Lore-Roman 113 - Ina Ritter - E-Book

Lore-Roman 113 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Für Björn Weihkämper und Sabrina Lindenau ist es die ganz große Liebe. Von der ersten Sekunde an wissen beide, dass sie zusammengehören. Aber ein Schatten lastet auf ihrem Glück, denn Björn ist noch gebunden - gebunden an eine kranke Frau, die seit fünf Jahren in einem Sanatorium lebt und vor sich hin dämmert und die ihren Mann braucht wie keinen anderen Menschen auf der Welt ...

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Inhalt

Cover

Muss unsere Liebe Sünde sein?

Vorschau

Impressum

Muss unsere Liebe Sünde sein?

Ein junger Arzt im Zwiespalt der Gefühle

Von Ina Ritter

Für Björn Weihkämper und Sabrina Lindenau ist es die ganz große Liebe. Von der ersten Sekunde an wissen beide, dass sie zusammengehören. Aber ein Schatten lastet auf ihrem Glück, denn Björn ist noch gebunden – gebunden an eine kranke Frau, die seit fünf Jahren in einem Sanatorium lebt und vor sich hin dämmert und die ihren Mann braucht wie keinen anderen Menschen auf der Welt ...

»Ob ich schon die Kartoffeln aufsetzen soll?« Katharina Lindenaus Worte galten niemanden; wenn sie allein war, hielt sie manchmal Selbstgespräche, ohne es zu merken. »Bloß wenn sie wieder alle zu spät kommen ... Ich werde warten.« Bedauernd verließ Frau Lindenau ihre moderne Küche, auf die sie unglaublich stolz war.

Thomas hatte sie ihr zu Weihnachten geschenkt, eine Einbauküche mit allen Schikanen. Sogar mit einer Geschirrspülmaschine, obwohl sie früher nichts von diesen Dingern gehalten hatte.

Ein guter Junge, der Thomas, sinnierte sie, als sie das Wohnzimmer durchquerte und über den Vorgarten auf die Straße schaute. Ihr Haus war jetzt auch abgezahlt. Nicht, dass die Zinsen in den letzten Jahren eine zu hohe Belastung gewesen wären, aber so ganz ohne Schulden lebte es sich besser.

Sabrina war noch in der Schule, sie hatten dort eine Konferenz, und die zog sich manchmal in die Länge. Schade, dass sie nicht auch Medizin studiert hat wie Thomas, dachte Katharina Lindenau. Aber damals war es nicht möglich gewesen, und außerdem hatte Sabrina es auch nicht gewollt. Sie war zu sensibel für den Beruf. Mit den Kindern in der Schule wurde sie sehr gut fertig, obwohl die ja heutzutage schrecklich wild und meistens sehr unerzogen waren, fand Katharina Lindenau, Sabrina hatte wohl die richtige Art mit ihnen umzugehen.

Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie jetzt den alten Volkswagen sah, der vor dem Haus hielt. Sabrinas Auto. Sie besaß es seit einem halben Jahr und war ungeheuer stolz darauf. Wenn man es nicht weiß, sieht man eigentlich gar nicht, dass sie mit dem rechten Bein Schwierigkeiten hat, dachte die Mutter. Ihr Hinken war wirklich kaum zu sehen.

Sie ging zur Tür und öffnete sie, bevor ihre Tochter noch den Schlüssel aus der Handtasche nehmen konnte.

»Du kommst schon?«, fragte sie lächelnd.

»Ich kann es nicht leugnen, Mutsch. Bin ich zu spät dran? Sind die Kartoffeln etwa zu Matsch gekocht? Dann bitte ich tausendmal um Entschuldigung. Du, ich muss heute noch mal weg ...«

»Schon wieder?«, fragte ihre Mutter und runzelte die Stirn. »Übernimmst du dich nicht, Sabrina? Du musst dich noch schonen, vergiss das nicht. Thomas meint auch ...«

»Ach, lass mich mit den Ärzten zufrieden«, fiel Sabrina ihrer Mutter lachend ins Wort.

