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Da das Polareis taut, ist der Jörmungand, der Midgarddrache, aus seinem Gefängnis erwacht. Für seinen Vater Loki ist das nicht nur Grund zur Freude: Als Odin Jörmungand und seine Geschwister Hel und Fenris verbannt hat, ließ Loki es einfach zu. Dieser Verrat wird sich nun rächen. Aber das ist nicht Lokis einzige Sorge. Nach dem Sieg des Christentums hat Odin die Zugänge zu Helheim und Utgard mit Runensteinen versiegelt. Sollten Menschen diese im Permafrost entdecken, droht die Welt von Riesen und Untoten überrannt zu werden. Um die nötige Reise nicht organisieren zu müssen, schlägt Loki bei der Heidin Jasna auf. Die hat seherisches Talent und zeigt sich wegen ihrer Asexualität gegen sämtliche Flirtversuche immun, die Loki in jeglicher Gestalt unternimmt. Trotzdem lässt sie sich überzeugen. Unterwegs muss es Loki mit einer Noch-Ehefrau, einem Ex, einer ungehaltenen Tochter, Jörs transfeindlichen Sprüchen und den gesammelten Familiengeheimnissen aufnehmen.
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Carmilla DeWinter
Lokis Fesseln
Nordisches Familiendrama in fünf Akten
Wer Notizen des Contents benötigt oder des Schadensschmieds Stammtafel,
schaue in den Anhang.
Copyright © 2021 by Edition Roter Drache
Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Am Hügel 7, 59872 Meschede
[email protected]; www.roterdrache.org
Buchgestaltung: Holger Kliemannel (Print), Carmilla DeWinter (EPUB-Satz)
Umschlaggestaltung: Anke Koopmann
Lektorat: Alina Isabel Altendorf
Hergestellt in der EU.
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des jeweiligen Autors reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN
ISBN der Druckausgabe: 978-3-96815-034-5
Ørlǫgom ycrom scylit aldregi
segia seggiom frá,
hvat iþ æsir tveir drýgðot i árdaga;
firriz æ forn rǫc firar.
Euer Geschick solltet ihr nie
Erwähnen vor der Welt,
Was ihr Asen beide in Urzeiten triebet:
Die frühsten Taten bergt dem Volk.
– Lokasenna, Frigg zu Odin und Loki, übertragen von Karl Simrock.
The truth is rarely pure and never simple.
Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach.
– Oscar Wilde
Tief im Süden der Welt war Eis mürbe geworden. Unter jahrzehntelanger Wärme hatte sich eine tiefe Spalte ins Schelf gegraben. Es löste seine frostige Umklammerung um ein Wesen, das gleichzeitig sehr groß, sehr klein, und nicht da war. Ebenso wenig wäre auf naturwissenschaftlichem Wege zu ermitteln gewesen, seit wann das Wesen dort schlief.
Schließlich brach das Eis. Ein Eisberg, fast siebenmal so groß wie Berlin, trieb ins antarktische Meer hinaus, nervös beobachtet von den Menschen. Elektronische Augen am Himmel halfen ihnen, den Fortgang der Ereignisse zu vermessen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit kitzelte nun eine Strömung die Nase des Wesens. Es blinzelte, züngelte. Der Geschmack frischen Salzwassers war ihm aus Vorzeiten bekannt. Langsam wurden seine Gedanken geschmeidiger.
Aus Träumen, da es sich bei seiner Schwester wähnte, geliebt und aufgehoben im Nebel am Ende aller Dinge, erwachte es in Kälte und ungewohntem Lärm. Um das Wesen herum ratterte und dröhnte es.
Aber sollte sein Schädel nicht schmerzen? Das war das Letzte, woran das Wesen sich erinnerte: ein Stechen im Gaumen und dann ein Schlag auf den Kopf.
Nein, das stimmte nicht, denn zum Schluss hatte Schwärze es umfangen. Kurz davor hatte es nach dem einen Lebewesen gerufen, von dem die meisten menschlichen und von menschlichem Denken beeinflussten Geschöpfe annehmen, dass es sie ohne Wenn und Aber beschützen wird.
Auch jetzt rief das neu erwachte Wesen.
Mama?
Aber die Mutter rührte sich nicht, wie sie sich auch die letzten Male nicht gerührt hatte.
Blieb eine zweite Möglichkeit, obwohl das Wesen diesbezüglich noch weniger Hoffnung hegte.
Vater?
Irgendwo fuhr jemand aus dem Schlaf hoch. Daher bekam es lediglich ungeordnete Silben zur Antwort.
Vater!, rief das Wesen wieder.
Dabei erschreckte es ein paar Wale.
Deren verwirrte Lieder hörten zwar ein paar Menschen, aber sie wussten sie nicht zu deuten. Und selbst wenn sie die Sprache der Wale verstanden hätten, so hätten sie die Neuigkeiten doch nicht geglaubt.
Jörmungand, die Midgardschlange, schüttelte sich einen Rest Eis vom Körper und schwamm zielstrebig in die Richtung, in der er seinen Vater vermutete. Mit dem hatte er ohnehin noch eine Rechnung offen.
Vater?
Loki blinzelte. Dunkles Zimmer. Durch den Vorhangspalt drang das gelbliche Licht einer Straßenlaterne herein. Einer ihrer Bettgenossen schnarchte, der andere hielt Loki fest umschlungen.
Was, bei den Nornen, träumte sie schon wieder?
Vater!
Kein Traum, sondern Jör.
Loki fuhr hoch und rutschte nach hinten. So sehr sie den Klang der Stimme ihres dritten Kindes vermisst hatte, so sollte diese doch nicht ertönen. Warum war Jörmungand aus seinem jahrhundertelangen Schlaf erwacht?
Der anhängliche Bettgenosse – Loki hatte seinen Namen vergessen – brummte unzufrieden.
»Süße?«, fragte er.
Loki zuckte mit der Nase. Süß, ha. Die Menschen hatten keine Ahnung. »Ich muss los.«
Der Bettgenosse küsste ihre rechte Hüfte – das Erste, das ihm unter den Mund kam. Außerdem verstärkte er seinen Griff. »Was ist mit dem Frühstück, das wir dir versprochen haben?«
»Ein andermal«, log Loki. »Kannst mich ja anrufen.« Sich dem Griff zu entziehen, erforderte mehr Geschick, als die Beine von dem rahmenlosen Bett zu schwingen.
»Hm«, machte der Bettgenosse. »Hätte mich echt auf eine zweite Runde mit dir gefreut.« Finger krabbelten über Lokis Rücken. »Du schmeckst eindeutig nach mehr.«
»Danke.« Die beiden waren nicht untalentiert und hatten keine Scheu, ihre Zungen überallhin zu stecken. »Aber es ist ein Notfall.«
Im Zwielicht tastete Loki nach ihren Klamotten und zog sich an. Die Strumpfhose musste sie in der Eile weglassen, egal wie entzückend sie deren Muster fand.
Der wache Bettgenosse schien die Show so zu genießen, dass er vergaß, nach Lokis Telefonnummer zu fragen. Der andere schnarchte weiter.
Sollte Loki recht sein.
Sie schnappte sich ihre Handtasche, warf dem anhänglichen Bettgenossen eine Kusshand zu und schlich aus der schicken Wohnung am Prenzlauer Berg in einen alpinweiß riechenden Hausflur. Im kühlen Licht der LEDs kramte sie ihr Handy aus der Handtasche. Die Batterie war mal wieder tot, insofern blieb die Uhrzeit reine Spekulation. Außerdem fehlte doch noch was, oder? Loki schaute an sich herunter: Minirock und Glitzertop, passende Schuhe mit Stilettoabsätzen. Strumpfhose in der Handtasche. Lederjacke? Im Club in der Garderobe. Wenigstens lag das teure Teil nicht bei den zwei Jungs da drin.
Bei den Nornen, Loki war auch noch nicht richtig wach. Das Drittgeborene brauchte Hilfe und sie sorgte sich um ihre Lederjacke?
Jör?
