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Im Frühjahr 2020 begleiteten 14 renommierte Investigativjournalistinnen und -journalisten besonders exponierte Menschen durch die Coronakrise. Unter anderen unseren Gesundheitsminister Alain Berset, den Epidemiologen Marcel Salathé, eine Spitalapothekerin, drei Geschwister, die innert weniger Tage beide Eltern an Covid-19 verloren, eine Pflegefachfrau, die in einem Altersheim Verstorbene einsargen musste, eine Notfallärztin, die während der Krise Tagebuch führte, aber auch Infizierte – unter ihnen ein Tessiner Gemeindepräsident. In ihrem Buch "Lockdown" lassen die Schreibenden all diese Menschen erzählen, in welchen Gefühlsstrudel sie das Coronavirus Tag für Tag gerissen hat. Die Aufzeichnungen verweben sie mit vertraulichen Protokollen von über 50 Krisensitzungen in Bundesbern. So ist – innert kürzester Zeit – ein packendes und berührendes Buch entstanden, das einen neuen Blick auf etwas wirft, das achteinhalb Millionen Menschen in der Schweiz hautnah miterlebt haben: Ausnahmezustand. Monatelang. Und auch wenn die wenigsten von ihnen tatsächlich an Corona erkrankten: Jede und jeder hat die Pandemie am eigenen Leib gespürt. Die 14 Journalistinnen und Journalisten wollten das bis dahin Unvorstellbare festhalten, es wurde aber mehr. Sie haben ein ebenso differenziertes wie facettenreiches Bild einer Zeit geschaffen, die uns für immer in Erinnerung bleiben wird.
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Seitenzahl: 417
Veröffentlichungsjahr: 2020
Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2020 Wörterseh, Lachen
Lektorat: Andrea LeutholdKorrektorat: Lydia ZellerUmschlaggestaltung: Thomas Jarzina unter Verwendung des Gemäldes »Wilhelm Tell« von Ferdinand Hodler, 1896/97, © akg-images, Berlin.Layout, Satz: Beate SimsonDruck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel
Print ISBN 978-3-03763-123-2 E-Book ISBN 978-3-03763-807-1
www.woerterseh.ch
Über das Buch
Über die Autoren
Prolog
TEIL I Vor dem Lockdown
TEIL II Im Lockdown
TEIL III Lockerungen
TEIL IV Bilanz
Epilog
Schlüsselpersonen
Zur Entstehung dieses Buches und Dank
Im Frühjahr 2020 begleiteten 14 renommierte Investigativjournalistinnen und -journalisten besonders exponierte Menschen durch die Coronakrise. Unter anderen unseren Gesundheitsminister Alain Berset, den Epidemiologen Marcel Salathé, eine Spitalapothekerin, drei Geschwister, die innert weniger Tage beide Eltern an Covid-19 verloren, eine Pflegefachfrau, die in einem Altersheim Verstorbene einsargen musste, eine Notfallärztin, die während der Krise Tagebuch führte, aber auch Infizierte – unter ihnen ein Tessiner Gemeindepräsident.
In ihrem Buch »Lockdown« lassen die Schreibenden all diese Menschen erzählen, in welchen Gefühlsstrudel sie das Coronavirus Tag für Tag gerissen hat. Die Aufzeichnungen verweben sie mit vertraulichen Protokollen von über 50 Krisensitzungen in Bundesbern. So ist – innert kürzester Zeit – ein packendes und berührendes Buch entstanden, das einen neuen Blick auf etwas wirft, das achteinhalb Millionen Menschen in der Schweiz hautnah miterlebt haben: Ausnahmezustand. Monatelang. Und auch wenn die wenigsten von ihnen tatsächlich an Corona erkrankten: Jede und jeder hat die Pandemie am eigenen Leib gespürt. Die 14 Journalistinnen und Journalisten wollten das bis dahin Unvorstellbare festhalten, es wurde aber mehr. Sie haben ein ebenso differenziertes wie facettenreiches Bild einer Zeit geschaffen, die uns für immer in Erinnerung bleiben wird.
»Minutiös recherchierte Chronik mit berührend tiefen Einblicken, packend erzählt. Ein wichtiger erster Schritt für die Aufarbeitung einer Krise, wie sie die Schweiz wohl noch nie erlebt hat.«
Fiona Endres, »Rundschau«, SRF
»Als hätte jemand ein Tagebuch für alle geschrieben. Und dabei die Protokolle der Behörden zur Hand gehabt. Und die Notizen zahlreicher Involvierter. Eine einzigartige Mischung aus Annalen und Politthriller – vielschichtige Antworten auf zentrale Fragen der Krise inklusive.«
Sarah Berndt, »Beobachter«
»Die Schweiz und das Virus, das ist die Geschichte einer Unterschätzung – und eines zähen Kampfs mit offenem Ende. Hier wird sie authentisch und umfassend recherchiert nacherzählt. Spannende Pflichtlektüre, nicht nur für HistorikerInnen.«
Thomas Kirchner, »Süddeutsche Zeitung«
Die 14 Autorinnen und Autoren dieses Buches, von denen die meisten beim Recherchedesk der Tamedia arbeiten, sind:
Bernhard Odehnal
Thomas Knellwolf
Simone Rau
Titus Plattner
Fabian Muhieddine
Susanne Anderegg
Sylvain Besson
Catherine Boss
Dominique Botti
Christian Brönnimann
Yann Cherix
Roland Gamp
Kurt Pelda
Oliver Zihlmann
In der Nacht auf Dienstag, den 7. April 2020, verliert Anne-Lise Cornu* im Kantonsspital Freiburg ihren Kampf gegen das Coronavirus. Genau wie ihr Mann Henri-Paul* zwölf Tage zuvor. 50 Jahre lang war das Paar verheiratet, das sich einst in einem Café kennen gelernt hatte, sie als Serviertochter, Henri-Paul als Gast. Die beiden haben über Jahre gemeinsam Pétanque gespielt. Und sie haben – am Fuss des historischen Städtchens Romont – eine Tochter und zwei Söhne grossgezogen.
Für sie und für ihre drei Enkeltöchter wollte die 69-jährige Anne-Lise weiterleben. Nach Hause zurückkehren, wo sie so gern Kreuzworträtsel löste und Bücher las.
Doch gleichzeitig war die Rentnerin und Hausfrau müde, so unfassbar müde. Und sie brauchte derart viel Sauerstoff, dass für Ärztinnen und Pflegefachleute kein Zweifel bestand: Anne-Lise Cornu wird es nicht schaffen.
Um sein Leben kämpft, in derselben Nacht, im selben Spital, auch ihr jüngerer Sohn Didier*. Der 46-Jährige ist ebenfalls an Covid-19 erkrankt. Anfangs traten bei ihm nur leichte Symptome auf, erhöhte Temperatur, Magenprobleme, fehlender Appetit – ausgerechnet bei ihm, der schon als kleiner Junge Koch werden wollte und es heute auch ist. Nun, am Dienstag vor Ostern, wird er ins künstliche Koma versetzt. Er muss über einen Schlauch beatmet werden. Ob Didier Cornu die Karwoche überleben wird, weiss niemand.
In den zwölf Tagen zwischen dem Tod seines Vaters und dem Tod seiner Mutter sterben in der Schweiz weitere 619 Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Das Land ist seit drei Wochen lahmgelegt. Im Lockdown.
Die täglichen schlimmen Nachrichten bedrücken die Bevölkerung, die angehalten ist, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Niemand kann sagen, was noch kommt. Ob das Virus überhaupt in den Griff zu bekommen ist. Oder ob italienische Verhältnisse drohen, mit Ärzten, die Patienten sterben lassen müssen, weil es nicht mehr genügend Beatmungsgeräte gibt. Mit Kolonnen von Kühllastern, die die Leichen abtransportieren.
Am Abend nach der Nacht, in der Anne-Lise Cornu stirbt, merkt Alain Berset*, dass ihm das Virus selber gefährlich werden könnte. Als Gesundheitsminister steht der Bundesrat im Mittelpunkt der Coronakrise. Gemeinsam mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hat er am 16. März den Lockdown verkündet, hat der Bevölkerung die Schliessungen der Schulen und Geschäfte, den Stillstand des Landes immer wieder erklärt und als alternativlos verteidigt. Nun erfährt er, dass er selbst infiziert sein könnte.
Eine Mitarbeiterin, mit der Berset im selben Sitzungszimmer war, ist positiv getestet worden. Berset schottet sich sofort ab. Der Coronatest wird am nächsten Morgen, am 8. April um 6 Uhr früh, durchgeführt. Das Militär bringt die Probe umgehend ins Labor Spiez.
