Lore-Roman 36 - Ina Ritter - E-Book

Lore-Roman 36 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Vom Schicksal verweht - Erschütternder Roman eines Frauenlebens


Die kleine tapfere Silke von Tenkitten hat ihr Gesinde den weiten und beschwerlichen Weg durch Eis und Schnee geführt, um in der Ferne ein neues Glück zu finden. Doch Verachtung, Misstrauen und Feindseligkeit schlagen den Heimatvertriebenen aus Ostpreußen entgegen. Als Räuber und Eindringlinge werden sie beschimpft. Silke von Tenkitten kämpft, ganz allein auf sich gestellt, für den Boden, der ihr und ihrem Gesinde Heimat werden soll. Es ist Ödland, eigentlich wertlos für den Gutsbesitzer Adrian Baron von Hülsen, aber der alte bärbeißige Oberst hängt an diesem Stück Land, und er hasst die Menschen zu deren Gunsten der Staat mit der Bodenreform den Boden enteignet hat. Doch Silke gibt nicht auf, sie muss tapfer bleiben, denn die Menschen verlassen sich auf ihre kleine Herrin. Da ist es ausgerechnet der sanftmütige Sohn des Barons, Rüdiger, der Silke und ihrem Gesinde seine Hilfe anbietet ...

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EPUB

Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Vom Schicksal verweht

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: alexkotlov/iStockphoto

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6857-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Vom Schicksal verweht

Erschütternder Roman eines Frauenlebens

Von Ina Ritter

Die kleine tapfere Silke von Tenkitten hat ihr Gesinde den weiten und beschwerlichen Weg durch Eis und Schnee geführt, um in der Ferne ein neues Glück zu finden. Doch Verachtung, Misstrauen und Feindseligkeit schlagen den Heimatvertriebenen aus Ostpreußen entgegen. Als Räuber und Eindringlinge werden sie beschimpft. Silke von Tenkitten kämpft, ganz allein auf sich gestellt, für den Boden, der ihr und ihrem Gesinde Heimat werden soll. Es ist Ödland, eigentlich wertlos für den Gutsbesitzer Adrian Baron von Hülsen, aber der alte bärbeißige Oberst hängt an diesem Stück Land, und er hasst die Menschen zu deren Gunsten der Staat mit der Bodenreform den Boden enteignet hat. Doch Silke gibt nicht auf, sie muss tapfer bleiben, denn die Menschen verlassen sich auf ihre kleine Herrin. Da ist es ausgerechnet der sanftmütige Sohn des Barons, Rüdiger, der Silke und ihrem Gesinde seine Hilfe anbietet …

Das Gesicht des alten Mannes wurde weiß vor Wut, je weiter er las. Sein Sohn, der ihn über den Frühstückstisch hinweg beobachtete, staunte über das Temperament seines Vaters.

„Lies!“ Der Vater nahm das amtliche Schreiben und warf es Rüdiger zu.

Es war ein gerichtlicher Bescheid, in der verklausulierten und schwer verständlichen Amtssprache der Beamten abgefasst. Und Rüdiger begriff sofort, dass dieses Schreiben für alle auf Seesken eine einschneidende Veränderung hervorrufen würde.

Adrian von Hülsen zerrte an seinem Kragen, sprang auf, und begann hastig im Raum auf und ab zu gehen.

„Unvorstellbar!“, knirschte er in ohnmächtiger Wut. „Dreihundert Morgen, das ist das halbe Gut, sie wollen es uns nehmen, diese Herren von der Regierung! Bodenreform nennt man so etwas! Seit dreihundert Jahren gehört uns der Boden … Ich denke gar nicht daran, Seesken zu verkleinern. Was geht es die Leute an, ob der Boden brach liegt oder nicht? Es ist mein Land, ich kann damit machen, was ich will!“

Sein Sohn Rüdiger hatte noch immer kein Wort gesagt.

Es war eine besondere Zeit, mit keiner vorher zu vergleichen. Menschen waren gekommen, Deutsche wie sie, heimatlose Menschen. Sie hatten einmal auf eigener Scholle gesessen, und jetzt hatten sie gar nichts mehr als nur die Erinnerung an ihre Höfe und an das Land, das sie genauso liebten wie er Seesken.

Sie sollten teilen, von ihrem Überfluss abgeben. Der alte Baron, der Oberst, wie das Gesinde ihn in Erinnerung an seinen militärischen Dienstgrad nannte, hatte die neue Zeit noch nicht begriffen.

