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In dem Essay Liquid Structures – auf dem Weg in die narzisstische Gesellschaft geht Ekkehart Baumgartner dem Phänomen einer neuen, radikalen Privatheit auf den Grund. Erstmals wird erklärt, was eigentlich geschieht, wenn die Wirklichkeit selbst von narzisstischen Normen beherrscht wird. Dies wirkt sich für Baumgartner massiv auf das Gemeinwohl aus: Die bloße Meinung erhält von vornherein Wahrheitsstatus, Deutungszirkel enthierarchisieren das Wissen, Geheimbünde wie Wikileaks haben Konjunktur, die Gegenwart schrumpft zu einem „Gefühlsmomentum“. Die Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit, von Psyche und Gesellschaft lösen sich immer stärker auf. Eine Flut von Selbstinszenierungen und privaten Deutungszirkeln bestimmen z.B. die politischen Proteste, die Internetkommunikation oder die Konsumwelten. Menschen verstehen demnach die gesellschaftliche Wirklichkeit zunehmend dort, wo sie das Bild des Selbst widerspiegelt. Soziale Beziehungen werden umso realer und glaubhafter, je näher sie den psychischen Bedürfnissen der Einzelnen kommen.
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Seitenzahl: 78
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Ekkehart Baumgartner
Liquid Structures
Auf dem Weg in die narzisstische Gesellschaft
© Parodos Verlag Berlin 2011
Das Wesen von tiefgreifenden Veränderungen liegt oft in der Zögerlichkeit oder in einer vollkommenen Unmerklichkeit, mit der wir sie wahrnehmen. Sie schlagen zwar ihre Schneisen mit aller Macht in das Altbewährte, aber wir verfügen über ein geistiges Abwehrsystem, das gegen den Keim des Neuen und das Prinzip der Veränderung vehement ankämpft.
»Die Hoffnung stirbt zuletzt«, heißt es im Volksmund
– und diese wenigen Worte beschreiben den Menschen auch als einen Zukunftsatheisten, der nicht an das glaubt, was er weiß.
Es gibt allerdings auch diejenigen, die das Unaussprechbare des Neuen stets zu kodieren verstehen und benennen. Sie gelten oft genug als Antipoden geistiger Betäubung, als Störer, Provokateure oder Querulanten. Sie zeichnen ein Zukunftsbild, das am Ende eintritt. Sie erkennen die Zeichen der Zeit, die Geste eines Vorspiels, das auf unaufhaltsame Veränderungen schließen lässt: Einige Schriftsteller und Dichter haben es immer schon verstanden, Veränderungen im Voraus zu beschreiben. Heute sind es Autoren wie Michel Houellebecq oder die Amerikaner, die sich in ihren Texten der Einwanderungsthematik widmen: Gary Shteyngart, Jeffrey Eugenides.
Andere nehmen die Umwälzungen und Epochenverformungen erst durch eine fundierte Prognostik wahr, so wie es Antonio Tabucchi beschrieb, als er sagte, sie ernten »die späte Erkenntnis«1: Erst nach Jahren oder in der Analyse von umfassenden Beobachtungen unterschiedlicher, problematischer Kategorien werden dabei Mechanismen und Bedeutung von durchgreifenden Wandlungsprozessen erkennbar und objektiv belegbar, die ihre Wellen längst schon ausgeschickt haben. Auf diese Weise arbeitet die Wissenschaft. Die Literatur hingegen nimmt da eine andere Position ein, sie »agiert in den Zwischenräumen der Wissenschaft«, so Roland Barthes in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France vom 7. Februar 1977: »Die Wissenschaft ist grob, das Leben ist zart, und die Literatur ist dazu da, diese Distanz zu verringern.«2
Lehrreich sind Barthes' Gedanken deshalb, da es in der heutigen Darstellung von Kultur- oder Wahrnehmungsanalysen, ebenso in den Beiträgen der Gesellschaftswissenschaften, oftmals recht sperrig und »grob« zugeht. Jorge Luis Borges hat dazu eine Bemerkung gemacht: »Beim Blättern in Büchern über Ästhetik hatte ich immer das unbehagliche Gefühl, ich läse die Werke von Astronomen, die niemals die Sterne betrachtet haben…«3
In den folgenden Ausführungen wird nicht ohne Grund gleich zu Anfang ein großer Schriftsteller zitiert. Er, Fernando Pessoa, hat wie kaum ein anderer beschrieben, was Denken, Erleben und Erfahrung bedeuten, wenn sich die Realität, die historische Zeit, den eigenen Gefühlen entzieht. Die Zeichen der gesellschaftlichen Wandlungsdynamik und die Benennung von Umbruchserfahrungen in der spätmodernen Gesellschaft führen in diesem Essay immer wieder auf diesen Fokus zurück. Die hierbei zwangsläufigen Fragen nach den Ursachen kultureller oder sozialer Phänomene beschäftigen sich immer auch mit dem geschichtlichen Wandel und den Tendenzen neuer Denkarten. Darum geht es auch hier: Methodologische Vorüberlegungen zum Thema Narzissmus und Gesellschaft waren vor allem die Beobachtungen gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse und die Zunahme von Identitätsentwürfen, die jede Objektivität ausblenden. Dies hat direkten Einfluss auf Denk- und Beurteilungsprozesse.
