Magie der Nacht - Madeleine Puljic - E-Book

Magie der Nacht E-Book

Madeleine Puljic

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Beschreibung

Als der Krieg ihm seine Familie raubt, nimmt der Magier Bredanekh In'Jaat bittere Rache an dem Land, für das er einst gekämpft hat. Auf der Suche nach neuen Wegen, seinen Schmerz zu betäuben, wendet er sich schließlich an die verbotene Gilde der Nekromanten. Doch die Schwarzmagier haben ihre eigenen Pläne, was Bredanekh angeht … Die Novelle "Magie der Nacht" erzählt die düstere Vorgeschichte von "Herz des Winters". "Eine epische High-Fantasy-Reihe – hier wird nicht mit Spannung gegeizt, und eine ordentliche Prise Humor verleiht der Geschichte das besondere Etwas! Wer Sapkowski schätzt, sollte sich das nicht entgehen lassen!" –Katharina V. Haderer

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Madeleine Puljic

Magie der Nacht

Novelle

Puljic, Madeleine: Magie der Nacht. Hamburg, Lindwurm Verlag 2020

Originalausgabe

ePub-eBook: ISBN 978-3-948695-09-5

PDF-eBook: ISBN 978-3-948695-10-1

Print: ISBN 978-3-948695-08-8

Satz: Madeleine Puljic; Lea Oussalah, Lindwurm Verlag

Covergestaltung: Madeleine Puljic

Illustrationen: Madeleine Puljic (Karte), KHIUS (Kapitelillustrationen)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der Lindwurm Verlag ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg und Mitglied der Verlags-WG:

https://www.verlags-wg.de

_______________________________

© Lindwurm Verlag, Hamburg 2020

Alle Rechte vorbehalten.

http://www.lindwurm-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Magie der Nacht

Nachwort

Leseprobe: Herz des Winters

Über die Autorin

Bredanekh rang um Atem. Er ließ seinen Blick über die von feuchten Fleischklumpen übersäte Gaststube schweifen. Es war nicht so leicht, die junge Frau in all dem Rot auszumachen, doch dann entdeckte er sie. Sie hatte sich unter einem der Tische verkrochen und starrte ihn aus angstvollen Augen an.

Augen, so grün, dass sie nicht als menschlich durchgehen konnten. Nicht in dieser Einöde.

Bredanekh bemühte sich, das zerrissene Kleid zu ignorieren, das bis zum Bauchnabel hinunter aufklaffte. Sie musste einen ziemlichen Schock erlitten haben, wenn sie sogar ihren armseligen Zustand vergessen hatte. Immerhin hatte sie bei Bredanekhs Eintreten noch verzweifelt versucht, diese Blöße zu bedecken, während sie die Männer abwehrte, die sie gegen die Theke gedrückt hielten. Jetzt dagegen galt ihre Furcht einzig und allein ihm.

Blut tropfte von der niedrigen Holzdecke auf seine Wange. Einen Augenblick lang verharrte es dort, gefangen zwischen seinen Bartstoppeln. Dann bahnte es sich seinen Weg nach unten und hinterließ dabei eine feuchte Spur. Er wischte es mit einer unwirschen Handbewegung fort. Gegner zu zerreißen war keine Methode, die er wiederholen sollte. Jedenfalls nicht in geschlossenen Räumen.

Erst vor wenigen Minuten war er in die Meute betrunkener Söldner geplatzt. Viel war nicht von ihnen übrig geblieben. Er hatte keine Ahnung, bei wem sie unter Vertrag gestanden hatten. Es interessierte ihn auch nicht. Söldner waren Abschaum, den er nicht länger erdulden wollte. Gleichgültig, für wen sie kämpften. Sie mit seiner Magie zu vernichten, war das Einzige, was die tosende Wut in seinem Inneren zum Verstummen brachte. Für eine kurze Zeit übertönte es sie mit dem berauschenden Gefühl von Macht. Doch es schien nie genug zu sein.

Zu seinem Glück gab es nie einen Mangel an Subjekten, die er eliminieren konnte. Fand sich kein Schlachtfeld, um ihnen gegenüberzutreten, brauchte er nur die nächste Taverne aufzusuchen.

Dummerweise hielten sich dort auch immer Unbeteiligte auf. In diesem Fall die Wirtstochter, der die undankbare Aufgabe zugefallen war, die trunkenen Söldner mit Nachschub zu versorgen.

»Tut mir leid wegen der Schweinerei«, erklärte Bredanekh dem zitternden Geschöpf.

Es blieb stumm.

Auch recht. Sie schien wohlauf, mehr konnte ihn im Au­genblick nicht kümmern. Er musste hier weg, bevor die Er­­innerungen wiederkamen.

Jedes Mal kamen sie wieder.

