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Ein Sommer voller Seligkeit - Der große Roman einer jungen Liebe
Die junge Ärztin Michaela Andresen ist hübsch und wird immer wieder von Patienten umworben. Doch sie ist nicht an einem kurzen Abenteuer interessiert, ihr Herz scheint von Liebe nichts wissen zu wollen.
Nach einem schweren Verkehrsunfall werden mehrere Verletzte, darunter der berühmte Schauspieler Gernot Trauberg, in die Klinik eingeliefert. Michaela fühlt sie sich zum ersten Mal zu einem Mann leidenschaftlich hingezogen. Doch Gernot stellt eine Bedingung: Wenn er sie heiratet, soll sie für ihn den Beruf aufgeben. Michaela ist hin- und hergerissen zwischen Pflichtgefühl und Liebe. Die Situation spitzt sich zu, als ein neuer Oberarzt an die Klinik kommt ...
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Ein Sommer voller Seligkeit
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Nona Buday/shutterstock
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-6644-0
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Ein Sommer voller Seligkeit
Der große Roman einer jungen Liebe
Von Ina Ritter
Die junge Ärztin Michaela Andresen ist hübsch und wird immer wieder von Patienten umworben. Doch sie ist nicht an einem kurzen Abenteuer interessiert, ihr Herz scheint von Liebe nichts wissen zu wollen.
Nach einem schweren Verkehrsunfall werden mehrere Verletzte, darunter der berühmte Schauspieler Gernot Trauberg, in die Klinik eingeliefert. Michaela fühlt sie sich zum ersten Mal zu einem Mann leidenschaftlich hingezogen. Doch Gernot stellt eine Bedingung: Wenn er sie heiratet, soll sie für ihn den Beruf aufgeben. Michaela ist hin- und hergerissen zwischen Pflichtgefühl und Liebe. Die Situation spitzt sich zu, als ein neuer Oberarzt an die Klinik kommt …
„Gut, dass Sie endlich kommen“, empfing Frau Rosenau die junge Ärztin. Sie bewohnte die angrenzenden Zimmer auf derselben Etage. „Sie sollen sofort in die Klinik fahren. Massenunfälle auf der Autobahn. Sie werden dringend gebraucht.“
Eine knappe Viertelstunde später stieg Dr. Michaela Andresen vor dem Krankenhaus aus ihrem Wagen. Der Pförtner öffnete ihr die Tür.
„Wie gut, dass Sie kommen, bei uns ist Hochbetrieb. Melden Sie sich im OP.“
Auf den Fluren herrschte ungewohnte Geschäftigkeit. Michaela kümmerte sich allerdings nicht um die vielen Menschen, die herumstanden.
„Endlich!“, empfing der Oberarzt sie nervös. „Beeilen Sie sich, Kollegin. Sie nehmen den letzten Tisch dort hinten. Schwester Anna, Sie können den Verband draußen anlegen, wie oft soll ich Ihnen das noch sagen! Der nächste Patient!“
Er sah bereits abgekämpft aus, sein Kittel war mit Blut bespritzt.
Michaela war froh, dass die ruhige Schwester Luise bei ihr instrumentierte. Sie gehörte zu den Frauen, die anscheinend niemals die Nerven verlieren. Während sie sich wusch, bereitete die Schwester den Patienten vor.
Es war kein großer Eingriff nötig, aber das Aussehen des Mannes machte Michaela Sorgen.
„Haben Sie schon Blutkonserven bereitstellen lassen?“, fragte sie.
„Ja. Wäre schade um ihn. Ich mache mir sonst nichts aus Klassikern, aber wenn er spielt, dann gehe ich immer hin. Sie sollten ihn nur einmal als Franz Moor sehen …“
„Wen?“, fragte Michaela, die ganz mit der Untersuchung beschäftigt war.
„Den Trauberg. Ein zu netter Mensch. Wenn er spielt, ist das Theater immer ausverkauft. Und auch seine Filme finde ich großartig.“
„So, Schauspieler ist er.“ Michaela begann zu operieren, während Luise beim Instrumentieren weiterredete. „Ich hätte es mir niemals träumen lassen, ihn so von nah zu sehen“, sagte sie und reichte Michaela das Catgut.
„Das haben Sie gut hingekriegt“, lobte sie, als Michaela den letzten Stich genäht hatte. „Die kleine Narbe wird seine Schönheit nicht beeinträchtigen. Sie sitzt ja an einer Stelle, wo man sie nicht sieht.“
Geschickt legte sie den Verband an, während Michaela sich mit dem nächsten Verletzten beschäftigte.
