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Sandra Komtess von Liesenberg glaubt sich am Ziel ihrer Träume, als der ältere und reife Ernst Rutenau um sie wirbt. Er ist ein Mann von Welt, hat das Gut der Familie durch seinen Kauf gerettet, und Sandra fühlt sich nicht nur zu Dank verpflichtet, sie fühlt sich auch geborgen. Sie glaubt, ein Mann wie Ernst Rutenau vermag eine Frau gegen sämtliche Gefahren der ganzen Welt schützen.
Doch am Tag ihrer Verlobung geschieht das entsetzliche Unglück: Während Sandra die Treppe herunterschreitet, an deren Ende Rutenau mit leuchtenden Augen auf sie wartet, fällt sie! In Folge des verheerenden Sturzes spürt Sandra ihre Beine nicht mehr, sie kann nicht mehr gehen und muss fortan im Rollstuhl sitzen. Rutenau umsorgt seine künftige Braut liebevoll, doch als Sandra sich mehr und mehr zurückzieht, hält er es nicht mehr aus und geht auf mehrmonatige Geschäftsreise.
In dieser Zeit mietet der lebenslustige Farmer Peter Frey, der aus Südamerika zurückgekehrt ist, das Gut. Während Rutenau für Sandra mehr und mehr in weite Ferne rückt, nimmt nun ein anderer in ihrem sehnsüchtigen Herzen seinen Platz ein: ein Mann, der eine Ausstrahlung besitzt, eine magische Kraft, die Sandra so träumerisch und so sehnsüchtig macht ...
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Seitenzahl: 121
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Sehnsucht hat mich verführt
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Viktor Gladkov / shutterstock
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7325-9309-5
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Sehnsucht hat mich verführt
Der Roman einer schicksalhaften Liebe
Von Ina von Hochried
Sandra Komtess von Liesenberg glaubt sich am Ziel ihrer Träume, als der ältere und reife Ernst Rutenau um sie wirbt. Er ist ein Mann von Welt, hat das Gut der Familie durch seinen Kauf gerettet, und Sandra fühlt sich nicht nur zu Dank verpflichtet, sie fühlt sich auch geborgen. Sie glaubt, ein Mann wie Ernst Rutenau vermag eine Frau gegen sämtliche Gefahren der ganzen Welt schützen.
Doch am Tag ihrer Verlobung geschieht das entsetzliche Unglück: Während Sandra die Treppe herunterschreitet, an deren Ende Rutenau mit leuchtenden Augen auf sie wartet, fällt sie! In Folge des verheerenden Sturzes spürt Sandra ihre Beine nicht mehr, sie kann nicht mehr gehen und muss fortan im Rollstuhl sitzen. Rutenau umsorgt seine künftige Braut liebevoll, doch als Sandra sich mehr und mehr zurückzieht, hält er es nicht mehr aus und geht auf mehrmonatige Geschäftsreise.
In dieser Zeit mietet der lebenslustige Farmer Peter Frey, der aus Südamerika zurückgekehrt ist, das Gut. Während Rutenau für Sandra mehr und mehr in weite Ferne rückt, nimmt nun ein anderer in ihrem sehnsüchtigen Herzen seinen Platz ein: ein Mann, der eine Ausstrahlung besitzt, eine magische Kraft, die Sandra so träumerisch und so sehnsüchtig macht …
Baron von Liesenberg war blass. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Seine sonst so volltönende Stimme war heiser, als er die beiden Besucher fragte: „Und es gibt tatsächlich keinen anderen Ausweg?“
Dr. Dommel, Finanzdirektor der Bachner-Werke, schüttelte den kahlen Kopf.
„Es gibt keine andere Möglichkeit, Baron. Vergessen Sie nicht, dass schon dieser Besuch hier bei Ihnen ein großes Entgegenkommen ist. Eigentlich hätten wir jetzt bei der Kriminalpolizei sitzen müssen.“
„Ich verstehe“, erwiderte der Baron mühsam. „Und ich danke Ihnen, meine Herren.“
Der zweite der Besucher, der Prokurist Küfing, räusperte sich.
