Lüge, Hass, Krieg - Paul Sailer-Wlasits - E-Book

Lüge, Hass, Krieg E-Book

Paul Sailer-Wlasits

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Beschreibung

In welchem Verhältnis stehen Lüge, Hass und Krieg zueinander? Gibt es Verbindungslinien und Wechselwirkungen innerhalb dieses unheilvollen Paktes oder ist jedes der drei Phänomene eine Einheit für sich? In seinem Traktat zeichnet Paul Sailer-Wlasits die Entwicklung dieses fatalen Bündnisses durch die Jahrtausende bis ins Heute nach. Er verbindet in seiner Diskurs- und Geistesgeschichte früheste Epen, die griechische und römische Antike sowie die Zeiten der Kreuzzüge und des Kolonialismus mit der Neuzeit und Gegenwart. Die Reflexion über Wahrheitsferne und die verbale Herabsetzung von Personen, Gruppen und Ethnien führt zu den Kernfragen gesamtgesellschaftlicher Verwerfungen und Gewalt. Im Laufe des Zivilisationsprozesses schwächt sich die Wirkung der zerstörerischen Achse aus Lüge, Hass und Krieg nämlich nur scheinbar ab. Das zwanzigste Jahrhundert markiert sogar einen sprachlichen, gesellschaftlichen und politischen Rückschritt, als es in den unbarmherzigen Würgegriff von Totalitarismen und Weltkriegen gerät. Das gegenwärtige Kriegsgeschehen und die längst global gewordene Dimension von Täuschungen, Lügen und Hassreden haben unterdessen jene Wege verkürzt, auf denen die Tat das Wort überschreitet.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Paul Sailer-Wlasits

Lüge, Hass, Krieg

Traktat zur Diskursgeschichte eines Paktes

Königshausen & Neumann

Paul Sailer-Wlasits, geboren 1964, ist Sprachphilosoph und Politikwissenschaftler in Wien. Forschungsgebiete: Sprachphilosophie, Hermeneutik, Metaphorologie, Diskursanalyse, Ästhetik, Philosophie der Mythologie und vorsokratische Philosophie.

Monografien:Minimale Moral. Streitschrift zu Politik, Gesellschaft und Sprache (2016). Verbalradikalismus. Kritische Geistesgeschichte eines soziopolitisch-sprachphilosophischen Phänomens (1. Aufl., 2012; 2. Aufl., 2021). Hermeneutik des Mythos. Philosophie der Mythologie zwischen Lógos und Léxis (2007). Die Rückseite der Sprache. Philosophie der Metapher (2003). 1927 – Als die Republik brannte. Von Schattendorf bis Wien (2. Aufl., 2002).

Zuletzt erschienen bei Königshausen & Neumann:Uneigentlichkeit. Philosophische Besichtigungen zwischen Metapher, Zeugenschaft und Wahrsprechen. Ein Essay (2020).