Papa! Was ist hier los? Warum haben die Menschen Schiffe aus Eisen? Und hier treiben seltsame Algen, die man nicht essen kann.
Sohn. Bitte halt dich von dem Plastik fern.
Was ist Plastik? Ach, was soll’s. Du bist weit weg vom Meer, beklagte Jör sich und klang dabei wie ein kleines Kind.
Ich weiß. Hör zu … Geografie, nicht gerade Lokis Stärke. Ich kann nicht mehr weltenwandeln. Wenn ich dich vor heute Abend an der Küste treffen soll, muss ich erst mit deiner Stiefmutter reden.
Loki spürte, wie Jör innerlich auf Abwehr schaltete.
So jung bin ich nun auch wieder nicht, dass ich mich ohne deine Asenbraut in Flüssen verirre, meinte er.
Gut. Je weniger Loki mit Sigyn reden und je weniger sie ihre Noch-Ehefrau um Hilfe bitten musste, desto besser. Sie rieb sich das linke Handgelenk, wo sich der Strang Runen ihrer Fessel unter ihrer Haut abzeichnete. Das Einzige, das von Nari, Sigyns und ihrem Sohn, in dieser Welt geblieben war.
Loki könnte Jör anbieten, gleich zur Spree zu fahren und dort zu warten. Aber ihr Outfit … Sich in diesem Aufzug des Nachts am Wasser herumzutreiben, empfahl sich nicht, wenn sie nicht auffallen wollte. Und die hohen Schuhe waren sowieso zu unpraktisch für alles, auch wenn sie einen geilen Hintern machten.
Also würde sie Richtung Alex stöckeln und sich ein Taxi suchen, das sie nach Hause fuhr, damit sie sich umziehen konnte.
Váli hob den Kopf, mühte sich aber nicht vom Bett, als Loki die Wohnung betrat. Das bedeutete, dass er Jörs Ruf nicht gehört hatte.
»Sohn.« Danach versagte Loki die Stimme.
Der Junge rümpfte die Nase, denn er konnte gewiss Lokis ganzen Abend riechen. Den Alkohol, den Kunstnebel, das Aftershave der beiden Jungs, die Loki im Club aufgegabelt hatte, den Sex und bestimmt sogar die Geschmacksrichtung der bunten Kondome. Ein Urteil über Lokis Lebenswandel hatte sich Váli seit Langem nicht mehr anmerken lassen. Aber Jör würde kaum den Mund halten, sobald er auf dem neuesten Stand war. Der Junge glaubte vielleicht sogar, dass Loki und Sigyn noch zusammenlebten.
Auf einmal klappte das mit dem Stehen nicht mehr richtig. Loki sank erst gegen die Tür und dann auf den Boden.
Dreimal verfluchter Mist. Eine heile Familie waren sie seit Jahrhunderten nicht mehr. Was hatten sie alles geopfert für die Visionen des einäugigen Rabenaases. Und nichts hatte es genutzt, nichts.
Váli erhob sich vom Bett, trottete zu Loki. Ein feuchter Wolfsnasenkuss suchte sie zu trösten.
Loki umarmte das Fünftgeborene und drückte ihr Gesicht in den zottigen Pelz. »Jörmungand ist wach.«
Wenigstens einer konnte sich freuen: Váli hechelte, sein Schwanz klopfte auf den Boden.
»Wieso fange ich jetzt an zu heulen?«, fragte Loki.
Váli schleckte ihre Wange ab und verzog das Gesicht. Das Make-up schmeckte wohl nicht besonders.
»Scheiße.« Loki wischte die Tränen weg. Schwarze Wimperntusche und violetter Lidschatten blieben an ihren Fingern kleben. »Hast schon recht.« Sie beide waren immerhin noch hier, hatten das Christentum, zahllose Kriege, Rufmord und sämtliche Verfolgungen wegen sittenwidriger Unzucht überstanden. »Also eins nach dem anderen.«
Sie kickte die Schuhe weg, stöpselte das Handy am Ladekabel ein, schälte sich aus den engen Klamotten, duschte. Das Bad verließ Loki in einer Gestalt, die Jör kannte und die zu weniger dummen Sprüchen einlud als eine mit Brüsten. Obwohl Loki sich nicht wie ein »er« fühlte.
Loki zog sich ihre älteste Jeans und ihren lila Hoodie an und band sich die Haare zurück. Im Flur schwebten ihre Finger kurz über Vális Halsband mit der Runenritzung. Normalerweise sorgte es dafür, dass die Leute ein gezähmtes Haustier mit Dackelblick statt eines echten Wolfs sahen. Außerdem achtete Váli darauf, sich wie ein Hund zu geben – bloß das Kläffen hatte er sich nicht angewöhnt. Aber dann entschied Loki sich für das Exemplar ohne Runen. Dazu schnappte sie sich die pro forma vorhandene Leine. »Wir gehen Jör abholen, ja?«
Váli wedelte zur Antwort mit dem Schwanz und trottete zur Tür. Das Halsband war nach so vielen Jahren zur Gewohnheit geworden, selbst für Loki, die es mühsam fand, sich an Gesetze zu halten.
Jör. Triff mich an der Anlegestelle Treptower Hafen. Loki zeigte ihm ein Bild der Spree und gab ein paar Hinweise dazu, wo die zugehörige Flussmündung lag.
Es dauert noch ein bisschen, hier ist es eng, antwortete Jör. Und bei den Nornen, wo kommen diese ganzen großen Schiffe her? Wer braucht die alle? Sind Freyr und Freyja übermütig geworden?
Auch Loki hatte sich die Frage gestellt, warum die Menschen sich so vermehrt hatten. Eine Antwort hatte sie nicht gefunden. Aber egal wie, sie schienen darauf erpicht, den Globus kahl zu fressen. Sieben Milliarden, Jör. Es ist viel Zeit vergangen.
Hm, meinte Jörmungand.
Erwartete er noch etwas anderes? Sie biss sich auf die Lippe. Eine halbherzige, floskelhafte Bitte um Entschuldigung würde kaum wiedergutmachen, wie widerstandslos Loki Odin über seine Kinder hatte verfügen lassen.
Loki und Váli drehten aus Langeweile drei Runden durch den dunklen Park, bevor Jör sich näherte. Niemand begegnete ihnen an diesem sehr frühen Samstagmorgen. Vielleicht, weil Váli ungetarnt als Wolf an Lokis Seite lief.
Zuletzt harrten sie an der Anlegestelle aus, bis bei beginnender Dämmerung Jörmungands stacheliger Drachenkopf aus dem Wasser tauchte.
Loki blieb fast das Herz stehen, als hätte sie den sichtbaren Beweis gebraucht, um an die Rückkehr ihres Sohnes zu glauben. Ihre Hände krallten sich in ihre Kapuzenjacke. Sie konnte sich nicht rühren. Wieso hatte Jör von allen Wesen nach ihr gerufen, nach ihr, die es am wenigsten verdient hatte?
Das Flusswasser hat sich verändert, bemerkte Jör scheinbar unbeeindruckt von Lokis Schweigen, hievte sich über die niedrige Kaimauer und schlängelte auf seinen kurzen Beinen an Land: Ein vier Meter langes, oberschenkeldickes Wesen mit fingerlangen Reißzähnen und sturmgrauen Schuppen. Schmeckt weniger nach Kacke und mehr nach Steinöl und Seife. Er schüttelte sich.
Váli sprang auf ihn zu und leckte ihm die Schnauze ab.
Hei, hei, kleiner Bruder. Endlich treffe ich dich. Das letzte Mal, als ich dich gespürt habe, warst du eine Kaulquappe in Vaters Bauch. Jörs gespaltene Zunge tanzte über Vális Nase. Dir geht’s gut, hm?
Vális Schwanz wedelte so sehr, dass Loki befürchtete, er würde sich die Hüften auskugeln. Aber anstatt das Kind zu beruhigen oder irgendetwas anderes zu tun oder auch nur zu sagen, schluckte Loki gegen den Kloß in ihrem Hals. Den Nornen sei Dank, dass Jör nicht eifersüchtelte.
