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Etta ist froh, dass sie die Stellung als Sekretärin auf Odewald erhalten hat. Die Arbeit macht ihr Freude und bietet ihr eine Flucht aus dem Elend des Armenhauses. Der Rendant ist sehr zufrieden mit ihrer Leistung, er betont bei Graf Odewald, sie sei eine regelrechte Perle.
Etta ist zunächst verlegen ob des hohen Lobes, freut sich aber im Stillen, dem Grafen ihr Können zu beweisen. Roderick jedoch begegnet dem Mädchen immer noch mit Vorbehalten. Das spürt Etta. Da helfen auch die hübschen Kleider nicht, sie bleibt ein Mädchen aus dem Armenhaus, von allen gehasst und verachtet wie ein lästiges Ungeziefer.
Da bricht Ettas Mutter eines Tages ihr Schweigen. Sie legt ein ungeheuerliches Geständnis ab, und Ettas Schicksal soll eine unvorhergesehene Wendung nehmen ...
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Im Armenhaus geboren
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Kateryna Upit / shutterstock
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7325-9700-0
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Im Armenhaus geboren
Ein Lebensweg voller Licht und Schatten
Von Ina Ritter
Etta ist froh, dass sie die Stellung als Sekretärin auf Odewald erhalten hat. Die Arbeit macht ihr Freude und bietet ihr eine Flucht aus dem Elend des Armenhauses. Der Rendant ist sehr zufrieden mit ihrer Leistung, er betont bei Graf Odewald, sie sei eine regelrechte Perle.
Etta ist zunächst verlegen ob des hohen Lobes, freut sich aber im Stillen, dem Grafen ihr Können zu beweisen. Roderick jedoch begegnet dem Mädchen immer noch mit Vorbehalten. Das spürt Etta. Da helfen auch die hübschen Kleider nicht, sie bleibt ein Mädchen aus dem Armenhaus, von allen gehasst und verachtet wie ein lästiges Ungeziefer.
Da bricht Ettas Mutter eines Tages ihr Schweigen. Sie legt ein ungeheuerliches Geständnis ab, und Ettas Schicksal soll eine unvorhergesehene Wendung nehmen …
Etta wusste, dass sie nach dieser schrecklichen Szene doch nicht imstande sein würde, den ersehnten Schlaf zu finden und ging wieder in ihren geliebten Wald.
Das Mädchen presste die Stirn gegen einen Baumstamm. Wie sollte sie weiterleben mit dem Bewusstsein, von allen gehasst, von allen verachtet zu werden? Aber konnte sie erwarten, dass jemand sie gern hatte, wenn nicht einmal die eigene Mutter sie liebte?
Die Mutter! Etta dachte an das Spritzenhaus des Dorfes, in dem sie jetzt sitzen würde, und ein Frösteln rann über ihren Körper, denn vom Dorf her hörte sie die lärmenden Stimmen aus dem Wirtshaus. Sie saßen dort bei Schnaps und Bier und besprachen ihren missglückten Versuch, den Schandfleck auszulöschen. Heute war es ihnen misslungen, aber sie waren zäh und beharrlich, diese dickschädeligen Bauern, sie würden ihren Versuch wiederholen.
Etta stöhnte in tiefster Herzensqual, als sie sich nach rechts wandte, auf das Dorf zu. Sie liebte die Mutter nicht, hielt es aber für eine Pflicht, sich dennoch um sie zu kümmern.
Der Gendarm Lemke hielt Wache, ein selbstbewusster, bärenhaft starker Mann. Die Knöpfe seiner Uniform blinkten matt im Mondlicht, als er gewichtig auf sie zuschritt und breitbeinig vor ihr stehen blieb.
„Verschwinde!“, knurrte er Etta grob an. „Du hast hier nichts zu suchen!“
Ettas Züge verhärteten sich, als sie den Kopf in den Nacken legte und den Mann furchtlos anblickte.
