Lord Stonevilles Geheimnis - Sabrina Jeffries - E-Book

Lord Stonevilles Geheimnis E-Book

Sabrina Jeffries

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Beschreibung

Der Marquess von Stoneville, Oliver Sharpe, wird von einem tragischen Ereignis aus seiner Vergangenheit verfolgt: Er gibt sich die Schuld am Tod seiner Eltern. Sein haltloser Lebensstil sorgt in der vornehmen Gesellschaft für Skandale. Bis seine Großmutter ihn eines Tages vor die Wahl stellt: Entweder Oliver sucht sich eine Frau und heiratet sie, oder er verliert sein Erbe. Kurz darauf begegnet Oliver der Amerikanerin Maria und heckt mit ihr einen Plan aus. Maria soll sich als seine Verlobte ausgeben. Doch Oliver hätte niemals vermutet, dass er sich in die hübsche Maria tatsächlich verlieben könnte ...

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SABRINAJEFFRIES

LORD STONEVILLES GEHEIMNIS

Ins Deutsche übertragen von Antje Görnig

Für Jean Devlin. Danke für alles, was du tust!

Und für die Leserinnen, die sich in Lord Stoneville verliebt haben – das ist euer Buch!

Geneigte Leserin, geneigter Leser,

mein Name ist Hester Plumtree, aber die meisten nennen mich Hetty. Ich leite die familieneigene Brauerei, seit mein Ehemann verstorben ist, und es gibt Leute, die mir deshalb argen Kummer bereiten, aber ich sage immer: Wenn man Zeit hat, das Leben anderer zu kritisieren, hat man einfach nicht genug zu tun.

Ich selbst bin natürlich davon ausgenommen, wenn es um meine Enkelkinder geht. Ich habe das Recht, ihnen zu sagen, was sie zu tun haben, nicht wahr? Schließlich habe ich sie im Wesentlichen großgezogen, nachdem ihre Eltern, der Marquess und meine Tochter, durch ein tragisches Unglück ums Leben kamen. Mehr sage ich nicht dazu, denn die Leute klatschen ohnehin schon genug darüber.

Um die Wahrheit zu sagen, wünsche ich mir sehnlichst ein paar Urenkel. Das ist wohl nicht zu viel verlangt. Doch meine starrköpfigen Enkel bereiten mir nichts als Sorgen. Nehmen wir zum Beispiel Oliver. Ich habe ja Verständnis dafür, dass sich ein junger Dandy mit der einen oder anderen Tänzerin in der Stadt vergnügt, um sich die Hörner abzustoßen, aber Oliver hat eine Wissenschaft daraus gemacht! Ständig betrinkt er sich und hurt herum, und so gut wie jedes Schmierblatt hat schon über ihn geschrieben – häufig in Verbindung mit einem unerhörten Vorfall, bei dem ein halb nacktes Weib und ein Fass geschmuggelter Brandy eine Rolle spielten. Ich mache seinen Vater dafür verantwortlich, dessen zügelloses Verhalten Oliver nach dem Tod seiner Eltern übernommen hat.

Von den vier anderen fange ich am besten gar nicht erst an: Jarret mit seinem Hang zum Glücksspiel, Minerva mit ihren obszönen Schauerromanen, Gabriel mit seinen Rennen und Celia, die mit jeder Pistole schießt, die sie in die Finger bekommt. Die feine Gesellschaft nennt meine fünf nicht ohne Grund die Höllenbrut von Halstead Hall. Aber verstehen Sie mich nicht falsch – es sind gute Enkelkinder. Sie erkundigen sich nach meinem Wohlbefinden, begleiten mich zu gesellschaftlichen Anlässen und achten darauf, dass ich nicht zu viel arbeite. Aber sie weigern sich standhaft, ihre skandalösen Gewohnheiten abzulegen, und jetzt reicht es mir!

Ich habe einen Weg ersonnen, wie ich sie dazu zwingen kann, sich häuslich niederzulassen und sich wie die Erben zu benehmen, die ich verdient habe. Es wird ihnen nicht gefallen, aber harte Zeiten erfordern nun einmal harte Maßnahmen. So wahr Gott mein Zeuge ist, ich werde Urenkel bekommen – und zwar schon bald!

Ihre sehr ergebene

Hetty Plumtree

Vorwort

Ealing, England

1806

Oliver Sharpe, dem sechzehnjährigen Erben des Marquess von Stoneville, schlug das Herz bis zum Hals, als er die Stallungen von Halstead Hall verließ. Seine Mutter war so zornig davongeritten, wie er sie selten erlebt hatte. Meistens zeigte sie sich nur traurig und bekümmert – es sei denn, etwas wirklich Ungeheuerliches brachte sie aus der Fassung.

Eine überaus schändliche Tat ihres Sohnes beispielsweise.

Er verging vor Scham.

»Du bist eine Schande für diese Familie!«, hatte sie angewidert geschrien. »Du benimmst dich genau wie dein Vater. Und ich werde verdammt noch mal nicht zulassen, dass er aus dir einen so schlechten, selbstsüchtigen Menschen macht, wie er selbst einer ist und dem nur das eigene Vergnügen etwas bedeutet!«

Oliver hatte seine Mutter noch nie fluchen gehört, und dass er sie dazu getrieben hatte, erschütterte ihn. Hatte sie vielleicht recht? War er tatsächlich im Begriff, genau wie sein rücksichtsloser, verkommener Vater zu werden? Schon der Gedanke brachte seinen Magen in Aufruhr.

Am schlimmsten war allerdings, dass sie nun losgeritten war, um den Vater für die Sünden seines Sohnes verantwortlich zu machen, und er konnte nichts dagegen tun, weil sie ihm befohlen hatte, ihr aus den Augen zu bleiben.

