Olymp 3: Im Auftrag des Kaisers - Madeleine Puljic - E-Book + Hörbuch

Olymp 3: Im Auftrag des Kaisers E-Book und Hörbuch

Madeleine Puljic

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Beschreibung

Das Jahr 1550 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: Seit über 3000 Jahren reisen die Menschen zu den Sternen. Sie haben zahlreiche Planeten besiedelt und sind faszinierenden Fremdvölkern begegnet. Sie haben Freunde ebenso wie Gegner gefunden, streben nach Verständigung und Kooperation. Besonders Perry Rhodan, der die Menschheit von Beginn an ins All geleitet hat, steht im Zentrum dieser Bemühungen. Mit der Gründung der Liga Freier Galaktiker tragen diese Bestrebungen inzwischen Früchte. Eine neue Ära des Friedens bricht an. Aber nicht alle Gruppierungen innerhalb und außerhalb der Liga sind mit den aktuellen Verhältnissen zufrieden. Perry Rhodan wird in diese Aktivitäten verwickelt, als er zu seiner Frau Sichu Dorksteiger nach Shoraz reist. Dort fallen tefrodische Soldaten ein. Sie suchen nach einem mysteriösen Artefakt – der Shoziden-Box. Auch auf der Freihändlerwelt Olymp eskaliert die Lage. Die Bevölkerung begehrt auf gegen Machenschaften IM AUFTRAG DES KAISERS ...

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Seitenzahl: 138

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Zeit:3 Std. 27 min

Sprecher:Renier Baaken

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Nr. 3

Im Auftrag des Kaisers

Unruhe auf Olymp – die Lage auf der Freihandelswelt eskaliert

Madeleine Puljic

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Böses Erwachen

2. Argyris Beryn Mogaw

3. Piri Harper

4. Argyris Beryn Mogaw

5. Sichu Dorksteiger

6. Bekannte Fremde

7. Sichu Dorksteiger

8. Frank Sulu

9. Sichu Dorksteiger

10. Die Masken fallen

11. Argyris Beryn Mogaw

12. Onara Gholad

13. Piri Harper

14. Argyris Beryn Mogaw

15. Gefangen im Misstrauen

Lesermagazin

Impressum

Das Jahr 1550 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: Seit über 3000 Jahren reisen die Menschen zu den Sternen. Sie haben zahlreiche Planeten besiedelt und sind faszinierenden Fremdvölkern begegnet. Sie haben Freunde ebenso wie Gegner gefunden, streben nach Verständigung und Kooperation.

Besonders Perry Rhodan, der die Menschheit von Beginn an ins All geleitet hat, steht im Zentrum dieser Bemühungen. Mit der Gründung der Liga Freier Galaktiker tragen diese Bestrebungen inzwischen Früchte. Eine neue Ära des Friedens bricht an.

Aber nicht alle Gruppierungen innerhalb und außerhalb der Liga sind mit den aktuellen Verhältnissen zufrieden. Perry Rhodan wird in diese Aktivitäten verwickelt, als er zu seiner Frau Sichu Dorksteiger nach Shoraz reist.

Dort fallen tefrodische Soldaten ein. Sie suchen nach einem mysteriösen Artefakt – der Shoziden-Box. Auch auf der Freihändlerwelt Olymp eskaliert die Lage. Die Bevölkerung begehrt auf gegen Machenschaften IM AUFTRAG DES KAISERS ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner wird unter Drogen gesetzt.

Sichu Dorksteiger – Die Ator sucht ihren verschollenen Mann.

Beryn Mogaw – Der Kaiser von Olymp schickt Soldaten aus.

Piri Harper und Frank Sulu

1.

Böses Erwachen

Zögernd schlug er die Augen auf. Kaltes Licht stach ihm in den Sehnerv, schwach zwar, doch unerträglich nach der langen Dunkelheit.