„Sie sollten sich in Acht nehmen, Lemke“, drohte sie gelassen. „Es könnten sich nämlich Ihre Vorgesetzten dafür interessieren, wo Sie sich aufhielten, als die Bauern das Armenhaus stürmen wollten. Es wäre eine schöne Sensation für die Zeitung, nicht wahr?“
Ihre Drohung verfehlte ihren Zweck nicht, Lemke stieß hörbar den Atem aus und presste seine klobige, rote Hand in ihre Schultern.
„Das wirst du nicht wagen!“, fuhr er sie an, aber seiner Stimme fehlte die letzte Festigkeit.
„Lassen Sie mich los, Lemke!“ Etta wusste, dass sie gesiegt hatte, konnte sich aber nicht darüber freuen. Sie war müde, grenzenlos müde des ewigen Kampfes gegen die hasserfüllte Umwelt. „Ich möchte meine Mutter sprechen.“
„Das geht nicht, ausgeschlossen!“, knurrte Lemke.
„Schließen Sie das Spritzenhaus auf!“ Etta tat so, als habe sie seinen Widerspruch überhaupt nicht gehört.
„Aber nur für eine Minute.“
Frau Martha saß auf einer Pritsche, den Kopf mit dem wirren, grauen Haar auf die Fäuste gestützt, und starrte wie ein gefangenes Tier zur Tür, als der Gendarm aufschloss. Sie rührte sich nicht, als sie Etta erkannte.
„Wie geht es dir, Mutter?“
„Bring mir Schnaps. Unter meinem Bett steht noch eine halbvolle Flasche. Und ein paar Flaschen habe ich im Garten vergraben, drei Schritte rechts neben der großen Ulme. Bringe sie mir, aber schnell.“
Sie krümmte sich zusammen, und Etta erschrak über ihr verfallenes Gesicht und die glanzlosen Augen.
„Ausgeschlossen!“, mischte sich Lemke gewichtig ein. „Sie befinden sich in Untersuchungshaft, meine Liebe, und da ist es aus mit den Saufereien.“
„Sie müssen ihr etwas Alkohol geben“, kam Albert Radders Stimme von irgendwo her aus der Tiefe des dunklen Raumes. Ettas Augen konnten ihn kaum wahrnehmen, denn er saß auf dem Boden, hatte die Knie angezogen und die Arme herumgeschlungen. „Frau Christensen ist an große Alkoholmengen gewöhnt, Sie können sie ihr nicht von einer Stunde zur anderen entziehen.“
„Laut meiner Dienstvorschrift darf ich Häftlingen keinen Alkohol verabreichen.“ Lemke klopfte bezeichnend auf das Buch zwischen den Knöpfen seiner Uniformjacke. „Und so eine kleine Entziehungskur wird der Martha schon nicht schaden.“
Die Frau, von der sie sprachen, saß noch immer unbeweglich auf der staubigen Pritsche und starrte aus tiefverschatteten Augenhöhlen auf Etta. Das Mädchen konnte kaum fassen, dass diese Frau sie einmal geboren hatte. Sie wirkte wie ein Tier.
„Wir müssen wieder gehen. Morgen früh bringe ich Sie in die Stadt und führe Sie dem Untersuchungsrichter vor“, warf er Frau Martha lässig hin, schob Etta dann hinaus und verriegelte umständlich das Tor aus dicken Bohlen.
„Und nun verschwinde!“, kläffte er Frau Marthas Tochter an.
Was sollte Etta schon anderes tun? Aber wohin sollte sie gehen? Ins Armenhaus zurück, zu den Menschen, die andere bestahlen, die nichts auf sich hielten …?
Natürlich musste sie dorthin zurück, es gab für sie keine andere Möglichkeit, ein Dach über dem Kopf zu finden.
„Gnädiges Fräulein …“ Etta schreckte zusammen, als eine fremde Stimme sie unvermutet aus der Finsternis ansprach und machte unwillkürlich eine Bewegung, als wolle sie die Flucht ergreifen.
