Lore-Roman 91 - Ina Ritter - E-Book

Lore-Roman 91 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Viktoria Döhring gelingt es tatsächlich, die Ehe mit Steffen Brunnert zu ertrotzen, indem sie in einen Hungerstreik tritt. Der alte Senator Döhring weiß, dass er seine einzige Tochter zu sehr verwöhnt hat, und auch jetzt kann er ihr keinen Wunsch abschlagen und gibt den beiden Liebenden schließlich seinen Segen. Steffen, der bald sein Jura-Examen ablegen wird, soll nach der Hochzeit in das Döhring՚sche Familienunternehmen einsteigen.
Vater Döhring will seine Einzige glücklich sehen, und doch blickt er besorgt in die Zukunft. Kennt er doch die hohen Ansprüche seiner Tochter. Sie wird begreifen müssen, dass ein Mann viele Pflichten hat und nicht rund um die Uhr für sie da sein kann.
Doch Viktoria kann nicht aus ihrer Haut, und so ist die Ehe nach noch nicht mal einem Jahr gescheitert. Viktorias Reichtum oder, genauer gesagt, der Reichtum ihres Vaters, auf den sie sich so viel einbildet, trennt sie stärker von Steffen als jeder Richterspruch ...

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Cover

Impressum

Aber die Eltern waren dagegen

Vorschau

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Olesya Kuznetsova / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7517-0493-9

www.bastei.de

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Aber die Eltern waren dagegen

Mit Herzblut macht man kein Geschäft

Von Ina Ritter

Viktoria Döhring gelingt es tatsächlich, die Ehe mit Steffen Brunnert zu ertrotzen, indem sie in einen Hungerstreik tritt. Der alte Senator Döhring weiß, dass er seine einzige Tochter zu sehr verwöhnt hat, und auch jetzt kann er ihr keinen Wunsch abschlagen und gibt den beiden Liebenden schließlich seinen Segen. Steffen, der bald sein Jura-Examen ablegen wird, soll nach der Hochzeit in das Döhring’sche Familienunternehmen einsteigen.

Vater Döhring will seine Einzige glücklich sehen, und doch blickt er besorgt in die Zukunft. Kennt er doch die hohen Ansprüche seiner Tochter. Sie wird begreifen müssen, dass ein Mann viele Pflichten hat und nicht rund um die Uhr für sie da sein kann.

Doch Viktoria kann nicht aus ihrer Haut, und so ist die Ehe nach noch nicht mal einem Jahr gescheitert. Viktorias Reichtum oder, genauer gesagt, der Reichtum ihres Vaters, auf den sie sich so viel einbildet, trennt sie stärker von Steffen als jeder Richterspruch ...

Peter ließ es sich nicht nehmen, seine Friderike jeden Tag im Krankenhaus zu besuchen. Er verwöhnte sie nach allen Regeln der Kunst, und die Schwester schalt schon, wenn sie die riesigen Blumensträuße sah, mit denen er die Patientin überschüttete.

Ihre Verletzungen heilten überraschend gut, ihr Gesicht hatte sich gerundet, ihre Augen strahlten. Kein Wunder, dass die Schwestern wetteiferten, ihr einen Gefallen zu erweisen, aber die junge Dame stellte keine Forderung. Sie war geduldig, wie man es von Patienten der ersten Klasse sonst nicht kannte.

Peter warf die Tür seines Wagens mit dem Fuß zu, schloss den Wagen automatisch ab und rückte den Hut unternehmungslustig aus der Stirn. Seitdem er sich entschlossen hatte, Friderike zu heiraten, fühlte er sich wie neugeboren.

Auf dem Flur begegnete ihm Schwester Adelgunde. Sie warf einen Blick auf den Blumenstrauß in seiner Hand und schüttelte verweisend den Kopf.

»Dafür ist kein Platz mehr im Zimmer, Herr Fahlbusch«, behauptete sie. »Nehmen Sie die Blumen wieder mit nach Hause.«

»Nein, Schwesterchen, das kommt nicht infrage. Meine Braut kann doch nicht mit welkem Gestrüpp im Zimmer liegen. Schon schlimm genug, dass sie überhaupt liegen muss. Wie geht es ihr heute?«

»Natürlich wie immer. Guten Tag, Herr Döhring«, grüßte sie.

