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Als Dolmetscherin bin ich für diesen Job eigentlich überqualifiziert, aber ich brauche das Geld. Nur deshalb bin ich nach St. Moritz gereist. Über meinen Auftraggeber - den Milliardär Atlas Claermont - höre ich nur das Schlimmste. Ein skrupelloser Geschäftsmann soll er sein und immer wieder Affären mit viel zu jungen Mädchen haben. Ich hasse ihn schon, ohne ihn auch nur ein einziges Mal gesehen zu haben. Gut, dass es im schönen St. Moritz aber auch sympathische Kerle gibt. Zum Beispiel diesen Holzhacker, dem ich zufällig beim Spazierengehen im tiefverschneiten Wald begegne. Mit seinem rauen Charme, den funkelnden Augen und dem verschmitzten Lächeln bringt er mich zum Lachen - und wir flirten so unbeschwert, dass ich mich beinahe in ihn verliebe. Doch dann, als ich erfahre, wer dieser Mann wirklich ist, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg ...
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Titelseite
Mit dem Boss im Pulverschnee
… und im nächsten Roman lesen Sie
Impressum
Carolin von Campen
Mit dem Boss im Pulverschnee
Als Dolmetscherin bin ich für diesen Job eigentlich überqualifiziert, aber ich brauche das Geld. Nur deshalb bin ich nach St. Moritz gereist. Über meinen Auftraggeber – den Milliardär Atlas Claermont – höre ich nur das Schlimmste. Ein skrupelloser Geschäftsmann soll er sein und immer wieder Affären mit viel zu jungen Mädchen haben. Ich hasse ihn schon, ohne ihn auch nur ein einziges Mal gesehen zu haben.
Gut, dass es im schönen St. Moritz aber auch sympathische Kerle gibt. Zum Beispiel diesen Holzhacker, dem ich zufällig beim Spazierengehen im tiefverschneiten Wald begegne. Mit seinem rauen Charme, den funkelnden Augen und dem verschmitzten Lächeln bringt er mich zum Lachen – und wir flirten so unbeschwert, dass ich mich beinahe in ihn verliebe.
Doch dann, als ich erfahre, wer dieser Mann wirklich ist, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg …
In der Nacht vor meiner Abreise nach St. Moritz hatte ich vor Aufregung kaum geschlafen. Deshalb fühlte ich mich wie zerschlagen, als ich am nächsten Tag in aller Frühe mit meinem Koffer im trüben Neonlicht am Bahnsteig des Münchner Hauptbahnhofs auf den Zug wartete. Der Wind zerrte an meinen Haaren, und die Kälte kroch mir in jede Ritze meines Wintermantels. Nur etwa ein Dutzend andere Reisende hatten sich außer mir an diesem ungemütlichen Januarmorgen hierher verirrt. Alle waren, genauso wie ich, dick eingemummelt in Outdoorjacken, Schals und Mützen, manche hatten sogar Skier dabei.
Verstohlen sah ich zu einem jungen Pärchen, das ein paar Meter entfernt stand und sich eng aneinander kuschelte.
Wahrscheinlich würden die beiden ein romantisches Wochenende in den Bergen verbringen. Ich seufzte leise und wandte den Blick ab. Romantik hatte es in meinem Leben leider seit Langem nicht mehr gegeben. Und auch meine Reise in die Schweiz trat ich aus rein beruflichen Gründen an. Als studierte Dolmetscherin war ich überqualifiziert für den Job als Privatlehrerin, aber die Bezahlung für die vier Wochen war fantastisch.
Das Einzige, was mir Bauchschmerzen bereitete, war, dass ich über meinen Auftraggeber kaum etwas wusste – noch nicht mal den Namen. Die Dame von der vornehmen Personalagentur, die mich eingestellt hatte, hatte lediglich verraten, dass es sich bei dem Kunden um ein äußerst einflussreiches Mitglied der Finanz- und Wirtschaftselite handelte. Mindestens hundertmal hatte sie betont, wie wichtig Diskretion war, und ich hatte sogar eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben müssen.
Fröstelnd zog ich die Schultern hoch, vergrub die Hände tiefer in den Manteltaschen und starrte nachdenklich auf die rot leuchtenden Signale am Gleis.
Mit sogenannten VIPs hatte ich bereits Erfahrung – die meisten hielt ich für arrogante, rücksichtslose Egoisten, und ich war eigentlich nicht erpicht darauf, für so jemanden zu arbeiten. Aber eine Wahl hatte ich sowieso nicht, denn ich brauchte das Geld.
