Lore-Roman 110 - Ina Ritter - E-Book

Lore-Roman 110 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Heide Gabler ist nur eine von vielen jungen Verkäuferinnen in dem großen Warenhaus. Weil sie nicht den gierigen Wünschen ihres Abteilungsleiters nachgibt, weil sie sich so sicher fühlt in ihrer Liebe zu dem reichen Industriellen Winfried Steinhoff und weil ihr bedingungsloses Vertrauen in das Gute im Menschen für sie eine Selbstverständlichkeit ist, vermag sie der mörderischen Intrige nicht zu begegnen, die sie in einen Sog von Elend, Armut und Verachtung zieht ...

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Seitenzahl: 132

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Inhalt

Cover

Vom Schicksal schwer geprüft

Vorschau

Impressum

Vom Schicksal schwer geprüft

Der große Roman um eine tapfere Frau

Von Ina Ritter

Heide Gabler ist nur eine von vielen jungen Verkäuferinnen in dem großen Warenhaus. Weil sie nicht den gierigen Wünschen ihres Abteilungsleiters nachgibt, weil sie sich so sicher fühlt in ihrer Liebe zu dem reichen Industriellen Winfried Steinhoff und weil ihr bedingungsloses Vertrauen in das Gute im Menschen für sie eine Selbstverständlichkeit ist, vermag sie der mörderischen Intrige nicht zu begegnen, die sie in einen Sog von Elend, Armut und Verachtung zieht ...

Frau Therese lächelte, als sie die Butter besonders dick auf das Frühstücksbrot ihrer Tochter strich.

»Du siehst in letzter Zeit immer so blass und elend aus, Heide.« Frau Therese musterte ihre bildschöne Tochter fast grimmig. »Du solltest mal zum Arzt gehen. Früher warst du doch nicht so. Ich mache mir Sorgen um dich.«

Heide stieß ein leichtes Lachen aus, das allerdings nicht ganz echt klang.

»Mutter, mir fehlt nichts. Ich bin urlaubsreif, das ist alles. Na ja, die zwei Monate werde ich auch noch aushalten.«

Auf dem Weg ins Warenhaus begegnete sie wieder dem jungen Mann, der sie seit ein paar Tagen schüchtern grüßte, ohne es bisher gewagt zu haben, sie anzusprechen.

Heides Gesicht war allerdings auch keine Ermutigung dazu. Sehr abweisend blickte sie über den Fremden hinweg. Sie ließ sich nicht auf der Straße ansprechen, wie so viele ihrer Kolleginnen, die sich ihrer Erfolge rühmten.

Heide hatte einen Mann, den sie von ganzem Herzen liebte. Als sie an ihn dachte, trat ein ganz eigenes Leuchten in ihre tiefblauen Augen.

Der Abteilungsleiter spitzte die Lippen zu einem unhörbaren Pfiff, als seine reizende Verkäuferin sich den braunen Kittel überzog, den alle weiblichen Angestellten des Warenhauses im Dienst tragen mussten.

Sie war wirklich wunderschön, die kleine Heide Gabler, aber leider Gottes schrecklich abweisend. Der Abteilungsleiter konnte sich nicht erinnern, schon jemals Klatsch über sie gehört zu haben.

»Warm heute, nicht wahr?«, wandte er sich an das junge Mädchen, als sie nebeneinander durch den noch jetzt fast menschenleeren, riesigen Raum schritten.

Verkaufstisch reihte sich an Verkaufstisch, und fast alle waren noch durch weiße Laken gegen Staub geschützt.

Abteilungsleiter Bode strich sich selbstgefällig über das kleine Bärtchen auf seiner Oberlippe.

»Ich habe heute Abend Zeit. Meine Frau ist verreist, ich bin sozusagen Strohwitwer. Wie wäre es, wenn wir zusammen essen gehen würden? Anschließend könnten wir noch tanzen ...«

Völlig erstaunt schüttelte Heide verneinend den Kopf. Das Ansinnen dieses Mannes empörte sie. Wofür hielt er sie eigentlich?

»Warum nicht, Kindchen?«, fragte Bode, und als er sich vorbeugte, streifte sein Atem Heides Wangen.

Das Mädchen zuckte unwillkürlich zurück.

»Ich möchte nicht mit Ihnen ausgehen, Herr Bode«, sagte sie herb.

