Lore-Roman 106 - Liebesroman - Ina Ritter - E-Book

Lore-Roman 106 - Liebesroman E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Die Anwaltskanzlei Hartung und Wiechert hat kürzlich viele Prozesse verloren. Als Thilo Hartung erkrankt und für längere Zeit ausfällt, entscheidet sein Partner, einen jüngeren, tüchtigen Anwalt einzustellen. Dr. Nora Hartung, die als Anwältin im Büro ihres Vaters arbeitet, ist entsetzt, als sie erfährt, dass ausgerechnet Dr. Lüder Angermann in die Kanzlei eintreten soll. Der Anwalt hat es in seinen jungen Jahren bereits weit gebracht, und sein Ruf als skrupelloser Trickser eilt ihm voraus. Nora nimmt sich vor, ihn zu hassen, obwohl sie ihm nie persönlich begegnet ist. Auf dem Juristenball will sie all ihren Ärger vergessen. Die junge Anwältin verwandelt sich in ihrem Ballkleid zu einer wahren Prinzessin. Schon bittet sie ein gut aussehender, fremder Herr um einen Tanz. Sie kennt seinen Namen nicht, doch das stört sie nicht. In seinen starken Armen schwebt Nora über das Parkett. Immer wieder ertappt sie sich dabei, wie sie sich in seinen stahlblauen Augen verliert. Die junge Frau ist noch ganz verzaubert von dieser Ballnacht, als am Montagmorgen der Zauber jäh verpufft. Als Nora ihr Büro tritt, bleibt sie erstarrt stehen. Hinter dem Schreibtisch ihres Vaters sitzt ausgerechnet der Mann, der seit dem Ball durch ihre Träume geistert und lächelt sie vergnügt an ...

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Seitenzahl: 154

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Inhalt

Cover

Seit dem ersten Tanz mit dir

Vorschau

Impressum

Seit dem ersten Tanz mit dir

Schicksalsroman um die einzig wahre Liebe

Von Ina Ritter

Die Anwaltskanzlei Hartung und Wiechert hat kürzlich viele Prozesse verloren. Als Thilo Hartung erkrankt und für längere Zeit ausfällt, entscheidet sein Partner, einen jüngeren, tüchtigen Anwalt einzustellen. Dr. Nora Hartung, die als Anwältin im Büro ihres Vaters arbeitet, ist entsetzt, als sie erfährt, dass ausgerechnet Dr. Lüder Angermann in die Kanzlei eintreten soll. Der Anwalt hat es in seinen jungen Jahren bereits weit gebracht, und sein Ruf als skrupelloser Trickser eilt ihm voraus. Nora nimmt sich vor, ihn zu hassen, obwohl sie ihm nie persönlich begegnet ist.

Auf dem Juristenball will sie all ihren Ärger vergessen. Die junge Anwältin verwandelt sich in ihrem Ballkleid zu einer wahren Prinzessin. Schon bittet sie ein gut aussehender, fremder Herr um einen Tanz. Sie kennt seinen Namen nicht, doch das stört sie nicht. In seinen starken Armen schwebt Nora über das Parkett. Immer wieder ertappt sie sich dabei, wie sie sich in seinen stahlblauen Augen verliert. Die junge Frau ist noch ganz verzaubert von dieser Ballnacht, als am Montagmorgen der Zauber jäh verpufft. Als Nora ihr Büro betritt, bleibt sie erstarrt stehen. Hinter dem Schreibtisch ihres Vaters sitzt ausgerechnet der Mann, der seit dem Ball durch ihre Träume geistert, und lächelt sie vergnügt an ...

»Heute lasse ich mich aber von diesem widerlichen Angermann nicht noch einmal reinlegen.«

Rechtsanwalt Dr. Hartung klappte ärgerlich den Aktendeckel zu und griff nach seiner Tasche.

Nora hob den Kopf und sah ihren Vater erstaunt an.

»Das wäre dann der vierte Fall, den du gegen ihn verlieren würdest. Ich kann den Namen Angermann schon nicht mehr hören.« Nora sprang temperamentvoll vom Stuhl auf. »Wann bekomme ich endlich meine Zulassung zum Gericht? Dann werde ich es diesem jungen Dachs von Rechtsanwalt schon zeigen.«

Dr. Hartung sah seine Tochter schmunzelnd an.

