Lore-Roman 80 - Ina Ritter - E-Book

Lore-Roman 80 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Ettas Jugend war freudlos und bitter, denn sie ist nicht nur im Armenhaus geboren, sondern sie wird auch noch von der eigenen Mutter gehasst. Die Armenhäusler bemitleiden das hübsche Mädchen mit der wachen Intelligenz und fragen sich häufig, wie Etta die Tochter der trinksüchtigen und ewig zankenden Martha Christensen sein kann.
So ist es kein Wunder, dass das Mädchen jede Gelegenheit wahrnimmt, den grauen und muffigen Mauern zu entfliehen und durch Feld und Wald zu streifen. Dort trifft es eines Tages den vornehmsten Gutsherrn der Umgebung, den Grafen von Odewald. Etta ist empört, dass er sie als das behandelt, was sie ist: ein Mädchen aus dem Armenhaus.
Die Begegnung mit Roderik von Odewald erschüttert sie in den Grundfesten ihres Seins. Nun findet Etta endlich die Kraft, die Fesseln abzustreifen und sich gegen ihr Schicksal zu wehren. Sie will dem stolzen Grafen beweisen, dass er kein Recht hat, auf sie hinabzusehen ...

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Cover

Impressum

Im Armenhaus geboren

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Kateryna Upit / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9699-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Im Armenhaus geboren

Ein Mädchen mit Makel trotztdem Schicksal

Von Ina Ritter

Ettas Jugend war freudlos und bitter, denn sie ist nicht nur im Armenhaus geboren, sondern sie wird auch noch von der eigenen Mutter gehasst. Die Armenhäusler bemitleiden das hübsche Mädchen mit der wachen Intelligenz und fragen sich häufig, wie Etta die Tochter der trinksüchtigen und ewig zankenden Martha Christensen sein kann.

So ist es kein Wunder, dass das Mädchen jede Gelegenheit wahrnimmt, den grauen und muffigen Mauern zu entfliehen und durch Feld und Wald zu streifen. Dort trifft es eines Tages den vornehmsten Gutsherrn der Umgebung, den Grafen von Odewald. Etta ist empört, dass er sie als das behandelt, was sie ist: ein Mädchen aus dem Armenhaus.

Die Begegnung mit Roderik von Odewald erschüttert sie in den Grundfesten ihres Seins. Nun findet Etta endlich die Kraft, die Fesseln abzustreifen und sich gegen ihr Schicksal zu wehren. Sie will dem stolzen Grafen beweisen, dass er kein Recht hat, auf sie hinabzusehen …

Etta Christensen war immer froh, wenn sie die düsteren, feuchtkalten Räume des Armenhauses verlassen konnte. Auch heute, an einem strahlend schönen Tag, hatte sie es vorgezogen, der muffigen Atmosphäre ihres sogenannten Hauses zu entfliehen.

Sie saß auf einem Baumstumpf am Waldrand, hatte den Kopf in beide Hände gestützt und schaute über das flache Land. Etta sog die frische Luft in tiefen Zügen in die Lunge, aber ihr Sinn war nicht frei und heiter, passte nicht zu diesem schönen Tag. Sie dachte daran, dass sie in einer Stunde wieder in das Armenhaus zurück musste, denn dann gab es Essen, eine Suppe, die unter verschiedenen Namen auf den Tisch kam und immer gleich schmeckte.

Etta hasste das Haus, das Essen, das Eingesperrtsein mit den anderen Menschen, mit denen sie täglich eng zusammenhauste, sie hasste ihre dunklen, abgetragenen Kleider und die ausgebeulten Schuhe. Und sie, ein junges Mädchen, musste das tragen, was andere nicht mehr haben wollten: Schuhe, Kleider, Unterzeug …

Manchmal fühlte sich Etta der Verzweiflung nahe, wenn sie sich überlegte, dass ihr Lebensweg vorgezeichnet war. Sie hatte nicht viel gelernt, die Stadt war weit entfernt, und ihre einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, lag bei den Bauern und Gutsbesitzern der Umgebung, die in der Erntezeit gern zusätzliche Arbeitskräfte einstellten.

An die Menschen aus dem Armenhaus dachten sie allerdings zuletzt, weil sie keinen guten Ruf genossen. Wurde irgendwo eine Gans gestohlen oder ein Einbruch verübt, bestimmt richtete sich der Verdacht gegen die Bewohner des Backsteingebäudes; der Gendarm durchsuchte rücksichtslos ihre wenigen Habseligkeiten, fasste die Kleider allerdings nur mit spitzen Fingern an und bezeichnete sie als Lumpen.

