Love, Life, Lesbians - Nadine Engmann - E-Book

Love, Life, Lesbians E-Book

Nadine Engmann

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Beschreibung

Berlin. Eine Bar. Eine Clique. Viele Leben. Eine Kurzgeschichtensammlung über das Leben und die Liebe. Mitfiebern und mitfühlen bei den Erlebnissen dieser Community. Probleme des Alltags, die Geister der Vergangenheit und Ängste vor der Zukunft.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Contents

Titel

Der schlechte Ratschlag

Die entfremdete Mutter

Versprochen!

Das Arbeitstier

1 Stern

Die Ex

Der Verlust

Ich muss das tun!

Der Wutausbruch

Du bist mir wichtig

Der Verrat

Ich will dich!

Beachte mich!

So nicht!

Danksagung

Impressum

Nadine Engmann

Love, Life, Lesbians

-Kurzgeschichten-

Der schlechte Ratschlag

»Wenn die Oma das wüsste«, zischte Roxys Mutter ihr zu. Roxy hatte Bauchkneifen und ein schlechtes Gewissen. Es war das eingetreten, was sie nie wollte. Sie wollte doch nur ihren Traum verwirklichen und hatte auf gute Ratschläge von vermeintlichen Experten gehört. Sie hatte sich vertrauensvoll an ihre Bank gewandt und dort mit einem Unternehmensberater gesprochen. Und nun hatte sie nicht mal mehr Geld, um im nächsten Monat die Miete für ihre Discobar zu bezahlen. Sie musste schließen und ihren Traum aufgeben.

»Ich habe doch nur gemacht, was mir geraten wurde. Ich habe alle Energie in dieses Projekt gesteckt«, sie war traurig und fühlte sich schuldig. Denn das Erbe ihrer Oma steckte in diesem Geschäft. Es war alles gewesen, was sie hatte. Sie hatte keine Rücklagen mehr.

»Du hast etwas falsch gemacht, Romina«, ihre Mutter hatte offensichtlich keine Zweifel an ihrem Versagen.

»Nenn’ mich bitte Roxy, Mama«, sie warf ihr einen scharfen Blick zu und ihre Mutter verdrehte die Augen.

»Roxy, du bist meine Tochter, aber dass du Omas Geld aus dem Fenster schmeißt für so etwas«, abfälliger konnten diese Worte gar nicht sein, »kann ich dir nicht verzeihen. Du musst dich selbst aus diesem Schlamassel befreien.«

Ihre Mutter musterte sie und sie konnte die Enttäuschung in ihren Augen sehen.

Ja ja, das ist meine Schuld. Ich weiß schon…

»Geh jetzt, bevor dein Vater nach Hause kommt. Er darf davon nichts erfahren, sonst wird das Donnerwetter noch größer.«

Roxy hatte Tränen in den Augen, als sie die Wohnungstür hinter sich schloss. Dass ihre Mutter sie rauswarf, hatte sie nicht kommen sehen. Sie hatte auf Unterstützung gehofft, auf ein bisschen Geld, um es besser zu machen.

Doch nichts davon passierte und sie spazierte im Regen zurück in ihren Club. Die Außenbeleuchtung war noch aus. »Roxys« leuchtete nicht. Sie hatte an nur 4 Tagen in der Woche auf, den Rest der Zeit füllte sie mit einem Minijob in einem Supermarkt. Sie kam gerade so über die Runden, aber eigentlich wollte sie, dass ihre Disco lief und sie nicht extra jobben musste, um die Miete zu bezahlen.

Es war Donnerstag. In 3 Stunden würde sie öffnen, davor war putzen angesagt. Sie hatte kein Personal, nur am Wochenende half ein nettes Mädchen an der Bar aus, weil der Betrieb allein nicht zu schaffen war. Sie fegte, wischte und desinfizierte die Toiletten. Es war alles schick, als sie die Beleuchtung einschaltete. Sie machte sich in ihrem Büro einen Snack, um den Abend fit zu sein. Eine Kanne Kaffee zum Wachbleiben und ein Stoßgebet gen Himmel, um überhaupt Besucher zu haben.

