Liebe ist tomatenrot - Ursi Breidenbach - E-Book
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Liebe ist tomatenrot E-Book

Ursi Breidenbach

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Beschreibung

Sommer, Sonne und der Geschmack des Südens ...

Dolce Vita und Amore – warum nicht? Die 40-jährige Nelli fährt spontan mit ihrem Freund Luca für einen romantischen Kurzurlaub nach Italien. Dort verliebt sie sich sofort in das kleine sonnengeküsste Dorf, durch dessen Gassen der Duft der köstlichsten Tomatensoße zieht, die Nelli je gegessen hat. Auch wenn sie bezweifelt, dass Luca der Mann für den Rest ihres Lebens ist, freut sie sich auf ein paar ruhige Tage an diesem idyllischen Ort. Neugierig streift sie über die umliegenden Felder, wo die saftig glänzenden Tomaten unter azurblauem Himmel in der Sonne reifen. Doch als sie dabei dem attraktiven Halbitaliener Roberto begegnet, der sie in die Geheimnisse der Tomatenernte einweiht, stehen Nellis Gefühle noch mehr kopf …

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Seitenzahl: 390

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ursi Breidenbach reist gerne und liebt es, die Atmosphäre eines Ortes so richtig in sich aufzusaugen – dazu gehört natürlich auch das landes­typische Essen. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, schreibt sie neben unterhaltenden Sachbüchern und Kurzgeschichten am liebsten wunderschöne Liebesromane zum Wohlfühlen. Ursi Breidenbach lebt mit ihrer Familie in der Steiermark (Österreich).

Außerdem von Ursi Breidenbach lieferbar:

Wetten, ich kann lauter furzen? Wie man als Mutter von Jungs überlebt (Heike Abidi, Ursi Breidenbach)

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URSI BREIDENBACH

Roman

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PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichenvon Penguin Books Limited und werdenhier unter Lizenz benutzt.

Copyright © 2020 by Penguin Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Umschlag: Favoritbüro Umschlagmotiv: © victoriabee / GettyImages; JeannineMcChesney / GettyImages; Audrius Merfeldas / Shutterstock; FabrikaSimf / Shutterstock Redaktion: Kristina Lake-Zapp Satz: GGP Media GmbH, Pößneck E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-23947-3V001www.penguin-verlag.de

Für Heike Abidi, ohne dich wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin

1

»Ich bin hin- und hergerissen. Ist das wirklich so eine gute Idee?« Nelli strich über den Stoff des alten Jeanskleides. Seit Ewigkeiten hatte sie es ganz hinten im Schrank gelagert und nicht mehr hervorgeholt. Sie war sich nicht einmal sicher, ob ihr das Teil noch passte.

»Quatsch, Mama, das ist die beste Idee ever! Du wirst vierzig! Willst du bloß am Montag mit deinen lahmen Kollegen feiern? Das wäre ja nichts Besonderes. Wenn von deinen Freundinnen heute niemand Zeit hat, kommst du mit uns! Los, zieh das an!«

Lauras Augen leuchteten, und allein deshalb schon hätte Nelli jedes Kleidungsstück anprobiert. Sie liebte die Begeisterungsfähigkeit ihrer Tochter, und deren ansteckende Fröhlichkeit fehlte ihr sehr, seit Laura vor ein paar Monaten ausgezogen war.

»Und für deine Freundinnen ist es auch in Ordnung, wenn ich euch Gesellschaft leiste?«, hakte Nelli nach, während sie in das alte Kleid schlüpfte. »Wird ihnen das nicht seltsam vorkommen, in Begleitung deiner Mutter in die Bar zu gehen?« Sie selbst hätte das damals garantiert gehasst.

»Aber du bist doch keine normale Mutter. Du bist jung und hip. Außerdem finden die anderen auch, dass du heute Abend auf keinen Fall allein zu Hause rumsitzen solltest!«

Lauras Worte schmeichelten ihr. Es mochte ja sein, dass die Eltern der anderen Studentinnen um fünf bis zehn Jahre älter waren. Dennoch gehörte Nelli derselben Generation an und fühlte sich von »Jung und Hip« meilenweit entfernt.

Als sie sich im Spiegel betrachtete, zog sie ungläubig die Augenbrauen hoch. »Vor zwanzig Jahren musste ich einen Gürtel tragen«, stellte sie lachend fest. Das Hemdblusenkleid lag nun figurbetont an. Am Busen spannte es sogar bedrohlich. »Ich sehe unmöglich aus!«

»Halt! Nicht so schnell«, stoppte Laura sie. »Mach oben doch einfach die Knöpfe auf. Das Ding kann ruhig einen größeren Ausschnitt vertragen. Wow, Mama! Das ist richtig sexy! Du siehst hammer aus!«

Skeptisch beäugte sich Nelli. Normalerweise war sie ja der lässig-bequeme Kleidungstyp. Sie ging durchaus gern einkaufen, kombinierte die Teile mit Bedacht und schminkte sich sorgfältig. Mode bereitete ihr Freude, und sie mochte es, gut auszusehen. Sie bevorzugte es fraglos auch weiblich. Aber die Geschmacksrichtung »sexy« war in ihrem Schrank eher weniger vertreten. Wahrscheinlich beruhte ihre diesbezügliche Zurückhaltung auf der Tatsache, dass sie mit einundzwanzig Mutter geworden war. Windelnwechseln und Breifüttern waren per se unsexy. Danach folgte die anstrengende Phase, in der sie tagsüber für Laura sorgte und nachts für die Uni lernte. Und schließlich landete sie im Spagat zwischen Mutterschaft und ihrem Beruf als Juristin. Insgesamt war dies nicht die Zeit für aufregende Wäsche und verführerische Klamotten. Auch in den letzten Jahren mit Lauras Vater, in denen ihre Tochter schon ein Teenager war, griff Nelli nicht tiefer in die mit weiten Ausschnitten und kurzen Rocksäumen gefüllte textile Trickkiste, denn dieser Abschnitt ihrer Beziehung war von kühler Freundlichkeit und Entfremdung gekennzeichnet.

Mit der Scheidung hatte sich bei Nelli zuerst eine ausgedehnte Ära der Jogginghosen eingestellt, die irgendwann in den Modus des zwanglosen, aber sorgfältig gepflegten Understatements überging. Genau das Richtige für eine Enddreißigerin, die sich selbst mochte, aber große Abenteuer auf unbestimmte Zeit verschoben hatte.

Jetzt bewegte sich Nelli vor dem Spiegel. »Wenn ich so mache«, sie streckte den Rücken durch, »hüpft der Busen fast raus. Nicht dass jemand von den jungen Leuten einen Schreck kriegt.«

Sie lachten.

»Hast du mal auf Instagram Bilder durchgeklickt?«, fragte Laura. »Heute laufen alle so rum. Ehrlich, dein Dekolleté ist total harmlos. Kein Hahn wird danach krähen. Das bisschen Brustansatz!«

Na, das ist ja … beruhigend.

Und es fasste ziemlich genau das zusammen, was Nelli in letzter Zeit unter anderem beschäftigte: Wo blieb die Aufregung? Die Lebenslust? Das Außergewöhnliche? Automatisch schielte sie nach der Spruchkarte, die sie unlängst gekauft und über ihr Bett gepinnt hatte. Die zehn schönsten Jahre einer Frau sind die zwischen 39 und 59, stand darauf. Warum fiel es ihr nur so verdammt schwer, das zu glauben?

Sie zog eine übertriebene Grimasse.

Laura fing an zu kichern.