Perry Rhodan rieb sich die Stirn, hinter der ein durchdringender Schmerz pochte, und versuchte, sich zu orientieren. Wie lange war er bewusstlos gewesen? Minuten, Stunden? Etwa noch länger? Jedes Zeitgefühl war ihm abhandengekommen, und in dem künstlichen Zwielicht war es unmöglich zu sagen, ob Tag herrschte oder tiefste Nacht.

Sein Schädel brummte. Seine Kehle war trocken, die Zunge leicht geschwollen. Allerdings waren seine Lippen noch nicht rissig, was bedeutete, dass er immerhin keinen ganzen Tag verloren hatte. Oder jemand hatte ihm zwischendurch Wasser eingeflößt. Beides nahm er als gutes Zeichen.

Er rappelte sich in eine sitzende Position hoch, blinzelte und sah sich um. Der Raum, in dem er sich befand, war überraschend groß. Rhodan schätzte ihn auf zehn mal fünf Meter. Das blasse Licht drang aus mehreren röhrenartigen Lampen an der Wand, die ihren Schein an die hohe Decke warfen. Wände, Boden und Decke bestanden aus stumpfgrauen Metallplatten.

Das war alles. Mehr gab es nicht zu sehen. Keine Fenster, keine Tür, keine Einrichtungsgegenstände. Nicht einmal eine Matratze, auf die er sich sinken lassen konnte.

Nur dieser kahle Raum, der für deutlich mehr Personen angelegt schien als nur für ihn allein. Über Platzmangel konnte er sich jedenfalls nicht beschweren, nur über fehlenden Komfort. Die Luft war gut atembar, aber völlig steril. Kein wahrnehmbarer Geruch, nichts, was ihm irgendwie geholfen hätte, sich zu orientieren. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo er war.

*

Rhodan fröstelte. Nun erst fiel ihm auf, dass er seinen Einsatzanzug eingebüßt hatte. Die Schutzmontur, die er getragen hatte, weil ... er gemeinsam mit Gucky nach Shoraz aufgebrochen war, um eine merkwürdige Explosion auf der Museumswelt zu untersuchen. Stückchenweise kehrte seine Erinnerung zurück.

Statt des Anzugs trug er eine schlichte, graublaue Kombination, die alles andere als schmeichelnd war. Der relativ grobe Stoff erinnerte eher an Gefängniskleidung als an eine Borduniform. Nun entdeckte er auch das ausgefranste Stoffschild auf seiner linken Brust.

Es trug die Nummer 1233.

Also hatte er recht. Er war ein Gefangener. Selbst seine Stiefel hatte man ihm abgenommen. Stattdessen steckten seine Füße in einer gummiartigen Umhüllung, die kaum über Ferse und Fußrücken reichte und so gut wie keine Wärme spendete – was in der Kühle seines Gefängnisses noch nicht unangenehm war, es aber irgendwann werden konnte.

Außerdem quietschten sie, als er sich aufmachte, die Grenzen seiner klein gewordenen Welt zu erkunden.

Während er die Finger suchend über die Metallplatten gleiten ließ, versuchte er, sich die vergangenen Stunden ins Gedächtnis zu rufen. Was war geschehen? Wie war er hierhergekommen? Und wo war dieser Raum überhaupt? Auf einem Raumschiff? Einem Planeten?

Die Gravitation fühlte sich nach der gewohnten Erdschwerkraft an. Aber erfahrungsgemäß sagte das wenig aus.

Vielleicht half Logik. Er war mit Gucky nach Shoraz geflogen, weil er einen Anruf von seiner Frau Sichu Dorksteiger erhalten hatte, die dort zusammen mit vielen anderen Wissenschaftlern archäologische Artefakte erforschte. Der Anruf war jäh von einer Explosion unterbrochen worden. Bei der Ankunft vor Shoraz hatte sich herausgestellt, dass der Wüstenplanet von 30 unidentifizierten Raumschiffen abgeriegelt war.