„Es soll fünf Tote gegeben haben, und einige von den Schwerverletzten werden auch noch sterben. Dass die Menschen auf der Autobahn immer so rasen müssen. Schade um das hübsche Mädchen“, fuhr Schwester Luise fort, als sie sich über die nächste Verletzte beugte. „Ausgerechnet so ein langer Schnitt im Gesicht.“
Es war eine gezackte Schnittwunde, und es würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine entstellende Narbe zurückbleiben. Michaela arbeitete mit äußerster Konzentration.
Mitternacht war vorbei, als die junge Ärztin fertig war. Vom Bücken tat ihr der Rücken ein wenig weh, und sie sehnte sich nach einer Tasse Kaffee. Aber dafür würde Luise schon sorgen.
„Den Trauberg haben wir auf unserer Station“, erzählte sie wichtig, als sie bald darauf mit zwei Tassen Kaffee in Michaelas Zimmer kam. Es war selbstverständlich, dass sie Michaela beim Kaffeetrinken Gesellschaft leistete. „Bin ja gespannt, wie er so privat ist. Manchmal haben diese Schauspieler Launen, aber ihm traue ich es eigentlich nicht zu.“
„Für uns ist er ein Patient wie alle anderen auch.“ Michaela lächelte über Luises ungewohnte Anteilnahme. In der Regel war die gute Luise recht phlegmatisch. Sie hatte nicht geahnt, dass die gute Seele sich überhaupt begeistern konnte.
„Lohnt sich kaum noch, sich ins Bett zu legen“, seufzte Michaela nach dem Kaffee. „Ich denke, ich lege mich hier auf den Diwan.“
Sie spürte jetzt die Müdigkeit nach der langen schweren Arbeit. Sie lag kaum, da fielen ihr auch schon die Augen zu.
***
Michaela wachte morgens aus bleischwerem Schlaf auf. Unmutig stellte sie den Wecker ab. Was würde ich darum geben, dachte sie, könnte ich jetzt noch weiterschlafen.
Heute gibt es viel zu tun, dachte sie, denn die frisch Operierten machten mehr Arbeit als andere Patienten. Was für einen herrlichen Beruf habe ich, sagte sie sich, als sie sich ankleidete. So schwer und entsagungsvoll er manchmal auch sein mochte, sie hätte ihn gegen keinen anderen eintauschen mögen.
„Er ist schon wach, fühlt sich aber noch sehr elend“, erzählte ihr Schwester Luise, der man die durchwachte Nacht nicht ansah.
„Wer ist wach?“
Luise machte einen recht gekränkten Eindruck.
„Ich spreche natürlich von Trauberg. Er möchte Sie bald sprechen. Er hat Theaterverpflichtungen, wissen Sie, und am liebsten würde er sofort aufstehen. Ich habe ihm gesagt, dass er wenigstens vier Wochen bei uns bleiben muss. Aber mir will er das nicht glauben.“
„Er wird warten müssen bis zur Visite. Auch ihm braten wir hier keine Extrawürste.“
Schwester Luise wiegte den Kopf hin und her.
„Prinzipien sind ja gut und richtig“, sagte sie, „aber Ausnahmen müssen auch sein. Ich hab ihm versprochen, dass ich Sie hole. Es dauert ja auch nicht lange. Sie sagen ihm ein paar beruhigende Worte …“
„Luise, Luise, was ist nur mit Ihnen los?“, seufzte Michaela. „Also gut. Ich gehe zu Trauberg.“
„Und seien Sie nett zu ihm, Fräulein Doktor. Ich meine, Sie können ihm ja ein bisschen vorsichtig beibringen, dass er nach den vier Wochen noch Ruhe braucht.“
„Ich weiß nicht, wie man so etwas vorsichtig beibringen soll. Er kann froh sein, dass für ihn alles so glimpflich abgelaufen ist.“
Michaela schmunzelte über Luises Eifer. Und dieses Lächeln lag auch noch auf ihrem Gesicht, als sie zu Trauberg ins Zimmer ging.