»Du siehst zum Anbeißen hübsch aus, mein Kind. Eigentlich bist du viel zu schade, bei mir im Büro zu arbeiten. Du solltest heiraten.«

»Heiraten?« Nora schüttelte energisch den Kopf, dass ihre langen, goldblonden Haare flogen. »Das werde ich niemals tun. Ich will unabhängig bleiben.«

Thilo Hartungs Gesicht sah plötzlich alt und verfallen aus.

»Ich habe keine Zeit mehr«, murmelte er, nahm seine Tasche und verließ hastig das Büro.

Nora sah ihrem Vater mit sorgenvoller Miene nach. Er war sehr zerstreut in der letzten Zeit, ließ sich auch weniger in der Praxis sehen als früher.

Seufzend griff sie nach der eingegangenen Morgenpost, die Bürovorsteher Urbschat schon bereitgelegt hatte, und öffnete einen Umschlag nach dem anderen. Es war ein Brief der Bank dabei, der ihre besondere Aufmerksamkeit erregte. Er enthielt den letzten Kontoauszug.

Ein Irrtum, dachte Nora erschrocken, das Konto mit fünfzigtausend Mark überzogen, das war doch ausgeschlossen.

Sie wählte resolut die Nummer der Bank, um diesen Irrtum sofort aufzuklären.

Der Direktor meldete sich selbst. Es sei kein Irrtum, teilte er Nora mit. Dr. Hartung hatte im Laufe der letzten Wochen sein Konto überzogen.

»Als Sicherheit besteht eine Grundschuld auf Ihrem Haus, gnädiges Fräulein. Bis einhunderttausend Mark hat Ihr Herr Vater Kredit.«

»Aber wofür braucht er das ganze Geld denn?«, rief Nora verzweifelt.

»Für die Verwendung der Kredite sind wir nicht zuständig«, äußerte der Direktor zurückhaltend.

Nora legte den Hörer auf, ging an den Tresor und suchte sich die Kontoauszüge heraus. Der letzte war zwei Monate alt und wies ein Guthaben von achtundvierzigtausend Mark aus. Die Auszüge der letzten zwei Monate waren nicht abgelegt.

Die junge Dame warf die schwere Tresortür zu und ließ sich in einen der Besuchersessel fallen.

Hunderttausend Mark hatte ihr Vater also in zwei Monaten verbraucht.

Plötzlich fiel Nora ein, was Justine, die alte Haushälterin, ihr neulich erzählt hatte. Vier Anzüge hatte sich Dr. Hartung innerhalb kurzer Zeit gekauft, alles helle, farbenfrohe Sommeranzüge. Sollte Vater mit seinen achtundfünfzig Jahren etwa noch einmal ...?

Nora wagte diesen Gedanken nicht weiter auszuspinnen, sondern beschloss, ihren Vater zur Rede zu stellen.

***

Kurz vor der Mittagspause kehrte Dr. Hartung vom Gericht zurück. Er sah noch abgespannter aus als am Morgen.

Nora achtete gar nicht darauf und machte ihrem Vater heftige Vorwürfe.

»Es ist schließlich auch mein Geld«, schloss sie mit erregter Stimme.

»Lass mich zufrieden. Das geht dich auch gar nichts an. Ich kann mit dem Geld machen, was ich will.«

»Das ist nicht wahr. Du kannst doch nicht das Geld verschleudern. Womöglich für irgendein Weibsbild.«

»Gunda ist kein Weibsbild, sondern eine sehr nette und wohlerzogene junge Dame.«

»Sehr entgegenkommende Dame, meinst du wohl«, fauchte Nora. »Sie lässt sich gern beschenken, nicht wahr?«

Thilo Hartung schob die Linke in die Hosentasche und stützte die rechte Hand in die Hüfte.

»Du hast mir keine Vorschriften zu machen. Ich habe endlich das Glück gefunden. Ja, starr mich nicht so an, es ist so. Gunda liebt mich.«

»Wie alt ist sie denn, deine große Liebe?«, fragte Nora heftig.

Ihr Vater zögerte. »Sie ist etwas jünger als ich«, knurrte er schließlich. »Aber das Alter spielt gar keine Rolle. Jeder ist so jung, wie er sich fühlt.«

»Wie alt ist diese Gunda?«, wiederholte Nora ihre Frage unbeirrt.