Peter wandte langsam den Kopf. Viktorias Vater stand hinter ihm, groß, massig und ziemlich grimmig. Auch er trug einen Blumenstrauß.

»So sieht man sich also mal wieder«, knurrte der alte Herr, ohne Miene zu machen, Peter die Hand zu bieten. »Ich dachte schon, Sie hätten sich ganz von der Welt zurückgezogen.«

»Ich verstehe, dass Sie mir böse sind, Herr Döhring. Es tut mir leid, aber ... ich liebe Viktoria nicht.«

Es war ein Kreuz, aber jeder Mensch, mit dem er privat zu tun hatte, führte jetzt das Wort Liebe im Munde. Es kam dem Generaldirektor vor wie eine Krankheit.

»Sie halten mich wahrscheinlich für verrückt«, fuhr Peter ungerührt fort, und es kränkte ihn keinesfalls, als Viktorias Vater bestätigend nickte. »Aber ich bin nicht verrückt, ich bin nur endgültig vernünftig geworden. Habe ich es denn nötig, mir eine Frau zu suchen, die aus einer bekannten Familie stammt? Ich glaube nicht. Im Übrigen habe ich keine Zeit mehr. Sie wollen auch jemanden besuchen?«

Peter hatte schon den Türgriff zu Friderikes Zimmer in der Hand, und seine Frage klang keineswegs sonderlich interessiert.

»Ja, meine Tochter«, antwortete der alte Herr. »Sie ist halb verhungert, auch aus Liebe.«

Kopfschüttelnd betrat Peter das Zimmer der über alles geliebten Frau. Es war eigentlich unverzeihlich, dass er sich nicht die Zeit nahm, sich eingehender nach Viktorias Befinden zu erkundigen, aber für ihn war jede Minute verschwendet, die er hier auf dem Flur im Gespräch mit Senator Döhring verbrachte.

»Wann wirst du entlassen?«, fragte er das Mädchen mit strahlenden Augen, nachdem er sich tief über ihre Hand gebeugt hatte. »Du wirst von Tag zu Tag schöner, Liebes, ich bin ja so glücklich. Unsere Verlobung wird ein Ereignis werden.«

»Ich kann es immer noch nicht glauben ... Du hast doch immer gesagt, du ...«

»Bitte, sprich es nicht aus.« Peter legte ihr schnell die Hand über den Mund. »Ich war ja so schrecklich dumm, mein Herz. Vergiss, was gewesen ist. Wir werden von vorn anfangen. Ich bin so stolz auf dich. Du wirst die schönste Hausfrau sein, die es jemals in der Familie Fahlbusch gegeben hat.«

Friderike runzelte leicht die Stirn. Seine Eltern hatten es noch nicht für nötig gehalten, sie in der Klinik zu besuchen. Es war leicht für sie, daraus ihre Abneigung zu erraten. Man wollte sie nicht; stets würde sie in den Augen der alten Herrschaften eine Fremde sein, ein Eindringling, und es bestürzte sie manchmal, dass Peter so unbekümmert darüber hinwegging.

»Ist es wirklich richtig, wenn wir heiraten?«, fragte sie beklommen. »Du weißt, was du mir bedeutest, aber die Leute ...«

Jetzt war sie es, die Peters frühere Bedenken vorbrachte, einfach weil sie Angst hatte, an die Beständigkeit ihres Glücks zu glauben.

Der Mann küsste ihr alle bösen Vorahnungen von den Lippen, und unter seinen Zärtlichkeiten wurde Friderike ganz ruhig. Er war stark, er würde nicht zulassen, dass man ihr wehtat. Ihre Augen wurden feucht vor Glück, als sie ihn anschaute. Sie fuhr mit ihren schlanken Fingern durch sein fahles Haar, und sie fand ihn so nett, so sympathisch.

Ein paar Zimmer weiter saß Vater Bernhard neben dem Bett seiner Tochter. Viktoria sah nicht mehr ganz so elend aus wie gestern, aber man sah ihr doch noch die tiefe Erschöpfung an. Nur ihre Augen hatten die alte Energie behalten, noch immer stand in ihrem Blick der feste Wille, um den geliebten Mann zu kämpfen.