Aber irgendjemand musste ihr nachreiten. Oliver hatte sie bisher nur einmal so wütend gesehen: als er sieben Jahre alt gewesen war und sie herausgefunden hatte, dass sein Vater ihr untreu war. Damals hatte sie die Sammlung erotischer Bücher seines Vaters auf dem Hof verbrannt.

Gott allein wusste, welchen Schaden sie nun anrichten würde, da sie glaubte, dass ihr Sohn in die Fußstapfen seines Vaters trat. Zumal das Haus wegen der Wochenendgesellschaft voller Gäste war.

Als Oliver zur Vorderseite des Gutshauses ging, das der Familie als Landsitz diente, sah er eine ihm wohlbekannte Kutsche die Auffahrt heraufkommen, und sein Herz schlug höher. Großmutter! Gott sei Dank war sie endlich eingetroffen; auf ihre eigene Mutter hörte Mutter vielleicht.

Oliver erreichte die Auffahrt genau in dem Moment, als die Kutsche anhielt. Er eilte rasch darauf zu und öffnete seiner Großmutter die Tür.

»Sieh mal einer an! Was für eine angenehme Überraschung!«, sagte sie mit einem liebevollen Lächeln, als sie ausstieg. »Freut mich zu sehen, dass dir deine Manieren nicht abhandengekommen sind, wie es bei anderen Schlingeln in deinem Alter der Fall ist.«

Normalerweise hätte er etwas Amüsantes erwidert und sich im Spaß ein wenig mit seiner Großmutter gekabbelt, aber an diesem Tag, mit der Angst im Nacken, war ihm nicht danach.

Er bot ihr den Arm, um sie zum Haus zu geleiten. »Mutter ist wütend auf Vater«, raunte er ihr leise zu. Die Bediensteten durften es nicht hören. Die halbe Welt klatschte bereits über die Seitensprünge seines Vaters, da musste er nicht noch Öl ins Feuer gießen.

»Das ist doch nichts Neues, oder?«, entgegnete seine Großmutter trocken.

»Diesmal ist es anders. Sie hatte einen regelrechten Tobsuchtsanfall. Wir haben uns gestritten, und dann ist sie allein zur Jagdhütte geritten.«

»Wahrscheinlich sucht sie ihn.«

»Das befürchte ich. Du weißt doch, wie gern er sie provoziert. Wenn sie ihn in der Hütte findet, ist sie zu allem fähig.«

»Gut.« Seine Großmutter schenkte ihm ein schelmisches Lächeln. »Vielleicht legt sie diese unselige Hütte ja in Schutt und Asche. Dann kann Lewis sich dort wenigstens nicht mehr mit seinen kleinen Flittchen treffen!«

»Verdammt, Großmutter, es ist mein Ernst!« Angesichts seiner Ausdrucksweise zog sie eine Augenbraue hoch, und er verkniff sich einen weiteren Fluch. »Verzeih mir, aber es ist wirklich anders als sonst. Du musst ihr folgen, mit ihr reden und sie beruhigen. Es ist wichtig! Auf mich hört sie doch nicht!«

Seine Großmutter kniff die Augen zusammen. »Kann es sein, dass du mir etwas verschweigst?«

Er errötete. »Nein, natürlich nicht.«

»Lüg deine Großmutter nicht an! Worüber hast du dich mit deiner Mutter gestritten?«

Er konnte es ihr unmöglich sagen. Er zuckte jedes Mal zusammen, wenn er daran dachte. »Spielt keine Rolle. Glaub mir einfach, wenn ich sage, dass sie dich braucht.«

Seine Großmutter schnaubte. »Deine Mutter hat mich nicht mehr gebraucht, seit ich sie zur Welt gebracht habe!«

»Aber Großmutter …«

»Hör zu, Oliver«, sagte sie und tätschelte seine Hand, als wäre er ein kleines Kind. »Ich weiß, wie nah du deiner Mutter stehst und dass es dich bestürzt, sie so wütend zu sehen. Aber wenn du sie ein Weilchen in Ruhe lässt, damit sie sich abregen kann, kommt alles wieder in Ordnung, das verspreche ich dir.«

»Nein, du musst …«

»Genug davon!«, herrschte sie ihn ungeduldig an. »Ich habe eine lange, anstrengende Reise hinter mir und bin müde. Was ich jetzt brauche, ist ein heißer Tee und ein kleines Nickerchen. Ich habe nicht die geringste Lust, mich in die Streitereien deiner Eltern einzumischen.« Als er sie voller Verzweiflung ansah, lenkte sie ein. »Na gut, wenn sie bei Einbruch der Dunkelheit noch nicht zurück ist, suche ich sie, das verspreche ich dir. Aber du wirst sehen: Bis dahin ist sie längst wieder da. Sie wird sich vielmals entschuldigen, und damit ist die Sache vergessen.«

Aber seine Mutter kehrte nie wieder heim. Noch am selben Abend erschoss sie in der Jagdhütte zuerst ihren Mann und dann sich selbst.

Und Olivers Leben war nicht mehr das Gleiche.

1

Ealing

1825

Oliver stand in der Bibliothek von Halstead Hall am Fenster und starrte hinaus. Der triste Wintertag drückte nur noch mehr auf seine Stimmung, während er sich bemühte, seine schmerzlichen Erinnerungen wieder in der eisernen Truhe zu verstauen, in der er sie seit jeher verwahrte. Doch auf dem Land war dies viel schwieriger als in der Stadt, wo er sich mit Wein und Weibern ablenken konnte.

Nicht dass die Zerstreuung lange währte. Der Skandal lag zwar schon neunzehn Jahre zurück, aber die alten Gerüchte verfolgten ihn immer noch, wohin er auch ging.