Ettas Wangen brannten vor Scham, als sie sich erinnerte, dass diese Durchsuchungen mehrfach Erfolg hatten. Die Menschen hier waren nicht im Unrecht, wenn sie den Armenhäuslern Diebstähle zutrauten.

Und selbstverständlich verurteilte man alle in Bausch und Bogen, die Ehrlichen und die Unehrlichen, denn sie wohnten alle unter einem Dach, sie waren alle von der Gnade der Gemeinde abhängig, und alle waren sie Gescheiterte. Auch die, die gar im Armenhaus geboren waren.

Ein Makel lag auf ihr, den nichts auf der Welt abwaschen konnte, denn kein ehrlicher Bauernsohn würde jemals auf den Gedanken kommen, sie zu seiner Frau zu machen. Mädchen wie ihr machte man andere Anträge, und Etta hatte schon mehr als eine Ohrfeige ausgeteilt — und den Hass der Dörfler dadurch nur geschürt.

Sie wagte sich kaum noch auf der Straße sehen zu lassen, denn sogar die Kinder riefen ihr höhnische Bemerkungen nach. Wie ein Tier floh sie vor den Menschen und versteckte sich im Wald, an Feldrainen, hinter Scheunen und Hängen.

Sie presste die Fäuste gegen die schmerzenden Augen, als sie sich vorstellte, dass es für sie gar keine Möglichkeit gab, diesem Dasein zu entrinnen. Sie durfte nicht in die Stadt ziehen, weil die Gemeinde verlangte, dass sie die Kosten, die sie verursacht hatte, vorher auf Heller und Pfennig abarbeitete.

Und man gab ihr nur wenig für ihre Tätigkeit, kaum mehr als ein Almosen. Aber man war stolz auf seine Barmherzigkeit und Großzügigkeit, und Besuchern wies man selbstgefällig das Armenhaus vor, in dem die Menschen ein Dach über dem Kopf hatten und genügend zu essen bekamen.

„Hallo“, sagte eine männliche Stimme vor Etta.

Das Mädchen sprang auf, streckte unwillkürlich abwehrend die Arme aus, aber der Mann lachte nur über ihr Erschrecken.

„Schlafen Sie am helllichten Tage?“, erkundigte er sich freundlich und tätschelte gleichzeitig den Hals seines rassigen Tieres.

„Herr Graf …“, stieß Etta hervor.

Zum ersten Mal sah sie den größten Grundbesitzer der Umgebung aus der Nähe, den bisher kannte sie ihn nur als einen Mann, der sich kaum im Dorfe sehen ließ und ab und zu auf dem Rücken eines seiner berühmten Pferde auf den Feldern erschien, um den Fortgang der Arbeiten zu beaufsichtigen.

„Du kennst mich?“, fragte der Mann.

Ettas Wangen färbten sich vor Zorn, und in ihre blauen Augen trat ein gefährliches Funkeln. Wie kam dieser Mann nur dazu, sie zu duzen? Selbst ihre lumpenhaften Kleider gaben ihm nicht das Recht, ihre Menschenwürde zu verletzen.

Der Mann lächelte stärker, als er ihre Empörung bemerkte.

„Was machst du hier?“, fragte er und beugte sich im Sattel vor.

„Ich warte darauf, einem unhöflichen Manne Fragen nicht zu beantworten!“, knurrte Etta ihn aufgebracht an.

Roderik von Odewald lachte mit blitzenden Zähnen zu ihr hinunter.

„Meinst du mit dem unhöflichen Mann vielleicht mich, Kleine?“

Etta holte tief Luft, und ihre Züge spannten sich.

„Jawohl“, sagte sie beherrscht, obwohl der Mann deutlich sah, wie die Erregung in ihr tobte. „Sie mögen ein Graf und auch reich sein, aber trotzdem sind Sie ein Flegel!“

Der Mann im Sattel wurde bleich, ein paar Sekunden lang starrte er sie finster an, aber Etta hielt seinem drohenden Blick furchtlos stand, rührte sich auch nicht, als der Gutsbesitzer aus dem Sattel sprang, dem Pferd die Zügel achtlos über den Nacken warf und dann vor sie hintrat.

„Ich lasse mich nicht beleidigen!“, sagte er sehr leise. „Du nimmst deine Worte sofort zurück, hörst du?“

„Ich denke nicht daran. Lernen Sie erst einmal, wie man sich benimmt, dann haben Sie vielleicht Veranlassung, sich über die Bezeichnung Flegel aufzuregen. Vorher nicht!“

„Das geht zu weit! Wer bist du?“ Der Mann packte ihren Arm und schüttelte sie wütend hin und her. „Gehörst du hier ins Dorf?“

Etta presste die Lippen zusammen und blieb ihm die Antwort schuldig.