»Ich habe ihn für heute Abend zu uns eingeladen. Ich werde ihn mir wenigstens einmal ansehen«, äußerte der alte Herr, den Blick zur Seite gewandt. Seine kleine Tochter hatte ihn rumgekriegt, er verstand sich selbst nicht mehr. »Aber bilde dir nicht ein, dass das schon unsere Zustimmung bedeutet, meine Liebe. Ich werde ihn erst auf Herz und Nieren prüfen, bevor ich erwäge, ob er wert ist, dass du ihn gern hast.«

»Dann ist alles gut. Ich weiß, dass er dir gefallen wird. Lerne ihn kennen, das ist die Hauptsache. Heute Abend kommt er zu uns? Sie müssen mich hier entlassen. Mir fehlt ja weiter nichts. Ruf bitte den Professor, ich will nach Hause.«

Vater Bernhard hatte viel Mühe, seine Tochter zu überzeugen, dass sie hierbleiben musste.

»Du hast es selbst verschuldet, nun löffle auch die Suppe aus, die du dir eingebrockt hast. Apropos Suppe: Bekommst du hier auch gutes Essen? Else kann dir nämlich sonst etwas bringen. Sie wollte mir nämlich schon einen Topf Hühnersuppe mitgeben.«

»Nicht nötig. Ich wünschte nur, ich könnte heute Abend zu Hause sein. Steffen wird keinen guten Anzug tragen, er hat nicht viel Geld. Beurteilt ihn nicht nach seiner Kleidung.«

Vater Bernhard legte ihr die Hand schwer über die nervösen Finger. Wie sehr musste seine Viktoria diesen Mann lieben, dass sie sich so um ihn sorgte. Eigentlich war sie verwöhnt, gewohnt, selbst im Mittelpunkt zu stehen, und nun auf einmal konzentrierte sich all ihr Denken und Fühlen auf einen anderen Menschen. Er begann besser von Brunnert zu denken, der diese Wandlung verursacht hatte.

***

Steffen war fertig, als der Chauffeur an der Wohnungstür klingelte. Frau Schullak öffnete aufgeregt, denn sie wusste genau, um was es heute ging. Sie trug sogar ihr allerbestes Seidenkleid, das nur zwei kleine Flecken hatte, sonst aber noch so gut wie neu war.

»Kommen Sie nur herein, wenn Sie einen Augenblick warten wollen ...«

Die Schullak zappelte aufgeregt um den Fahrer herum, der höflich seine Schirmmütze gezogen hatte, aber keineswegs aussah, als habe er erwartet, den Herrn aus solch einer Wohnung abholen zu müssen.

»Herr Brunnert, er ist da!« Ganz aufgelöst stürzte die Wirtin in Steffens Zimmer, ,,’ne richtige Uniform hat er an, so eine vornehme, wissen Sie, ohne Goldverschnürung und so. Das ist ja auch protzig. Die feinen Leute sind heutzutage für das Schlichte. Aber dass Sie das vornehme Fräulein wirklich heiraten wollen, also wer hätte das gedacht. Über die Miete müssen wir noch einmal sprechen. Alles ist teurer geworden, und ich habe gedacht, für dieses wirklich nette Zimmer kann ich gut und gern ...«

Sie überlegte, und man sah ihr die Anstrengung deutlich an. Der Chauffeur hatte ihrer Phantasie mächtigen Auftrieb gegeben.

»Zwanzig Mark mehr«, stieß sie schließlich atemlos hervor. »Und dann ist das noch wie geschenkt hier, das sagt jeder. Aber die Schullak ist eben keine, wo die Leute ausnimmt.«

Steffen war viel zu nervös, um über ihre Behauptung zu lächeln. Wie fest war er entschlossen gewesen, die Einladung des alten Herrn nicht anzunehmen. Und schon seit zwei Stunden saß er fertig angezogen auf dem altmodischen Kanapee, und er fühlte sich wie vor einem schweren Examen.

»Darüber sprechen wir später«, wehrte er die Frau ab.