Seine Großmutter hatte den Gästen an jenem Abend gesagt, ihre Tochter sei zur Jagdhütte geritten, um ein Weilchen für sich zu sein, und sei dort eingeschlafen. Als sie von Geräuschen geweckt wurde, sei sie in Panik geraten und habe den Mann erschossen, den sie für einen Einbrecher hielt, nur um kurz darauf festzustellen, dass es sich um ihren Ehemann handelte. In ihrem Schockzustand habe sie dann die Pistole gegen sich gerichtet.

Es war eine allenfalls dürftige Geschichte zur Vertuschung eines Mordes und eines Selbstmordes, und das Gerede hatte nie ganz aufgehört, denn die Gäste hatten seinerzeit allerhand Spekulationen über die Wahrheit angestellt. Die Großmutter hatte Oliver und seinen Geschwistern untersagt, mit irgendjemandem darüber zu sprechen – auch nicht miteinander.

Nur so könne man den Gerüchten den Garaus machen, hatte sie gesagt, aber Oliver hatte sich oft gefragt, ob ihr Verbot vielleicht daher rührte, dass sie ihn für das verantwortlich machte, was geschehen war. Warum hatte sie ihre Meinung wohl sonst in den letzten Monaten geändert und ihn immer wieder zu dem Streit zwischen ihm und seiner Mutter an jenem Abend befragt? Er hatte ihr natürlich nicht geantwortet. Schon bei dem Gedanken, ihr davon zu erzählen, drehte sich ihm der Magen um.

Er wendete sich ruckartig vom Fenster ab und ging neben dem Tisch auf und ab, an dem seine Geschwister saßen und auf die Großmutter warteten. Genau aus diesem Grund hielt er sich von Halstead Hall fern: Es versetzte ihn immer in eine melancholische Stimmung.

Warum in Gottes Namen hatte seine Großmutter darum gebeten, dass ihre verdammte Familienversammlung auf dem Land stattfand? Das Haus war seit Jahren unbewohnt. Es stank nach Schimmel und Moder, und obendrein war es eiskalt in diesem Bau. Der einzige Raum ohne schützende weiße Laken auf den Möbeln war das Arbeitszimmer, in dem sein Verwalter die Bücher führte. In der Bibliothek hatten sie die Laken eigens wegen dieser Versammlung entfernen müssen, die Großmutter sehr wohl in ihrem Haus in der Stadt hätte abhalten können.

Normalerweise hätte er ihr die Bitte um ein Treffen auf seinem verwahrlosten Anwesen abgeschlagen. Doch seit dem Unfall seines Bruders Gabriel drei Tage zuvor bewegten er und seine Geschwister sich auf dünnem Eis, was die Großmutter anging. Ihr ungewöhnliches Schweigen über den Vorfall war ein deutliches Zeichen: Es war etwas im Busch. Und Oliver hatte den Verdacht, dass es nichts Erfreuliches für ihn und seine Geschwister war.

»Wie geht es deiner Schulter?«, fragte Minerva Gabe.

»Wie soll es ihr schon gehen?«, knurrte Gabe. Er trug eine Armschlinge über seinem zerknitterten schwarzen Reitmantel, und sein aschbraunes Haar war wie immer zerzaust. »Tut höllisch weh!«

»Was fährst du mich so an? Ich bin nicht diejenige, die sich beinahe umgebracht hätte.«

Die achtundzwanzigjährige Minerva war das mittlere der fünf Geschwister: vier Jahre jünger als Jarret, der Zweitälteste, zwei Jahre älter als Gabe und vier Jahre älter als Nesthäkchen Celia. Aber als das älteste Mädchen unter ihnen neigte sie dazu, die anderen zu bemuttern.

Sie sah sogar wie ihre Mutter aus – eine Haut wie Samt und Seide, golden durchwirktes braunes Haar und efeugrüne Augen wie Gabe. Die beiden hatten so gut wie keine Ähnlichkeit mit Oliver, der das Aussehen ihres halb italienischen Vaters geerbt hatte: dunkle Augen, dunkles Haar, dunkle Haut. Und ein ebenso dunkles Herz.

»Es war dein Glück, dass Lieutenant Chetwin gerade noch rechtzeitig einen Rückzieher gemacht hat«, sagte Celia zu Gabe. Sie war eine etwas hellere Ausgabe von Oliver, so als hätte jemand dem dunklen Teint einen Klecks Sahne beigemischt, und ihre Augen waren haselnussbraun. »Er soll angeblich mehr Mut als Verstand besitzen.«

»Dann sind er und Gabe ja ein gutes Gespann«, brummte Oliver.

»Nun lass ihn doch endlich in Ruhe!«, herrschte Jarret ihn an. Er kam einer Mischung aus beiden Elternteilen am nächsten, denn er hatte schwarzes Haar, aber blaugrüne Augen, und Olivers italienische Züge fehlten ihm völlig. »Du hackst seit diesem blöden Kutschenrennen ständig auf ihm herum. Er war betrunken – ein Zustand, der dir bestens vertraut sein sollte.«

Oliver ging augenblicklich auf Jarret los. »Ja, aber du warst nicht betrunken, und trotzdem hast du zugelassen, dass …«

»Mach Jarret nicht dafür verantwortlich«, warf Gabe ein. »Chetwin hat mich herausgefordert. Ich hätte für alle Zeiten als Feigling dagestanden, wenn ich nicht mitgemacht hätte.«

»Besser ein Feigling als tot.« Oliver hatte kein Verständnis für solche Dummheiten. Nichts war es wert, sein Leben dafür aufs Spiel zu setzen – weder eine Frau noch die Ehre und ganz gewiss nicht ein guter Ruf. Aber davon hatte er seine schwachsinnigen Brüder leider noch nicht überzeugen können.