Der Abteilungsleiter kniff die Augen bösartig zusammen.

»Wie Sie wollen, mein Kind. Es liegt mir fern, Sie zu Ihrem Glück zwingen zu wollen. Bitte schön, Sie müssen wissen, was Sie tun.«

Heide war froh, als sie jetzt endlich ihren Verkaufsstand erreicht hatte.

Eilig zog sie das Laken vom Tresen, ohne sich noch länger um den Mann zu kümmern, der ihr unverwandt auf die Finger schaute, um sie bei einem Fehler zu ertappen! Es ärgerte ihn anscheinend, dass es ihm nicht gelang, denn bevor er davonging, murmelte er noch ein paar unfreundliche Bemerkungen vor sich hin.

Heide atmete tief ein. Seit Tagen schon fühlte sie sich nicht wohl, wahrscheinlich litt sie an einer Magenverstimmung. Es lag wohl an der drückenden, schwülen Hitze, die seit Tagen auf der Stadt lastete.

Heute war es besonders schlimm. Ihr war, als könne sie nicht mehr atmen.

»Fühlst du dich nicht wohl?«, fragte eine Kollegin sie besorgt, als Heide totenblass wurde und wankte.

»Es ist schon wieder besser.« Die Verkäuferin holte tief Luft. Heide fühlte, dass sich auf ihrer Stirn kleine Schweißtropfen bildeten.

Abteilungsleiter Bode ließ sie nicht aus den Augen. Sein Blick ruhte unverwandt auf ihren jetzt kalkweißen Zügen.

Die Niederlage, die sie ihm eben zugefügt hatte, wurmte ihn mächtig. Er war es nicht gewohnt, dass eine kleine Verkäuferin sich ihm gegenüber so spröde und abweisend zeigte. In seiner Hand lag es schließlich doch, ob sie hier bleiben durften oder sich eines Tages ihre Papiere holen mussten.

Die kleine Heide würde zu denjenigen gehören, denen man bald die Arbeitspapiere in die Hand drückte, weil sie den Anforderungen nicht genügte, die der Herr Abteilungsleiter Bode stellte.

Was für Anforderungen das waren, das würde er nicht verraten.

»Reißen Sie sich gefälligst zusammen«, fuhr er Heide plötzlich an. »Sie sind hier nicht auf einer Bühne. In einer Minute werden die Türen geöffnet, und wie sieht Ihr Tisch aus? Es ist ein Skandal. Oder soll ich etwa für Sie bedienen, haben Sie sich das so vorgestellt?«

Die arme Heide hörte seine ironische, gehässige Stimme wie aus weiter Ferne. Ich muss mich zusammennehmen, dachte sie. Wir brauchen das Geld, das ich hier verdiene. Wenn es doch nur nicht so drückend heiß wäre.

»Wie ich sehe, hat das gnädige Fräulein heute keine Lust zum Arbeiten.« Bodes Stimme triefte vor Hohn.

»Ich ... ich arbeite ja schon weiter«, brachte Heide leise hervor.

Ein Würgen stieg Heide vom Magen heraus in die Kehle. Ich werde seekrank, dachte sie. Das ist hier wie bei einem schweren Sturm. Sie umklammerte mit beiden Händen das weiße Laken, das über ihrem Verkaufstisch lag. Sie brauchte einen Halt.

»Gehen Sie gefälligst an Ihre Arbeit!«, herrschte Bode ihre Kollegin an, die offensichtlich bestrebt war, Heide zu helfen.

Erschreckt eilte das Mädchen davon.

Und plötzlich wurde es Heide ganz schwarz vor Augen. Noch fester krallten sich ihre Finger in das Laken. Sie riss es mit sich, als sie zu Boden sank. Ihr Kopf schlug schwer auf das gebohnerte Linoleum.

Den Schmerz spürte Heide schon nicht mehr. Sie hörte auch nicht das Klirren des Porzellans und Kristalls, das vom Laken mitgerissen auf dem Boden zerschellte.

Abteilungsleiter Bode rieb sich ärgerlich sein kleines Bärtchen auf der Oberlippe. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, Heide vor dem Fall zu bewahren. Er stand ja nur einen Meter von ihr entfernt.

Aber es war nicht seine Absicht gewesen, diesem aufsässigen Mädchen seine Hilfe zu schenken.

