Perry Rhodan Neo 167: Die Grenzwächter - Madeleine Puljic - E-Book

Perry Rhodan Neo 167: Die Grenzwächter E-Book

Madeleine Puljic

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Beschreibung

Im Jahr 2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Damit erschließt er der Menschheit den Weg zu den Sternen. In den Weiten der Milchstraße treffen die Menschen auf Gegner und Freunde; es folgen Fortschritte und Rückschläge. Nach 2051 wird die Erde unbewohnbar, während Milliarden Menschen an einen unbekannten Ort umgesiedelt werden. Der Schlüssel zu diesen Ereignissen liegt in der Galaxis Andromeda. Dorthin bricht Perry Rhodan im modernsten Raumschiff der Menschheit auf. Anfang 2055 gelangt die MAGELLAN an ihr Ziel. Rasch erfahren die Menschen mehr über die Situation. Insbesondere die Meister der Insel – auch Faktoren genannt – spielen eine zentrale Rolle. Rhodan erkennt: Er braucht starke Verbündete. Deshalb reist er zu einem Geheimtreffen mit Faktor III. Unterwegs stößt er mit seinen Gefährten auf unerwartete Schwierigkeiten – und auf DIE GRENZWÄCHTER ...

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Band 167

Die Grenzwächter

Madeleine Puljic

Cover

Vorspann

1. Durch den Limbus

2. Strafe der Gerechten

3. Aus der Dunkelheit ins Licht

4. Gesandte der Sterne

5. Ein Mond namens Leyden

6. Ein kleiner Schritt für die Menschheit

7. Der Splitter im Auge deines Bruders

8. Eine zweite Chance

9. Über den Nadeln der Welt

10. Der Reiz des Verbotenen

11. Im Sinne der Gemeinschaft

12. Der Feind an der Schwelle

13. Erkenntnisse aus dem Orbit

14. Schlimmer als der Tod

Impressum

Im Jahr 2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Damit erschließt er der Menschheit den Weg zu den Sternen.

In den Weiten der Milchstraße treffen die Menschen auf Gegner und Freunde; es folgen Fortschritte und Rückschläge. Nach 2051 wird die Erde unbewohnbar, während Milliarden Menschen an einen unbekannten Ort umgesiedelt werden.

Der Schlüssel zu diesen Ereignissen liegt in der Galaxis Andromeda. Dorthin bricht Perry Rhodan im modernsten Raumschiff der Menschheit auf. Anfang 2055 gelangt die MAGELLAN an ihr Ziel. Rasch erfahren die Menschen mehr über die Situation. Insbesondere die Meister der Insel – auch Faktoren genannt – spielen eine zentrale Rolle.

Rhodan erkennt: Er braucht starke Verbündete. Deshalb reist er zu einem Geheimtreffen mit Faktor III. Unterwegs stößt er mit seinen Gefährten auf unerwartete Schwierigkeiten – und auf DIE GRENZWÄCHTER ...

1.

Durch den Limbus

Mit Staunen betrat Alexander Kapescu die Zentrale der MAGELLAN. Die Besatzungsmitglieder waren versunken in ihre Aufgaben, schoben Holofelder vor ihren Stationen durch die Luft und riefen einander knappe Statusmeldungen zu, die er nur zum Teil verstand. Sie beachteten Kapescu kaum, aber das bestärkte ihn nur in seinem Gefühl, dazuzugehören. Er stand in der Zentrale des mächtigsten Raumschiffs, das die terranische Ingenieurskunst je hervorgebracht hatte. Wie lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet? Nicht nur Teil dieser Expedition zu sein, sondern eine wichtige Funktion innezuhaben, einen tragenden Part bei der Rettung der Menschheit zu spielen. Er würde ein Held werden, dessen Name in einem Atemzug mit Conrad Deringhouse, Reginald Bull und natürlich Perry Rhodan genannt wurde.