Es sind dunkle Tage für die Schweiz. Eben erst ist der Bevölkerung schmerzlich bewusst geworden, dass ihr Land trotz seinem Reichtum und seinem sehr guten Gesundheitssystem keineswegs gut auf die Seuche vorbereitet ist. Schlimmer noch: Die Zahlen der Corona-Neuinfektionen und der Toten sind höher als in den meisten anderen Nationen.
Wie konnte das passieren? Wie viele wird es noch treffen? Wie kommt die Schweiz da wieder raus? Die bangen Fragen stellen sich am Anfang der Karwoche viele. Auf den folgenden Seiten werden wir darauf Antworten geben.
Wir, das sind vierzehn Investigativjournalistinnen und -journalisten vom erweiterten Recherchedesk des Verlagshauses Tamedia. Wir begleiteten besonders exponierte Menschen aus der ganzen Schweiz durch ein halbes Jahr Coronakrise – mit dem Ziel, ihr Erleben, ihre Handlungen, ihre Gedanken und Gefühle in den schweren Monaten für die Nachwelt festzuhalten.
Die Tochter und die beiden Söhne des Ehepaars Anne-Lise und Henri-Paul Cornu erzählen uns, was das Virus in ihrer Familie angerichtet hat. Bundesrat Alain Berset gewährt uns Einblick in sein Krisenmanagement und in seine persönliche Betroffenheit. Zu unseren Schlüsselpersonen zählen zudem Menschen wie die Leiterin der Intensivpflege in einem Tessiner Spital. Maria Pia Pollizzi* nahm den ersten Schweizer Covid-19-Patienten auf und begleitete fortan viele auf ihrem Weg zur Genesung – oder beim Sterben. Die Zeugnisse unserer Schlüsselpersonen haben wir mit den Ergebnissen weiterer intensiver Recherchen verwoben.
Dazu gehörte die Auswertung amtlicher Dokumente, die wir uns mit dem Öffentlichkeitsgesetz beschaffen konnten. Dank über 50 Protokollen vertraulicher Sitzungen wird klar, wie die verschiedenen Taskforces und Krisenstäbe des Bundes agierten.
Zudem haben wir mit über 50 weiteren Personen geredet, unter ihnen Politikerinnen, Epidemiologen, Klinikleiter, Parlamentarier und Ärztinnen. Insgesamt führten wir über 200 Stunden Recherchegespräche.
So entstand eine Chronik jenes halben Jahres, in dem die Schweiz in ihrer bislang schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg steckte. Erzählt wird sie von Menschen, die persönlich schwer getroffen wurden. Und von Menschen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Medizin, die das Virus bekämpfen. Von Menschen wie Ricarda Luzio*, einer Spitalapothekerin aus Luzern.
ABMITTEJANUARirritiert Ricarda Luzio etwas.
Sie fährt auch im Winter täglich mit dem Velo zur Arbeit. Dies ist zu Beginn des Jahres 2020 weniger beschwerlich als in anderen Jahren, denn der Schnee fehlt im Unterland gänzlich, und die Sonne scheint in der Zentralschweiz so häufig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Ricarda Luzio ist Chefapothekerin in der Hirslanden-Klinik St. Anna in Luzern.
Auf dem Weg von ihrer Wohnung in der Luzerner Neustadt an ihren Arbeitsort überquert die 43-Jährige die stark befahrene Seebrücke, die für gewöhnlich voller Touristen ist. Die Sicht auf den See und die Stadt ist von hier aus bezaubernd.
Ihre Irritation: Hat es weniger chinesische Touristen in der Stadt? Oder täuscht der Eindruck?
In der Pause erzählt eine Mitarbeiterin der Chefapothekerin, der Schwanenplatz, sonst übervoll mit Reisecars, sei leer. Sie reden über dieses »neuartige Coronavirus« in China, über das die Medien schreiben. Alle sind sich einig: Das ist nichts im Vergleich zu einer saisonalen Grippe, denn daran sterben in der Schweiz pro Jahr mehrere Hundert Menschen. Die Diskussion nimmt rasch ein Ende.
Ricarda Luzio debattiert auch zu Hause über das noch unbekannte Virus. Ihr Mann arbeitet als Leitender Arzt am Kantonsspital Luzern, wo bald ein ganzes Stockwerk für Coronapatienten leer geräumt wird. Beide erachten den Erreger in diesen Januartagen als vergleichsweise harmlos, die Angst davor übertrieben. »Das ging, glaube ich, zu Beginn vielen so«, sagt Luzio. »Sogar wir vom Fach haben das Virus unterschätzt.« Wenn ihre Kollegen auf sie zukommen, beschwichtigt sie, wenn Pharmaassistentinnen nachfragen, winkt sie ab. Das Virus ist weit weg – in dieser Riesenstadt namens Wuhan, die im Westen kaum jemand kennt.
AM16. JANUARfliegt eine 30-köpfige Touristengruppe aus ebendiesem Wuhan nach Rom. Neun Tage wird sie in Europa verbringen, erst ist die Gruppe in Italien, später in Frankreich und dazwischen zwei Tage in der Schweiz, einen grossen Teil im Kanton Luzern. Schon auf dem Hinflug fühlt sich eine 53-jährige Reiseteilnehmerin kränklich. Sie hustet.
Als die Gruppe mit ihr am 19. Januar in einem gecharterten Bus die italienisch-schweizerische Grenze passiert, kennt Europa noch keine Gesundheitskontrollen, keine Reisebeschränkungen und erst recht keine unüberwindbaren Barrieren. Der Kontinent fühlt sich zu diesem Zeitpunkt sicher vor dem Virus.
Die Reisegruppe aus Wuhan erwartet eine sonnige Schweiz und ein gedrängtes Programm. Die 53-Jährige, die bereits auf dem Hinflug hustete, trägt keine Schutzmaske. In Luzern verlassen die chinesischen Touristen den Bus, steigen in einen Panoramazug. Die »Golden Pass Line« bringt sie über den tief verschneiten Brünig nach Interlaken. Die Fahrt dauert knapp zwei Stunden.
Die Gruppe aus Wuhan übernachtet vom 19. auf den 20. Januar in einem Hotel in Sursee, das ausschliesslich Reisegruppen beherbergt, die schnell nach Luzern oder ins Berner Oberland wollen und dann weiterziehen. In unserem Fall weiter nach Paris.
In der französischen Hauptstadt fühlt sich die kränkelnde Touristin noch immer nicht wohl. Inzwischen hat sie offenbar ihre Tochter angesteckt. Bei der 29-Jährigen zeigen sich am ersten Tag in Paris Symptome, wie sie typisch scheinen für den wenig bekannten Erreger. Die Gruppe besucht die klassischen Touristenattraktionen und fliegt am 24. Januar zurück nach China.
Von den 30 Reisenden erkranken schliesslich fünf in einer ähnlichen Art. Drei davon werden getestet, allerdings erst nach ihrer Rückkehr, als Wuhan bereits unter Quarantäne steht. Alle drei sind Sars-CoV-2-positiv.
* Die Schlüsselpersonen dieses Buches sind, wenn sie das erste Mal erscheinen, mit einem Stern gekennzeichnet und werden ab Seite 323 vorgestellt.
Die neue Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga wünscht allen von Herzen »es guets Neus«. Sie tut das aus ihrer Berner Quartierbäckerei, in der sie regelmässig Brot und »die feinen hausgemachten Amaretti« kaufe.
Ihrer Neujahrsansprache räumen Schweizer Medien viel mehr und prominenteren Platz ein als Neuigkeiten aus China. Zwar übernimmt die Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA am nachrichtenarmen Neujahrstag eine Meldung mit dem Titel: »Lungenkrankheit in China ausgebrochen – Gerüchte über Sars«. Die Informationen verbreiten aber nur wenige Medien weiter. Dabei steht bereits vieles drin. Vom Ausbruch einer neuartigen Krankheit ist die Rede, von Vertuschung, von Gefahr.
Kaum jemand in der Schweiz erfährt am Neujahrstag also, dass in Zentralchina 27 Erkrankte isoliert worden sind und sieben von ihnen um ihr Leben kämpfen. Dass viele der Infektionen auf einem Grosshandelsmarkt für Fische und Meeresfrüchte in Wuhan erfolgten, wo auch Geflügel, Fledermäuse, Schlangen und andere Wildtiere feilgeboten werden, tot oder lebendig. Und dass die Behörden den Markt geschlossen hatten, um eine gründliche Reinigung vorzunehmen.