»Ich muss verrückt sein!«, seufzte Nelli dann. »Was will ich einen Tag vor meinem vierzigsten Geburtstag in einem zwanzig Jahre alten Kleid mit meiner neunzehnjährigen Tochter in einer Bar?«

Laura lachte wieder. »Jetzt chill mal, Mama. Meine Güte, warum bist du deswegen bloß so neben der Spur? Wir gehen ein bisschen aus und haben Spaß. Du denkst doch sonst auch nicht groß über dein Alter nach.«

Ja genau. Null Thema für mich, das Ganze. Haha.

Tatsächlich kreisten Nellis Gedanken schon seit Wochen und Monaten um kaum etwas anderes. Leider kam nur selten Positives dabei heraus. Und zu einem sinnvollen Ergebnis, zum Beispiel, wie sie sich an der Schwelle zum neuen Jahrzehnt selbst definieren wollte, führten sie ebenfalls nicht.

»Ich hole uns jetzt mal einen Prosecco aus dem Kühlschrank, damit du ein bisschen runterkommst«, kündigte Laura an. »Und du suchst in der Zwischenzeit passenden Schmuck und Schuhe aus.«

Der Schwips, den Nelli schon hatte, als sie die Bar betraten, in der sie Lauras Studienfreundinnen trafen, fühlte sich an wie ein Klischee aus einem Film. Die Hauptfigur betrank sich, um ihren vierzigsten Geburtstag zu überstehen.

Himmel, es ist doch nur eine Zahl!

Sie war noch immer dieselbe Frau wie vor zwei, drei oder sogar fünf Jahren. Was sollte also diese innere Unausgeglichenheit, die sie sonst ja auch nicht von sich kannte?

Schluss jetzt! Wir lassen es heute krachen!

Die Mädchen behandelten sie absolut nicht wie eine Mutter. Wenn Nelli davon absah, dass sie von der Hälfte der Bands und TV-Serien, über die gesprochen wurde, nie zuvor gehört hatte, kam es ihr eigentlich fast normal vor, mit ihnen hier zu sitzen.

»Findest du Jon Snow auch so heiß?«, fragte Zoe sie.

»Ja, der ist süß«, antwortete Nelli und freute sich, dass sie zumindest bei Game of Thrones mitreden konnte. Davon hatte sie mit Laura etliche Folgen gesehen. Die Serie war für Nellis Geschmack viel zu brutal, aber offensichtlich standen die jungen Leute heutzutage auf so etwas.

»Und wer ist sonst so dein Typ?«, wollte Zoe weiter wissen, nahm die Orangenscheibe vom Rand ihres Cocktailglases und biss hinein.

»Mama steht auf Colin Firth«, gab Laura Auskunft, bevor Nelli überhaupt zum Überlegen kam.

»Oh. Der ist … ein guter Schauspieler«, erwiderte Zoe ohne Begeisterung. »Wo spielt der noch mal mit?« Man konnte ihr ansehen, dass sie ihn langweilig fand. Ein Jon Snow war er in ihren Augen definitiv nicht.

»Also, Moment mal! Der ist ja auch nicht mehr der Jüngste«, protestierte Nelli. »Aber in seinen alten Filmen sah er super aus. Kennt ihr ihn in Stolz und Vorurteil? Wie er mit nassem Hemd aus dem Teich steigt?«

Die Mädchen sahen sie mit blanken Gesichtern an.

»Na, egal. Ich mag große Männer mit breiten Schultern.«

»Ihr kann es nicht männlich genug sein«, erklärte Laura lachend.

Nelli schmunzelte, fragte sich aber insgeheim, ob ihrer Tochter schon einmal aufgefallen war, wie wenig der eigene Vater zu dieser Beschreibung passte. Auf keinen Fall wollte sie, dass Laura sie für oberflächlich hielt. Oder dass sie annahm, Äußerlichkeiten hätten zur Trennung ihrer Eltern geführt.

»Eigentlich ist es mir völlig egal, wie ein Mann aussieht, wenn er nur klug und humorvoll ist«, stellte Nelli daher schnell klar. »Hauptsache, ich kann mich gut mit ihm unterhalten.«

»Das sagt meine Mutter auch immer«, steuerte eine andere bei. »Aber das ist Bullshit. Der erste Eindruck bleibt der erste Eindruck. Und das ist nun mal das Äußere. Klug und humorvoll soll er natürlich außerdem sein.«

Und charmant und mitfühlend und zärtlich und tausend weitere gute Eigenschaften. Selbstverständlich!

Nelli lachte in sich hinein.

So wenig kompromissbereit dachte man mit zwanzig, wenn einem noch ein Riesenangebot an Single-Männern zur Verfügung stand. Aber wann war Nelli das letzte Mal einem sowohl attraktiven als auch intelligenten und umgänglichen Typen begegnet? Einem, der obendrein noch unverheiratet war? Obwohl ihre Scheidung nun schon fünf Jahre zurücklag, konnte sie sich nicht an einen Einzigen erinnern. Von den dreien, mit denen sie in allerletzter Zeit ausgegangen war, hatte einer nur über sein neues Cabriolet schwadroniert, der andere war ein notorischer Lügner gewesen, und der Dritte hatte eine unansehnliche, ledrige Raucherhaut gehabt.

Sie trank einen großen Schluck von ihrem Aperol Spritz. Alkohol war definitiv eine Alternative zum Nachdenken über Männer.

»Nein, ganz ehrlich, Nelli«, blieb Zoe hartnäckig. »Jetzt komm uns bloß nicht mit inneren Werten. Sieh dich doch mal um und sag uns, wen du heiß findest!«

Reicht nicht auch ein realistisches Lauwarm?

Um keine Spielverderberin zu sein, ließ Nelli ihren Blick wandern. Sie befanden sich in einer Bar in unmittelbarer Nachbarschaft zur Uni, und genau diesem Standort entsprach auch das durchschnittliche Alter der Besucher. Außer dem stark tätowierten, kahl rasierten Barkeeper im Netzshirt war kaum jemand über dreißig.

»Nun, hier sind alle ziemlich jung«, gab Nelli zu bedenken und hatte große Lust, zum Spaß einfach den Glatzkopf zu nennen.

»Ist doch egal. Es geht ja nur um die Optik«, meinte Laura mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Mir zum Beispiel gefällt der dort drüben, obwohl ich einen festen Freund habe. Alles rein hypothetisch – wir verstehen uns.« Sie zeigte verstohlen auf einen jungen Mann, der gerade von der Toilette kam und auf die Bar zusteuerte. Er schien ihre Aufmerksamkeit zu bemerken, denn er zwinkerte Laura zu.

Die Mädchen kicherten.

»Also schön.« Nelli tat so, als würde sie imaginäre Ärmel hochkrempeln, und sah sich noch einmal um. »Ich finde den am Stehtisch neben dem Eingang nett. Den mit der grauen Hose.« Damit hatte sie wahllos irgendeinen Typen herausgepickt, der ein hübsches Gesicht hatte und aussah, als gehe er zumindest auf die dreißig zu. Einen der ganz jungen zu nennen, wäre ihr eigenartig vorgekommen. Vor dem Fernseher einen jugendlichen Schauspieler anzuschmachten, war etwas völlig anderes, als hier zu sitzen und auf jemanden im Alter ihrer Tochter zu deuten.

Die gesamte Gruppe stimmte ihr zu und lobte ihre exquisite Wahl.

»Jetzt bist du dran«, forderte Zoe eines der anderen Mädchen auf, das sich nicht lange bitten ließ und etliche Männer hintereinander herauspickte.