»Und die Miete, wo Sie im Rückstand sind, ich denke, Sie vergessen nicht, ihn heute anzupumpen. Wo er doch genügend Geld hat. Und seine Tochter, die kann froh sein, dass sie so einen abkriegt wie Ihnen. Ich hab des gerade gestern noch zu der alten Meierschen gesagt, so ein netter und solider junger Mann, wie der Herr Brunnert, habe ich gesagt, so einen muss man heute mit der Laterne suchen. Dann wünsche ich Ihnen Hals- und Beinbruch, und lassen Sie sich nicht einschüchtern, bei denen wird auch nur mit Wasser gekocht.«

»Danke, Frau Schullak.«

Steffen schob die Wirtin zur Seite und trat auf den Flur hinaus. Der Fahrer, den Bernhard Döhring geschickt hatte, musterte ihn abschätzend von oben bis unten.

»Dann kommen Sie man mit.« Er hielt es nicht für nötig, diesem jungen Menschen den Vortritt zu lassen.

Als Steffen sich umschaute, sah er, wie seine Wirtin beide Hände emporhob, den Daumen eingekniffen. Sie lächelte breit mit ihrem falschen Gebiss. Sogar beim Friseur war sie gewesen, stellte Steffen verwundert fest.

Er setzte sich in den Wagen und ärgerte sich, dass sein Puls so jagte. Hatte er einen Grund, sich vor der Begegnung mit Viktorias Eltern zu fürchten? Er wollte ja nichts von ihnen.

Der alte Döhring hatte ihn eingeladen; er war zu ihm gekommen, und er hatte ihn förmlich angefleht, seine Einladung anzunehmen.

Eine halbe Stunde später stieg Steffen aus dem Wagen. Der Fahrer war hinter dem Steuer sitzen geblieben. Er hatte nicht die Absicht, diesem Menschen die Tür zu öffnen. Der sah aus, als könne er sich selbst helfen.

Steffens Blick glitt abschätzend über die Fassade des modernen Hauses. Im Geiste schätzte er den Preis, und was dabei herauskam, genügte, um ihm alle Hoffnung zu nehmen.

Hinter der Gardine eines Fensters stand Frau Ottilie. Sie sah seinen Blick und verkniff die Lippen. Jetzt taxiert er den Wert des Grundstücks, dachte sie. Dieser Mitgiftjäger!

»Er steht draußen«, warf sie ihrem Manne hin, der im Sessel saß und ab und zu an seinem Kognakglas nippte.

»Weshalb kommt er nicht rein?«, brummte Bernhard Döhring zurück.

»Er kann sich an unserem Haus nicht satt sehen«, bemerkte Frau Ottilie spitz. »Der kommt für Viktoria überhaupt nicht infrage. Der hat es bestimmt nur auf unser Geld abgesehen. Nicht mal einen richtigen Anzug besitzt er.«

»Er studiert, er hat keine reichen Eltern!«

Vater Bernhard legte seine Zigarre in den Aschenbecher und ging hinaus, um Brunnert in der Diele zu begrüßen.

Steffen hatte seine Befangenheit überwunden, aber man merkte ihm doch an, dass er sich hier nicht wohlfühlte.

»Kommen Sie rein, meine Frau erwartet Sie.« Bernhard Döhring schlug ihm jovial auf die Schultern. »Die Gute ist mächtig neugierig, den Mann kennenzulernen, der Viktoria den Kopf verdreht hat.«

Frau Ottilie kam ihm mit sehr kühler Höflichkeit entgegen. Sie bot ihm die Hand, und Steffen beugte sich tief darüber.

»Nehmen Sie Platz«, lud sie ihn ein.

Aus zusammengekniffenen Augen musterte sie ihn ungeniert.

»Kognak?«, fragte Vater Bernhard und stieß ein unecht klingendes Lachen aus. Seine Ottilie konnte manchmal schrecklich abweisend werden, wenn sie wollte. Und gegen diesen Brunnert hatte sie etwas. »Gut zum Aufwärmen«, fuhr er fort und rieb sich die Hände, als er Steffens Glas vollgegossen hatte. Es war ein doppelstöckiger Kognak geworden, denn er vermutete, dass der junge Mann ihn brauchte, um seine Befangenheit zu überwinden.

Aber er irrte sich. Steffen hatte sich gefangen, sein Blick war durch den Raum geglitten, der völlig zum Äußeren des Hauses passte. Er war wunderschön. Nur er passte hier nicht hinein, er war ein Fremdkörper. Seine Sicherheit kehrte zurück.