Ja, langsam ergab alles wieder einen Sinn. Sie hatten die Blockade der fremden Schiffe mit einem getarnten Shift unterlaufen und Dorksteiger unversehrt angetroffen. Der vermeintliche Grabungsunfall indes hatte sich als geplanter Anschlag herausgestellt.

Dann hatten sich die Ereignisse überschlagen. Tefrodische Soldaten waren gelandet und hatten zwei Zielobjekte gehabt: die vor Kurzem entdeckte »Shoziden-Box« und einen Mann namens Ypheris Bogyr, angeblich ein terranischer Geheimagent, der wegen Mordes an dem tefrodischen Botschafter auf Olymp gesucht wurde. Eine merkwürdige Sache, die Rhodans Interesse weckte. Er hatte sich seinerseits auf die Suche nach Bogyr gemacht. Er wollte ihn vor den Tefrodern finden und mit auf die ETSI nehmen, den Forschungsraumer, mit dem Rhodan angereist war.

Zusammen mit Gucky hatte er Bogyr gestellt und überwältigt. Rhodan hatte Gucky zunächst mit der Shoziden-Box zu ihrem Shift vorausgeschickt, danach sollte der Mausbiber Rhodan und Bogyr nachholen.

Dann war diese Frau plötzlich aufgetaucht – Ailyn Szamaar, die Rhodan zweimal kurz getroffen hatte: einmal an der Unglücksstelle und einmal im Zentrallabor. Sie hatte sich offenbar als Archäologin getarnt auf Shoraz eingeschlichen. In Wahrheit war sie eine Tefroderin, die neben der Shoziden-Box unbedingt auch Bogyr in die Hände bekommen wollte.

Rhodan hatte gerade Bogyr fragen wollen, was es mit der Mordanschuldigung auf sich hatte, da stieß Szamaar hinzu.

»Wunderbar, alle zusammen!«, hatte sie erfreut gerufen. Ab dem Moment wusste Rhodan nichts mehr.

Perry Rhodan vermutete, dass er von einem Paralysestrahl getroffen worden war. Einer hohen Dosis, dem Brummen in seinem Kopf nach zu urteilen. Dass er trotz seines Zellaktivators erst in dieser Einrichtung zu sich gekommen war, bestätigte diesen Verdacht.

*

Rhodan schüttelte den Kopf und suchte weiter. Unermüdlich ließ er die Hände über die Wandverkleidung gleiten. Es musste einen Ausgang aus dieser Zelle geben! Immerhin war er auch hereingekommen, selbst wenn er nicht wusste, wie genau das vonstattengegangen war.

»Ha!« Seine tastenden Finger fanden eine Rille, tiefer als die zwischen den einzelnen Wandpaneelen.

Rhodan folgte ihr und zeichnete die Umrisse einer Tür nach. Das war also der Ausgang. Die Frage war bloß: Wie ließ er sich öffnen? Er fand weder einen Griff noch eine sonstige erkennbare Vorrichtung.

Aber so leicht gab er nicht auf. Er klopfte die Wand ab, probierte Kommandos in allen Sprachen durch, die ihm einfielen. Warf seine Schulter gegen das Metall, das erwartungsgemäß nicht nachgab, und versuchte, die Finger in die Rille zu quetschen, um die Tür nach innen zu ziehen.

Er fuhr herum, als ein leises Zischen erklang, doch da war es bereits zu spät. Er spürte ein stechendes Brennen am Hals, und noch bevor er erkennen konnte, wer oder was ihn angegriffen hatte, senkte sich erneut Dunkelheit über ihn.

2.

Argyris Beryn Mogaw

Olymp, Kaiserpalast

8. Mai 1550 NGZ

Beryn Mogaw, der Kaiser von Olymp, betrachtete die Menschenmenge vor seinem Palast mit wachsendem Unbehagen. Sie ballte sich auf dem Platz der Morgendämmerung, wo sie zwischen der Säule des Westens und der des Ostens hin und her wogte – je nachdem, wen die Leute gerade zur Verantwortung ziehen wollten: ihn oder den Verwaltungsapparat.