„Ich bin es nur, Hinnerk“, sagte die gleiche Stimme, und jetzt erkannte Etta auch den alten Knecht, der im tiefen Schatten einer Eiche stand und anscheinend auf sie gewartet hatte.
„Was machen Sie hier?“
„Sie haben mir gesagt, dass Sie noch draußen sind“, erklärte der Alte leise.
„Wer?“
„Die Leute aus dem Armenhaus. Ich … wohne nämlich jetzt dort.“
„Nein. Sie …“
„Sagen Sie du zu mir, gnädiges Fräulein“, bat Hinnerk demütig. „Ich fand keine Ruhe, als ich hörte, dass Sie noch nicht zurück sind, und da habe ich mich aufgemacht, Sie zu suchen. Kommen Sie mit. Ich bin nur ein alter Mann, aber meine Fäuste sind besser als gar keine.“
Etta konnte sich nicht rühren, schüttelte nur erstaunt den Kopf, als sie den Pferdeknecht von oben bis unten betrachtete.
„Hat der Graf … Sie … dich hinausgeworfen?“, stammelte sie.
„Nein, ich bin freiwillig gegangen, ich habe auf Odewald nichts mehr zu suchen, gnädiges Fräulein. Der Herr … glaubt mir ja nicht mehr.“
Die Bitterkeit in seiner Stimme machte Etta klar, wie tief die Haltung des Grafen diesen Knecht verletzt haben musste.
„So ist das in der Welt. Man ist den Herrschaften gut, wenn man für sie arbeitet, aber … ein Mensch ist man für sie nicht.“
„Sie irren sich, gnädiges Fräulein, unser Herr ist anders“, nahm Hinnerk den Grafen gelassen in Schutz. „Es ist … es ist diese Person, die dahintersteckt. Sie wird ihn unglücklich machen.“
„Er ist alt genug, um zu wissen, was er tut. Niemand zwingt ihn ja, Fräulein von Güstrow zu heiraten. Aber sie bringt ein schönes Gut mit, Hinnerk, sie haben dort zwanzig prämiierte Stiere, und mit dem Mist ihrer Rinderzucht kann man ganz Odewald düngen. Sie macht ihn nicht unglücklich. Sie macht ihn noch reicher.“
Hinnerk hatte bei ihren heftigen Worten erstaunt den Kopf gewandt.
„Ihm liegt nichts an Blumenau“, widersprach er in seiner gelassenen Art. „Unser Herr ist nicht so. Ich kenne ihn besser, gnädiges Fräulein. Diese Person hat ihn eingefangen, das ist alles. Und wenn ihm die Augen aufgehen und er ihren Charakter erkennt, dann wird es zu spät sein.“
„Die Lehre kann ihm nichts schaden.“
Hinnerk, der Grund gehabt hätte, Roderik von Odewald zu zürnen, senkte bekümmert den Kopf. Er liebte den Jungen noch immer, denn für ihn war der Herr noch immer der junge Mann, den er liebevoll betreut hatte. Jeder kann sich einmal irren, und kein Mensch hat das Recht, deshalb über einen anderen den Stab zu brechen.
Nur Etta konnte nicht so gerecht urteilen, weil ihr Herz beteiligt war.
***
Graf von Odewald war, was seine persönlichen Angelegenheiten betraf, sehr verschlossen und sagte selbst seinem Vater nicht, wie er sich Helma gegenüber in Zukunft verhalten würde. Der alte Herr konnte allerdings unschwer von seinem düsteren Gesicht ablesen, dass Roderik irgendeine kompromisslose Forderung stellen würde.
„Man soll nichts über’s Knie brechen, Junge“, mahnte er, als sein Sohn sich nach dem hastig heruntergeschlungenen Frühstück erhob und ihm mitteilte, er würde nach Blumenau reiten.
„Danke“, knurrte Roderik.