Nelli lehnte sich zurück und folgte belustigt dem Gespräch. Sie fragte sich, welche dieser Kerle ihr damals vor zwanzig Jahren als Studentin gefallen hätten. Dieselben wie heute? Inwiefern hatte sich ihr Geschmack weiterentwickelt?

Ihr Blick blieb am Eingang hängen, wo eben vier junge Männer das Lokal betreten hatten. Einer von ihnen war überdurchschnittlich groß, breit gebaut und durchtrainiert. Er trug, ganz der Mode entsprechend, einen Vollbart.

Sie beobachtete, wie er mit langen Schritten zur Bar ging und dort etwas bestellte. Jede seiner Bewegungen hatte Sexappeal, ohne dass er auch nur im Geringsten eingebildet oder affektiert wirkte. Fasziniert musterte Nelli seinen Körper. Wann hatte sie, außer auf der Leinwand, in letzter Zeit jemanden erblickt, der von Kopf bis Fuß so gut aussah? Kein Zweifel, das war der attraktivste Typ, der seit Ewigkeiten ihren Weg gekreuzt hatte.

Okay, ich gebe zu Protokoll: Der ist heiß.

Sie war froh, dass die Mädchen ihr gerade keine Beachtung schenkten. Von ihnen beim Gaffen erwischt zu werden, wäre ihr peinlich gewesen.

Es stellte sich heraus, dass Laura einen der vier jungen Männer, die in die Bar gekommen waren, von irgendeiner Party kannte. Er kam zu ihnen herüber, unterhielt sich ein wenig mit ihr und fragte dann, ob er auch seine Freunde holen dürfe.

So kam es, dass sich die Runde vergrößerte und Nelli dem Kerl, den sie so attraktiv fand, plötzlich gegenübersaß.

Er hatte sich mit »Luca« vorgestellt. Seitdem schwieg er, hörte mit freundlicher Miene den von den Mädchen dominierten Gesprächen zu, ließ beim Lachen immer wieder strahlend weiße, zur Perfektion regulierte Zähne sehen und nippte gelegentlich an seiner Bierflasche.

Nelli fand, dass sein Äußeres, aus der Nähe begutachtet, absolut das hielt, was es aus der Distanz versprochen hatte. Sie schätzte ihn auf etwa siebenundzwanzig, vielleicht auch ein wenig älter. Er wirkte definitiv erwachsener als seine Begleiter oder die quietschenden, kichernden Mädchen. Verstohlen betrachtete sie seine hellbraunen Augen, seine lange, gerade Nase und die vollen, vom schokobraunen Bart umrahmten Lippen. Immer wieder schweifte ihr Blick zu den breiten Schultern und den Bizepsen, über die sich ein kariertes Hemd spannte. Unwillkürlich fragte sie sich, wie es sich wohl anfühlte, die Hand darauf zu legen.

Na klar, es ist völlig egal, wie ein Mann aussieht, nicht wahr, Nelli?

Wann immer er auch nur annähernd in ihre Richtung sah, wandte sie sich ab, tat so, als würde sie konzentriert Zoes Geschichte vom Auslandsjahr in Madrid lauschen, oder trank einen Schluck Spritz.

Mittlerweile spürte sie den Alkohol ziemlich stark. Bald war sie zu träge, um sich noch länger zu fragen, ob sie in diese Runde von jungen Menschen passte. Stattdessen tauchte sie in die gelöste Stimmung ein, genoss das benebelte Gefühl in ihrem Kopf und ließ es bereitwillig zu, dadurch immer lockerer zu werden.

Als sie wieder einmal gedankenverloren Lucas schönes Gesicht studierte, sah er so unvermittelt zu ihr herüber, dass sie sich nicht schnell genug abwenden konnte. Also hielt sie seinem Blick stand. Ihr Puls beschleunigte sich.

Verflucht!

Mit jeder Sekunde, die er sie länger ansah, wurden ihre Wangen heißer. Eigentlich war sie dem Alter des Errötens seit Ewigkeiten entwachsen. Als Juristin ließ sich Nelli so gut wie nie von ihrem Gegenüber aus dem Konzept bringen, und dass dieser junge Mann sie nun total aus der Fassung brachte, weckte in ihr das seltsam faszinierende Gefühl, von jetzt auf gleich um Jahrzehnte zurückkatapultiert zu werden.

Gerade als sie aufgeben und den Blick abwenden wollte, drehte sich Luca zur Seite. »Klar!«, antwortete er auf eine Frage seines Freundes, die Nelli nicht einmal richtig wahrgenommen hatte.

Möglichst unauffällig stieß sie die Luft aus, die sie die ganze Zeit über angehalten hatte, und bestellte sich einen weiteren Drink.

2

Kurz vor Mitternacht wurden einige Tische zur Seite geräumt, jemand drehte die Musik lauter, und etliche Gäste begannen zu tanzen. Die Atmosphäre in der Bar vibrierte.

»Haben alle etwas zu trinken?«, rief Zoe ausgelassen. »Nelli hat doch gleich Geburtstag!«

Nelli fühlte sich jetzt komplett gelöst und hatte das Gefühl, in dieser Nacht gehöre ihr die Welt. Plötzlich fragte sie sich mit einer ordentlichen Portion Erheiterung, welches Problem sie eigentlich die ganze Zeit über mit ihrem neuen Lebensjahr gehabt hatte.

Vierzig ist doch Kult! Wann habe ich mich zuletzt so amüsiert?

»Was ist dein Lieblingssong?«, wollte Lauras Bekannter wissen. »Ich kenne den Barbesitzer. Wenn ich ihn frage, spielt er ihn um Mitternacht für dich.«

»Keine Ahnung«, erwiderte Nelli. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Sie hatte ein gemeinsames Lied mit ihrem Ex-Mann Andreas gehabt. Aber das konnte sie schon seit zehn Jahren nicht mehr hören, ohne sich zu langweilen. Nein, sie brauchte einen Song, der das Freiheitsgefühl widerspiegelte, das sie an diesem Abend erfüllte. Ein Song, der so verrückt war wie diese Nacht.

Verstohlen sah sie zu Luca, der gerade sein Handy checkte.

»Was ist mit den Toten Hosen? Auf die stehst du doch«, regte ihre Tochter an.

»Geil!«, kam von Zoe.

»Wie wäre es mit ›Tage wie diese‹?«, schlug Laura vor. »Das passt prima zum Abfeiern!«

»Gute Idee!«, bestätigte Nelli und wollte gerade nach ihrem Glas greifen, als die Mädchen sie auch schon hochzogen.

»Jetzt wird in den Geburtstag reingetanzt!«, rief Laura.

Nelli drückte sich an Luca vorbei und sah, wie er sie anlächelte.

Laura und Zoe schleiften sie weiter zu der improvisierten Tanzfläche. Zufällig wurde gerade ein Lied aus Nellis Studienzeit gespielt, also ließ sie sich einfach mitreißen.

Kurz darauf war es auch schon Mitternacht.

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass jemand ganz Besonderes Geburtstag hat«, dröhnte die Stimme des Glatzkopfs über den Lärm hinweg. Laura und die Mädchen johlten. »Hier sind extra für dich Die Toten Hosen mit ›Tage wie diese‹! Wir wünschen dir alles Gute, Nelli!«

Laura nahm Nelli in den Arm und küsste sie auf die Wange. »Herzlichen Glückwunsch, Mama!«, sagte sie ihr ins Ohr. »Ich hab dich lieb!«

Nelli drückte ihre Tochter an sich. »Ich hab dich auch lieb, mein Schatz! Danke, dass du mit mir feierst. Es macht so viel Spaß!«

Und schon begann ihr Lied. Das ganze Lokal grölte mit. Die meisten waren aufgestanden und tanzten – viele gleich an Ort und Stelle, denn der freigeräumte Platz war bei Weitem zu klein für alle.

