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Auf den ersten Blick fällt die Ähnlichkeit zwischen den beiden Grafen von Kornwede kaum ins Auge. Beide sind blond und ihre Haut von der Sonne gebräunt, und doch könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Während Brandulf, der ältere und ernsthaftere, seiner Arbeit als Majoratsheer nachgeht, so lebt sein jüngerer Bruder Heiko ein leichtes Leben ohne Verpflichtungen. Sein einziges Ziel ist es, endgültig unabhängig von seinem Bruder zu werden und eine gute Partie zu machen.
Der junge Graf sieht sich schon als nächster Herr über das reiche Gut Brackhagen, doch Ingrids strenger Vater verbietet ihr die Hochzeit mit diesem "Nichtsnutz". Während Ingrid noch um die Liebe kämpft, wendet sich Heiko schon einer anderen Liebschaft zu: Dagmar. Auch sie ist ein Mädchen aus gutem Hause, zwar weniger reich, aber dennoch eine solide Heiratskandidatin.
Wenige Tage vor der geplanten Hochzeit stirbt der alte Brackhagen, und Ingrid ist frei. Heiko lässt Dagmar sitzen und kehrt zu Ingrid zurück. Um einen Skandal zu vermeiden und auch Dagmars Ehre nicht zu beschmutzen, bietet sich nun Brandulf als Bräutigam an. Unter Tränen willigt Dagmar ein ...
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Ein Jawort mit Tränen
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Sergiu Birca / shutterstock
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7517-0035-1
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Ein Jawort mit Tränen
Berührender Roman um eine schicksalhafte Ehe
Von Ina Ritter
Auf den ersten Blick fällt die Ähnlichkeit zwischen den beiden Grafen von Kornwede kaum ins Auge. Beide sind blond und ihre Haut von der Sonne gebräunt, und doch könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Während Brandulf, der ältere und ernsthaftere, seiner Arbeit als Majoratsheer nachgeht, so lebt sein jüngerer Bruder Heiko ein leichtes Leben ohne Verpflichtungen. Sein einziges Ziel ist es, endgültig unabhängig von seinem Bruder zu werden und eine gute Partie zu machen.
Der junge Graf sieht sich schon als nächster Herr über das reiche Gut Brackhagen, doch Ingrids strenger Vater verbietet ihr die Hochzeit mit diesem „Nichtsnutz“. Während Ingrid noch um die Liebe kämpft, wendet sich Heiko schon einer anderen Liebschaft zu: Dagmar. Auch sie ist ein Mädchen aus gutem Hause, zwar weniger reich, aber dennoch eine solide Heiratskandidatin.
Wenige Tage vor der geplanten Hochzeit stirbt der alte Brackhagen, und Ingrid ist frei. Heiko lässt Dagmar sitzen und kehrt zu Ingrid zurück. Um einen Skandal zu vermeiden und auch Dagmars Ehre nicht zu beschmutzen, bietet sich nun Brandulf als Bräutigam an. Unter Tränen willigt Dagmar ein …
Brandulf von Kornwede stutzte, als er sich vom Pferd schwang und seinen Bruder auf die Stallungen zukommen sah.
Es war die Zeit des zweiten Frühstücks, und hinter Brandulf lagen schon viele Stunden intensiver Arbeit.
„Hallo!“ Heiko hob lässig grüßend die Hand.
„Du willst fort?“, fragte Brandulf.
„Ein bisschen ausreiten. Du hast doch nichts dagegen, oder? Ich habe nun mal keine Lust, hier auf Kornwede zu arbeiten. Wozu auch?“
„Es zwingt dich auch niemand.“
Brandulf wirkte reserviert. Er sah aus wie ein Mann, der nur selten lachte. Die Verantwortung für das Gut hatte seine Züge geprägt.
Heiko war so groß wie sein Bruder, genauso blond und von der Sonne braun gebrannt. Auf den ersten Blick fiel die Ähnlichkeit der beiden ins Auge, und nur beim genaueren Hinschauen sah man unverkennbare Unterschiede.
Um Heikos Mund schwebte meistens ein kleines Lächeln. Er machte irgendwie einen jungenhaften Eindruck.