***
„Was wollen Sie bei mir?“, herrschte Gernot Trauberg die eintretende junge Dame an. „Ich verlange, den diensthabenden Arzt zu sprechen. Mein Gott, kann man sich denn hier überhaupt nicht verständlich machen? Nun gehen Sie schon und holen ihn! Ich habe nicht so viel Zeit wie Sie, Schwester.“
Michaela betrachtete ihn amüsiert.
„Sie haben sogar sehr viel mehr Zeit. Ich wüsste nicht, was Sie den ganzen Tag hier tun wollen. Und das vier Wochen lang. Wenigstens. Unter der Voraussetzung nämlich, dass Ihre Verletzungen gut heilen.“
„Ich habe Sie nicht um Ihre Meinung gefragt. Ich möchte den Arzt sprechen.“
Er benahm sich wie ein verwöhntes Kind, und seltsamerweise wurde Michaela nicht einmal wütend.
„Ich bin Ärztin und habe Sie behandelt, Herr Trauberg. Deshalb weiß ich zufällig genau, wie es um Sie steht. Es hat wirklich keinen Zweck, dass Sie sich anstrengen. Wie fühlen Sie sich?“
„Miserabel! Ich muss heute Abend zur Vorstellung. Ich bleibe hier nicht! Die Leute wollen mich sehen!“
Michaelas Lächeln verstärkte sich.
„Es wird auch ohne Sie gehen müssen, Herr Trauberg. Ich werde Ihnen ein paar Beruhigungstabletten geben.“
„Ich will mich aber nicht beruhigen!“, widersprach Gernot Trauberg mit der geschulten Stimme eines Schauspielers. „Ich will mich aufregen, und ich tu es.“
„Bitte schön, aber dann allein. Ich habe nämlich noch mehr zu tun, als mir Ihre Tiraden anzuhören. Sie sollten Gott im Himmel danken, dass Sie noch leben. Wäre das Steuerrad zwei Zentimeter tiefer in Ihren Leib gerammt worden …“
„Bin ich sehr schwer verletzt?“ Von einer Sekunde zur anderen wechselte der Ausdruck des Mannes. Er sah jetzt ernsthaft besorgt aus. „Sagen Sie mir die Wahrheit, ich werde sie ertragen.“
Er spielt eigentlich immer, dachte Michaela. Er fällt von einer Rolle in die andere.
„Ihre Verletzungen sind keineswegs lebensgefährlich, aber Sie dürfen sie auch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Zwei Wochen wenigstens müssen Sie im Bett liegen bleiben, dann dürfen Sie einige Stunden am Tag aufstehen.“
„Und meine Theaterverpflichtungen? Ich soll in Salzburg gastieren. Die Proben beginnen bald. Ich muss schneller gesund werden.“
„Ich bin Ärztin und keine Zauberin, tut mir leid. Kann ich noch etwas für Sie tun?“ Michaela warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Sie sind nicht der einzige Verletzte, der gestern eingeliefert wurde. Auf der Autobahn muss es wüst ausgesehen haben.“
„Was ist eigentlich aus der kleinen Brombach geworden? Sie war bei mir im Wagen, als wir auf den Laster brummten. Und Sie sind ganz sicher, dass ich wenigstens vier Wochen bleiben muss?“, sprach er weiter, ohne eine Antwort abzuwarten.
„Ja. Und nach Fräulein Brombach werde ich mich erkundigen. Eine Bekannte von Ihnen?“
„Ja. So gut wie verlobt. Ihr Vater hat furchtbar viel Geld.“ Er brachte es so naiv heraus, dass Michaela ihm nicht einmal böse sein konnte.
„Bis zur Visite dann. Wenn Sie Wünsche haben, klingeln Sie nach der Schwester. Schwester Luise ist eine große Verehrerin Ihrer Kunst.“
„Ist sie jung und hübsch?“, fragte Trauberg hoffnungsvoll.
„Jetzt nicht mehr. Vor dreißig Jahren war sie es aber bestimmt einmal. Bis nachher dann.“
Michaela ging hinaus.
„Braucht er etwas?“, wollte Schwester Luise sofort wissen.
Michaela lachte sie aus.
„Wenn Sie ihn sehen wollen, gehen Sie doch einfach zu ihm und lassen sich erzählen, was für ein feiner Kerl er ist. Das wird er wohl jedem erzählen, ob er es hören will oder nicht.“
„Sie mögen ihn nicht. Warum nicht?“, fragte die alte Luise streng.