Mein Blick fiel auf meinen leicht ramponierten Koffer, und ich musste einen Moment schmunzeln. Für einen Milliardärs-Hotspot besaß ich weder das passende Gepäck noch die entsprechende Kleidung, aber ich war ja auch zum Arbeiten da und nicht, um mit den Schönen und Reichen zu konkurrieren.
Endlich kam der Zug. Ich hievte meinen Rollkoffer in den Waggon und stieg ein.
Zu meiner Freude hatte man mir einen Fensterplatz in der ersten Klasse reserviert. Ich verstaute mein Gepäck, hängte meinen Mantel auf und ließ mich in den weichen Ledersitz sinken. Sechs Stunden Fahrt und drei Umstiege lagen vor mir, bis ich den mondänen Schweizer Skiort erreichen würde.
Einen Moment schloss ich die Augen und genoss die wohlige Wärme.
Aus lauter Übermut bestellte ich einen Cappuccino. Später erschrak ich über den hohen Preis, aber der Kaffee war heiß und stark, und ich fühlte mich nach ein paar Schlucken wieder halbwegs menschlich.
Der Sitz gegenüber von mir blieb frei, was ich bedauerte, denn ich unterhalte mich gern mit Fremden. Ich musste daran denken, dass mein Vater immer behauptete, ich hätte bloß Sprachen studiert, weil ich so gerne rede. Ganz unrecht hatte er nicht damit.
Ich blickte aus dem Fenster in die Morgendämmerung und dachte an ihn. Noch immer hatte ich Zweifel, weil ich ihn alleine ließ. Schließlich war es das erste Mal seit dem Unglück vor zwei Jahren, dass er auf sich gestellt war.
»Es ist schlimm genug, dass du so viel für mich aufgegeben hast«, hatte er zu mir gesagt, als ich ihm von dem Angebot erzählt hatte. »Nimm keine Rücksicht auf mich und hör endlich auf, dir Sorgen zu machen, Antonia. Ich bin zwar ein alter Trottel, aber ich komme schon zurecht.«
Er hatte dabei zwar gelächelt, aber immer wenn er meinen Taufnamen benutzte und nicht wie sonst einfach Toni zu mir sagte, wusste ich, dass er kurz davor war, sich aufzuregen.
Mit meinen neunundzwanzig Jahren hatte ich nun wirklich kein Problem damit, meinem Vater zu widersprechen, aber seit dem Unglück tat er mir so leid, dass ich es nicht übers Herz brachte, mit ihm zu streiten.
Trotzdem quälten mich Gewissensbisse. Mein Vater – Bruno – war fast siebzig. Er hatte nur noch mich, und auch wenn er mittlerweile wieder laufen und sich einigermaßen selbst versorgen konnte, war er noch immer gezeichnet von dem Unglück.
Das Feuer hatte nicht nur den Hof zerstört, sondern sein selbstbestimmtes Leben von einem Moment auf den anderen zerrüttet. Und meines auch.
Die Entscheidung, meinen Job aufzugeben, um mich um ihn zu kümmern, hatte ich nie bereut. Aber leicht war es nicht immer gewesen. Obwohl ich ein Mädchen vom Land bin, oder vielleicht gerade deshalb, habe ich immer davon geträumt, die Welt zu sehen, viel zu reisen und Karriere zu machen. Darum war ich ja Dolmetscherin geworden.
Anstatt in glitzernden Metropolen interessanten Menschen zu begegnen, hockte ich nun jeden Tag vor meinem PC und gab Onlinekurse. Manchmal hatte ich das Gefühl, das ganze Leben würde an mir vorbeiziehen. Doch das war nicht meine einzige Sorge.
Ich schloss einen Moment die Augen. Wenn Bruno wüsste, dass ich einen Kredit aufgenommen hatte, um den Hof wiederaufzubauen, wäre er außer sich gewesen. Und ich zweifelte schon selbst an meiner Entscheidung. Allein das Gutachten des Sachverständigen hatte wesentlich mehr gekostet, als ich kalkuliert hatte, und meine Einnahmen als Selbständige hatten in den letzten Monaten nicht mehr ausgereicht, um die Raten zu decken.