Die beiden beschnüffelten sich noch eine Weile. Schließlich wandte Jör seinen Blick aus schlitzförmigen Pupillen Loki zu.
Vater. Ich sollte eine Mutsühne von dir fordern.
Kein Papa mehr, was vorherzusehen gewesen war. »Sohn.« Lokis Erstarrung löste sich insoweit, dass sie trotz der Drohung die paar Schritte zu Jör machen konnte und vor ihm ins Gras auf die Knie sank.
Du erwartest doch nicht einfach so Vergebung?, meinte Jör. Nur, weil wir verwandt sind? Seine Nüstern stießen fast gegen Lokis Stirn, er roch nach Salzwasser und Tang. Du hast Mutter betrogen und uns deinem Blutsbruder ausgeliefert. Wenn du uns nicht verlassen hättest, wer weiß, ob Odin und seine ach so heldenhaften Asen uns dann überfallen hätten. Deinetwegen stecken meine Geschwister in Helheim und auf einer felsigen Insel fest. Selbst ich muss mich glücklich schätzen, dass ich überhaupt aus dem Wasser steigen kann.
Ich weiß. Loki schluckte. Obgleich sie nicht zur Grübelei neigte, hatte sie in all den Jahrhunderten genug Zeit gehabt, über dem »Was wäre wenn?« zu brüten. Auch wenn es zu nichts führte, mit dem Schicksal zu hadern, das die Nornen webten. Allerhöchstens sorgte es dafür, Fehler nicht zu wiederholen: Schlussendlich hatte Loki in einem Anfall von geistiger Umnachtung einmal zu oft Odins Ratschlüssen vertraut. Es tut mir leid. Alles tat ihr leid. Sie sich selbst am allermeisten. Es war keine Floskel.
Gut.
Loki senkte den Kopf, obwohl sie sich lieber zusammenkrümmen wollte. Sie hätte es ahnen sollen, denn sie hatte dieses Kind aufgezogen. Jör vergab ihr nicht automatisch. Zu einem Friedensschluss brauchte es Gaben oder Taten. In jedem anderen Zusammenhang wäre sie vor Stolz geplatzt, ein Kind zu haben, das für sich einstand.
Etwas Kühles streifte Lokis Nase. Bei passender Gelegenheit werde ich die Wiedergutmachung fordern, beschied Jör ihr.
Dass Jör einen Friedensschluss in Erwägung zog, war mehr, als Loki erhofft hatte. Dennoch hätte sie seine Bedingungen lieber gleich gehört. Konnte sie ihn überreden, schneller eine Entscheidung diesbezüglich zu treffen? Sie hob die Hand, und Jör ließ sich die Stacheln seiner Halskrause streicheln. Váli drängelte sich dazu.
Lange hatte Loki sich nicht mehr so warm gefühlt. Wenn es Jör ähnlich ging, könnte sie …
Vális Ohren zuckten.
Da kommt jemand angerannt, stellte Jör fest. Kein Krieger.
»Jogger?«, fragte Loki.
Váli neigte den Kopf in Zustimmung.
»Die Menschen hier rennen zum puren Freizeitvergnügen.« Ein wenig Dauerlauf half, um als Krieger in Form zu bleiben, aber als erwachsene Person einfach aus Spaß an der Freude zu rennen, fand Loki seltsam. Wie auch immer, es war der falsche Ort, um Jör Zugeständnisse abzuringen.
»Wir sollten erst einmal nach Hause. Essen und schlafen. Du bist mein Gast, Jör. Und dann müssen wir uns überlegen, wie du weniger auffällst.«
Sie können mich nicht sehen, wenn ich es nicht will.
Váli machte ein leises, neidisches Geräusch.
»Aber sie können über dich stolpern.«
Das ist wahr. Mit einem Schnaufen schrumpfte Jör auf die Länge von einem Meter, kletterte Lokis Arm hinauf und ringelte sich um ihren Hals. Die Stacheln verfingen sich in Lokis Haaren und zogen Strähnen aus ihrem Zopf. Dabei riss er ihr ein paar Locken aus, aber sie ließ sich die Schmerzen nicht anmerken.
Bei dieser Größe hätte Jörmungand keine zehn Kilo wiegen dürfen, doch Loki wankte, als sie aufstand. Da ruhten sowohl ein kleiner Drache als auch die Weltenschlange selbst auf ihren nicht allzu breiten Schultern.
Odin schuldet mir mindestens die Fähigkeit, als Zweibeiner aufzutreten, merkte Jör an, der natürlich wusste, wie viel er wog und was er Loki aufbürdete.
»Und was schulde ich dir?«, fragte sie.
Jör rupfte ihr mehr Haare aus, als er ihr aus zwei Zentimetern Entfernung ins Auge sah. Du hättest wohl gern, dass alles abgegolten ist, wenn du mir ein Obdach bietest und ein paar Erklärungen zu dem, was sich in den letzten Jahrhunderten geändert hat? Das täte dazu passen, dass du seit meiner Verbannung ganze drei Mal mit mir geredet hast.
Damals hatte Loki Jör von den neuesten Entwicklungen zu berichten versucht. Zu diesen Gelegenheiten war ihr nur stumme Wut entgegengeschlagen, was jegliche Aussprache verhinderte. Im Vergleich dazu benahm Jör sich heute manierlich.
Dass ich dir helfe, ist selbstverständlich. Aber irgendetwas musst du dir doch wünschen.
Jör schniefte. Darüber werde ich nachdenken. Derweil bin ich dein Gast. Wie du gesagt hast.
Jör meinte wahrscheinlich, dass er würdevoll klang, und erinnerte sie doch nur an den Teenager, den die »Kaulquappe« in Lokis Bauch so fasziniert hatte, wie ihn der Streit seiner Eltern verwirrte. Sie unterdrückte ein Seufzen und winkte Váli.
Auf dem Heimweg ernteten sie ein paar schiefe Blicke in Vális Richtung. Loki hätte doch das Runenhalsband einpacken sollen.
Kurz vor Geschäftsschluss am letzten Samstagmittag im August war das Reisebüro wie ausgestorben. Jasna sortierte aus reiner Langeweile die Skandinavienführer um, wischte Staub von der Plastikgiraffe in Julias Ecke und setzte sich dann, um die Kasse zu machen.
Glücklicherweise hatte heute niemand Bargeld gebracht – es gab noch ein paar altmodische Menschen, die mit einem Stapel Hundertern kamen, um die nächste Studienreise oder den Kurlaub zu bezahlen.
Nach all der Aktivität musste sie ihren Pferdeschwanz neu binden und dabei ein paar Haare befreien, die sich mit dem Lederband ihres Anhängers verknotet hatten. Die Triquetra hatte sie sich nach ihrem Umzug zu ihrer Großtante zugelegt, mit siebzehn. Der Knoten mit den drei Spitzen sollte sie daran erinnern, dass es zu jedem Streitpunkt mindestens drei Blickwinkel gab.
Das Windspiel über der Tür bimmelte. »Huhu!«
Jasna sah auf. Da posierte ihre Schwester im Eingang, die Haare krisselig von der schwülen Luft draußen, und strahlte wie ein Honigkuchenpferd.
»Hei, hei.« Jasna stand auf, umrundete ihren Tisch und herzte die Kleine, die fünf Zentimeter größer war als sie. »Was treibt dich in die Großstadt?«
Wie immer schnaubte Selma über den Insiderwitz. Dreißigtausend Seelen reichten in anderen Gegenden für ein umfassendes Kulturangebot, aber auf der Achse Karlsruhe–Stuttgart hatten die echten Großstädte die Vielfalt für sich gepachtet. »Ich hab endlich eine Konditorin gefunden. Wart ab, bis du die Fotos siehst! Und dann war ich noch shoppen.« Selma demonstrierte die Ausbeute, indem sie eine Tüte des nächstgelegenen Modeladens hob.