»Mein Gott, das ganze teure Porzellan.«

Heides Kollegin rang die Hände, als ihr Blick entsetzt über die Scherben ging. Heide arbeitete am Stand mit den besonders kostbaren Dingen.

»Das ist gerade kein Pappenstiel«, knurrte Bode und stieß eine halbzerbrochene Vase verächtlich zur Seite.

Das Preisschild war mit heruntergerissen worden. Einhundertzwanzig Mark stand deutlich darauf zu lesen. Und diese Vase war nur ein Stück von vielen.

Dafür wird sie lange arbeiten müssen. Bode konnte sein befriedigtes Lächeln einfach nicht unterdrücken, als er sich niederbeugte und Heides rechtes Augenlid emporzog.

»Ohnmächtig«, stellte er ungerührt fest. »Ich werde den Betriebsarzt holen. Lassen Sie unterdessen alles so liegen hier.«

Als er kam, war Heide Gabler schon aus ihrer Ohnmacht erwacht.

Der Arzt fühlte gleichgültig ihren Puls und zuckte dann die Schultern.

»Kommen Sie mit, mein Fräulein, ich muss Sie gründlich untersuchen.«

***

»Tja«, sagte der Arzt nach der gründlichen Untersuchung.

Der alte Herr lächelte ihr leicht zu. Seine Augen allerdings blieben ernst.

»Ihre inneren Organe sind vollkommen gesund, Fräulein, äh ... Gabler.« Er las ihren Namen von der Karteikarte ab. »Sie werden ein Kind bekommen.«

Für Heide kam diese Eröffnung so unerwartet, dass sie die Hände abwehrend vorstreckte.

»Nein!«, stieß sie entsetzt hervor. »Das kann doch nicht möglich sein.«

»Sie werden jetzt mit dem Mann sprechen müssen«, äußerte er väterlich. »Er wird Sie doch sicherlich heiraten, nicht wahr? Nehmen Sie es nicht so schwer, Fräulein Gabler, mehr Ehen werden unter diesen Umständen geschlossen, als Sie vielleicht denken. Kommen Sie in einem Vierteljahr noch einmal zu mir in die Sprechstunde. Ich glaube allerdings, dass wir bei Ihnen mit keinen Komplikationen zu rechnen haben. Ich wünschte, alle werdenden Mütter wären so gesund wie Sie.«

»Danke ...« Heide hatte nicht zugehört. Ob Winfried sie heiraten würde? Er war so ungeheuer reich, ein wirklich vornehmer Mann, und sie dagegen ... Aber er liebte sie, er hatte es immer wieder beteuert, und er konnte nicht gelogen haben.

Vom Heiraten hatten sie bisher noch nicht gesprochen, von keiner gemeinsamen Zukunft. Winfried war der Juniorchef des großen Industrieunternehmens, das sein Vater aus dem Nichts heraus aufgebaut hatte.

Nach wie vor behielt Otto Steinhoff sich allerdings die letzten Entscheidungen vor. Er verstand sich mit seinem Sohn ausgezeichnet, die beiden arbeiteten gut zusammen.

Eins stand allerdings fest: Heide Gabler mochte Otto Steinhoff nicht. Aber ich will ja nicht ihn heiraten, sondern Winfried, dachte Heide, als sie so weit gekommen war. Und Winfried liebt mich. Wir werden ein Kind haben. Vielleicht sieht es ihm einmal ähnlich.

Ihre Liebe zu Winfried ließ sie nicht an der Ehrlichkeit des Mannes zweifeln, mochte er auch noch so reich sein.

Er hatte einmal eine Porzellanvase bei ihr gekauft. Seine Sekretärin hatte Geburtstag gehabt. Sie waren damals ins Gespräch gekommen, und ein paar Tage später hatte Winfried sich wieder an ihrem Stand eingefunden.

Er hatte irgendetwas gekauft – und sie um ein Wiedersehen gebeten. So hatte es angefangen. Nun erwartete sie ein Kind vom ihm, und dieses Kind würde sie noch fester aneinanderbinden.

Mann und Frau ein ganzes Leben lang. Ein wundersam zärtliches Lächeln umblühte Heides Mund, als sie daran dachte. Es spielte für sie keine Rolle, dass Winfried reich war. Anfangs hatte sie es nicht einmal gewusst.

Auf der Straße ging sie etwas steifer als sonst, weil sie spürte, dass sie ihre ganze Kraft für die vor ihr liegende Begegnung mit Bode brauchen würde.