»Ein übles Wetter heute.« Bernhard Döhring lächelte verkrampft. »Wie soll es erst im Herbst werden, wenn es jetzt schon so kalt ist.«

Steffen lächelte. Die krampfhaften Versuche des alten Herrn, ein Gespräch zu beginnen, wirkten direkt rührend. Hatten die Döhrings die Absicht, ihm ihre Stellung und ihren Reichtum auf diese Art und Weise unter die Nase zu reiben? Das hätten sie sich sparen können.

Er lehnte die Zigarre, die Vater Bernhard ihm anbot, mit freundlichem Dank ab.

»Ich denke, ich kann jetzt wieder gehen«, stellte er fest und verzog ungewollt ironisch die Mundwinkel.

Frau Ottilie hüllte sich in abwehrendes Schweigen, während ihr Mann einen roten Kopf bekam.

»Aber bitte, lieber Brunnert, Sie sind doch gerade eben erst gekommen. Trinken Sie einen Schluck. Ich meine, es gibt doch einiges zu besprechen.«

Der ironische Ausdruck auf Steffens Gesicht blieb.

»Ich fürchte: nein«, stellte er freundlich fest. »Die Situation ist doch völlig klar. Viktoria ist im Begriff, eine Dummheit zu begehen, und Sie versuchen mit allen Mitteln, sie davor zu bewahren.«

Frau Ottilie nickte gemessen. Er hatte ihr aus dem Herzen gesprochen.

»Sie hätten sich nur die Mühe dieser Einladung sparen können«, fuhr Steffen fort. »Ich habe nicht die Absicht, Viktoria zu heiraten.«

Frau Ottilies Haltung versteifte sich.

»Wie bitte?«, fragte sie scharf.

»Ich habe nicht die Absicht, Viktoria zu heiraten«, wiederholte Steffen gelassen. »Sie brauchen keine Angst um Ihr Geld zu haben. Ich weiß, dass ich hier nicht willkommen bin. Schicken Sie Viktoria auf eine große Reise; sie wird bestimmt einen anderen Mann kennenlernen, dessen Brieftasche Ihnen eher zusagt.«

Ohne es zu wollen, fühlte sich Frau Ottilie durch die ruhige Sicherheit, mit der er sprach, doch beeindruckt. Vielleicht blufft er nur, dachte sie vernünftig und zog es vor, schweigend abzuwarten, ob er tatsächlich gehen würde.

Steffen stand auf.

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich mich jetzt verabschiede. Ich werde nicht auf Wiedersehen sagen, denn unsere Wege dürften sich kaum überschneiden. Also leben Sie wohl, und alles Gute.«

Er verneigte sich höflich vor Frau Ottilie. Dass sie ihm die Hand bot, erwartete er anscheinend nicht.

»Aber nicht so hastig, junger Mann.« Döhring wischte sich mit der Linken die Schweißperlen von der Stirn. »Wir können uns doch einmal in Ruhe über den Fall unterhalten, nicht wahr? Wir sind doch keine Unmenschen. Uns liegt allein Viktorias Glück am Herzen.«

Steffen verzog den Mund.

»Sie glauben natürlich, wir wollten unsere Tochter verschachern, das ist nicht der Fall. Wir wollen nur, dass Viktoria den richtigen Mann bekommt.«

Die richtige Brieftasche, dachte Steffen, aber er sprach es nicht laut aus.

»Viktoria ... hat Sie sehr gern. Sie will Ihre Frau werden. Jetzt wo ich Sie kennengerlernt habe, kann ich meine Tochter vollkommen verstehen.«

»Aber?«, fragte Steffen abwartend.

»Man muss schließlich auch etwas auf die Familie achten«, warf Frau Ottilie scharf ein.

»Wenn Sie Viktoria nicht heiraten, wird das Mädchen unglücklich sein«, fuhr Vater Bernhard gepresst fort.

