Lore-Roman 90 - Ina Ritter - E-Book

Lore-Roman 90 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Als Tochter des angesehenen Hamburger Senators Döhring führt Viktoria ein Leben ohne Sorgen. Nur zum Zeitvertreib studiert sie Kunstgeschichte, ansonsten amüsiert sie sich im Segel- und Tennisclub. Mit dem Fabrikantensohn Peter Fahlbusch ist sie so gut wie verlobt. Viktoria glaubt, er sei die beste Wahl: solide, tüchtig und aus gediegenem Hause.
Sicher wäre ihr Leben weiter in den vorgezeichneten Bahnen einer höheren Tochter verlaufen, hätte ihr Vater anlässlich einer Feier nicht eine kleine Tanzkapelle engagiert. Denn einer der jungen Musiker erobert Viktorias Herz.
Für die Gesellschaft ist ihre Liebe ein Skandal, für ihre Eltern eine Tragödie ...

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Cover

Impressum

Aber die Eltern waren dagegen

Vorschau

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Olesya Kuznetsova / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7517-0492-2

www.bastei.de

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Aber die Eltern waren dagegen

War er nur ein Mitgiftjäger?

Von Ina Ritter

Als Tochter des angesehenen Hamburger Senators Döhring führt Viktoria ein Leben ohne Sorgen. Nur zum Zeitvertreib studiert sie Kunstgeschichte, ansonsten amüsiert sie sich im Segel- und Tennisclub. Mit dem Fabrikantensohn Peter Fahlbusch ist sie so gut wie verlobt. Viktoria glaubt, er sei die beste Wahl: solide, tüchtig und aus gediegenem Hause.

Sicher wäre ihr Leben weiter in den vorgezeichneten Bahnen einer höheren Tochter verlaufen, hätte ihr Vater anlässlich einer Feier nicht eine kleine Tanzkapelle engagiert. Denn einer der jungen Musiker erobert Viktorias Herz.

Für die Gesellschaft ist ihre Liebe ein Skandal, für ihre Eltern eine Tragödie ...

»So viele Blumen«, seufzte Else, als ein Bote einen Riesenstrauß abgab.

Wohin man schaute, standen Blumen in Vasen und schöne Blattgewächse. Es sah aus wie im Verkaufsladen einer großen Gärtnerei.

Sie drückte dem Boten ein Trinkgeld in die Hand und schaute sich suchend nach einer leeren Vase um. Es gab keine mehr, jedes Gefäß, sogar die Scheuereimer waren schon mit Blumen gefüllt.

Das Jubiläum der Firma Döhring war ein Ereignis, das allgemein beachtet wurde. Der Strom der Besucher, die zum Gratulieren kamen, riss nicht ab, und der Chef des Hauses, Bernhard Döhring, massierte sich verstohlen seine Rechte, die ihm vom vielen Händeschütteln schmerzte. Aber sein Gesicht strahlte. Nie hatte das Werk so gut fundiert dagestanden wie jetzt. Der verlorene Krieg mochte ein Unglück für das Volk sein, für ihn hatte er sich zum Segen ausgewirkt.

Seine Villa in Blankenese, ein Neubau mit zehn Zimmern und der riesigen, aber dennoch ungemein gemütlichen Halle, zeigte, dass er nicht nur zu verdienen, sondern auch zu leben verstand. Er verkörperte den Typ des Erfolg gewohnten hanseatischen Geschäftsmannes, der überall in der Welt größtes Ansehen genießt. Er hatte es nicht nötig, dunkle Geschäfte zu machen; aufgewachsen in der Tradition seines Hauses, wäre ihm der Gedanke übrigens auch niemals gekommen. Man hatte in Hamburg keine Adelstitel, aber keiner der alten Patrizier hätte seinen geachteten und angesehenen Namen durch irgendein lächerliches »von« entstellen lassen. Man wusste, wer man war. Und man brauchte seine Stellung nach außen hin nicht durch Titel zu dokumentieren. Man war zwar Senator oder Konsul, aber diese Bezeichnungen hingen eng mit der Arbeit zusammen.

»Alles für den Abend vorbereitet, Else?«, fragte er seine Köchin.