„Ich werde sie mit Hunden vom Hofe hetzen, diese Kreaturen, die glauben, mich berauben zu können! Ich denke gar nicht daran, das Land herzugeben!“

Es war ein Gesetz. Seine ganze Aufregung, sein ganzer Widerstand war nutzlos. Rüdiger wusste es, und sein Vater wusste es auch, wenn er es auch nicht einsehen wollte.

Der alte Herr starrte ins Leere.

Frau Felizitas trat in ihrer leisen ruhigen Art in das Zimmer und stutzte, als sie ihren Mann so erregt am Fenster stehen sah. Sie warf einen fragenden Blick auf ihren Sohn, der sich bei ihrem Eintritt höflich erhoben hatte. Rüdiger reichte ihr schweigend das amtliche Schreiben.

Mit leicht emporgezogenen Brauen las die alte Dame die inhaltsschwere Nachricht.

„Das Ödland, nicht wahr?“, fragte sie ihren Sohn leise. „Wenn sie fleißig sind, können sie etwas aus dem Boden machen …“, fuhr sie nachdenklich fort.

Sie hatte nur leise gesprochen, aber der Oberst hatte sie gehört. Er stieß ein Knurren aus und wandte langsam seinen mächtigen Kopf.

„Das kommt überhaupt nicht infrage.“ Seine Stimme klang wie das Knurren eines gereizten Tieres, noch immer loderte ein unbändiger Zorn in seinen Augen. „Ich denke gar nicht daran, das Land herzugeben.“

Frau Felizitas schaute ihn gelassen an. In den langen Jahren ihrer Ehe hatte sie sich an seine temperamentvolle Art gewöhnt, besser gesagt, sich mit ihr abgefunden, denn gewöhnen konnte sich wohl kein Mensch an seine Wutausbrüche.

„Sie werden dich zwingen, Adrian“, stellte sie fest und faltete das Schreiben zusammen.

Der alte Herr begann wieder am Kragen seines Hemdes zu zerren. Er verstand seine treue Ehegefährtin nicht mehr, die offenbar bereit war, sich mit einem Schulterzucken in das Unvermeidliche zu fügen.

„Es ist doch nur eine Schikane! Dieser Steffen, dieser dickschädelige Bauer, kann mich nicht leiden, deshalb hat er dafür gesorgt …“

„Reg dich nicht so auf, Adrian, denk an dein Herz“, versuchte seine Frau, ihn zu beschwichtigen.

„Da soll ich mich nicht aufregen?“, brüllte der Oberst.

Frau Felizitas seufzte leise. Dass ihr Mann doch noch immer nicht verstanden hatte, dass die heutige Zeit anders war als die Vergangenheit! Schließlich musste jeder etwas opfern, und sie fand, dass diese dreihundert Morgen Ödland, die jetzt niemandem etwas nutzten, leicht zu verschmerzen waren.

„Johann, den Wagen!“, brüllte Adrian von Hülsen.

„Adrian, du solltest die ganze Sache lieber eine Nacht überschlafen, bevor du etwas Unüberlegtes tust …“ Es ging etwas Entwaffnendes von Frau Felizitas aus, als sie so vor dem alten Recken stand und ihre zierliche Hand auf seine breite Schulter legte. „Tu es mir zuliebe, Adrian“, bat sie noch einmal.

Der Mann schaute sie finster an, aber je länger er es tat, desto stärker wurde das winzige Lächeln im Hintergrund seiner Augen.

„Du meinst es gut, Felizitas“, gab er grimmig zu, „aber in diesem Falle … Ich kann nicht warten, Felizitas, es geht um Seesken. Die Sache ist zu wichtig. Und diesem Steffen werde ich meine Meinung zeigen! Dieser eingebildete Bauer …“

Frau Felizitas Legte ihm schnell die andere Hand auf den Mund. Sie wusste aus langer Erfahrung, dass es das einzige Mittel war, um seinen Redefluss zu stoppen.

„Ich komme mit“, schlug Rüdiger vor, als der Mann mit langen, schweren Schritten zur Tür ging.

Der Oberst blieb stehen und schüttelte den Kopf.

„Nein, den Steffen konfirmiere ich allein. Ich brauche keine Hilfe, wenn ich mit einem Bauern verhandele!“

Er knallte die Tür ins Schloss, und als Frau Felizitas ans Fenster trat, sah sie gerade, wie er mit einem langen Schritt auf den Bock des leichten Pferdewagens stieg. Er nahm die Peitsche und ließ sie hart in der Luft knallen. Entsetzt zogen die beiden Pferde an, fielen aus dem Stand sofort in einen nervösen Galopp.