Für David

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg 2022

Umschlag: skh-softics / coverart

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-8260-8080-7

www.koenigshausen-neumann.de

www.ebook.de

www.buchhandel.de

www.buchkatalog.de

INHALT

VORBEMERKUNG

KAPITEL I

DIE WUCHT DES SCHRECKENS:LÜGE, HASS UND KRIEG IN DER ANTIKE

1. Hassreden und Tötungsanordnungen: Sprache und Gewalt im Alten Testament

2. Von Mythen spracharmer Völker und lügendurchsetzten Epen

3. Wahre, tüchtige und wohlgemeinte Lügen

4. Das Imperium Romanum: Proto-Rassismus, Hasssprache und kriegerische Gewalt

5. Von den Lügen Neros zur blutdürstigen Beredsamkeit römischer Rhetoren

KAPITEL II

DISKURSIVE PARALLELEN GERECHTER KRIEGE:ROM, DIE KREUZZÜGE UND DER KOLONIALISMUS

1. Bellum iustum: ein Deckname für Angriffskriege

2. Gerechte und heilige Kriege: zur sprachlichen Konstruktion von Feindbildern

3. Kreuzzugslügen und Hassreden christlicher Sieger

4. La Conquista: Lüge und Hass zwischen Gier und Macht, Gewalt und Tod

5. Die Lüge als Vorbedingung von Herrschaft und Macht

KAPITEL III

ZIVILISATORISCHE RÜCKSCHRITTE: VON 1789 ZUR UNERBITTLICHKEIT GEGENWÄRTIGER TOTALITARISMEN

1. Diskursive Grundlagen der Gesellschaftsverträge

2. Die Französische Revolution und der Terror der Wohlfahrtslüge

3. Surrogate der Kriege und Bellizismus im Echo der Aufklärung

4. Imperialistischer Kolonialismus: von tödlichen sprachlichen Konstrukten

5. Zur Semantik moderner Totalitarismen: Hasssprache zwischen Fanatismus und Demagogie

6. Kriege, Märtyrer und Zeugen: Wissen aus erster und zweiter Hand

7. Lügen und Täuschen: zur Rechtfertigung von Angriffskriegen

8. „Should I kill humans?“ Artificial Intelligence und Ethik

LITERATURVERZEICHNIS

PERSONENINDEX

VORBEMERKUNG

Lügen, Hass und Krieg durchwanderten als Feinde des Humanismus in verschiedensten Gestalten und Maskierungen sämtliche Epochen der Menschheitsgeschichte. Die drei Phänomene traten dabei jedoch nicht als homogene Einheit auf. In kaleidoskopartigen, ungleichen Mischungsverhältnissen begleiteten und prägten deren Entwicklungsstränge sprachlicher und physischer Gewalt den gesamten Zivilisationsprozess. Auf verschlungenen, mäanderförmigen Wegen lagerten sie Jahrtausende hindurch Sedimente unterschiedlicher Dichte in den Diskursen vergangener und gegenwärtiger Gesellschaften ab. Die Welt als Dauerzustand von Instabilität diente als Folie für die wechselseitigen Beziehungen und Folgewirkungen des fatalen Paktes.

Im vorliegenden Traktat werden Aspekte ausgewählter historischer Ereignisse schlaglichtartig erhellt, um an diesen die Gefahren und Auswirkungen der verhängnisvollen Trias zu veranschaulichen. Denn Lügen, Täuschungen und Hassreden standen und stehen nicht nur im Zentrum antiker Imperien und totalitärer Staaten der Gegenwart, sondern bedrohen auch stabile Demokratien mit gesellschaftlich zersetzendem Gift.

Als zu Beginn der menschlichen Kulturgeschichte Individuen und Gruppen begannen, den Umgang miteinander einzuüben und zu pflegen, entstanden durch Abweichungen von der Wahrheit, Betrug und verbalisierten Hass gesamtgesellschaftliche Verwerfungen, die nicht selten in kriegerische Auseinandersetzungen mündeten. Doch lange bevor politische Spannungen umschlugen und sich die bewunderte aber auch gefürchtete rhetorische Sprachgewalt in Gewalt durch Sprache verwandelte, breiteten sich deren Vorbereiterphänomene bereits vielerorts aus. Wenn an den spannungsreichsten Punkten des Diskurses, die oftmals zu den bedeutsamen Wendepunkten der Geschichte zählten, die Tat das Wort überschritt, war es, als ob das Archaische aus der Sprache hervorbräche. Dennoch blieb der Übergang vom Wort zur gewaltsamen Tathandlung stets ein fließender, subkutaner Prozess, der seinen eigenen Gesetzen mit wesenseigener Dynamik folgte.

Hassreden und Lügen waren in der Antike bisweilen direkter, härter und von hoher verbaler Dichte und fanden sich dennoch in das Sozialverhalten hochgradig eingebunden. Der Zivilisationsprozess, gerade erst den Kinderschuhen entwachsen, war von einer ungestümen Wildheit der Adoleszenz geprägt. Im Zuge der Renaissance und des sich langsam aufrichtenden menschlichen Subjekts sowie den sich allmählich herausbildenden Gesellschaftsverträgen schwächte sich die Hassrede scheinbar ab. Der Verbalradikalismus aus den rohen und gehässigen Zeiten der Kreuzzüge und des erbarmungslosen Kolonialismus hatte sich zwar quantitativ reduziert, doch Hass, Lüge und Gewalt blieben in den verschiedensten Schattierungen, Zusammensetzungen und Schweregraden, über die Französische Revolution hinweg, bis zur Gegenwart lebendig.