Ich blickte auf und atmete tief ein. Nein, es ging gar nicht anders. Dieser Job in St. Moritz war ein Türöffner. Die Dame von der Agentur hatte mir versichert, dass sich weitere lukrative Aufträge anschließen würden. Ich würde regelmäßig viel Geld verdienen, und auch wenn es dauern würde, wäre der Hof in ein paar Jahren wieder bewohnbar, und Bruno könnte wieder zurück in sein altes Leben. Er brauchte die Natur und seine Arbeit. In der Stadt war er immer trübseliger geworden. Er wäre frei – und ich wäre es auch.
Ich sah aus dem Fenster. Langsam dämmerte es. Weiße Felder und graue Baumreihen flogen vorbei. Einzelne Kirchtürme, die wie Stecknadeln aus dem Dunst ragten. Schneeflocken wirbelten gegen die Scheiben des Zuges. Ich streckte die Beine aus und schloss die Augen.
Ich musste tatsächlich eingeschlafen sein. Als ich erwachte, waren wir schon kurz vor Kufstein, und ich beeilte mich, denn hier musste ich umsteigen. Ich hatte Glück, denn es klappte reibungslos, und die anschließende Weiterfahrt durch die verschneiten Tiroler Täler war wunderschön, und ich vertrieb mir die Stunden mit Lesen und damit, einige Ideen für den bevorstehenden Unterricht auszuarbeiten. Immer wieder schweifte ich jedoch ab und starrte aus dem Fenster. Da ich nicht wusste, wen ich eigentlich unterrichten würde, war es gar nicht so leicht zu planen.
Die Rhätische Bahn, mit der ich zuletzt weiterfuhr, war eine Schmalspurbahn – so rot wie ein Feuerwehrauto. Die Gäste erschienen mir, je weiter wir kamen, vornehmer, und das internationale Flair machte sich bemerkbar. Die Unterhaltungen, die sich zumeist um Skipisten und das Wetter drehten, wurden auf Italienisch, Französisch, Schweizerdeutsch und natürlich Englisch geführt. Mein Herz schlug höher, weil ich so viele unterschiedliche Sprachen hörte.
Der Zug schlängelte sich durch die malerische, verschneite Berglandschaft. Wir fuhren über das Landwasserviadukt, das so hoch und kühn in die Schlucht gebaut war, dass mir kurz schwindelig wurde. Danach verschluckte uns der Albulatunnel, es folgten fast sechs Kilometer Dunkelheit.
Ich sah mein eigenes Spiegelbild im Fenster. Rote Locken standen wirr um ein blasses, schmales Gesicht mit großen, nachdenklichen Augen. Wieder überkamen mich Zweifel, aber diesmal meinetwegen. Was würde mich erwarten? Würde ich den Launen einer gelangweilten und tyrannischen Milliardärsgattin ausgeliefert sein?
Nach dem Tunnel erschien es mir jedoch, als wären wir in eine Märchenwelt gefahren. Der Schnee war tiefer, die Wälder dichter, zugefrorene Bäche glitzerten geheimnisvoll im Sonnenschein. Ich konnte mich nicht sattsehen, und meine Stimmung besserte sich mit jeder Minute.
Kurz vor Mittag erreichten wir St. Moritz. Der Bahnhof lag hell in der gleißenden Sonne. Ich stieg aus und auf dem Bahnsteig blieb ich zwischen den vielen Leuten, die geschäftig weiterhasteten, einen Augenblick stehen.
Auf dem Gleis gegenüber bemerkte ich den berühmten Glacier-Express und sah einen Moment staunend zu, wie einige elegant gekleidete Passagiere einstiegen, dann ging ich langsam weiter. Am Ende des Bahnsteigs tauchte ein Fahrer in einem dunklen Anzug auf. Wie im Film hielt er ein Schild in den Händen, auf dem in großen Druckbuchstaben mein Name stand. Mein Herz hüpfte aufgeregt, und ich ging, meinen Rollkoffer hinter mir herziehend, schnell auf ihn zu.
»Frau Lenz«, begrüßte er mich mit höflichem Lächeln und einem Nicken. »Herzlich willkommen in St. Moritz.«
Im eleganten Fond der Limousine, mit der er mich zu meinem Einsatzort brachte, fühlte ich mich wie ein Filmstar. Noch nie hatte ich in einem so luxuriösen Wagen gesessen.
Vergeblich versuchte ich, dem Chauffeur etwas über meinen Auftraggeber zu entlocken, aber über seine Lippen kam kein Wort zu viel. Ich gab auf und blickte aus dem Fenster.