Wenn sie lacht, ist sie richtig hübsch, schoss es Katharina durch den Kopf. Eine strahlende Schönheit war ihre Tochter nicht, das musste selbst sie als stolze Mutter zugeben, dafür aber unerhört sympathisch. Irgendwann wird sie auch noch einen Mann finden, heiraten und Kinder bekommen, dachte sie. Heutzutage gab es ja diese Schutzimpfung gegen Kinderlähmung, Sabrinas Kinder würden einmal nicht das Schicksal ihrer Mutter erleiden müssen. Sabrina war sieben Jahre alt gewesen, als die tückische Krankheit sie überfallen hatte. Kein besonders schwerer Fall, hatte es damals geheißen ...

»Was schaust du mich so an, Mutsch?«, fragte Sabrina und blickte an sich hinab. »Ist irgendetwas mit mir nicht in Ordnung?«

»Doch, doch. Ich musste nur an die Zeit denken, als du noch im Rollstuhl gefahren bist.«

»Das liegt Gott sei Dank hinter mir. Hättet ihr mir nicht immer so geholfen ... Aber sprechen wir nicht mehr davon. Das ist vorbei und Vergangenheit. Sind die anderen noch nicht da?«

»Nein. Dein Vater hat angerufen, dass ich ihm sein Essen warmstellen soll, und Thomas ... Du kennst ihn ja. Oft genug vergisst er, mich zu benachrichtigen, wenn er nicht kommen kann. Wo der nur immer mit seinen Gedanken ist.«

»Jedenfalls nicht beim Essen. Schlimm, wo eine warme Mahlzeit doch das Wichtigste vom ganzen Tage ist.«

»Du brauchst dich gar nicht über mich lustig zu machen, Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, und was Thomas und Vater in der Kantine vorgesetzt bekommen ...«

»Würde nicht mal dein Hund fressen, hättest du einen«, meinte Sabrina übermütig. »So schlecht ist das Kantinenessen überhaupt gar nicht, wie du glaubst. Natürlich nicht mit deinem zu vergleichen, aber wer kocht schon so gut wie du? Und nimmt immer nur frische, gute Butter.«

»Sabrina!«, sagte Katharina Lindenau vorwurfsvoll. »Mit Butter schmeckt alles anders, als wenn man Margarine nimmt, das kannst du mir ruhig glauben. Was hast du denn heute Abend noch vor? Triffst du dich wieder mit einem Kollegen, um über einen schwierigen Schüler zu reden?«

»Du hast es erraten.«

»Triffst du dich eigentlich immer mit demselben Kollegen?«, wollte ihre Mutter wissen. »Ist er verheiratet?«

»O Mutter!«

»Das ist keine Antwort. Schließlich mache ich mir so meine Gedanken um dich. Ich kenne mich in der Welt aus, und ...«

»Und deshalb weißt du, was die Männer wollen«, lachte Sabrina. »Ich kenne das, Mutsch, du hast es mir oft genug gesagt. Du brauchst nicht mehr auf mich aufzupassen. Ich kann mir meine Windeln selbst wechseln.«

»Ich finde das gar nicht so spaßig wie du. Durch deine Krankheit ... Die anderen Mädchen sind damals ausgegangen, haben Jungen kennengelernt, während du ...«

»Auch im Rollstuhl habe ich genügend mitbekommen, wenn dich das beruhigt. Sie haben ausführlich erzählt, was sich in ihrem Leben so tut. Ich bin aufgeklärt und glaube nicht mehr an den Klapperstorch.«

»Ja ... Du bist sehr vertrauensselig. Du warst immer behütet, bist kaum einmal von Menschen enttäuscht worden, weil alle Rücksicht auf dich nahmen ...Du brauchst mich gar nicht auszulachen, Sabrina, aber ich habe einfach Angst davor, dass mal ein Mann kommt und dich ausnutzt. Männer wollen ...«

»Geschenkt«, fiel ihr Sabrina ins Wort. »Björn nicht.«

Prompt horchte Katharina auf. »Björn?«, wiederholte sie alarmiert.

Ihre Tochter seufzte abgrundtief.