„Es handelt sich um genau eine Million und vierhundertfünfundvierzigtausend Mark, Herr Baron. Dabei ziehen wir lediglich die veruntreute Summe, nicht dagegen den Schaden aus entgangenen Zinsen und ähnlichem, in Betracht.“
Direktor Dommel winkte ab. Ihm war die peinliche Genauigkeit des Prokuristen sichtlich unangenehm. Ihm war auch das ganze Gespräch unangenehm. Jedermann in der ganzen Umgebung kannte den Baron Liesenberg als untadeligen Ehrenmann, als einen Menschen, der immer großzügig half, wo es erforderlich war. Jedermann wusste, dass er schon mehr als einmal für das leichte Leben seines jüngeren Bruders hatte geradestehen müssen. Und nun hatte er auch noch diesen größten und vermutlich letzten Schlag zu überwinden. Ob er es schaffte, das war mehr als fraglich.
„Baron, Sie dürfen mir glauben, dass mir diese Stunde ebenso unangenehm ist wie Ihnen“, versicherte Dr. Dommel und rückte nervös an seiner Krawatte. „Ich war aber der Meinung, dass es einen besseren Ausweg nicht gibt. Der Schaden, den unser Werk durch Ihren Herrn Bruder erlitten hat, muss so schnell und so unauffällig wie möglich aus der Welt geschafft werden. Wir tun es nicht Ihrem Herrn Bruder, sondern Ihnen zuliebe.“
„Ich verstehe“, erwiderte der Baron tonlos. Seine linke Augenbraue zuckte. „Hiermit erkläre ich, dass ich die gesamte Summe herbeischaffen und Ihnen zur Verfügung stellen werde. Das kann ich zwar nicht von einer Stunde zur anderen, aber …“
„Wir drängen Sie nicht, Baron. Zu Ihnen haben wir volles Vertrauen“, sagte Dr. Dommel und erhob sich. „Ich darf noch einmal betonen, dass uns die ganze Geschichte außerordentlich peinlich ist. Ihr guter Name …“
„Ich werde alles tun, um Schande von meinem Namen fernzuhalten“, unterbrach der Baron.
Er begleitete seine Gäste hinaus. Hochaufgerichtet blieb er unter dem säulengetragenen Portal des alten Schlosses stehen, bis der schwarze Wagen mit den beiden Herren abgefahren war.
Auguste, dachte der Baron, als er in das Schloss zurückkehrte und sich in seinem Arbeitszimmer einschloss. Wie sollte er es ihr je sagen können? Seine Frau war zufällig bei Bekannten zu Besuch, oben in Schleswig-Holstein. In vier oder fünf Tagen kam sie zurück. Vielleicht setzte sie dann bei ihrer Ankunft den Fuß auf einen Boden, der zwar noch den Namen Liesenberg trug, aber schon einem anderen gehörte.
Es gab wirklich keine andere Wahl: Der Baron musste den alten, traditionsbeladenen Besitz verkaufen. Anders konnte er die Riesensumme nicht auftreiben. Etwa hunderttausend Mark lagen auf der Bank, aber das war ja nur ein winziger Bruchteil. Der Verkauf des Gutes würde die erforderliche Summe gewiss erbringen. Vielleicht auch noch ein bisschen mehr. Aber was nutzten zweihunderttausend Mark? Konnte man davon leben? Die Familie würde das Gut verlassen müssen, sie musste einen neuen Wohnsitz nehmen, sie musste sich ernähren, kleiden … Nein, zweihunderttausend Mark reichten unter solchen Umständen nicht weit.
Der Baron griff nach dem Telefonhörer. Er wählte die Nummer seines Freundes in der Kreisstadt, des Notars Dr. von Grail.
„Norbert“, sagte der Baron, „ich möchte dich mit dem Verkauf von Liesenberg beauftragen.“
Dem Notar verschlug es die Sprache.