Gerade Gabe hätte es besser wissen müssen. Die Strecke, die er bei dem Rennen gefahren war, war die gefährlichste in ganz London. An einer Stelle flankierten nämlich zwei gewaltige Felsblöcke den Weg. Sie standen so dicht beieinander, dass nur eine Kutsche zwischen ihnen hindurchpasste, weshalb einer der Fahrer gezwungen war, sich im letzten Moment zurückfallen zu lassen, wenn er nicht mit seiner Kutsche an einem Felsblock zerschellen wollte. Doch es kam häufig vor, dass es jemandem nicht mehr rechtzeitig gelang, das Tempo zu verringern.

Für die Freunde dieses Sports war es das »Nadelöhr-Rennen«. Für Oliver war es blanker Wahnsinn. Chetwin hatte Gabe zwar Vorfahrt gewährt, aber trotzdem hatte Gabes Kutsche die Kante eines Felsblocks erwischt, wodurch ein Rad abbrach und von dem ganzen Gefährt schließlich nur ein Haufen aus zersplittertem Holz, zerrissenem Leder und verbogenem Metall übrig geblieben war. Gott sei Dank hatten die Pferde überlebt, und Gabe war zum Glück mit einem gebrochenen Schlüsselbein davongekommen.

»Wisst ihr, Chetwin hat nicht nur mich beleidigt.« Gabe schob das Kinn vor. »Er hat gesagt, ich würde nicht gegen ihn antreten, weil ich genauso feige wäre wie Mutter mit ihrer Schattenschießerei«, erklärte er und wurde immer zorniger. »Er hat sie die Mörderin von Halstead Hall genannt!«

Die altbekannte Verleumdung ließ sie alle erstarren, und Oliver biss die Zähne zusammen. »Sie ist schon seit Langem tot«, knurrte er. »Ihre Ehre brauchst du nicht mehr zu verteidigen.«

»Irgendjemand muss es doch tun«, entgegnete Gabe mit eisigem Blick. »Du machst es ja nicht.«

Verdammt richtig! Sie hatte schließlich das Undenkbare getan, und das konnte Oliver ihr nicht verzeihen. Ebenso wenig, wie er sich verzeihen konnte, dass er es nicht verhindert hatte.

Die Tür ging auf, und ihre Großmutter betrat gefolgt von Elias Bogg, dem Anwalt der Familie, die Bibliothek. Allen fünf Geschwistern stockte der Atem. Die Anwesenheit des Anwalts verhieß nichts Gutes.

Während Bogg Platz nahm, blieb die Großmutter am Kopf des Tisches stehen. Sie wirkte müde, und die Erschöpfung grub tiefe Falten in ihr ohnehin schon zerfurchtes Gesicht. Oliver plagten unversehens Schuldgefühle ganz neuer Art. Die Großmutter sah dieser Tage viel älter aus als einundsiebzig, so als habe die Last der Verantwortung ihre Schultern gebeugt und sie insgesamt schrumpfen lassen.

Er hatte versucht, sie zu überreden, als Direktorin der Brauerei zurückzutreten, die der Großvater gegründet hatte. Sie musste unbedingt einen Geschäftsführer einstellen, aber sie weigerte sich standhaft. Sie möge die Arbeit, sagte sie immer und pflegte zu fragen, was sie stattdessen tun solle. Etwa auf dem Land hocken und sticken? Und dann lachte sie jedes Mal angesichts der Vorstellung, als Bierbrauerwitwe mit dem Stickrahmen auf dem Schoß in einem Schaukelstuhl zu sitzen.

Und vielleicht hatte sie auch allen Grund zu lachen. Hester »Hetty« Plumtree war eine »Bürgerliche«, wie viele es nennen würden. Ihre Eltern hatten das Wirtshaus geführt, in der sie ihren Ehemann kennengelernt hatte, und sie hatten aus dem einstigen Brauhaus Plumtree ein Imperium gemacht, durch das sie es sich hatten leisten können, Olivers Mutter Prudence auf die besten Schulen zu schicken. Dieses Imperium hatte es Prudence zudem ermöglicht, sich einen verarmten Marquess als Ehemann zu angeln.

Die Großmutter war immer sehr stolz darauf gewesen, dass es ihrer Tochter gelungen war, die Familie mit einer der ältesten Seitenlinien des englischen Adels zu verbinden. Doch sie selbst vermochte den »Makel des Gewerbes«, der ihr anhaftete, nie ganz zu verbergen. Er kam hin und wieder zum Vorschein, wenn sie beispielsweise einen Schluck Bier zum Dinner trank oder über einen unanständigen Witz lachte.

Aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ihre Enkel wurden, was ihr selbst immer verwehrt geblieben war: echte Adelige. Sie verabscheute den Hang der jungen Leute, die Gesellschaft zu provozieren, in deren Augen sie allesamt die frevelhaften Sprösslinge eines skandalösen Paars waren. Nachdem sie sich unentwegt um den sozialen Aufstieg ihrer Familie bemüht hatte, war sie der Ansicht, sie hätte es verdient, dass sich die Früchte ihrer Arbeit gut verheirateten und ihr hübsche Urenkelchen schenkten, und es ärgerte sie, dass keines ihrer Enkelkinder Anstalten machte, ihren Wunsch zu erfüllen.

Sie hatte ein gewisses Recht, so zu empfinden, fand Oliver. Obwohl sie wegen der Brauerei in den Jugendjahren der Geschwister häufig abwesend gewesen war, hatte sie den Jüngeren von ihnen doch die Mutter ersetzt. Und deshalb liebten sie sie abgöttisch.

Er liebte sie auch – wenn er sich nicht gerade mit ihr um Geld stritt.