Es ist festzustellen, dass die Deutungsschnellschüsse zunehmen, wo sich jeder als unverzichtbares Medium begreift. Wir beobachten, dass der Drang, kreativ zu sein zunimmt, vor allem, um sich selbst zu erleben. Soziale Beziehungen werden für die Menschen heute umso glaubwürdiger und realer, je näher sie den psychischen Bedürfnissen der einzelnen kommen. Die Wahrnehmung ist davon geprägt, die soziale Umwelt zu personifizieren und zu psychologisieren.
Wir nähern uns einem Zustand, in dem wir auf seltsame Weise unwissender und gleichzeitig zufriedener werden: Noch nie flossen so viele Informationen ohne Nachhall und noch nie haben wir unsere eigenen Positionen so sehr mit einem Lebensgefühl, einer Lebenswelt verbunden. Wir werden zu Lifestyle-Reportern in eigener Sache, die allein über Stilisierungen und Inszenierungen des eigenen, sozialen Lebens berichten. Es ist, als vermeiden wir die nachhaltige und durchgreifende Auseinandersetzung, um uns in einem Provisorium einrichten zu können. Wir wollen es uns dort, in diesem flüchtigen Zuhause, bequem machen. Wir meckern zwar. Aber was zählt, ist der zufriedene Minutenzustand, das schnelle Glück, die kleine, aber ehrliche Erfahrung, vor allem das Gefühl. Der soziale Rahmen, in dem wir uns bewegen, wird heute immer häufiger als bloßer Selbstzweck interpretiert – als Eigenradius, in dem eigene Regeln gelten wie bei einem Kinderspiel: ausgrenzend, emotional, brutal, heimtückisch, belustigend und auch komisch. Blogs im Internet funktionieren nicht anders. Wir sind umgeben von Inszenierungen: Auf den Straßen laufen tausende von Weltherrschern, Richtigmachern, Erlösern, Freibeutern, Philosophen, Gurus und Partisanen herum. Gerüchte werden zur Wahrheit erklärt. Die Gefühle dienen als Wegweiser. Die eigene Meinung hat ein allgemeingültiges Recht erlangt. Die Welt wird vielfältiger und zugleich ungerechter. So viele Schnellgerichte gab es noch nie … so viele Vorverurteilungen auch noch nie. Der hohe Wertekodex von Meinungsfreiheit verkommt dabei zur Tarnung für verbale Verunglimpfungen.