***

Kurze Zeit später trat er durch den silbrigen Nimbus eines Portals und fand sich in den vertrauten Straßen von Liannon wieder. Er war dankbar für die hellen, zu Mustern gelegten Pflastersteine und die getünchten Häuser mit ihren bunten, verzierten Fenstern. Sie bildeten einen angenehmen Kontrast zu dem jauchedurchtränkten Schmutz des Dorfes, aus dem er soeben geflohen war. Er wäre jedoch niemals so weit ge­­gangen zu behaupten, er würde Freude über den Anblick der Magierstadt empfinden.

Er gierte nach dem hier angehäuften Wissen und der Energie, die durch die gewundenen Gassen und ewig blühenden Parks floss. In den Laboren sammelte sich die Magie derart dicht, dass sie Irrwische anzog wie Licht die Motten. Doch zugehörig fühlte Bredanekh sich dem Kreis seiner Kollegen schon lange nicht mehr. Nicht seit …

Seit.

Er drängte die Gedanken zurück. Wann immer der richtige Zeitpunkt für sie sein mochte – jetzt war er es nicht.

Bredanekh straffte die Schultern und richtete den Blick auf das Ziel, das vor ihm lag: die palastartige Anlage der Bibliothek, das Allerheiligste der Gilde der arkanen Magier. Treffpunkt und Diskussionsplattform des Ältestenrates. Er legte wenig Wert darauf, den anderen Mitgliedern des Rates zu begegnen. Aber seine Arbeitsräume waren im hinteren Teil des Gebäudes untergebracht – und in ihnen befanden sich die Unterlagen für seine Nachforschungen.

Die vertraute Umgebung half, wenn die Erinnerung ihn einholte. Solange es ihm gelang, sich in seine Forschung zu vertiefen, konnte er die Vergangenheit eine Weile zurückdrängen. Manchmal sogar für ein paar Stunden.

Doch zuerst galt es, ein letztes Hindernis zu überwinden.

»Willst du wirklich mit blutigen Händen durch dieses Tor treten, In’Jaat?«, sprach der Wächter ihn an.

Reflexartig sah Bredanekh auf seine Finger hinab. Gleich darauf verfluchte er sich selbst. Natürlich klebte kein Blut mehr daran, nicht im wörtlichen Sinne. Das hatte er gründlich abgewaschen. Der Tatzelwurm sah jedoch mehr als nur seine äußere Erscheinung.

Über die mythischen Wesen war wenig bekannt, aber eine Begegnung mit dem Wächter Yiryat hatte genügt, um Bre­danekh spüren zu lassen, wer die wahren Meister der Magie waren. Der Blick des Tatzels ging einem durch und durch. Er legte die Seele offen und deckte selbst das finsterste Geheimnis auf, das man in sich zu verbergen suchte.

Und Yiryats angelegte Katzenohren und seine zusammengekniffenen Augen machten deutlich, was er von den Dingen hielt, die er in dem Magier fand.

»Willst du mich etwa abweisen, Wächter?«, knurrte Bre­danekh – selbst nicht sicher, ob er damit tatsächlich eine Herausforderung beabsichtigte.

Der Tatzelwurm grub seine Krallen in das steinerne Podest, auf dem er saß. Sein Schlangenschwanz zuckte im Takt mit den Schnurrhaaren seines Katzengesichts. Offensichtlich dachte er über dieselbe Frage nach.

»Nein«, antwortete er schließlich und gab den Weg frei. »Aber sei gewarnt, Freund. Du beschreitest Pfade, deren Ende du nicht absehen kannst.«

»Kannst du es denn?«, entgegnete Bredanekh dreist.

Yiryat legte den Kopf schräg. »Ich sehe nur, was ist.«

»Na dann.«

Eine klare Antwort von einem Tatzelwurm zu erwarten, wäre auch zu viel verlangt. Etwas anderes als vage Andeutungen und Rätsel hatte jedenfalls noch niemand von Yiryat erhalten.

Bredanekh stieg die breiten Stufen zur Bibliothek hinauf. Den Worten des Tatzels schenkte er keine weitere Beachtung. Was Bredanekh suchte, wartete in Schriften und Texten auf ihn, nicht in den wirren Aussagen eines Torwächters. Wenn der Flohsack ernst genommen werden wollte, sollte er gefälligst verständliche Sätze ausspucken. Mythisches Wesen hin oder her, etwas Nützliches schien der Tatzelwurm nicht aus seiner prophetischen Gabe zu machen.

Um einem Zusammentreffen mit dem Rat zu entgehen, vermied Bredanekh den direkten Weg durch die Haupthalle. Stattdessen erklomm er die eng geschlungene Wendeltreppe, die sich hinter den Gängen aus Bücherregalen zu den Emporen hochwand. Auch hier oben türmten sich Bücher, weiter als das Auge reichte. Von den meisten Magiern waren sie vergessen, doch Bredanekh lockten sie mit ihren Runen, Rätseln und Geheimnissen. Oft genug hatte er sich in seinen Kammern wiedergefunden mit mehreren Bänden in der Hand, ohne zu wissen, wann er sie von den Regalen genommen hatte.

Heute jedoch widerstand er ihnen. Alles, was er benötigte, befand sich bereits auf seinem Pult.