Die Bank hatte empfohlen ein Tanzlokal für alle zu machen, damit ihre Zielgruppe nicht nur die homosexuelle Gesellschaft war, wie sie es eigentlich andachte. Also wurde es eher LGBT and friends, aber aus den Friends wurden auch nicht-Friends, die sich hier wohlfühlten und dadurch die LGBTs verjagten. Letztendlich waren einfach zu wenig Gäste da, egal aus welcher Community. Von Mal zu Mal wurden es weniger Besucher und die Bar blieb leer. Nur Samstags füllte er sich soweit, dass sie auch Hilfe benötigte. Aber es reichte vorn und hinten nicht.

Auch dieser Abend war nur mäßig besucht. Sie öffnete gegen 8 den Laden, ab 9 kamen vereinzelte kleine Gruppen, aber Stimmung kam nicht wirklich auf. Ein paar Sitzecken waren gefüllt, die Tanzfläche leer. Musik plärrte über die Boxen, dass sie kaum ihr eigenes Wort verstand, aber das war ja der Sinn einer Disco. Sie sah bekannte Gesichter, die sie winkend begrüßte. Ihre Stammkundschaft war klein, aber loyal.

»Na, wie läuft’s?«, eine bekannte Stimme hinter ihr, als sie gerade einen Schnaps zu einem Cocktail mischte. Sie musste sich umdrehen, um die Stimme zuzuordnen. Sie lächelte. Es war Dana. Sie kam schon seit den Anfängen hierher, manchmal in Gesellschaft von Freundinnen und manchmal allein. Heute saß sie an der Bar, offenbar allein. Dana war extrovertiert und aufgeschlossen. So hatte Roxy sie kennengelernt. Sie mochte Dana. Ihre positive Aura machte ihr immer gute Laune.

»Könnte besser sein«, Roxy hatte keine Lust ihrer Bekannten etwas vorzuspielen. Der Streit mit ihrer Mutter hatte sie heruntergezogen, sie konnte heute nicht alles weglächeln.

»Scheißtag?«, Danas fragender Blick machte etwas mit Roxy und sie seufzte.

»Ich werd’ den Laden vermutlich dicht machen müssen«, fast kamen ihr wieder die Tränen hoch, doch sie schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals herunter.

Danas Gesicht zeigte Schock.

»Was? Zumachen?«

Roxy nickte. Nun war es auch egal und Roxy begann zu erzählen. Niemand wollte etwas von ihr im Moment, da konnte sie auch mit Dana reden.

»Ich hab’ das Geld für den Laden von meiner Oma geerbt. Hab’ den Traum gehabt eine schöne hippe Lesbenbar mit Disco zu machen. Die von der Bank empfahlen mir allerdings eine Disco für jedermann zu machen. Nun ja, ich hör ja auf die Experten. Nun bleiben die Leute aus, weil sie sich vom Klientel hier entweder gestört oder sich nicht wohlfühlen. Ich hab keine Kohle für die nächste Miete und keinen Plan, wie ich das Ruder noch einmal rumreißen kann.«

Roxy plapperte schnell, hätte aber am liebsten geflüstert. Aber sie blieb laut, damit Dana sie über die Musik hören konnte.

»Ich hätte ja eine Idee«, sie hatte ein Grinsen im Gesicht und Roxy war sich nicht sicher, ob das ein Flirten war. Von guten Ratschlägen hatte sie eigentlich die Nase voll, aber auf Danas Idee war sie trotzdem neugierig.

Schlimmer kann’s ja nicht werden…

»Und die wäre?«, fragte Roxy herausfordernd. Dana hob eine Augenbraue.