»Hab ich Björn gesagt?«, fragte sie dann und konnte schon wieder schmunzeln.

»Erzähl mir von ihm. Warum bringst du ihn nicht mal zum Abendessen mit? Schließlich möchten wir ihn auch kennenlernen. «

»Und ordentlich aushorchen. Lass mich in Ruhe, Mutsch. Ich weiß, was ich will. Und ... so weit sind wir noch nicht.«

»Pass nur gut auf dich auf. Verheiratet ist er ja wohl nicht? Aber mit einem verheirateten Mann würdest du dich auch nie einlassen. Ein Kollege? Lebt er noch bei seinen Eltern? Aber die meisten haben ihre eigene Wohnung, wollen unabhängig sein.«

»So fragt man Leute aus. Ich stell mich noch rasch unter die Dusche. Es war heute wieder schrecklich heiß im Lehrerzimmer, und es finden sich immer welche, die dagegen sind, frische Luft reinzulassen. Und wie die wieder gequalmt haben ... Sind für Umweltschutz und alles, aber ihre Lungen pumpen sie mit Gift voll. Und darüber kann man nicht mit ihnen reden. Eigentlich verdammt rücksichtslos, aber ohne Zigaretten kommen sie nicht aus, sagen sie.«

»Warum willst du mir nichts von diesem Björn erzählen?«, fragte Katharina Lindenau hartnäckig. So leicht ließ sie sich nämlich nicht ablenken. »Ich will ja nicht neugierig sein, aber als Mutter habe ich schließlich ein gewisses Recht ...«

Sie konnte nicht weitersprechen, Sabrina legte einfach die Arme um sie und gab ihr einen Kuss auf den Mund.

»Ich geh jetzt ins Badezimmer.«

Voller Sorge schaute Katharina ihrer Tochter nach. Es gab also einen Mann in ihrem Leben, einen Mann, der ihr offenbar sehr viel bedeutete. Und über den sie nicht sprechen wollte und konnte. Warum nicht? Was war da nicht in Ordnung?

Sabrina war für Katharina Lindenau länger Kind gewesen als etwa Thomas. Sie hatte immer besondere Aufmerksamkeit gebraucht. Und sie hatte nie Geheimnisse vor ihrer Mutter gehabt. Auch nicht, während sie studierte. Anfangs noch im Rollstuhl. Es war trotz allem eigentlich eine schöne Zeit, sinnierte sie, während sie gleichzeitig seufzte. Björn ...

Ob Thomas etwas von diesem Björn weiß? Die Geschwister verstanden sich besonders gut, trotz des großen Altersunterschiedes. Thomas hatte sich rührend um seine behinderte Schwester gekümmert. Er hatte ihr immer wieder Mut gemacht, wenn Sabrina verzweifeln wollte. Er hatte darauf geachtet, dass sie all die schmerzhaften, gymnastischen Übungen machte, die der Arzt ihr angeraten hatte. Ihm wird sie alles erzählt haben, und Thomas muss mir sagen, was mit diesem Menschen los ist, dachte die Mutter. Hoffentlich kam er heute pünktlich zum Essen. Oft genug blieb er länger in der Klinik, wenn ein Unfallopfer eingeliefert wurde, das er gleich operieren musste.

Thomas Lindenau war Hirnchirurg. Der beste Hirnchirurg der Welt, glaubte seine Mutter. Er würde es noch einmal sehr weit bringen. Aber im Augenblick arbeitete er einfach zu viel, fand Katharina. Richtig schmal geworden war er im letzten halben Jahr, seitdem man ihn zum Stationsarzt gemacht hatte. Er nahm seine Verantwortung einfach zu schwer, fand seine Mutter. Obwohl sie sich gleichzeitig sagte, dass ein Arzt seine Verantwortung gar nicht schwer genug nehmen konnte. Wenn er abends nach Hause kam, war er häufig total ausgepumpt, manchmal sogar zu müde, um noch Appetit zu haben. Wie musste sie ihm jedes Mal zureden, das warmgehaltene Essen zu sich zu nehmen. Er wollte dann immer nur seine Ruhe haben ...