Der Mann hasste sie, nur weil sie nicht bereit gewesen war, sich seinen schmutzigen Wünschen zu fügen. Ihr Stolz gab Heide die Kraft, der Begegnung mit Ruhe entgegenzusehen.

Dabei empfing Herr Bode sie ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Kein mürrisches Gesicht, keine eisigkalte Mine, strahlend kam er ihr entgegen.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte Bode leutselig. »Hoffentlich sind Sie wieder ganz auf dem Posten, mein liebes Fräulein Gabler.«

»Ich bin ... völlig gesund«, stieß das Mädchen hervor.

»Wie schön, dann brauche ich Ihnen ja keinen Stuhl für die Eröffnung anzubieten, die ich Ihnen zu machen habe.« Noch immer rieb sich Bode die Hände, und noch immer grinste er. »Mit Hilfe Ihrer Kollegin habe ich ausgerechnet, wie viel Porzellan Sie zerschlagen haben.« Er lachte über den Doppelsinn des zerschlagenen Porzellans, während Heide sich verfärbte. »Es sind über dreitausend Mark. Aber Sie kriegen selbstverständlich Prozente, Fräulein Gabler. Sie brauchen nur den Einkaufspreis zu bezahlen.«

»Das ist ja ... nicht zu fassen«, stöhnte Heide.

Diesmal wurde sie nicht ohnmächtig. Mit übermenschlicher Kraft riss sie sich zusammen. Sie wankte zwar ein wenig, und ihre Lippen waren weiß wie die gekalkte Wand des Warenhauses, aber sie wurde nicht ohnmächtig.

»Und nun darf ich Sie wohl bitten, ein Staubtuch in die Hand zu nehmen, nicht wahr?«, erkundigte sich Bode ironisch. »Und wenn Sie noch Lust haben, irgendetwas fallen zu lassen ... Ich schreibe es dann gleich mit dazu.«

Er schlenderte davon. Und Heide hatte den Eindruck, als schaue selbst sein Rücken sie ironisch an.

»So ein Kerl«, knurrte ihre ältere Kollegin. »Er brauchte doch nur zu sagen, es hätte sich um einen Unfall gehandelt. Die sind doch oben versichert gegen so etwas. Nur wenn wir etwas kaputtschmeißen, müssen wir es bezahlen.«

»Herr Bode ... wird mir nicht helfen.«

Heide senkte tief den Kopf auf die Brust. Sie hatte schon vom Leben gelernt, dass man am besten tut, sich auf keinen anderen Menschen zu verlassen. Niemand war ja bereit, einem zu helfen.

Nur Mutter, dachte sie. Und natürlich Winfried. Winfried würde ihr bestimmt helfen. Wieder huschte dieses verträumte Lächeln um ihren Mund.

In vier Wochen kann ich schon Frau Steinhoff sein, Heide Steinhoff.

Sogar Bode, der sie aus den Augenwinkeln heraus beobachtete, wagte nicht, jetzt noch eine gehässige Bemerkung in ihr verklärtes Gesicht hinein abzuschießen.

***

»Sie haben das ja sehr eilig.« Bode zog die Brauen hoch und warf einen überflüssig langen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich wünschte, Sie wären auch sonst immer so eifrig, Fräulein Gabler.«

Heide lächelte ihm nur geistesabwesend zu.

Schon ein paar hundert Meter weiter erhob sich in der Innenstadt das große Versicherungsgebäude, von dem Steinhoff einige Stockwerke gemietet hatte.

»Dort oben ist mein Arbeitszimmer«, hatte Winfried ihr einmal gesagt und ihr eines der riesigen Fenster näher bezeichnet.

Die Halle des riesigen Gebäudes war ganz mit Marmor verkleidet, soweit die großen Glasflächen das zuließen. Der Pförtner zeigte ihr den Fahrstuhl.

Eine etwas ältere Dame erkundigte sich nach ihren Wünschen. Herr Steinhoff sei nur nach vorheriger schriftlicher Anmeldung zu sprechen, erklärte sie Heide freundlich, aber dennoch mit unnachgiebiger Härte in der Stimme. Und außerdem sei Herr Steinhoff augenblicklich in einer wichtigen Konferenz und dürfe nicht gestört werden.

»Ich kann ja auf ihn warten«, schlug Heide vor.

Unter normalen Umständen hätte die Pracht der Ausstattung sie vielleicht eingeschüchtert, aber jetzt war sie nicht mehr die kleine Heide Gabler, sondern eine künftige Mutter, die um ihr ungeborenes Kind kämpfte.

»Ausgeschlossen«, wehrte die Vorzimmerdame ab. »Wenn Sie dieses Formular, bitte, ausfüllen wollen.«

Heide nahm es automatisch in Empfang und überflog es. Es handelte sich um eine Art Fragebogen. Sie sollte aufschreiben, wer sie war, wen sie zu sprechen wünschte, und in welcher Angelegenheit sie den betreffenden Herrn zu sprechen wünschte.

Unwillkürlich schüttelte Heide den Kopf.

»Weil ich ein Kind von dir unter dem Herzen trage, von dem du noch nichts weißt ...«

Das konnte man sagen, aber nicht, schreiben. Es ging ja niemanden etwas an als nur Winfried und sie.

»Darf ich nicht einmal mit Herrn Steinhoff telefonieren?« Heide richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf. »Es handelt sich um eine Privatsache. Herr Steinhoff lässt mich ganz bestimmt vor, wenn er meinen Namen hört.«

Die Vorzimmerdame stieß einen leichten Seufzer aus. Ihre Hartnäckigkeit brachte sie wohl aus dem Konzept.

»Wenn Sie wüssten, wie viele Besucher das täglich von ihm behaupten«, meinte sie gelangweilt.

»Winfried!«

Der Mann, der hier solch eine große Position einnahm, war in diesem Augenblick ins Vorzimmer gekommen. Er trug den Regenmantel über dem Arm, in der anderen Hand Aktentasche und Hut.

»Du?«

Heide wusste nicht, was für ein Wunder geschah, als der gefürchtete, strenge Chef Aktenmappe, Hut und Regenmantel einfach auf den ersten besten Schreibtisch warf und ihr, die Hände freudig vorgestreckt, herzlich entgegenkam.

So kannte man ihn nicht, und niemand hatte sich vorstellen können, dass der Herr Winfried Steinhoff tatsächlich ein richtiges fühlendes Herz in der Brust hatte.

Heide kannte ihn so, und sie kannte ihn nur so.

»Winfried«. Ihre Stimme schwankte vor innerer Bewegung. »Hast du einen Augenblick Zeit für mich?« Sie schluckte. »Es ist sehr wichtig, glaube ich.«

« Selbstverständlich, Kleines.«

Steinhoff legte seine Hand leicht stützend unter ihren Arm. Bevor er Heide allerdings durch die Tür schieben konnte, hielt die Stimme der Sekretärin ihn noch einmal zurück.

»Die Konferenz um achtzehn Uhr dreißig, Herr Direktor ... Die Herren erwarten Sie.«

Winfrieds Gesicht veränderte sich, wurde plötzlich wieder unbewegt und kalt. Er zog den linken Ärmel hoch und warf einen Blick auf die Armbanduhr.

»Danke, Fräulein Henning, ich werde eben etwas schneller fahren.«

»Ich störe dich jetzt zu einer ungelegenen Zeit«, murmelte Heide, als sie sich in einem anderen Zimmer befand, in dem nur zwei junge Damen über Schreibmaschinen gebeugt dasaßen.

»Du störst mich nie«, versicherte Winfried freundlich. »Allerdings, das muss ich ehrlich zugeben, habe ich nicht viel Zeit.« Er öffnete ihr eine weitere Tür. »Das Allerheiligste«, äußerte er mit deutlichem Spott.

Er nahm sie in den Arm und drückte sie leicht an sich. Graublau waren seine Augen, zwingende, herrische Augen.

Dass dieser Mann mich liebt, schoss es Heide durch den Kopf. Sie kam sich plötzlich ganz klein vor.

»Ich ... ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.« Heide zog die Unterlippe zwischen die Zähne und krauste die leicht gerundete Stirn.

Winfried drückte sie in einen der bequemen Klubsessel und setzte sich selbst auf die dick gepolsterte Lehne. Vielleicht war es Zufall, dass sich sein Jackenärmel hochschob, aber sicherlich war es kein Zufall, dass er sein Handgelenk so weit drehte, bis er das Zifferblatt der Uhr unauffällig erkennen konnte.