Das Zwanzigste Jahrhundert, welches eiligen Schrittes die Moderne hinter sich ließ und die technologischen Weichen für immer schneller aufeinanderfolgende industrielle Revolutionen legte, war von einem unerwarteten sprachlichen und in weiterer Folge politisch-kriegerischen Rückschritt gekennzeichnet. Die vormalige Sprache der Aufklärung und des Deutschen Idealismus geriet in den unbarmherzigen Würgegriff des Totalitarismus. Mit den kontaminierten Sprachresten jener Zeit kämpft die Gegenwart des anhebenden dritten Jahrtausends nach wie vor. Diese verbalen Überreste breiten sich sowohl in den analogen als auch in den digitalen Diskursräumen mit atemberaubender Geschwindigkeit aus. Der nur scheinbar harmlose Wortmissbrauch erzeugt dabei wie ein falscher Ton eine Atmosphäre der sprachlichen Übertretung, Zuspitzung und Übersteigerung. Kurz bevor sich die Realität in eine Tragödie verwandelt, schlägt bereits die Sprache um. Diese verbleibt nicht immer in der Dimension des Textes stehen, sondern zieht oftmals Handlungen nach sich. Nicht immer führen Lügen und Hass zu kriegerischer Gewalt, doch an allen Kriegen waren Lügen und Hass als verbale Mittäter beteiligt.

Von Ägypten über Rom, die Kreuzzüge und die Propagandalügen absolutistischer Herrscher blieben die als gerechte Kriege maskierten Angriffskriege, von Vietnam über den Irak bis hin zur Invasion der Ukraine, als Spuren des Paktes aus Lüge, Hass und Krieg sichtbar. Lügen und Täuschungen sind jene informationelle Basis, welche in der Art von Vektoren die Richtung des Denkens im Vorfeld von Gewalt begleiten und beeinflussen. Hass hingegen ist der Treibstoff, der die Grundlage für die zunehmende Beschleunigung, auch jene der tödlichen Kriegsdynamik, bildet.

Lüge, Hass und Krieg sind eine brüllende, todbringende Verbindung eingegangen, sie wecken einander auf, wirken amplifizierend und kumulierend. Das von Ethik getragene Wort hingegen ist leise. Im Zuge der sich gegenwärtig vollziehenden digitalen Revolution verschwimmen auch die diskursiven Konturen von wahr und falsch. Die Gefahr ist längst nicht gebannt, dass Frieden sohin zu einer Frage der Perspektive wird und Gewaltlosigkeit zur sprachlichen Konvention mutiert, während Lügen, Hass und kriegerische Gewalt mit nahezu ikonischer Haltbarkeit weiterhin mühelos die Epochen durchschreiten.

Wien, im Sommer 2022

P. S.-W.

KAPITEL I

DIE WUCHT DES SCHRECKENS: LÜGE, HASS UND KRIEG IN DER ANTIKE

„Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.“

Heraklit1

Die Sprache des ersten vorchristlichen Jahrtausends war von einer völlig anderen, mit heutigen Maßstäben gemessen, unvergleichlich hohen Affektgeladenheit gekennzeichnet. Ebenso war die gesamte Lebenswirklichkeit der Ethnien innerhalb und außerhalb der antiken Großreiche überaus stark sakral gebunden. In zahlreichen der profanen und insbesondere der sakralen Texte des ersten vorchristlichen Jahrtausends findet sich nicht nur die Verschriftlichung von Macht, Hass und Gewalt, sogar Tötungsanordnungen sind in diesen festgehalten. Der Bogen sprachlicher Gewalt reicht von einigen der „blutgetränkten Texte“2 des Alten Testaments über den Proto-Rassismus der griechischen Antike bis zur lügendurchsetzten Hasssprache im Imperium Romanum.

Hassreden und Tötungsanordnungen: Sprache und Gewalt im Alten Testament

Zu den frühesten Texten des Alten Testaments zählt das Deuteronomium. Das fünfte der Fünf Bücher Mose ist Teil des Pentateuch und sprachlich voll von Gewalt und Aufrufen zu dieser. Die historischen Schichten und textlichen Ebenen des Buches führen eine vielfältig abgestufte Metaphorik der Gewalt vor Augen. Das Deuteronomium geht weit über das Performative hinaus, indem darin nicht nur Gesetze und Anordnungen wiederholt werden, sondern ausdrücklich zu Mord, sogar zu systematischem Mord, im weitesten Sinne Völkermord, innerhalb eines frühen, vorstaatlichen Kultverbandes aufgerufen wird. Die zahlreichen narrativen Ebenen enthalten teils strenge Anweisungen, die als direkte Interventionen Gottes formuliert sind. Demgemäß weisen diese den Charakter normativer und konkreter göttlicher Handlungsanweisungen für die biblischen Stämme Israels auf.3 In diesen werden jeweils die großen historischen Machtblöcke des neunten, achten und siebenten vorchristlichen Jahrhunderts reflektiert: jene der Ägypter, Assyrer, Babylonier und Hethiter.