„Du bist verrückt …“, stammelte er.
„Nein, nicht verrückt, Norbert. Ich bin ruiniert. Hans hat fast eineinhalb Millionen veruntreut und sie binnen zehn Tagen in Spielsälen durchgebracht.“
„Aber deswegen kannst du doch nicht …“
„Ich muss es tun, Norbert. Es bleibt mir keine andere Wahl. Die Leute von den Bachner-Werken waren gerade hier. Sie sehen von einer Strafanzeige ab, wenn ich den Schaden reguliere. Das ist sehr entgegenkommend.“
„Ich kann es nicht fassen. Dein Bruder …“
„Das steht nicht zur Debatte, Norbert. Du weißt genauso gut wie ich, was von Hans zu halten ist. Aber das ändert die Sachlage nicht. Vielleicht liegt meine Schuld darin, dass ich immer für die Dummheiten von Hans geradegestanden habe. Ich hätte ihn schon vor Jahren, als es begann, allein lassen und den Schaden ausbaden lassen sollen. Nun hat er sich daran gewöhnt, dass ich hinter ihm stehe.“
„Dann lasse ihn doch, um Himmels willen, ins Gefängnis marschieren! Sonst lernt er es nie!“
„Ein Liesenberg im Gefängnis? Das gibt es nicht. Und außerdem, Norbert: Jetzt kann er keinen weiteren Schaden mehr stiften. Bei mir ist ja fortan nichts mehr zu holen.“
Der Rechtsanwalt atmete schwer.
Dann sagte er: „Alfons, ich kann dir mit hunderttausend beispringen. Und es wird bestimmt noch mehr Leute geben, die dir helfen möchten.“
„Damit ist mir nicht geholfen. Ich bin es nicht gewohnt, Schulden zu machen, und außerdem müsste ich die Rückzahlungen leisten. Mit Zinsen.“
„Ich verlange keine Zinsen – das ist doch selbstverständlich!“
„Danke, Norbert, es tut gut, einen Freund wie dich zu haben. Aber es bleibt bei meinem Entschluss: Ich verkaufe Liesenberg. Und ich möchte dich bitten, das so rasch wie möglich zu tun. Und gegen bar.“
Der Baron legte den Hörer auf. Er wollte zum Fenster gehen, aber plötzlich wurden seine Knie weich. Er hielt sich am Schreibtisch fest und griff nach seinem Herzen. Nach wenigen Minuten war der Anfall vorüber. Doch der Baron war in diesen Augenblicken zum alten Mann geworden.
***
Sandra von Liesenberg warf das Handtuch über die Schulter. Sie löste das Band aus ihrem blonden Haar und schüttelte den Kopf.
Der junge Partner, der auf der anderen Seite des Tennisnetzes stand, erkannte, dass Sandra nicht mehr weiterspielen wollte. Mit langsamen Bewegungen kam er um das Netz herum: groß, ziemlich hager, kurzgeschnittenes blondes Haar. Er trug seinen weißen Tennisdress mit der Lässigkeit eines Menschen, der auf den roten Aschenplätzen zu Hause ist.
„Keine Lust mehr, Sandra?“, fragte er. Seine Stimme klang stets ein wenig schleppend.
Sandra hieb mit dem Schläger durch die warme Sommerluft. Ihr schönes Gesicht war gerötet.
„Nein, ich habe wirklich keine Lust mehr, Frieder. Weil du keine Lust hast. Du spielst noch langweiliger als sonst.“
Er hob die Augenbrauen und ließ sie wieder fallen. Sie gingen zum Klubhaus hinüber.
„Gib es doch zu!“, stieß sie hervor, und ihre dunklen mandelförmigen Augen blitzten ihn an. „Du bist anders geworden. Du warst ja nie ein Ausbund an Fröhlichkeit, aber jetzt … Was ist eigentlich los mit dir?“
„Sandra, wollen wir nicht lieber …?“
Die Baroness blieb stehen. Sie war um einiges kleiner als Frieder Borg, vorerst noch nichts tuender Sohn eines steinreichen Holzgroßhändlers. Sie musste zu ihm aufblicken.