»Setz dich, Oliver!« Sie sah ihn scharf an. »Du machst mich mit deinem Auf-und-ab-gehen völlig nervös.«

Er blieb stehen, setzte sich aber nicht hin.

Die Großmutter runzelte die Stirn, dann straffte sie die Schultern. »Ich habe eine Entscheidung getroffen, was euch Kinder angeht«, sagte sie, als hingen sie noch am Gängelband. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und fuhr mit strenger Stimme fort: »Es ist höchste Zeit, dass ihr euch häuslich niederlasst. Ich gebe euch ein Jahr Zeit, in dem alles so bleiben kann, wie es ist. Dann werde ich euch den Geldhahn zudrehen, jedem Einzelnen von euch. Und ich werde euch obendrein aus meinem Testament streichen.« Ihre Enkel schnappten entsetzt nach Luft. »Es sei denn …« Sie machte eine effektvolle Pause.

»Was?«, fragte Oliver ungeduldig.

Sie wendete sich ihm zu. »Es sei denn, ich höre Hochzeitsglocken läuten.«

Damit hätte er rechnen müssen. Mit fünfunddreißig war er weit über das Alter hinaus, in dem die meisten Männer von Stand heirateten. Die Großmutter hatte schon oft beklagt, dass es immer noch keinen Titelerben gebe, aber welcher halbwegs vernunftbegabte Mensch legte schon Wert auf den Fortbestand dieser unseligen Linie? Seine Eltern hatten des Geldes wegen geheiratet – mit katastrophalen Folgen. Er hatte nicht vor, diesen Fehler zu wiederholen, wie sehr sich seine finanzielle Lage auch verschlechtern mochte.

Die Großmutter kannte seine Einstellung, und dass sie nun seine Geschwister benutzte, um ihn dazu zu zwingen, nach ihrer Pfeife zu tanzen, war für ihn ein schmerzlicher Verrat.

»Du drohst meinen Geschwistern damit, sie in die Armut zu treiben, nur um dafür zu sorgen, dass ich heirate?«, empörte er sich.

»Das hast du falsch verstanden«, entgegnete sie ruhig. »Ich habe nicht nur von dir gesprochen, sondern von euch allen.« Sie blickte in die Runde. »Ihr alle müsst innerhalb eines Jahres heiraten, sonst könnt ihr euer Erbe abschreiben! Außerdem werde ich meinen Mietvertrag für das Haus in der Stadt auslaufen lassen, in dem ich nur wohne, weil die Mädchen dort sind. Sie werden keine Mitgift bekommen, und ich werde nicht mehr für die Junggesellenwohnungen von Gabe und Jarret und die Unterbringung ihrer Pferde aufkommen. Wenn ihr fünf nicht heiratet, bekommt ihr keine finanzielle Unterstützung mehr von mir. Dann ist Oliver für euch verantwortlich, Oliver ganz allein.«

Oliver stöhnte. Das alte Gut, das er geerbt hatte, war weit davon entfernt, große Gewinne abzuwerfen.

Gabe sprang vom Tisch auf. »Das kannst du nicht tun, Großmutter! Wo sollen die Mädchen dann wohnen? Und wo sollen Jarret und ich wohnen?«

»Hier auf Halstead Hall, schätze ich«, entgegnete sie ohne Anzeichen eines schlechten Gewissens.

Oliver sah sie mürrisch an. »Du weißt sehr gut, dass das unmöglich ist. Ich müsste das Haus erst einmal bewohnbar machen.«

»Gott bewahre!«, warf Jarret sarkastisch ein. »Abgesehen davon kann er seinen Lebensunterhalt immer noch mit den Erträgen des Guts bestreiten. Auch wenn der Rest von uns tut, was du verlangst, muss er sich dir nicht unbedingt fügen, und wenn er sich weigert zu heiraten, sind wir diejenigen, die dafür bestraft werden.«

»So lauten meine Bedingungen«, entgegnete sie ungerührt. »Sie sind nicht verhandelbar, mein Junge.«

Die Großmutter wusste natürlich, dass Oliver seine Geschwister nicht leiden lassen würde, was immer Jarret auch von ihm dachte. Sie hatte schlussendlich einen Weg gefunden, dass ihre Enkel ihre Wünschen erfüllen würden. Sie machte sich ihre tiefe Zuneigung zueinander zunutze, die einzige Konstante in ihrem Leben.

Der Plan war brillant. Geradezu teuflisch. Und er hatte die besten Aussichten auf Erfolg.

Ginge es nur um ihn, würde Oliver ihr vielleicht sagen, sie solle sich zum Teufel scheren, aber er würde seine Schwestern niemals dazu verdammen, ihr Leben als alte Jungfern oder Gouvernanten zu fristen. Minerva, die mit ihren Büchern ein bisschen Geld verdient hatte, würde Großmutter vielleicht die kalte Schulter zeigen und versuchen, von ihren Einkünften zu leben, aber auch sie würde die anderen niemals zu einem Leben in Armut verdammen.

Jede und jeder Einzelne von ihnen sorgte sich um die jeweils anderen. Was bedeutete, dass sie sich alle genötigt sehen würden, den Forderungen der Großmutter nachzukommen – selbst Oliver.

»Wenn ihr nur wolltet, könntet ihr aus Halstead Hall ein florierendes Gut machen«, erklärte sie. »Wenn ihr fünf euch zum Beispiel die Verwaltung teilen würdet …« Sie hielt inne, um Oliver mit hochgezogenen Augenbrauen anzusehen. »Oder wenn sich euer Bruder mehr für das Gut interessieren würde, statt es seinem Verwalter zu überlassen und seine Zeit mit Saufen und Herumhuren zu verbringen, dann könnte es genug abwerfen, um euch allen ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.«

Oliver verkniff sich eine scharfe Erwiderung. Seine Großmutter wusste, warum er schon den Anblick des Anwesens kaum ertragen konnte. Vater hatte Mutter ihres Geldes wegen geheiratet, damit er seinen heiß geliebten Familiensitz erhalten konnte, und Oliver würde auf keinen Fall zulassen, dass ihn dieses verfluchte Gut – und alles, wofür es stand – zugrunde richtete, wie es seine Eltern zugrunde gerichtet hatte.