Michaela stutzte. Eine Schwester hatte eigentlich ihr gegenüber nicht solch einen Ton anzuschlagen. Als Ärztin brauchte sie sich Luise gegenüber nicht zu rechtfertigen. Aber ihr Humor gewann wie immer die Oberhand.
Sie lächelte. „Ich bin eben kein Typ, der zum Schwärmen neigt. Haben Sie die Krankenblätter fertig? Ich möchte mit der Visite beginnen.“
„Noch nicht ganz, Fräulein Doktor. Der Zustand von Fräulein Brombach macht mir Sorgen. Sie hat hohes Fieber. Eigentlich merkwürdig bei solch einer kleinen Sache.“
„Brombach. Richtig, nach der hat Trauberg gefragt. Sie ist so etwas Ähnliches wie seine Verlobte, hat er mir klargemacht, weil ihr Vater sehr viel Geld besitzt.“
„Es gibt schlechtere Heiratsgründe als Geld“, knurrte Schwester Luise, der es nicht behagte, etwas Ungünstiges über Gernot Trauberg zu hören. An und für sich war sie eine Idealistin, die Geld und irdische Güter verachtete. „Er ist jung und sieht blendend aus, weshalb sollte er da nicht ein reiches Mädchen nehmen. Und sie kann überhaupt froh sein, wenn ein Mann wie Trauberg sie haben will.“
Das Befinden der Patienten auf Michaelas Station war ziemlich zufriedenstellend. Neben Kirsten Brombachs Bett blieb sie stehen und lächelte der jungen Dame freundlich zu, deren eine Gesichtshälfte unter einem dicken Verband verschwand.
„Wie fühlen Sie sich?“
„Was ist mit meinem Gesicht?“ Das Mädchen tastete mit den Fingerspitzen über den Verband. „Es tut mir weh. Was ist mit meinem Gesicht?“, wiederholte sie drängender und voller Angst.
Als Ärztin war es Michaela gewohnt, tröstend zu lächeln.
„Eine Schnittverletzung. Sie haben viel Blut verloren, Fräulein Brombach. In vierzehn Tagen können wir wahrscheinlich die Fäden ziehen, und dann entlassen wir Sie auch. Eine Zeit lang müssen Sie noch ein Pflaster tragen …“
„Und es wird eine Narbe zurückbleiben?“, fragte das Mädchen bang. „Wie groß, Frau Doktor?“
„Wie groß? Solch eine Narbe sieht im ersten Moment schrecklich aus, aber ich versichere Ihnen, dass sie im Laufe der Zeit immer mehr verschwindet. Später sieht man sie kaum noch.“
„Wie groß ist die Narbe?“ Kirsten wollte sich nicht durch allgemeine Bemerkungen abspeisen lassen. „Sagen Sie es mir schon.“
„Sieben Zentimeter.“
„Wie, sieben …?“ Entsetzt schloss Kirsten die Augen. Ein paar Tränen quollen zwischen den geschlossenen Wimpern hervor.
Merkwürdig, dachte Michaela, auch sie fragt nicht nach dem Mann, mit dem sie zusammen im Auto gesessen hat. Beide denken zuerst an sich.
„Herr Trauberg ist übrigens gleichfalls verletzt worden. Innere Verletzungen.“
„Er lebt also. Seitdem ich zu mir gekommen bin, muss ich an ihn denken. Und er? Ist er auch im Gesicht … Als Schauspieler wäre es das Ende für ihn.“
„Nein, er hat keine äußerlich sichtbaren Verletzungen. Er hat übrigens nach Ihnen gefragt.“
Die Andeutung eines Lächelns huschte um Kirstens Lippen.