Aus dem Badezimmer hörte sie Sabrina singen. Ihre Tochter hatte einen schönen Sopran. Früher hat sie nie gesungen, überlegte ihre Mutter. Wann hat sie damit angefangen? Eigentlich erst seit ein paar Monaten ... Ja, es war erst ein paar Monate her, dass Sabrina so verwandelt war, so fröhlich, so ganz anders als vorher.

Aber dass ein Mann dahintersteckte, darauf bin ich eigentlich nicht gekommen, dachte ihre Mutter. Wie dumm von mir! Aber jetzt wusste sie Bescheid und würde schon aufpassen, dass Sabrina keine Dummheiten machte.

Ich werde die Kartoffeln aufsetzen, beschloss sie. Wann essen wir eigentlich einmal alle zusammen? überlegte sie, als sie am Herd stand.

»Nur sonntags«, antwortete sie laut. »Und auch da nicht immer.«

»Hast du etwas gesagt?«, fragte Sabrina, die gerade aus dem Badezimmer gekommen war.

»Ich? Nein. Ich war ja allein. Und du willst heute Abend wieder weg?«

»Ich bewundere dein gutes Gedächtnis«, stichelte Sabrina.

Und dann machte sie, dass sie aus der Küche kam, bevor ihre Mutter wieder nach Björn fragen konnte. Es war einfach noch zu früh, mit ihr darüber zu sprechen. Sie wusste, wie ihre Mutter reagieren würde, und sie wollte das nicht hören, was ihre Mutter zu sagen hatte. Schließlich bin ich alt genug, um zu wissen, was ich zu tun und zu lassen habe, machte sie sich klar. Ich liebe Björn ...

Bisher hatte sie die Liebe nur aus Büchern gekannt und die Beschreibungen für maßlos übertrieben gehalten. Jetzt wusste sie es besser. Liebe konnte man gar nicht richtig beschreiben, das war einfach ein Gefühl, das einen Menschen ganz ausfüllte, alles andere verdrängte, das Denken und Fühlen absolut beherrschte.

Aber natürlich nur, wenn der Mann Björn hieß und der netteste Mann der ganzen Welt war. Und so unglücklich ... Nein, jetzt nicht mehr, nicht mehr, seitdem wir uns gefunden haben, verbesserte Sabrina sich, während sie das Kleid, das sie aus dem Schrank genommen hatte, kritisch musterte. Bis vor Kurzem hatte sie wenig wert auf ihre Kleider gelegt, weil es ihr gleichgültig gewesen war, wie sie aussah. Wer schaute schließlich schon nach ihr?

Seitdem sie Björn liebte, war das anders geworden, und das, obwohl sie wusste, wie wenig wert gerade Björn auf Äußerlichkeiten legte. Ich bin keine Schönheit, stellte sie selbstkritisch fest. Aber ich habe schöne Augen. Sie strahlten, als sie ihrem Spiegelbilde zunickte. Björn hatte es gesagt, und er hatte recht. Ihre Augen waren zweifelsohne das Schönste an ihr. Und ihre Lippen waren auch hübsch. Lippen, die jetzt gern und sogar leidenschaftlich küssen konnten ...

Dass ich noch so viel Glück erleben würde, dachte sie, als sie sich für ein anderes Kleid entschied und es überzog. Als sie sich darin im Spiegel betrachtete, sich nach allen Seiten drehte, fand sie es allerdings auch nicht gut genug. Es war aber das Beste, das sie hatte.

Morgen kaufe ich mir ein paar wirklich hübsche Kleider, beschloss Sabrina. Sie verdiente ja gut, brauchte zu Hause nichts abzugeben und hatte deshalb schon einen ansehnlichen Betrag gespart.

»Für deine Aussteuer. Ein Mädchen muss eine richtige Aussteuer haben, wenn es heiratet«, pflegte ihre Mutter zu sagen. Sie ist so eine patente Frau, dachte Sabrina, aber in manchen Dingen ist sie einfach altmodisch geblieben. Wenn sie wüsste, dass Björn ... Aber sie würde es nicht erfahren. Jedenfalls nicht heute und nicht morgen. Irgendwann, wenn sich das Problem gelöst hatte. Bloß wie es sich lösen sollte ...