»Junge, stehen Sie nicht einfach nur rum!«, unterbrach Tim Schablonskis Stimme seine Tagträume. »Wir sind hier, um zu arbeiten, und nicht, damit Sie Löcher in die Luft starren.« Der Chefingenieur klang ernst, doch um seine Mundwinkel lag ein amüsierter Zug. So als würde er in Kapescu nichts als ein naives Kind sehen, das sich unvermeidbar über den Anblick eines Weihnachtsbaums freut.

Trotzig hob Kapescu den Kopf. Er war kein Kind, er war der fähigste Juniortechniker, den die MAGELLAN hatte. Dass er Tim Schablonski zugeteilt worden war, um von dem Chefingenieur zu lernen, hatte er sich verdient. Kapescu würde sich diesen Erfolg weder durch die Vorurteile seines neuen Vorgesetzten kaputtmachen lassen noch durch den Mangel an Respekt, den der Cheftechniker ihm gegenüber an den Tag legte. Schablonski behandelte ihn nicht wie einen hochbegabten Akademieabsolventen, sondern wie einen dummen Lehrling. Aber der würde schon noch sehen, was er an ihm hatte.

Also krempelte Kapescu die Ärmel hoch und nickte. »Ich bin bereit. Wo fangen wir an?«

Schablonski deutete auf eine Reihe von metallenen Abdeckungen an der Wand, deren Lüftungsschlitze die empfindliche Technik dahinter verrieten. Sie lösten gemeinsam die Verkleidungen und deckten die blinkenden Anzeigen der Kühlsysteme auf.

Kapescu ließ seinen Blick über die Leiter, Verkabelungen und Platinen gleiten. »Sieht alles gut aus«, sagte er. »Was genau ist das Problem?«

»Es gibt keins«, kam die trockene Antwort des Deutschpolen. Nachdem er Kapescus fragenden Blick bemerkte, erklärte er: »Wartung bedeutet manchmal schlicht, zu gewährleisten, dass es auch künftig kein Problem geben wird. Diese Anlage ist Teil der Versorgungselemente für die Hauptpositronik. Wenn wir erst reagieren würden, wenn schon etwas defekt ist, hätten wir ganz andere Sorgen.«

Grollend nickte Kapescu. Er fühlte sich zurechtgewiesen, und zwar zu Unrecht. Niemand konnte ihm weismachen, dass irgendjemand – und schon gar nicht der Chefingenieur der MAGELLAN persönlich – regelmäßig alle wichtigen Teile des gigantischen Raumschiffs überprüfte, bloß um sicherzugehen, dass die Positronik nicht versagte. Verstohlen sah er nochmals zur Mitte des Raums, wo sich die Stationen der Offiziere befanden. Erster Offizier, Ortung, Feuerleitstelle ... Sie waren anhand der Anzeigen in ihren Holos einfach zu unterscheiden.

Nur der Pilotensitz war verwaist, vermutlich weil die Antriebe der MAGELLAN seit der Landung auf der Werftplattform desaktiviert waren. Wo sonst ein menschlicher Offizier saß, war eine permanente Kommunikationsverbindung zur Steuerzentrale der PE-hilfreich eingerichtet, sodass statt der Triebwerks-Bedienfelder das überdimensionale Bild eines schwarzhäutigen Paddlers die Holoanzeige einnahm.

Kapescu fühlte einen leichten Anflug von Abscheu in sich hochsteigen, als er die Versessenheit bemerkte, mit der die Zentralebesatzung in ihre Holos starrte. An der Akademie hatten sie diesen Teil der Mannschaft »Sesselfurzer« genannt. Vollkommen abhängig von den Daten, die ihnen die Schiffspositronik vorlegte. Er dagegen war Ingenieur, er beherrschte die Technik. Bei diesen Menschen schien es umgekehrt zu sein. Sie ließen sich von einer Künstlichen Intelligenz vorschreiben, was sie wann zu tun und zu lassen hatten.

Das einzig Positive daran war, dass sie einer Positronik gehorchten, die er wartete, und dadurch in gewisser Hinsicht ihm unterstellt waren. Ebenso wie er Schablonski unterstellt war, der mit seinen Fingern vor Kapescus Gesicht schnippte.