Die Lektüre jener Bücher, die zum Kernbestand des Alten Testaments zählen und Erzählungen von präisraelitischer Völkervernichtung enthalten, kann nicht nur auf metaphorische Weise erfolgen. Eine solche textliche Strategie hätte die Konsequenz, konkrete Handlungsanleitungen zur Auslöschung von sieben vorisraelischen Nationen auf teils spirituellpoetische, teils metaphorische Dimensionen zu reduzieren. Auch gebraucht die gewaltvolle Hasssprache der betreffenden Stellen des Deuteronomiums immer wieder den hebräischen Terminus cheraem. Die Bezeichnung cheraem umfasst den Bedeutungsraum von Vernichtung, Tötung und Auslöschung. Unmissverständlich ist, dass die Anordnungen zu Massentötungen direkt von Gott, Jahwe, kommen. Derartige Tötungsaufforderungen eröffnen sofort den Widerspruch zum göttlichen Plan als Inbegriff des Guten und ethisch Makellosen. Dennoch eskaliert die Landnahme des auserwählten Volkes Gottes, als Folgeleistung des strengen Gelübdes an diesen, zur Massentötung: „In jener Zeit nahmen wir alle seine Städte ein, und wir vollstreckten den Bann an jeder Stadt, an Männern, Frauen und Kindern; wir ließen keinen übrig, der entkam.“ 4

Die alttestamentlichen Übersetzungen von cheraem lauten zumeist Vernichtungsweihe und Bannen. Diese beiden heterogenen, problematischen Begriffe nähern sich der Bedeutung von Vernichtung jedoch nur auf unzulängliche Weise an. Das Kompositum Vernichtungsweihe ist ein unvollständiges Amalgam aus den Wörtern Vernichtung und Weihe, das mehr Fragen aufwirft als löst. Denn zum einen trägt die Vernichtungsweihe die Bedeutung des dem Tode geweiht seins als Schicksal, dem nicht zu entrinnen ist, mit sich. Zum anderen wirft es die Frage auf, weshalb die Vernichtung qua Weihe dem Status eines rituellen Opfers angenähert wird, einem geheiligten Akt, der die Massentötung sowie die Zulässigkeit der Mittel damit einer quasireligiösen Erklärung zuführt. Die antike Hasssprache des Deuteronomiums vermittelt mehr als nur eine Erzählung im Stil der Sprache der Gottesfurcht und des Gotteszorns. Im Erzeugen eines narrativ nicht auflösbaren Spannungsverhältnisses der göttlichen Aufforderung zur Landnahme, unter aktiver Inkaufnahme von Massentötungen präisraelitischer Ethnien, wird das Fünfte Buch Mose als äußerster Rand des Willens Gottes lesbar.5

In zahlreichen der alttestamentlichen Erzählungen handelt Gott anstelle der Menschen seines auserwählten Volkes, er beschützt dieses und beseitigt jene Feinde, die übermächtig scheinen. Die im Deuteronomium geschilderten Menschen waren nicht nur zuversichtlich, sondern sicher, was die jederzeitige göttliche Gegenwart und Hilfestellung betraf.6 Doch diese göttlichen Vorleistungen werden nur unter der Voraussetzung bedingungslosen Gottvertrauens vonseiten des auserwählten Volkes erbracht.7 Bibelwissenschaftliche Erklärungsversuche, die darauf abzielen, historisch zu relativieren oder das Dilemma narrativ-poetisch zu lösen, warum von Gott als Urgrund und Wesenheit alles Guten die Anweisung zur Massentötung ausgegangen sein sollte, stehen demgemäß auf tönernen Beinen.8 Die Sprache des Deuteronomiums erweitert den Bedeutungsraum des Gottgewollten, da es die Massentötungen nicht weiter kontextualisiert, sondern lediglich aufzählt. Weder werden Fragen von Schuld, Unrecht oder Verantwortung gestellt, noch Reue oder gar Bedauern den Opfern gegenüber angedeutet. Diese verbleiben auf dem Schlachtfeld, auf dem die Landnahme stattfand, als anonyme, unkommentierte Getötete, deren Sterben scheinbar im Einklang mit dem göttlichen Welthandeln stand.9

Von Mythen spracharmer Völker und lügendurchsetzten Epen

Das Phänomen der Hassrede und jenes der Lüge haben einen gemeinsamen Anfang: jenen des Beginns der Narration. Als die Kulturgeschichte anbrach und die Menschen begannen, einander Geschichten zu erzählen, gelangte neben dem versprachlichten Hass noch eine weitere Rückseite der Sprache zum Vorschein: jene der Lüge. Menschen berichteten einander fantasievoll von vielerlei Heldentaten und von Göttern, die nicht immer Gutes im Schilde führten, sondern einander im bunten antiken Götterhimmel auch vielfach zu täuschen und zu übervorteilen versuchten. Ferner war die Rede von Überirdischen, die nicht nur Menschen direkt und indirekt unterstützten, sondern selbst in Menschengestalt auftraten, um bestimmte Irdische moralisch auf die Probe zu stellen oder diese fallweise sogar arglistig zu Fehlern zu verleiten.

