LYING GAME - Und raus bist du - Sara Shepard - E-Book

LYING GAME - Und raus bist du E-Book

Sara Shepard

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Beschreibung

Ein Zwilling verschwindet – ein tödliches Spiel beginnt ...

Kurz vor ihrem 18. Geburtstag macht Emma via Facebook eine überraschende Entdeckung: Sie hat eine eineiige Zwillingsschwester! Doch noch bevor sie Sutton treffen kann, erhält sie die mysteriöse Nachricht, dass ihre Schwester tot ist – und sie ihre Rolle übernehmen soll. Der Beginn eines gefährlichen Lügen-Spiels: Aus Emma wird Sutton, um herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Dabei übernimmt sie nicht nur Suttons Leben als makelloses Upperclass- Girl, die teuflischen Glamour-Freundinnen und Boyfriend Garret – sondern gerät auch in tödliche Gefahr. Denn nur der Mörder weiß, dass Emma nicht Sutton ist ...

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Seitenzahl: 320

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Sara Shepard • Lying Game

Die Autorin

Sara Shepard hat an der New York University studiert und am Brooklyn College ihren Magisterabschluss im Fach Kreatives Schreiben gemacht. Sie wuchs in einem Vorort von Philadelphia auf, wo sie auch heute lebt. Ihre Zeit dort hat die »Pretty Little Liars«-Serie inspiriert, die in 22 Länder verkauft wurde und die, ebenso wie ihre neue Reihe »Lying Game«, zum New York Times Bestseller wurde. Inzwischen werden »Pretty Little Liars« und »Lying Game« mit großem Erfolg als TV-Serien bei ABC ausgestrahlt.

Von der Autorin sind außerdem bei cbt erschienen:

Pretty Little Liars – Unschuldig

(30652, Band 1)

Pretty Little Liars – Makellos

(30563, Band 2)

Pretty Little Liars – Vollkommen

(30654, Band 3)

Pretty Little Liars – Unvergleichlich

(30656, Band 4)

Pretty Little Liars – Teuflisch

(30774, Band 5)

Pretty Litte Liars – Mörderisch

(30775, Band 6)

Pretty Little Liars – Herzlos

(30776, Band 7)

Pretty Little Liars – Vogelfrei

(30777, Band 8)

Sara Shepard

Und raus bist du

Aus dem Amerikanischen

von Violeta Topalova

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in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch April 2012

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

©2010 by Alloy Entertainment and Sara Shepard

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Lying Game« bei Harper Teen, an imprint of Harper Collins Publishers, New York.

Published by arrangement with Rights People, London

©2012 für die deutschsprachige Ausgabe

cbt Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Violeta Topalova

Lektorat: Ulrike Hauswaldt

Umschlaggestaltung: *zeichenpool, München

©Gustavo Marx

he · Herstellung: ChB

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN: 978-3-641-07382-4V002

www.cbt-jugendbuch.de

Wir sind die Menschen,

die wir zu sein vorgeben,

also müssen wir damit sehr vorsichtig sein.

– Kurt Vonnegut –

Prolog

Ich wachte in einer schmutzigen Badewanne mit Löwenfüßen auf, die in einem mir unbekannten Badezimmer stand. Neben der Toilette lag ein Stapel Maxim-Hefte, grüne Zahnpastareste trockneten im Waschbecken, und der Spiegel war mit weißen Tropfen bekleckert. Durch das Fenster sah ich den Vollmond an einem dunklen Himmel. Welcher Wochentag war heute? Wo war ich? In einem Verbindungshaus der University of Arizona? In irgendeiner Wohnung? Mühevoll rief ich mir in Erinnerung, dass ich Sutton Mercer hieß und in den Hügeln von Tucson/Arizona wohnte. Ich hatte keine Ahnung, wo meine Handtasche war und wo ich mein Auto geparkt hatte. Moment mal, was für ein Auto fuhr ich eigentlich? Hatte mir jemand was in den Drink gekippt?

»Emma?«, rief eine männliche Stimme aus einem anderen Zimmer. »Bist du zu Hause?«

»Bin beschäftigt!«, rief eine viel nähere Stimme.

Ein großes, schlankes Mädchen mit dunklen Haaren, die ihr wirr ins Gesicht hingen, öffnete die Badezimmertür. »Hey!« Ich sprang auf. »Hier ist besetzt!« Mein ganzer Körper kribbelte, als sei er eingeschlafen. Als ich an mir heruntersah, kam ich mir vor, als stünde ich unter einem Stroboskoplicht, das schnell an- und ausgeschaltet wurde. Schräg. Mir hat auf jeden Fall jemand was in den Drink gekippt.

Das Mädchen schien mich nicht zu hören. Sie taumelte ins Bad, das Gesicht im Schatten.

»Hallo?«, rief ich und kletterte aus der Wanne. Sie schaute nicht in meine Richtung. »Bist du taub?« Nichts. Sie pumpte nach Lavendel riechende Bodylotion aus einem Spender und rieb sich damit die Arme ein. Die Tür ging erneut auf und ein unrasierter Teenager mit Stupsnase stürmte herein. »Oh.« Sein Blick wanderte zu dem engen T-Shirt des Mädchens, auf dem die Aufschrift New York New York Rollercoaster prangte. »Ich wusste nicht, dass du hier drin bist, Emma.«

»Kleiner Hinweis: Die Tür war zu.« Emma schob den Typen aus dem Bad und knallte die Türe zu. Dann drehte sie sich wieder zum Spiegel um. Ich stand direkt hinter ihr. »Hey!«, rief ich wieder.

Endlich sah sie auf. Ich schaute in den Spiegel, um ihren Blick einzufangen. Aber als ich das Spiegelbild erblickte, schrie ich auf.

Emma sah genau so aus wie ich. Und ich war nicht zu sehen.