Wir fuhren kurz durch den Ort – vorbei an edlen Boutiquen, einem Juwelier mit vergoldetem Schriftzug, einem Café mit dicken Pelzdecken über den Stühlen draußen. In den Straßen lag heller, festgetretener Schnee. Die Menschen trugen Skianzüge in gedeckten Farben oder helle, kostbar aussehende Mäntel. Ich sah sogar einige Männer, die ganz in Pelz gekleidet waren.
Wir verließen den Ortskern und fuhren nach kurzer Zeit an einem Hotel vorbei, dessen Türme und Zinnen in den Himmel ragten wie bei einem Märchenschloss. Ich hatte einmal eine Reportage darüber im Fernsehen gesehen. Es war sehr berühmt, und ich wusste, dass wir nun in der vornehmsten Gegend von St. Moritz, dem Suvretta-Hügel, waren. Hier lebten nur die Reichsten der Reichen.
Die Straße schlängelte sich in sanften Kurven den sonnigen Hang hinauf, gesäumt von verschneiten Tannen und vereinzelten massiven Steinhäusern. In der Ferne glänzte der zugefrorene See wie poliertes Silber, eingerahmt von Bergen, deren Gipfel im Licht flimmerten.
Dann bogen wir in eine private Einfahrt ab. Der Fahrer meldete sich über die Gegensprechanlage, und das zweiflügelige Tor glitt auf. Wir fuhren hinein, und die Reifen knirschten auf dem Schnee.
Mein Herz klopfte aufgeregt, als ich das Anwesen sah, das auf einer Anhöhe thronte und aus einem mehrstöckigen Haupthaus und zwei niedrigeren Seitenflügeln bestand. Es wirkte kraftvoll und urwüchsig, denn es war aus massivem Naturstein errichtet. Die Glasfronten machten es gleichzeitig elegant und atemberaubend luxuriös, und trotz der stattlichen Größe fügte es sich perfekt in die alpine Landschaft ein. Das Grundstück war weitläufig terrassiert und umgeben von dichtem Bergwald.
Der Fahrer hielt, und ich stieg schnell aus, bevor er mir die Tür öffnen konnte.
Ich atmete tief ein. Die Höhenluft war klar, trocken und fast süß. Ich reckte mich einen Moment. Vom langen Sitzen war ich ganz steif geworden.
Schneebedeckte Tannen ragten in den blauen Himmel, und die glitzernden weißen Hänge über uns sahen so verlockend aus, dass ich nach der endlosen Fahrt am liebsten sofort einen Spaziergang unternommen hätte. Doch mein knurrender Magen erinnerte mich daran, dass ich seit einem Croissant in Chur nichts mehr gegessen hatte.
»Kommen Sie bitte, gnädige Frau«, sagte der Fahrer, nahm meinen Koffer, ging voran zu einem der Seitenflügel und brachte mich durch eine elegante Eingangshalle eine Treppe nach oben zu meinem Apartment.
Der Duft von Zirbenholz war überall. Decken und Wände der Wohnung waren damit getäfelt. Es wirkte wie in einem typischen Schweizer Chalet. Entzückt ging ich durch die Räume und sah mich um. Es gab ein großzügiges Schlafzimmer, einen Salon mit Kamin, ein schönes Badezimmer und eine kleine Terrasse mit bequemen Loungemöbeln. Von einigen Zimmern aus konnte ich die Berge sehen, die wirkten, als wären sie mit Puderzucker bestäubt. Im Schlafzimmer war ich kurz versucht, mich sofort in das weiche Daunenbett zu legen, so müde war ich plötzlich, doch ein energisches Klopfen an der Tür ließ mich zusammenzucken.
Kurz darauf stand ich einer ältere Dame mit herben, aber freundlichen Gesichtszügen und einem sehr jungen, etwas stämmigen Mädchen gegenüber. Beide trugen dunkelblaue Uniformen und hatten das Haar in einem ordentlichen Dutt hochgesteckt.
»Herzlich willkommen in der Suvretta-Lodge, Frau Lenz«, sagte die Ältere der beiden. »Ich bin Frau Zetterli, die Hausdame.« Sie sprach mit leichtem Schweizer Akzent und sah mich aus grauen Augen prüfend an. »Hatten Sie eine angenehme Reise?«
»Ja, vielen Dank.« Ich lächelte sie gespannt an.