»Ich weiß zufällig«, fuhr die Großmutter fort, »dass Oliver den letzten veräußerbaren Teil des Familienbesitzes verkauft hat, um Schulden zu begleichen, die ihr jungen Herren gemeinsam angehäuft habt, und für die ich nicht aufkommen wollte. Ihr werdet brauchen, was ich euch zur Verfügung stellen kann, wenn ihr weiterhin ein angenehmes Leben führen wollt.«

Zum Teufel, sie hatte recht! Wenn das Stadthaus und die Unterkünfte seiner Brüder ihnen nicht mehr zur Verfügung stünden, blieb seinen Geschwistern nichts anderes übrig, als auf das Gut zu ziehen. Nicht einmal er hatte derzeit eine eigene Bleibe. Bis vor Kurzem hatte er in dem Haus in Acton gewohnt, das die Großmutter soeben erwähnt hatte. Zwischenzeitlich war er bei seinen Brüdern untergeschlüpft, um sich zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass er für den Lebensunterhalt seiner Geschwister würde aufkommen müssen und obendrein für den der zukünftigen Frauen und Kinder seiner Brüder.

Kein Wunder, dass seine Großmutter die Brauerei in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren so erfolgreich geleitet hatte. Sie war ein Machiavelli im Rock.

»Und wer würde dann die Brauerei erben?«, fragte Oliver. »Würdest du etwa davon Abstand nehmen, sie Jarrett zu vermachen, wie es Großvaters Wunsch war?«

»Ich würde sie eurem Vetter Desmond vererben.«

Jarret stöhnte, und Minerva rief: »Das kannst du nicht tun! Er wird sie ruinieren!«

Die Großmutter zuckte mit den Schultern. »Was kümmert mich das? Dann bin ich tot. Und wenn ihr nicht die nötigen Maßnahmen ergreifen wollt, um dafür zu sorgen, dass sie in der Familie bleibt, dann kann es euch ja nicht so wichtig sein, was mit ihr geschieht, oder?«

Celia erhob sich aufgebracht. »Großmutter, du weißt, was Desmond dann tut. Er stellt Kinder ein und lässt sie sich zu Tode schuften.« Celia arbeitete ehrenamtlich bei einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich für die Verbesserung der Kinderarbeitsgesetze einsetzte. Es war ihre große Leidenschaft. »Sieh dir an, wie es in seinen Mühlen zugeht. Du kannst ihm die Brauerei nicht vermachen!«

»Ich kann sie vermachen, wem ich will«, entgegnete die Großmutter mit eiskaltem Blick.

Sicherlich bluffte sie nur. Sie hasste Desmond genauso sehr, wie die Geschwister ihn verabscheuten.

Andererseits waren solche Täuschungsmanöver gar nicht ihre Art. »Ich nehme an, du hast auch schon passende Partner für uns ausgesucht«, bemerkte Oliver voller Bitterkeit.

»Nein, die Partnerwahl überlasse ich euch. Aber wenn ich euch nicht zum Heiraten zwinge, wird nie etwas daraus! Ich habe euch schon viel zu lange gewähren lassen. Es ist höchste Zeit, dass ihr eure Pflicht gegenüber der Familie erfüllt und für Nachkommen sorgt, die die Familientradition fortführen.«

Celia ließ sich niedergeschmettert auf ihren Stuhl sinken. »Aber Minerva und ich können uns doch nicht einfach so einen Ehemann aussuchen. Der Mann muss schließlich um die Hand der Frau anhalten. Was wird aus uns, wenn es keiner tut?«

Die Großmutter verdrehte die Augen. »Ihr seid beide ganz bezaubernde junge Damen und sorgt für Aufsehen, wohin ihr auch geht. Wenn du, Celia, die Freunde deiner Brüder nicht immer so vernichtend beim Schießen schlagen würdest, hielte im Nu einer von ihnen um deine Hand an. Und wenn Minerva aufhören würde, diese grässlichen Schauerromane zu schreiben …«

»Das werde ich niemals tun!«, protestierte Minerva.

»Dann leg dir wenigstens ein Pseudonym zu. Ich verstehe nicht, warum du ständig damit hausieren gehen musst, dass du die Verfasserin derart anrüchiger Bücher bist. So schockierst du jeden, dem du begegnest.«

Als Nächstes nahm die Großmutter Jarret und Gabe ins Visier. »Und ihr zwei, ihr könntet wirklich hin und wieder auf einen Ball gehen. Jarret, du musst doch nicht jeden Abend in einer Spielhölle verbringen, und Gabe …« Sie seufzte resigniert. »Wenn du damit aufhören würdest, dir mit jedem ein Rennen zu liefern, der dich herausfordert, hättest du auch Zeit, auf Brautschau zu gehen. Ihr Burschen seid durchaus in der Lage, anständige Frauen zur Ehe zu verführen. Dirnen und Schauspielerinnen in eure Betten zu locken scheint euch schließlich auch keine Mühe zu bereiten.«

»Oh Gott«, stieß Gabe leise hervor und bekam rote Ohren. Es war eine Sache, einer Hure beizuwohnen, aber es war eine ganz andere, wenn die eigene Großmutter eine Bemerkung darüber machte.