Emma drehte sich um und verließ das Badezimmer. Ich folgte ihr, als zöge sie mich an einem Strick hinter sich her. Wer war dieses Mädchen? Warum sah sie so aus wie ich? Warum war ich unsichtbar? Und warum konnte ich mich an nichts erinnern? In diesem Augenblick kehrten die Erinnerungen scharf und schmerzhaft zurück – aber es waren die falschen. Die glitzernd hinter den Catalina Mountains untergehende Sonne, der morgendliche Duft der Zitronenbäume in meinem Hintergarten, das Gefühl von Kaschmir-Hausschuhen an meinen Zehen. Aber andere Dinge, die wichtigsten Dinge, waren unscharf und trüb geworden, als hätte ich mein bisheriges Leben unter Wasser verbracht. Ich sah undeutliche Umrisse, konnte sie aber nicht erkennen. Ich wusste nicht mehr, was ich in meinen Sommerferien gemacht hatte, wer mir meinen ersten Kuss gegeben hatte oder wie es sich anfühlte, die Sonne auf meinem Gesicht zu spüren und zu meinem Lieblingslied zu tanzen. Was war überhaupt mein Lieblingslied? Und am schlimmsten war, dass alles von Sekunde zu Sekunde nur noch unschärfer und trüber wurde. Als würde mein Gedächtnis sich auflösen.

Als würde ich mich in Luft auflösen.

Aber dann schloss ich die Augen und konzentrierte mich mit aller Kraft. Ich hörte einen erstickten Schrei, und plötzlich war es, als wäre ich woanders. Schmerz durchfuhr meinen Körper, bis meine Muskeln den Widerstand aufgaben und beinahe schläfrig erschlafften. Als sich meine Augen langsam schlossen, sah ich als Letztes eine undeutliche, schattenhafte Gestalt, die sich über mich beugte.

»Oh Gott«, flüsterte ich.

Es war kein Wunder, dass Emma mich nicht sehen konnte. Es war kein Wunder, dass ich nicht im Spiegel erschienen war. Ich war nicht wirklich hier.

Ich war tot.

1 – Wie aus dem Gesicht geschnitten

Emma Paxton trug ihre Leinentasche und ein Glas Eistee aus der Hintertür des Hauses ihrer neuen Pflegefamilie, das in einem Vorort von Las Vegas lag. Auf der nahen Autobahn rauschten Autos vorbei, und es roch stark nach Abgasen und der örtlichen Kläranlage. Die einzige Dekoration des Hintergartens bestand aus ein paar staubigen Hanteln, einem rostigen Insektenfänger und kitschigen Terrakottastatuen.

Nicht zu vergleichen mit meinem Hintergarten in Tucson, einer gepflegten Wüstenlandschaft mit einer Holzschaukel, auf der ich früher Burgfräulein gespielt hatte. Wie gesagt erinnerte ich mich an die merkwürdigsten und unwichtigsten Details, alles Wichtige war aus meinem Gedächtnis verschwunden. Ich folgte Emma seit einer Stunde und versuchte, mir ein Bild von ihrem Leben zu machen und mich gleichzeitig an meines zu erinnern. Nicht, dass ich eine Alternative gehabt hätte. Wo sie hinging, ging auch ich hin. Mir war auch nicht klar, warum ich so viel über Emma wusste – während ich sie beobachtete, landeten die Fakten in meinem Kopf wie SMS in einem Posteingang. Ich kannte die Einzelheiten ihres Lebens besser als die meines eigenen.

Emma ließ die Tasche auf den pseudo-schmiedeeisernen Gartentisch fallen, setzte sich in einen Plastik-Gartenstuhl und reckte das Gesicht zum Himmel. Das einzig Schöne an diesem Hintergarten war, dass er von den Casinos abgewandt lag und den Blick auf ein klares, unverbautes Stück Himmel freigab. Der Mond hing über dem Horizont wie eine aufgequollene blasse Waffel. Emmas Blick wanderte zu zwei hellen, ihr vertrauten Sternen im Osten. Mit neun Jahren hatte Emma den rechten Stern sehnsüchtig den Mom-Stern und den linken den Dad-Stern getauft. Den kleineren, hell strahlenden Punkt direkt unter ihnen hatte sie Emma-Stern genannt. Sie hatte sich viele Märchen zu diesen Sternen ausgedacht und so getan, als seien sie ihre wirkliche Familie, mit der sie eines Tages auch auf der Erde wieder vereint sein würde.

Emma hatte den größten Teil ihres Lebens bei Pflegefamilien verbracht. Ihren Dad hatte sie noch nie gesehen, aber sie erinnerte sich an ihre Mutter, bei der sie bis zu ihrem fünften Lebensjahr gelebt hatte.

Ihre Mom hieß Becky. Sie war eine grazile Frau, die gerne Glücksrad geschaut und dabei die Antworten gerufen hatte. Sie hatte im Wohnzimmer zu Michael-Jackson-Songs getanzt und Klatschblätter mit Storys wie »Kürbis gebiert Baby!« und »Fledermaus-Mensch lebt!« gelesen. Becky hatte für Emma in der Wohnanlage, in der sie lebten, Schnitzeljagden veranstaltet und ihr als Preis entweder einen gebrauchten Lippenstift oder ein Mini-Snickers gegeben. Sie hatte Emma im Secondhand-Shop Tutus und Spitzenkleider zum Verkleiden gekauft. Sie hatte Emma vor dem Schlafengehen aus Harry Potter vorgelesen und sich für jede Figur eine andere Stimme ausgedacht.

Aber Becky war wie ein Rubbellos gewesen: Emma hatte nie gewusst, was sie von ihr zu erwarten hatte. Manchmal lag Becky den ganzen Tag mit verzerrtem und tränenüberströmtem Gesicht weinend auf der Couch. Manchmal zerrte sie Emma zum nächsten Kaufhaus und kaufte ihr alles doppelt. »Warum brauche ich zwei Paar gleiche Schuhe?«, fragte Emma dann. Und Becky antwortete mit abwesendem Gesichtsausdruck: »Falls das erste Paar schmutzig wird, Emmy.«

Becky konnte auch sehr vergesslich sein – einmal ließ sie Emma versehentlich im Supermarkt zurück. Nach Luft ringend hatte Emma das Auto ihrer Mutter auf dem flirrend heißen Highway davonfahren sehen. Der Verkäufer an der Kasse hatte ihr ein Orangen-Wassereis gegeben, sie auf die Kühltruhe vor dem Laden gesetzt und dann ein paar Anrufe getätigt. Als Becky endlich zurückkam, hob sie Emma hoch und drückte sie fest an sich. Ausnahmsweise beschwerte sie sich auch nicht, als Emma ihr Kleid mit orangefarbenem Eismatsch bekleckerte.