In seiner Arbeitsstube schob er sorgfältig den Riegel vor und fixierte ihn mit einem Zauber. Erst dann löste er mit einer Handbewegung die Illusion, die er über die Bücher gelegt hatte. Eigentlich sollte die Verriegelung an der Tür Schutz genug vor neugierigen Zauberern bieten. Aber so unwahrscheinlich es auch war, dass jemand in seiner Abwesenheit seine Materialien durchwühlte, Bredanekh wollte kein Risiko eingehen.

Streng genommen waren die Gebiete, die er erforschte, nicht wirklich verboten. Doch sie waren ungewöhnlich für einen Magier seines Ranges, und falls allgemein bekannt wurde, mit welchen Themen er sich befasste, würde das schnell zu Gerüchten führen – und in Liannon konnten Gerüchte gefährlich werden. Besonders, wenn sie einen Funken Wahrheit beinhalteten.

Bredanekh nahm den schweren Folianten zur Hand, der den hochtrabenden Namen Vom Sein und Schein des Kreuchenden und Fleuchenden trug. Mehr von einem Gefühl als von einer konkreten Erinnerung geleitet, schlug er das Buch auf. Texte in eng geschlungener Schrift wechselten sich mit Skizzen und Aquarellen ab, die in Detailtreue und künstlerischer Fertigkeit stark voneinander abwichen. Das Scheusal, bei dem er gelandet war, konnte seiner Meinung nach alles darstellen, von einer trächtigen Seekuh über eine verkrüppelte Ziege bis hin zu einem Lindwurm. Zügig blätterte er weiter.

Nach nur wenigen Seiten fand er, was er gesucht hatte: die Zeichnung eines Baumes, aus dem sich die undeutliche Figur einer Frau herauslöste. Seine Finger zitterten, als sie über die im Schatten liegenden Konturen ihres Gesichts tasteten.

Es bedurfte nicht viel Fantasie, die Züge des Schankmädchens darin wiederzufinden. Ihr flehender Blick hatte seinen getroffen, sobald er durch die Tür getreten war, und hatte ihn seither nicht mehr losgelassen. Diese Augen … Das Grün der Waldvölker, sofern er seinen Büchern glauben durfte. Dasselbe Grün, das er sah, wann immer er in den Spiegel blickte.

In diesem Moment hatte plötzlich alles einen erschreckenden Sinn ergeben.

Er hatte nach Wissen geforscht, das den anderen verborgen geblieben war. Nach etwas, das ihm mehr Macht gab, das ihm ermöglichte, noch größeren Schaden unter seinen Widersachern anzurichten. Also hatte er in den hintersten und verstaubtesten Winkeln der Bibliothek herumgewühlt und war dabei auf diese Bücher gestoßen.

Niemals hätte er damit gerechnet, das Geheimnis, das er suchte, in sich selbst zu finden.

Wie konnte es sein, dass so wenig über die mythischen Wesen bekannt war, wo doch hier alles aufgeschrieben vor ihm lag? Wann hatte die Ignoranz der Arkanen sie dazu verleitet, eine derart unberechenbare Macht einfach zu vergessen, obwohl der lebende Beweis für deren Existenz direkt vor ihren eigenen Toren Wache hielt?

Einhörner, Drachen, … Was, wenn sie nicht bloßer Volksirrglaube waren? Berichte von Begegnungen mit ihnen waren rar und die Quellen meist alles andere als vertrauens­würdig, doch Bredanekh begann zu argwöhnen, dass all diese Wesen durchaus real waren.

Und wenn Einhörner existieren, sein Blick fiel zurück auf die Zeichnung und den nahezu unleserlichen Text, der daneben geschrieben stand, warum dann nicht auch Dryaden?

Es würde einiges erklären.

Sein Vater hatte immer behauptet, er wäre bloß ein Findelkind, das er aufgenommen hatte. Selbst dann noch, als Bredanekh heranwuchs und deutlich wurde, dass er dem Alten wie aus dem Gesicht geschnitten war. Es hatte ihn nie gekümmert. Woher er kam, war ihm gleichgültig.

Was ihn dagegen brennend interessierte, waren die Möglichkeiten, die ihm offenstanden, wenn er mit seiner Vermutung richtig lag. Die wilde Magie der mythischen Wesen wurde vererbt, nicht gelernt. Die Arkanen taten sie als Humbug ab, doch Bredanekh hatte sie gespürt. Damals, als er der Gier nach Blut nachgegeben hatte, nachdem …

Er ballte die Hände zu Fäusten und schloss die Augen. Erbarmungslos quetschte der Schmerz Bredanekhs Innerstes zusammen, raubte ihm sämtliche Kraft, als er endlich den Gedanken zuließ, den er versucht hatte zurückzudrängen.

Nachdem ich heimgekommen bin und Erili und die Kinder gefunden habe.

***

Der Staub und das Blut des Schlachtfelds hatten noch an seinen Kleidern gehaftet, als er durch das Portal getaumelt war, das ihn zurückbrachte. Nach Hause, zu seiner Familie.