Nelli fühlte sich gut gelaunt wie schon lang nicht mehr. Warum war sie sich in den vergangenen Monaten nur so eingesperrt vorgekommen? Sie brauchte doch nur loszuziehen und sich das pralle Leben mit Spaß und Herzklopfen zu pflücken!

Die Lebendigkeit berauschte sie. Beim Tanzen spürte sie jeden Zentimeter ihrer Haut in dem alten Kleid, und die stickige Luft fühlte sich in ihrer Lunge cremig an.

Irgendwann fiel ihr auf, dass sie beobachtet wurde. Zuerst war es nur eine unbestimmte Ahnung, doch als sie sich in dem schummrigen Raum umsah, entdeckte sie ihn an einem der Stehtische am Rand der Tanzfläche. Ob er es unbewusst oder mit Absicht tat, konnte sie nicht beurteilen, aber dieser Luca fixierte sie eindeutig.

Er machte sie neugierig, und sie hätte gern mehr über ihn erfahren. Wer war er? Womit verdiente er sein Geld? Wofür brannte er? Nicht zuletzt wollte sie unbedingt wissen, was er über sie dachte. Doch die Vorstellung, einfach zu ihm hinüberzugehen und ein Gespräch zu beginnen, ließ derart viel Adrenalin durch ihren Körper peitschen, dass sie die Idee verwarf. Er verunsicherte sie einfach zu sehr. Und das nicht nur, weil er umwerfend aussah, sondern auch, weil er ein gutes Jahrzehnt jünger war als sie.

»Lass uns eine Pause machen und etwas trinken!«, rief sie ihrer Tochter zu und deutete zur Bar.

»Okay. Sie haben hier auch Jello Shots«, schrie diese gegen die Musik an und hielt beide Daumen hoch.

»Ich meinte eigentlich etwas Durstlöschendes. Du weißt schon: Durst, das Existenzbedürfnis.«

»Was?«

Nelli winkte ab. Sie ließ Laura die gelierten Schnäpse bestellen und orderte einfach noch ein großes Glas Wasser dazu.

»Bist du Lauras Schwester?«, brüllte ihr jemand ins Ohr, als sie auf ihre Drinks warteten. »Ihr seht euch ähnlich.«

Nelli drehte sich um.

Schwester? Der will mich doch verarschen!

Luca lächelte sie an, aber in seinem Gesicht lag kein Spott, sondern echte Neugier. Wenn das ein albernes, völlig übertriebenes Kompliment gewesen sein sollte, versteckte er die Unglaubwürdigkeit perfekt unter einer interessierten und total harmlosen Miene.

»Nein, keine Schwestern«, antwortete Nelli vage. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, sich zu ihm beugen und ihn anschreien, damit er eine Chance hatte, sie zu verstehen, so sehr war der Geräuschpegel in der Bar mittlerweile angeschwollen.

»Ehrlich? Ich hätte darauf schwören können. Ihr habt dieselben grünen Augen. Hammeraugen!«

Ihr Herz klopfte schneller. Er war ihr so verdammt nahe, dass kaum eine Handfläche zwischen sie beide gepasst hätte. Plötzlich war Nellis Kopf voller Bilder von Luca, wie er sie packte und küsste.

Ausgerechnet in diesem Augenblick wurden die Shots auf den Tresen gestellt, und der Barkeeper brüllte Nelli den Preis zu. Sie rückte von Luca ab und kramte ein bisschen fahrig in ihrer Tasche nach der Geldbörse. Plötzlich spürte sie Lucas Hand auf ihrem Arm. Seine Finger fühlten sich auf ihrer Haut heiß an.

»Das übernehme ich. Du hast heute Geburtstag!«, rief er und lächelte wieder. Seine Zähne leuchteten weiß im schummrigen Licht.

»Danke«, antwortete sie. Sie spürte die lauten Beats in ihren Eingeweiden, was ihre Erregung seltsam steigerte. Unauffällig strich sie über die Stelle, die Luca gerade berührt hatte.

Er zog ein Portemonnaie aus der Gesäßtasche seiner Jeans, holte einen Schein hervor und bezahlte. Danach prostete er ihr mit seiner Bierflasche zu. »Alles Gute!«

Was, wenn er jetzt fragt, wie alt ich geworden bin?

Sie wollte nicht, dass dieses Prickeln zwischen ihnen aufhörte, nur weil er realisierte, wie viel älter sie wirklich war. Aber lügen würde sie diesbezüglich keinesfalls.

Er fragte nicht. »All deine Wünsche sollen in Erfüllung gehen«, sagte er stattdessen, wobei er sich so weit zu ihr herunterbeugte, dass er mit seinen Lippen beinahe ihr Ohr berührte. Sein Atem kitzelte ihre Haut, was ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Die Nerven bis zum Zerreißen gespannt, fieberte sie dem entgegen, was wohl als Nächstes passieren würde.

Doch ehe überhaupt etwas geschehen konnte, wurde Luca von seinen Freunden zur Dartscheibe gerufen. Er lächelte ihr noch einmal zu, stieß sich dann vom Tresen ab und verschwand zwischen den anderen Gästen.

Sie sah ihm verdattert nach und spürte, wie sich Frust in ihr breitmachte.

Eine Stunde später begann sich bei Nelli Müdigkeit einzustellen. Sie verließ die Bar, um ein wenig Sauerstoff zu tanken, und lehnte sich draußen gegen die Hausmauer. Ihr Hals kratzte, und in ihren Ohren surrte es. Aber sie fühlte sich gut. Herrlich lebendig und aufgedreht wie schon viele Jahre nicht mehr.

Eine alles andere als nüchtern aussehende Studentin trat aus der Kneipe und wankte die Straße entlang. Ein Typ in ihrem Alter kam hinterher und rief: »Warte doch! Es war nicht so gemeint. Natürlich bist du keine Bitch!«

»Du verstehst einfach nicht, dass ich das Ganze nur mache, weil ich dich liebe!«, gab sie schluchzend zurück.

Der junge Mann lief ihr nach, was ihm jedoch sichtlich schwerfiel. Endlich hatte er zu ihr aufgeschlossen, legte den Arm um die immer noch weinende Frau und verschwand mit ihr hinter der nächsten Ecke.

Nelli beobachtete die Szene. Plötzlich war sie verdammt froh, nicht mehr so jung zu sein und solche Dramen durchmachen zu müssen. Eine gewisse Reife erreicht zu haben, hatte durchaus seine Vorteile, und über Lebenserfahrung zu verfügen, hieß ja nicht automatisch, dass man gezwungen war, sich zu langweilen. Der unerwartet schöne Abend bewies das hinlänglich. Zum Glück hatte sie auf Laura gehört und war aus ihrem Alltag ausgebrochen. Es tat ihr gut, ein wenig ausgelassen zu sein, und der kleine Flirt mit diesem Luca hatte ihr gezeigt, dass in ihr ein buntes Potpourri an Bedürfnissen schlummerte.

»Hast du einen schönen Geburtstag?«

Nelli schreckte zusammen.

Luca war neben sie getreten. Eigentlich hatte sie gedacht, dass er längst weg sei.