»Zwei Minuten, dann kann ich dichtmachen«, sagte Jasna, ganz pflichtbewusste Spaßbremse. Aber sie strahlte zurück. Seit Selma verlobt war, sprühte diese vor Lebenslust. Das steckte an. Für die kirchliche Hochzeit gab es bereits einen Termin im Mai.
Die zwei Minuten verbrachte Selma damit, dass sie sich auf einem Sessel für Kundschaft vor Jasnas Tisch niederließ und diverse Dinge aus ihren Taschen wühlte. Handy, zwei DVD-Boxen und eine sehr volle Tüte Trüffelpralinen vom Chocolatier in der Fußgängerzone.
Eine Straße weiter bimmelte die Kirchenglocke vierzehn Uhr.
»Der Schlag der Erlösung«, meinte Selma.
Jasna wühlte den Schlüssel aus ihrer Hosentasche, schloss die Tür ab und fläzte sich in den zweiten Besuchersessel. »Also?«
»Also erst mal was zum Anschauen.« Selma reichte Jasna die DVDs. »Die Serie, von der ich dir letztes Wochenende erzählt habe.«
Von der obersten Box starrte ihr ein Typ mit Hipsterfrisur und dekorativen Wunden im Gesicht entgegen, der wohl grimmig und verwegen wirken sollte.
»Wikinger und so Krams«, wiederholte Selma ihre Erklärung vom Samstag. »Also genau dein Metier. Die Kerle sind echt zum Anbeißen. Aber weil du damit ja nichts anfangen kannst, hab ich dir was mitgebracht, das du lecker findest.« Sie platzierte die Tüte mit den Trüffeln mitten aufs Gesicht des Hipstertypen.
»Danke.« Marc de Champagne und Kir Royal, wenn Jasna sich nicht täuschte. Beim bloßen Gedanken an den alkoholisch-süßen Schmelz lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Ein bisschen zu gierig? Wahrscheinlich sollte sie ihren Göttinnen etwas davon opfern. Frigg und Volla würden sich darüber gewiss freuen.
Selma tätschelte ihr die Hand. »Du hast mir an Michas Geburtstag den Arsch gerettet, das passt schon.« Welche Schwester brachte auch sonst mitten in der Nacht Mehl, Zucker und geriebene Schokolade vorbei, weil die jüngere ihren Kuchen verbrannt hatte und um halb zwölf keine Zutaten mehr auftreiben konnte?
Vorsichtig setzte Jasna den Stapel auf ihrem Tisch ab. »Also, was ist jetzt mit der Konditorin?«
»Die Frau ist der Oberhammer!« Selma zückte das Handy und rief die Fotogalerie auf. »Schau.«
Also tat Jasna wie geheißen und lehnte sich gegen ihre Schwester, um die Bilder zu betrachten: Drei- bis fünfstöckige, zuckerüberzogene Wunder in Pastelltönen, verziert mit Rosen, Girlanden, Herzen, Turteltäubchen, Weltkarten. Diese Kalorienbomben sahen beeindruckend aus, wenn man auf teure Verspieltheiten Wert legte, aber längst nicht so appetitlich wie die Trüffel in Jasnas unmittelbarer Reichweite. »Hübsch.«
»Und die Füllung ist zum Reinlegen gut. Ich muss noch mit Micha reden, aber ich denke, wir machen drei Stockwerke. Schoki, Erdbeere und Rhabarber, passend zur Jahreszeit.«
Jasna nickte. »Damit sollte für jeden was dabei sein.«
»Denk ich auch. Die Konditorin hat sich echt erzählen lassen, wie wir uns kennengelernt haben. Und dann hat sie mir das als Dekofiguren vorgeschlagen. Alles nachher aus Marzipan, die ist so talentiert.« Wisch, wisch, machten die Finger. Da saß nun in grober Skizze eine Braut auf einem Schwan und reichte dem Bräutigam die Hand.
Jasna blinzelte.
»Das ist so romantisch«, seufzte Selma.
Jasna blinzelte wieder. Der nächste Griff ging zu dem Amulett um ihren Hals.
Selma bemerkte es natürlich und runzelte die Stirn. »Du findest das nicht gut.«
Wenn man ein im flachen Gewässer gekentertes Paddelboot als Schwan interpretieren wollte und Micha als den heldenhaften Recken, der Selma an Land gebracht hatte … Trotzdem stellten sich Jasna die Nackenhaare auf. »Es passt zu euch.«
»Sag ich doch.« Selma zog eine Schnute. »Und was ist falsch dran?«
Jasna schloss noch einmal die Hand um ihr Amulett, bis die Bronze sich in ihre Haut bohrte und es schmerzte. »Es ist nicht falsch.« Eine Ablenkung musste her, schnell. »Nur ein bisschen mehr Richard Wagner, als ich dir zugetraut hätte.«
Wie immer bei Lästerung der Hochkultur verdrehte Selma die Augen. Ihr Beruf als Musik- und Mathelehrerin am Gymnasium verpflichtete sie quasi dazu. »Und wir alle wissen, dass du Wagner hasst.«
Mehr als ein Schulterzucken brachte Jasna nicht zustande. Die Musik war ganz nett, aber der Mann hatte Helme mit Hörnern auf die Menschheit losgelassen. So ein Ding würde sich in einer echten Schlacht als tödlich erweisen. Doch besser, sie trafen sich auf diesem Schlachtfeld, statt Jasnas Abkehr vom katholischen Glauben zu beackern. Von Schwanjungfrauen und deren vermuteter Rolle als Mittlerinnen zum Reich der Toten fing sie demnach gar nicht erst an. Selmas Torte war bloß ein Traum aus dem Zeitalter der Romantik, kein schlechtes Omen. »Dir und Micha muss es gefallen.«
Selmas nächster Seufzer ähnelte dem einer duldsamen Ehefrau. »Wenn es dich beruhigt, dann kannst du eine Schutzrune in mein Kleid sticken. Ja?«
Ein Entgegenkommen. Jasna ließ das Amulett los und drückte ihrem Schwesterherz die Hand. »Eine für Schutz, Wohlstand und Kindersegen.« In ihrem Kopf arbeitete es, welche Zeichen sie zu einer Binderune kombinieren könnte.
Selma erwiderte den Händedruck. »Du kriegst deine heißersehnten Neffen oder Nichten, keine Panik. Micha und ich haben schon geplant, wann ich die Pille absetze.« Selma wusste, wie sehr sich Jasna auf Kinder freute, die sie mitbetreuen konnte.
»Heute noch was vor?«, wechselte sie das Thema.
»Ich fahr jetzt zu Michas Eltern. Er wollte seinem Vater im Garten helfen, dort kann ich ihn mit den Tortendesigns überraschen. Und heute Abend gehen wir ins Kino und genießen ein bisschen das Nachtleben in dieser Großstadt.«
Jasna nickte. Typisches Wochenendprogramm für zwei kinderlose Anfangdreißiger.
»Und du bleibst mal wieder brav daheim?«
»Ich muss mich langsam um das Hüttenwochenende kümmern.« Zur Tag-und-Nacht-Gleiche wollte sie mit einigen anderen Heiden und Hexen in einer Hütte im Schwarzwald feiern. Ein gemeinsames Ritual zu erarbeiten, stellte die Gemeinschaft das zweite Jahr in Folge vor größere Schwierigkeiten. Dass eine Internetbekanntschaft außerdem ein Set Runen von Jasna erbeten hatte, die geritzt werden wollten, davon erzählte sie besser nicht. »Und morgen will ich mit Julia und ihrer Liebsten los. Wir müssen schauen, ob der neue Wanderführer für den Nationalpark Nordschwarzwald was taugt.« Sie gestikulierte zu dem Aufsteller am Tischende. »Ich will wissen, was ich da verkaufe.«
Selma schüttelte den Kopf. »Du bist so vernünftig, dass es echt manchmal wehtut.«
Zum Frühstück kochte Loki Reis und Karotten. Für Váli mit Schweinefleisch aus der Tiefkühltruhe und einem Löffel Haferflocken, für die anderen gab es gebratenen Fisch dazu.