„Und was hat er gefragt?“
„Wie es Ihnen geht. Ich soll Sie recht herzlich von ihm grüßen. Nun, Sie werden ihn ja bald einmal besuchen.“
„Mit dem Ding da?“ Ihre Hand legte sich über den Verband, als wolle sie ihn vor der Welt verbergen. „Ob er mich noch lieben kann, wenn ich so entstellt bin?“
„Die Narbe macht Sie höchstens interessant, Fräulein Brombach. Glauben Sie mir, ein bisschen glatte Haut ist gar nicht einmal so wichtig. Und vernünftige Männer wissen das auch.“
„Das sagen Sie, aber es stimmt nicht. Ein schönes Gesicht ist sehr wichtig. Wie gut, dass wenigstens meine Figur in Ordnung ist.“
„Aber Sie haben Glück gehabt, Fräulein Brombach. Soll ich Herrn Trauberg etwas von Ihnen ausrichten?“
Kirsten nickte. „Wollen Sie ihm sagen, dass ich immer an ihn denke?“
„Soll ich ihm sagen, dass Sie ihn lieben?“, schlug Michaela mit verständnisvollem Lächeln vor. „Einer Ärztin können Sie alles sagen, Fräulein Brombach. Wir sind wie Beichtväter, die nicht über das sprechen, was sie hören und sehen.“
„Ich danke Ihnen. Ja, ich liebe ihn. Er ist wundervoll. Haben Sie ihn schon einmal auf der Bühne gesehen?“
„Ich weiß es nicht genau. Ich glaube nicht.“
„Sie würden es wissen, hätten Sie ihn gesehen. Einen Schauspieler wie ihn vergisst man nicht. Er ist einzigartig.“
***
„Sie haben mich lange warten lassen“, empfing Gernot Trauberg die Ärztin vorwurfsvoll, als sie sein Zimmer als Letztes betrat, gefolgt von Schwester Luise. „Sie sind sehr schön. Für eine Ärztin seltsam. Ich habe immer gedacht, die Ärztinnen wären alt, trügen eine Brille und wollene Strümpfe. Sie haben schöne Beine.“
„Herr Trauberg!“ Michaela war entrüstet.
Aber der Mann lachte. „Darf man das nicht sagen?“, fragte er. „Dann nehme ich also alles zurück. Wie oft machen Sie Visite?“
„Einmal am Tag, nachmittags gehe ich noch ein zweites Mal zu schwereren Fällen.“
„Und wann darf ich Sie heute Nachmittag erwarten?“
„Gar nicht. Sie sind kein schwerer Fall.“
Schwester Luise räusperte sich.
„Unser Fräulein Doktor wird selbstverständlich noch einmal vorbeikommen, Herr Trauberg.“ Sie schenkte dem Mann ein liebevolles Lächeln.
Empört drehte sich Michaela um. Es war allerhand, was Schwester Luise sich da herausnahm. Aber ihr zorniger Blick war verschwendet, denn die gute Luise bemerkte ihn nicht. Sie schaute nur auf Gernot Trauberg.
„Haben Sie noch irgendwelche Wünsche?“, erkundigte sie sich.
„Ja, sehr viele. Mein wichtigster Wunsch ist, dass Sie heute Nachmittag wiederkommen. Schließlich bin ich nicht irgendwer, sondern immerhin Gernot Trauberg.“
„Wie mir das imponiert.“
Der Mann runzelte die Stirn. Ganz plötzlich fasste er nach Michaelas rechter Hand und hielt sie fest.
„Sie kommen doch heute Nachmittag noch einmal wieder, Doktor Andresen?“
„Vielleicht …“
Der Mann lächelte. „Dann ist es gut. Ich mag Sie nämlich.“
Nach Kirsten Brombach hatte er wieder nicht gefragt, dachte Michaela. Wahrscheinlich ist die Liebe nicht so groß. Aber er darf sie nicht im Stich lassen, gerade jetzt nicht. Zögernd blieb sie auf dem Flur stehen.
„Ist noch was?“, fragte Schwester Luise hoffnungsvoll. „Haben Sie noch was bei ihm vergessen, Fräulein Doktor?“
„Es ist vielleicht nicht besonders wichtig. Sie können schon vorgehen, Schwester Luise. Ich komme gleich nach.“
Gernot Trauberg ließ das Buch sinken, das er nach ihrem Fortgang zur Hand genommen hatte.
„Sie sind wiedergekommen“, sagte er strahlend. „Sie haben gespürt, wie sehr ich mir wünschte, dass Sie wiederkommen. Setzen Sie sich hier auf die Bettkante, Fräulein Andresen. Wie heißen Sie mit Vornamen? Sicherlich haben Sie einen schönen Vornamen.“
„Fräulein Brombach hat eine Gesichtsverletzung davongetragen. Eine Schnittwunde, die ich nähen musste. Sie wird eine Narbe zurückbehalten. Wenn Fräulein Brombach Sie besucht, seien Sie taktvoll und geben Sie ihr zu verstehen, dass eine Narbe Sie überhaupt nicht stört. Junge Damen sind sehr empfindlich, müssen Sie wissen.“
„Eine Narbe! Sehr interessant. Wie groß?“
Michaela gab ihm die gewünschten Auskünfte.