Ihr Magen setzte zu einem kleinen Looping an, und ihr Kopf war schlagartig wie leer gefegt.

»Ja, ich habe Spaß«, antwortete sie daher wie ferngesteuert.

Er kam näher und lehnte sich direkt neben sie an die Wand.

Ihre Arme berührten einander, und sie spürte seinen Bizeps an ihrer Schulter.

»Kommst du öfter her?«, fragte sie, nur um irgendetwas zu sagen. Sie war mit einem Mal unglaublich nervös. Stur geradeaus auf die Straße zu schauen, wirkte zwar bestimmt nicht gerade selbstsicher, half ihr aber, sich ein wenig zu sammeln.

»Ab und zu. Eigentlich mag ich solche Studentenkneipen nicht besonders. Meine Freunde wollten unbedingt herkommen.«

»Ähnlich wie bei mir. Ich bin zum ersten Mal hier. Die Mädchen haben mich mitgenommen.«

»Ich bin froh darüber«, hörte sie ihn antworten.

Nun schaute sie doch zu ihm hinauf. Ihre Blicke trafen sich. Die Laterne über ihnen beleuchtete seine ebenmäßigen Züge, und Nelli dachte einmal mehr, wie umwerfend er aussah.

Langsam drehte er sich zu ihr, hob die Hand und berührte sie leicht an der Schulter. »Gut, dass du an deinem Geburtstag Spaß hast«, murmelte er.

Unwillkürlich hielt sie die Luft an. Luca hatte einen Ausdruck in den Augen, der ihr durch Mark und Bein ging.

Ohne Eile wanderte sein Blick zu ihren Lippen und dann weiter nach unten zu ihrem Ausschnitt, wo er hängen blieb. Mit einem Finger fuhr er sacht ihr Schlüsselbein entlang. »Ich finde, du solltest an deinem Geburtstag noch viel mehr Spaß haben«, flüsterte er. Seine Hand glitt tiefer.

Sie konnte gar nicht anders, als ihren Empfindungen die Regie zu überlassen, denn alles in ihr wollte diesen Mann. Also packte sie ihn am Kragen seines Hemdes und zog ihn eng an sich. Die archaische Lust, die sie durchströmte, machte Zurückhaltung unmöglich.

Mit einem Stöhnen umfasste er ihre Hüften und presste sich an sie.

In diesem Moment öffnete sich die Tür des Lokals und schlug krachend gegen die Hauswand.

Noch bevor Nelli realisieren konnte, dass ausgerechnet ihre Tochter mit den Freundinnen, gefolgt von Lucas Begleitern, herauskam, war Luca bereits einen Schritt von ihr weggetreten und hatte seine Hände in die Hosentaschen gesteckt.

Verlegen strich Nelli ihre Haare zurück. Sie fühlte sich, als hätte eine Ohrfeige sie in die Realität zurückgeholt.

»Da seid ihr ja!«, rief einer der jungen Männer mit dröhnender Stimme. »Wir wollten schon einen Suchtrupp losschicken.«

»Wir gehen noch woandershin auf einen Absacker.« Bestens gelaunt, strahlte Laura Nelli an. »Kommst du mit?« Offensichtlich ahnte sie nicht im Geringsten, wo sie da hineingeplatzt waren.

»Ähm … Ich nehme mir lieber ein Taxi und fahre heim«, erwiderte Nelli zögerlich, wobei sie es vermied, Luca anzusehen. Sie wusste, dass der Moment vorüber war, und musste nun erst einmal mit der Enttäuschung zurechtkommen, die in ihr hochwallte.

»Okay.« Ihre Tochter nahm sie in den Arm und küsste sie auf die Wange. »War ein super Abend. Wir sehen uns morgen.«

Nelli nickte. Plötzlich fühlte sie sich völlig nüchtern.

Lauras Freundinnen drückten sie ebenfalls kurz.

»Also los, auf geht’s!«, sagte einer der jungen Männer und setzte sich in Bewegung. »Die Nacht ist noch jung.«

Aus den Augenwinkeln sah Nelli, wie sie Lucas Blick streifte. »Leute, ich gehe auch heim. Ich habe genug für heute.«

Einer seiner Freunde murmelte etwas Unverständliches, dann verabschiedeten sie sich einer nach dem anderen mit einem Schulterklopfen bei Luca. Und schon zogen sie los.

Schweigend sahen Nelli und Luca der Gruppe nach.

Sie überlegte fieberhaft, ob sie an das, was vor der Unterbrechung geschehen war, anknüpfen konnte. Der sinnliche Moment hatte sich so selbstverständlich angefühlt, und genau diese magische Leichtigkeit wollte sie erneut heraufbeschwören. Aber konnte man so etwas tatsächlich erzwingen?

Gleich würden die jungen Leute in die nächste Querstraße einbiegen, und sie wären wieder allein. Nervös trat Nelli von einem Fuß auf den anderen. Als Laura sich noch einmal nach ihr umdrehte, hob sie die Hand und winkte.

»Komm gut heim, Mama!«, tönte die fröhliche Stimme ihrer Tochter durch die Nacht. Dann war sie weg.

»Mama«, schien es unaufhörlich zwischen den Häuserfassaden hin und her zu hallen.

Ein Wort.

Zwei Silben.

Vier Buchstaben, die mich sonst überglücklich machen, die ich in diesem Augenblick aber zum ersten Mal in neunzehn Jahren auf keinen Fall hören wollte.

Die Situation war so grotesk, dass sie beinahe laut aufgelacht hätte. Sie war sich sicher, dass Luca nun das erkannte, was das fahle Licht bisher vor ihm verborgen hatte: Er war im Begriff gewesen, die Mutter eines Mädchens aus seinem entfernten Bekanntenkreis zu verführen. Bestimmt war diese Erkenntnis ein Schreck für ihn.

Vermutlich ist es besser so. Denn nun kann ich diese wunderbare Nacht auf jeden Fall als aufregende Erinnerung bewahren. Wer weiß schon, was noch passiert wäre.

Sie beschloss, es ihm leicht zu machen, und suchte in ihrer Tasche nach dem Handy. Als sie es gefunden hatte, schaute sie freundlich lächelnd auf. »Dann rufe ich mir mal ein Taxi. Soll ich für dich auch eins bestellen?«

Luca fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und schüttelte den Kopf. »Ich brauche keins. Ich wohne nicht weit von hier.«

»Ach so.«

Ihre Blicke begegneten sich.

»Und wenn du möchtest, brauchst du auch keins«, fügte er hinzu.

3

Als Nelli erwachte, war es bereits hell. Ihr Kopf brummte, und auf ihrer staubtrockenen Zunge lag ein unangenehmer Geschmack. Noch ziemlich benommen sah sie sich um: Lucas Schlafzimmer war mit ausgefallen gestalteten Vollholzmöbeln eingerichtet, auf dem Parkett lag ein Perserteppich, und außen an der Schranktür hing ein schicker Anzug – an den Schultern ein wenig angestaubt. Erstaunt versuchte sie, sich zu erinnern, ob er tatsächlich gesagt hatte, er sei Physikstudent, oder ob sie sich das nur einbildete. Nach Studentenbude sah es hier nämlich absolut nicht aus.

Aber ist er nicht ohnedies ein bisschen alt für einen Studenten? Vielleicht bringe ich da jetzt etwas durcheinander. Vermutlich hat das mit der Physik ein anderer erzählt.