»Mach den Club zu einem Lesbenclub. Davon gibt es hier in Berlin wirklich nicht viele und für die Szene wäre es eine Bereicherung. Ich war sonst immer in einem im Osten der Stadt, aber der Weg war irre weit. Ich bin froh, dass es deinen Club gibt. Meinen Freundinnen geht es ähnlich und unsere Community ist groß.«

Roxys Puls wurde schneller. Dana sagte ihr nun also, dass sie ihren Traum wirklich ganz umsetzen sollte. Aber da war noch etwas anderes. Sie sah sich um. Es waren auch ein paar Männer im Club, die mit Frauen in den Nischen saßen. Manche wippten zur Musik. Sie spielte 80er und 90er Musik, manche bekannte Titel von heute, die auch in der Szene beliebt waren. Niemand nahm Notiz von ihr.

»Da wäre aber ein Problem«, Dana sah sie an und Roxy schluckte, »ich habe kein Geld um einen weiteren Monat durchzuhalten.«

Bei dem Gedanken kamen ihr fast die Tränen, hatte sie doch so viel investiert in ihren Traum. Dana nickte und schaute bedrückt.

»Lass uns morgen auf einen Kaffee treffen in meiner Mittagspause.«

Roxy fiel auf, dass sie gar nicht wusste, was Dana machte und wie sie ihre Tage verbrachte. Das war ein weiterer Grund, aus dem sie spontan Ja sagte und sich eine Adresse von einem Cafe nur einige Straßen von hier geben ließ. Dana verabschiedete sich mit einem vielsagenden Lächeln und der Abend hinterließ bei Roxy einen freudigen Beigeschmack. Sie fand Dana nett und irgendwie schien sie es gut mit ihr zu meinen.

Am nächsten Tag gegen Mittag stand Roxy, wie bestellt und nicht abgeholt, vor dem Cafe. Sie war zu früh dran, erfüllt mit Vorfreude und Tatendrang. Sie wollte ihren Club retten und ihren Traum doch noch umsetzen. Dana hatte ihr das Fünkchen Hoffnung gegeben, was sie als Motivation benötigt hatte.

»Ich habe eine Idee«, wiederholte Dana, als sie in einer Nische saßen und einen Milchkaffee vor sich stehen hatten. Sie kam pünktlich auf die Minute, hatte ein strahlendes Lächeln im Gesicht und sah schick angezogen aus.

»Vorher muss ich fragen: Was machst du eigentlich?«, Roxy zeigte auf den schwarzen Blazer und hob die Augenbraue.

»Ich arbeite in einem Anwaltsbüro. Die rechte Hand der Staatsanwaltschaft«, sie wurde rot, als Roxy erstaunt die Kinnlade herunterfiel.

»Wow. Das hätte ich jetzt nicht gedacht.«

»In meiner Freizeit versuche ich genau das Gegenteil zu sein«, zwinkerte sie Roxy zu und ihr wurde wieder warm im Bauch. Dana war verdammt sexy und das Flirten tat Dinge mit der verzweifelten Discobesitzerin.

Steh ich auf sie? Mag sie mich? Warum hilft sie mir überhaupt?

»Nun zu deiner Idee«, Roxy musste sich erstmal sammeln.

»Genau, mein Vorschlag: Ich leihe dir das Geld für die nächste Miete und wir ziehen das Ding durch. Ich kenne jemanden, der sehr aktiv in der Szene ist und sicher etwas Mundpropaganda betreiben kann«, Roxy hörte zu und die Rädchen in ihrem Kopf begannen zu rattern. Dana wollte ihr wirklich helfen.

»Das würdest du tun?«, Roxy konnte es nicht glauben. Niemand hatte Vertrauen in sie gehabt, seit Jahren. Immer wurde sie komisch von der Seite angesehen und für ihre Wunschvorstellungen vorverurteilt.

»Ich finde es toll, dass du einen sicheren Hafen für die Community schaffen willst und ich will ein Teil davon sein, wenn auch nur eine helfende Hand«, wieder wurde Dana rot. Das Glitzern in ihren Augen war vielsagend und Roxy bekam einen trockenen Mund.