In einer Sommernacht nicht lange danach übernachtete Emma bei Sasha Morgan, ihrer Kindergartenfreundin. Als sie am Morgen erwachte, stand Mrs Morgan mit elendem Gesichtsausdruck an ihrer Tür. Offenbar hatte Becky einen Zettel unter der Haustür der Morgans durchgeschoben, auf dem stand, sie mache »einen kleinen Ausflug«. Ein ziemlich großer Ausflug, wie sich herausgestellt hatte – er dauerte nun schon dreizehn Jahre.

Als niemand Becky finden konnte, übergaben Sashas Eltern Emma an ein Waisenhaus in Reno. Aber adoptionswillige Paare hatten kein Interesse an Fünfjährigen – sie wollten Babys, die sie in Miniaturversionen ihrer selbst verwandeln konnten –, also lebte Emma in Heimen und dann in Pflegefamilien. Obwohl sie ihre Mutter immer lieben würde, vermisste sie sie eigentlich nicht – zumindest nicht die depressive, manische oder verrückte Becky, die sie im Supermarkt vergessen hatte. Sie vermisste aber das Konzept einer Mutter: einer stabilen und verlässlichen Person, die ihre Vergangenheit kannte, sich auf ihre Zukunft freute und sie bedingungslos liebte. Emma hatte die Sternfamilie am Himmel nicht auf ihre Erinnerungen gegründet, sondern auf eine tiefe Sehnsucht.

Die Glasschiebetür öffnete sich und Emma wandte den Kopf. Travis, der achtzehnjährige Sohn ihrer neuen Pflegemutter, stolzierte auf die Veranda und ließ sich auf dem Gartentisch nieder.

»Sorry, dass ich vorher so ins Bad geplatzt bin«, sagte er.

»Schon okay«, murmelte Emma düster und rutschte langsam von Travis’ ausgestreckten Beinen weg. Sie war ziemlich sicher, dass es Travis nicht leidtat. Er versuchte schon seit einiger Zeit mit beinahe sportlichem Eifer, sie nackt zu erwischen. Heute trug Travis eine blaue, tief ins Gesicht gezogene Baseballkappe, ein übergroßes Karohemd und weite Jeans-Shorts, deren Schritt ihm beinahe in den Kniekehlen hing. Lückenhafte Bartstoppeln bedeckten das Kinn seines spitznasigen, schmallippigen Gesichts mit den erbsengroßen Augen. Er war nicht männlich genug für richtigen Bartwuchs. Seine blutunterlaufenen braunen Augen waren lüstern zusammengekniffen.

Emma spürte seinen Blick auf ihrem engen T-Shirt, ihren nackten, gebräunten Armen und ihren langen Beinen.

Mit einem Grunzen griff Travis in seine Brusttasche, zog einen Joint heraus und zündete ihn an. Als er eine dicke Rauchwolke in ihre Richtung blies, erwachte der Insektenfänger zum Leben und vernichtete mit einem blauen Lichtblitz zischend einen weiteren Moskito. Wenn sich doch nur Travis auch so leicht loswerden ließe. Verpiss dich, du stinkst übelst, hätte Emma gerne gesagt. Kein Wunder, dass dich kein Mädchen zweimal anschaut. Aber sie biss sich auf die Zunge. Die Retourkutsche würde in ihren Ungesagte-Retourkutschen-Ordner wandern, eine Liste, die sie in einem schwarz gebundenen Notizbuch führte. Die Retourkutschen-Liste, kurz UR, bestand aus schlagfertigen, gehässigen Bemerkungen, die Emma gerne zu Pflegemüttern, gruseligen Nachbarn, gemeinen Klassenkameradinnen und einer Menge anderer Kandidaten gesagt hätte. Meist hielt Emma aber ihre Zunge im Zaum – es war einfacher, zu schweigen, keinen Ärger zu machen und sich in die jeweilige Art von Mädchen zu verwandeln, die eine Situation erforderte. Im Laufe der Jahre hatte Emma so ein paar beeindruckende Überlebensstrategien entwickelt: Als Zehnjährige hatte sie ihre Reflexe trainiert, um den Gegenständen auszuweichen, die ihr temperamentvoller Pflegevater Mr Smythe bei Wutanfällen um sich warf. Als Emma in Henderson bei Ursula und Steve gelebt hatte, zwei Hippies, die ihr eigenes Gemüse anbauten, aber keine Ahnung hatten, wie man es zubereitete, hatte Emma widerwillig den Küchendienst übernommen und gelernt, wie man Zucchinibrot, Gemüsegratin und leckere Pfannengerichte kochte.

Emma war erst vor zwei Monaten bei Clarice eingezogen, einer alleinerziehenden Mutter, die als Barkeeperin in der VIP-Abteilung des M-Resort-Casinos arbeitete. Seitdem hatte Emma den Sommer damit verbracht, zu fotografieren und stundenlang Minesweeper auf dem alten BlackBerry zu spielen, den ihr ihre Freundin Alex noch in Henderson geschenkt hatte. Außerdem hatte sie einen Teilzeitjob. Sie bediente die Achterbahn im New-York-New-York-Casino. Und ansonsten versuchte sie, Travis so gut als möglich aus dem Weg zu gehen.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Zuerst hatte Emma versucht, sich mit ihrem neuen Pflegebruder anzufreunden. Nicht alle Pflegefamilien waren mies, und sie hatte schon mehrmals mit den anderen Kids Freundschaften geknüpft. Es hatte sie allerdings immer eine Menge Kraft gekostet. Sie hatte Interesse an all den YouTube-Videos geheuchelt, die Travis sich anschaute, meistens Anleitungen für Kleinkriminelle: Wie schließt man ein Auto mithilfe eines Handys kurz? Wie knackt man einen Getränkeautomaten? Wie öffnet man ein Vorhängeschloss mit einer Bierdose? Emma hatte sich schweren Herzens mit Travis ein paar Ultimate-Fighting-Showkämpfe im Fernsehen angeschaut und sogar versucht, sich das Wrestling-Vokabular anzueignen. Ihre Versuche, nett zu sein, endeten allerdings eine Woche später, als Travis versuchte, sie zu befummeln, während sie vor dem offenen Kühlschrank stand. »Du warst so nett zu mir«, hatte er ihr ins Ohr gemurmelt, bevor Emma ihm »versehentlich« in die Eier trat.