Sie wollte sich aufsetzen, aber Lucas Arm und sein nacktes Bein lagen schwer auf ihr. Langsam ließ sie ihren Blick über seinen muskulösen Rücken gleiten und dann auf seinem Hinterteil ruhen. Alles an diesem Mann war wohlgeformt und perfekt definiert, und sofort waren die Bilder der vergangenen Nacht wieder präsent: wie sie einander, kaum in der Wohnung angekommen, gegenseitig die Kleider vom Leib rissen, wie er sie, ohne den Kuss zu unterbrechen, zum Bett dirigierte, und wie es sich anfühlte, Sex mit einem völlig Fremden zu haben.

Neue Erregung brandete in Nelli auf – zusammen mit einer gewissen Genugtuung. Seit heute war sie tatsächlich vierzig, und schon hatte sie bewiesen, dass sich keinerlei Türen geschlossen hatten. Sie konnte jedes Leben führen, das sie wollte – auch eines, in dem sie morgens nach dem Sex in irgendeiner Wohnung aufwachte.

Grinsend betrachtete sie weiter Lucas knackige Kehrseite.

Erst nach und nach wurde sie auf ihre eigene Physis aufmerksam: Wo sein Bein auf ihrem Oberschenkel lag, erzeugte der Druck Cellulite. Auf ihrem Bauch schimmerten silbrige Schwangerschaftsstreifen, und die Schwerkraft ließ ihre Brüste grauenhaft aussehen. Die Erschütterung über den Kontrast zwischen Lucas und ihrem eigenen körperlichen Zustand ließ das Hochgefühl aus ihr weichen wie Luft aus einem Ballon. Sie machte sich hier doch total lächerlich! Genau wie die Männer in den mittleren Jahren, die sich an sehr viel jüngere Frauen heranmachten, um sich mit diesen Affären etwas zu beweisen.

Verdammt, ich muss weg, und zwar schnell! Das hier hat nur nachts und unter Einfluss von Alkohol wie eine super Sache ausgesehen!

Vorsichtig versuchte sie, unter Luca hervorzurutschen. Seine Miene, wenn er sie bei Tageslicht betrachtete, wollte sie sich unbedingt ersparen. Sie hatte einfach keine Lust mehr, sich dem kritischen Blick eines Kerls auszusetzen, und wollte sich mit all den vielen kleinen körperlichen Unzulänglichkeiten, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten, abfinden. Aber genau das fiel ihr in Gegenwart eines so makellosen jungen Mannes reichlich schwer.

Abenteuer zu Ende, ab nach Hause!

Sie hatte es gerade geschafft, sich von seinem Bein zu befreien, und machte sich daran, vorsichtig seinen Arm zur Seite zu schieben, als er plötzlich anfing, sich zu regen. Ohne den Kopf vom Kissen zu heben, nuschelte er verschlafen: »Musst du aufs Klo? Rechts neben der Eingangstür.«

»Alles okay«, flüsterte Nelli und wand sich unter seinem Arm hervor. »Schlaf weiter.«

Endlich befreit, stand sie auf, schnappte sich das erstbeste Kleidungsstück vom Boden und hielt es sich vor den Körper. Dass es sich dabei um Boxershorts handelte, merkte sie erst einen Augenblick später. So verharrte sie einige Sekunden, um zu prüfen, ob Luca schon wieder eingedöst war.

Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig.

Sie ließ die nutzlosen Boxershorts fallen und bückte sich stattdessen nach einem von Luca wohl irgendwann achtlos in die Ecke geschleuderten T-Shirt. Als sie sich wieder aufrichtete, wurde ihr kurz schwarz vor Augen. Sie klemmte sich das Shirt unter die Achseln, blickte hinab und las den Spruch darauf: We’re getting pizza after this!

Schwankend vor lauter Kopfweh schob sie sich rückwärts aus dem Zimmer. Was hätte sie jetzt für zwei Aspirin, ihre eigene Dusche und einen starken Kaffee auf ihrem Balkon gegeben! Im Flur drehte sie sich um. Der dringliche Wunsch, unbemerkt die Wohnung zu verlassen, damit alles nicht noch peinlicher wurde und sie die letzte Nacht in guter Erinnerung behalten konnte, ließ sie zu wenig achtgeben. Unsanft prallte sie gegen etwas, das an die Wand gelehnt im Vorzimmer stand.

Scheppernd und klingelnd fiel es zu Boden, und Nelli, die es noch irgendwie festzuhalten versuchte, stürzte mit. Fluchend und stöhnend rappelte sie sich auf, doch der Schmerz war so groß, dass sie auf die Dielen zurücksank.

Luca war mit einem Satz aus dem Bett gesprungen und zu ihr geeilt. »Ist dir was passiert?« Seine Stimme klang rau, die Haare standen in alle Richtungen ab, und seine Augen waren schreckgeweitet.

»Wer stellt denn bitte sein Fahrrad mitten in die Wohnung?« Stöhnend rieb sich Nelli die Hüfte, mit der sie gegen den Sattel geprallt war.

»Mir haben sie schon zweimal eins geklaut. Tut mir echt leid. Geht’s?« Er ging neben ihr in die Hocke.

Nelli prüfte verlegen, ob das T-Shirt wohl auch das Nötigste verdeckte, dann versuchte sie erneut aufzustehen, doch zu ihren schmerzenden Knochen und dem Brummschädel gesellte sich nun auch noch Übelkeit. Also blieb sie sitzen.

»Hey, alles in Ordnung?« Luca sah ihr prüfend ins Gesicht. »Hast du dir wehgetan?« Er streckte die Hand nach ihr aus.

Sie kam sich vor wie eine Greisin, der man über die Straße helfen oder im Bus einen Sitzplatz überlassen musste. Von der elektrisierenden Stimmung der vergangenen Nacht war nicht ein Fünkchen übrig geblieben, und sie fühlte sich plötzlich ganz schrecklich.

»Mir fehlt nichts. Ich muss jetzt nach Hause.« Sie wedelte abweisend mit den Fingern.

Luca runzelte die Stirn. »Tut mir leid, das mit dem Rad. Soll ich dir Kaffee machen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Tee?«

»Nein danke.« Missmutig inspizierte sie ihre Hüfte. Die Haut an ihrer Seite war gerötet. Und etwas schlaff sah sie obendrein aus. Ob Luca das schon aufgefallen war?

Er ließ sich neben Nelli auf dem Boden nieder, lehnte den Rücken an die Wand und legte seine Arme auf den aufgestellten Beinen ab. »Es hat dir nicht gefallen«, stellte er mit trauriger Stimme fest.

»Was?«, erwiderte sie verdutzt und blickte ihm erstmals an diesem Morgen richtig ins Gesicht.

»Ich war nicht gut genug.« Er fuhr sich mit der Hand durch die wirren Haare, was den Zustand seiner Frisur nicht gerade verbesserte, und biss sich auf die Unterlippe.

»Wovon sprichst du?«

»Na, vom Sex. Du gehst, weil es für dich nicht so der Hit war, oder? War ich zu schnell? Zu heftig? Zu wenig kreativ?«

Einen Moment lang war sie einfach nur sprachlos. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, dass er genau wie sie von Selbstzweifeln geplagt sein könnte. Perplex starrte sie ihn an, bis ihr schließlich klar wurde, dass seine Verunsicherung alles andere als verwunderlich war: Er war jung und suchte Bestätigung.

Luca errötete unter ihrem Blick und sah zur Seite.

Irgendwie gingen Nelli seine Bedenken zu Herzen. »Luca, hör mal. Es war gut! Ich möchte jetzt einfach nur nach Hause, weil …«

»Ja? Hat es dir gefallen?«, unterbrach er sie und wandte sich ihr wieder zu.