„Ich weiß, dass es dir nicht gefällt, lieber Bruder. Aber das Leben ist zu kurz, um es sich durch Arbeit zu vermiesen. Man soll den Tag genießen. Und besonders einen herrlichen Sonnentag wie heute.“
„Du machst dir dein Leben leicht.“
Brandulfs Stimme enthielt keinen Vorwurf. Schließlich war er der Erbe des Majorats, und Heiko bekam nur eine verhältnismäßig geringe Abfindung. Das Geld hatte Heiko, was Brandulf auch wusste, schon ausgegeben. Er fragte den Bruder nicht danach. Es lag ihm nicht, seinem Bruder Vorschriften zu machen.
Allerdings wäre es vernünftiger gewesen, wenn Heiko etwas mit zugepackt hätte. Gerade in den Sommermonaten gibt es für einen Landwirt mehr als genug zu tun.
„Du solltest dich nicht so abschuften“, meinte er jetzt leichthin. „Es dankt dir ja doch niemand. Die Leute arbeiten auch ohne deine Aufsicht. Genieße dein Leben! Wenn mir Kornwede gehörte, ich wüsste schon, was ich täte.“
„Du würdest die Dinge treiben lassen“, erwiderte Brandulf bitter.
„Ich würde auf jeden Fall nicht so schuften wie du. Unsere Leute haben mehr Freizeit als der Majoratsherr. Die sitzen abends vor ihren Häusern und rauchen behaglich ihre Pfeifen, während du über deinen Büchern hockst.“
„Das muss sein.“
„Wie du meinst. Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Ich weiß noch nicht, ob ich pünktlich zum Essen zu Hause sein werde. Fangt ohne mich an, wenn ich mich verspäte. Ich lasse mir dann in der Küche etwas geben.“ Heiko warf einen Blick auf seine Uhr und runzelte die Stirn. „Aber jetzt muss ich fort, sonst komme ich zu spät.“
„Wieso? Bist du denn verabredet?“ Der ältere Bruder stutzte. „Mit wem denn? Dagmar ist doch noch verreist. Oder ist sie schon zurück?“
„So fragt man Leute aus.“ Heiko lachte. „Ich bin mit mir verabredet. Und mit dem See. Ach, ich freue mich darauf, mich gleich in die kühlen Fluten zu stürzen. Es gibt nichts Herrlicheres als ein Bad im Freien. Bis später dann.“
Er schlenderte weiter, während Brandulf auf das schlossartige Herrenhaus zuging. Noch immer war seine Stirn gefurcht. Man sah ihm an, dass ihn ungute Gedanken quälten.
Gräfin Eva saß schon am Frühstückstisch, als Brandulf ins Esszimmer trat. Es war ein hoher sonnendurchfluteter Raum mit erlesen schönen Möbeln. Eva von Kornwede nickte ihm freundlich zu. Mit ihrem schlohweißen Haar über einem noch fast faltenlosen Gesicht sah sie vornehm und würdig aus.
„Setz dich“, sagte sie und wies mit ihrer schmalen Hand auf den Stuhl ihr gegenüber. „Heiko ist fortgeritten. Er will baden. Nun, bei dem Wetter kann er auch nichts Besseres tun. Schwimmen ist der gesündeste Sport.“
Mütterlicher Stolz schwang in ihrer Stimme mit. Sie hing an ihrem Jüngsten, der als Kleinkind oft krank gewesen war. Seinen ersten Platz im Herzen seiner Mutter hatte er sich erobert. Gräfin Eva hätte zwar bestritten, Heiko vorzuziehen, aber es war eine Tatsache, an der es keinen Zweifel gab.
Gräfin Eva schnitt ein Brötchen auf. „Was möchtest du als Belag haben?“
Brandulf schüttelte den Kopf.
„Danke, ich möchte nichts essen, nur etwas trinken. Hier im Haus ist es nach der Hitze draußen angenehm kühl.“
„Geht die Arbeit gut voran?“, fragte Gräfin Eva. „Heiko braucht einen neuen Wagen. Ich soll mit dir sprechen. Er selbst mag es nicht.“
Sie hatte eine Antwort auf ihre Frage gar nicht abgewartet, ein Zeichen, dass sie an der Arbeit ihres ältesten Sohnes weniger interessiert war.