Else arbeitete seit etwa fünfzehn Jahren im Hause; sie war vierzehn Jahre alt gewesen, als Frau Ottilie sie damals einstellte.

»Jawohl, Herr Senator. Hoffentlich sind die Musiker pünktlich. In der Küche wird alles klappen. Die Getränke sind ja gestern schon gekommen, und die kalten Platten stehen alle in der Küche. Meinetwegen könnte es gleich losgehen ...«

»Meinetwegen nicht«, erwiderte der alte Herr. »Ein halbes Stündchen möchte ich noch zum Verschnaufen haben, bevor wir unter uns feiern. Ist Fräulein Viktoria fertig umgezogen?«, fragte er, denn er wusste, wie viel Zeit seine beiden Damen brauchten, um sich hübsch zu machen.

»Ich glaube schon. Das Kleid ist ja wunderschön, Herr Senator.«

»So?«, fragte Bernhard Döhring ohne Interesse.

»Aber sie ist fertig, Vater.« Unbemerkt hatte seine Tochter die Halle betreten. »Ich wünschte, wir hätten den ganzen Salat erst hinter uns.«

Else schaute geradezu andächtig auf die junge Dame, die in dem weißen Seidenkleid mit dem weiten Rock wunderschön aussah. Ihre rosigen Wangen und ihre strahlend blauen Augen verliehen ihr einen wunderbaren Zauber. Sie wirkte völlig unbeschwert, war aber trotz des väterlichen Reichtums nicht verzogen, sondern vollkommen natürlich und schlicht geblieben. Und außerdem, das imponierte Else am meisten, hatte sie das Abitur gemacht und studierte jetzt sogar.

Der Vater runzelte allerdings kaum merklich die Stirn.

»Mir scheint, das Kleid gefällt dir nicht«, stellte seine Tochter fest. »Was hast du daran auszusetzen? Ist dir der Ausschnitt zu tief? Ich bin kein Kind mehr, und außerdem ist er wirklich nicht zu tief.«

»Man trägt es heutzutage so«, hieb Else in ihre Kerbe. »Also, ich finde Sie entzückend, Fräulein Viktoria. Man wird sich um Sie reißen, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf.«

»Die alten Herrschaften?« Viktoria zuckte die Schultern. »Heute wird nicht gefeiert, heute werden Reden geschwungen und Toaste ausgebracht. Ich kann mir etwas Angenehmeres vorstellen. Na ja, muss wohl sein.«

»Immerhin wird Herr Fahlbusch versuchen, dich zu unterhalten.«

Vater Bernhard schmunzelte versteckt, denn es war sein Lieblingswunsch, dass der junge Fahlbusch und seine Tochter ein Paar werden würden.

Es sah übrigens ganz so aus, als würde sein Wunsch in Erfüllung gehen, denn der junge Mann bemühte sich auffällig um seine Tochter, und der Vater hatte nicht den Eindruck bekommen, als wären seiner Viktoria Fahlbuschs Bemühungen unsympathisch.

»Sie werden sich schon gut unterhalten«, glaubte Else, sie trösten zu müssen. »Hoffentlich kommen die Musiker pünktlich. Ich weiß nicht, ich halte nicht viel von solchen Leuten. Künstler und so ...«

»Künstler«, wiederholte Viktoria verächtlich.

Dieses eine kurze Wort verdammte die drei jungen Männer, die der Vater für den heutigen Abend engagiert hatte. Sie schätzten gute Musik, übrigens auch gute Tanzmusik, aber drei unbekannte junge Leute ... man würde sie kaum als Künstler bezeichnen dürfen. Im Übrigen würde auch dieser Abend vorbeigehen; sie wünschte nur, er wäre schon vorbei.

»Wie in Planten und Blomen«, wechselte Viktoria das Thema und wies mit einer weiten Handbewegung auf die Blumen in der Halle. »Man könnte fast meinen, hier findet eine große Beerdigung statt. Du müsstest dich bald umziehen, Vater, auch wenn du nicht viel vom Frack hältst.«

»Ist schrecklich unbequem, das Ding«, stimmte der Chef der Firma Döhring ihr seufzend zu.