Jör war von dem Ausblick aus dem Küchenfenster fasziniert, obwohl der nur einen Berliner Innenhof mit den typischen Hinterhäusern zeigte. Alles mehrstöckige Gebäude, deren ergrauter Putz an manchen Stellen bröckelte. Klapprige Fahrräder lehnten neben jedem Eingang, an der Kellertür prangte eine Warnung vor Rattengift. Diese vernachlässigte Immobilie bot Lebenskünstlern wie Loki eine Heimstatt. Mit zahlreichen Schutzrunen hatte sie dafür gesorgt, dass die Gentrifizierung noch eine Weile ausgesperrt blieb.
So viele Menschen. Hat jeder eine so große, komfortable Wohnung wie du?
Loki schaute sich in der Eins-Komma-Fünf-Zimmer-Bude um. Fünfunddreißig Quadratmeter, winziges Bad, das mal wieder geputzt werden müsste. Eine Wohnküche mit Platz für einen Vier-Personen-Esstisch, Couch und Fernseher. Das halbe Zimmer vollgestopft mit einem Kleiderschrank, der überquoll von Büchern, Elektrogräten, Erinnerungsstücken und Klamotten. Für eine einzige Gottheit und einen Wolf. Das war verflucht viel Platz und verflucht viel Zeug, verglichen mit früheren Zeiten. Die Glasfenster, damals unvorstellbar, hatte Jör bereits auf dem Heimweg mehrfach bewundert.
»Die meisten Leute in diesem Land haben mehr Platz in schöneren Häusern. Oder streben zumindest danach«, sagte Loki. Sie selbst vermisste manchmal einen Garten zu dem Wohnraum.
Hrrm. Jör reckte sich. Handeln sie viel mit fernen Ländern? Das würde die Schiffe erklären. Und dass es keine Äcker mehr gibt.
»Es gibt noch Äcker in diesem Land, aber nur wenige Menschen arbeiten als Bauern. Es gibt einige Händler und einige Handwerker. Damit die mehr arbeiten können, bezahlen sie viele andere, die ihnen bei der Verwaltung und allem Möglichen helfen. Die meisten Rohstoffe stammen aus Asien und Afrika. Aus ihnen werden Autos und Maschinen hergestellt und in die ganze Welt verkauft.« Sowohl zu Autos als auch zu jeder anderen technischen Entwicklung hatte Jör vorhin viele Fragen gestellt. Sie hatten zudem alle paar Schritte angehalten, weil er etwas genauer inspizieren wollte.
Der Lärm, den all diese Schiffe machen, muss das Eis gebrochen haben, in dem ich eingeschlossen war.
Loki runzelte die Stirn. »Du warst eingefroren?«
Ja. Dein werter Neffe hat mir seinen elenden Hammer über den Schädel gezogen und mich bewusstlos geschlagen. Ich wäre vielleicht früher erwacht, aber ich muss nach Süden getrieben sein. Und da bin ich im Eis eingeschlossen worden.
»Thor ist nicht mein Neffe«, fühlte sich Loki genötigt zu widersprechen.
Sohn deines eingeschworenen Blutsbruders. Jör ringelte sich um die Kräutertöpfe und blickte weiterhin nach draußen. Macht keinen Unterschied, und das weißt du genau. Ich hab mich um meinen eigenen Kram gekümmert, und Thor meinte, dass er seine Kraft an mir erproben muss. Schlecht erzogen nennt man das.
Loki zuckte mit den Achseln. »Er ist der, den die Menschen sehen wollten.«
Ein Henne-Ei-Problem. Niemand von ihnen wusste mehr, was zuerst da gewesen war: Ihre Persönlichkeit oder die Mythen, die die Menschen über sie erzählten.
Jör zischte. Bequeme Ausreden. Willst du mir ehrlich weismachen, dass du mich nur im Stich gelassen hast, weil es ein paar Menschen von dir glauben? Es liegt an uns allen, besser zu sein als unser Ruf, statt die Verantwortung abzuwälzen.
Váli fiepte, wohl aus Sorge wegen der schlechten Stimmung.
Loki raufte sich die Haare. So kamen sie nicht weiter. Irgendwas hatte sie doch über Eis in der Antarktis gelesen? »Warte mal kurz.« Von dem Kästchen neben der Wohnungstür klaubte sie ihr Handy und warf die Suchmaschine an.
Da stand es schwarz auf weiß: Ein monströser Eisberg, fast siebenmal so groß wie Berlin, hatte sich von einem Schelf gelöst und trieb seit einigen Wochen aufs Meer hinaus. Schuld war die Klimaerwärmung.
»Die Menschen haben dich unabsichtlich aufgetaut«, sagte Loki. »Du siehst doch die ganzen Autos und die vielen Kamine? Seit hundertfünfzig Jahren verbrennen sie Unmengen Kohle und Petroleum – Steinöl –, zum Heizen, zur Fortbewegung, um Maschinen anzutreiben. Die Dämpfe steigen in die Luft und legen sich wie ein gläserner Deckel über die Erde.«
Wie in einem Topf, wo die Wärme eingeschlossen bleibt?, fragte Jör.
Kluges Kind. Loki lächelte ihn an. »Genau. Es wird von Jahr zu Jahr wärmer. Und deswegen taut zurzeit auch sehr altes Eis. Also Gletscher, das Schelfeis an den Polen der Welt und der Permafrostboden.«
Das scheint mir nicht besonders klug, meinte Jör. Auch wenn ich lieber wach bin als eingefroren.
Mit anderen Begriffen suchte Loki nach allen Informationen über den Klimawandel, die sie auf die Schnelle finden konnte. »Die Menschen befürchten, dass die Wüsten sich ausbreiten werden. Schon jetzt gibt es Kriege um Wasser in südlichen Ländern. Und wenn das Eis schmilzt, wird der Meeresspiegel ansteigen. Zahllose Küstenstädte werden in ein paar Jahrzehnten unter Wasser stehen.«
Jör züngelte und wand sich um das halbwelke Basilikum, sodass er Loki ansehen konnte. Aus seinem Blick sprach verständnislose Neugier. Haben sie nicht die Nornen um Rat gebeten? Keine Seherin befragt?
Loki seufzte. »Keiner von denen glaubt an die Nornen.«
Ich verstehe nicht, was du damit meinst. Die Nornen sind einfach da, und jeder weiß, dass man ihren Hinweisen glauben kann.
Loki rieb sich über die Augen und spürte auf einmal die Last aller verstrichenen Jahrhunderte. Wie tief war der moderne Sprachgebrauch bei ihr eingesickert? Was hatte sie sich sonst noch von den Menschen abgeschaut seit dem Sittenwechsel vom Heidentum zum Christentum? »Mittlerweile streiten sich die Leute nicht nur um die Bedeutung einer Rune, sondern darum, ob die Runen überhaupt eine Bedeutung haben, Jör. Der Christengott lässt keine Wahrheit neben sich zu. Seit er Anhänger um sich schart, streiten die sich darum, wie das Leben nach dem Tod aussieht und wer es sich verdient hat. Und ob ihr Gott eine oder drei Erscheinungsformen hat. Auf die Aussagen ihrer Propheten zu vertrauen, nennen sie Glaube. Selbst viele, die heute noch den Asen die Treue halten, sind auf der Suche nach der endgültigen Wahrheit.«
Viele der neuen Heiden nahmen mal Snorri Sturlusons verleumderische Zusammenschrift von Mythen namens Edda für die einzig wahre Wahrheit, mal die sogenannte Lieder-Edda, stritten um Kleinigkeiten und erkannten das Wirken von Thors Hammer Mjöllnir selbst dann nicht, wenn sie in eine Steckdose fassten und er ihnen einen elektrischen Schlag verpasste. Die wenigsten modernen Menschen – vor allem die nicht-heidnischen – würden anerkennen, dass die Asen persönliche Gegenüber und abstrakte Konzepte gleichzeitig waren, je nachdem, wie man die Welt betrachtete.