In seinem Kern hat sich das Phänomen der Lüge seit dem Anheben der Kulturgeschichte und den Erzählungen frühester Mythen nicht geändert: Der- oder diejenige, die in Form von Lügen falsche Aussagen tätigen, wissen, dass diese unwahr sind. Dieses Wissen um die Unwahrheit unterscheidet die Lüge vom Irrtum. Wenn man von den Sonderfällen der Lüge10 absieht, oder von jenen Fällen, in denen nur aus Versehen und trotz der Absicht zu lügen die Wahrheit gesagt wird, besteht das zweite der wichtigen Charakteristika von Lügen in der Absicht zu täuschen. Demgemäß hat die vorsätzliche Lüge bereits den gesamten Zivilisationsprozess begleitet, sei es als Stilmittel in der Literatur oder als Transportmittel der Unwahrheit, etwa im Nahebereich von Macht, Gewalt und Kriegen.11

Bereits in den homerischen Epen der Ilias und Odyssee wimmelte es vor leichteren und schweren Täuschungsmanövern, Listen und Lügen in sämtlichen verbalen Schattierungen. Über Odysseus schrieb Homer: „Vielerlei log er zusammen und manches war ähnlich der Wahrheit.“12 Und nicht nur seine Zeitgenossen und Gefährten, auch viele der antiken Götter sympathisierten mit seinen Listen und lobten Odysseus, wenn eine List oder Täuschung besonders gut gelang. In der homerischen Ilias wird er als „polyméchanos“13, als geschickt, listig-klug und erfindungsreich charakterisiert. Sein Handeln wird zumeist als vorbildlich beschrieben, häufig glorifiziert und im Vorhinein in einen Rechtfertigungskontext permanenter Notwehrsituationen gestellt. Doch nicht nur in akuten Gefahrensituationen, wie etwa bei Skylla und Charybdis oder dem Kyklopen, verwebt Homer in der Gestalt des Odysseus die Tüchtigkeit und die Lüge kontinuierlich miteinander.14 Auch seine politischen Trugreden und Handlungen anlässlich seiner Heimkehr nach Ithaka werden damit gerechtfertigt, dass er stets nur im Interesse der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung agierte.

Derartige literarische Positionierungen treffen nicht nur auf Odysseus und andere Heldenfiguren der griechischen Mythologie zu, sondern auch auf die Göttergeschichte, die Theogonie im Allgemeinen. Auch Herodot erwähnt in diesem Kontext die herausragende Rolle von Homer und Hesiod. Denn, so Herodot in seinen Historien, obwohl die Götter immer schon anwesend gewesen wären, hätten die Griechen der Antike nicht auf unmittelbare Weise von diesen gewusst. Erst Hesiod und Homer hätten den Griechen ihre eigene Göttergeschichte als Erzählung gegeben.15 Sie hätten eine erste Systematisierung der Genese des Götterhimmels vorgenommen, Stammbäume und Verwandtschaftsverhältnisse festgelegt und den idealisierten Gestalten Namen und Beinamen verliehen sowie Ämter und Funktionen zugeordnet.16 Davor hätten die Griechen als „spracharmes Volk“ auf die narrative Gabe der Göttergeschichte, in einem „ratlosen Zustand einer fast stummen Verehrung“17 gewartet. Erst die Versprachlichung einer Göttergeschichte vermochte den vorherrschenden Zustand eines Anbetens und Adressierens amorpher und inkonkreter Naturmächte zu beenden. In den homerischen Epen weist der polytheistische Olymp eine bemerkenswerte Vielzahl und Dichte an Anthropomorphismen auf: Projektionen menschlicher Konflikte, mit Aspekten von Liebe, Hass, Lügen und Rache, Macht und Gewalt stehen bei Homer an der Tagesordnung. Für seine anthropomorphistischen Tendenzen wurde er nicht selten kritisiert, wie etwa von einem Vorsokratiker des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts, Xenophanes von Kolophon: „Alles haben den Göttern Homerund Hesiod angehängt, was nur bei den Menschen Schimpf und Tadel ist: Stehlen und Ehebrechen und einander Betrügen.“18 Von Anthropomorphismen spricht auch Aristoteles, wenn er darauf hinweist, dass Göttern vielfach Menschengestalt zugewiesen werde, da schließlich auch diese kaum anderes täten, „als ewige Menschen“19. Homers dynamisch-bunter Götterhimmel bildet jedoch nicht die gesamte antike Gesellschaft ab. Sein Elysium tritt als Abbild der agierenden, herrschenden Elite zutage, denn seine Theogonie vernachlässigt die Bauern- und Handwerkergötter zugunsten der hegemonialen Spitze einer autoritär und fallweise auch totalitär agierenden Götterwelt.