»Und wenn ich sie heirate, dann wird sie irgendwann auch unglücklich sein«, stellte Brunnert gelassen fest. »Verschließen wir doch nicht die Augen vor der Wirklichkeit. Es ist nicht gut, wenn die Frau meint, sie sei dem Manne überlegen. Das Recht der Wahl liegt bisher noch immer bei den Männern. Es ist für mich kein schönes Gefühl, sozusagen erwählt worden zu sein. Ich möchte mir meine Frau gern selbst aussuchen.«

»Wollen Sie behaupten, Viktoria sei Ihnen nachgelaufen?« Frau Ottilie war im höchsten Grade pikiert. »Das hat unsere Tochter nicht nötig, mein Herr. Sie kann ganz andere Partien machen.«

»Misch dich bitte nicht ein!«

Ihr Mann wurde allmählich ungeduldig. Es schien, als habe seine bessere Hälfte noch immer nicht verstanden, wo das eigentliche Problem lag: Brunnert war es mit seiner Ablehnung Ernst!

Vater Bernhard dachte an seine Tochter, die sich diesen Mann in den Kopf gesetzt hatte. Und außerdem, das gestand er sich widerwillig ein, begann Steffen, ihm von Minute zu Minute besser zu gefallen. Er wusste, was er wollte, und vor allem wusste er auch, was er nicht wollte. Illusionen über die Ehe, die Viktoria ihm vorgeschlagen hatte, machte er sich anscheinend nicht.

»Wir werden jetzt erst einmal unser Glas leer trinken«, schlug er vor und wischte jeden Einwand fort, bevor Brunnert ihn noch äußern konnte.

Der Kognak lief Steffens Kehle warm hinunter. Er spürte ihn deutlich im Magen. Er hatte heute auf das Abendessen verzichtet, es stand in Form der Blumen unbeachtet in der Vase auf dem Tisch.

Frau Ottilie hatte die abgehungerten Blumen keines Blickes gewürdigt, sondern sie in die erste beste Vase gestopft. Steffen spürte, wie sein Gesicht roter wurde.

»Auf einem Bein kann man nicht stehen«, äußerte Vater Döhring. Diesmal erhöhte er den Kognak um ein weiteres Stockwerk, denn er hoffte, in ihm einen Bundesgenossen gegen diesen dickschädligen Mann zu finden.

Frau Ottilie schüttelte verwundert den Kopf. Es war sonst nicht die Art ihres Bernhard, dieses Zeug in derartigen Mengen zu verkonsumieren. Es gefiel ihr nicht, dass Steffen das Glas austrank, ohne es ein einziges Mal abzusetzen.

Aber Döhring gefiel, dass Brunnert jetzt lächelte.

»Nehmen Sie eine Zigarette.« Er schob ihm ein Päckchen über den Tisch zu. »Und erzählen Sie uns etwas von sich. Sie sind Student?«

Er wusste es, und Steffens Bestätigung brachte ihm nichts Neues. Neu für ihn war nur, dass Brunnert in vierzehn Tagen sein Examen ablegen würde. Einen guten Juristen konnte er in der Firma jederzeit gebrauchen.

»Schade, dass Viktoria nicht bei uns sein kann«, meinte er ein wenig später. »Aber das Mädchen glaubte ja, ohne Sie nicht leben zu können. Sie sind der erste Mann, der solch einen Einfluss auf sie hat. Ich bringe es nicht fertig, ihr irgendetwas abzuschlagen. Auch nicht eine Heirat«, äußerte er verschmitzt.

Frau Ottilie lächelte schief. So weit war man noch lange nicht, fand sie. Aber sie hatte auch keinen Kognak getrunken.

»Wann wollt ihr denn heiraten?«, fragte Bernhard Döhring und beugte sich vor. »Lassen Sie Viktoria nicht mehr zu lange warten.«

»Ich fürchte, Sie haben mich noch immer nicht verstanden. Ich will Viktoria nicht heiraten.« Steffen schlug mit der Faust bei jedem Wort leicht auf den Tisch.

»Aber Sie lieben meine Tochter doch!«

»Das hat mit der Heirat nichts zu tun. Ich will erst etwas werden, bevor ich daran denken kann, eine Familie zu gründen.«

»Kinder ...«, sagte der alte Döhring und schloss versonnen die Augen. »Wie viel wollen Sie den haben?«

»Bernhard!« Frau Ottilie erhob sich empört. »Ich werde mich zurückziehen.«