Behausung umzubauen.

Das alles habe ich dennoch gemacht und nehme in Kauf, dass mich irgendwann jemand anschwärzen könnte. Bislang ist das nicht passiert, weil Maggie, Pete und ich ein stilles Abkommen miteinander haben. Oder besser gesagt: Maggie und Pete ignorieren den Bauwagen einfach. Unter der Woche kümmere ich mich dafür um ihren Garten und halte ihn instand, da sie aufgrund ihres Alters nicht mehr in der Lage dazu sind. Sonst wäre ich wahrscheinlich schon längst von hier vertrieben worden. Einmal in der Woche esse ich mit ihnen zusammen und lasse mich von ihnen beim Monopolyspielen über den Tisch ziehen.

Dafür darf ich ihre Adresse für alle möglichen offiziellen Dinge angeben, wie beispielsweise als Anschrift für Rechnungen oder Wahlunterlagen. Die ganze Situation ist etwas skurril, aber das beschreibt mein Leben insgesamt sehr gut.

Ich könnte mir eine richtige Wohnung leisten, allerdings fühle ich mich in der Natur am wohlsten. Außerdem brauche ich nicht viel – der kleine umgebaute Bauwagen reicht mir völlig.

»Du darfst schon Komplimente annehmen, weißt du?« Maggie holt mich zurück aus meinen Gedanken.

Trotz ihres Alters ist sie noch immer auf Zack, geht regelmäßig walken und weiß über alles und jeden Bescheid. Manchmal ist sie etwas dreist und zu neugierig, jedoch immer gütig und zur Stelle, wenn ich Hilfe brauche, obwohl ich nie darum bitte.

Sie und ihr Mann Pete sind die einzigen Personen, die von meiner Vergangenheit wissen. Es war nicht geplant, ihnen davon zu erzählen, aber sie haben diese liebenswürdige Art an sich, bei der ich eingebrochen bin.

Es gab nur wenige Momente, in denen ich meinen Gefühlen freien Lauf gelassen habe. Und einer davon war kurz nach dem ersten Kennenlernen von Maggie und Pete. Ich hatte den Bauwagen neu bezogen, war pleite und hoffnungslos. Stand am Rand einer Klippe, bereit zu springen, in den freien Fall.

Und dann standen da Maggie und Pete, mit einem Topf Suppe. Maggie nahm mich in den Arm, obwohl ich es hasse, berührt zu werden, außer ich suche von mir aus die Nähe des anderen. Aber in diesen Sekunden ließ ich sie zu.

Ich erzählte ihnen von meiner Zeit im Heim, der zerrütteten Beziehung zu meiner Mutter, meinem Vater, der abgehauen war, bevor ich zur Welt kam. Die beiden hörten mir zu, während ich von Diebstählen im Supermarkt sprach und der ein oder anderen Droge, die ich genommen hatte. Sie verurteilten mich nicht, nahmen mich stattdessen unter ihre Fittiche. Seitdem esse ich regelmäßig bei ihnen, und sie gucken hin und wieder, wie es mir geht.  

Dass Maggie jetzt da ist und mir Mut zuspricht, bedeutet mir viel. Nur bin ich so durcheinander, dass ich mit ihren Worten kaum etwas anfangen kann. Ich habe nie gelernt, Komplimente anzunehmen, und von Selbstliebe habe ich keine Ahnung. Oft genug habe ich das Gefühl, nur zu existieren. Ich bin halt da, aber mehr auch nicht.

»Willst du sie irgendwann mit dem konfrontieren, was damals passiert ist?«, fragt Maggie direkt heraus.

»Irgendwann bestimmt. Erst mal will ich sehen, ob sie es ernst meint und ob sie zuverlässig ist.«

»Ich wünsche mir das sehr für dich.«

Maggie lächelt aufrichtig, tiefe Lachfalten zeichnen sich in ihrem Gesicht ab. Sie ist die Oma, die ich nie hatte.

Ich weiß nicht, was ich mir wünsche. Ich will nur, dass es ihr ernst ist. Dass sie da ist.

Ich warte drei Stunden.

Nach zwanzig Minuten Verspätung bin ich bereit zu gehen. Aber das innere Kind in mir schreit und will warten. Es weint. Es weint bitterlich, wie ich damals das letzte Mal mit zwölf. Heimlich und ungesehen, weil sowieso niemand die Tränen getrocknet hätte.

Meine Mutter, die noch vor einer Woche bei mir auf der Matte stand und sich unbedingt mit mir treffen wollte, ist nicht aufgetaucht.

Und eigentlich überrascht es mich auch nicht.

Dennoch tut es weh.

Ich sitze seit drei Stunden am Alexanderplatz, beobachte die Menschen, die an mir vorbeilaufen. Die Familien, die zusammen Hand in Hand gehen. Sie sind genau das, was ich immer sein wollte. Glücklich. Selbst wenn sie es nicht sind, wirken sie doch glücklich, und Eifersucht regt sich in mir. So leicht kann man mich täuschen, so sehr verzehre ich mich danach.