»Ich bin als Hausdame auch für Ihr Wohl zuständig«, erklärte sie. »Das ist Lia«, sagte sie mit einem Blick auf das Dienstmädchen. »Sie bringt Ihnen das Essen, wenn Sie es wünschen.«
Lia nuschelte ein »Gruezi«, dann huschte sie an mir vorbei und brachte das Tablett hinein.
»Ihre Arbeit beginnt wahrscheinlich erst am Montag«, klärte die Hausdame mich auf. »Aber Genaueres wird man Ihnen zu gegebener Zeit mitteilen.«
Ich war ein wenig irritiert. »Können Sie mir den Namen meines Auftraggebers verraten?«
Frau Zetterli bedachte mich mit einem nachsichtigen Lächeln. »Erst wenn der Herr es anordnet.«
Ich schwieg, obwohl ich diese Antwort mehr als kurios fand.
Für die Hausdame war das Thema jedoch erledigt. Sie erklärte mir noch, wie ich in den Spa-Bereich kam und wann das Zimmermädchen zum Putzen erscheinen würde, dann verabschiedete sie sich, und auch Lia huschte wieder an mir vorbei, warf mir jedoch im Hinausgehen einen neugierigen Blick und ein kleines Lächeln zu.
Obwohl alles köstlich war, aß ich wenig. Ich fand es albern, dass mir niemand sagte, für wen ich hier überhaupt arbeiten würde, und aus Trotz trank ich zwei Gläser von dem garantiert sehr teuren italienischen Weißwein, der serviert worden war.
Meine Müdigkeit war plötzlich wie weggezaubert. Ich beschloss, mich ein wenig umzusehen. Über eine Treppe gelangte ich ins Hauptgebäude.
Durch meine Arbeit als Dolmetscherin war ich manchmal in vornehmen Hotels gewesen, in denen Konferenzen oder Tagungen stattgefunden hatten, aber das hier übertraf alles, was ich jemals gesehen hatte.
In diesem Anwesen war nichts dem Zufall überlassen worden. Die in hellen Farben gehaltenen Räume waren minimalistisch mit Designermöbeln und erlesenen Kunstgegenständen eingerichtet. Im Hintergrund war stets das Bergpanorama zu sehen. Das Sonnenlicht funkelte in den hohen Kristallvasen, die mit frischen Blumen gefüllt waren.
Ich musste ungläubig den Kopf schütteln, als mir klar wurde, dass dieses Anwesen nur ein Ferienwohnsitz war.
Was für Menschen lebten in solchem Luxus? Die Einrichtung gab kaum einen Hinweis auf Persönliches.
Frau Zetterli hatte von einem Herrn gesprochen. Aber hier konnte ja unmöglich nur eine Person leben. War es vielleicht ein Paar? Waren sie alt oder jung? Und machte ihr Geld sie glücklich?
All diese Fragen beschäftigten mich, während ich staunend weiterging. Ich kam mir vor wie in einem Museum. Und weil es so still war und alles wie ausgestorben schien, stieg ich, von einer seltsamen Neugierde getrieben, die Treppe hinauf und blickte vorsichtig durch die geöffneten Flügeltüren in den dahinterliegenden Raum.
Einen Moment stockte mir der Atem. Zum See hin war die gesamte Front verglast, eine Wendeltreppe führte zu einer Galerie, unten war ein offener Kamin, daneben eine Sitzgruppe aus hellem Leder. Darüber hing eine großformatige, gerahmte Fotografie. Stirnrunzelnd musterte ich das Kunstwerk. Eine Gruppe langbeiniger, nackter Frauen posierte darauf. Ich vermutete, dass es von einem Künstler namens Helmut Newton war, der es im vergangenen Jahrhundert mit Aktfotos zu Weltruhm gebracht hatte. Wenn das ein Original war, musste es ein Vermögen wert sein, aber ich fand es trotzdem ziemlich geschmacklos.
Ein Geräusch hinter mir schreckte mich auf, und ich drehte mich um. Zu meiner Erleichterung war es bloß das Zimmermädchen. Lia trug jetzt weiße Handschuhe, und unter ihrem Arm klemmte ein Staubwedel aus Straußenfedern. Ihre braunen Augen blitzten amüsiert.
»Ich wollte mich nur ein wenig umsehen«, erklärte ich und spürte, dass ich rot wurde.