»Wen kennst du denn, der so aktiv ist und das Roxys bewerben würde?«, es wollte ihr nicht in den Sinn, dass das jemand einfach so tun würde.

»Ich habe eine Freundin, die beim Radio ist und ihre eigene Sendung für LGBT-Themen hat. Die interessiert sich sehr für die Berliner Szene, gibt Veranstaltungstipps und macht sogar ein Sorgentelefon für Jugendliche.«

»Das klingt ja wahnsinnig toll«, ein bisschen wurde Roxy eifersüchtig, dass Dana so jemanden kannte, aber sie verdrängte das Gefühl ganz schnell wieder. Eigentlich wollte sie für all diese Möglichkeiten nur dankbar sein.

»Man könnte Themenabende machen oder was immer geht: eine Singlebörse«, Roxy bekam es fast nicht heraus. Dana grinste.

»Dann finde ich vielleicht auch noch mein Deckelchen«, sie sah sie herausfordernd an und Roxy zog die Augenbraue hoch.

»Vielleicht sollten wir uns für den Austausch dieser Ideen zum Abendessen treffen und noch etwas tiefer in dieses Thema gehen«, sie wollte aufs Ganze gehen, wollte Dana zeigen, dass ihr etwas an ihr lag. Dana nickte, grinste und nickte noch mehr.

»Ich werde, um uns beide abzusichern, einen kleinen Vertrag aufsetzen, in dem ich die Rechte und Pflichten unseres Geschäftsverhältnisses festlege«, dass Dana nun plötzlich geschäftlich wurde, wunderte Roxy zwar, aber sie konnte die rosarote Brille nicht absetzen.

»Wenn wir uns dann zum Essen treffen, gehen wir den durch und machen das fix. Ich telefoniere später mit meiner Bekannten und ab sofort wird das Roxys nur noch von Frauen besucht und du könntest auch Schwulen-inklusive Abende machen. Aber vor allem die LGBT-Community, das ist der Knackpunkt.«

Roxy könnte ihr nicht mehr zustimmen und freute sich wie ein kleines Kind, dass eine riesige Eisportion bekommen hat.

»Wie habe ich dich nur verdient?«

»Jeder bekommt das, was er verdient«, antwortete Dana und hob ihren Kaffeebecher. Sie stießen an und die Zukunft nahm ihren Lauf.

Ein paar Tage später, hatten sie die ersten Veranstaltungen geplant. Zuerst eine Lesben-Singleparty am nächsten Freitag, Taylor Swift-Samstag und eine Before Work-Party am Sonntag. Donnerstag gab’s Cocktail-Happy Hour mit chilliger Musik. Sie besorgten noch ein paar Stehtische. Der Vertrag war simpel gehalten. Keine Zinsen bei Rückzahlung, nach Roxys Ermessen, aber innerhalb eines Jahres. Sollte das Geschäft doch nicht tragbar sein und geschlossen werden, dann wäre das Danas Verlust und es müsste keine Rückzahlung geben.

Es gab nichts, was Roxy eine Falle stellte, Dana meinte es wirklich ernst. Noch an diesem Abend, gingen sie Hand in Hand zurück zu Roxys Wohnung.

»Warum machst du das?«, Roxy wollte es wissen. Es musste einen Grund geben.

»Ich mag dich«, Dana sah sie an, sie blieben stehen und sie teilten einen ersten Kuss. Er war zaghaft und wurde mit jeder Sekunde leidenschaftlicher, dann trennten sich ihre Münder voneinander. Während Roxy noch um ihre Fassung rang, sprach Dana mit einem Lächeln weiter.