Weil Loki derartige Diskussionen häufiger trollte, erklärte sie Jör einige Streitpunkte.
Das ist völlig bescheuert, meinte Jör daraufhin. Wen interessiert, ob Yggdrasill in Wahrheit eine Esche oder eine Eibe ist, oder ob Odin sich auf einen Stab oder einen Wurfspeer stützt? Wichtiger ist doch, dass man das Heil seiner Sippe mehrt, ihr eine ordentliche Welt hinterlässt und dann gütig über seine Erben wacht.
Váli nickte.
Loki machte eine hilflose Handbewegung. Die Christen waren gekommen, und seitdem galt das Leben auf dieser Seite des Flusses nur noch die Hälfte, wurde nur noch daran bemessen, wie es sich auf die versprochene Erlösung auswirkte. So hatten sich viele Menschen von realen Fesseln in gedankliche begeben, weil es einfacher schien, an eine Versuchung zu glauben, als Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen.
Zur Krönung hatten die Leute in diesem Land einen größenwahnsinnigen Despoten zum Reichskanzler gewählt und damit das Wort »Heil« verdorben.
Und die anderen Asen haben sich nicht gewehrt? Jör schaute sich um. Wo stecken sie eigentlich?
»Sie haben sich schlafen gelegt. Odin hat …« Loki holte Luft. Einst hatte sie Odin das Versprechen gegeben, einige Dinge für sich zu behalten. Und obwohl sie dem Rabenaas nichts mehr schuldete, kostete es Überwindung, die Geschehnisse in Worte zu fassen. »Er hat Dinge gesehen, nachdem er aus Mimirs Brunnen getrunken hatte. Vom Ende der Asen. Und dass einst ein strahlender junger Gott über die Erde herrschen würde. Er hat angenommen, dass Balder gemeint war. Aber damit der Ragnarök überwintern kann, sozusagen, musste Odin ihn zu deiner Schwester nach Helheim entsenden.«
Umbringen, meinst du wohl. Jör züngelte. Wenigstens geht er mit den eigenen Kindern noch weniger zimperlich um als mit deinen.
Loki schluckte, widersprach aber nicht. Wenn sie es wohlwollend betrachtete, hatte Odin bei Nari nur nicht eingegriffen, anstatt die gesamten Ereignisse nach dem unseligen Festmahl bei Aegir zu inszenieren. Aber egal wie, seine Beweggründe für den Tod von Lokis jüngstem Sohn blieben im Dunkeln. Nari weilte wie Balder bei Hel und wachte mit ihr über sie alle.
»Odin hat sich vertan. Es kam kein Ende mit einem Neuanfang für uns, sondern eine Dämmerung. Der Christengott hat uns alle in Vergessenheit geraten lassen. Unsere Macht schwand, und schließlich haben die anderen sich nach Asgard zurückgezogen. Alle bis auf Sigyn. Sie sagt, sie schlafen. Vorher hat Odin die Grenzen zwischen den Welten mit Runensteinen versiegelt. Damit die Jöten und die Toten nicht übermütig werden, wenn die Asen nicht mehr über Midgard wachen.«
Ausgerechnet die Asen bekommen nichts mehr mit. Geschieht diesen Wichtigtuern recht, meinte Jör.
Loki wackelte mit dem Kopf. »Stimmt.« Das moderne Berliner Leben war es wert, nicht verschlafen zu werden.
Moment. Eis. Klimaerwärmung. In ihrem Bauch formte sich ein Klumpen aus schlechten Ahnungen. »Die Runensteine lagern im Eis. Und sie tauen auf, wenn es so weitergeht.«
Váli fiepte.
Jör züngelte. Ah. Das klingt so, als würden Hel bald die Draugar entkommen. Oder als würden demnächst böswillige Riesen oder gleich die Muspilli über uns herfallen.
Was für eine Auswahl. Wer wollte schon von Wiedergängern überrannt oder von Naturkatastrophen gebeutelt werden? Sollten die Muspilli entkommen, würde der Weltenbrand hereinbrechen, und zwar wörtlich. Sofern der Klimawandel den nicht herbeiführte.
Loki umklammerte das Telefon. »Ich muss eure Stiefmutter anrufen.«
Sie wohnt nicht hier? Jör hob das, was bei einem Menschen die Brauen gewesen wären. Ich dachte, bei den ganzen Röcken auf dem Boden … das sind alles deine? Dann war Vális Zeugung kein Ausrutscher?
Es lohnte nicht, auf die Stichelei einzugehen. »Es heißt pansexuell und genderfluid«, erklärte Loki.
Dass ihre besondere Form, ergi zu sein, mittlerweile Namen hatte, die nicht der Beleidigung dienten, ließ das Kind wenigstens kurzfristig verstummen. Jör züngelte und starrte aus dem Fenster.
Erst ein paar Minuten später, als Loki sich durch ein Gewirr von Suchergebnissen im Internet klickte, hatte Jör sich erholt.
Bist du nicht mächtig genug, die Siegel selbst zu stärken?
Loki trommelte einen Rhythmus auf die Tischplatte. »Nicht von hier aus. Die anderen haben mich an diesen Körper gebunden.« Wie zur Erinnerung juckte die Fessel an ihrem Handgelenk. »Wir müssten die Runensteine suchen und hinfahren.«
Theoretisch könnte Jör Loki und Váli bis zum Polarkreis oder gar Tromsö auf seinem Rücken durch das Nordmeer tragen. Praktisch war das verflucht kalt, nass und unbequem.
Flugzeuge kamen nicht infrage, weil Váli die Transportboxen hasste. Züge oder ein Boot der Hurtigruten-Postschifflinie wären geringfügig besser. Aber es strengte an, allein die nötige Ausstattung für eine Gottheit, einen Wolf und Jör über diese große Strecke mit den Öffentlichen zu transportieren. Bei einem Großteil der Mitreisenden würde es sich zudem um Touristen handeln, die auf erzogenen Hunden genauso bestanden wie darauf, alles zu fotografieren. Wahrscheinlich bräuchten sie auch ein Zelt für den letzten Abschnitt der Strecke.
Dann nehmen wir uns eben eins von diesen Autos, schlug Jör vor, als hätte er Lokis Gedanken gehört.
Váli legte sich eine Pfote über die Augen und tat damit seine Meinung kund. Die eine Fahrt anno 1912 hatte ihm vollauf gereicht. Seitdem weigerte er sich, in ein Auto zu klettern, das Loki zu fahren gedachte.
Ich verstehe, sagte Jör, nachdem er seinen jüngeren Bruder eine Zeitlang betrachtet hatte. Vor allem müsste ich mich darauf verlassen, dass du alles Notwendige einpackst. Keine so gute Idee.
Der Kommentar versetzte Loki einen Stich ins Herz, obwohl sie ihre Schwächen selbst gut genug kannte.
Sigyns aktuelle Telefonnummer zu ermitteln, dauerte. Zu Codes, die sonst nur Hacker erreichten, drang Loki als Gottheit der Übergänge und Grenzübertretungen üblicherweise ohne Hilfsmittel vor. Außerdem halfen geschickt eingesetzte Runenzauber ihr, schneller zu suchen. Aber Sigyn war nicht dumm und wendete genau dieselben Tricks an, mit denen Loki sich seit Anbruch des Siliziumzeitalters vor den Behörden und mitteilungsfreudigen Social-Media-Junkies verbarg. Bei fremden Facebook- oder Instagramprofilen einzubrechen und Bilder von sich oder dem »voll riesigen Wolfshund« Váli zu löschen, gehörte zu ihrem Alltag. Denn irgendwann fiel den Leuten auf, wenn jemand nicht alterte. Das Schwule Museum besaß Fotos von Loki, die 1977 im frisch eröffneten SchwuZ entstanden waren.
Mittlerweile, so teilte ihr schließlich ein begeistertes Posting in einem US-amerikanischen Forum für Esoterik und Heidentum mit, war Sigyn von Norwegen in die USA umgesiedelt und unterrichtete betuchte Asentreue in Runenkunde. Vermutlich hoffte sie immer noch, dass ihre Sippe von Gottheiten zu altem Ruhm und Macht zurückfand. Dass ihr selbstgewähltes Exil so lange währen würde, hatte sie nicht vorhergesehen, und irgendwann hatte die Nostalgie gesiegt.