»Selbstverständlich. Es war richtig gut! Du bist ein ausgezeichneter Liebhaber.«

»Okay«, erwiderte er und fing an zu grinsen. Zusammen mit seinem Ego richtete sich noch etwas anderes auf, was Nelli nicht übersehen konnte.

»Warum willst du dann gehen? Es ist Sonntagmorgen um …«, er sah hinauf zur Uhr, die neben der Garderobe an der Wand hing, »… kurz nach sechs. Musst du in irgendeine Frühschicht?«

»Nein.«

»Bist du verheiratet?«

Sie schmunzelte. »Nein.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Dann komm zurück in mein Bett!«

Seine Logik war entwaffnend. Sie hatten guten Sex gehabt, und es war viel zu zeitig am Morgen für irgendwelche Vorhaben oder Termine, daher sprach für ihn automatisch nichts dagegen, dass sie blieb.

Nelli dachte daran, wie ihre Sonntage abliefen, seit Laura ausgezogen war. Meist plante sie, etwas Schönes zu unternehmen, verbrachte dann aber schließlich doch den ganzen Tag allein zu Hause, sah fern und erledigte den Haushalt. Nicht selten brachte sie sich Unterlagen vom Büro mit, über denen sie stundenlang am Küchentisch brütete. Vermutlich würde dieser Tag genauso verlaufen, bis Laura am Nachmittag zum Torteessen vorbeikam. Denn vorher wartete daheim trotz Geburtstag nichts Außergewöhnliches auf Nelli. Warum sollte sie jetzt, da sie erstmals seit neunzehn Jahren auf niemanden mehr Rücksicht nehmen musste, nicht einfach ihre Freiheit genießen?

Also ließ sie Lucas Pizza-T-Shirt sinken und blieb.

Nelli schlief bis weit in den Vormittag hinein. Als sie aufwachte, fühlte sie sich wesentlich besser.

»Ist Luca die Abkürzung von Lucas?«, fragte sie, als er ihr Kaffee ans Bett brachte. Während sie etwas befangen versuchte, sich mit der Decke zu verhüllen, war er noch immer wie selbstverständlich nackt und legte sich neben sie, ohne Anstalten zu machen, auch nur einen Zentimeter seines Körpers zu bedecken.

»Nein. Es ist die italienische Form davon. Meine Großmutter war aus Piacenza. Und was ist mit ›Nelli‹?« Er stützte den Kopf auf den angewinkelten Arm und nippte an seiner Tasse. Auf seinem Bauch zeichnete sich ein deutliches Sixpack ab, das sie erfolglos zu ignorieren versuchte.

»Kornelia.«

»Cool. Hört man nicht so oft.«

Na ja, in meiner Klasse gab es sogar noch ein zweites Mädchen mit diesem Namen. Und eines im Turnverein. Aber jetzt ist er wohl hoffnungslos voriges Jahrhundert.

Sie schwiegen, und Nelli sah sich erneut im Schlafzimmer um. Der Einrichtungsstil gefiel ihr ausgesprochen gut. Die Farbkombination zeugte von einem sicheren Geschmack, und die Möbel stammten ganz eindeutig nicht aus einem gängigen Einrichtungshaus. Am erstaunlichsten fand sie, dass es sich bei einigen der Dekorationsgegenstände um Antiquitäten handelte. An der Wand hing eine alte Uhr, auf der Kommode stand eine Art-déco-Vase und auf dem Nachttisch eine Schale aus geschliffenem Glas.

»Ich hatte gestern etwas zu viel Alkohol«, gab sie zu. »Deshalb bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher, ob es zur Sprache kam: Was machst du noch mal beruflich?«

Er trank einen weiteren Schluck Kaffee. »Ich studiere Physik.«

»Und sonst …?«

»Wie ›und sonst‹? Reicht das nicht? Was machst du?«

»Ich bin Juristin bei der Stadtverwaltung«, erwiderte sie und warf erneut einen nachdenklichen Blick auf die Vase.

»Oh, das klingt … spannend.«

»Lügner«, erwiderte sie und lachte.

Luca stellte seine Tasse auf das Bord über dem Bett. »Doch, doch. Das ist sogar ganz außergewöhnlich aufregend.« Er ließ eine Hand unter die Decke gleiten, legte sie an ihre Taille und zog sie näher, während er ihr mit der anderen die Tasse abnahm und ebenfalls auf das Bord stellte. »Die Vorstellung, wie du all diese Paragrafen zitierst und über Gesetzestexte sprichst, macht mich ziemlich an«, behauptete er frech grinsend und küsste sie auf die Schulter.

»Also, die meiste Zeit erledige ich stille, konzentrierte Büroarbeit. Stapelweise Akten«, erwiderte sie erheitert. »Verträge prüfen oder aufsetzen …«

»Rede weiter. Hör ja nicht auf! Hast du auch diese dicken, schweren Gesetzesbücher auf deinem Schreibtisch liegen?« Er keuchte leise und rollte sich auf sie.

»Ja genau.« Sie lachte. »Und darin blättere ich dann und markiere Stellen mit Post-its.« Sein Gewicht, das sie auf die Matratze drückte, versetzte sie in Erregung, genau wie sein Bart, der die Haut an ihrer Kehle berührte.

»Gelbe Post-its?«, fragte er nach und ließ seinen Mund weiterwandern.

»Meistens. Manchmal auch grüne.«

»O mein Gott«, stöhnte er, als hätte sie ihm soeben ihr schmutzigstes Geheimnis verraten, und strich mit den Fingern über ihre Flanke. Sie lachte wieder, dann schnappte sie nach Luft, als seine Hand tiefer glitt.

»Was willst du zum Frühstück?«, fragte Luca, als sie frisch geduscht und in ein Handtuch gehüllt aus dem Bad kam. Er lag noch im Bett, auf das nun die Sonne durchs Fenster schien. »Es ist nicht so viel da, aber ich kann dir Eier anbieten. Oder Fruit Loops. Leider ohne Milch. Die habe ich gestern ausgetrunken.«

Nelli dachte an die Leckereien in ihrem eigenen Kühlschrank. Anlässlich ihres Geburtstags hatte sie feine Antipasti, eine Auswahl an exquisitem Käse und knuspriges Brot nach Hause getragen, um sich selbst zu verwöhnen. Kurz überlegte sie, ob sie Luca mit zu sich nehmen sollte. Die Vorstellung gefiel ihr allerdings nicht. Irgendwie hatte sie das Gefühl, sich dort jetzt am liebsten allein zurückziehen zu wollen. Die Stunden mit ihm waren aufregend und sexuell äußerst befriedigend gewesen, aber nun wollte sie durchatmen und sich das Geschehene ein wenig durch den Kopf gehen lassen.

Ein feiner Brunch und intellektuelle Aufarbeitung der vergangenen Nacht – das ist exakt, wonach mir der Sinn steht.

»Luca …«, begann sie.

»Ach ja, und Tiefkühlpommes dürften auch noch da sein«, ergänzte er eifrig. »So richtig Frühstückszeit ist ja sowieso nicht mehr.«

»Das ist sehr nett von dir, aber ich denke, ich werde jetzt aufbrechen … und das hat nichts mit deinen Qualitäten als Liebhaber zu tun!«, schickte sie schnell hinterher.

Er setzte sich auf und klopfte mit der flachen Hand auf die Matratze neben sich. »Sondern? Womit hat es dann zu tun?«

Nelli folgte seiner Aufforderung und ließ sich noch einmal aufs Bett sinken.