Sie wollte hier nur ihr letztes Schuljahr überstehen. Heute war Labor Day, und die Schule fing am Mittwoch wieder an. Sie hatte die Option, nach ihrem achtzehnten Geburtstag in zwei Wochen bei Clarice auszuziehen, aber das würde bedeuten, die Schule aufzugeben, sich eine Wohnung zu suchen und einen Vollzeitjob anzunehmen, um die Miete zu bezahlen. Clarice hatte Emmas Sozialarbeiterin gesagt, sie könne bis zu ihrem Schulabschluss bei ihr wohnen. Nur noch neun Monate, sagte sich Emma immer wieder. Das würde sie durchhalten, oder?

Travis nahm einen tiefen Zug von seinem Joint. »Willst du mal?«, fragte er mit erstickter Stimme, während er den Rauch in seinen Lungen behielt.

»Nein, danke«, sagte Emma steif.

Endlich atmete Travis aus. »Die liebe kleine Emma«, sagte er mit zuckersüßer Stimme. »Aber so brav bist du nicht immer, stimmt’s?«

Emma reckte das Gesicht zum Himmel und betrachtete wieder ihre Sternfamilie. Weiter rechts am Horizont gab es einen Stern, den sie vor Kurzem den »Freund-Stern« getauft hatte. Er schien heute näher als sonst beim Emma-Stern zu stehen – vielleicht war das ein Zeichen. Vielleicht würde sie dieses Jahr den Richtigen finden, den perfekten Freund, der für sie bestimmt war.

»Scheiße«, flüsterte Travis plötzlich. Er hatte im Haus jemanden gesehen. Schnell machte er den Joint aus und warf ihn unter Emmas Stuhl. In diesem Augenblick erschien Clarice auf der Veranda. Emma schaute voller Verachtung auf die glühende Spitze des Joints – wie nett, dass Travis versuchte, ihr das anzuhängen – und stellte ihren Fuß darauf.

Clarice trug immer noch ihre Arbeitsuniform: Smokingjacke, weißen Seidenrock und schwarze Fliege. Ihr blond gefärbtes Haar war zu einem straffen französischen Knoten zusammengefasst, und sie trug fuchsienfarbenen Lippenstift, der keinem Hautton schmeichelte. In der Hand hielt sie einen weißen Briefumschlag.

»Mir fehlen zweihundertfünfzig Dollar«, verkündete Clarice ohne Umschweife. Der leere Umschlag knisterte. »Das war mein persönliches Trinkgeld von Bruce Willis. Er hat einen Schein signiert, den wollte ich in mein Album kleben.«

Emma seufzte mitfühlend. Das Einzige, was sie inzwischen von Clarice wusste, war, dass sie von Promis absolut besessen war. Sie hatte ein Album, in dem sie alle Begegnungen mit Promis detailgenau aufschrieb, und glänzende Autogrammfotos bedeckten die Wände beim Frühstückstisch. Gelegentlich begegneten sich Emma und Clarice mittags in der Küche. Für Clarice war das früh am Morgen, denn ihre Schichten endeten sehr spät nachts. Clarice wollte dann nur darüber reden, dass sie am Vorabend lange mit dem letzten Gewinner von American Idol gesprochen hatte oder dass die Brüste eines bestimmten Actionfilm-Starlets auf jeden Fall künstlich waren und die Moderatorin einer Reality-Dating-Show sich wie ein echtes Miststück benahm.

Emma hörte immer interessiert zu. Promiklatsch war ihr ziemlich egal, aber sie träumte davon, eines Tages als Journalistin zu arbeiten. Natürlich erzählte sie das Clarice nicht. Clarice hatte ihr noch nie eine persönliche Frage gestellt.

»Das Geld lag in diesem Briefumschlag in meinem Schlafzimmer, als ich heute Nachmittag zur Arbeit gegangen bin.« Clarice starrte Emma mit zusammengekniffenen Augen an. »Jetzt ist es weg. Hast du mir etwas zu sagen?«

Emma linste verstohlen zu Travis, aber der fummelte an seinem BlackBerry herum und scrollte durch seine Fotos. Emma bemerkte eine unscharfe Aufnahme, die sie vor dem Badezimmerspiegel zeigte. Ihr Haar war nass, und sie hatte sich ein Handtuch um den Körper gewickelt.

Mit brennenden Wangen drehte sie sich zu Clarice um. »Davon weiß ich nichts«, sagte sie mit ihrem diplomatischsten Tonfall. »Aber frag doch mal Travis. Vielleicht kann er dir weiterhelfen.«

»Wie bitte?«, krächzte Travis. »Ich habe kein Geld geklaut.«

Emma gab ein ungläubiges Räuspern von sich.

»Du weißt, dass ich das niemals tun würde, Mom«, fuhr Travis fort. Er stand auf und zog seine Shorts hoch. »Ich weiß doch, wie schwer du arbeitest. Aber ich hab Emma heute in dein Zimmer gehen sehen.«

»Was?« Emma wirbelte herum und sah ihn an. »Das stimmt nicht!«

»Stimmt wohl!«, schoss Travis zurück. Sobald er seiner Mom den Rücken zudrehte, wurde sein falsches Lächeln von einer höhnischen Grimasse mit hochgezogener Nase und zusammengekniffenen Augen abgelöst.

Emma starrte ihn mit offenem Mund an. Es war erstaunlich, wie kaltschnäuzig er lügen konnte. »Ich habe gesehen, wie du in der Handtasche deiner Mom gewühlt hast«, verkündete sie.