Der SDA-Meldung vom Neujahrstag könnte man auch Beunruhigendes entnehmen, würde ihr denn Beachtung geschenkt: In Wuhan hat die Polizei acht Personen festgenommen wegen Verbreitung »falscher Informationen« im Internet »mit negativen gesellschaftlichen Auswirkungen«. Das Parteiorgan »Volkszeitung« trete Gerüchten über einen neuen Ausbruch der Lungenseuche Sars entgegen.
Die Sache, so endet die Depesche zu China, wecke Erinnerungen an die anfangs vertuschte Pandemie vor 17 Jahren mit 8000 Erkrankten, verteilt auf rund 30 Länder und über alle Kontinente. Damals gab es 774 Tote. Das sei eine »der gefährlichsten Infektionswellen der jüngeren Zeit« gewesen.
Nun taucht das damalige »severe acute respiratory syndrome«, kurz Sars, in einer neuen, noch viel gefährlicheren Variante wieder auf: als Sars-CoV-2, das bald jedes Kind als Coronavirus kennen wird.
AMLETZTENTAGdes Jahres 2019 sind an der Avenue Appia 20 in Genf erste Meldungen über eine unbekannte Lungenkrankheit aus China eingetroffen. Am Sitz der Weltgesundheitsorganisation WHO ahnt niemand, wie gefährlich der Erreger ist, der noch nicht einmal einen Namen trägt.
Einige wenige asiatische Länder reagieren bereits ab dem Jahreswechsel kompromisslos. Taiwan und Südkorea führen rigorose Kontrollen bei allen Flugpassagieren aus der betroffenen chinesischen Region durch.
Europa ist früh und detailliert informiert. Doch vorerst erfolgt keine Reaktion. Auch in der Schweiz nicht.
In der Berner Bäckerei hat Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga noch gefragt: »Aber was ist das eigentlich: ein gutes Jahr?« Und gleich selbst geantwortet: »Wenn uns und unseren Liebsten nichts Schlimmes passiert, wenn wir gesund sind und glücklich.«
Im Land mit einer der gesündesten und glücklichsten Bevölkerungen weltweit geniessen die Menschen zum Jahresanfang Sonne und Schnee. Das Gedränge in den Bergbahnen ist gross, die Unbeschwertheit ebenso.
Sommarugas Parteikollege im Bundesrat macht gerade Skiferien im Wallis, als auch in Schweizer Medien vermehrt kurze Meldungen über eine »mysteriöse Lungenkrankheit« auftauchen. Alain Berset erinnert sich, wie er am 5. oder 6. Januar einen Zeitungsartikel über ein Virus in China gelesen hat: »Das schien mir sehr weit weg. Ich habe der Sache keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Viren tauchen auf der Welt regelmässig auf.«
Erst viel später wird dem Gesundheitsminister bewusst werden, dass er in den Walliser Bergen zum ersten Mal von etwas gehört hat, das ihn monatelang beschäftigen wird. Tag und Nacht.
Nach Ferienende erwartet Berset ein arbeitsintensives Jahr, er will die Reformen der AHV und im Gesundheitswesen endlich vorwärtsbringen.
NOCHISTAUSWUHANkein Todesfall bekannt. Allerdings klagen dort immer mehr Menschen über trockenen Husten, Fieber, Atemnot. Chinesische Forscher haben die Ursache entdeckt: ein neues Virus, eine aggressivere Spielart altbekannter, vielfach harmloser Coronaviren, die wegen ihrer krönchenartigen Fortsätze nach einer Krone benannt sind.
Die WHO reagiert zurückhaltend. Sie lässt am 6. Januar nur verlauten, sie beobachte die Situation. Für Reisende seien »keine besonderen Vorkehrungen« notwendig, entwarnt sie. Dabei weiss man an der Avenue Appia 20 in Genf noch herzlich wenig über den eben entdeckten Erreger. In einer internen Sitzung beschweren sich in der Neujahrswoche Epidemiologen der Weltgesundheitsorganisation, dass die Volksrepublik China nicht genügend gute Daten teile. »Es liegen uns nur sehr minimale Informationen vor«, beklagt sich die Amerikanerin Maria Van Kerkhove, die die technische Leitung in der Virusabwehr übernimmt. »Es ist klar nicht genug für uns, um sauber zu planen.«
INWUHANwird ein Augenarzt namens Li Wenliang in ein Sicherheitsbüro zitiert. Dort wirft man ihm vor, er habe falsche Gerüchte verbreitet.
Der 33-jährige Mediziner am Zentralspital der Elf-Millionen-Metropole hat bereits am 30. Dezember frühere Studienkollegen vor einem möglichen neuen Sars-Ausbruch gewarnt: Sie sollten sich und ihre Angehörigen gut schützen. Seine Zeilen aus dem privaten Chat finden schnell den Weg ins Internet und lassen sich nun nicht mehr zensieren.
Im Sicherheitsbüro wird der Augenspezialist gezwungen, ein Dokument zu unterzeichnen, in dem er zugibt, »falsche Bemerkungen« gemacht und »die soziale Ordnung gestört zu haben«. Li Wenliang verpflichtet sich, nicht weiter über die Krankheit zu sprechen, doch daran hält er sich nicht.
AM10. JANUARerhält Laurent Kaiser, Chefarzt am Nationalen Referenzzentrum für neu auftretende Virusinfektionen am Universitätsspital Genf, die volle genetische Sequenz des neuen Virus. Die chinesischen Kollegen haben die Erbinformationen mit führenden Labors weltweit geteilt. Sechs Tage später haben der Professor aus Genf und sein Team einen funktionierenden Test entwickelt, einen der ersten weltweit.
INDERZWISCHENZEITsind aus Asien beunruhigende Nachrichten eingetroffen. Am 11. Januar, es ist ein Samstag, meldet Wuhan den ersten offiziellen Toten, einen Besucher des Fischmarkts, auf dem das Virus wenige Wochen zuvor zum ersten Mal aufgetaucht war. Der 61-jährige Mann kam mit Atembeschwerden und einer schweren Lungenentzündung ins Spital. Er starb, weil sein Herz versagte.
NUNBERICHTENSCHWEIZERMEDIENregelmässig über das »neuartige Coronavirus«. Beunruhigt ist aber kaum jemand. »Das sieht zurzeit wohl nicht so aus, als ob wir uns grosse Sorgen machen müssen«, sagt SRF-Experte Gerald Tippelmann in der »Tagesschau am Mittag« zur Todesnachricht aus China. Erst bei Übertragungen von Mensch zu Mensch bestünde Grund dazu.
Mit dieser Einschätzung ist der Gesundheitsfachmann des Fernsehsenders in bester Gesellschaft. Die Weltgesundheitsorganisation verbreitet einen verhängnisvollen Tweet: »Vorläufige Untersuchungen von den chinesischen Behörden haben keinen klaren Beweis ergeben, dass sich das neue Coronavirus zwischen Menschen überträgt.« An einer Pressekonferenz in Genf ergänzt die WHO, dass eine solche Übertragung zwar »immer eine Sorge« sei. Aber sie stützt China, das behauptet, alles sei unter Kontrolle.
AMSAMSTAGDERTODESNACHRICHTaus Wuhan diskutiert der Epidemiologe Marcel Salathé* elektronisch mit seinem Doktoranden Martin Müller über das wenige, was man aus Zentralchina von diesem Virus erfährt. Zu diesem Zeitpunkt ist Salathé ein über Fachkreise hinaus kaum bekannter Professor für digitale Epidemiologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, der EPFL. Der 44-Jährige hat eine Methode entwickelt, mit der die Ausbreitung einer Krankheit dank sozialen Medien nachgezeichnet werden kann. Damit hat er unter Forschern Aufsehen erregt.
Salathé und sein Doktorand Müller entscheiden, das Coronavirus online zu verfolgen. Sie wollen Twitter-Nachrichten dazu tracken, also nachverfolgen.
AMSELBENTAG,dem 11. Januar, tritt in den Schweizer Medien ein Experte auf, dessen Entscheide oder Äusserungen Marcel Salathé in den kommenden Monaten mehrfach scharf kritisieren wird. Ein gewisser Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt zur noch kaum erforschten Krankheit Auskunft. Der Arzt und frühere Rotkreuz-Koordinator hat dasselbe in den Monaten und Jahren zuvor zu anderen Fachthemen wie Zeckenstiche oder HIV getan. Trotzdem ist der Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten im BAG für den Grossteil der Schweizer Bevölkerung Anfang 2020 ein Unbekannter.