„Du verlangst zu viel von den Menschen“, fuhr sein Vater gemächlich fort. „Du glaubst, alle müssten so fest und sicher sein wie du selbst. Das ist ein Irrtum. Die Menschen sind nun einmal anders, sie pflegen in der Regel den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen.“
„Das mag sein“, räumte Roderik bereitwillig ein, „aber von meiner Frau verlange ich eine andere Haltung.“
„Deine Frau bringt dir ein sehr schönes Gut in die Ehe mit, eine prachtvolle Ergänzung für Odewald. Meinst du nicht, dass es besser wäre, die peinliche Geschichte mit dem Peitschenhieb zu vergessen?“
„Und Fräulein Christensen und Hinnerk? Die soll ich einfach fallen lassen? Kannst du das wirklich im Ernst von mir verlangen?“, brauste der junge Graf auf. Er spielte nervös mit dem Stiel seiner Reitpeitsche. „Sie haben ein Recht auf ihren guten Namen, genauso gut wie Helma von Güstrow. Ich werde die Angelegenheit klären und …“
„Es wird nichts dabei herauskommen“, unkte der erfahrene Mann. „Du kannst doch nicht erwarten, dass Helma zugibt, dich beschwindelt zu haben.“
„Es war kein Schwindeln, sondern eine glatte Lüge“, berichtigte Roderik ihn. „Und ich denke nicht daran, eine Lügnerin zu heiraten.“
Jetzt wurde der alte Herr doch sehr aufmerksam. Er kniff die Augen zusammen und krauste die Stirn.
„Setz dich noch einmal, Junge“, forderte er Roderik auf. „Mir scheint, du bist nicht in der Verfassung, mit Helma vernünftig zu sprechen.“
„O doch, gerade jetzt bin ich in der richtigen Verfassung“, widersprach sein Sohn, ohne sich zu setzen. „Ich wundere mich nur über deine Haltung, Vater. Ist es dir denn gleichgültig, ob deine Schwiegertochter … Gefühl für Anstand besitzt, oder …“
„Sie ist eine Frau, Roderik“, erwiderte der alte Graf, als sei damit alles gesagt.
Er hielt nicht viel von Frauen, obwohl er sie zu den Freuden des Lebens zählte, oder besser gesagt, gezählt hatte. Sie waren nett, amüsant, großartig, um sich mit ihnen die Zeit zu vertreiben.
Aber mehr auch nicht. Man durfte sie nicht zu ernst nehmen, wer das tat, würde doch nur immer wieder enttäuscht werden. Er versuchte, seinem Sohn klarzumachen, dass er in den Vorstellungen einer längst vergangenen Zeit lebte, wenn er von Helma Charakter verlangte.
Roderik hörte sich seine Erklärungen mit unbewegtem Gesicht an; der Vater wusste nicht, ob es ihm gelungen war, seinen widerspenstigen Sinn zu besänftigen.
„Danke für deine lichtvollen Erklärungen.“ Der junge Mann verneigte sich spöttisch, als Graf Henry schließlich schwieg. „Wenn das stimmt, was du sagst, würde ich niemals heiraten.“
„Ich fürchte, du wirst es auch nicht tun“, seufzte sein Vater. „Wie hast du es nur fertiggebracht, dir deine Achtung vor dem sogenannten zarten Geschlecht so lange zu erhalten? Du bist doch schließlich kein dummer Junge mehr!“
Roderik verzichtete auf eine Antwort, aber während er den Wagen nach Blumenau steuerte, sann er den eindringlichen Worten des erfahrenen Menschenkenners nach.
Er wusste nicht, ob das Urteil des alten Herrn stimmte, und er weigerte sich, es zu akzeptieren. Irgendwie mochte es stimmen, dass er sich romantischen Vorstellungen hingab, wenn er Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit verlangte, aber etwas in ihm sträubte sich einfach, sich mit einer feigen Lüge des Mädchens abzufinden, das einmal seine Frau werden sollte.