Clarice lehnte sich gegen den Tisch und verzog den Mund. »Das hat Travis getan?«

»Nein, das habe ich nicht!« Travis deutete anklagend auf Emma. »Warum solltest du ihr glauben? Du kennst dieses Mädchen doch gar nicht.«

»Ich brauche kein Geld!« Emma drückte sich die Hände an die Brust. »Ich habe einen Job! Ich verdiene genug!« Sie arbeitete schon seit Jahren. Vor der Achterbahn hatte sie in einem Streichelzoo die Ziegen gepflegt, für ein Kreditinstitut als Freiheitsstatue verkleidet auf der Straße Werbematerial verteilt und sogar als Vertreterin für Messer gearbeitet. Sie hatte sich mehr als zweitausend Dollar zusammengespart, die sie in einer halb leeren Tamponschachtel in ihrem Schlafzimmer aufbewahrte. Travis hatte das Geld noch nicht gefunden, wahrscheinlich weil Tampons auf gruselige Typen abschreckender wirkten als ein Rudel tollwütiger Rottweiler.

Clarice betrachtete Travis, der ihr ein ekelerregend süßliches Lächeln zuwarf. Sie zerknitterte den leeren Briefumschlag und schaute ihn misstrauisch an, als durchschaue sie ihn zum ersten Mal.

»Hör mal.« Travis ging zu seiner Mutter und legte ihr den Arm um die Schulter. »Ich finde, du solltest erfahren, was mit Emma los ist.« Er zog seinen BlackBerry wieder aus der Tasche und bediente das Steuerfeld.

»Was meinst du damit?« Emma ging zu den beiden. Travis warf ihr einen scheinheiligen Blick zu und verbarg das Display des BlackBerry vor ihren Augen. »Ich wollte eigentlich unter vier Augen mit dir darüber reden. Aber dafür ist es jetzt zu spät.«

»Wovon sprichst du?« Emma machte einen Satz nach vorne und brachte beinahe die Zitronellakerze in Tischmitte zu Fall.

»Das weißt du sehr gut.« Travis tippte eifrig mit den Daumen. Ein Moskito schwirrte um seinen Kopf herum, aber er beachtete ihn gar nicht. »Du bist eine kranke Irre.«

»Was soll das heißen, Travis?« Clarice schürzte besorgt die fuchsienfarbigen Lippen.

Endlich senkte Travis den BlackBerry und gab die Sicht aufs Display frei. »Seht selbst«, verkündete er.

Ein heißer Windstoß wehte Emma ins Gesicht, die staubige Luft reizte ihre Augen. Der blauschwarze Nachthimmel schien sich noch mehr zu verdunkeln. Travis stand schwer atmend und nach Hasch stinkend neben ihr und rief eine Video-Seite auf. Mit Verve tippte er das Kennwort SuttoninAZ ein und drückte Play.

Langsam lud ein Video. Eine Handkamera schwenkte über eine Lichtung. Kein Geräusch war zu hören, die Kamera musste auf stumm geschaltet sein. Jetzt zeigte sie eine auf einem Stuhl sitzende Gestalt, deren Gesicht von einer breiten, schwarzen Augenbinde halb verdeckt war. Ein rundes, silbernes Medaillon an einer dicken Kette lag auf knochigen, weiblichen Schlüsselbeinen.

Das Mädchen warf panisch den Kopf hin und her, das Medaillon hüpfte wild auf und ab. Das Bild verdunkelte sich einen Augenblick, dann stand plötzlich jemand hinter dem Mädchen und zog die Halskette so nach hinten, dass sie sich in ihre Kehle bohrte. Das Mädchen riss den Kopf nach hinten. Sie fuchtelte mit den Armen und trat wild um sich.

»Oh mein Gott.« Clarice legte sich die Hand auf den Mund.

»Was ist das?«, flüsterte Emma.

Der Würger zog immer heftiger an der Kette. Er oder sie trug eine Maske, die das Gesicht verbarg. Nach ungefähr dreißig Sekunden hörte das Mädchen in dem Video auf, sich zu wehren. Ihr Körper wurde schlaff.

Emma wich von dem Display zurück. Hatten sie gerade jemanden sterben sehen? Was zum Teufel war hier los? Und was hatte das Ganze mit ihr zu tun?

Die Kamera blieb auf das Mädchen mit der Augenbinde gerichtet. Sie bewegte sich nicht. Dann wurde das Bild wieder dunkel. Bei der nächsten Szene war die Kamera auf den Boden gefallen und zeigte das Bild um neunzig Grad gedreht. Emma sah immer noch die Gestalt auf dem Stuhl. Jemand ging zu dem Mädchen und zog ihr die Augenbinde vom Gesicht. Nach einer langen Pause hustete das Mädchen. Tränen liefen ihr aus den Augen. Ihre Mundwinkel senkten sich, und sie blinzelte langsam. In der Sekunde, bevor der Bildschirm dunkel wurde, schaute sie mitgenommen in die Kamera.

Emma rutschte das Herz in die Kniekehlen. Clarice keuchte laut auf.

»Ha«, triumphierte Travis. »Sag ich’s doch.«

Emma starrte auf die großen, blauen Augen des Mädchens, auf ihre Stupsnase und das runde Gesicht. Das Mädchen sah genauso aus wie sie.

Und das lag daran, dass auf diesem Video ich zu sehen war.

2 –Wie üblich ist das Pflegekind schuld

Emma riss Travis das Handy aus der Hand und spielte den Clip erneut ab, die Augen starr auf das Video gerichtet. Als die Person nach vorne griff und begann, das verhüllte Mädchen zu würgen, schoss Angst durch Emmas Bauch. Als die anonyme Hand die Augenklappe abriss, erschien ihr eigenes Gesicht auf dem Display. Emma hatte dieselben dichten kastanienbraunen Locken wie das Mädchen im Film. Dasselbe runde Kinn. Dieselben rosaroten Lippen, wegen der sie in der Schule gehänselt worden war, weil ihre Mitschüler fanden, sie sähen so geschwollen aus, als habe sie eine allergische Reaktion gehabt. Sie schauderte.

Auch ich schaute mir das Video noch einmal entsetzt an. Das im Licht schimmernde Medaillon brachte einen winzigen Erinnerungsfetzen an die Oberfläche meines Geistes: Ich erinnerte mich, wie ich den Deckel meiner Baby-Schatulle geöffnet und das Medaillon unter einer halb zerkauten Zahnungs-Giraffe, einer flauschigen Babydecke und einem Paar gestrickter Schühchen herausgezogen und mir um den Hals gelegt hatte. Das Video selbst rief allerdings nichts in mir wach. Ich wusste nicht, ob es in meinem Garten gedreht worden war … oder drei Staaten weiter. Ich wünschte, ich könnte meinem Nachtod-Gedächtnis eine kräftige Ohrfeige verpassen.