Doch nun, am Anfang einer steilen Medienkarriere, macht er das, was zu dem Zeitpunkt viele tun. Und was er fortan oft tun wird: Er beruhigt. Die Situation lasse sich nicht mit Sars vergleichen, zeigt Koch sich überzeugt, die Kontrollen seien besser: »Seither haben die Chinesen die Überwachung stark hochgefahren.« Der hohe Schweizer Gesundheitsbeamte vertraut auf die Experten der Weltgesundheitsorganisation, deren Kommunikation mittlerweile verbessert sei: »Sie sind da drin, und die Kanäle funktionieren bestens.«
Wie Koch denken in Europa viele, dass man in Fernost nur wegen des Sars-Traumas so hektisch auf die neue Lungenkrankheit reagiere. Entsprechend entspannt gibt man sich im Januar noch. Nicht einmal von Reisen nach Wuhan rät Koch ab, als er zum ersten von unzähligen Malen öffentlich über das Virus spricht. So oft, dass er bald »Mister Corona« genannt wird. Es reiche, wenn man sich nach der Rückkehr beim Arzt melde, sollten Atemprobleme auftreten. Aber vollständige Entwarnung gibt auch er nicht. Vielmehr sagt Koch: »Man weiss momentan einfach noch zu wenig, um angemessen reagieren zu können.«
INLAUSANNEan der EPFL hat Marcel Salathé im Eiltempo die Erlaubnis der internen Ethikkommission erhalten, die er und Doktorand Müller für das Sammeln von Personendaten brauchen. Am 13. Januar verfolgen die beiden auf ihrer Plattform Crowdbreaks.org, wie sich das neuartige Virus verbreitet. Zum Auftakt registriert ihre Software täglich nur ein paar Hundert Tweets. Dann geht es schnell. Die Zahl wächst exponentiell. Das Virus ist nun auch in Thailand, Japan, in Südkorea angekommen.
MITTEJANUARinformiert das Bundesamt für Gesundheit die Kantonsärztinnen und Kantonsärzte zwar über die aussergewöhnliche Häufung von Lungenentzündungen in China, verursacht durch ein bisher unbekanntes Coronavirus. Aber es schätzt das Risiko einer Einschleppung nach Europa als gering ein. Dabei stützt sich das Amt auf das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) mit Sitz im schwedischen Solna.
Die Europäer wiederum orientieren sich an der WHO, die China in der Anfangsphase für das Vorgehen bei der Eindämmung der Krankheit lobt. Was zu diesem Zeitpunkt nur die wenigsten wissen: Um die fragile Zusammenarbeit mit China nicht zu gefährden, kaschiert die internationale Gesundheitsorganisation in Genf, dass auch sie unzufrieden ist mit dem Fluss der Informationen aus Peking und Wuhan. Das Lob soll der WHO helfen, möglichst schnell möglichst viel zu erfahren. Das Problem dabei: Es wiegt die Welt in falscher Sicherheit. Auch die Schweiz.
Die Weltelite reist ans Weltwirtschaftsforum (WEF). Alle sind zum Auftakt am 21. Januar in Davos, auch die Chinesen.
Der amerikanische Präsident Donald Trump hält – trotz Amtsenthebungsverfahren – eine der Eröffnungsreden. Trump lobt Donald Trump und Donald Trumps Politik. Beispielsweise sei das Verhältnis zu China »besser denn je«, betont er. Das Virus erwähnt er mit keinem Wort.
Am selben Tag wird der erste Fall einer Corona-Infektion in den USA bestätigt. Noch ist nicht absehbar, dass die Vereinigten Staaten schnell zu einem der am schwersten betroffenen Länder werden. Vorerst weist einzig China Zahlen aus, die Besorgnis erregen könnten. Aber nicht bei Trump und offensichtlich auch nicht beim chinesischen Vizeministerpräsidenten, der in Davos kurz nach dem US-Präsidenten auftritt. Han Zheng singt ein Loblied auf die Globalisierung und die freien Märkte. »China wird sich der Welt weiter öffnen«, verspricht er und redet nicht über die Gesundheitskrise, die gerade grosse Gegenden in der Volksrepublik voll erfasst.
Dabei kommen aus Peking zum WEF-Auftakt beunruhigende Nachrichten. Chinas nationale Gesundheitskommission bestätigt erstmals, was zuvor verheimlicht wurde: dass sich das Virus von Mensch zu Mensch überträgt. Das ist es, was Fachleute weltweit fürchteten. Jetzt steht fest: Man muss definitiv nicht bei all den toten und lebendigen Fischen, Schlangen und Fledermäusen auf Märkten in Fernost gewesen sein, um sich anzustecken.
Präsident Xi Jinping, der nicht nach Davos gereist ist, sagt nun im Staatsfernsehen CCTV, das neue Virus müsse »ernst genommen werden«.
WENIGESTUNDENvor dem Start des Forums in Davos hat die Reisegruppe aus Wuhan, in der sich das Coronavirus verbreitet, die Schweiz Richtung Paris verlassen. In der französischen Hauptstadt besorgen sich die erkrankte Mutter und ihre angesteckte Tochter am Tag des WEF-Auftakts Schutzmasken, die sie fortan meist tragen. All das wird eine minutiöse Rekonstruktion ihrer Reise durch die WHO ergeben, an der sich eine Woche später auch das Bundesamt für Gesundheit beteiligen wird.
Doch als das Weltwirtschaftsforum beginnt, hält das BAG das Risiko, dass das Virus nach Europa eingeschleppt werden könnte, weiterhin für gering – dies, obwohl es Direktflüge von Wuhan nach London, Rom und Paris gibt. Massnahmen bei der Einreise, wie sie Länder in Südostasien ergriffen, sind für das Schweizer Gesundheitsamt »im Moment nicht angezeigt«.
Das wäre aber sehr wohl angezeigt gewesen. Daran lassen spätere Analysen der frühen Corona-Ausbreitung keine Zweifel. Eine taiwanesische Airline annulliert in der WEF-Woche Flüge in die zentralchinesische Metropole, in der die Seuche wütet. Sie bleibt die Ausnahme.
DIETEILNEHMERam WEF 2020 fürchten solche Massnahmen mehr als das Virus selber. Noch mehr gestrichene Flüge und andere harte Massnahmen würden den eben in den Eröffnungsreden gepriesenen Welthandel beeinträchtigen. Schlechte Nachrichten lassen die Aktienkurse bereits sinken, wenn auch erst wenig. Am Tag, als die Vertreter der beiden Supermächte ihre Auftaktreden in Davos halten, beklagt sich ein Börsenanalyst einer Schweizer Bank über den »viralen Stimmungskiller«.
Es wirkt wie Jammern auf hohem Niveau. Der Schweizer Index SMI ist in den Tagen zuvor über die Rekordmarke von 11 000 Punkten gestiegen.
DEREPIDEMIOLOGEChristian Althaus stösst, wie er später gern erzählt, am ersten WEF-Tag seine Wertpapiere ab. Althaus ist kein Finanzmarktspezialist, sondern an diesem 21. Januar ein Insider. Allerdings einer, der legal handelt.
Althaus leitet eine Forschungsgruppe am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Zusammen mit dem Postdoc Julien Riou hat er in diesen Tagen das Auftreten von Infektionen ausserhalb Chinas analysiert. Anhand von Virensequenzen kann er berechnen, wie schnell sich das Virus verbreitet. In diesem Fall: beunruhigend schnell.
Die Rechnung ist einfach. Jeder Infizierte steckt durchschnittlich etwa 2,2 andere Menschen an. Von Übertragung zu Übertragung braucht es sieben bis acht Tage. Somit verdoppelt sich die Zahl der Fälle jede Woche – das ist rasanter als bei Sars, das eher lokale Ausbrüche verursacht. Die Ausbreitung gleicht mehr der tödlichsten Pandemie der Neuzeit: der Spanischen Grippe vor mehr als hundert Jahren. Diese forderte schätzungsweise zwischen 20 und 50 Millionen Opfer.
An der Börse geht es abwärts.
ALAINBERSEThat mit Donald Trump wenig gemeinsam. Aber eines verbindet den Schweizer Gesundheitsminister mit dem US-Präsidenten: Beide haben sich am gleichen Tag am gleichen Ort zum ersten Mal öffentlich zum Coronavirus geäussert, und zwar am 22. Januar, dem zweiten WEF-Tag, in Davos. Sogar die Absicht Bersets und Trumps scheint identisch: Beide wollen beruhigen. Das versuchen in jenen Wochen fast alle Spitzenpolitiker weltweit. Abgesehen davon könnten die Auftritte des Bundesrates aus dem Freiburger Vorort Belfaux und des Mister President aus dem New Yorker Stadtteil Queens unterschiedlicher kaum sein.
Trump, der Spontane und Unvorbereitete, wird in einem Fernsehinterview auf den ersten bestätigten Fall in Seattle angesprochen. »Gibt es zu diesem Zeitpunkt Sorgen über eine Pandemie?«, fragt der Journalist.