Nicht daran denken. Einen Moment glitt ein Schatten über Sabrinas frohes, aufgeschlossenes Gesicht. Björn und sie liebten sich, sie wussten, dass sie zusammengehörten, und weiter zählte nichts. Es war nur manchmal schwer, alles andere darüber zu vergessen.

Ihre Mutter warf ihr einen misstrauischen Blick zu, als sie sich später in der Küche auf ihren angestammten Platz setzte.

»Noch fünf Minuten, dann sind die Kartoffeln gar. Und nun erzähl mir von diesem Björn. Wie alt ist er? Was macht er? Überhaupt alles.«

»Tut mir leid, aber darüber rede ich jetzt noch nicht. Wenn es so weit ist, wirst du ihn kennenlernen, großes Ehrenwort.«

»Hat er sich dir noch nicht erklärt?«, fragte Katharina Lindenau aufhorchend.

Sabrina fand diese Formulierung so überwältigend komisch, dass sie lachen musste.

»Ich weiß, ihr drückt es heute anders aus, aber du hast doch verstanden, was ich meine. Hat er ernste Absichten? Ich meine, will er dich heiraten?«

»Ja.«

»Dann bringe ihn am Sonntag mit. Was isst er am liebsten?«

»Mutsch, nun gib Ruhe, wir sind noch nicht so weit.«

»Aber wenn ihr heiraten wollt ... Wir als deine Eltern müssen doch schließlich wissen, wen du dir da ausgesucht hast.«

Sabrina verstand ihre Mutter gut, nur zu gut. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie Björn noch nicht mitbringen konnte. Ihre Mutter hatte manchmal eine peinlich direkte Art, ihre Fragen zu stellen.

»Ruf mich, wenn das Essen fertig ist«, schlug sie vor und stand auf, um ins Wohnzimmer zu gehen. »Ich bin heute noch gar nicht dazu gekommen, einen Blick in die Zeitung zu werfen.«

»Sie liegt im Zeitungsständer.«

»Selbstverständlich, bei uns herrscht schließlich Ordnung«, meinte Sabrina schmunzelnd. Dass ich mich auch versprechen musste, dachte sie. Hätte ich Mutter belügen, ihr von einem Kollegen erzählen sollen? Aber sie hatte ihre Mutter eigentlich nie belogen und nicht die Absicht, jetzt noch damit anzufangen.

Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie den Wagen ihres Bruders hörte. Sie erkannte ihn am Motorengeräusch, und wie vorher ihre Mutter ging jetzt sie ihrem Bruder öffnen.

»Hallo, Großer!«, begrüßte sie ihn.

Thomas Lindenau lächelte ihr zu.

»Du siehst müde aus, du solltest nicht so viel arbeiten. Schön, dass du pünktlich bist. Das Essen wird jeden Moment fertig sein. Hoffentlich hast du großen Hunger mitgebracht.«

»Überhaupt nicht. Ich bin einfach zu müde. Was gibt es Neues, Sabrina?«

»Gar nichts, und bei dir? Mal wieder ein paar Leuten ins Gehirn geschaut?«

»Der übliche Kram ... Heute Nachmittag haben sie uns einen Mann gebracht, der mit dem Kopf durch die Windschutzscheibe geflogen ist. Mein Gott, dass diese Dummköpfe sich nie anschnallen wollen!«

»Ihr habt dann die Arbeit. Lebt er noch?«

»Er ist gestorben. Operation soweit gelungen ... Aber für ihn war es wahrscheinlich das Beste, dass ... Er muss wohl noch gegen einen Holm geprallt sein. Er wäre nie wieder ein richtiger Mensch geworden, hätte er es überlebt.«

»Und trotzdem habt ihr operiert?«, fragte Sabrina.