Unwillkürlich schüttelte Brandulf den Kopf.
„Sein Wagen ist wirklich nicht mehr neu. Drei oder vier Jahre alt. Und du kannst doch nicht verlangen, dass dein Bruder in so einem antiquierten Wagen fährt. Was sollen denn die Leute von ihm denken? Und es ist schließlich nicht dein Verdienst, dass du der Erstgeborene bist, Brandulf.“
„Diese Sportwagen kosten immer viel Geld. Ich finde, ein oder zwei Jahre könnte Heiko den alten Wagen ruhig noch fahren. Er ist doch vollkommen in Ordnung“
Gräfin Eva trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Tischdecke.
„Ich finde es nicht richtig, dass du Heiko so kurzhältst. Er an deiner Stelle würde sich bestimmt nicht um jede Kleinigkeit anbetteln lassen.“
„Ein Sportwagen ist keine Kleinigkeit“, erklärte Brandulf gereizt. „Und vor der Ernte ist Bargeld auf dem Lande überall knapp.“
„Du musst wissen, was du tust. Ich, als deine Mutter, habe ja nichts zu sagen.“ Gräfin Eva war tief gekränkt und gab sich keine Mühe, das zu verbergen. „Aber als Vater noch lebte, hat er euch beide gleich behandelt. Was der eine bekam, das schenkte er auch dem anderen.“
„Ich will mir keinen Sportwagen kaufen“, erinnerte Brandulf. Er trank durstig den Tee, den das Mädchen inzwischen gebracht hatte.
„Du hast eben andere Bedürfnisse. Du bist ein Arbeitstier, Brandulf. Aber vergiss nicht, dass Heiko anders veranlagt ist. Und auf die paar tausend Mark für ein neues Auto kommt es doch wirklich nicht an. Wenn er Dagmar erst geheiratet hat, dann ist er nicht mehr von dir abhängig. Ich freue mich, dass er an Dagmar Gefallen gefunden hat. Erst sah es gar nicht so aus, als mache er sich viel aus ihr. Der Umschwung ist dann ganz plötzlich gekommen.“
„Na. Er hatte ja Ingrid. Unter anderem.“
„Die Sache mit Ingrid ist längst vorbei.“
Gräfin Kornwede überlegte eine Weile und sprach dann weiter: „Eigentlich schade. Hätte er dort einheiraten können, dann würde es ihm sehr gut gehen. Ich will nichts gegen Eibenstedt sagen, auch ein ganz schöner Besitz. Aber gegen Brackhagen kommt er nicht an. Was wohl zwischen den beiden vorgefallen sein mag? Erst waren sie ständig zusammen, Ingrid und er, und dann auf einmal …“
„Ingrids Vater wollte ihn nicht.“
Brandulf zündete sich eine Zigarette an.
Seine Mutter fuhr empört auf. „Wie kommst du nur darauf?“ Sie war die personifizierte Gekränktheit. „Heiko würde nirgendwo einen Korb bekommen, ganz gleich, wo er anklopft.“
„Beim Baron Brackhagen hat er sich jedenfalls einen Korb geholt. Und Ingrid ist vernünftig genug, sich nach dem Wunsch ihres Vaters zu richten. Ich dachte, du wüsstest das alles.“
„Davon hat Heiko mir nichts erzählt. Und ich glaube es auch nicht. Wahrscheinlich gefällt ihm Dagmar besser als Ingrid. Sie ist nicht ganz so hübsch, aber …“
„Das ist Ansichtssache“, fiel Brandulf seiner Mutter ins Wort. „Ingrids Schönheit fällt mehr ins Auge, aber Dagmar ist anders. Verinnerlichter. Ingrid wird schnell alt werden, Dagmar bestimmt nicht.“
„Du kannst dich ja mächtig für deine künftige Schwägerin erwärmen!“ Gräfin Eva nahm ihm anscheinend persönlich übel, dass er ihr von dem Korb erzählt hatte.
„Ich muss wieder raus. Mittags werde ich pünktlich sein. Auf Heiko brauchen wir nicht zu warten. Er liebt seine Ungebundenheit“, sagte Brandulf nun.