Wenn das Private mit Macht vordringt, dann stellt sich die Frage nach der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit soll hier als ein freier Raum verstanden werden, in dem sich Meinung bilden und für jeden frei entfalten kann. Dies setzt einen respektvollen, toleranten Umgang mit Mitmenschen voraus und fordert Zuhören und Empathie ein. Öffentlichkeit hört da auf, wo Ausgrenzungen, Bevormundung, oder unzivile Aktionen (etwa die egoistische Vereinnahmung des Raums) zum Schaden der anderen werden. Öffentlichkeit ist ein freier Denk- und Lebensraum und muss sich als solcher bewahren können. Es ist jedoch zu erkennen, dass der Umgang mit Öffentlichkeit immer mehr zur Privatsache wird. Folgende Beobachtung einer banalen Begebenheit erzählt das Verschwinden von Öffentlichkeit und geht auf eine Flugreise zurück: »Bei der nächsten Aschewolke können die mich vergessen«, sagte damals eine Stewardess. Sie sprach mit einer Kollegin und meinte, dass sie nicht mehr gewillt sei, für ihren Arbeitgeber veränderte Arbeitszeiten wie bei dem Vulkanausbruch in Island 2010 in Kauf zu nehmen. Die beiden Stewardessen hatten keine Ahnung, dass man sie hinter dem zugezogenen Vorhang zwischen Flur und Cockpit gut verstehen konnte. Und so drang ihre Meinung zu den Passagieren und jeder, der es hören wollte oder nicht, erfuhr, dass den Stewardessen die Weihnachtsgratifikation gestrichen wurde und dass sie sowieso keinen Spaß daran hatten, jeden Tag zwischen zwei Städten hin- und herzufliegen. »Mir geht es um die Kohle, und die bekomme ich hier nicht.« Zwei Stewardessen genügen, um eine Marke lächerlich zu machen. An der Schnittstelle von Kommunikation und Soziologie ist aber ein anderer Aspekt interessanter: Offensichtlich fühlten sich die beiden Stewardessen beim Kaffeekochen vor dem Cockpit abgeschirmt wie in einem Bunker. Die hundertfünfzig Passagiere waren für sie eine graue, schläfrige Masse ohne Ohren. Öffentlichkeit war für sie etwas, das keine Rolle mehr spielte und das sich jederzeit ausblenden ließ. Sie erwarteten keine Reaktion, als unterhielten sie sich hinter ihren eigenen vier Wänden. Das Phänomen, sich in der Öffentlichkeit so zu verhalten wie im eigenen Wohnzimmer, nimmt unter den Menschen immer mehr zu. Mit Steckern im Ohr und einem verkabelten Körper laufen die Menschen, mittels portabler Mikrophone Telefongespräche führend, durch die Straßen, und man wird den Eindruck nicht los, als führten sie Selbstgespräche. Bei einer Fahrt in der U-Bahn wird das ebenso deutlich wie beim Einkaufen. Es fehlt heute immer mehr am Gleichgewicht zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Kommunikation muss offenbar überall und jederzeit mit allen möglich sein: So ist zu beobachten, wie nur innerhalb eines kurzen Zeitraums von ein bis zwei Jahren immer mehr Urlaubsreisende ihre Laptops, iPads und Smartphones im Gepäck dabei haben, um jederzeit mit youtube, Facebook, Twitter, Emails oder Online-Portalen verbunden zu sein. In ein paar Jahren hat man sich an diese Art zu reisen gewöhnt. Im Moment aber hat dieser Trend auch etwas Amüsantes: Besonders nach dem Frühstück oder zur Aperitiv-Zeit werden die nagelneuen Geräte auf den Hotelterrassen und -balkonen mit feierlicher Erwartungshaltung gestartet. Nach dem elektronischen Summen entsteht eine friedliche Stille unter den Gästen. Die Blicke zwischen den Akteuren jagen dabei hin und her, um zu erfahren, wer die neuesten Schmuckstücke der digitalen Technik besitzt. In genüsslicher Laune werden die virtuellen Freiräume mit Bildern und Texten gefüllt. Es wird auf Facebook an den Timelines, den digitalen Lebensläufen in Echtzeit, gearbeitet. Das Reisen verändert sich durch die Technik, es dient der Echtzeit-Inszenierung des eigenen Lebens. Ausgerüstet mit Fotos und Kameras lassen sich die Eindrücke blitzschnell verbreiten. Wer außer Landes weilt, lässt es die anderen wissen. Sofort. Nähe ist zu einem Wert geworden. War es früher die Postkarte, die dem Beweis diente, in der Fremde geweilt zu haben, so ist es heute der kleine Film, der eben noch am Meer gedreht und digital bearbeitet wurde, ehe er per Internet nach Hause, ins Büro oder auf die Website geschickt wird.
Abertausende Deutungszirkel durchfluten mit ihren Nachrichten den öffentlichen Raum, sie interpretieren, inszenieren, mutmaßen und legen fest. Und das alles mit einer Selbstgenügsamkeit, die beispiellos ist.