„Nein, keine Ausflüchte! Ich möchte wissen, was ich von deinem veränderten Benehmen zu halten habe.“
„Du irrst dich, Sandra, bestimmt …“
„Lügen hast du noch nie gekonnt. Unter anderem deswegen mochte ich dich. Aber jetzt ärgerst du mich. Also?“ Wie eine schöne strafende Göttin stand sie vor ihm, sprühend vor Temperament und Erregung.
„Sandra, man kann doch nicht hier auf dem Platz …“
„Es ist wegen Vater, nicht wahr? Weil wir Liesenberg verkaufen müssen.“
„Nun, ja, man hört dies und jenes …“
„Und was hat das mit uns beiden zu tun?“, schnappte sie zu. „Du hast doch gesagt, dass du mich liebst?“
Nun wurde auch er rot.
„Sandra, du verstehst das noch nicht. Solche Vorkommnisse können die Sachlage verändern. Schau, mein Vater steht mitten im Geschäftsleben und …“
„Danke, ich weiß alles!“, unterbrach sie ihn. „Die reiche Familie Borg kann sich jetzt mit den Liesenbergs nicht mehr abgeben. Die Liesenbergs sind ja verarmt. Sie dürfen noch höchstens eine Woche in ihrem Schloss leben, dann müssen sie ausziehen. In eine billige Etagenwohnung, weil zu mehr das Geld nicht reicht. Der alte Liesenberg kann ja nichts mehr verdienen. Und deshalb ist nun auch die vielumschwärmte Sandra …“
„Bitte, sei doch nicht so laut! Die da drüben schauen schon her!“, warnte Frieder Borg hastig.
„Das ist gut, dass sie herschauen. Dann können sie wenigstens gleich sehen, was ich jetzt tue.“ Sie nahm den Tennisschläger und schmetterte ihn Frieder Borg vor die Füße. „Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben. Mit dir nicht und mit allen anderen, die über meine Familie jetzt die Nase rümpfen. Ich möchte dich nie mehr wiedersehen – nie mehr!“
Tränen erstickten ihre Stimme. Plötzlich lief Sandra davon, noch bevor der junge Mann sie aufhalten konnte. Sie schloss sich in der Umkleidekabine ein und presste die Hände vor das Gesicht.
Sie hatte es befürchtet – nun war es so gekommen. Seit Vater vor drei Wochen den Verkauf des uralten Familienbesitzes in die Wege geleitet hatte, hatte die ganze Familie darauf gewartet, dass die bisherigen Freunde so reagieren würden. Und es gab nur sehr wenige unter ihnen, die den Liesenberg die Treue hielten. Die meisten versuchten sie loszuwerden, so rasch als möglich zu vergessen. Mit ruinierten Menschen mag man nichts zu tun haben, vor allem dann, wenn ein Familienmitglied selbst es war, das den Ruin verursachte.
Sandra stieg in ihren VW und fuhr davon. Sie durchfuhr das Dorf Liesenberg und bog an der Kirche ab. Eine schmale Landstraße führte hinauf zum Gut, das am sanften Hang des fruchtbaren Flusstales lag. Das Schloss konnte man bereits sehen. Es lag auf halber Höhe und blickte mit seinen vielen Fenstern, den beiden Türmchen auf den Seitenflügeln und dem großen säulengeschmückten Portal zum Dorf hinab. Das Schloss war umsäumt von den hohen alten Bäumen des Parks, von sauberem Rasen, von blühenden Rosen.
Etwa auf der Mitte des Weges vom Dorf bis zum Schloss kam Sandra ein teurer englischer Wagen entgegen, ein Jaguar. Im Vorüberfahren erkannte Sandra einen sehr vornehm wirkenden älteren Herrn hinter dem Lenkrad. Graues Haar, weißes Hemd, eine braune Lederjacke.