„Und warum auch nicht!“, verteidigte Gräfin Eva ihren Lieblingssohn gegen den Vorwurf, der in Brandulfs Stimme mitschwang. „Soll er seine Jugend genießen. Wenn er mit Dagmar verheiratet ist, wird er arbeiten müssen. Graf Eibenstedt ist alt und wird sich freuen, einen Schwiegersohn zu bekommen, der ihn entlastet.“
„Da hat seine Tochter ja eine vortreffliche Wahl getroffen!“
Diese spöttische Bemerkung konnte Brandulf sich beim besten Willen nicht verkneifen. Er glaubte nicht, dass sein Bruder jemals bereit sein würde, Pflichten zu übernehmen.
***
Heiko ritt im scharfen Trab auf den See zu. Dort befand sich eine kleine Badehütte, zu der auch ein Bootssteg gehörte. Lässig sprang er aus dem Sattel und band sein Pferd im Schatten eines Baumes an. Er machte allerdings keine Anstalten, die Badehütte aufzuschließen. Stattdessen spähte er nach Osten. Dort tauchte bald die Reiterin auf, die er erwartete. Heiko ging ihr die letzten fünfzig Meter entgegen und breitete die Arme aus, um Ingrid von Brackhagen zu umarmen. Sie stieg ab und legte ihren Arm um ihn.
„Endlich.“ Heiko bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. „Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen!“
„Eine Ewigkeit.“ Das Mädchen presste ihr Gesicht an seine Schulter. „Du hast mir so gefehlt, Heiko. Mehr, als ich sagen kann. Die Monate ohne dich waren für mich kein Leben.“
„Meinst du, mir wäre es anders ergangen? Tag und Nacht habe ich an dich denken müssen“, stieß er hervor, und seine Hände glitten zärtlich über ihre Schultern und dann die Oberarme hinab. „Du bist gestern nach Hause gekommen, nicht wahr?“
„Ja. Liebst du mich noch immer, Heiko?“
„Ich werde nie aufhören, dich zu lieben.“ Er presste seine Lippen in ihr Haar. „Hast du noch einmal mit deinem Vater gesprochen?“
„Nur kurz.“
„Und?“, fragte Heiko gespannt, und unwillkürlich verstärkte sich der Druck seiner Hände um ihre Oberarme.
Ingrid von Brackhagen ließ den Kopf sinken.
„Ich glaube, er hat seine Absicht nicht geändert. Ich weiß gar nicht, was Vater gegen dich hat. Aber das schwöre ich dir: Ich werde nicht nachgeben. Das habe ich ihm auch gesagt. Wenn ich heirate, dann heißt mein Mann Heiko von Kornwede.“
„So, er ist starr geblieben. Hast du ihm wirklich klargemacht, dass du nur mich heiraten willst? Es ist nämlich … Ach, Ingrid, ich weiß nicht, wie ich es dir beibringen soll.“
„Was?“, fragte das Mädchen erschrocken. Ängstlich schaute sie ihn an. „Was ist geschehen? Sprich es schon aus. Hast du eine andere?“
„Nein. Das heißt — eigentlich doch. Es ist so schwer zu erklären.“
„Du hast mich vergessen? In deinem Leben gibt es eine andere Frau? Heiko, das kann doch nicht sein, das darf nicht sein.“
„Natürlich nicht. Sie bedeutet mir auch nichts. Du weißt, ich liebe nur dich.“
„Aber weshalb …“ Die Stimme des Mädchens klang flach vor Aufregung. „Was ist denn geschehen?“
„Als dein Vater dich für viele Monate fortschickte, da ahnte ich schon, dass es für uns ein Abschied für immer sein würde. Ohne seine Einwilligung können wir nicht heiraten.“
„Und wenn wir vielleicht heimlich …“
Heiko von Kornwede lachte bitter auf.