Bis der Anruf nach Michigan durchging, dauerte es. Loki tigerte so lange neben dem Bett auf und ab.
»House of Wynn, Sigrid Snorradottir speaking.”
Die Stimme mit dem skandinavischen Akzent traf Loki wie ein Schlag vor die Brust. Wie sehr hatte sie diese sanften Töne vermisst. »Hei, hei«, hauchte sie.
»Du«, fauchte Sigyn. »Was willst du?«
Jetzt wusste Loki wieder, warum sie lieber nicht mit Sigyn sprach. Zu viel Sehnsucht, zu viel böses Blut. »Ich hoffe, dir geht’s auch gut. Jörmungand ist aufgewacht. Er wohnt fürs erste bei mir.«
»Und? Glaubst du, ich nehme deine Missgeburt bei mir auf, nur weil ich ein Haus am See habe?« Im Hintergrund krächzte ein Rabe, als wollte er die Beleidigung bestätigen. Sigyn hatte sich wohl ein neues Haustier angeschafft und verdorben.
Loki atmete einmal tief durch. »Darum geht es nicht. Jör war im Eis eingeschlossen. Du weißt schon, dieser große Eisberg, der in der Antarktis abgebrochen ist?«
»Aha. Und weiter?«
»Wenn das Schelfeis auftaut, dann kann es mit Odins Runensteinen oben in Lappland auch nicht mehr weit hin sein. Die liegen doch im Permafrost?«
Eine Weile herrschte Stille am anderen Ende der Leitung.
»Sigyn?«
»Hm?«
»Hast du keine Meinung dazu?«
»Loki«, sagte sie wie zu einem Kleinkind. Der Rabe krächzte herablassend im Hintergrund.
Loki wollte dem Biest aus Prinzip den Hals umdrehen. »Ich bin noch dran, danke der Nachfrage.«
»Wieso glaubst du, dass du mir gerade Neuigkeiten verkündet hast?«
»Äh.« Kurz blieb Loki der Mund offenstehen. »Du weißt das?«
Sigyn seufzte. »Jeder, der ab und an Nachrichten liest und nicht in den Tag hineinlebt, weiß, dass der Permafrostboden auftaut. Bei den Nornen, Loki. Du hast dich kein bisschen verändert.«
Bevor sie mit ihrem üblichen Monolog über Verantwortungsbewusstsein und Ichbezogenheit anfangen konnte, straffte Loki die Schultern. »Aber wenn die Runensteine auftauen, dann könnte es sein, dass die Welt von den Muspellsöhnen oder Draugar überrannt wird.«
»Die popkulturell bekannte Wahl zwischen der nuklearen und der Zombieapokalypse. Sobald jemand die Steine findet und die Siegel aus Runen stört, ja.«
Diese Art von Sarkasmus bei Sigyn war neu. »Aber dann müssen wir dorthin reisen und die Steine besser verbergen.«
»Nein.«
Der Rabe krächzte.
Loki betrachtete das Run-DMC-Konzertposter an der Wand, von dem seit Monaten die oberste Ecke herunterhing. »Wie, nein?«
»Das ist das Schicksal der Welt. Entweder die Menschen wachen auf und wenden sich rechtzeitig denen zu, die ihr Überleben zwischen Eis und Feuer garantieren, oder sie werden untergehen.«
»Und wir mit ihnen.«
»Das versteht sich von selbst.«
»Und das juckt dich nicht?«
»Wieso juckt es dich? Ich mag nicht mehr.« Sigyn klang mit einem Mal unendlich müde. Trotz aller Unstimmigkeiten verspürte Loki den Drang, ihre Hand durch die Leitung zu strecken und Sigyns Gesicht zu streicheln. »Die anderen schlafen und würden nicht einmal merken, wenn der Urriese auf ihnen herumtanzen würde. Im Grunde haben sie es nicht verdient, dass ich den Menschen von ihnen erzähle.«
Dass Loki ihre heidnische Missionsarbeit zweimal nicht verdiente, musste sie nicht erwähnen. Loki hatte den Tod ihres gemeinsamen Sohnes mit zu verantworten und in den letzten Jahrhunderten nichts gefunden, womit sich Wiedergutmachung leisten ließe. Erneut zwickte die Fessel, als würde sich das Kind, dessen Blut dafür geflossen war, im Grab umdrehen.
Bevor Loki ein weiterer Einwand oder auch nur ein Wort des Trostes einfiel, ertönte ein elektronisches Piepen.
Sigyn hatte aufgelegt.
Irgendwann war sie in die Küche gewandert und auf einen der Stühle gesunken.
Für eine Utiseta musst du raus an die frische Luft, meinte Jör gegen Nachmittag.
Váli zupfte sie am Hosenbein.
Sie sollten für die zweite Runde nach draußen gehen. Váli war zwar äußerst reinlich und wusste sogar das Klo zu benutzen, aber er war ein verfluchter Jungmanne in Wolfsgestalt. Wenn er nicht genug Bewegung bekam, würde die Einrichtung dran glauben. Loki hatte zu oft zernagte Bücher entsorgen müssen, um das zu vergessen.
»Ich wüsste nicht, was eine Utiseta hier nützen sollte.« Wozu sich nachts nach draußen setzen und Visionen suchen, wenn nicht mal Sigyn genug Wut übrighatte, um weiterleben zu wollen? Das Gewicht der vor Loki liegenden Aufgabe verdammte sie fast zur Bewegungslosigkeit.
Dennoch stand sie auf. Schuhe an, Parka an, das Runenhalsband diesmal. Váli zwickte sie noch einmal, um sie an die Schlüssel zu erinnern.
Draußen regnete es mittlerweile in Strömen. Einen Moment lang war Loki versucht, Thor dafür den Mittelfinger zu zeigen, doch der übte seinen Einfluss auf das Wetter wohl unbewusst aus. Die Metaphysik schlafender Gottheiten hatte selbst Sigyn ihr nicht erklären können.
Du hast doch nicht schon aufgegeben?, fragte Jör, als sie den Treptower Park erreichten. Außer ihnen war nur ein Jogger unterwegs. Wo sind deine sagenhaften Tricks hin?
Loki zuckte mit den Achseln. Vielleicht ist es doch halb so wild. Und so sehr drängt die Zeit auch nicht. Ich könnte Sigyn dabei unterstützen, die Menschen zu einem naturnäheren Glauben zu führen … Würde das für Sigyn als Wiedergutmachung zählen?
Der Jogger überholte sie. Sein hautenges Leibchen und die Hose klebten ihm am Körper und ließen kaum Fragen offen. Heiß. Aber ein andermal. Bei all ihren amourösen Abenteuern vermisste Loki gelegentlich jemanden, der sie kannte und wusste, warum sie umarmt werden wollte. Jemanden wie Sigyn.
Jör pustete ihr seinen Drachenatem ins Ohr und riss sie aus ihren Betrachtungen. Da. Da haben wir’s. Selbst Hasen haben eine längere Aufmerksamkeitsspanne und weniger Bettgeschichten im Sinn. Dich will ich bei der Umsetzung eines langfristigen Plans sehen. Wetten, dass du ihn beim nächsten hübschen Hintern vergisst, der an dir vorbeiwackelt?
»Also bitte.« So notgeil war Loki nun auch nicht. Obwohl besagter Hintern einiges fürs Auge bot.
Statt weiter zu sticheln, zwickte Jör sie in den Nacken. So schnell hatte er sich Vális schlechte Angewohnheit abgeschaut?
Muss ich dir wie Geirröd und Thjasi mit dem Tod drohen, damit du deinen Arsch hochkriegst? Vergiss meine Stiefmutter und such eine andere Lösung.