Die Menschen, die auf den Feldern arbeiteten, an denen er vorüberraste, schüttelten grimmig die Köpfe.

Man liebte ihn nicht in der Umgebung, den stolzen, standesbewussten Baron von Hülsen. Es fiel ihm schwer, Arbeitskräfte zu bekommen, und die Bewirtschaftung Seeskens war ihm nur mit Hilfe der modernen Maschinen möglich, die er im Laufe der Zeit angeschafft hatte.

Frau Felizitas lächelte ihrem Sohn zu.

„Bist du sehr traurig, Rüdiger?“, fragte sie leise und wies mit einer Kopfbewegung auf das Schreiben, das auf dem Tisch lag.

Der junge Mann zuckte die Schultern.

„Ich kann nicht behaupten“, musste er zugeben, „dass mich diese Enteignung freut, aber andererseits handelt es sich um Brachland, und vielleicht bringt es jetzt anderen Leuten Glück und schafft ihnen eine neue Heimat.“

Frau Felizitas fühlte ihre Augen feucht werden.

„Ich bin stolz auf dich“, gestand sie verschämt und ging dann hinaus, bevor ihr Sohn noch etwas sagen konnte.

Verschlossen schaute der junge Mann ihr nach. Er war kein Mensch, der seine Gefühle zeigte, aber ihm war, als hätte er eben einen Orden verliehen bekommen. Seinen Vater achtete und bewunderte er – seine Mutter liebte er.

Rüdiger überlas noch einmal in Ruhe das amtliche Schreiben. Gut Seesken verlor jetzt fast die Hälfte seines Bodens – aber es war immer noch groß genug, sie würden hier den Verlust kaum merken.

***

Der Baron dachte nicht daran, das Tempo zu mäßigen, als er die schmale, vielfach gewundene Dorfstraße erreicht hatte. Als einziges Zugeständnis an die Bewohner knallte er warnend mit der Peitsche.

Die Leute wussten genau, was dieser scharfe Ton zu bedeuten hatte, beeilten sich, ihre Kinder von der Straße herunterzureißen und selbst bis an die Häuserwände zurückzutreten.

Das Dorf hatte er passiert, der Hof des Vorstehers Max Steffen lag noch ein paar hundert Meter weiter vor der kleinen, geschlossenen Siedlung, die Straße zog sich jetzt fast schnurgerade nach Norden.

Das Land rechts der Straße gehörte ihm, Heide und sumpfige Wiesen, niedriges Gebüsch und verkrüppelte Weiden.

Der Oberst dachte gar nicht daran, das Landschaftsbild hier zu verändern. Das Land war flach, im Hintergrund begann ein hoher Wald, der auch ihm gehörte.

„Hm“, brummte er, vor der Silhouette des Waldes standen Wagen. Er sah, dass Rauch zum Himmel stieg, glaubte sogar, Menschen unterscheiden zu können, die zwischen den Planwagen hin und her liefen.

Auf seinem Grund, und ohne ihn zu fragen!

Er war gerade in der richtigen Stimmung, diesen Landstreichern seine Meinung zu sagen.

Der Waldrand kam schnell näher, der Oberst riss die Pferde scharf herum und zwang sie in einen schmalen, ausgefahrenen Feldweg. Tiefe Wagenspuren waren dort, wo seit Jahren kein schwerbeladenes Fuhrwerk mehr in seinem Auftrag gefahren war.

Dieses verdammte Pack, dachte er. Sieben oder acht Wagen, Pferde, ein paar Rinder und Ochsen, sogar Hühner liefen auf der eingezäunten Weide herum. Bevor der Wagen noch ganz hielt, sprang Adrian von Hülsen herab und ging etwas steifbeinig auf die Fremden zu, die bei seinem Nahen den Kopf gewandt hatten und ihm jetzt fast etwas ängstlich entgegenschauten.

Der Oberst öffnete schon den Mund, um loszubrüllen, als der Ortsvorsteher Max Steffen mit breitem Grinsen herankam.

Der Bauer sah sehr gemütlich und behäbig aus, wahrscheinlich lag es an seiner Statur – er war klein, aber zum Ausgleich dafür hatte die Natur ihn mit einer reichlichen Leibesfülle ausgestattet. Seine Augen im runden Vollmondgesicht zwinkerten vergnügt.

„Was für eine hohe Ehre, gnädigster Herr Baron“, begrüßte er ihn mit einem übertrieben tiefen Kratzfuß.