Thomas stutzte. »Ja ... ehrlich gesagt, darüber haben wir eigentlich gar nicht nachgedacht. Weißt du, solange ein Mensch lebt, tun wir alles, um ihm am Leben zu erhalten. Der Tod liegt in Gottes Hand, nicht in unserer.«

»Und wenn ihr durch eure Arbeit einen Menschen zu qualvollem Siechtum verdammt?«

»Als Ärzte haben wir unsere Pflicht zu tun, und unsere Pflicht heißt nun einmal, Leben zu erhalten, solange es geht. Du stellst heute merkwürdige Fragen.«

»So? Findest du? Ich glaube, ihr denkt zu wenig über das nach, was ihr da tut. Ich meine über die Folgen. Wenn ein Mensch nach eurer Operation kein richtiger Mensch mehr ist ... wenn ihr das voraussehen könnt ...«

»So etwas kann niemand mit Sicherheit voraussehen. Es ist vorgekommen, dass wir Patienten aufgegeben hatten. Ein hoffnungsloser Fall, haben wir gesagt, und dann kommt so ein Mensch durch, erholt sich wieder. Gegen alle Lehrbuchmeinungen! Wir Ärzte müssen uns daran gewöhnen, an Wunder zu glauben.«

»Und das sagt ausgerechnet ein Naturwissenschaftler. «

»Weil ich diese Wunder erlebt habe. – Guten Abend, Mutsch, es riecht gut hier. Was gibt es Neues?«

»Du siehst müde aus«, stellte auch Katharina Lindenau fest.

»Hat mir deine Tochter auch gerade eben gesagt. Ich geh jetzt erst einmal unter die Dusche, danach fühle ich mich bestimmt wieder besser.«

»Thomas hat einen Patienten nach einer großen Operation verloren«, erläuterte Sabrina.

»So etwas darf dir nicht auf den Magen schlagen. Du hast doch bestimmt getan, was du konntest. Mach dir keine Vorwürfe, Thomas. Wenn du ihn nicht retten konntest ...«

»... dann hätte das auch kein anderer Arzt auf dieser Welt fertiggebracht«, vollendete Sabrina den abgebrochenen Satz ihrer Mutter.

Sie lächelte ein wenig nachsichtig. Für sie war Thomas der große Bruder, nicht der Wunderarzt, den ihre Mutter in ihm sah.

»Dusch nach dem Essen, dann brauche ich es nicht warm zu stellen. Es schmeckt nicht mehr so richtig, wenn man es nicht gleich isst.«

»Ich habe noch keinen Hunger ... tut mir wirklich leid, Mutsch.«

»Lass deinen Großen in Ruhe«, riet Sabrina, bevor ihre Mutter noch etwas sagen konnte. »Wenn man richtig geschlaucht ist, dann schmeckt das Essen nicht. Das geht mir manchmal auch so, wenn meine Schüler verrückt gespielt haben.«

»Wie ihr meint, es ist schließlich deine Gesundheit, Thomas. Aber wenn du es mal am Magen hast, dann mach mir keine Vorwürfe.«

»Schon gut ... Ich beeil mich«, schlug Thomas einen Kompromiss vor. »Heute werde ich wahrscheinlich nicht gestört werden. Hähnel hat Bereitschaftsdienst.«

»Ich finde es auch empörend, wenn sie dich bei jedem Notfall aus dem Bett holen. Hätte ich gewusst, dass du kommst ... aber bei euch Ärzten weiß man das ja nie.«

»Mir tut jetzt schon deine Frau leid«, behauptete Sabrina. »Du musst dir eine großzügige Frau suchen, Thomas.«

»Das hat noch Zeit ... Was soll ich mit einer Frau?«

»Was meinst du, Mutsch, ob ich es ihm mal erkläre?«, fragte Sabrina und machte ein todernstes Gesicht. »Es gibt da einen gewissen kleinen Unterschied zwischen Mann und Frau, Thomas ... »Aua!«, schrie sie, als der Große jetzt ihr Haar packte und sie daran beutelte. »Wenn du es doch nicht weißt ...«

»Du bist noch nicht groß genug, um von mir nicht übers Knie gelegt zu werden«, drohte Thomas. »Seitdem es dir besser geht, wirst du richtig frech. Wir haben dich total verzogen, scheint mir.«