***
Helma strahlte ihm entgegen, als er zu dieser ungewohnten Zeit den Salon betrat, während Frau Pamela auf den ersten Blick sah, dass er irgendeine schlechte Nachricht brachte. Ihr Herz klopfte schwer und hart in der Brust.
Nach der höflichen Begrüßung plauderte Roderik ein paar Minuten krampfhaft über das Wetter und die Frühjahrsbestellung, versank dann in ein brütendes Schweigen.
„Könnte ich dich einen Augenblick allein sprechen?“, bat er schließlich.
Frau Pamela erhob sich sofort und bemühte sich, verstehend zu lächeln. Es wollte ihr allerdings nicht recht gelingen. Auch sie hatte von dem Tumult vor dem Armenhaus gehört, wusste um Frau Marthas Verhaftung und fürchtete, dass die ehemalige Gesellschafterin der Gräfin von Hoppenburg vielleicht Andeutungen gemacht hatte.
„Nun, was hast du so Wichtiges zu sagen?“, bemühte sich Helma um einen scherzhaften Ton.
Als kluges Mädchen setzte sie sich auf seine Sessellehne und schlang die Arme um seine Schultern. Sie küsste ihn und tat so, als bemerke sie nicht, dass Roderik seinen Kopf unwillkürlich zurückzog.
„Hinnerk … ist gestern Abend fortgegangen.“
Roderik bemühte sich, möglichst kühl und sachlich zu sprechen, als er die Erklärung des alten Pferdeknechtes wiederholte, aber am nervösen Spiel seiner Finger sah Helma die Erregung, die er nur mühsam bändigen konnte.
Sie drückte ihren Kopf in die Beuge zwischen Hals und Schulter des Mannes, denn es war nicht nötig, dass Roderik ihr Gesicht sah.
„Du glaubst ihm also mehr als mir?“, fragte sie mit dünner, klagender Stimme. „Du liebst mich nicht, Roderik.“
Der Mann saß ganz steif da. Ihre Feststellung war ein schwerer Vorwurf, der schwerste überhaupt, den sie erheben konnte, bedeutete er im Grunde doch nichts weiter als die Anklage, er heirate sie nur des Gutes wegen.
„Hinnerk … versucht doch nur, uns auseinanderzubringen, Roderik. Du bist blind und taub, wenn du es nicht siehst … Aber dass du auch nur eine Sekunde an mir zweifeln konntest, Liebster …“
Ihr Schluchzen war echt; unwillkürlich zog der Mann sie fester an sich und strich ihr beruhigend über das Haar. Seine Hände waren nervös, denn er musste an Hinnerks prophetische Worte denken, dass ein schönes Mädchen immer die besseren Argumente auf ihrer Seite hat.
Sein Herz war von Zweifeln zerrissen. Als Ehrenmann der alten Schule war er in dem Glauben erzogen worden, dass eine wirkliche Dame niemals bewusst die Unwahrheit spricht.
Aber auf der anderen Seite stand Hinnerk, der alte, knorrige Knecht, sein Freund aus den Kindheitstagen, den er kannte wie keinen anderen Menschen auf der Welt.
„Vergiss doch die ganze dumme Geschichte“, schmeichelte Helma. „Sie ist auch gar nicht so wichtig … Wichtig ist nur, dass du mich liebst.“
„Ja …“, stöhnte der Mann. „Aber …“
„Es gibt kein Aber, wenn du mich liebst“, beharrte Helma auf ihrer Forderung.
Sie spürte, dass sie den Sieg über ihn errungen hatte, rieb ihre Wange schmeichelnd an seinem Gesicht und küsste seine Lippen.
„Ich bin froh, dass die beiden fort sind“, sagte sie eine ganze Weile später. „Und was für eine Rolle spielt es schon, wenn die Christensen einmal geschlagen worden ist? Ein Mädchen aus dem Armenhaus …“
Noch verächtlicher konnte man gar nicht sprechen, als sie es tat, und etwas in Roderik empörte sich gegen ihre Art. Helma spürte feinfühlig, dass sie zu weit gegangen war und wieder Terrain verlor.