Luca fuhr sich nachdenklich mit den Fingern durch den Bart, was ein knisterndes Geräusch erzeugte. »Für dich war das nur ein One-Night-Stand«, stellte er fest.

Sie hatte bisher gar keine Zeit gehabt, ihrer Begegnung einen Namen zu gegeben, und auch die Möglichkeit, sich noch einmal mit ihm zu treffen, war ihr bislang nicht in den Sinn gekommen.

»Ich bin dir zu jung, stimmt’s?«, schob er nach.

Jetzt musste sie schmunzeln. Die Tatsache, dass er davon ausging, seine Jugend wäre der Haken und nicht ihr Alter, war rührend. Sie strich ihm mit der Hand durch die dunklen Haare.

Echt entwaffnend, wie glaubhaft er rüberbringt, dass er angeblich nicht darüber nachdenkt, wie viele Jahre zwischen uns liegen.

»Hast du eine Vorstellung davon, wie alt ich bin?«, fragte sie vorsichtig.

»Du bist Lauras Mutter. Also: ja.« Er zuckte mit den Schultern.

»Ich bin seit heute vierzig.«

»Na, dann noch einmal: Happy Birthday«, sagte er unbeeindruckt, rutschte näher an sie heran und zog an ihrem Handtuch.

»Und wie alt bist du?«, hakte sie nach.

»Vierundzwanzig. Aber wen interessiert das?«

Nelli riss die Augen auf. »Vierundzwanzig?«, rief sie entsetzt, stieß ihn von sich und sprang auf. »Vierundzwanzig, Luca? Ich dachte, du wärst Ende zwanzig. Mit ein bisschen Glück sogar um die dreißig. Das ist dieser verfluchte Bart! Der lässt dich viel älter wirken!« Wie ein aufgescheuchtes Huhn lief sie im Schlafzimmer auf und ab. »Und diese Sachen hier! So wohnt doch kein Vierundzwanzigjähriger!« Sie deutete auf den Wandteppich neben der Tür, und plötzlich schien klar, dass seine Eltern diese Wohnung für ihn eingerichtet hatten.

Na klasse. Vierundzwanzig, und wahrscheinlich kommtMama regelmäßig zum Putzen vorbei.

Sein Blick folgte träge ihrem Zeigefinger. Dann zuckte er mit den Schultern, als verstünde er nicht, worüber sie sich aufregte.

»Luca, ich bin vierzig! Hörst du? Vierzig!« Sie hastete in den Flur hinaus. »Wo ist mein verdammtes …?«

»Würdest du dich bitte beruhigen und zurückkommen, damit wir darüber reden können?«, ertönte seine Stimme aus dem Schlafzimmer.

»Ich bin sechsundzwanzig Jahre älter«, rechnete sie aus und hob ihr Kleid vom Fußboden auf.

Nun erschien er in der Tür. »Sechzehn sind es nur. Kann es sein, dass du ziemlich schlecht in Mathe bist?«

Bei meinem Abi war er noch ein Kleinkind, und während ich Lauras Windeln gewechselt habe, war er im Kindergarten!

»Ich könnte deine Mutter sein«, stellte sie fest und stieg in ihr Kleid.

»Na und?«, brummte er unbeeindruckt. »Alter sagt doch überhaupt nichts aus. Wir sind beide erwachsen. Punkt.«

Zum Glück wenigstens das!

Plötzlich fühlte sie sich nur noch erschöpft und durcheinander. Dass sie auf einen so jungen Mann derart abgefahren war, passte ihr absolut nicht.

Das lag bloß an dem Gerede der Mädchen über heiße Typen. So etwas lässt einen total den Blick aufs Wesentliche verlieren.

Blöder Mist!

Sie atmete tief durch, trat vor Luca und legte eine Hand an seine Wange. »Ich weiß nicht, was du dir vorstellst. Aber was immer es auch ist – es wird nicht funktionieren. Heute Nacht war wunderbar. Danke dafür. Doch es endet hier, weil sich alles, was jetzt vielleicht noch folgt, schrecklich anfühlen wird. Es wäre einfach nur lächerlich.«

»Ich finde das schon ein bisschen kränkend, ehrlich gesagt«, erwiderte er hörbar eingeschnappt. »Woher willst du wissen, dass es mit mir nicht weiterhin wunderbar wird?«

»Vierzig Jahre Lebenserfahrung. Hat nichts mit dir zu tun«, gab sie zurück und holte ihre Handtasche, die bei ihrem Sturz halb unter die Kommode gerutscht war, hervor.

»Wie oft hattest du schon etwas mit jüngeren Männern?«

»Noch nie! Glaubst du, ich bin so eine, die aus Prinzip Jagd auf Frischfleisch macht?« Sie lachte auf. Dann zog sie ihr Handy heraus und checkte die Nachrichten. Unzählige Leute hatten angerufen oder einen Glückwunsch geschickt. Ihr Ex-Mann zum Beispiel hatte geschrieben: »Alles Gute, altes Haus! Willkommen im 40er-Club.« Irritiert wischte sie die SMS weg.

Luca seufzte. »Warum fixierst du dich dermaßen auf diese Sache mit dem Altersunterschied? Spielt das echt so eine große Rolle für dich? Fakt ist nun mal, dass ich total auf dich stehe. Du bist schön, du bist klug, und du machst mich scharf wie keine andere. Und deshalb will ich mehr Zeit mit dir verbringen.«

Sie lächelte geschmeichelt. Vermutlich waren das die besten Dinge, die man einer Frau an ihrem vierzigsten Geburtstag sagen konnte. Luca war wirklich schrecklich süß. Also trat sie noch einmal vor ihn und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. »Glaub mir«, sagte sie leise. »Es würde nicht lang dauern, bis du dich fragst, wieso um alles in der Welt diese alte, langweilige Schachtel neben dir im Bett liegt.« Sie wollte lustig klingen, merkte aber sofort, dass sie das nicht tat.

»Rede nicht so!«, knurrte er. »Warum müssen Leute in deinem Alter immer nur an das denken, was sein könnte? Würde, hätte, täte! Mio dio!«

Sie machte ein paar Schritte Richtung Wohnungstür. »Danke für die schönen Stunden, Luca.«

In seine Augen trat ein enttäuschter Ausdruck. »Du wirst dich nicht mehr bei mir melden, auch wenn ich dir meine Nummer gebe, stimmt’s?«, stellte er fest.

»Das Mädchen, das du als Nächstes kennenlernst, kann sich sehr glücklich schätzen«, sagte sie und verließ die Wohnung.

4

Als ihre beste Freundin Doris an diesem Abend zum Gratulieren vorbeikam, hatte Nelli gerade den gesamten Inhalt ihres Schrankes ausgeräumt, die Regalböden abgewischt und alle Kleidungsstücke zur Durchsicht und Anprobe ausgebreitet. Das Zimmer sah aus wie nach einer mittleren Textilexplosion.

Doris sah sich kopfschüttelnd um und meinte: »Interessante Art, Geburtstag zu feiern.«

»Ich dachte, es ist an der Zeit, einmal ordentlich auszumisten und das neue Lebensjahrzehnt befreit von Altlasten zu beginnen«, erklärte Nelli. »Stell dir vor, ich habe noch jede Menge Sachen aus der Ära vor Laura.« Sie deutete auf einen Haufen mit Klamotten. Das Jeanskleid vom Vorabend lag obenauf.

»Aha?«