„Ich habe dich etwas gefragt!“, herrschte der Mann sie an.

Etta legte nur den Kopf in den Nacken, und es gelang ihr, unerhört hochmütig auszusehen.

Ihre Haltung entlockte Roderik allerdings nur ein nachsichtiges Lächeln, weil sie in solch einem schreienden Gegensatz zu den Lumpen stand, die ihren schlanken, ebenmäßigen Körper bedeckten.

„Sie können lachen, Sie sind reich, Sie haben einen reichen Vater gehabt, und darauf bilden Sie sich etwas ein!“, fuhr Etta ihn gereizt an. „Es ist leicht, auf andere hinabzusehen, aber Sie wissen ja gar nicht, wie uns zumute ist, Menschen, die keinen reichen Vater hatten …“

Amüsiert — sein Zorn war inzwischen vollkommen verflogen — betrachtete der Graf ihr Gesicht.

„Du bist sehr hübsch, Kleine“, stellte er ein wenig gönnerhaft fest. „Aber weshalb regst du dich so auf?“

„Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig, mein Lieber“, stellte Etta böse fest.

Das Gesicht des Mannes rötete sich.

„Ich bin es gewohnt, mit ‚Herr Graf‘ angeredet zu werden.“

„Und ich bin es gewohnt, dass man mich mit Sie anredet. Und wer das nicht tut, ist ein Lümmel!“

Das Gesicht des Mannes zeigte grenzenlose Verblüffung. Etta sah, dass er zwischen Zorn und Lachen schwankte und sich dann für das Lachen entschied.

„Du bist ein komisches, kleines Ding“, meinte er herzlich amüsiert. „Entschuldige, dass ich es am nötigen Respekt fehlen ließ. Muss ich nun gnädiges Fräulein sagen, oder tun Sie es auch billiger?“

Etwas in seiner Haltung brachte das Mädchen aus dem Armenhaus hoch. Sie musterte ihn von oben bis unten mit einem geradezu verächtlichen Blick, drehte sich dann um und ging davon, als halte sie es für Verschwendung, ihm zu antworten.

Graf von Odewald runzelte die Stirn, denn dieses kleine Bauernmädchen besaß einen Hochmut des Benehmens, der sich absolut nicht für ein Mädchen ihres Standes schickte.

„He, Sie da!“, rief er ihr nach.

Etta wandte nicht einmal den Kopf, und gegen seinen Willen bewunderte Roderik ihre stolze Haltung und ihren schwingenden Gang, um den manch echte Dame sie beneiden konnte.

Mit ein paar langen Schritten holte er sie ein und hielt sie am Arm fest.

„Du bist mir noch eine Antwort schuldig, Kind“, forderte er herrisch. „Ich habe dich gefragt, wer du bist?“

„Ein Mädchen, zu dem man nicht höflich zu sein braucht!“, fuhr Etta ihn an. „Wollen Sie noch mehr wissen, Hochwohlgeboren?“

„Du, reize mich nicht!“

„Drohen Sie mir nicht mit Ihrem lächerlichen Zorn. Darüber kann ich nur lachen. Setzen Sie sich lieber auf Ihr Pferd, dann sehen Sie wenigstens nach etwas aus, denn Ihr Pferd besitzt Rasse.“

War es ein Wunder, dass der junge Mann die Rechte fester um die Reitpeitsche verkrampfte? Überall auf Kilometer im Umkreis kannte und achtete man ihn, es war für die Leute eine Ehre, wenn er sich herabließ, sie anzusprechen und eines kurzen Gesprächs zu würdigen, sie prahlten damit in ihren Bauernstuben und im Wirtshaus.

Und dieses Mädchen mit den Kleidern einer Vogelscheuche behandelte ihn wie einen … Mann, der gar nichts darstellte.

„Lassen Sie meinen Arm los. Aber sofort!“ Ettas Kinn schob sich trotzig vor. „Und dann möchte ich Sie bitten, mich nicht länger zu belästigen. Suchen Sie sich andere, die Sie duzen können, mich … langweilen Sie nur!“

„Du führst eine scharfe Sprache, mein liebes Kind, aber vergiss nicht, dass ich stärker bin als du“, drohte der Graf.

„Das wollen wir erst einmal sehen.“

Roderik erhielt einen Stoß vor die Brust, lockerte aber den festen Griff seiner Hand nicht, dafür aber schrie er unwillkürlich auf, als dieses wilde Mädchen einfach hineinbiss.