Loki schielte auf Vális hängenden Schwanz und in das verkniffene Gesicht ihres drittältesten Sohns. Recht hatten sie: Es musste ohne Sigyn gehen. Sie könnte sich dennoch zieren. Wenn Jör als Sühne einforderte, dass sie die Welt rettete, hätte sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Andererseits wollte Loki nicht knausern. Nicht gegenüber dem eigenen Fleisch und Blut, wenn man das bei Gottheiten so nennen konnte. Sie war schließlich nicht Odin.
Mir fällt schon was ein. Heute Nacht bringe ich die Ochsenhaut her und bitte die Nornen um Ratschläge.
Váli wedelte mit dem Schwanz.
So was besitzt du? Nicht nur dieses ganze weibische Glitzerzeugs?
Loki sah zum Himmel, aber natürlich fiel statt Geduld ein besonders dicker Regentropfen herab und traf genau ihr Auge.
Daheim fand sie auf ihrem Handy zwei Nachrichten von Nuray, die sie aufforderte, das »Scheißding von Lederjacke« aus ihrem Club zu holen.
Selbstverständlich hätte die Dschinn das Teil einfach per Teleport in Lokis Wohnung abladen können, aber nach dem zweiten Mal hatte sie beschlossen, dass sie nicht Lokis Hausmädchen war und ihre Energie lieber für anderes verwendete.
Nach dem Abendessen und einem Nickerchen stieg Loki also in die Bahn, die sie zu Nurays Club brachte, und holte die Jacke. Wieder daheim, musste sie tatsächlich eine Menge Glitzerzeug beiseite räumen, um das Stück Ochsenhaut aus den Untiefen des Schranks zu befreien. Das Leder und Jör auf den Schultern, Váli ohne Runenhalsband bei Fuß, ging sie zum Park und suchte sich eine geschützte Stelle am Wasser. Die Grenzflüsse unter Yggdrasill konnte sie wegen der Fessel nicht überqueren. Somit bestand keine Chance, den Bewohnern Utgards oder Helheims in einem persönlichen Gespräch Informationen abzuringen. Aber die Nähe der Spree würde die Visionssuche begünstigen.
Mit ihrer altgedienten Obsidianklinge stach sie sich in den Finger und schrieb Runen aus Blut auf die Ochsenhaut. Damit die Schicksalsschwestern begriffen, dass es eilte, endete der Spruch mit drei Not-Runen.
Dann setzte sie sich bequem hin, warf sich die Haut um die Schultern und wartete auf umsetzbare Ideen.
Im Nebel saß ihre jüngere Schwester auf einem Schwan, der über einen Fluss aus schwarzem Wasser glitt.
Das Bimmeln ihres Handys riss Jasna aus dem Traum.
Sie blinzelte, bis der Dunst zerfaserte. Vor ihr flackerte nun der Bildschirm ihres Laptops – das ewig sich wiederholende Intro für eine DVD. War sie auf der Couch eingeschlafen?
Geschah der Serie recht, die war historisch frei ausgelegter Unfug.
Jasna fischte ihr Handy vom Couchtisch: Selma. Genau die, von der sie geträumt hatte. Genau die, die ihr diese DVDs ausgeliehen hatte. Um diese Uhrzeit zu stören, sah ihrer kleinen Schwester allerdings gar nicht ähnlich. Und dazu der Schwan. Das Wasser aus dem Traum tröpfelte eiskalt Jasnas Rücken hinunter. Hatten die Nornen sie Unheil sehen lassen oder lag das nur an diesem doofen Kuchen? War irgendwas mit den Eltern? Ihr Herzschlag beschleunigte.
»Ja?«
»Jasna?« Die Verbindung knackte, im Hintergrund rauschte es.
»Fährst du?« Telefonieren am Steuer, um ein Uhr zwanzig nachts? Der Nebel aus dem Traum drängte sich in die Realität. Unbehagen zupfte an den feinen Haaren an Jasnas Armen, bis diese sich völlig aufgerichtet hatten. Thor mochte Fahrerin und Wagen beschützen. »Was ist denn los?«
»Kann ich ’n paar Tage bei dir penn’n?«
Oh-oh. Das klang aber arg verwaschen. War Selma etwa angetrunken? Und fuhr? Wo steckte Micha, der sonst pflichtschuldigst nüchtern blieb? Jasna krallte ihre freie Hand in ein Kissen und wünschte sich, es wäre Selmas Lenkrad. »Klar, du kannst auf meiner Couch schlafen.« Einmal tief Luft holen und die Panik wegdrücken, genauso wie den Nebel aus dem Traum. »Pass auf. Du hältst bei der nächsten Gelegenheit an. Und dann sammle ich dich ein. Ja?«
Ein, zwei Atemzüge Stille. »Micha hat was mit ’ner ander’n, weißtu?«
Mist, verfluchter. Damit hatte sich die Märchenhochzeit wohl erledigt. Logisch, dass Selma am Boden zerstört war.
»Schatz. Erzähl’s mir nachher, ja? Aber bitte halt bei der nächsten Gelegenheit an.«
»Okay, okay. Ich sollt echt nich mehr fahr’n.« Gefummel, ein Fluch, Klopfen von Fingern, die das Mikrofon mit erwischten. »Bin eh am Wann’erparkplatz vorbei. Ich schalt dich auf Lautspre‒ «
Ein dumpfer Schlag unterbrach sie. Jasna hörte die Bremse quietschen. Wie damals bei Jasnas Auffahrunfall. Und als hätte sie selbst einen Gurt um, drückte etwas auf ihr Herz.
Selma fluchte. Noch ein Einschlag.
Die Verbindung brach ab.
Ein, zwei Augenblicke lang konnte Jasna nur der Stille in der Leitung lauschen. Ihr Kopf schien lose an ihrem Körper verankert, schwebte irgendwo. Sie hatte nicht gehört, wie ihre Schwester betrunken gegen irgendetwas fuhr.
Jasna schluckte. Nachher konnte sie zusammenbrechen.
»Ihr kriegt sie noch nicht«, teilte sie Hel und Odin mit. Mit steifen Fingern griff sie nach ihrem Handy und wählte den Notruf.
Die Dame am anderen Ende meldete sich mit ruhiger Stimme. »Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Ich glaube, meine Schwester hatte grade einen Unfall.« Jasna sprach viel zu leise, oder? Sie räusperte sich. »Mit dem Auto. Einen Auffahrunfall, nehme ich an. Sie hat mich angerufen, war ein bisschen betrunken.«
»Wissen Sie, wo Ihre Schwester unterwegs ist?«
Wo? Hatte Selma was gesagt? »Am Wanderparkplatz …«, Jasna schnippte mit den Fingern, wie hieß der noch gleich, »Obere Schindersklamm.« Eine kurvenreiche Strecke. Warum war Selma nicht zu den Eltern gefahren? Einmal ins nächste Dorf an der Bundesstraße statt zwanzig Minuten im Regen durch den Wald zu Jasnas Häuschen?
»… erreichen?«, drang die Stimme der Dame durch Jasnas Gedanken.
»Entschuldigung?«
»Ich schicke eine Polizeistreife und einen Rettungswagen zur Unfallstelle.« Wenn die Dame ungeduldig wegen der Wiederholung wurde, merkte Jasna ihr das nicht an. »Auch die Feuerwehr werde ich informieren. Für den Fall, dass Öl ausläuft.«
Jasna brummte. Alle nötigen Stellen würden gerufen. Das klang beinahe beruhigend. Ihre Finger tippten trotzdem einen flatternden Rhythmus auf die Sofalehne.
»Wir haben eventuell noch Fragen. Verraten Sie mir Ihren Namen und wie wir Sie erreichen können?«
Mechanisch ratterte Jasna die Daten herunter.
»Ich melde mich, sobald ich Genaueres weiß«, sagte die Dame. »Wir kümmern uns jetzt um Ihre Schwester.«
»Danke«, krächzte Jasna ins Telefon.
Andere hielt es vielleicht daheim nach so einem Versprechen. Aber hier im Zimmer zu sitzen, bis die Leitstelle von sich hören ließ, konnte Jasna nicht.