Der Abend entwickelte sich so, wie Viktoria es befürchtet hatte. Die älteren Herrschaften überwogen bei Weitem, nur wenig Jugend hatte die Ehre einer Einladung erhalten. Die jungen Leute tanzten in einem größeren Nebenraum nach den Klängen der Musik, die die drei Männer produzierten.

Künstler waren sie tatsächlich nicht. Viktorias Vermutung stimmte genau. Sie spielten moderne Rhythmen, aber Viktorias verwöhnten Ansprüchen genügten sie keineswegs.

»Können Sie nicht einmal einen vernünftigen Foxtrott spielen?«, fragte sie ein wenig verdrossen den jungen Chef der drei, ohne sich die Mühe zu machen, ihn anzuschauen.

»Selbstverständlich, gern. Haben Sie einen besonderen Wunsch?«

Der Mann besaß eine äußerst angenehme Stimme. Viktoria stutzte und betrachtete ihn. Vielleicht war es nicht gerade höflich, einen fremden Menschen so anzustarren, aber irgendwie gehörten diese Leute schließlich zu einer Kategorie, bei der man die üblichen gesellschaftlichen Konventionen nicht allzu genau beachten musste.

Etwas Ähnliches schien übrigens auch der Mann zu denken, denn der Anflug eines amüsierten Lächelns huschte blitzschnell über sein Gesicht, bevor er sich bemühte, ernst auszuschauen. Ganz gelingen wollte es ihm nicht, in seinen Augen saß der Schalk.

Viktoria fühlte sich durchschaut, und sie brachte es auf reizende Art und Weise fertig, zu erröten. Und ärgerte sich natürlich darüber, denn vor solch einem Menschen brauchte sie, Viktoria Döhring, sich bestimmt nicht zu schämen.

»Spielen Sie irgendetwas«, warf sie dem jungen Mann fast schroff hin und drehte ihm den Rücken zu.

Peter Fahlbusch, ihr Tänzer, hatte das kleine Intermezzo beobachtet und runzelte die Stirn.

»Der Mann gefällt mir nicht«, teilte er der jungen Dame verdrossen mit. »Was diese Leute sich heutzutage nur so einbilden.«

»Immerhin hatte ich ihn angestarrt wie ein Zirkuspferd«, nahm Viktoria den Musiker in Schutz.

»Er hat kein Recht, sich über eine Dame zu mokieren«, widersprach Fahlbusch heftig.

Er trug seinen Namen übrigens mit vollem Recht, denn alles an ihm war fahl, seine Haarfarbe, die Gesichtshaut, sogar seine Augen wirkten, als seien sie im Laufe der Zeit übermäßig beansprucht worden und abgenutzt.

Sein Äußeres täuschte; er war alles andere als ein Durchschnittsmann, und in eingeweihten Kreisen schätzte man seine Geschäftstüchtigkeit und die Art, wie er sich durchzusetzen verstand.

»Und spielen tut er außerdem noch schlecht«, fuhr Peter fort. »Ich möchte nur einmal wissen, was diese Leute den ganzen Tag tun. Üben bestimmt nicht«, fügte er schulterzuckend hinzu.

Eine Drehung während des Tanzes erlaubte es Viktoria, den Mann zu betrachten. Er sah wirklich gut aus, war keineswegs dieser Kaffeehausmusikertyp mit aalglatten Manieren und öligem Lächeln, sondern wirkte durchaus wie eine Persönlichkeit.

Er mochte etwa einen Meter fünfundachtzig messen, sein Jackett brauchte in den Schultern keine übermäßige Wattefüllung, seine Brust war breit, sein Gesicht gebräunt. Auch er hatte helles Haar, aber es wirkte nicht fahl, sondern es war lebendig wie der ganze Mann. Viktoria vergaß, dass sie mit Fahlbusch tanzte; erst als der junge Mann ihr auf den Fuß trat, begriff sie, dass sie ganz vergessen hatte, sich weiterzubewegen.