„Dein Vater würde es uns nie verzeihen und dich enterben. Glaube mir, so gut kenne ich ihn, um das zu wissen. Was er sich in seinen Kopf gesetzt hat, das führt er auch durch. Und er hat sich nun einmal in den Kopf gesetzt, dass wir beide nicht zueinander passen.“
„Aber wir lieben uns doch! Ich werde Vater überzeugen, dass er nachgeben muss.“
„Er wird es nicht tun.“ Zu gut erinnerte Graf Heiko von Kornwede sich noch an das, was ihr Vater ihm auf seine offizielle Werbung geantwortet hatte: „Einem Nichtsnutz und Tagedieb gebe ich meine Tochter nicht! Sie haben es auf Ingrids Geld abgesehen! Sie sind überhaupt nicht fähig, einen Menschen zu lieben. Sie lieben nur sich selbst. Und ich schwöre Ihnen, Kornwede, niemals werde ich erlauben, dass Ingrid Sie heiratet.“
„Er hat sogar geschworen, dass er uns nie die Erlaubnis geben wird“, sagte Heiko gepresst. „Und deshalb … Ach, es ist so furchtbar schwer. Ich liebe ja nur dich, und doch bleibt mir keine andere Wahl. Wäre ich der Majoratsherr, ich hätte dich längst zu meiner Frau gemacht, ganz gleichgültig, was dein Vater dazu meint. Aber du weißt, dass ich arm bin. Ich habe nichts als nur mich selbst.“
„Das ist doch genug. Du bist tüchtig. Alle mögen dich, Heiko. Aber was wolltest du mir nun sagen? Sprich es schon aus.“
Graf Heiko zog die Unterlippe zwischen die Zähne.
„Ich werde heiraten“, gestand er. „Ein Mädchen, das ich nicht liebe. Ich will frei werden. Mein Bruder schikaniert mich, er behandelt mich wie einen Almosenempfänger. Ich halte es auf Kornwede nicht mehr aus.“
„Aber wieso musst du deshalb heiraten?“
„Was sollte ich sonst tun? Mir Arbeit suchen? Als Knecht gehen? Wäre dir das lieber? Ich bin nun einmal Landwirt, und etwas anderes kann ich nicht. Bleibt mir etwas anderes übrig, als eine gute Partie zu machen? Ich kann nicht von Brandulf abhängig sein, ich kann es nicht!“
„Dann liebst du mich nicht?“ Tränen strömten plötzlich über Ingrids zartes Gesicht. „Ich will Arbeit und Entbehrungen mit dir teilen, nur verzichten will ich nicht auf dich. Nicht wahr, du wirst diese andere nicht heiraten, du wirst bei mir bleiben?“
„Wie stellst du dir das vor?“, fragte er nüchtern. „Sollen wir uns auch in Zukunft heimlich treffen? Wenn dein Vater dahinterkommt, und irgendjemand wird es ihm schon zustecken, dann schickt er dich wieder fort. Er ist stärker als wir.“
„Wenn es sein muss, kann ich auch arbeiten. Ich brauche kein großes Haus, ich bin mit einem kleinen Haus zufrieden. Heiko, lass uns heimlich heiraten! Du wirst schon etwas finden. Vielleicht hilft Brandulf dir. Es stehen doch jetzt einige Häuser leer. Wenn wir eins davon bekommen … Du hilfst ihm mit, und während der Ernte kann ich auch einspringen. Ich scheue bestimmt vor keiner Arbeit zurück.“
„Wenn ich Ja sagte, würdest du mich bald hassen.“ Heiko senkte den Kopf. „Ein Leben in Armut ist nicht romantisch, wie du anscheinend denkst. Ich weiß, was es heißt, jede Mark herumdrehen zu müssen, bevor man sie ausgeben darf. Nein, es geht einfach nicht. Wir sind beide ein Leben in großem Stil gewohnt. Wir können uns nicht mehr umstellen.“
„Unsere Liebe wird uns helfen. Wer ist die andere? Nenne mir ihren Namen.“
Heiko schüttelte den Kopf.