Sie sah Oliver durchdringend an. »Und wir wissen alle, dass euer Bruder einen erheblichen Vorzug hat: seinen Titel.«

»Der Handel Geld gegen Titel hat ja auch bei unseren Eltern so ein gutes Ende genommen«, entgegnete Oliver sarkastisch. »Ich kann gut verstehen, warum du darauf drängst, dass ich diese Transaktion wiederhole.«

Als sich Betroffenheit im Gesicht seiner Großmutter abzeichnete, bekam er Gewissensbisse, die er jedoch rasch verdrängte. Wenn sie beabsichtigte, sie alle in die Ehe zu zwingen, dann musste sie auch die Konsequenzen bedenken.

Die letzten Worte, die seine Mutter an ihn gerichtet hatte, kamen ihm in den Sinn: Du bist eine Schande für diese Familie …

Es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter. Er ging zur Tür und öffnete sie. »Könnte ich dich vielleicht kurz unter vier Augen sprechen, Großmutter?«

Sie zog eine Augenbraue hoch. »Wenn du es wünschst.«

Sobald sie im Korridor waren, ging er auf sie los: »Dadurch, dass ich mich irgendeiner unglückseligen Frau als Ehemann aufdränge, ändert sich gar nichts!«

»Bist du sicher?« Der Blick seiner Großmutter wurde milder. »Du hast etwas Besseres verdient als das sinnlose Leben, das du jetzt führst, Oliver.«

Gott, wenn sie wüsste! »Ich bin, wie ich bin. Es wird Zeit, dass du es akzeptierst. Mutter hatte sich damit auch schon abgefunden.«

Sie erbleichte. »Ich weiß, dass du nicht darüber reden willst, was damals passiert ist …«

»Ich will es nicht«, unterbrach er sie, »und ich werde es auch nicht tun.« Weder mit ihr noch mit sonst jemandem.

»Du willst nicht darüber reden, weil du mir die Schuld daran gibst.«

»Das ist nicht wahr, verdammt!« Die Schuld traf ihn allein. Wäre er nur hinter seiner Mutter hergeritten, nachdem sie verschwunden war. Hätte er seine Großmutter nur heftiger dazu gedrängt, ihr zu folgen. Hätte, wäre, wenn …

»Ich mache dich für nichts verantwortlich, was in der Vergangenheit geschehen ist. Aber für diese Sache hier werde ich dich zur Verantwortung ziehen«, sagte er.

»Selbst du musst doch erkennen, dass etwas geschehen muss.«

»Warum? Minerva und Celia werden schon noch heiraten, und wenn Gabe und Jarret sich die Hörner abgestoßen haben, werden auch sie sich irgendwann häuslich niederlassen.«

»Du hast es nicht getan.«

»Das ist etwas anderes.«

»Warum?«

»Wieso drängst du plötzlich so darauf, dass wir heiraten?«

»Beantworte meine Frage, dann beantworte ich deine.«

Das war es also: Sie wollte ihn dazu zwingen, dass er seine Sünden bekannte. Nun, darauf konnte sie ewig warten.

»Eines Tages, Oliver«, fuhr sie fort, als er hartnäckig schwieg, »wirst du über das reden müssen, was an jenem Tag geschehen ist, schon allein, um es hinter dir lassen zu können.«

»Ich habe es hinter mir gelassen.« Damit machte er auf dem Absatz kehrt und ging zur Tür.

Als er sie aufriss, rief sie: »Ich werde es mir gewiss nicht noch einmal anders überlegen. Wenn ihr nicht heiratet, verliert ihr alles!«

Er erstarrte mit der Hand auf dem Türknauf. Die Großmutter trat an seine Seite und ließ ihren Blick über seine Geschwister gleiten. »Ich habe es satt, dass ihr in den Skandalblättern die Höllenbrut von Halstead Hall genannt werdet. Und ich will nicht mehr lesen, dass meine jüngste Enkelin die Gesellschaft wieder einmal mit der Teilnahme an irgendeinem Wettschießen schockiert hat.« Nun sah sie Gabe an. »Oder dass mein Enkel bei einem Kutschenrennen beinahe sein Leben verloren hätte. Damit ist jetzt Schluss!«

»Und wenn wir dir versprechen, uns in Zukunft anständiger zu betragen?«, warf Oliver angespannt ein.

»Das genügt mir nicht. Wenn ihr Partner und Kinder habt, um die ihr euch kümmern müsst, dann wisst ihr vielleicht endlich zu schätzen, was ihr habt.«

»Verdammt, Großmutter …«

»Hör auf zu fluchen, Oliver! Hiermit ist die Diskussion beendet. Mr Bogg wird euch meine Forderungen im Einzelnen erklären, und wenn ihr Fragen habt, könnt ihr sie an ihn richten. Ich muss zu einer Sitzung in der Brauerei.«

Unter energischem Einsatz ihres Krückstocks marschierte sie eilig den Korridor hinunter.

Kaum hatte Oliver die Tür geschlossen, fielen seine Geschwister auch schon über Mr Bogg her.

»Das meint sie doch nicht ernst, oder?«, fragte einer.

»Wie kann sie nur so etwas tun!«, sagte eine andere.

»Das müssen Sie ihr ausreden!«, meinte ein Dritter.

Bogg lehnte sich auf seinem antiken Stuhl zurück, der besorgniserregend knarrte. »Tut mir leid, aber ich fürchte, ich kann nichts dagegen unternehmen. Nach Lord Gabriels Unfall hat sie gesagt, sie wolle keines ihrer Enkelkinder sterben sehen, bevor sie nicht ihre Pflicht gegenüber der Familie erfüllt haben.«

»Siehst du, was du angerichtet hast, Gabe?«, rief Celia. »Du hast alles kaputtgemacht!«

»Es geht nicht um Gabe«, erklärte Oliver mit matter Stimme. »Es geht um mich. Sie will den Titel und die Stellung nicht verlieren, die sie für die Familie erkämpft hat. Sie will sichergehen, dass einer von uns Jungs das alles weitervererbt.«

»Warum zwingt sie dann auch mich und Celia in die Ehe?«, fragte Minerva.