»Sie ist zweiundzwanzig. Aber für ihr Alter sehr reif und vernünftig.«

»Wie vernünftig, das beweist dein Kontoauszug.« Nora schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Bist du denn verrückt geworden, Vater? Dieses Frauenzimmer hat es doch offensichtlich nur auf dein Geld abgesehen.«

»Sie liebt mich«, protestierte Thilo Hartung, aber etwas in seiner Haltung verriet seiner Tochter, dass er selbst nicht ganz überzeugt war.

»Was hast du mit dem Geld gemacht? Die hunderttausend Mark müssen doch irgendwo geblieben sein?«

»Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig«, brauste Thilo Hartung auf. »Aber wenn du es unbedingt wissen willst: Ich habe Gunda ein Haus gekauft. Sie wohnte etwas ... nun ja, sie brauchte einen Rahmen, der zu ihr passte.«

»Auf wessen Namen ist es eingetragen?«, fragte Nora als Anwältin. »Hoffentlich bist du der Besitzer.«

Thilo Hartung massierte seine Nasenspitze mit Daumen und Zeigefinger.

»Das konnte ich doch nicht machen«, äußerte er verlegen.

»Wie ist es nur möglich, dass ein vernünftiger Mann wie du in solch einem Alter noch derartige Dummheiten machen kann?« Nora ging im Büro auf und ab.

»Lass uns endlich von wichtigeren Dingen sprechen«, knurrte Thilo Hartung verärgert. »Hast du die Akten Gärtner fertig gemacht?«

»Nein. Ich hab sie für dich gelassen. Ich dachte, etwas Arbeit würde dir ganz guttun. Wie ist der Fall Pahlke ausgegangen?«

Dr. Hartung hob verlegen die Schultern.

»Willst du damit sagen, dass du die Sache wieder verloren hast?«, fuhr Nora hoch. »Das ist doch wohl nicht möglich.«

»Hör jetzt auf, mir Vorwürfe zu machen. Ich habe mich schon genug über diesen Angermann geärgert. Mir wird schon ganz übel, wenn ich nur diesen Namen höre. Was der Kerl sich nur so herausnimmt. Aber der soll es noch einmal wagen, Gunda schöne Augen zu machen.«

Nora wurde hellwach. »Wieso? Kennt er dieses Mädchen denn auch?«

Ihr Vater presste die Lippen aufeinander. Er hatte schon zu viel gesagt.

»Lass uns arbeiten und nicht so viel reden.«

Nora war klug genug, jetzt zu schweigen. Aber sie beschloss, sich dieses Mädchen einmal etwas näher anzuschauen.

Es kostete Nora ein paar Telefongespräche, um herauszufinden, wo Gunda wohnte. Auf dem Grundbuchamt erinnerte man sich an den Verkauf des Grundstücks und teilte ihr bereitwillig Gundas Adresse mit.

***

Mit dem Volkswagen, den sie sich vor einigen Wochen gekauft hatte – ihr Vater fuhr einen Mercedes –, erreichte Nora bald das Haus dieser Gunda Schlenke.

Es war ein sehr hübsches Haus, nicht neu, aber sehr gut instand gehalten oder frisch renoviert. Und das alles für unser Geld, dachte Nora wütend.

Ein eleganter italienischer Wagen stand auf der Straße, und in der offenen Garage sah Nora einen englischen Sportwagen.

Sie schritt energisch auf das Haus zu und klingelte anhaltend. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie Schritte hinter der Haustür hörte.

»Was wollen Sie? Ich kaufe nichts!« Die Frau in der Diele hatte die Tür nur einen Spalt geöffnet.

Sie sah nicht übel aus, das musste selbst Thilo Hartungs wütende Tochter zugeben. Recht hübsch, wenn auch ein wenig billig. Ihr Puppengesicht wirkte leer und dumm.

»Ich bin Nora Hartung. Dr. Nora Hartung.« An und für sich legte Nora keinen Wert auf ihren Titel, aber diesem törichten Frauenzimmer würde er doch sicherlich imponieren.

»Ach.« Gundas Mund blieb vor Schrecken halboffen stehen. Mit beiden Händen fuhr sie sich nervös über ihr platinblond gefärbtes Haar. Ihre Wangen waren gerötet. »Gehen Sie jetzt wieder. Ich wusste gar nicht, dass Thilo verheiratet ist. Mir hat er vorgelogen, er sei Witwer. Ich schwöre Ihnen, dass ich das nicht gewusst habe. Und das Haus, das hat Ihr Gatte mir richtiggehend aufgedrängt.«

»Dr. Hartung ist mein Vater«, erwiderte Nora kühl.