»Mir wurde damals auch geholfen, als ich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ich hatte weder Geld für Miete, noch Essen, keine Perspektive.«

»Was passierte dann?«

»Mich sprach ein junger Mann an, er war ein paar Jahre älter als ich«, Roxy hob fragend die Augenbraue, sie dachte sich schon, was der junge Mann wohl dachte, »er fragte mich, was ich für ein Problem hatte, ob er mir helfen könne. Er hatte keine Hintergedanken, wie du denkst. Er setzte sich mit mir in ein Cafe, spendierte mir ein Sandwich und bot mir einen Job in seiner Kanzlei an. Durch ihn bekam ich eine Wohnung, machte eine Ausbildung und nun bin ich seine rechte Hand. Er hat mein Potenzial erkannt und mich gefördert.«

»Wow, das ist eine selbstlose Tat. Er kannte dich gar nicht«, Roxy war erstaunt und wunderte sich ein weiteres Mal darüber, dass es noch gute Menschen gab.

»Ich musste furchtbar ausgesehen haben, ich lebte auf der Straße zu der Zeit und bettelte. Er hatte eine gute Menschenkenntnis, und hat mir eine ebenso gute beigebracht«, sie zwinkerte ihrer neuen Freundin zu und küsste sie. Der Kuss wurde schnell hitzig und Dana begleitete sie noch bis hinauf in die Wohnung. Roxy goss beiden ein Glas Wein ein und sie redeten noch lange auf der Couch, unterbrochen von Küssen, die dann ins Schlafzimmer führten. Roxy war noch nie schüchtern gewesen, wenn sie mit jemandem intim wurde, aber bei Dana war es etwas anderes. Es war persönlicher und sie hatte das erste Mal in ihrem Leben das Gefühl, dass sie richtig gesehen wurde. Dana hatte sich ausgezogen, ihre langen Beine hoben sich von der dunklen Bettwäsche hell ab. Roxys Mund war trocken, als sie in Unterwäsche auf ihre neue Freundin zu krabbelte.

»Du bist wunderschön«, Danas Augen glitzerten im Schatten. Ihr Lächeln war ehrlich und Roxys Wangen glühten.

Selbstzweifel plagten sie, ob es der richtige Zeitpunkt war, doch alles war vergessen, als Dana sie zu sich zog und der Kuss kein Ende zu nehmen schien. Danas Finger streichelten über Roxys Rücken und sie schien in Flammen zu stehen. Ihr Slip wurde feucht, sie spürte es und sehnte sich nach Erleichterung. Auch Dana schien das zu spüren und als sie Roxys BH abgestriffen hatte, fand auch der Slip den Weg auf den Schlafzimmerboden.

Danas Finger verschafften ihr die nötige Erleichterung und auch Dana bekam einen Höhepunkt, wie schon sehr lange nicht mehr. Roxy bekam nicht genug von ihr und ihrem Geschmack. Mehrmals bäumte sich Dana auf, bis sie Roxy doch stoppen musste. Diese Nacht wurde eine von vielen. Liebe lag in der Luft und die beiden wurden ein Paar.

Die Mundpropaganda lief auf Hochtouren. Danas Freundin war bei einem Internetradio angestellt und erzählte in ihrer Sendung für LGBT-Themen davon. Ein paar Tage später wurde Roxy sogar in die Sendung eingeladen für ein Interview. Dort erzählte sie ihren Werdegang und was sie sich mit der Disco erträumt hatte. Das kam so gut an, dass die Besucherzahlen stiegen. Dana half so gut sie konnte bei Dekoration und Cocktailkarte. Die Musikauswahl war Roxys Steckenpferd und der erste Abend als Lesbenbar war erfolgreich. Viele neue Frauen kamen zum Treffen, Quatschen und Trinken, da sie über ihre Freundeskreise und auch Social Media von dem Club erfahren hatten und gerade in diesem Viertel gab es kein vergleichbares Nachtlokal. Der regelmäßige Singleabend war brechend voll und dank eines ausgeklügelten Systems sehr zielführend für einige Damen. Roxy machte endlich Gewinn, bekam noch mehr Ideen und Wünsche von den Besucherinnen präsentiert und nun musste sie nicht mehr allein durchs Leben gehen. Es würde sich zum Guten wenden.