»Verzeihen Sie mir, Eure Lordschaft«, warf Bogg ein, »aber Sie irren sich. Mrs Plumtree ist nur um Ihrer aller Wohl besorgt. Sie will dafür Sorge tragen, dass Sie alle eine Familie gegründet haben, bevor sie stirbt.«

Oliver sah ihn erschrocken an. »Bevor sie stirbt? Ist Großmutter etwa krank?« Bei dem Gedanken krampfte sich sein Magen zusammen. »Gibt es etwas, das sie uns verheimlicht?« Es wäre eine Erklärung dafür, warum sie so plötzlich diesen Plan ausgeheckt hatte.

Bogg zögerte einen Augenblick, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, sie ist es nur leid, darauf zu warten, dass Sie fünf ihr Urenkel schenken.«

Das glaubte Oliver nur zu gern.

Bogg räusperte sich. »Haben Sie noch weitere Fragen?«

»Nur eine«, sagte Oliver. »Hat sie wirklich nicht festgelegt, wen wir jeweils heiraten sollen?« Er hatte bereits eine Idee, wie er ihren verrückten Plan durchkreuzen konnte.

»Nein, keine Auflagen in dieser Hinsicht. Aber es gibt andere Vorschriften.«

Oliver hörte gut zu, während der Anwalt sie erläuterte. Eine Regel lautete, dass in England geheiratet werden musste und auf keinen Fall im südschottischen Grenzort Gretna Green, wo ein wahrer Heiratshandel betrieben wurde. Anscheinend befürchtete die Großmutter, dass eine dort geschlossene Ehe möglicherweise später gerichtlich anfechtbar war. Zum Glück konnte jedoch keine von Großmutters Regeln Olivers Plan gefährden.

Nachdem Bogg seine Aufgabe erledigt und die Geschwister ihrem Leid überlassen hatte, richtete Minerva das Wort an Oliver. »Du musst Großmutter klarmachen, wie verrückt das Ganze ist! Ich sehe nicht ein, warum ich mir einen Ehemann aufhalsen sollte, wo ich doch vollkommen zufrieden mit meinem Leben bin, so wie es ist.«

»Ich bin ebenso wenig erpicht aufs Heiraten wie du, Minerva«, knurrte Jarret. »Am Ende bringt sie mich noch dazu, die verdammte Brauerei zu leiten. Und das ist wirklich das Letzte, was ich will.«

»Ich würde vorschlagen, wir ziehen alle hier ein und zeigen ihr, dass wir ihr Geld nicht brauchen!«, rief Celia. »Wir tun, was sie gesagt hat, und verwalten das Gut gemeinsam …«

»Von Verwaltung hast du ja auch so viel Ahnung«, spottete Gabe.

»Aber Celia hat nicht ganz unrecht«, sagte Minerva. »Wenn wir Großmutter beweisen, dass wir sehr gut allein zurechtkommen, überdenkt sie ihre Pläne vielleicht noch einmal. Und wenn wir ohnehin eines Tages hier landen, fangen wir am besten schon mal an, uns daran zu gewöhnen.«

»Gott steh uns bei!« Jarret sah Oliver prüfend an. »Du willst nicht, dass wir hier einziehen, oder?«

Oliver seufzte. »Ich würde dieses Gut am liebsten abstoßen und nie wiedersehen. Bedauerlicherweise ist Celias Idee recht klug. Indem wir alle hier wohnen, stellen wir Großmutter auf die Probe. Wir können sie zu uns einladen und ihr zeigen, welche Früchte ihr unsinniger Plan tragen wird, wenn sie tatsächlich dabei bleibt.«

Er konnte nur mit Mühe seine Abscheu verbergen, die ihn bei der Vorstellung befiel, wieder in Halstead Hall zu wohnen. Aber es war ja nur für kurze Zeit – nur bis er seinen Plan verwirklicht hatte – und dann konnte das Leben wieder seinen gewohnten Gang gehen.

»Aber ich habe noch einen Trumpf im Ärmel«, fuhr er fort. »Ich habe mir etwas überlegt. Es ist zwar gewagt, aber vielleicht gelingt es mir, Großmutter umzustimmen. Sie hat die Sache nicht gründlich genug durchdacht, und ich habe die Absicht, ihr das bewusst zu machen. Ich habe noch etwas Geld von dem Verkauf des Hauses in Acton übrig, und ich habe Folgendes vor …«

2

Um Himmels willen, Freddy, nun komm schon!«, raunte Maria Butterfield ihrem spindeldürren Vetter zu, während sie die schmutzige Straße entlangeilten. Der Mann vor ihnen legte ein recht flottes Tempo vor. Schlimm genug, dass sie dieses grässliche englische Wetter ertragen mussten – wenn sie nun aber auch noch den Verdächtigen verlören, hätten sie keine Aussichten mehr, Nathan Hyatt zu finden. Und dieses Risiko wollte sie keinesfalls eingehen, nachdem sie den weiten Weg von Dartmouth, Massachusetts, auf sich genommen hatte, um ihren Verlobten zurückzuholen.

»Bist du sicher, dass der Kerl wirklich Nathans Aktentasche unter dem Arm hat?«, fragte Freddy keuchend.

»Sie hat eine Prägung auf beiden Seiten, genau wie die, die ich eigens für ihn anfertigen ließ. Und der Mann ist uns nicht weit vom Sitz der begegnet, wo Nathan vor drei Monaten zuletzt gesehen wurde. Ich muss sie mir nur einmal aus der Nähe anschauen, um sicher zu sein.«

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