»Ach so«, gestand Gunda sichtlich erleichtert. »Die Tochter also sind Sie. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut, solch eine Tochter wie Sie. Ist Ihre Haarfarbe echt? Bestimmt nicht! Zu welchem Friseur gehen Sie? Mir können Sie es doch ruhig sagen.«

Jetzt war es an Nora, erstaunt zu sein. Dieses kecke Fräulein nahm anscheinend das Leben sehr leicht. Ihr war dieses Zusammentreffen nicht mehr im Geringsten peinlich. Es fehlte nur noch, dass sie mich zu einer Tasse Kaffee einlädt, dachte sie.

»Trinken Sie noch 'ne Tasse Kaffee mit?«, fragte Gunda Schlenke auch prompt. »Ich hab zwar Besuch, aber das wird Sie ja wohl nicht stören.«

»Aha, der Besitzer des schönen Wagens draußen.«

Gunda Schlenke nickte eifrig und strahlte.

»Ein toller Mann«, verriet sie, und ihre Augen leuchteten. »Ich werde mich vielleicht mit ihm verloben.«

»Wie erfreulich für Sie«, bemerkte Nora trocken.

»Es dreht sich nämlich um dieses Haus hier. Da waren noch so ein paar Grundbuchsachen zu regeln, und ich dachte, da nimmst du dir am besten einen gerissenen Anwalt. Gehen Sie zu Dr. Angermann, haben sie mir alle gesagt, der hilft Ihnen bestimmt.«

Der Name, den sie genannt hat, elektrisierte Nora förmlich. Also dieser Angermann drängte sich sogar in das Privatleben ihres Vaters hinein.

»Ich habe leider keine Zeit mehr. Grüßen Sie ... Ihren Verlobten von mir.«

»Direkt verlobt sind wir ja noch nicht, aber ...«, zierte sich Gunda albern.

»Sie werden es schon schaffen«, knurrte Nora. »Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Erfolg dabei.«

»Vielen Dank, vielen herzlichen Dank, Fräulein Hartung. Sie sind wirklich zu nett. Und wenn Sie Ihren Vater treffen, dann können Sie ihm ja mal sagen ... ich wollte es ihm ja schon lange beibringen, aber Sie wissen ja, wie schwierig so etwas ist.«

»Was?«

»Ihm beibringen, dass ich ...«

»Dass Sie sich anderweitig festgelegt haben«, half Nora ihr freundlich aus.

Gunda nickte erleichtert. »Genau das. Er ist ja wirklich ein netter Mann, Ihr Vater, aber eigentlich ein bisschen alt für mich. Geheiratet hätte ich ihn ja sowieso nicht.«

»Das haben Sie ja auch jetzt nicht mehr nötig. Ihr Haus ist wirklich hübsch, Fräulein Schlenke. Alle Achtung.«

»Es gefällt Ihnen also auch?« Gunda hielt Noras Worte für ein Kompliment. Wie es im Herzen der jungen Dame aussehen musste, deren Vater derartig verschwenderische Geschenke machte, ahnte sie anscheinend nicht.

Auf der Straße ging Nora an dem Alfa Romeo vorbei. Sie runzelte die Stirn und gab dem Hinterrad ihres braven Volkswagens einen wütenden Tritt, bevor sie einstieg.

Wie konnte ein vernünftiger Mann sich solch einen auffälligen Wagen kaufen. Wahrscheinlich gibt er selbst nichts her und denkt, so ein bisschen Blech verbessert sein Aussehen.

Nora war dicht davor, diesen Lüder Angermann zu hassen.

***

»Gott sei Dank, dass Sie endlich kommen«, empfing Valentin Urbschat die junge Anwältin. Mit einem großen Taschentuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn. »Ihrem Herrn Vater geht es nicht gut. Gallenkolik.«

»Auch das noch.«

Nora zündete sich unmutig eine Zigarette an. Sie war nicht geneigt, die Erkrankung ihres Vaters allzu ernst zu nehmen. Sicher, er hatte schon manchmal über Beschwerden geklagt, aber Nora wusste, dass er zu den Männern gehörte, die aus jeder Mücke einen Elefanten machten.