Adrian holte noch einmal tief Luft. Er hatte ein sehr ausgeprägtes Empfinden für Ironie, und Max Steffen traf ihn mit seinem karikiert-devoten Benehmen an seiner empfindlichsten Stelle.

„Was soll das hier? Fort mit diesen Leuten, das ist mein Boden, sie haben hier nichts zu suchen! Ich werde die Polizei holen!“

Steffen begann zu grinsen. „Nicht nötig, Herr Oberst, ist schon da.“ Er tippte mit seinem runden Zeigefinger auf die eigene Brust.

Adrian fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. Mühsam beherrschte er sich noch.

„Steffen, was für Leute sind das? Sorgen Sie dafür, dass sie verschwinden!“

Ein Mädchen war aus dem Kreis der recht zerlumpt und abgerissen aussehenden Menschen näher gekommen. Sie trug einen alten Militärmantel, dessen Farbe von Wind und Wetter verblichen war. Er war ihr viel zu groß, reichte fast bis ganz auf die Erde.

„Wir wussten nicht, wo wir mit dem Treck bleiben sollten“, sagte sie.

Adrian wandte widerwillig den Kopf. „Wer sind Sie und was wollen Sie?“, herrschte er das Mädchen hart an.

„Wir … wir kommen aus dem Osten. Herr Steffen hat uns gesagt, dass wir hierbleiben dürften. Die Regierung will uns Land zuweisen …“

Das Gesicht des Mannes rötete sich in erschreckender Weise, seine Hände begannen vor Erregung zu zittern.

„Räuber!“, brüllte er. „Räuber seid ihr! Das ist mein Land. Verstehen Sie? Meins ist es, verschwinden sie hier, ich will sie hier nicht mehr länger sehen, verschwinden sie sofort!“

Max Steffens Gesicht war bei seinen Worten ernst geworden.

„Es tut mir leid, Baron, Sie irren sich. Die Leute haben keine Heimat, sie müssen irgendwo unterkommen. Ich habe mit dem Landrat selbst gesprochen. Er hat angeordnet, dass sie vorerst hierbleiben dürfen. Das Enteignungsverfahren läuft. Sie werden in den nächsten Tagen Nachricht erhalten, dass …“

Baron von Hülsen sah aus, als würde ihn gleich der Schlag treffen. Er hielt die Reitpeitsche in beiden Händen, presste den biegsamen Stiel so stark zusammen, dass er krachend barst.

Mit leeren Augen schaute der Mann auf die beiden Teile.

„So“, sagte er jetzt ruhig, viel zu ruhig für sein Temperament. „So ist das jetzt also hier. Ich habe nichts mehr zu sagen, bin auf meinem eigenen Land rechtlos geworden. Eine feine Regierung seid ihr, das muss ich schon sagen!“ Er hob den Kopf und schaute auf das Mädchen, das still und hochaufgerichtet ein paar Meter von ihm entfernt stand. „Bleiben wollt ihr hier, euch einnisten! Räuber seid ihr, Räuber!“

Er schleuderte die Peitschenreste zu Boden, drehte sich um und stampfte schwer davon. Er stieg steifbeinig auf den Kutschbock, löste die Bremse und fuhr davon.

Der Bauer Max Steffen ging auf das stille Mädchen zu.

„Ihm gehört das Land hier, Fräulein von Tenkitten. Er will es nicht hergeben, aber wir haben ihn gezwungen. Es ist Ödland, dabei ganz guter Boden, wenn ihr ihn richtig behandelt.“

„Er hasst uns“, sagte das Mädchen leise, fast verzagt. „Er braucht das Land doch nicht, Herr Steffen. Weshalb hasst er uns?“

„Er hasst jeden, gnädiges Fräulein. Er ist kein Mensch wie wir, er lebt zwar im zwanzigsten Jahrhundert, aber er gehört ins siebzehnte. Hülsen hat vergessen, dass der Feudalismus inzwischen aufgehoben worden ist.“

Dies soll nun unsere Heimat werden, dachte das Mädchen und schaute über das unfreundliche Land. Wir werden mit Hass empfangen. Aber es hilft nichts, wir haben keine Wahl, wir müssen ja schließlich irgendwo bleiben!

„Brauchen Sie noch etwas, Fräulein von Tenkitten?“, erkundigte sich Max Steffen freundlich.

Das Mädchen schüttelte dankend den Kopf.

„Wir werden uns helfen, bis … bis wir die Urkunden haben. Und dann fangen wir an zu bauen.“

Tapferes Mädchen, dachte Max bewundernd. Sie ist noch jung, aber trotzdem ordnen sich ihr alle unter. Sogar die alten Knechte, sie schauen zu ihr auf und fragen sie in allen Dingen um Rat.