Dass auch der Trojanische Krieg, ein Feldzug samt zehnjähriger Belagerung, mit einer Lüge in Form eines Betrugs seinen Ausgang nahm, ist bekannt. Paris, der trojanische Königssohn belügt und hintergeht den spartanischen König Menelaos, indem er als Gastfreund des Menelaos dessen Frau Helena – vermutlich nicht gänzlich gegen deren eigenen Willen – nach Troja entführt. Helena ist jedoch keine herkömmliche Gemahlin eines antiken Herrschers. Als Tochter von Zeus und Leda, einer Sterblichen, galt sie, folgt man den homerischen Epen, als anmutigste, hinreißendste Wohlgestalt der Antike, oder, aus anderem Blickwinkel und mit den Worten Friedrich Nietzsches, „als Quelle des Übels“20. Da sämtliche der jungen Fürsten Griechenlands um Helena geworben hatten und ihr irdischer Vater Tyndareos den Ausbruch schwerer Konflikte befürchtete, nachdem er sie einem der Brautwerber zur Frau gegeben haben würde, ließ er alle Fürsten schwören, dass diese denjenigen, der Helena letztlich ehelichte, stets unterstützen und achten würden. Dieser Eid war eine der maßgeblichen Ursachen für die Geschlossenheit und Bündnistreue der langjährigen griechischen Kriegsführung gegen Troja sowie die Legitimation der gewaltvollen Befreiungsaktion. Das konkrete, manifeste Kriegsziel bestand in der Rückholung Helenas, das latente, mitgemeinte bestand in der Wiederherstellung der gesamtgesellschaftlichen Ordnung. Und auch Troja fiel nicht im direkten kriegerischen Kräftemessen, sondern gleichfalls durch eine Lüge: jene der Belagerer in Form eines Täuschungsmanövers. Aus einem hölzernen Pferd entstiegen nächtens griechische Kämpfer, öffneten die Stadttore von innen und setzten die Stadt in Brand. Nur wenige Menschen entgingen der völligen Zerstörung, unter diesen Prinz Aeneas, auch er teils göttlicher Herkunft. An den ikonisch konstanten Mythos vom Untergang Trojas schloss später jener vom Beginn der Gründungslegende Roms an.21

In nicht allzu großer zeitlicher und örtlicher Entfernung von Troja stand im östlichen Mittelmeerraum ebenfalls eine Lüge im Zentrum einer kriegerischen Auseinandersetzung, jener der großen Schlacht von Kadesch. Ein klassischer Grenzkonflikt im Jahre 1274 v.Chr., zwischen den Ägyptern unter Ramses II. und den Hethitern unter Muwatalli II. Die antike Stadt Kadesch – nahe der heutigen Stadt Homs im Westen Syriens gelegen –, war bereits seit der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends ein heftig umkämpfter Grenzbereich der damaligen Großreiche. Der Feldzug von Ramses II., mit dem Ziel der Einnahme von Kadesch, geriet aufgrund einer Lüge von Beduinen, die im Auftrag der Hethiter glaubwürdig von deren angeblich noch weit entfernter Streitmacht berichteten, in große Schwierigkeiten.

Die an Kadesch heranrückenden vier Divisionen von Ramses II., zu je etwa 5000 Soldaten, waren jeweils einige Stunden Fußmarsch voneinander entfernt. Doch die hethitische Streitmacht war nicht, wie die Beduinen lügend beteuert hatten, fern, sondern lauerte in einem nahen Hinterhalt bei Kadesch.22 Nur mit Mühe und mithilfe der im letzten Moment rechtzeitig eintreffenden ägyptischen Elitetruppe, der Ne’arin