»Eine widerliche Type«, urteilte Fahlbusch wegwerfend. »Sicher der Schwarm aller Backfische. Ich weiß nicht, was die Frauen an solchen Männern nur finden. Barmusiker.«

»Vielleicht ... man weiß ja nicht, was er sonst macht«, nahm Viktoria den Fremden in Schutz. »Im Übrigen finde ich, dass er wirklich gut aussieht.«

»Ich denke, wir haben jetzt genug über ihn geredet.« Peter Fahlbusch versuchte sein charmantestes Lächeln, brach den Tanz ab und zog die reizende Tochter des Hauses zum Tisch, auf dem Gläser und Getränke zur Auswahl standen. »Sekt?«, fragte er und zwinkerte ihr zu. »Sekt macht lustig, sagt man, und du siehst aus, als könntest du eine kleine Aufmunterung gebrauchen.«

»Danke, ja, ich trinke gern Sekt. Übrigens – sollen wir den drei Leuten nicht auch ein Gläschen spendieren? Du kennst doch den Schlager von dem Mann am Klavier?«

»Dem man ein Glas Bier ausgibt?«, schaltete der junge Fahlbusch. »Wer kennt das Ding nicht? Aber leider haben wir kein Bier, und der gute Sekt wäre Verschwendung.«

Ohne ihm eine Antwort zu geben, nahm Viktoria eine ungeöffnete Flasche aus dem Kühler in die eine Hand, in die andere drei Gläser. Sie war der Meinung, dass die Leute für ihren Fleiß eine kleine Anerkennung verdient hatten.

Der Chef der kleinen Kapelle sah sie herankommen, und wieder glitt ein schwer zu beschreibender Ausdruck über seine Züge.

»Wenn Sie vielleicht einen Schluck trinken möchten?«

Viktoria schlug vor seinem Blick die Augen nieder; sie gehörte keineswegs zu den schüchternen Mädchen, aber dieser Mann hatte tatsächlich etwas an sich, vor dem sie sich klein und befangen fühlte.

Es mochte seine Selbstsicherheit sein, diese Überlegenheit, die wohl nicht zu seiner Stellung passte. Sie versuchte, seine Haltung dreist zu finden, war aber ehrlich genug, ihren Irrtum sofort einzugestehen.

Dreist war er nicht, er war nur ... sie hob scheu die Augen, um herauszubekommen, was er nun eigentlich war. Ihre Blicke trafen sich, und ihr Entschluss, schnell zur Seite zu schauen, geriet ins Wanken, als sie die Wärme in seinen Augen sah, eine Wärme ohne jeden Spott.

»Hat man Ihnen schon gesagt, dass Sie das reizendste Mädchen der Welt sind?«, fragte der Mann leise.

»Nein«, behauptete Viktoria, und die Röte auf ihren Wangen verstärkte sich noch. Es war ein Kreuz, dass sie noch manchmal rot wurde wie ein dummer Backfisch. Aber leider war es eine Angewohnheit, die sie beim besten Willen nicht ablegen konnte.

»Dann müssen die Männer Ihres Bekanntenkreises blind sein«, behauptete der Musiker.

Sein Blick wanderte von ihr zu Peter Fahlbusch hinüber, der sich, das halbgeleerte Glas in der Hand, lässig gegen die Wand lehnte und ihn ansah. Freundlich war der Gesichtsausdruck des jungen Fabrikantensohnes ganz bestimmt nicht.

Unwillkürlich zog der Musiker die Mundwinkel herab. Er hielt nichts von den Söhnen reicher Väter, die sich auf das Geld ihres alten Herrn mächtig was einbildeten und glaubten, ein Porsche in der Garage und ein Maßanzug auf dem Körper mache sie zu besseren Menschen.

In diesem Augenblick stieß sich Fahlbusch mit dem Rücken lässig von der Wand ab und schlenderte näher. Sein Gesicht war kalt und beherrscht.

»Würden Sie nachher einen langsamen Walzer spielen?«, bat Viktoria.

»Er wird es tun, mein Kind«, sagte eine Stimme hinter ihrem Rücken. Die Kälte im Tonfall ließ Viktoria zusammenschrecken. Sie kannte Peters Stimme kaum wieder.