Er schlenkerte sie in der Luft hin und her und starrte verwundert auf den Abdruck zweier Zahnreihen, hörte ein helles, fast übermütiges Lachen und das Knacken des Unterholzes.

„Verdammt“, murmelte er.

Er schaute dem davonhuschenden Mädchen nach, das Sekunden später irgendwo im Dickicht des Waldes verschwunden war. Er wusste nicht, was er über diese kleine Begegnung denken sollte. Jedenfalls war dieses Mädchen hübsch, temperamentvoll und … frech.

Was geht sie mich an?, fragte er sich, als er die Zügel seines Pferdes nahm und sich elegant in den Sattel schwang. Seine Hand schmerzte, aber das war Stunden später auch seine einzige Erinnerung an dieses Erlebnis.

Ein Mann wie er hatte mehr zu tun, als über ein zigeunerhaft schönes Mädchen nachzudenken, das ihn behandelte wie einen hergelaufenen Vagabunden.

Er verwaltete sein Gut mit den drei Vorwerken selbst, obwohl ihm genügend Beamte zur Hand gingen. Sein Tag war ausgefüllt, und erst abends, als er sich im Badezimmer die Hände wusch, erinnerte er sich wieder an die Fremde.

Noch immer konnte er den Abdruck ihrer Zähne auf seinem Handrücken erkennen.

„Kleines Biest“, murmelte er.

„Ekel“, murmelte Etta, als sie abends beim Einbruch der Dunkelheit ins Dorf zurückging.

Ihre Mutter kam ihr keifend entgegen, schalt sie eine Herumtreiberin, arbeitsscheu und mit lauter Flausen im Kopf.

„Mit dir nimmt es noch einmal ein schlechtes Ende“, unkte sie.

Sie hatte die Behauptung schon so oft gesagt, dass ihre Tochter sie überhörte.

***

„Ich habe dir ein Buch besorgt.“

Albert Radder nahm Etta nach dem Abendessen geheimnisvoll zur Seite. Die Augen in seinem alten, verwitterten Gesicht leuchteten, obwohl sie viel Hässliches und Grausames gesehen hatten.

Sie strahlten eigentlich immer, wenn sie Ettas gebräuntes, wunderhübsches Gesicht umfingen. Das, was kein anderer Insasse des Armenhauses bemerkte, war ihm vor langen Jahren schon aufgefallen: dieses Mädchen mit dem schmalen, vornehmen Kopf und der wachen Intelligenz hinter der leicht gerundeten Stirn passte nicht hierher, und manchmal konnte er sich kaum vorstellen, dass sie die Tochter der schlampigen, ewig zankenden Martha Christensen war, deren Neugierde und Klatschsucht nichts entging.

„Ja?“, meinte Etta ohne Anteilnahme.

Ihr alter Freund stutzte. Er war es nicht gewohnt, dass Etta sich über Bücher nicht freute, denn sie las für ihr Leben gern.

Das, was der alte Dorfschullehrer ihr gegeben hatte, weil er es nicht verantworten wollte, diese dürstende Intelligenz brachliegen zu lassen, ergänzte der schlichte Alte durch seine Lebenserfahrung und Weisheit.

Die Bücher, die Etta las, waren ihm zu hoch, wie er offen zugab, dafür aber konnte er ihr in allen praktischen Dingen des Lebens beratend zur Seite stehen.

„Was ist geschehen?“, fragte er. „Du hast heute etwas erlebt. Willst du es mir nicht erzählen, Etta?“

Das Mädchen nahm ihm das Buch aus der Hand, ohne überhaupt den Titel anzuschauen.

„Sind wir schlechtere Menschen, nur weil wir im Armenhaus leben?“, fragte sie ihn.

Der alte Mann schmunzelte versteckt.

„Wenn er dich gern hat, wird er es nicht glauben“, antwortete er orakelhaft. „Und falls er es meint, lass ihn laufen, dann taugt er nichts.“

Er nickte bedächtig vor sich hin, denn solch ein großer Kummer, wie er Ettas Herz bedrückte, musste in ihrem Alter unbedingt mit einem jungen Mann zusammenhängen.

„Ich habe den Grafen getroffen“, begann Etta zögernd zu erzählen, aber sie sprach nur anfangs langsam, dann kamen die Worte immer schneller aus ihrem Munde und überstürzten sich zum Schluss fast. „Und das alles nur, weil er ein Graf ist und ich ein armes Mädchen!“, schloss sie empört.