Die entfremdete Mutter

Was macht sie hier? Was macht sie hier? Woher weiß sie das?

Marie wollte ihren Augen nicht trauen, fassungslos stand sie da. Blitzlicht um sie herum, in ihrer Hand ihre neu angetraute Frau Charlotte. Sie stand stocksteif da, das Lächeln von ihrem Gesicht verschwunden.

»Lächeln, Marie! Das ist der schönste Tag in deinem Leben!«, rief ihr einer ihrer Freunde zu, doch sie konnte sich nicht von dem Anblick ihrer Mutter lösen, die dort in der Menge stand. Sie hatte sich zurecht gemacht. Ein buntes Kleid mit Blumen, es flatterte im Wind. Ihre Haare waren kurz, kürzer als vor 10 Jahren, als sie diese Frau zuletzt gesehen hatte. Doch sie hatte ihre Mutter gleich erkannt.

Charlotte drückte ihre Hand und zog sie weiter. Charlotte war Maries Anker, schon immer gewesen und auch in diesem Moment, wurde sie geerdet und sie lächelte wieder. Verdrängte diese Person, die ihr schon sehr viel Schmerz und Leid zugefügt hatte.

Ich kann mich jetzt nicht mir ihr beschäftigen!

Das ungute Gefühl verflüchtigte sich, sie war wieder im Hier und Jetzt. Hände griffen nach ihr, Umarmungen um ihren Körper und ihre Augen fanden die Mutter nicht noch einmal.

»Herzlichen Glückwunsch!«, kam es von allen Seiten. Liebe Gesichter um sie beide herum, das Herzklopfen hatte seit der Autofahrt zum Standesamt nicht nachgelassen.

Charlotte war im langen weißen Kleid, genau wie sie. Die Schuhe drückten und Kleider waren nie ihr Ding gewesen, doch es musste sein. Sie hatten so lange darüber diskutiert, aber Marie wollte nicht maskulin sein, keinen Anzug tragen und so wurden es passende Kleider. Sie hatten sie zusammen ausgesucht, trotzdem war das erste Sehen eine Überraschung gewesen.

»Stellt euch da mal hin!«, rief der befreundete Fotograf und auch Charlottes Eltern und Geschwister kamen dazu.

»Lächeln!«

Marie lächelte, als wäre sie fehl am Platz. Niemand aus ihrer Familie war geladen, sie hatte seit Jahren keinen wirklichen Kontakt gehabt. Der obligatorische Geburtstagsanruf war oft verkrampft gewesen und die Verwandtschaft schon alt und gebrechlich, sie hätten sowieso nicht kommen können. Abgesehen davon rümpften sie die Nase, bei dem Gedanken, dass hier zwei Frauen heirateten. Das war sowieso nicht ganz in Ordnung.

Sie verdrängte die Gedanken an die eigene Familie und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Sie war jetzt verheiratet, hatte eine tolle Schwiegerfamilie, war aufgenommen worden, wie ein weiteres Kind. Sie lächelte und tat das Auftauchen ihrer Mutter als Halluzination ab. Vielleicht war sie gar nicht da gewesen.

Auf dem Weg zur Örtlichkeit, wo sie die Fotos schießen wollten, nahm Charlotte ihre Hand.

»Was ist los?«, besorgte Blicke trafen Marie und sie seufzte.

»Ich weiß nicht, ob ich es geträumt habe, aber ich glaube, ich habe meine Mutter vorhin gesehen, als wir raus kamen.«

»Wirklich?«, die Stimme panisch und eine Oktave zu hoch, »Bist du dir sicher?«

Charlie, wie Marie sie nannte, kannte es schon, dass Marie manchmal Dinge sah, wenn sie gestresst war. Manchmal auch beunruhigende Dinge.