»Hmm«, machte das Mädchen und hob grinsend eine Braue. »Lassen Sie uns lieber gehen.«
»Macht Ihnen die Arbeit hier Spaß?«, fragte ich so beiläufig wie möglich, als wir den Raum verließen, um davon abzulenken, dass sie mich beim Schnüffeln ertappt hatte.
Die junge Frau zuckte die Schultern und verschloss die gläserne Flügeltür hinter uns.
»Es ist sehr gut bezahlt«, sagte sie. »Aber ich bin hier auch nur zur Aushilfe«, sagte sie ausweichend. »Und ich darf eigentlich nicht darüber sprechen.«
Man brauchte keine besondere Menschenkenntnis, um zu merken, dass sie das sehr bedauerte, denn sie verdrehte dabei die Augen.
»Ein bisschen übertrieben, das Ganze«, sagte ich grinsend. Ich wollte sie nicht in Schwierigkeiten bringen, aber ich war unheimlich neugierig. »Oder ist der geheimnisvolle Herr bei der Mafia?«
»Ich glaube nicht.« Auch Lia lächelte nun. »Aber er ist eben sehr vorsichtig …« Sie fuhr mit dem Staubwedel über das Türglas.
»Ich hoffe, er ist kein Tyrann oder sowas?«, bohrte ich weiter.
Lia sah mich an und grinste. »Das nicht. Aber er liebt Frauen, wenn Sie wissen, was ich meine.«
Ich zog alarmiert die Brauen hoch. »Muss ich mir Sorgen machen?«
»Das kommt auf Sie an.« Lia musterte mich. »Hübsch genug sind Sie auf jeden Fall, aber vielleicht ein wenig zu alt. Seine Letzte war siebzehn«, klärte sie mich auf. »Sie war auch Zimmermädchen wie ich. Danach hat er sie allerdings rausgeworfen.«
Ich starrte sie geschockt an. Im nächsten Moment wurde sie gerufen, und wir verabschiedeten uns.
Ich eilte die Treppen hinunter und verließ eilig, ohne mich noch einmal umzusehen, das Haus.
Ich lief in ein angrenzendes Waldstück, in dem hohe Zirbenbäume eng beieinander standen. Der Schnee glitzerte im Sonnenschein, und bis auf das Knirschen meiner Stiefel war alles still. Ich bohrte die Fäuste tief in die Taschen meiner Jeans und stapfte ohne Plan durch die Baumreihen.
Meine Bedenken hatten sich also bereits bestätigt.
Ich musste plötzlich an meine Mutter denken, die vor einigen Jahren gestorben war, und mein Magen krampfte sich zusammen.
Unser Verhältnis war nicht immer leicht gewesen, aber in den letzten Wochen vor ihrem Tod hatten wir uns sehr nahe gestanden, und ich vermisste sie. Aus der Traurigkeit wurde Wut. Auf den Mann, der ihr das Herz gebrochen hatte. Auch er hatte sehr viel Geld besessen. Und dann hatte er sie ausgetauscht – gegen eine Jüngere.
Ich weiß nicht, wie lange ich ging. Eine halbe Stunde, vielleicht auch viel länger. Ich war ja nur im Pulli und hatte die Kälte zuerst gar nicht bemerkt. Jetzt aber zitterte ich. Das Grundstück der Suvretta-Lodge hatte ich sicher längst verlassen. Ich blieb stehen und sah mich ratlos um. Überall Bäume. Alles sah gleich aus. Ich rieb mir die Arme. Das fehlte noch, dass ich mich gleich am ersten Tag verirre und eine Erkältung hole.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Es klang wie das Schlagen einer Axt und war ganz nah. Vielleicht waren es Waldarbeiter?
Ich stapfte durch den Schnee, der hier ziemlich tief war, sodass ich bis zu den Waden einsank. Die Umschläge meiner Jeans waren schon klatschnass. Leise fluchend kämpfte ich mich weiter und kam schließlich auf eine Lichtung. Zu meinem Erstaunen gab es hier eine urig aussehende Berghütte.
Die hölzernen Fensterläden waren verschlossen. Ich nahm es allerdings nur am Rande wahr, denn meine Aufmerksamkeit richtete sich auf einen Mann, der ein paar Meter von mir entfernt Holz spaltete.
Ich rechnete mit einem schnauzbärtigen Engadiner Urgestein, Mitte fünfzig. Doch als ich näher kam, wandte er sich um, und ich hielt erstaunt den Atem an.