„Du sagst ‚nur‘, Etta“, meinte der alte Mann begütigend. „Du glaubst vielleicht, alle Menschen seien gleich … Sie waren es nie, Kind, und sie werden es nie sein. Immer gibt es Arme und Reiche, Privilegierte und Entrechtete.“

„Ich bin nicht bereit, mir so etwas gefallen zu lassen, Albert“, blitzte Etta ihn an. „Ich bin im Armenhaus geboren, aber ich will nicht im Armenhaus sterben.“

„Wer einmal hier ist, der kommt kaum wieder hinaus. Das Armenhaus ist wie ein Gefängnis, wenn auch die Tür offen steht und die Gitter vor den Fenstern fehlen.“

„Es ist schon mehr als ein Gefangener ausgebrochen“, widersprach Etta heftig. „Ich will diesem aufgeblasenen Menschen beweisen, dass er kein Recht hat, auf uns hinabzusehen.“

„Das wirst du niemals schaffen“, lächelte der alte Mann abgeklärt. „Deine Mutter“, wisperte er ihr zu.

Etta wandte unmutig den Kopf. Frau Martha kratzte sich mit der Stricknadel den Kopf, als sie näher schlurfte, und hatte die andere Hand kriegerisch in die Hüfte gestützt.

„Wo hast du dich den ganzen Tag herumgetrieben?“, keifte sie. „Das hört jetzt auf, meine liebe Etta, hast du mich verstanden? Kann mir schon denken, dass du dich mit den jungen Burschen rumdrückst, aber denke nicht, dass ich mir so etwas gefallen lasse!“

Das Mädchen zuckte nur die Schultern, unfähig, etwas auf ihre Beschimpfungen zu erwidern. Sie wusste ja, wie wenig Zweck es hatte, zu versuchen, den Redefluss der Mutter zu stoppen. Frau Martha fühlte sich nur wohl, wenn sie schimpfen konnte, und Anlässe fand sie genug.

Ungepflegt, das Haar wirr, das Gesicht ungewaschen, stand sie vor Etta. Ihr Atem roch nach Alkohol, und Etta fragte sich wieder einmal, wie sie es nur schaffte, ihren Flaschenvorrat ständig zu erneuern. Ihre Mutter lebte sowieso nicht schlecht, schob mehr als einmal das Essen im Armenhaus verächtlich zurück und aß irgendwelche Delikatessen aus Dosen, die sie von unbekannter Seite erhielt. Auf Fragen, wer der Spender sei, pflegte sie nur höhnisch zu kichern.

„Da weißte nichts zu sagen, was?“, keifte sie weiter, und Etta wusste, dass sie bestimmt wieder eine ganze Flasche getrunken hatte, denn dann wurde sie stets streitsüchtig.

„Ich will wissen, wo du dich wieder herumgetrieben hast!“, schrillte ihre hohe Stimme an Ettas Ohr. „Ich kenne die Kerle, ich weiß, was sie von hübschen Mädchen wollen, aber glaube nicht, dass du mir mal eines Tages mit einem Bankert ankommen kannst! Dann werfe ich dich raus!“

„Tätest du es doch sofort!“, schleuderte das Mädchen der Frau furchtlos entgegen. „Du solltest dich schämen, immer so viel zu trinken!“, ging sie zum Gegenangriff über. „Wenn du so weitermachst, wirst du eines Tages noch krank werden.“

„Und was geht’s dich an?“ Die Frau lachte hoch und schrill. „Tu doch ja nicht so, als hättest du plötzlich etwas für mich übrig. Dir bin ich ja schon lange nicht mehr fein genug. Du willst etwas Besseres sein. Aber ich bin deine Mutter, sieh mich nur an, ich, Martha Christensen, ich bin deine Mutter!“

Wieder lachte sie, und Etta wandte angewidert den Kopf zur Seite. Es war unnatürlich, das wusste sie, dass sie als Tochter die eigene Mutter nicht liebte, aber eine Tatsache, die sie nicht bestreiten konnte.

Nicht einmal als Kleinkind hatte sie an dieser Frau gehangen, die mit glasigen Augen vor ihr stand und jetzt wüste Beschimpfungen ausstieß. Fremd war sie ihr gewesen, fremd geblieben.

Und die Tochter einer solchen Frau braucht man nicht zu achten, dachte Etta. Wenn Graf von Odewald sie sehen würde, wüsste er, dass er recht hatte, als er auf mich herabschaute. Sie presste ihr Buch fest an sich und lief fort, verzweifelt und mit dem Schicksal hadernd.