»Wollen Sie vielleicht nach Hause fahren und nach Ihrem Vater sehen«, schlug der alte Bürovorsteher vor.

»Ich bin keine Ärztin«, knurrte Nora. »Ich kann ihm doch nicht helfen. Fräulein Justine wird ihm ein paar Umschläge machen, und heute Abend ist er bestimmt wieder obenauf.«

Nora arbeitete den ganzen Nachmittag angestrengt, aber in ihr war eine seltsame Unruhe. Manchmal zog sie sich das Telefon heran, aber sie wählte schließlich doch nicht die Nummer ihres Hauses.

Ein bisschen Strafe kann ihm gar nicht schaden, zwang sie sich zu denken. Aber er tat ihr leid, wenn sie sich vorstellte, dass er jetzt allein in seinem Schlafzimmer lag und sich nach ihr sehnte.

Schließlich hielt es Nora nicht länger aus. Sie musste einfach zu ihrem Vater.

Er lag tatsächlich im Bett, und Fräulein Justine hatte ihm auch Umschläge gemacht. Das Gesicht ihres Vaters war grämlich, und er klagte über starke Schmerzen.

»Und das gerade jetzt«, murrte er. Über sein Gesicht liefen Schweißtropfen, die Nora von Zeit zu Zeit abwischte.

Ihre Angst, die den ganzen Nachmittag in ihrem Herzen gewesen war, wuchs plötzlich ins Ungeheure. Täuschte sie sich oder sah das Gesicht ihres Vaters tatsächlich verfallen aus?

Thilo Hartung schloss gequält die Augen.

»Du hast uns immer viel Freude bereitet«, sagte er aus seinen Gedanken heraus. »Du warst immer ein braves Mädchen. Hast du ... nicht irgendeinen Mann kennengelernt, der dir mehr bedeutet als andere?«

»Nein! Soll ich den Arzt rufen, Vati?«

»Nicht nötig. Er wollte heute Abend sowieso noch einmal vorbeischauen. Höre nicht auf das, was er dir sagt, Nora. Diese Ärzte übertreiben immer. Sie wollen sich nur wichtigmachen.«

Es hielt Nora nicht mehr in seinem Zimmer. Sie rief den Hausarzt sofort an.

»Wie steht es um meinen Vater?«, fragte sie beklommen.

Sie hörte das ruhige Atmen des Mannes in der Muschel.

»Ich kann noch nichts sagen. Wir müssen abwarten, Fräulein Hartung. Es scheint diesmal etwas ernster zu sein.«

»Ich verstehe.« Nora legte den Hörer schwer auf die Gabel und ging wieder zu ihrem Vater zurück.

Der Mann wandte bei ihrem Eintritt den Kopf und lächelte ihr zu.

»Mir geht es schon wieder besser«, behauptete er mit brüchiger Stimme. »Hast du keine Lust, dir einen Film anzusehen? Oder geh doch einmal ins Theater. Du darfst nicht immer über den Akten hocken. Du bist doch jung. Und du bist auch sehr schön.«

»Weshalb willst du mich so plötzlich unter die Haube bringen?«, fragte Nora mit leichtem Lachen. »Willst du mich denn unbedingt loswerden?«

Die Hand ihres Vaters auf der Decke verkrampfte sich. Er biss die Zähne zusammen, und Sekunden vergingen, bevor er wieder sicher war, dass seine Stimme so wie immer klang.

»Ich möchte dich gern versorgt wissen«, beantwortete er ihre Fragen erschöpfend. »Ich ... bin kein guter Vater. Ich habe zu viel an mich gedacht. Ich fühlte mich noch so jung, und ich dachte, viele Jahre lägen noch vor mir ...«

»Aber du bist doch auch noch jung. Achtundfünfzig ist doch kein Alter. Du hast doch sogar noch eine kleine Freundin!«

»Gunda ... es war eine Dummheit, Nora. Ich weiß auch nicht, wie ich dazu gekommen bin ... aber die Einsamkeit ... weißt du, wenn ich abends nach Hause kam, und ich hatte niemanden, mit dem ich sprechen konnte. Dann war es mir manchmal so, als verrinne mein Leben mir zwischen den Fingern. Jeden Tag die gleiche Arbeit, der gleiche Trott. Und da ... du kennst sie ja nicht, Nora, aber in ihrer Art ist sie nett. Sie versteht zuzuhören. Sie ist ein bisschen dumm, sicherlich, aber ... sie hatte Zeit für mich. Und sie war so rührend anhänglich. Ich glaube fast, sie liebt mich«, setzte er verschämt hinzu.