Max Steffen hatte noch nie zuvor so deutlich gesehen, was eine Herrin ist, wie man die Großgrundbesitzer im Osten nannte. Es war kein leerer Titel, eine verblasste Anrede, es war viel mehr.

„Ich danke Ihnen.“ Das Mädchen hatte eine unnachahmliche Art, den Kopf zu neigen. Sie tat es wie eine Königin, die einen Vasallen verabschiedet. Und dabei war sie nur ein Flüchtling und er ein reicher Bauer.

„Herrin, sollen wir die Feuer löschen?“, fragte ein vierschrötiger, alter Mann und blieb vor ihr stehen. „Ich glaube, es gibt bald Regen.“

„Ja, das Essen ist fertig, wir werden das große Zelt aufschlagen. Nimm Jochen und Christoph zur Hilfe. Wir werden einige Wochen hierbleiben müssen, bis die Regierung entschieden hat. Ich werde mich um Stroh kümmern, damit wir warm liegen. Beeilt euch, Daniel!“

„Jawohl, Herrin.“

Das zerfurchte Gesicht des Mannes war ruhig und gelassen, als er jetzt davonschlurfte, zwei Leute heranwinkte und begann, das große Zelt zu errichten.

Die Herrin hatte es angeordnet, und was sie sagte, war richtig.

Das Mädchen, dem alle vertrauten, deren Wort in dieser kleinen Gemeinschaft Gesetz war, ging unterdessen auf das Dorf zu.

Silke von Tenkitten fühlte eine Kraft in sich, von der sie früher niemals etwas geahnt hatte.

Ein bitteres Lächeln umspielte ihren herben Mund. Man hatte ihr eine Verantwortung aufgebürdet, ohne überhaupt zu fragen, ob sie sie tragen konnte. Erst hatte ihr Vater den kleinen Zug geführt …

Aber er war alt, und die Kälte … Sie hatten sein Grab mit der Spitzhacke im hartgefrorenen Boden ausheben müssen. Zwei Wochen darauf das der Mutter.

Sie hatte keine Zeit für Tränen. „Wann fahren wir weiter?“, hatte Daniel Schaaken sie gefragt, als die ersten Schneeflocken die frischen Erdschollen bedeckten.

Er war der älteste Knecht, aber er hatte sie gefragt! Weil sie jetzt die Herrin war.

„Sofort!“ war ihre Antwort gewesen.

Hinter ihr lagen die Gräber, vor ihr lag Arbeit, lagen Kämpfe. Sie war ein junges Mädchen, aber nur, wenn man auf ihren Geburtsschein schaute, in Wirklichkeit war sie alt.

Silke von Tenkitten ging schneller. Der Wind war stärker geworden, die Wolken kamen tief und drohend näher.

***

Es regnete schon seit drei Tagen.

Rüdiger saß im gemütlichen Sessel und schaute durch die zur Seite gezogenen Gardinen ins Freie. Er hatte im Kamin ein Feuer entzündet, denn bei diesem Wetter konnte man die Wärme gut gebrauchen.

Sein Vater stand massig und finster am Fenster und starrte auf den Hof hinaus. Seitdem gestern der amtliche Enteignungsbescheid gekommen war, hatte er nur das Allernotwendigste gesprochen.

„Sie werden schön nasse Füße bekommen“, stellte er jetzt befriedigt fest. „Auf den Weiden dort steht ihnen das Wasser bestimmt bis zu den Knöcheln. Weicher Boden …“

Rüdiger tauschte einen stummen Blick mit seiner Mutter, die ihm mit einer Handarbeit gegenübersaß.

„Eigentlich können sie mir leidtun.“ Frau Felizitas beugte den Kopf über die Stickerei, als sie bemerkte, dass Adrian sich herumdrehte.

„Leidtun?“, grollte er, wie sie es auch erwartet hatte. „Ersaufen müssten sie im Schlamm, dieses Gesindel! Ich habe sie nicht gerufen. Vielleicht verschwinden sie bald wieder, denn sie können doch unmöglich den Winter über dort draußen kampieren.“

„Adrian, weißt du, es stehen bei uns noch ein paar Häuser leer …“, begann Frau Felizitas zaghaft.

„Nein!“, fiel ihr der Oberst brüllend ins Wort. „Ich will das Pack hier nicht sehen!“

Er sah nicht das Mädchen, das jetzt gerade über den Hof kam. Ihr Mantel hing regennass zur Erde, es hatte den Kragen hochgeschlagen und den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen.