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Minimale Moral ist eine Streitschrift über sieben politisch-geistige Todsünden, deren Konsequenzen jeweils realpolitische Missstände sind. In sieben Kapiteln wird der gegenwärtige Zustand unserer ›politischen Kaste‹ beschrieben, deren Defizite und Versäumnisse. Minimale Moral schildert demnach jenen Zustand politischer Entropie, an dem sich gerade noch ein paar Moleküle bewegen, knapp vor dem absoluten Nullpunkt, dem politischen Stillstand. Ein Zustand kleinstmöglichen energetischen Aufwands, nicht um visionär zu gestalten, sondern um die Macht gerade noch zu erhalten. In der zweiten, erweiterten Auflage verdeutlicht Paul Sailer-Wlasits die gravierenden Mängel und Deformationen politischer Planung und Ausführung. Das rigorose Hereinbrechen Künstlicher Intelligenz wirft neue, bis dato ungehörte Fragen zu fatalen Wechselwirkungen und gesellschaftlichen Konfliktlinien auf: I. Über Wahrheit und Lüge in der Politik: Ent-Täuschungen II. Multiple Krisen und Metaphern: Politische Sprache als Rhetorik III. Populismus: Zwischen Sprachmissbrauch, Hybridität und Demagogie IV. Verbalradikalismus und Hasssprache: Eine Abgrenzung in Zeiten digitaler Anpassungsleistung V. Die Welt des Anderen: Philosophie der Anerkennung, Grenzen und Demarkationslinien VI. Die globale Idee auf dem Prüfstand: Ethik und Moral in Zeiten künstlicher Intelligenz VII. Epilog: Gefährliche Spracharmut und beredtes Schweigen in der Gesellschaft
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Seitenzahl: 125
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Minimale Moral ist eine Streitschrift über sieben politisch-geistige „Todsünden“, deren Konsequenzen jeweils realpolitische Missstände sind. Eine hochaktuelle Erkundung der vielschichtigen Beziehungen zwischen Politik, Macht und Sprache. In seinem wegweisenden Buch enthüllt Paul Sailer-Wlasits die gravierenden Mängel und Versäumnisse politischer Planung und Ausführung. Dabei untersucht er nicht nur Defizite und Deformationen, sondern macht auch deutlich, welche Tugenden auszubilden wären, um Schäden künftig abzuwenden. Das rigorose Hereinbrechen Künstlicher Intelligenz wirft neue, bisher ungehörte Fragen zu fatalen Wechselwirkungen und gesellschaftlichen Konfliktlinien auf.
Paul Sailer-Wlasits
Minimale Moral
Streitschrift zu Politik, Gesellschaft und Sprache
Zweite, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage
Königshausen & Neumann
Paul Sailer-Wlasits, geboren 1964, ist Sprachphilosoph und Politikwissenschaftler in Wien. Forschungsgebiete: Sprachphilosophie, Hermeneutik, Metaphorologie, Diskursanalyse, Ästhetik, Philosophie der Mythologie und vorsokratische Philosophie.
Zuletzt erschienen bei Königshausen & Neumann:Uneigentlichkeit. Philosophische Besichtigungen zwischen Metapher, Zeugenschaft und Wahrsprechen. Ein Essay (2020). Verbalradikalismus. Kritische Geistesgeschichte eines soziopolitisch-sprachphilosophischen Phänomens (2021). Lüge, Hass, Krieg. Traktat zur Diskursgeschichte eines Paktes (2022).
Für David
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
1. Auflage, 2016
2. Auflage, 2023
© Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg 2023
Umschlag: skh-softics / coverart
Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
ISBN 978-3-8260-7908-5
eISBN 978-3-8260-7909-2
www.koenigshausen-neumann.de
www.ebook.de
www.buchhandel.de
www.buchkatalog.de
INHALT
Cover
Titel
Impressum
VORREDE
VORREDE ZUR ERSTEN AUFLAGE (2016)
1. Über Wahrheit und Lüge in der Politik: Ent-Täuschungen
2. Multiple Krisen und Metaphern: Politische Sprache als Rhetorik
3. Populismus: Zwischen Sprachmissbrauch, Hybridität und Demagogie
4. Verbalradikalismus und Hasssprache: Eine Abgrenzung in Zeiten digitaler Anpassungsleistung
5. Die Welt der Anderen: Philosophie der Anerkennung, Grenzen und Demarkationslinien
6. Die globale Idee auf dem Prüfstand: Ethik und Moral im Zeitalter Künstlicher Intelligenz
7. Epilog: Gefährliche Spracharmut und beredtes Schweigen in der Gesellschaft
Anmerkungen
Einer Vorrede kommt zu, von jenen Standpunkten zu sprechen, denen sie vorangestellt ist. Aus der wohlwollenden Aufnahme der ersten Auflage von Minimale Moral entstand die Verpflichtung zu einer zweiten, vornehmlich auch deshalb, da in den Jahren 2020 und 2021 eine Pandemie die Welt in Atem hielt, 2022 mit der russischen Invasion der Ukraine der Krieg nach Europa zurückkehrte und 2023 die sogenannte Künstliche Intelligenz mit Rohgewalt in die weltumspannende Gesellschaft einbrach. Diese Geschehnisse haben aufs Neue, wie bereits sooft in der Globalgeschichte, einige der gesamtgesellschaftlichen Parameter nahezu aus den Angeln gehoben.
Einen Terminus der Börsen und Finanzmärkte als Metapher verwendend, befindet sich die Welt zurzeit im Abwärtstrend, in einem massiven Downtrend, dessen Gefälle auf multiplen Krisen gründet. Kurze Korrekturen nach oben inmitten einer massiven Abwärtsbewegung signalisieren zumeist keine beginnende Gegenentwicklung, sondern bestätigen nur die Fortsetzung der Abwärtsspirale. Jene, die angesichts kurzer Ausschläge nach oben sogleich vom Beginn eines Aufwärtstrends sprechen, verwechseln oftmals subjektive Wünsche mit Fakten.
Erschöpfte Gesellschaften, der Perspektivverlust breiter Bevölkerungsteile sowie Tendenzen zu passiver Aggressivität stellen Symptome einer vor dem Zusammenbruch stehenden innergesellschaftlichen Kommunikation dar; eines drohenden diskursiven Stillstands, der durch das Aufflammen Künstlicher Intelligenz konterkariert und kontrastiert wird. Ab dem kolossalen Hereinbrechen digitaler Weltumwälzung durch KI ist eine klare, unmissverständliche und lebenspraktisch verlässliche Unterscheidbarkeit von wahr und falsch nicht mehr gewährleistet. Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz beginnt – trotz erster KI-Gesetze – mit einem eklatanten Mangel: jenem der Abwesenheit eines ethischen Korsetts, das als begleitender Prozess im Sinne der Grundsätze normativer und angewandter Ethik unverzichtbar ist. Ohne auf ethischen Rahmenwerken zu gründen, droht die Gesetzgebung an der mit gewaltigen finanziellen Ressourcen ausgestatteten globalen Entwicklungsdynamik dieses präzedenzlosen Weltakzelerators zu scheitern, da letzterer sich zu einer wirtschaftlich-politischen Realgewalt entwickeln wird, an dem Versuche, Governance-Strukturen im Nachhinein zu etablieren, größtenteils scheitern müssen.
In Zeiten erforderlich werdender digitaler Anpassungsleistungen erhalten Phänomene wie Verbalradikalismus und Hasssprache erneut Aufschwung. Die Grammatik und Syntax der Gewalt befinden sich abermals auf dem Vormarsch. Einem Sprachentgleisungskontinuum gleich werden Ressentiments immer rascher ethnisiert und Unsagbares häufiger sag- und sendbar, bis Feindbildrhetorik endgültig zur Alltagssprache mutiert. Demgemäß können auch Free Speech und die Würde der Anderen sprachlich niemals völlig zur Deckung gebracht, sondern einander nur behutsam angenähert werden. Zwischen unbarmherzigen Algorithmen, hybridem Populismus und steigender Desinformationsdichte oszillierend, könnten hinkünftig auch kritische Bevölkerungsteile tendenziell seltener gegen ihre politischen Fallensteller aufstehen.
Der Perspektivverlust unserer Tage ist wie ein Blick, der niemals ankommt, sondern in der Leere endet. Doch in Gebieten der Leere werden Menschen niemals heimisch. Diskursräume mit Ankunftsplätzen der Anerkennung hingegen üben eine ortlose Anziehungskraft aus, die wie verheißungsvolles Herannahen von Künftigem tröstende Wirkung entfaltet.
Wien, im Sommer 2023
P. S.-W.
Minimale Moral ist keine ethische Haltung, sondern jener Zustand politischer Entropie, bei dem sich in einem gesellschaftlichen System gerade noch ein paar Moleküle bewegen, kurz vor dem absoluten Nullpunkt, dem völligen politischen Stillstand. Dieser Zustand des kleinstmöglichen energetischen Aufwands reicht jedoch nicht mehr aus, um visionär zu gestalten, sondern bloß dazu, gerade noch die Macht zu erhalten. Der Titel Minimale Moral ist eine Anspielung auf Theodor W. Adornos ethische Schrift Minima Moralia, die ihrerseits eine Anspielung auf die Ethik des Aristoteles ist.
Während gesamtgesellschaftlich schwierigen Zeiten beginnen verschiedene Dimensionen, untereinander in Konkurrenz zu treten: die politische und die ethische, die ökonomische und die soziale, jene der Selbsterhaltung und die des Altruismus, um nur einige wenige zu nennen. Mängel oder Überbetonungen in der einen Dimension gehen oftmals zulasten einer oder mehrerer der anderen. Die Konsequenzen dieser Verfehlungen, Nachlässigkeiten und Versäumnisse sind realpolitische Missstände.
In der vorliegenden Streitschrift bilden insgesamt sieben Dimensionen einen äußeren Kreis thematischer Ausgangspunkte. In sieben Kapiteln werden auf diesen basierend zahlreiche Themen entwickelt, deren inhaltlicher Schnittpunkt die titelgebende minimale Moral ist. Eine kurze Kulturgeschichte von Wahrheit und Lüge in der Politik leitet die Streitschrift ein. Das Wechselspiel von Täuschung und Ent-Täuschung begleitet unseren Prozess der Zivilisation bereits seit der Antike und reicht bis zu den politischen Wahlen der Gegenwart. Das wichtigste Transportmittel politischer Inhalte ist dabei die Sprache der Politik und in der Politik, die im zweiten und dritten Kapitel zu Wort kommt. Ihr Funktionieren zwischen Wahrheit und Rhetorik wird kritisch hinterfragt und leitet über zur politischen Praxis und zur Methode des Populismus. Untersucht wird dabei, wodurch dieser in Zeiten der Krise gefährlich wird, welche gesellschaftlichen Konfliktlinien aufbrechen und welche Übergänge zu extremen politischen Positionen mithilfe populistischer Strategien zustande kommen können.
Bereits bevor die politische Sprache umschlägt und die rhetorische Sprachgewalt zur Gewalt durch Sprache wird, können Phänomene wie Verbalradikalismus und Hasssprache beobachtet werden. Diese sind Begleiter des politischen Handelns und stets an jenen Wendepunkten anwesend, an denen Taten die Worte überschreiten und den politischen Diskurs durch physische Gewalt ersetzen. Die Abgrenzung von Verbalradikalismus und Hasssprache zeichnet auch die Sprengkraft des Radikalisierungsprozesses von Worten zu Taten nach.
Die scheinbar kurze, lapidare Frage nach dem Anderen ist eine umfassende Fragestellung, welche die Position des menschlichen Gegenübers in seiner politischen, sozialen und individuellen Gesamtheit in den Blick nimmt. Das Thema der gegenseitigen politischen, kulturellen und menschlichen Anerkennung steht als übergeordnete Fragestellung im Zentrum gegenwärtiger Migrationsbewegungen. Wird Anerkennung verweigert, sei es auf menschlich-individueller, politisch-sozialer oder auf nationalstaatlicher Ebene, entstehen erhebliche Spannungen entlang der bereits bestehenden gesellschaftlichen Bruchlinien.
Solidarität als einer der Kernbestände von Gemeinschaften steht im gegenwärtigen Europa der Wirtschafts- und der Flüchtlingskrise doppelt auf dem Prüfstand. Die Solidarität ist in das Zentrum der politischen Aufmerksamkeit gerückt und befindet sich an den Schnittstellen zwischen Bedrohungen und Katastrophen, zwischen ethischen Fragen und moralischem Handeln, zwischen Selbstbefragung und Selbstverpflichtung.
Die Abnahme des gesellschaftlichen Dialogs, die immer öfter ausbleibenden Stellungnahmen, das seltener werdende sprachliche Feedback sind von einer gesellschaftlichen Tendenz zu einem massiven Trend mutiert. Das zunehmende Schweigen in der Gesellschaft bleibt nicht folgenlos, weder auf der individuellen noch auf der soziopolitischen Ebene. Es wird im Vorliegenden jedoch der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass aus einer rückläufigen Gesprächskultur kein Verstummen in der Gesellschaft resultiere.
Diese Streitschrift hat die Form eines Essays und ist kein Pasquill (Schmähschrift) im Sinne Johann Christoph Gottscheds: „Man muß aber Streitschriften nicht mit Pasquillen verwechseln. In den ersten streitet man um Wahrheiten, Geschichte, gelehrte Meynungen, oder Lehrpuncte: in den andern aber geht es über die Personen her. … Nur ungezogene grobe Leute greifen die Personen ihrer Gegner an.“1
Dass Betrug und Täuschung konstitutive Elemente der antiken Imperien und Diktaturen waren, dass die Lüge über Jahrhunderte hinweg im Kern der absoluten Monarchien Europas angesiedelt war, ist historischer Konsens. Aus welchem Grund aber hält sich die Lüge nach wie vor hartnäckig im Zentrum gegenwärtiger Demokratien? Im Kern von Staatsgebilden, welche die demokratischen Grundtugenden an ihre Fahnen geheftet haben und als zivilisatorischen Fortschritt loben? Sollte das Fortbestehen der Lüge in der Politik nicht eher als kulturelles Abweichen vom Zivilisationsprozess klassifiziert werden?
Historisch betrachtet war der Begriff der Enttäuschung zunächst positiv konnotiert. Die Geschichte der Aufklärung war ein geistiger Prozess der Ent-Täuschung im positiven Sinn, ein aus der Täuschung Herausgelangen des Menschen. Ein Heraustreten aus dem Zustand seiner verstandesmäßigen „Unmündigkeit“2, ein sich Herausziehen aus einem entstandenen, historisch bestehenden oder herbeigeführten Irrtum. Damit sich der Prozess der Ent-Täuschung überhaupt vollziehen konnte, waren davor sowohl ein Zustand der Täuschung als auch ein getäuschtes Subjekt vonnöten. Im Prozess des ex errore rapere, dem Herausziehen aus einem Irrtum, traten erhellende und erschreckende Momente des Erkennens zutage, wie etwa das metaphorische Begreifen und Durchschauen eines Gesamtzusammenhanges. Erst im Laufe der vergangenen beiden Jahrhunderte gelangte allmählich auch der Aspekt des Hoffnung-Verlierens in den Begriff der Ent-Täuschung. Enttäuschung wurde verbal allmählich zum Hoffnungsverlust umgewertet, zum Gegenteil dessen, was seine hoffnungsgebende Herkunft mit der Perspektive des Aus-der-Täuschung-Herausgelangens einst verhieß.
Die Täuschung oder das Verbringen des Lebens im Zustand der Täuschung setzt ein Herbeiführen oder Zulassen von Bedingungen voraus, die diesen Zustand überhaupt erst ermöglichen. Zu den maßgeblichen Ursachen der Täuschung zählt die Lüge, welche die menschliche Gesellschaft scheinbar in ihrem Innersten und auf negative Weise zusammenhält. Politik und Lüge sind eine bereits seit Jahrtausenden währende Mesalliance eingegangen, ihre innere Verbundenheit ist gleichsam organisch geworden, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Die betagte politisch-historische Problemgemeinschaft oszilliert beständig zwischen dem unwahrhaftigen Sprecher und der Unwahrheit der Aussage, welcher entgegengetreten werden sollte, um diese zu decouvrieren und zu falsifizieren.
Die Kulturgeschichte und das Phänomen der Lüge verfügen über einen gemeinsamen Anfang, jenen des Beginns der Narration. Das zentrale Charakteristikum der Lüge war und ist, dass derjenige, der eine Aussage tätigt, weiß, dass sie falsch ist; das unterscheidet die Lüge vom Irrtum. Von zahlreichen Sonderfällen abgesehen, in denen etwa trotz der Absicht zu lügen versehentlich die Wahrheit gesagt wird, existiert noch ein weiteres Merkmal der Lüge, nämlich die Absicht zu täuschen. Das Wissen um die Lüge und die Intention zu lügen entfernt diese tendenziell aus der langue, der Sprache als System, und macht sie immer mehr zu einem Teil der parole, der Sprache im Sinne einer individuellen Äußerung.
Ob als inhaltliches Transportmittel der Unwahrheit oder als sprachliches Stilmittel, die Lüge hat bereits den gesamten Zivilisationsprozess begleitet. Die homerischen Epen wimmeln vor Lügen, Trugreden und Täuschungsmanövern in sämtlichen Schattierungen und Schweregraden. Der listige Odysseus wird aufgrund seiner lügen- und täuschungsdurchsetzten Aktivitäten von vielen der antiken Götter gelobt und von Menschen bewundert. Sein Repertoire reicht vom Verschweigen der Wahrheit bis zum offenen Lügen und bewussten Betrug, dennoch wird er als „polyméchanos“3, als listig-klug, geschickt und erfindungsreich bezeichnet und als positives, nachahmenswertes Vorbild charakterisiert. Denn zum einen stehen die meisten seiner teils politischen Handlungen im moralisch-ethischen Rechtfertigungskontext einer permanenten Notwehrsituation. Zum anderen ist während der griechischen Antike das Phänomen der Lüge stärker mit dem Können und der Geschicklichkeit, im Sinne einer Fertigkeit verknüpft. Ähnlich wie ein Könner im Diskuswurf den Diskus weit, jedoch auch willentlich wenig weit zu schleudern vermag, hat der Wissende sowohl die Wahrheit als auch die Lüge zu seiner ständigen Verfügung. Demgemäß gilt Odysseus keineswegs als notorischer Lügner oder Betrüger, sondern wird, etwa im Vergleich zu Achilleus, als der „Bessere“ bezeichnet, als fähigerer, fintenreicherer und überlegenerer Held.
Indem der Wissende, wie im platonischen Dialog Hippias ausgeführt, sowohl die Lüge als auch die Wahrheit zu seiner Verfügung hat, kann er, als in einer Sache Bescheid Wissender, auch nicht irrtümlich die Unwahrheit sagen. Dadurch entsteht ein befremdliches Paradoxon, da der Wissende darüber entscheiden kann, die Wahrheit oder die Unwahrheit zu sagen, der Unwissende hingegen stets im Umfeld des Irrtums verharrt. Die Bezeichnung pseudos besitzt in der griechischen Antike demgemäß auch den weiten Bedeutungsumfang der Unrichtigkeit, in den sowohl Lüge als auch Irrtum integriert sind.
Ähnlich komplex gestaltet sich auch die mythische Narration des farbenreichen antiken Götterhimmels mit seiner urtümlichen Phantastik. Auch die antiken Götter ihrerseits stellen nicht nur ein elysisches Abbild verschiedenartiger Anthropomorphismen dar, indem sie einander belügen und übervorteilen, sie greifen auch durch Täuschung und Betrug massiv in das Leben der Irdischen ein. Manche der göttlichen Täuschungsmanöver verfolgen den Zweck des moralischen Auf-die-Probe-Stellens von Menschen, um deren innere Wandlung zu bewirken. Vielfach, wie im Falle des Odysseus, durchkreuzen die Götter auch Absichten und Listen, da sie sich im Besitz oder zumindest nahe der Wahrheit befinden und jene daher mühelos durchschauen. Doch Götter brauchen nicht zu lügen, da es ihnen keinen Nutzen bringe, meint Platon und fügt hinzu, dass die Lüge ausschließlich den Menschen nützlich sei. Wenn der Mensch Lügen als Abwehrmittel für und im Sinne des Staates einsetze, sei die sogenannte „edle Täuschung“4 sogar zulässig; ein Ansatz, der u.a. von Karl Popper als autoritärer und tendenziell totalitärer Zug Platons interpretiert und kritisiert wird.5
In seiner Nikomachischen Ethik positioniert Aristoteles die Tugend der Wahrhaftigkeit als Zielsetzung durchgängig entlang einer wahrheitsgemäßen Aussage, die nicht nur in bedeutsamen Anlassfällen wegweisend sein sollte, sondern vor allem auch in jenen Fällen, „wo es nicht darauf ankommt“6. Gleichermaßen bleibt auch in der aristotelischen Metaphysik die urteilende Aussage hinsichtlich der Wahrheit an den Verstand gekoppelt.7 Mit dem Selbstbewusstsein und der Arroganz einer antiken Weltmacht stellt erst das Imperium Romanum den Zweck der Rhetorik über den Wahrheitsgehalt von Aussagen. Von Cicero bis Quintilian dominiert die rhetorische Überhöhung als Praktik und einer der Effekte gewünschter politischer Wirksamkeit; diese wird daher auch von der Lüge als Stilmittel des Theaters und der Literatur unterschieden. Die Gefährlichkeit der politischen Rhetorik und jener der Gerichtsreden könne auch daran ermessen werden, so Tacitus, dass sich in Rom, von Caesar über Augustus bis Nero, nur noch Restbestände an redlicher Staatsgesinnung gehalten hätten.8
Die genuin moralische Komponente der Verwerflichkeit einer Täuschungsabsicht gelangt erst wesentlich später, durch Augustinus in den Diskurs. Nicht der Irrtum liege einer Lüge hauptsächlich zugrunde, sondern das „cor duplex“9, das doppelte Herz: Mit dieser Metapher vollzieht Augustinus nicht nur eine gedankliche Abkehr von Platon, sondern insistiert auch auf der geistigen Integrität und Unversehrtheit des Menschen durch dessen Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Augustinus schreibt gegen die Unwahrheit an, um zu verhindern, dass ein lügender Mund die Seele töte