Trump: »Nein. Überhaupt nicht. Und … wir haben … wir haben alles unter Kontrolle. Es betrifft nur eine Person, die aus China kam, und wir haben alles unter Kontrolle. Es wird alles gut gehen.«
Der Interviewer ist sichtlich bemüht, dem US-Präsidenten etwas zum Virus zu entlocken. Ob man darauf vertrauen könne, dass China nichts vertusche, fragt der Journalist.
»Das tue ich. Das tue ich«, antwortet Trump, und schon schweift er ab: »Ich habe ein grossartiges Verhältnis zu Präsident Xi. Wir haben gerade den wahrscheinlich grössten Deal unterzeichnet, der je abgeschlossen wurde.«
Trump kann nicht wissen, dass das Virus eben noch in der Schweiz war. Und nun mit der Touristengruppe aus Wuhan in Paris angekommen ist. Dort fühlt sich inzwischen auch die Reiseführerin krank. Wie Mutter und Tochter, denen sie Europa zeigt, hustet die Chinesin. Zudem hat sie erhöhte Temperatur.
BUNDESRATBERSEThinterlässt derweil in Sachen Corona in Davos einen deutlich informierteren und engagierteren Eindruck als Donald Trump. Doch das geht unter. Der Stargast aus dem Weissen Haus stiehlt allen die Show. Das Forum diskutiert heissere Themen als die Krankheit in China: die Top-Wirtschaftslage, den Klimawandel oder die von Trump angeordnete Tötung des iranischen Generals Qassim Soleimani.
Die ersten öffentlichen Äusserungen des Schweizer Gesundheitsministers zu Corona bleiben eine Randnotiz. Bersets Kernaussage: »Die Schweiz ist gut vorbereitet.« Der Bundesrat verweist vor allem auf das Epidemiengesetz, das er 2013 durch die Volksabstimmung gebracht hat. Die Bestimmungen sind für ihn »ein guter Handlungsrahmen«.
Bund und Kantone haben umfangreiche Pandemiepläne. Die Checklisten gehen bis ins kleinste Detail. Geregelt wird beispielsweise, wie die Notbetten in Turnhallen angeordnet werden oder wie man Tote ohne Infektionsgefahr bestattet.
Doch die Pläne werden sich nur bedingt als nützlich erweisen. Beim Bund sind die Planer von einem Grippevirus ausgegangen, wofür es keine spezifischen Tests und wenig Schutzmasken braucht. Versammlungsverbote und die Schliessung von Schulen haben sie zwar vorgesehen. Aber von einem Lockdown, wie er wenige Wochen später kommen wird, steht auf den 128 Seiten nichts.
Im Januar ist die Planung noch unbestritten. Auch der Epidemiologe Christian Althaus von der Universität Bern sagt in einem Interview, das Land sei gut gewappnet: »Der Bund hat einen Pandemieplan, die Schweiz ist mit ihrem Gesundheitssystem und den diagnostischen Möglichkeiten ausreichend vorbereitet.«
Alain Berset sitzt am WEF-Mittwoch auf einem Podium neben dem Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus. »Ich kenne ihn gut«, sagt Berset. »Ich habe ihn gefragt, wie wir helfen können. Unser Land hat immer zum Kampf gegen neue Viren beigetragen. Ebola-Patienten zum Beispiel wurden in Genf behandelt.«
Mit dem bald allgegenwärtigen Thema Masken beschäftigt sich die Schweizer Öffentlichkeit, während das WEF läuft, noch kaum. Allerdings kaufen Touristen aus Asien bereits die Apotheken leer.
Die Schweiz hat die Pflichtlager an Hygienemasken aufgehoben, das weiss Alain Berset bestens. Hauptverantwortlich für Beschaffung und Verteilung des Schutzmaterials sind die Kantone. Einrichtungen wie Altersheime und Spitäler müssen sich selbst mit allem eindecken, was sie brauchen – und für den Notfall vorsorgen. Der Bund hat gemäss Berset in diesen Tagen bei den Kantonen nachgefragt, ob sie vorbereitet seien. Die Vorräte, das wird sich schon bald herausstellen, werden hinten und vorne nicht ausreichen.
DERWHO-NOTFALLAUSSCHUSStagt an diesem Mittwoch in seinem ultramodernen Genfer Strategic Health Operation Center. Und am Donnerstag gleich nochmals. Es gibt keine Fenster, dafür riesige Bildschirme an den Wänden. Fast acht Stunden wird konferiert. Zugeschaltet sind Peking und Atlanta. Man ist jetzt im Krisenmodus. Das Virus ist inzwischen auch in Südkorea, Japan, Thailand und Singapur nachgewiesen worden. Man erwarte, so heisst es in einer Mitteilung zu den Notsitzungen, dass es auch in anderen Ländern auftauchen werde: Und die WHO warnt: »Alle Staaten müssen sich für die Eindämmung vorbereiten.«
FÜRALAINBERSETbleibt die Ankunft des Virus in der Schweiz vorerst ein eher hypothetisches Szenario. »Wir dachten damals noch nicht, dass es sich auf dem ganzen Planeten ausbreiten würde«, sagt er, als er während des Lockdown ans WEF zurückdenkt.
Nur die wenigsten machen sich am Weltwirtschaftsforum vertieft Gedanken zum Virus. Und die wenigsten thematisieren es wie der Schweizer Gesundheitsminister. Vielen scheint es eher lästig. Der Chefredaktor der »Schweiz am Wochenende«, Patrik Müller, ein Dauergast in Davos, titelt zum Abschluss des Forums: »Jeden Tag Weltuntergang – es nervt!« Im Kommentar tadelt Müller alle, die das Coronavirus (»weit weg, in China«) als globale Gefahr beschwören. Dabei passiert in Zentralchina gerade etwas, das es noch nie gab. Und das ist nur der Anfang.
INWUHANüberschlagen sich am 23. Januar die Ereignisse. Um 10 Uhr lokale Zeit – 4 Uhr früh in der Schweiz – kappen die Behörden alle Verbindungswege der Stadt zur Aussenwelt. Der Zug- und Busbetrieb wird komplett eingestellt, der Flughafen muss dichtmachen, Strassensperren werden errichtet, die Häfen gesperrt. Die Provinz Hubei, deren Hauptstadt Wuhan ist, schliesst die Autobahnen.
50 Millionen Menschen sitzen in ihren Wohnungen fest.
WÄHRENDWUHANseinen Lockdown vollzieht, startet das Bundesamt für Gesundheit die »Eintrittssitzung« der Taskforce 2019-nCoV. 19 Fachleute sind von Anfang an dabei im Sitzungszimmer K1 auf dem modernen Campus Liebefeld. Dort, im Vorort von Bern, hat das BAG seinen Sitz. Daniel Koch und seine direkte Vorgesetzte Andrea Arz de Falco sind noch im Zentrum der Stadt im Generalsekretariat des Innendepartements und stossen später zur Sitzung der Taskforce.
Patrick Mathys, Chef der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit im BAG, übernimmt den Vorsitz. Der 50-Jährige wird gleich zum Auftakt sehr deutlich und sagt, »dass sich die Ereignisse überschlagen und stündlich ändern«.
Deshalb gibt es für die Taskforce viele »Herausforderungen«, wie das Protokoll preisgibt: Eruieren möglicher Massnahmen an Flughäfen, für Ärzte und Spitäler sowie rund um den Tourismus, für Veranstaltungen und auch für das internationale Genf. Ziemlich weit oben auf der Traktandenliste steht auch ein Thema, bei dem das BAG von Beginn weg für mehr Verwirrung als Klarheit sorgt: die Masken.
Noch am 23. Januar, dem Tag des Lockdown in Wuhan, wird Patrick Mathys von Radio SRF gefragt: »Bringen Masken etwas?« Seine Antwort: »Es kommt im Wesentlichen darauf an, dass solche Masken richtig getragen werden. Es trägt sicher dazu bei, eine Übertragung zu vermeiden. Vollständig vermeiden lässt sich eine Übertragung damit aber wohl nicht.«
Mathys äussert sich so positiv zum Thema Masken wie fortan lange kein Exponent des Bundes mehr.
AMTAG,an dem ihre Heimat sich abriegelt, geht es der Mutter, die bereits auf dem Flug von Wuhan nach Rom gehustet hat, und ihrer Tochter nicht besser. Sie rufen die chinesische Botschaft in Paris an. Dort rät man ihnen, die Rufnummer eines medizinischen Notfalldienstes zu wählen, der sich speziell mit dem neuen Virus beschäftigt. Der Verdacht, dass die beiden Chinesinnen an Corona erkrankt sind, liegt auf der Hand.