Im Moment war es wieder die Argyrische Säule des Ostens, sein Amtssitz, gegen die sie mit erhobenen Fäusten und improvisierten Holoschildern zogen. Nicht, dass sie damit etwas bewirken würden, aber lästig war es. Es verdarb ihm die Laune.

Seit Tagen protestierten sie. Gegen die Einschließung durch die zweihundert tefrodischen Raumer, die im Orbit um Olymp und teils direkt über Trade City schwebten, gegen die erzwungene Funkstille, gegen das Startverbot ...

Jedes Mal ließ Mogaw die Demonstrationen auflösen. Jedes Mal fanden sie erneut zusammen. Als hätten die Olymper nichts Besseres zu tun!

Vor allem protestierten sie gegen ihn, und das verstimmte Mogaw am meisten. Jahrelang hatte er darauf hingearbeitet, Olymp in den Schoß des Neuen Tamaniums zu betten. Im Geheimen, weil die Olymper zu starrsinnig und zu naiv waren, um ihre Rolle im Handelsgefüge zu begreifen.

Mogaws Vorgänger hatten die Bevölkerung über den Beitritt zum Tamanium abstimmen lassen. Die Bürger hatten sich dagegen entschieden, ihre Unabhängigkeit gefeiert und nicht begriffen, auf welche Vorteile sie dabei verzichteten.

Er, der Argyris, der Kaiser, wusste es besser. Er hatte die Entscheidung getroffen, die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Man hatte ihn jedoch sabotiert. Der Botschafter des Neuen Tamaniums war tot, die Tefroder erbost, und sie standen womöglich kurz davor, ein Embargo zu verhängen.

Olymp! Unter Handelssanktionen! Eine undenkbare Vorstellung. Olymp war der Inbegriff des Freihandels. Niemand hatte das Recht, sich in den Handel dieser Welt einzumischen. Nicht einmal Terra oder die Liga Freier Galaktiker hatten jemals an Olymps Wirtschaftsautarkie gekratzt. So weit durfte Beryn Mogaw es auch diesmal auf keinen Fall kommen lassen!

Er desaktivierte das Holo vor seinem Tisch. Er hätte natürlich auch ans Fenster treten können, die Vergrößerungsfunktion hätte ihm ein ebenso detailliertes Bild der Vorgänge eintausend Meter unter ihm geliefert. Aber wozu sich die Mühe machen?

*

»Talin!«, rief er und wedelte mit der Hand.

Zum Ärger des Kaisers kam keine Reaktion, also drehte er sich in seinem Sessel herum. Er zog dabei den Bauch ein, damit er nur unmerklich an der Tischkante entlangschrammte, und sah sich nach dem Krötengesicht um. Der Rospaner lag eingerollt auf dem Fußboden und schnarchte leise.

Mit einem ungeduldigen Schnaufen griff Mogaw nach seinem Hut – feinster girmomarischer Samt in Violett und Himmelblau, passend zu seiner Robe an diesem Tag –, zog ihn von der Glatze und schleuderte das schwere Stoffgebilde in Talin Buffs Richtung.

Er traf seinen Diener an der Schulter, woraufhin der mit einem leisen Aufschrei hochfuhr. Als Buff begriff, was ihn da getroffen hatte, rappelte er sich hastig auf und eilte an Mogaws Seite, den Hut zwischen seinen dicken Stummelfingern drehend.

»Hier, Herr«, murmelte Buff, den runden Krötenkopf gesenkt, und streckte Mogaw den Hut entgegen.

Der Argyris hatte keinerlei Intention, das Kleidungsstück zurückzunehmen. »Es hat auf dem Boden gelegen«, erwiderte er zornig. »Bring mir gefälligst einen neuen Hut!«

Buff zuckte zusammen. »Natürlich, entschuldige, Herr.«

Damit wollte er bereits davonhasten, aber der Faulsack hatte seine Schuldigkeit noch nicht getan.