Nora schluckte all das herunter, was sie ihm hätte antworten können. Sein Geständnis erschütterte sie. Sie begriff plötzlich, dass sie an allem, was geschehen war, auch ihr Teilchen Schuld trug.

»Sicher wird sie dich lieben«, sagte sie. »Du bist auch so nett, Vati. Weshalb sollte sie dich nicht lieben?«

Der Mann starrte auf die Bettdecke.

»Ich wollte sie nicht verlieren. Ich weiß ja selbst, dass sie für mich zu jung ist. Ich hab ihr Geschenke gemacht. Und dabei ... dabei war ich wohl manchmal zu großzügig. Jetzt, wo ich hier liege, da ist mir, als hätte ich in den letzten Monaten den Verstand verloren gehabt.«

Es klopfte an der Tür. Der Arzt kam herein, in Eile wie immer, aber dennoch ein freundliches Lächeln auf seinem zerfurchten Gesicht.

Er bat Nora, ihn mit ihrem Vater allein zu lassen.

»Ich spreche Sie wohl noch, bevor ich gehe«, meinte er.

»Was hat er gesagt?«, fragte Fräulein Justine, die in der Diele gewartet hatte, die mageren Hände vor der flachen Brust gefaltet.

»Ich weiß es noch nicht. Dr. Michaelsen untersucht Vater noch.«

»Ob Sie nicht lieber einen anderen Arzt rufen?«, schlug Fräulein Justine vor. »Vielleicht einen Professor Er hat seit Tagen nicht mehr richtig gegessen ...«

»Wir wollen abwarten. Selbstverständlich werde ich alles für Vater tun, was in meiner Macht steht.«

Sie warteten beide, die alte und die junge Frau, und die Zeit verging für sie unendlich langsam.

Gleichzeitig erhoben sie sich, als Dr. Michaelsen, die Tasche in der Hand, zu ihnen hereinkam. Der alte Herr lächelte zuversichtlich.

»Es scheint irgendetwas mit der Galle zu sein«, äußerte er ungefragt. »Ich bin dafür, dass wir Ihren Herrn Vater ins Krankenhaus verlegen. Gestatten Sie, dass ich das Telefon benutze?«

Er wartete Noras Antwort gar nicht ab, sondern wählte schon eine Nummer. Hinter seinem Rücken verständigten sich die beiden Frauen mit einem Blick.

Dr. Hartung sollte ins Krankenhaus! Sie hielten es beide für ein schlechtes Zeichen, andererseits war er dort besser aufgehoben.

»So, in einer Stunde ist der Krankenwagen da. Vorzubereiten brauchen Sie nichts, es genügt, wenn Sie ihm die Zahnbürste mitgeben. Ich werde mich im Krankenhaus nach Ihrem Herrn Vater erkundigen. Auf Wiedersehen, Fräulein Hartung, auf Wiedersehen, Fräulein Justine.«

»Immer in Eile, diese Ärzte«, murrte das alte Fräulein. »Ob es unserm Herrn Doktor wirklich so schlecht geht?«

Sie wussten es beide nicht, und Thilo Hartung sagte es ihnen nicht. Vielleicht bedeuteten seine Schmerzen ja auch nicht so viel.

***

In den nächsten Wochen wurde Nora die Arbeit fast zu viel. Es schien, als hätten sich alle Menschen verschworen, gerade jetzt Prozesse anzustrengen und sie dem bekannten Anwalt Hartung zu übertragen.

»Wenn Ihr Vater nicht bald wiederkommen kann, dann müssen wir jemand in die Praxis mit hereinnehmen«, meinte Valentin Urbschat eines Tages gedankenvoll. »Seit vierzehn Tagen beantragen wir immer Vertagungen der Prozesse. Auf die Dauer geht das nicht, Fräulein Doktor.«

Nora hatte die Stirn gekraust.

»Das weiß ich selbst«, knurrte sie den alten Bürovorsteher an. »Können Sie mir sagen, wer dafür infrage kommt? Ich wage es nicht, den ersten besten Anfänger zu nehmen. Wir können es uns nicht erlauben, laufend Prozesse zu verlieren.«