Etwas, das ich nie hatte. Diese Art von Familie. Dieses Gefühl von Glück.

Wie konntest du überhaupt denken, sie könnte es ernst meinen?

Ich balle die Hände zu Fäusten, will am liebsten schreien. Neben dieser unendlichen Enttäuschung packt mich die blanke Wut. Darauf, dass ich überhaupt zugelassen habe, wieder zu hoffen. Weil ich dachte, dieses Mal wäre sie zuverlässig. Aber warum sollte sie?

Sie war es schon damals nicht.

Sie war nie da, nie wirklich.

Und dennoch habe ich ihr vertraut.

Weil sie meine Mutter ist.

Trotz allem.

Weil ich ihr glauben wollte.

Trotz allem.

Als schließlich mein Rücken vom Sitzen wehtut und ich meine eigenen Gedanken nicht länger ertrage, stehe ich auf.

Ein letztes Mal blicke ich einer dieser glücklichen Familien nach. Diesem äußeren Schein, denn man weiß nie, was sich hinter geschlossenen Türen abspielt. Was passiert, wenn niemand hinsieht. Mich hat nie jemand gesehen. Nie hat jemand genau hingeguckt, und das eine Mal, als es jemand tat, war es bereits zu spät.

Das Herz dieses kleinen Jungen war zu dem Zeitpunkt schon etliche Male gebrochen worden.

Und jetzt muss ich mir eingestehen, dass sich nichts geändert hat. Mein Leben besteht noch immer nur aus leeren Versprechungen und der Hoffnung, dass sie sich doch irgendwann erfüllen.

Nur um am Ende enttäuscht zu werden.

Lesson 5

Nele

»Weißt du schon, wann die Zusagen rausgehen?«

Mama reicht mir einen Matcha Latte. In den letzten Wochen habe ich sie damit angesteckt, und seitdem hat sie die Rezeptur perfektioniert. Zusammen setzen wir uns in die Sonne und lauschen dem Gezwitscher der Vögel an diesem Augustmorgen.

»Nein, ich denke aber, dass ich ab jetzt minütlich meine Mails checken kann.«

»Wir sind stolz auf dich, Nele. Auch wenn dein Vater das manchmal nicht gut zeigen kann. Du weißt ja, wie er ist.«

Ich rolle mit den Augen und versuche, ihre Worte anzunehmen. »Es ist … immer noch schwer.«

»Das wird vielleicht auch noch eine ganze Zeit so bleiben, Spatz. Aber du hast auf dein Herz gehört und gehst deinen Weg.«

»Auch wenn ihr nicht ganz glücklich darüber seid.«

»Wir sind glücklich. Natürlich waren wir überrascht, dass du dein Studium abgebrochen hast. Aber wir werden dich immer unterstützen. Also, mach dir keine Gedanken mehr, ja?«

»Ich versuch’s.«

Zusammen blicken wir über den kleinen Garten – der ganze Stolz meiner Eltern. Hier zu sein, kommt mir vor wie das Paradies. Frei in der Natur, umgeben von Blumen, Bienen und Schmetterlingen. Die halbe Stunde Fahrtweg in die Stadt haben sie immer gerne in Kauf genommen, und ich verstehe, warum. Genau davon träume ich auch.

»Du wirst deinen Weg gehen. Und wenn dein Herz für Game Art brennt, dann ist es das Richtige für dich.«

»Ich werde euch jeden Cent zurückzahlen, das verspreche ich«, sage ich, ohne Mama anzusehen.

»Nele, jetzt lass gut sein.« Ihr Ton wird strenger. Sie ist wie Johanna – harmoniesüchtig, geht unangenehmen Themen lieber aus dem Weg.

»Ich wollte nur noch mal klarstellen, dass ich eure Unterstützung nicht für selbstverständlich halte.«

Das schlechte Gewissen nagt an mir, weil sie mir ihre bedingungslose Unterstützung zusichern. Ganz egal, wie hoch die Kosten sind. Sobald ich weiß, wann die Seminare und Vorlesungen stattfinden, suche ich mir wieder einen Job. Vielleicht kann mir Louisa etwas im Urban Oasis vermitteln. Sie hat dort selbst lange gearbeitet.

»Das wissen wir. Wie sieht dein Tag heute aus? Bleibst du hier, oder versuchst du, dich abzulenken?«

»Ich bin nachher mit Louisa und Johanna verabredet. Hoffentlich weiß ich bis dahin mehr.«

Dieser Zustand, bei dem ich mich in der Schwebe befinde, ist kaum auszuhalten, und ich bin froh, wenn ich endlich weiß, wie es für mich weitergeht. Wenn ich keine Zusage erhalte, dann … Darüber will ich nicht nachdenken.

»Es wird alles gut werden, Spatz.«

Das hoffe ich. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Vertrauen zu haben und daran zu glauben.