»Hiergeblieben!«, befahl Mogaw. »Hol mir einen Hut. Und dann sorg dafür, dass dieser Tumult auf dem Platz aufgelöst wird. Er schlägt mir auf den Magen.«

Der kleine Rospaner blinzelte. Seine wulstigen Lider stülpten sich über die schwarzen Glupschaugen, was ihn immer besonders dumm aussehen ließ.

»Ich werde mich sofort darum kümmern, Herr.« Damit watschelte er davon.

3.

Piri Harper

Olymp, Trade City

Hier ist Piri Harper, und ich berichte live von den Aufständen in Felugia, einem der Randbezirke von Trade City. Sie sprach die Worte nicht laut aus. Niemand würde sie hören. Nicht mehr.

Ihre Individualpositronik hatte, als sie bei der ersten Demonstration gegen Mogaw attackiert worden war, Schäden davongetragen. Weil der Neurotec mit ihren Sinnesorganen verknüpft war, litt sie seither an physiologischen Defiziten.

Aber ihr Publikum würde sehen, was sie sah. Hören, was sie hörte. Sie würde ein stummer Zeuge sein für den gesellschaftlichen Verfall auf Olymp.

Harper zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht. Sie war nur sicher, solange sie anonym blieb. Ihre üppigen, blauen Locken hatte sie geopfert und trug ihre Haare nun bieder, kurz und schwarz. Keine perfekte Tarnung, aber alles, was sie in der kurzen Zeit hatte tun können.

Zum Glück hatte ihr virtuelles Publikum meist durch ihre Augen gesehen – und nicht in ihr Gesicht. Sie vermisste die Forumsteilnehmer ihres Medienkanals, das Gefühl, nie allein zu sein. Doch ihr Neurotec schwieg. Ihre Verbindung ins planetare Kommunikationsnetzwerk war gekappt.

Die Individualpositronik würde weiterhin alles aufzeichnen, aber nicht live senden. Diese Zeiten waren für sie bis auf Weiteres vorbei. Sie war von allem abgeschnitten, nur der kleine, grüne Punkt, der bestätigte, dass ihre Aufnahmen gespeichert wurden, war auf ihre Netzhaut eingeblendet.

Ihre Tätigkeit als freie Mediantin hatte sie nicht des Geldes wegen ausgeübt, sondern aus Überzeugung. Sie hatte dafür gelebt, die Berichte zu liefern, die ihr wichtig waren, und sie live mit ihrem weltweiten Publikum zu teilen.

Der Kaiser hatte ihr diese Möglichkeit nun genommen – oder zumindest seine Handlanger. Das wollte sie diesem aufgeblasenen Despoten heimzahlen, auf ihre Weise.

Sie würde die Wahrheit ans Licht bringen.

*

Harper drängte sich durch die wütende Menschenmenge, die sich in dem Einkaufszentrum versammelt hatte. Sie richtete ihren Blick und damit die Kamera auf die Reihen von Schaufenstern, von denen mindestens die Hälfte seit Jahren leer standen. Auf mehreren Stockwerken erstreckte sich eine Erlebnismeile, die in ihrer Blütezeit sicher gut besucht gewesen war.

Ein sozialer Treffpunkt. Sie sah Restaurants, Kleidungsgeschäfte, Trivid-Märkte ... Den Schildern nach zu urteilen, hatten in dem Gebäudekomplex sogar einmal Ärzte und ein Optimierungsspezialist praktiziert. Das alles war seit dem langsamen Verfall der Außenbezirke Geschichte.

Neu hingegen waren die großformatigen Geschlossen-Holos, die in den Eingangsscheiben der verbliebenen Geschäfte leuchteten.