»Er wird das spielen, was wir ihm sagen. Trinken Sie die Flasche leer, mein Lieber, so etwas Gutes bekommen Sie nicht alle Tage. Sie spielen sonst in Bumslokalen, nicht wahr?«

Fahlbusch zog die Augenbrauen in die Höhe, und er wirkte so arrogant, wie Viktoria ihn nie zuvor gesehen hatte. Sie konnte nicht sagen, dass seine Haltung ihr gefiel.

Der Musiker zuckte die Schultern.

»Wie man es nimmt«, entgegnete er freundlich, aber mit deutlich hörbarem Spott. »Ich pflege mit meinen Leuten in Privathäusern zu spielen. Bei Leuten mit Geld. Sie haben recht, zu einem Bumslokal hat es bei mir noch nicht ganz gereicht, denn dort verlangt man etwas mehr. Ich weiß selbst, dass ich kein Benny Goodman bin.«

»So, das wissen Sie! Ich frage mich nur, weshalb Sie sich nicht bemühen, etwas besser zu spielen.«

»Peter, hör auf«, mischte sich Viktoria beklommen ein.

Der Verlauf des Gesprächs gefiel ihr nicht, und sie begriff absolut nicht, weshalb Fahlbusch es darauf anlegte, den Musiker zu beleidigen. Man sah, dass er kein Geld hatte; sein Oberhemd war am Kragen an einer Stelle ausgefranst, und als ihr Blick die Manschetten suchte, bemerkte sie sofort, dass sie schon gewendet worden waren.

Ihr natürliches Taktgefühl verbot es ihr, Schwächere zu beleidigen.

»Öffnen Sie die Flasche. Hier sind die Gläser.« Viktoria reichte sie ihm, und mit einer überraschend eleganten, geradezu lässig wirkenden Verneigung nahm der Musiker sie entgegen.

»Wir werden den Sekt auf Ihr Wohl trinken, gnädiges Fräulein, wenn Sie gestatten?«

»Trinken Sie ihn auf die Gesundheit Ihrer Freundin«, warf Peter Fahlbusch lässig ein. »Oder haben Sie so viele Freundinnen, dass Sie eine ganze Batterie Flaschen brauchen, um jede einzelne mit einem Trinkspruch zu bedenken?«

»Ich brauchte einen Weinkeller«, bestätigte der Musiker freundlich. »Sie kennen mich?«

»Mann, werden Sie nicht frech! So etwas wie Sie kennt man nicht. Man bezahlt Sie, aber man verkehrt nicht mit Ihnen. Komm, Viktoria! Spielen Sie einen langsamen Walzer.«

»Entschuldigen Sie«, bat Viktoria beschämt, als sie Fahlbusch folgte.

Sie schämte sich des Mannes wegen, den sie bisher nett und sympathisch gefunden hatte.

Peter sah die Falten der Verstimmung auf ihrer Stirn und lächelte maliziös.

»Ich mag ihn nicht«, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. »Er ist ein Typ, den ich gut kenne, in allen Sätteln gerecht, Anbetungsobjekt der kleinen Vorstadtmädchen.«

»Er ist kein Vorstadttyp. Und außerdem möchte ich dich sehr bitten, in unserem Haus niemanden zu beleidigen.«

»Beleidigen?«, wiederholte Fahlbusch langgezogen. »Ach, habe ich den guten Mann beleidigt? Tut mir enorm leid, Kleines. Aber ich werde mein fast unverzeihliches Vergehen wiedergutmachen.«

Er stellte das Sektglas, das er noch immer in der Hand hielt, auf das Tischchen zurück, und ging erneut zu dem Musiker hinüber. Viktoria folgte ihm mit den Blicken, und sie sah, wie Peter diesem Mann gönnerhaft einen Schein in die Hand drückte.

Der Leiter der kleinen Band schaute den Geldschein an, dann Peter, und dann grinste er.

Peter kam zu Viktoria zurück.