»Ich weiß es nicht, ich habe sie erkannt und sie sah zu mir«, Marie war sich wirklich nicht mehr sicher, ob es wirklich ihre Mutter war oder ein Passantin, die eben nur vorbei lief.

Marie drückte ihre Hand.

»Woher sollte sie es auch wissen? Das ist der Stress, Liebling«, ein aufmunterndes Lächeln und dann waren sie in einem Wäldchen. Sie waren nur zu dritt, ihr Freund, der auch gefahren war, hatte eine kleine Baumgruppierung ausgewählt, an der sie posieren konnten und ihre Kleider perfekt zu Geltung kamen. Die Fotos wurden wunderschön und Marie vergaß, was am Standesamt passiert war.

»Ich liebe dich«, flüsterte sie ihrer Frau zu, als sie sich leidenschaftlich küssten.

»Ich liebe dich, meine Liebste.«

Die Fahrt zur Feier danach, war lang. Sie hatten ewig gesucht eine passende Örtlichkeit zu finden und hatten außerhalb der Stadt einen Gasthof gefunden, der sie alle zu einem angemessenen Preis bewirten würde. Sie gingen zwar beide arbeiten, aber die Hochzeit sollte sie trotzdem nicht arm machen.

Sie hatten sich bei einer Singleparty im Roxys kennen und lieben gelernt und so auch einige Freundschaften in der Szene geschlossen. Sie alle waren mit kleinen Regenbogenflaggen an ihren Autos zur Feier gekommen. Auch Roxy selbst mit ihrer Freundin Dana. Dann waren da auch ein paar Arbeitskollegen und die Familie von Charlie natürlich. Sie hielten eine kurze Rede und stießen mit den Gästen an, dann brauchte Marie einen Moment. Große Menschenmengen überforderten sie leicht und sie wollte sich unbedingt etwas bequemeres anziehen, um den restlichen Tag durchzuhalten, vor allem bequeme Schuhe. Charlotte begleitete sie, denn auch sie hatte etwas passenderes zu Tanzen eingepackt. Ihre Kleider waren beide trotzdem weiß, aber schleiften nicht mehr über den Boden, außerdem hatte nun jeder nicht-drückende Schuhe an. Marie sogar Turnschuhe. Erleichtert ließ sie sich kurz aufs Bett im Hotelzimmer fallen und schloss die Augen.

»Geht’s?«, Charlie schien besorgt, aber Marie winkte ab.

»Geht schon, muss nur kurz durchatmen«, sie blieb noch liegen, als Charlotte schon wieder zu den Gästen ging.

Als sie aus dem Hotelzimmer kam, was ihnen als Brautpaar zur Verfügung gestellt wurde, und in den Tanzsaal kam, sah sie ihre Mutter wieder. Sie stand am Kuchenbuffett und schien sich köstlich zu amüsieren. Alle anderen standen in Grüppchen zusammen oder bauten bereits das ein oder andere Spiel auf. Sie konnte Charlie nicht sehen, doch die Wut in ihrem Bauch, ließ sie Rot sehen. Sie ging mit strammen Schritten zu der Frau, die vor zehn Jahren jeglichen Kontakt abgebrochen hatte und blieb neben ihr stehen.

»Mutter, bitte lass uns reden«, zischte sie. Sie nahm alles an Selbstbeherrschung, was sie aufbringen konnte. Sie wusste nicht, ob schon jemand mit ihr gesprochen hatte, oder ob sie irgendwelche Kommentare zu anderen abgegeben hatte.

Wusste jemand, dass das ihre Mutter war?

Sie griff sie am Arm und zog sie in die Nähe der Küche. Marie sah Charlotte nun von Weitem bei ihrer Familie stehen.

»Hallo, Marie«, ihre Mutter hatte schon immer eine etwas tiefere Stimme, doch das Rauchen hatte sie spröde gemacht. Ihr Gesicht war faltig und grau.