»Was soll das?«, rief eine Frau. »Pister, ich kann dich doch im Laden sehen! Mach auf!«

Der angesprochene Mann war ein drahtiger Typ mit Stachelfrisur, der hinter der Absperrung des Elektronikbedarfsgeschäfts stand. Er hob abwehrend die Hände. »Tut mir leid, Zue. Anordnung vom Boss. Lalkis hat geschlossen, und der Boss will nicht, dass die Leute ihren Frust darüber bei uns ablassen.«

»Ich zeig dir meinen Frust, Freundchen!«, brüllte ein tonnenförmiger Kerl mit Armen, die aussahen, als hätte er seine Fitnessgewichte nicht gestemmt, sondern einfach unter seine Haut geschoben.

Harper wandte den Kopf zu Lalkis, der Lebensmittelkette, die in den inneren Stadtteilen kaum zu finden war, in den Außenbezirken von Trade City aber die Standardversorgung der Bevölkerung übernahm. Billigprodukte, die Harper früher nicht mal mit einer Zange angefasst hätte. Auch dort war das Geschlossen-Holo aktiv, und sie sah die leeren Regalreihen dahinter.

Sie bahnte sich einen Weg zwischen den Leuten hindurch, um näher an den Laden zu gelangen und einen besseren Blickwinkel zu bekommen.

Das Gedränge wurde zunehmend heftiger. Jemand rempelte sie so kräftig an, dass sie zwei Schritte weitertaumelte. Hastig griff sie nach ihrer Kapuze. Sie durfte nicht auffallen.

Aus der Nähe sah sie, was das Problem war: Käse, Proteinriegel, Getränke, aber auch Hygieneartikel und andere Alltagsprodukte ... Alles, was nicht in Trade City selbst produziert wurde, fehlte.

Olymp war ein freier Handelsplanet, ein Umschlagplatz für Waren aller Art. Und was die Olymper selbst herstellten, wurde zu einem großen Teil außerhalb der Stadt erzeugt. Harper hatte vor ein paar Jahren einen Bericht darüber gebracht.

In Trade City selbst gab es nur die Edelmanufakturen, die den Palast und die inneren Bezirke versorgten. Wie es aussah, war Beryn Mogaw nicht gewillt, diesen Kuchen zu teilen.

Aber was war mit den anderen Waren? Lalkis hätte die Menschen doch wenigstens mit dem Nötigsten versorgen können!

*

»Diese geldgeilen Säcke!«

Jemand kreischte. Harper hörte den Ruf nur einen Augenblick, bevor ein billiger Servoroboter gegen die Scheibe krachte. Das Gerät verfehlte sie nur um wenige Zentimeter. Sie wich zurück.

Hinter ihr begann ein Kind zu weinen. Harper drehte sich um und sah eine Frau, die mit Tränen in den Augen ihr Baby wiegte und versuchte, es mit »Schhh«-Lauten zu beruhigen, allerdings ohne Erfolg. Vermutlich hatte das Kleine Hunger.

»Das ist doch wohl ein Scherz«, sagte jemand laut. »Wir haben ein Anrecht darauf, wir sind Angehörige der LFG! Die Grundversorgung steht uns zu!«

»Lasst uns gefälligst rein!«

Die Menge wogte vor und zurück, drängte zu den Eingängen und prallte von den unnachgiebigen Scheiben ab.

Die Situation drohte zu eskalieren, wenn die Läden nicht bald öffneten. Und Harper sah in Pisters Gesicht, dass er unter keinen Umständen vorhatte, das Sperrfeld vor dem Eingang zu lösen.

Sie konnte sich dem unbekannten Rufer nur anschließen: geldgeile Säcke. Der Profit war den Ladenbetreibern wichtiger, als die Grundversorgung aufrechtzuerhalten. Sicher, vielleicht würden in der aktuellen Stimmung ein paar Regale zu Bruch gehen. Das war indes immer noch besser, als einen Aufstand zu riskieren.