Aber das Video zeigte doch sicher, wie ich gestorben war, richtig? Das dachte ich vor allem wegen des kleinen Flashbacks, den ich beim Erwachen in Emmas Badezimmer gehabt hatte: Dieses Gesicht dicht vor meinem, mein heftig klopfendes Herz, mein Mörder, der vor mir aufragte. Aber ich hatte keine Ahnung, wie das Ganze funktionieren sollte: War ich in dem Augenblick nach meinem letzten Atemzug in Emmas Welt gelandet, oder war mein Tod schon Tage – oder Monate – her? Und wie war das Video ins Internet gelangt? Hatte meine Familie es gesehen? Meine Freunde? War es eine Art kranke Lösegeldforderung?

Endlich schaute Emma vom Bildschirm auf. »Wo hast du das gefunden?«, fragte sie Travis.

»Da hatte wohl jemand keine Ahnung, dass sie ein Internet-Star ist, was?« Travis nahm sein Telefon wieder an sich. Clarice fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Sie schaute immer wieder vom Display zu Emmas Gesicht. »So etwas machst du in deiner Freizeit?«, fragte sie heiser.

»Wahrscheinlich wird sie davon high.« Travis schritt über die Veranda wie ein Löwe auf der Pirsch. »Letztes Jahr gab es in meiner Schule ein paar Mädchen, die total davon besessen waren. Eine ist beinahe daran gestorben.«

Emma blickte von Travis zu Clarice. »Moment mal, nein. Das bin nicht ich. Das Mädchen in dem Video ist jemand anderes.«

Travis verdrehte die Augen. »Jemand, der genauso aussieht wie du?«, konterte er. »Lass mich raten: deine lang vermisste Schwester? Dein böser Zwilling?«

Aus der Ferne hörte man leises Donnergrollen. Die Abendbrise roch nach nassem Asphalt, ein sicheres Zeichen dafür, dass bald ein Sturm aufkommen würde. Eine lang vermisste Schwester. Der Gedanke entzündete in Emmas Kopf ein Brillantfeuerwerk. Es war möglich. Sie hatte die Leute vom Jugendamt einmal gefragt, ob Becky außer ihr noch andere Kinder ausgesetzt hatte, aber sie hatten ihr keine Antwort geben können.

Auch in meinem Kopf brannte ein Gedanke: Ich war adoptiert. Daran erinnerte ich mich noch. In meiner Familie wurde offen darüber gesprochen, meine Eltern hatten nie versucht, meine Herkunft vor mir geheim zu halten. Sie hatten mir gesagt, die Adoption habe sich sehr spontan ergeben und sie hätten meine leibliche Mutter nie kennengelernt. War das wirklich möglich? Es würde erklären, warum ich buchstäblich an dieses Mädchen gekettet war, das aussah wie ich, und warum ich ihr folgen musste, als seien unsere Seelen miteinander verschmolzen.

Clarice klopfte mit ihren langen Fingernägeln auf den Tisch. »Ich dulde in meinem Haus keine Lügen und keinen Diebstahl, Emma.«

Emma kam es vor, als habe man ihr einen Tritt in den Bauch versetzt.

»Das bin nicht ich in dem Video«, protestierte sie. »Und ich habe dich auch nicht bestohlen, das schwöre ich.«

Emma griff nach ihrer Leinentasche auf dem Gartentisch. Sie musste nur Eddie, den Geschäftsführer der Achterbahn, anrufen. Er würde bestätigen, dass sie heute den ganzen Tag bei der Arbeit gewesen war. Aber Travis war zuerst bei ihrer Tasche und warf sie um. Der Inhalt verteilte sich auf dem Boden.

»Ups«, rief er schadenfroh.

Emma beobachtete hilflos, wie ihre zerlesene Ausgabe von Hemingways »Fiesta« auf einem staubigen Ameisenhügel landete. Ein zerknitterter Gutschein für ein All-You-Can-Eat-Grillbuffet im MGM Grand wurde von einem Windstoß erfasst und wehte zu Travis’ Hanteln. Ihr BlackBerry und ein Lippenpflegestift mit Kirschgeschmack schlidderten bis zu einer Terrakotta-Schildkröte.

Und schlussendlich landete ein verdächtig wirkendes Bündel Geldscheine auf dem Boden, das von einem dicken violetten Gummiband zusammengehalten wurde. Das Bündel prallte direkt neben Clarice’ klobigen Absätzen auf die Veranda.

Emma war zu geschockt, um zu sprechen. Clarice schnappte sich das Geld, leckte sich den Zeigefinger und begann, es zu zählen. »Zweihundert«, sagte sie, als sie fertig war. Sie hielt einen Zwanziger hoch, der in der oberen linken Ecke mit einem geschwungenen B verziert war, das wahrscheinlich für Bruce Willis stand. »Was hast du mit den anderen fünfzig gemacht?«

Das Windspiel eines Nachbarn klimperte in der Ferne. Emmas Eingeweide waren zu Eis erstarrt. »Ich … ich habe keine Ahnung, wie das in meiner Tasche gelandet ist.«

Hinter ihr kicherte Travis hämisch. »Erwischt.« Er lehnte lässig neben dem großen, runden Thermometer an der verputzten Mauer. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Oberlippe zu einem höhnischen Grinsen verzogen.

Die Haare in Emmas Nacken stellten sich auf. Auf einmal wurde ihr glasklar, was hier gerade ablief. Ihre Lippen begannen zu zucken, wie immer, wenn sie kurz davor stand, die Beherrschung zu verlieren. »Du warst das!« Sie deutete auf Travis. »Du hast mich reingelegt!«

Travis grinste weiter. In Emmas Inneren legte sich ein Schalter um. Scheiß auf den Hausfrieden. Scheiß auf die Anpassung an die Pflegefamilie. Sie stürzte zu Travis, packte seinen fleischigen Hals und drückte zu.

»Emma!«, kreischte Clarice und zog sie von ihrem Sohn weg.

Emma taumelte zurück und knallte gegen einen Gartenstuhl.

Clarice ließ sie nicht aus ihrem Griff, wirbelte sie herum und starrte sie an. »Was ist denn in dich gefahren?«

Emma antwortete nicht, sondern starrte nur Travis weiter wütend an. Er hatte sich an die Wand gedrückt und die Arme schützend vor der Brust verschränkt, aber seine Augen glitzerten vor Erregung.

Clarice ließ von Emma ab, sank auf einen Stuhl und rieb sich die Augen. Wimperntusche verteilte sich auf ihren Fingerspitzen. »Es funktioniert nicht«, sagte sie einen Augenblick später leise. Sie hob den Kopf und blickte Emma starr und ernst an. »Ich dachte, du seist ein nettes, liebes Mädchen, das keinen Ärger machen würde, Emma. Aber das hier ist zu viel für uns.«

»Ich habe nichts verbrochen«, flüsterte Emma. »Das schwöre ich.«

Clarice zog eine Nagelfeile aus der Tasche und begann nervös, den Nagel ihres kleinen Fingers zu feilen. »Du kannst bis zu deinem Geburtstag bleiben, aber danach bist du auf dich allein gestellt.«

Emma blinzelte. »Du wirfst mich raus?«

Clarice hörte auf zu feilen. Ihr Gesicht wurde weich. »Es tut mir leid«, sagte sie sanft. »Aber das ist das Beste für uns alle.«

Emma wendete sich ab und starrte auf die hässliche Betonziegelmauer am hinteren Grundstücksrand.

»Ich wünschte, die Sache hätte sich anders entwickelt.« Clarice stand auf, schob die Glastüre auf und stapfte zurück ins Haus. Sobald sie außer Sichtweite war, löste sich Travis von der Wand und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

Er schlenderte lässig um Emma herum, hob den winzigen Jointrest auf, der immer noch unter ihrem Stuhl lag, und blies die dürren Grashalme weg, die an der Spitze hängen geblieben waren. Dann schob er das Ding in seine riesige Hosentasche. »Du hast Glück, dass sie dich nicht anzeigt«, sagte er mit schleimiger Stimme.

Emma beobachtete schweigend, wie er ins Haus zurückstolzierte. Sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte ihm die Augen ausgekratzt, aber ihre Beine waren so schwer, als wären sie mit nassem Lehm gefüllt. Ihre Augen schwammen in Tränen. Schon wieder. Jedes Mal, wenn eine Pflegefamilie Emma mitteilte, dass sie nicht mehr bei ihnen leben durfte, wurde sie unweigerlich zu dem kalten, einsamen Moment zurückversetzt, in dem ihr klar geworden war, dass Becky sie endgültig verlassen hatte. Emma hatte eine Woche lang bei Sasha Morgans Eltern gewohnt, während die Polizei versuchte, Becky ausfindig zu machen. Sie hatte gute Miene zum bösen Spiel gemacht, Candyland gespielt, Dora geschaut und für Sasha Schnitzeljagden organisiert, wie Becky es für sie getan hatte. Aber jeden Abend kämpfte sie sich im Schein von Sashas Cinderella-Nachtlicht durch die Teile von Harry Potter, die sie lesen konnte – und das waren nicht viele. Sie hatte es nur mit Müh und Not durch Katze mit Hut geschafft. Sie brauchte ihre Mom für die komplizierten Wörter. Sie brauchte ihre Mom für die unterschiedlichen Stimmen. Es tat noch heute entsetzlich weh.

Die Veranda war still. Der Wind brachte die Blumenampeln mit den Hängepflanzen und die Palmen in Schräglage. Emma starrte mit leerem Blick auf die Terrakottaskulptur der nackten Frau, mit der Travis und seine Freunde gerne Geschlechtsverkehr simulierten. Das war es also. Sie durfte nicht bis zu ihrem Highschool-Abschluss hier bleiben. Sie konnte sich nicht für ein Fotojournalismus-Studium an der USC bewerben … oder wenigstens am Community College. Sie konnte nirgendwo hin. Sie hatte keinen Menschen auf der Welt. Außer …

Plötzlich stieg vor ihrem inneren Auge wieder das Bild aus dem Video auf. Eine lang vermisste Schwester. Ihr wurde leichter ums Herz. Sie musste sie finden.

Und ich konnte ihr leider nicht sagen, dass es zu spät war.

3 – Wenn du es auf Facebook liest,muss es die Wahrheit sein

Eine Stunde später stand Emma in ihrem kleinen Schlafzimmer, in dem ihre Armee-Reisetaschen offen auf dem Boden lagen. Warum mit dem Packen warten? Außerdem hielt sie ihr Handy ans Ohr und sprach mit Alexandra Stokes, ihrer besten Freundin in Henderson.

»Du könntest doch bei mir einziehen«, bot Alex ihr an, nachdem Emma ihr erzählt hatte, dass Clarice sie nicht mehr bei sich wohnen lassen wollte. »Ich kann mit meiner Mom reden. Vielleicht ist es ja okay für sie.«

Emma schloss die Augen. Sie war mit Alex letztes Jahr in der Querfeldeinlauf-Mannschaft gewesen. Sie waren beide am ersten Trainingstag auf einem steilen Abhang gestürzt und hatten sich angefreundet, während die Schulkrankenschwester ihre Wunden mit stark brennendem Wasserstoffperoxid desinfizierte. Alex und Emma hatten ihr gesamtes elftes Schuljahr damit verbracht, sich in Casinos zu schleichen und die Stars und ihre Doppelgänger mit Alex’ Canon-Spiegelreflexkamera zu fotografieren, durch Pfandleihhäuser zu schlendern, ohne etwas zu kaufen, und sich am Wochenende am Lake Mead zu sonnen.

»Das wäre ein bisschen viel verlangt.« Emma nahm einen Stapel Vintage-T-Shirts aus ihrer obersten Kommodenschublade und warf sie in die Reisetasche. Sie hatte ein paar Wochen bei der Familie Stokes gelebt, nachdem Ursula und Steve abrupt nach Florida ausgewandert waren. Emma hatte es dort sehr gut gefallen, aber Ms Stokes war alleinerziehend und hatte auch ohne sie schon alle Hände voll zu tun.