Nun kommt es zu einem folgenschweren Fehler: Als der Notfalldienst eine 24-Stunden-Ambulanz aufbietet, unterbleibt der Hinweis auf den Corona-Verdacht.
Ein nicht vorgewarnter Arzt des Notfalldienstes SOS 92 begibt sich – ohne jeglichen Schutz – in das Hotelzimmer der beiden erkrankten Chinesinnen. 20 Minuten ist er vor Ort, 15 Minuten dauert die eigentliche Untersuchung. Eine weitere Person aus der 30-köpfigen Gruppe aus Wuhan ist im Zimmer und übersetzt. Der Arzt diagnostiziert eine Erkältung. Tests erfolgen keine.
AMSELBENDONNERSTAG,dem 23. Januar, kommen auch die kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren zusammen, zum ersten Mal in diesem Jahr.
»Die Krise stand auf der Traktandenliste«, erinnert sich die Waadtländer Staatsrätin Rebecca Ruiz. »Aber wir hatten keine Ahnung, wie gross sie war. Damals hatten wir nur wenige Informationen.«
Die 38-jährige SP-Politikerin sagt, sie habe den Ernst der Lage erst eine Woche später erkannt. Thierry Calandra, der Chef der Abteilung für infektiöse Krankheiten am Waadtländer Universitätsspital, orientiert die kantonale Gesundheitsdirektorin über die Krise und über den engen Austausch der Lausanner Ärzte mit den Kollegen in der Deutschschweiz, aber auch in China. »In diesem Moment«, erinnert sich Ruiz, »ist mir bewusst geworden, dass die Bedrohung für die Spezialisten – und damit auch für uns – wichtig ist.«
Zum Zeitpunkt des Lockdown in Wuhan vermittelt China nach wie vor den Eindruck, es habe alles unter Kontrolle. Es ist auch immer noch nicht eindeutig erwiesen, wie ansteckend das Virus ist. Thomas Steffen, Kantonsarzt und Leiter Medizinische Dienste des Kantons Basel-Stadt, sagt im Rückblick: »Wir haben in den letzten Jahren mehrere solcher Erreger erlebt, die alle keine solch gravierenden Folgen hatten in der Schweiz.«
Erst kam 2002 Sars, dann 2009/2010 die Schweinegrippe. Danach, 2013, das »Middle-East respiratory syndrome«, kurz Mers. Sars erreichte Europa gar nicht erst, Mers kaum. Beide Krankheiten hatten weltweit je weniger als 1000 Todesfälle zur Folge: An Sars starben 774, an Mers 866. Die Schweinegrippe forderte mehr Menschenleben, aber vielerorts auf der Welt gab es massive Kritik an übertriebenen und teuren Abwehrbemühungen – auch in der Schweiz. »In all diesen Fällen konnte das Virus den Umständen entsprechend mit den üblichen Massnahmen schnell wieder eingedämmt werden«, sagt Steffen. »Das war für unsere Einschätzung im Januar und Anfang Februar prägend.«
In ihrer ersten Sitzung im Jahr 2020 beschliessen die kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren keine konkreten Massnahmen, um Corona zu bekämpfen. Die Weltgesundheitsorganisation hingegen entscheidet sich am 23. Januar, eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite auszurufen.
DIEREISEGRUPPEAUSWUHANplagen noch andere Sorgen. Am kommenden Abend sollte sie in Paris ins Flugzeug steigen und heimfliegen. Doch das geht nicht mehr, weil in und um Wuhan alle Flughäfen geschlossen wurden.
»Für Europa besteht im Moment keine Gefahr oder eine sehr geringe Gefahr. Aber es ist sehr gut möglich, dass in nächster Zeit auch in Europa Fälle auftreten«, sagt Daniel Koch in einem Interview am 24. Januar, dem Tag nach dem Lockdown in Wuhan. Er ist dabei, als an jenem Freitag um 11 Uhr erstmals der Bundesstab Bevölkerungsschutz (BSTB) wegen Corona zusammentritt. Das zentrale Krisengremium der Eidgenossenschaft soll bei Erdbeben, Atomunfällen und grossen Stromausfällen zum Einsatz kommen – oder aber bei Pandemien.
Vorerst hält der Bundesstab aber nur Informationssitzungen ab, wie es in den Sitzungsprotokollen heisst. Dabei informieren sich die Stabsangehörigen aus verschiedenen Departementen gegenseitig. Fünf Wochen werden sie in diesem Informationsmodus verbleiben. Erst dann geht das Gremium in den Einsatzmodus über.
Von alldem soll die Bevölkerung nichts erfahren. »Das BAG strebt eine verhaltene Informationspolitik an«, heisst es im Protokoll der ersten Sitzung. Eine Medieninformation über die Treffen gibt es nicht.
Gleich zum Auftakt der ersten Sitzung beruhigt BAG-Direktor Pascal Strupler die mehreren Dutzend Vertreterinnen und Vertreter aus vielen Ämtern und Kantonen. Sein Amt habe die Lehren aus der Schweinegrippe-Pandemie 2009/2010 gezogen, beteuert er. Man wähnt sich bestens vorbereitet, auch für den schlimmsten Fall.
In der Auftaktsitzung geht man das Thema Masken noch relativ gemächlich an. Vom drohenden Mangel ist noch nicht direkt die Rede. Betont wird im höchsten Corona-Gremium des Bundes, dass die Pflichtlager nur für das Sanitätspersonal reichen müssen, das sich um Verdachtsfälle und Erkrankte kümmert.
Nach dem Wochenende will das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) ein Informationsschreiben an die Spitäler verschicken: Man solle die Lager an Schutzmasken überprüfen.
»Verängstigte Bürger«, so steht im Protokoll, würden wegen Medienberichten bereits vermehrt Masken kaufen.
DASPHÄNOMENkennt die Chefapothekerin Ricarda Luzio bereits bestens. Luzern ist mit den vielen Reisenden aus Asien so etwas wie ein Frühwarnsystem. In der Apotheke der Klinik St. Anna, die jedermann offen steht, decken sich Touristen aus Fernost mit Masken ein. Und das nicht zu knapp. Auch Einheimische tun dies immer häufiger.
Bereits Ende Januar ist auch andernorts in der Schweiz kaum mehr Schutzmaterial erhältlich. Luzios Team ist verunsichert – und nimmt die Masken aus dem Sortiment. Die Versorgung der Klinik muss gewährleistet bleiben.
Dann bemerkt Luzio, dass zwei Pharmaassistentinnen versuchen, Masken via Grossisten für den Privatgebrauch zu bestellen. Sie wollen im Februar nach Asien in die Ferien verreisen. Ricarda Luzio beruhigt ihre Mitarbeiterinnen. Es bestehe kein Grund zur Panik, findet sie noch immer. Das Coronavirus sei vergleichsweise harmlos. Die Spitalleitung ermahnt die Belegschaft, sparsam mit den Masken umzugehen. Sie seien ausschliesslich für den spitalinternen Gebrauch gedacht.
Das alles trägt dazu bei, dass die Pharmazeutin Luzio schliesslich erkennt: Sie kann das Virus nicht länger kleinreden. Sie braucht eine Strategie bezüglich Masken. Überhaupt eine Strategie. Und zwar schnell. Wie prekär die Lage mit dem Schutzmaterial bereits ist, zeigen ihr Ende Januar drei Tuberkulosefälle. Um die drei isolierten Erkrankten zu behandeln, braucht ihr Spital dringend Masken, Brillen und Schutzkleider. Isolationsmaterial eben. Für diese drei Patienten reicht es noch, doch die Chefapothekerin merkt: Gäbe es Corona-Fälle in der Schweiz, in Luzern, in ihrer Klinik, bräuchte sie noch mehr, viel mehr.
Ricarda Luzio sucht das Gespräch mit einem Mitglied der Geschäftsleitung. Die beiden entscheiden, im Spital ein eigenes, vorerst kleines Pandemielager aufzubauen. Luzio fühlt sich unterstützt – und doch belächelt. »Ich glaube nicht, dass die Geschäftsleitung den Ernst der Lage damals erkannte«, sagt sie. »Sie dachten wohl eher, das sei mal wieder typisch Apothekerin.« Doch da steckt sie bereits mitten in der »Corona-Logistik«, wie Luzio es nennt.