»Der Kerl hat eine selten unverschämte Art. Aber immerhin, einen Zwanzigmarkschein verschmäht er nicht. Kleines Pflaster für seine verletzte Empfindlichkeit. Du überschätzt diese Leute, Viktoria, man kann sie nicht so leicht kränken. Sie haben ein dickes Fell.«

»Ich kenne noch andere, die ein dickes Fell haben. Willst du mich übrigens verdursten lassen?«

Sie hielt ihm ihr leeres Glas hin, und als Peter es gefüllt hatte, hob sie es leicht in Richtung auf den Musiker, der im gleichen Augenblick dasselbe tat. Sie tranken sich zu, und bei Viktoria war es nur der Trotz, der sie zu dieser Geste bewogen hatte, denn es lag ihr weltenfern, etwa mit einem Gelegenheitsmusiker zu flirten.

Peter Fahlbusch hatte wieder die Augenbrauen amüsiert in die Höhe gezogen. Seine ganze Haltung drückte aus, dass er Viktorias Benehmen für kindisch hielt.

***

Bummeln lag Viktoria nicht, und auch am Morgen nach der Jubiläumsfeier verließ sie pünktlich wie immer die elterliche Villa, um mit dem Bus und der S-Bahn nach der Stadtmitte zu fahren.

Man sah ihr die wenigen Stunden Schlaf nicht an. Ihre Augen glänzten hell wie immer, und ihre Wangen waren rosig angehaucht und glatt. Sie ging beschwingt über die Straße, ohne auf die bewundernden Blicke der männlichen Kollegen zu achten, die ihr von überallher folgten. Es war ihr besonderer Reiz, so gar nicht eingebildet zu sein. Viele andere mit ihrem Geld und ihrem Äußeren hätten die Nase sehr hoch getragen, Viktoria tat es nicht.

Sie war beliebt, fand schnell überall Kontakt und gab sich ungezwungen und herzlich. Sogar ihr Professor der Kunstgeschichte, Steiner, der im Rufe stand, sich nur für tote Gegenstände zu interessieren, hatte für sie manchmal sein karges Lächeln übrig.

Heute betrat die junge Dame fast gleichzeitig mit ihm den kleinen Hörsaal. Das Studium der Kunstgeschichte galt als Luxus, denn die Berufsaussichten schienen nicht gerade rosig. Viktoria interessierte sich für den Stoff, den Professor Steiner ein wenig trocken vortrug; aber Geld zu verdienen brauchte sie nicht, das tat ihr Paps für sie. Und später würde es ihr Mann tun müssen. Es war ganz selbstverständlich, dass eine Viktoria Döhring nur einen Mann ihrer Kreise heiratete.

Bevor sie durch die Universität Kontakt mit jungen Menschen bekam, hatte sie übrigens auch keine Gelegenheit gehabt, jemanden kennenzulernen. In der elterlichen Villa verkehrten keine kleinen Angestellten, und die jungen Leute, mit denen sie zusammentraf, stammten aus der gleichen Sphäre wie sie, Söhne wohlhabender Eltern.

Viktoria bekundete ihren Beifall für das Referat des Professors in der für Studenten üblichen Weise, indem sie mit der Faust auf ihr Pult trommelte. Bis zum Beginn der nächsten Vorlesung hatte sie eine Viertelstunde Zeit, und die benutzte sie, um sich draußen auf dem Gang die Füße zu vertreten.

Sie schaute aus dem hohen, schmalen Fenster auf den hinten liegenden Hof hinaus. Ein paar Studenten standen dort unten. Ihr Blick wanderte gedankenlos weiter, kehrte aber dann zu der kleinen Gruppe zurück, weil sie unbewusst nachträglich durch irgendetwas gefesselt worden war.

Sie fasste die jungen Leute dort unten genauer ins Auge und wusste, weshalb ihr der eine so bekannt vorgekommen war. Der Musikus von gestern Abend! Er stand dort mit anderen zusammen, eine schmale Kollegmappe aus Plastik unter den Arm geklemmt, und sein Anzug war nicht mehr neu.

Er sah abgerissen aus, um ehrlich zu sein. Aber auf liebenswürdige Art und Weise abgerissen. Der Wind fuhr von vorn durch sein helles Haar wie eine Hand, die es liebevoll zauste.

Er sieht wirklich ungewöhnlich gut aus, musste Viktoria sich zugeben, und sie fragte sich nur, was er hier wollte. Ihres Wissens studierten Musiker an einem anderen Institut.