»Es ist total gemein von Clarice, dich einfach so rauszuwerfen«, sagte Alex. Leises Schmatzen ertönte durch den Hörer; wahrscheinlich mampfte sie gerade ein Stück Karamellschokolade, ihre Lieblingssüßigkeit. »Sie kann doch nicht ernsthaft glauben, dass du ihr Geld geklaut hast.«

»Na ja, es ging nicht nur darum.« Emma nahm einen Stapel Jeans und warf ihn ebenfalls in die Tasche.

»Was war denn noch?«, fragte Alex.

Emma zupfte an einem losen Armee-Aufnäher auf der alten Tasche. »Das kann ich dir jetzt nicht erklären.« Sie wollte Alex nicht von dem Video erzählen, das sie gesehen hatte, sondern es für sich behalten, bis sie herausgefunden hatte, ob es echt war. »Aber ich sage es dir bald, okay?«

Nachdem Emma aufgelegt hatte, setzte sie sich auf den Teppich und schaute sich um. Sie hatte ihre Drucke von Margaret-Bourke-White- und Annie-Leibowitz-Fotografien von den Wänden genommen und ihre Sammlung klassischer Literatur und Science-Fiction-Thriller aus den Regalen geräumt. Das Zimmer sah jetzt aus wie ein Raum in einem Stundenhotel. Sie starrte in die offene Kommodenschublade, die ihre Lieblingsgegenstände enthielt. Die Sachen, die sie zu jeder neuen Pflegefamilie mitnahm. Da lag die handgestrickte Monsterpuppe, die ihre Klavierlehrerin Mrs Hewes ihr geschenkt hatte, als sie »Für Elise« fehlerfrei spielte, obwohl sie zu Hause kein Klavier zum Üben gehabt hatte. Sie hatte auch ein paar alte Schnitzeljagd-Hinweise von Becky aufgehoben, das Papier war abgegriffen und zerfiel beinahe. Außerdem gab es noch Socktopus, den abgewetzten Stoff-Oktopus, den Becky Emma auf einem Ausflug nach Four Corners gekauft hatte. Ganz unten in der Schublade lagen ihre fünf in Leinen gebundenen Tagebücher. Sie waren mit Gedichten, den Ungesagten Retourkutschen, Listen über die besten Flirtstrategien und Dinge, die sie liebte oder hasste, gefüllt. Außerdem noch mit detaillierten Bewertungen aller Secondhand-Shops der Gegend. Emma war eine meisterhafte Gebrauchtwaren-Shopperin. Sie wusste genau, an welchen Tagen neue Lieferungen eintrafen, wie man Preise herunterhandelte und wo man in den Schuhkisten die besten Stücke fand – ganz am Boden. Einmal hatte sie so ein Paar fast neue Kate-Spade-Ballerinas ergattert.

Als Letztes nahm Emma die alte Polaroidkamera und einen dicken Stapel Polaroidbilder aus der Ecke der Schublade. Die Kamera hatte Becky gehört, aber Emma hatte sie an dem Abend, an dem ihre Mom abgehauen war, zu ihrer Freundin Sasha mitgenommen. Kurz danach hatte Emma begonnen, die Fotos von ihrem Leben und ihren Erlebnissen bei den Pflegefamilien mit Nachrichten-Schlagzeilen zu unterlegen: »Pflegemom hat Nase voll von Kids, schließt sich im Schlafzimmer ein und schaut Erwachsen müsste man sein.« »Hippies wandern spontan und unangekündigt nach Florida aus.« »Halbwegs anständige Pflegemutter bekommt Job in Hongkong, Pflegekind wird nicht eingeladen.« Sie war die einzige Journalistin, die von der Emma-Front berichtete. Wenn sie heute in besserer Verfassung gewesen wäre, hätte sie eine neue Titelstory verfasst: »Gemeiner Pflegebruder ruiniert Leben eines Mädchens.« Oder vielleicht: »Mädchen entdeckt Doppelgängerin im Netz. Eine lang vermisste Schwester?«

Emma verweilte bei diesem Gedanken. Sie schaute auf den alten Dell-Laptop auf dem Boden, den sie in einem Pfandleihhaus erstanden hatte. Mit einem tiefen Atemzug stellte sie ihn aufs Bett und klappte ihn auf. Der Bildschirm erwachte zum Leben und Emma rief schnell die Videoseite auf, auf der Travis den gestellten Erwürgungsfilm gefunden hatte. Das inzwischen wohlvertraute Video war der erste Treffer. Es war heute am frühen Abend gepostet worden. Emma drückte auf Play und das körnige Bild erschien. Das verhüllte Mädchen bäumte sich auf und fuchtelte mit den Händen. Die dunkle Gestalt zog die Kette um ihren Hals enger. Dann fiel die Kamera um, und jemand trat vor die Linse und riss die Augenbinde ab. Das Gesicht des Mädchens war aschfahl, sie wirkte benommen. Panisch schaute sie sich um, ihre Augen bewegten sich wie Murmeln in ihren Höhlen. Dann schaute sie in die Kamera. Ihre blaugrünen Augen waren glasig, die Lippen leuchtend rosa. Ihr Gesicht glich Emmas aufs Haar. Jedes Detail stimmte.

»Wer bist du?«, flüsterte Emma. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

Ich wünschte, ich hätte ihr eine Antwort geben können. Ich wünschte mir, ich könnte irgendetwas Sinnvolles tun, anstatt wie ein gruseliger Stalker-Geist stumm über ihr zu schweben. Es war, als würde ich einen Film anschauen, aber ohne die Möglichkeit, dazwischenzurufen oder Popcorn auf die Leinwand zu werfen.

Der Clip endete, und die Site fragte Emma, ob sie ihn noch einmal ansehen wollte. Die Bettfedern knarrten, als sie ihr Gewicht verlagerte. Sie dachte nach. Einen Augenblick später tippte sie »SuttonInAz« in die Google-Suchleiste. Es gab ein paar Treffer, darunter auch eine Facebook-Seite gleichen Namens. »Sutton Mercer«, stand dort. »Tucson, Arizona.«