„Du kennst sie doch nicht“, log er. „Mach dir dein Herz nicht so schwer, Kleines. Sei vernünftig, wir haben keine andere Wahl.“
„Wie kann ich vernünftig sein, wenn du verlangst, dass ich auf dich verzichten soll“, schluchzte Ingrid. „Oh, wie ich meinen Vater hasse! Er brauchte nur Ja zu sagen, und wir wären die glücklichsten Menschen der Welt. Aber nur weil er etwas gegen dich hat, macht er uns beide unglücklich. Du bist doch auch unglücklich, oder nicht? Sag ehrlich, gefällt dir das andere Mädchen vielleicht besser als ich?“
Heiko fing rasch ihre Handgelenke ein, bevor sie ihm womöglich noch sein Gesicht zerkratzen konnte. Ihre Eifersucht war schmeichelhaft für ihn, aber auch sehr gefährlich.
„Ich liebe nur dich“, beteuerte er. „Du musst es mir glauben.“
„Schwöre es mir.“
„Ich schwöre es“, sprach Graf Heiko. „Meinst du denn, es fiele mir leicht, auf dich zu verzichten? Die andere bedeutet mir nichts. Sie ist nicht so schön wie du, nicht so klug. Ach, sie hat gar nichts, was mich auch nur im geringsten anziehen könnte. Nur eben Geld. Und bei ihren Eltern bin ich mit meiner Werbung auf Verständnis gestoßen.“
„Du hast schon offiziell um sie geworben? Du stellst mich vor eine vollendete Tatsache? Das kann doch nicht wahr sein, Heiko.“
„Zwischen Dagmar und mir ist alles anders. Sie weiß, dass ich … nun, dass ich kein feuriger Liebhaber bin.“
„Was hast du ihr denn gesagt?“ Ingrid von Brackhagen quälte sich unnötig. Sie wusste auch, dass Heiko sie belügen würde, aber dennoch brachte sie es nicht fertig, das Geschehene hinzunehmen. „Wie oft hast du sie geküsst? Hast du sie im Arm gehalten und ihr gesagt, sie tanze leicht wie eine Feder?“
„Nein.“ Gequält wandte er den Kopf zur Seite. „Mach es uns doch nicht so schwer, Ingrid. Ich hatte gehofft, dein Vater würde zur Vernunft kommen. Aber wenn das nicht der Fall ist …“
„Wie kannst du nur so grausam sein! Warum willst du nicht auf mich warten?“
„Worauf? Dass dein Vater stirbt? Das kann noch vierzig Jahre dauern. Er ist gesund.“
„Irgendwann wird er begreifen, dass wir beide zusammengehören. Du darfst diese andere nicht heiraten.“
„Ich muss. Es sei denn, dass dein Vater nachgibt.“
„Und wenn er das täte?“
„Dann würde ich sofort zu dir zurückkommen. Ich liebe die andere nicht. Sie bedeutet mir nichts. Ich brauche eben nur ihr Geld.“
„Ich werde mit meinem Vater sprechen!“ Ingrid von Brackhagen schob ihr Kinn vor. „Ich werde die richtigen Worte finden. Dann rufe ich dich an. Und du versprichst mir, dieses andere Mädchen dann niemals wiederzusehen?“
„Ich verspreche es.“
Heiko wusste aber, dass es ihr nicht gelingen würde, ihren Vater umzustimmen.
***
Das Bad erfrischte Heiko. Den Nachmittag über lag er in der Sonne oder kühlte sich im See ab. Dann entschloss er sich, Dagmar noch einen Besuch abzustatten. Es war immer gut, zwei Eisen im Feuer zu haben. Vorher ritt er nach Hause, zog sich um und aß ein paar Leckerbissen. Dann setzte er sich in seinen Sportwagen und brauste davon.
Mit quietschenden Bremsen stoppte er den Wagen vor dem Gutshaus von Eibenstedt. Ohne die Tür aufzumachen, schwang er sich hinaus und reckte seine Glieder, bevor er, zwei Stufen auf einmal nehmend, die breite Treppe hinauflief.
Ein Mädchen öffnete ihm die Tür.
„Das gnädige Fräulein ist im Salon“, teilte sie ihm mit und wurde rot, als Heiko sie anerkennend in die Wange kniff.
Dagmar von Eibenstedt saß in der Nähe des Fensters und hielt ein Buch in der Hand. Bei seinem Eintritt ließ sie es sinken, und in ihren Augen leuchtete es auf.
„Du? Ich hatte dich nicht erwartet.“