Ob der etwa auch das Gut kaufen will?, dachte Sandra.
***
Eine halbe Stunde zuvor war darüber bereits entschieden worden. Der vornehme Herr in der Lederjacke leerte sein Kognakglas und erhob sich aus dem schweren Ledersessel.
„Ich möchte Ihnen noch einmal sagen, Baron, dass Ihr persönliches Schicksal meine Anteilnahme findet. Es tut mir wirklich leid, dass Sie sich unter diesen Umständen von Ihrem alten Besitz trennen müssen.“
„Danke, Herr Rutenau.“ Es zuckte um den Mund des Barons.
„Darf ich also zusammenfassen, Baron: Ich zahle Ihnen eine Million sechshunderttausend, übernehme die Ernte auf dem Halm, den Hof, wie er liegt und steht, ferner das Schloss. Sie nehmen mit, was Ihnen persönlich besonders am Herzen liegt. Über den Rest der Inneneinrichtung werden wir uns später einigen. Weder Sie noch ich können den Wert der Gemälde und anderen Kunstgegenstände beurteilen. Wir werden Sachverständige hinzuziehen und zu einer sicherlich für uns beide befriedigenden Lösung kommen.“
„Sie sind sehr großzügig, Herr Rutenau.“
„Das fällt mir nicht schwer, denn ich möchte meine Zufriedenheit nicht auf Ihrem Unglück gründen. Ich möchte, dass Sie sich nicht gar zu schweren Herzens von Liesenberg trennen. Sie sollen ohne Bitterkeit an mich, den neuen Eigentümer, denken.“
„Ihre Gesinnung ehrt Sie, Herr Rutenau.“
Der Besucher winkte mit einer etwas müden Handbewegung ab.
„Wissen Sie, Baron“, sagte er, „wenn jemand wie ich sein ganzes Leben sozusagen vertan hat, wenn man vor lauter Arbeit das Leben vergessen hat, dann kann man, sobald einem endlich die Augen aufgehen, sehr gut großzügig sein. Es geht mir weiß Gott nicht ums Geld. Davon habe ich mehr als genug. Aber das ist auch das Einzige, was ich besitze. Und deswegen möchte ich mir jetzt mit einem Teil dieses Geldes etwas sehr Wichtiges kaufen: Ruhe, Zufriedenheit, stilles Glück, ein bisschen Freude. Sagen Sie selbst: Wenn man so etwas haben will, kann man wirklich großzügig sein.“
„Ganz gewiss …“
„Dann verstehen Sie mich jetzt besser, Baron. Und nun brauchen wir keine Dankesformeln mehr zu tauschen. – Doch da fällt mir noch etwas ein, Baron: Sie wissen, ich habe von der Landwirtschaft keine Ahnung. Liesenberg ist für mich nicht mehr und nicht weniger als ein Ruhesitz. Dennoch darf das Gut nicht vernachlässigt werden. Es wäre eine Schande. Ich benötige einen Verwalter. Wenn Sie, Baron, es über das Herz bringen, sozusagen als Angestellter auf dem zuvor eigenen Grund und Boden zu wirken, dann möchte ich Ihnen hiermit den Posten antragen.“
Betroffen starrte der Baron seinen Besucher an. Das war schwer zu begreifen für einen Mann wie den Baron. Er sollte Liesenberg weiter bewirtschaften, fast so, als sei nichts geschehen. Aber nicht mehr als der Herr, sondern als Verwalter. Als Angestellter, der für Geld arbeitet, das ein anderer ihm zahlt.
„Ich verstehe, dass Sie sich die Antwort überlegen müssen“, erklärte Rutenau und lächelte. „Deshalb will ich Sie nicht drängen. Aber mein Vorschlag hat gewiss Vorteile für Sie. Sie brauchen sich nach keinem neuen Beruf umsehen, Sie bleiben in Ihrer alten Heimat.“
Der Baron nickte schwer. Die Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf. Rutenau hatte recht, der Vorschlag war wirklich zu überdenken.