VONÄHNLICHERAKTIVITÄTist in der ersten Sitzung des Bundesstabs Bevölkerungsschutz zu Corona noch wenig zu spüren. Man wähnt sich recht gut gewappnet. Ein Vertreter des Bundesamts für Gesundheit referiert, dass man mit einer Häufung von Tests rechne, insbesondere weil auch die Grippesaison begonnen habe. »Die Schweiz ist allerdings für einen solchen Fall vorbereitet«, versichert er. Das BAG sei »überzeugt«, dass im nationalen Referenzlabor in Genf »genügend Kapazitäten vorhanden« seien, um die Tests auszuwerten. Das stimmt für den Moment – doch es ist trotzdem eine fatale Fehlannahme, wie sich bald zeigen wird. Schon kurz nach Ausbruch der Pandemie wird das Material knapp. Nicht mehr alle Verdachtsfälle können getestet werden.
Wuhan ist zwar dicht, doch das Virus fliegt zwischen Asien und Europa hin und her. Die Reisegruppe aus Wuhan hat Plätze für einen Nachtflug nach Guangzhou ergattert, wo sie früh am 25. Januar landet. Von dort aus wären es noch nicht ganz 1000 Kilometer in die seit knapp zwei Tagen abgeschottete Heimatstadt, immer nordwärts.
Das Virus ist da aber schon wieder in der Gegenrichtung unterwegs. Von Asien nach Europa, ja in die Schweiz: Ein Engländer namens Steve Walsh ist von Singapur aus, mit einem kurzen Zwischenstopp in London, nach Genf geflogen. Zuvor hat er sich im Stadtstaat angesteckt, an einer Konferenz im Hotel Grand Hyatt. Davon bemerkt er nichts, als er in die Ferien in die Alpen unterwegs ist.
Der Fall des 53-Jährigen aus dem südenglischen Brighton wird später ebenso minutiös rekonstruiert wie jener der Reisegruppe aus Wuhan. Durch die Analysen erfährt die Wissenschaft mehr über die rätselhafte Krankheit. Ein schlimmer Verdacht wird sich erhärten: Auch Personen ohne oder mit nur leichten Krankheitssymptomen geben das Virus weiter. Das erschwert die Eindämmung ungemein.
Steve Walsh, der Passagier aus Singapur, reist vom Genfer Flughafen 84 Kilometer weiter nach Saint-Gervais im Mont-Blanc-Gebiet. Im französischen Skiort verbringt er den Abend mit Freunden. Erst jetzt spürt er sehr milde erste Krankheitszeichen. Seine Ferien mag er nicht abbrechen.
Zu diesem Zeitpunkt weiss noch niemand genau, wie sich das Virus verbreitet: höchstwahrscheinlich über Tröpfchen, die insbesondere mit Husten oder Niesen bis zu zwei Meter durch die Luft fliegen. Befürchtet werden auch Schmierinfektionen, zum Beispiel über Türfallen oder Haltegriffe im öffentlichen Verkehr. Deshalb wird bald schon fleissig desinfiziert, aber diese Art der Übertragung wird sich mit der Zeit als selten herausstellen. Stattdessen kristallisiert sich immer mehr heraus, dass Aerosole gefährlich sind. Minipartikel, die nicht wie beim Husten oder Niesen ausgestossene Tröpfchen rasch zu Boden sinken, sondern länger in der Luft schweben. Erst recht in geschlossenen Räumen in der Luft. Dadurch sind insbesondere alle gefährdet, die mit Infizierten unter demselben Dach leben.
So wie Steve Walsh’ Freunde, mit denen er ab dem 25. Januar im französischen Skigebiet Les Contamines ein Chalet teilt und dort, aber auch unterwegs, innert weniger Stunden höchstwahrscheinlich elf andere Briten ansteckt.
EBENFALLSINDIEBERGEgereist ist am 25. Januar Daniel Koch, er allerdings nur bis Grindelwald. Am Fuss des Eigers versammeln sich Schweizer Fachleute in Virenkunde und auch ein paar internationale Koryphäen zum alljährlich stattfindenden Kongress »Challenge in Virology«. Er findet im Hotel Sunstar statt, einem überdimensionierten Chalet. Eigentlich hätte Daniel Koch Ferien gehabt, aber dafür bleibt jetzt keine Zeit. »Es war klar, dass das die Gelegenheit ist, um über das neue Virus zu reden«, sagt Daniel Koch.
Pünktlich zur Veranstaltung in Grindelwald ist aus Genf eine Schocknachricht gekommen. Die WHO beschreibt in einem Situationsbericht ein Szenario, das sie unbedingt verhindern wollte: Vietnam hat jetzt eine Infizierung mit dem Coronavirus bei einem Mann bestätigt, der zuvor nicht in China war.
Was ebenso geahnt wie befürchtet wurde, ist nun eine Tatsache: Das Virus verbreitet sich selbständig ausserhalb Wuhans. Damit ist Sars-CoV-2 entscheidend gefährlicher als andere Viren wie zum Beispiel Mers.
Und wie reagiert die Schweiz? Das Bundesamt für Gesundheit beobachtet, wie es selber sagt, die Situation aufmerksam. Seine vorerst einzige ersichtliche Reaktion bleibt das Aufschalten von Informationen zum Ausbruch in China auf seiner Website.
In Grindelwald an der »Challenge in Virology« werden die Teilnehmer willkommen geheissen von jenem Laurent Kaiser, der bereits vor über einer Woche einen Test für das neue Virus entwickelt hat. Er gehört zu den Organisatoren, die kurzfristig ein »hot topic« ins Programm aufgenommen haben. Zuerst präsentiert deshalb die Leiterin des Zentrums für neu auftretende Viruserkrankungen an der Universität Genf, Isabella Eckerle, den Forschungsstand zum Coronavirus. Es sei »hochansteckend und schwer einzudämmen« und könne gigantische wirtschaftliche Schäden anrichten. Es sei Zeit zum Handeln.
Für Daniel Koch und seine »Empfehlungen des Bundesamts für Gesundheit« sind ganz am Schluss des Kongresses zehn Minuten vorgesehen. Die anschliessende Diskussion verlagert sich schnell ans Buffet. Dresscode: casual.
ANDEREPFL,der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, beginnen am 25. Januar die »Applied Machine Learning Days«. Fünf Tage, 60 Veranstaltungen und Vorträge über maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz. Das Budget beläuft sich auf über eine Million Franken. Finanziert wird es von Sponsoren wie den Schweizer Unternehmensriesen Swiss Re, Roche oder Novartis und Techgiganten wie Google und Microsoft. Angekündigt sind »Top-Referenten aus der ganzen Welt«. Mehr als 2000 Teilnehmer, ein Dutzend aus China.
Für Marcel Salathé, den Professor für digitale Epidemiologie, ist der Anlass der frühe Höhepunkt des Jahres. Er verfolgt aber schon seit zwei Wochen mit seinem Twitter-Tracking, wie sich das Virus in der Welt ausbreitet. Mit zunehmender Sorge. Er fürchtet, dass jemand das Coronavirus einschleppt.
Doch eine Absage der Grossveranstaltung in letzter Minute kommt nicht infrage, das verstünde niemand. Es wäre zu diesem Zeitpunkt »übervorsichtig« gewesen, sagt Salathé. Und zudem ein halbes Jahr Vorbereitung für die Katz.
So treffen an diesem Samstagmorgen Gäste aus aller Welt im riesigen SwissTech Convention Center ein. Die Vorfreude ist gross, doch das ungute Gefühl beim Gastgeber wächst. Was, wenn ausgerechnet die Konferenz der Anlass wäre, der das neue Virus in die Schweiz bringen und dann via Europa über den ganzen Globus verteilen würde? »Superspreading Event« heisst das im Fachjargon. Das Risiko ist klein, das weiss der 44-Jährige, aber als Epidemiologe stünde er wirklich schlecht da. Vielleicht würde es sogar das Ende seiner Karriere bedeuten. Das ungute Gefühl nimmt während der ersten Vortragsrunde überhand.
Marcel Salathé will Masken kaufen. Aber die Apotheke auf dem Campus hat keine mehr. Bleibt nur der Online-Handel. Die ersten Sessionen sind kaum zu Ende, da hat er die Bestellung schon abgeschickt: drei Mal 20 FFP3-Masken, das sind die sichersten. Die 60 Stück kosten 106 Franken, was sich als Schnäppchenpreis erweisen wird. Bald wird ein Vielfaches verlangt. So viel, dass die Polizei in mehreren Kantonen gegen Wucherer ermitteln wird, die aus der Krise Kapital schlagen wollen. Glücklich wird sich dann schätzen, wer überhaupt noch Schutzmaterial in einigermassen guter Qualität bekommt – und werde er dabei übers Ohr gehauen. Die Lieferfristen sind auch bei seriösen Anbietern extrem lang.
Die 60 Masken sollen in drei bis fünf Tagen bei Salathé ankommen, selbst im besten Fall also erst gegen Ende des Kongresses. Und ausreichen würden sie sowieso nur für ihn und seine engsten Mitarbeiter. Seine Sorgen ist der Professor also nicht los.
INASIENist das Jahr des Schweins zu Ende gegangen. Das Jahr der Ratte hat begonnen. Am chinesischen Neujahrstag, dem 25. Januar, trifft die Reiseführerin der Gruppe aus Wuhan in Taiwan ein. Die 55-Jährige stammt von dort. In Taipeh werden Einreisende bereits seit Ende Dezember streng kontrolliert. Südkorea schickt bereits seit der ersten Januarwoche alle Personen in Quarantäne, die aus der Provinz Hubei einreisen.
In der Schweiz gibt es nach wie vor keine ähnlichen Massnahmen. Immerhin rät der Bund ab jetzt von Reisen in die Gegend um Wuhan ab, die seit dem Lockdown, eine halbe Woche früher, ohnehin unerreichbar ist. Für das übrige China mahnen die Schweizer Behörden zu Vorsicht.
Am Flughafen in Taipeh erzählt die Reiseführerin den Gesundheitsbehörden, dass sie seit vier Tagen Husten hat. Umgehend wird sie in ein Krankenhaus gebracht, das auf Corona-Verdachtsfälle spezialisiert ist. Sie wird getestet.
Am Sonntag, 26. Januar, liegt das Resultat vor. Die Reiseführerin ist Sars-CoV-2-positiv. Obwohl ihr die Krankheit nicht schwer zusetzt, muss sie über zwei Wochen im Spital bleiben. Taiwan setzt auf konsequente Isolation und kann die Krankheit so gut eindämmen.
In China fühlen sich am Tag nach der Rückkehr zwei weitere Teilnehmerinnen der Reisegruppe, die zu Wochenbeginn noch in der Schweiz war, erstmals unwohl – eine davon ist die Frau, die im Pariser Hotelzimmer zwischen dem lokalen Arzt und der erkrankten Mutter und Tochter übersetzt hat. Die zweite Frau bekommt kurz darauf Durchfall, Husten, Fieber und sogar Lähmungserscheinungen im Gesicht. Jetzt sind es schon fünf Erkrankte aus der Gruppe.
China befinde sich in einer »ernsten Lage«, sagt Präsident Xi Jinping am 26. Januar. Alle Ebenen von Partei und Regierung müssten dem Kampf gegen das Virus »höchste Priorität« einräumen, mahnt er.
In Wuhan werden wegen Corona gleich zwei Spitäler aus dem Boden gestampft. Die Welt staunt, dass diese schon in zehn Tagen 1000 Coronapatienten aufnehmen sollen.
DIESORGENWACHSEN.Nun auch in Bern. »Die Folgen der Krankheit, verursacht durch das Coronavirus, darf man auf keinen Fall unterschätzen«, warnt Kochs Stellvertreter Patrick Mathys am 26. Januar in einem Interview. »Das Risiko einer Ansteckung in der Schweiz ist unmittelbar noch gering. Was sich allerdings im schlimmsten Fall rasch ändern kann. Das Virus hält sich bei der Reisetätigkeit nicht an Grenzen und Kontinente. Die Dynamik des Virus ist gegenwärtig eher beunruhigend.«
In Taiwan ist die erkrankte Reiseführerin sofort und intensiv zu ihren Kontakten und Bewegungen in den vergangenen Tagen und Wochen befragt worden. Auch zu ihrem Aufenthalt in der Schweiz. Spezialisten in Fernost beginnen, die Reise des Coronavirus im Car durch Italien, im Zug über den Brünig und in der Pariser Metro zu rekonstruieren. Über soziale Medien wird hierfür der Rest der Gruppe kontaktiert.
Taiwan setzt neben den rigorosen Kontrollen und Flugverboten auf eine Methode, die das breite Publikum im Rest der Welt erst kennen lernen wird: auf Contact-Tracing, das Rückverfolgen der Infektionsketten. Dank der Methode können gefährliche Krankheiten in Schach gehalten werden. Wichtig ist nur, dass sie schnell und möglichst grossflächig angewendet wird.
In Taiwan gibt es staatliche »Centers for Disease Control«. Man hat hier schmerzliche Erfahrungen mit Infektionskrankheiten gesammelt. Sars breitete sich 2003 von China und Hongkong auf den Inselstaat aus. Die Republik ist spätestens seither gewappnet für Katastrophen wie jene, die sich nun anbahnt – und von Taiwan weitgehend erfolgreich abgewehrt wird. Wie das Land dies bewerkstelligt, beobachten nun Fachleute weltweit. Auch in Bern.
AMTAGnach dem positiven Testresultat bei der Reiseführerin, am Montag, dem 27. Januar, informieren die taiwanesischen Spezialisten die Kollegen vom BAG über den Fall und ihre Erkenntnisse. Am selben Tag tritt im Campus Liebefeld die Taskforce 2019-nCoV zusammen.
Nach der Begrüssung durch Patrick Mathys kommen die Gesundheitsbeamten unmittelbar auf das »entry system« zu sprechen. Auf die Gesundheitskontrollen bei Einreisenden, die Taiwan längst aufgezogen hat. Vier Wochen nach der Einführung von Massnahmen wie Fiebermessen bei Fluggästen in Fernost will die BAG-Taskforce aber nichts Ähnliches in Angriff nehmen. In ihrem »Protokoll Krisensitzungen« hält sie fest, dass an schweizerischen Flughäfen – wie an den europäischen auch – »im Moment kein Entry-Screening nötig« sei.
DIESCHWEIZlässt sich vorerst also nicht von den taiwanesischen Massnahmen inspirieren. Erst fünf Monate später beginnt der Bund damit, Einreisende zu kontrollieren – aus einem einzigen Land: Schweden.
Passiert da in der Schweiz im Januar gerade ein gravierender Fehler? Jedenfalls werden sich in Taiwan mit seinen 23 Millionen Einwohnern in einem halben Jahr nur rund 50 Menschen mit dem Virus anstecken, rund 350 weitere reisen bereits infiziert ein. Gerade mal sieben Personen sterben. Einen Lockdown braucht es nicht.
Der Inselstaat Taiwan hat es in der Seuchenabwehr einfacher als ein Binnenland wie die Schweiz. Zudem befolgt die Bevölkerung die Vorschriften ihrer Regierung zur Seucheneindämmung gut, auch weil die Sars-Erfahrung vielen in den Knochen steckt. Und China ist nah. Wer nach Taiwan einreisen will, muss zwei Wochen in Quarantäne. Eine App auf dem Handy hilft schon bald, zu kontrollieren, ob Eingereiste auch tatsächlich daheimbleiben. Ausschalten bringt nichts. Selbst wenn nur der Akku leer ist, steht die Polizei bald vor der Tür.
Andere taiwanesische Massnahmen wie eine strikte Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln werden viele Staaten ebenfalls einführen, allerdings teilweise erst nach Wochen oder gar Monaten. Auch hier wird die Schweiz lange nicht mitziehen.
Um das Coronavirus einzudämmen, setzen die Schweizer Behörden anfangs praktisch ausschliesslich auf Contact-Tracing. Das Bundesamt für Gesundheit schaltet nun die Zuger, Luzerner und Berner Kantonsärzte ein. In deren Gebieten war die 30-köpfige Reisegruppe aus Wuhan unterwegs.
AMTAG,an dem die Schweizer Gesundheitsbehörden – noch durchaus zuversichtlich – das erste grosse Corona-Contact-Tracing starten, macht das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL), was es drei Tage zuvor in der geheim gehaltenen ersten Bundesstab-Sitzung angekündigt hat: Es verschickt ein Rundschreiben. Darin empfiehlt es den Spitälern, ihre Bestände an Hygiene- und Atemschutzmasken zu überprüfen und gegebenenfalls aufzustocken.
Das BWL, angesiedelt in Guy Parmelins Wirtschaftsdepartement, hat Lehren aus der Sars-Epidemie gezogen. Nun gibt es diese weiter: In den Jahren 2002 und 2003 sei die Versorgung mit Schutzmaterial rasch zum Erliegen gekommen, da China einer der wichtigsten Lieferanten sei. Das Amt schreibt, das könne nun wieder eintreffen, und zwar selbst dann, wenn Europa und die Schweiz nur marginal vom neuen Virus betroffen sein sollten.
DOCHFÜHRENDEVERSANDHÄNDLERin der Schweiz verkaufen nun, Ende Januar, ein Vielfaches an Desinfektionsmitteln und Schutzmasken. Viele Privatpersonen haben bereits vorgesorgt – wie Marcel Salathé.
Tatsächlich passiert genau auf dem Höhepunkt seines Kongresses, den »Applied Machine Learning Days«, etwas Beängstigendes.