„Kümmere dich nicht mehr um diese Person …“
„Wenn sie mich belogen hat …“
„Natürlich hat sie gelogen. Mädchen wie sie lügen immer. Mach doch nicht solch ein Theater um diesen Schlag. Selbst wenn ich es gewesen wäre, spielt es doch keine Rolle. Du liebst mich doch …“
Der Mann antwortete nicht.
„Sag etwas!“, forderte Helma erregt.
Vor ihren Augen begann alles zu flimmern, sie hasste diese Etta, die wie ein Schatten über ihrem bisher so sonnigen Leben stand, weil sie allein das Recht besaß, auf dem geliebten Blumenau zu wohnen.
„Ist jetzt alles gut?“ Sie lächelte ihn betörend an, aber Roderik brachte es nicht fertig, zustimmend zu nicken. Irgendwie spürte er, dass Helma etwas vor ihm verbarg.
„Erzähl mir von dem Zwischenfall“, bat er heiser. „Wie war es genau?“
„Hör jetzt endlich damit auf! Du machst ein Theater um diese Sekretärin, als sei sie eine Komtess.“
„Sie ist keine Komtess, sondern ein Mensch“, berichtigte der Mann sie gelassen. „Und deshalb hat sie ein Recht auf anständige Behandlung. Wenn du sie geschlagen hast … kannst du es doch zugeben. Vielleicht … hat sie dich gereizt, ich kenne ihre Art, wenn sie wütend ist …“
Helma lachte schrill auf.
„Natürlich habe ich sie geschlagen, was dachtest du denn?“, kreischte sie mit sich überschlagender Stimme. Sie rutschte von der Lehne seines Sessels herunter und stand mit harten Fäusten vor ihm. „Es tut mir nur leid, dass ich sie nicht zweimal getroffen habe, dieses scheinheilige Geschöpf. Starr mich nicht so an, jawohl, ich habe sie geschlagen, und … ich bereue es nicht!“
Mit großen, geweiteten Augen starrte Roderik auf das Mädchen, das seine Fassung völlig verloren hatte. Das also war seine zukünftige Frau!
Sein Blick ernüchterte Helma, sie strich sich über die schweißnasse Stirn und atmete einmal tief durch.
„So, jetzt weißt du es“, stellte sie mit veränderter dünner Stimme fest. „Und nun küss mich.“
Der Mann rührte sich nicht.
„Was ist denn schon dabei?“, fuhr Helma entschuldigend fort. „Ich mag diese Person nicht, ich hasse sie. Du wolltest sie nicht fortschicken, Roderik, dadurch ist alles gekommen. Ich gebe ihr Geld, viel Geld, und dann … dann ist wieder alles in Ordnung. Mädchen wie sie tun alles für Geld.“
„Du wirst dich bei ihr entschuldigen, Helma. Ich erwarte dich morgen Vormittag auf Odewald. Ich werde Hinnerk und sie zurückholen.“
„Ich denke nicht daran, zu kommen! Meinetwegen heirate doch diese scheinheilige Person! Ich soll mich bei einer Armenhäuslerin entschuldigen …?“
„Du brauchst es nicht zu tun“, stellte der Graf gelassen fest. „Du brauchst überhaupt nicht zu kommen, wenn du nicht willst, Helma. Die Entscheidung liegt allein bei dir. Du hast einen ganzen Tag Zeit, sie dir zu überlegen.“
Er stand auf, verneigte sich knapp vor ihr, ohne ihr die Hand zu bieten, und ließ sie dann stehen.
Wie versteinert schaute seine zukünftige Frau ihm nach.
***
„Der Herr“, murmelte Hinnerk, als Roderik vor dem Armenhaus aus dem Sattel sprang.