»Hier spielt die Musik.« Schablonski deutete auf die nächste Abdeckung. »Wir haben noch viel vor.«

Insgeheim hätte Kapescu am liebsten die Augen verdreht. Seinen ersten Einsatz in der Zentrale hatte er sich aufregender vorgestellt. Er griff nach der Platte, die ihm Schablonski zugewiesen hatte, hob sie an und zuckte zusammen, als ein Alarm losgellte. Ein kurzes, schrilles Piepen, das ihm in den Ohren wehtat.

»Ich war das nicht!«, rief er. Purer Reflex, aber immerhin hatte er nur getan, was sein Vorgesetzter ihm aufgetragen hatte.

»Was ist das?«, fragte eine befehlsgewohnte Stimme in ruhigem, aber barschem Ton.

Kapescu wandte sich um und erkannte in dem Sprecher Conrad Deringhouse, den Kommandanten der MAGELLAN. Die Frage hatte jedoch nicht ihm gegolten, sondern der Ersten Offizierin.

»Wir bekommen Besuch, Sir«, antwortete Gabrielle Montoya mit derselben routinierten Gelassenheit.

So als würde keiner der beiden dem Alarm sonderlich große Bedeutung zumessen. Irritiert sah Kapescu wieder zu seinem Ausbilder, doch Schablonski presste nur die Lippen aufeinander und drückte die Abdeckung zurück an ihren Platz.

»Zweihundert Schiffe mit thetisischer Kennung.« Das war die Ortungs- und Funkstation. Nicht Petuchow – den Russen hätte Kapescu erkannt. Der Ortungsoffizier hatte vermutlich gerade Freischicht. Ausgerechnet in dem Moment, wo ein Drama losging! Aber selbst dieser Ersatzmann blieb vollkommen ruhig. »Offenbar ein Grenzschutzgeschwader. Sieht aus, als wollten sie uns den Weg abschneiden.«

»Die haben wohl etwas dagegen, dass wir ihre Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch nehmen wollen«, sagte Deringhouse.

»Oder dass ihr einen Teil ihrer Kriegsmaschinerie klaut«, mutmaßte der Paddler im Holo der Pilotenstation. »Bei euch wären sie vielleicht sogar froh, wenn ihr abhaut. Aber die PE-hilfreich betrachten sie als Eigentum des Sternenreichs von Andrumidia. Sie wollen uns vermutlich nicht hergeben.«

»Mit diesem Gedanken sollten sie sich lieber anfreunden«, gab der Kommandant zurück. »Sind wir sprungbereit?«

Der Paddler grinste. Pelok, das war sein Name, wenn Kapescu sich richtig erinnerte. »Jederzeit. Wir fliegen bereits mit Sprunggeschwindigkeit. Diese kleinen Schrottkisten hängen wir schneller ab, als die schauen können.«

»Dann mal los!«

Sofort machte Pelok sich daran, das Kombinat ihrer beiden Raumfahrzeuge in den Hyperraum zu befördern.

Kapescu seufzte leise. Wenn er es recht bedachte, hätte er seine Ausbildung eigentlich lieber bei den Paddlern weitergeführt. Immerhin hatten sie Tani Hanafe unterrichtet, und die Mutantin hatte zuvor angeblich nicht mal einen Schraubenschlüssel von einer Ratsche unterscheiden können. Und kaum hatten die Paddler ihr eine Art Blitzschulung verpasst, hatte sie innerhalb kürzester Zeit selbst Schablonski überholt, während Kapescu weiterhin Wartungsarbeiten erledigen musste wie ein Servoroboter.

Er war der Beste seines Jahrgangs. Sollte er da nicht auch von den Besten lernen? Nur weil er die Methoden der Paddler nicht blindlings kopieren konnte, bedeutete das schließlich keineswegs, dass er sich nicht trotzdem ihr technisches Verständnis aneignen konnte!

Außerdem schien die wahre Action in der Zentrale der PE-hilfreich stattzufinden. Die MAGELLAN war zurzeit relativ fest in die Paddlerplattform integriert und hatte alleinig nur noch die Befehlsgewalt über ihre internen Bordsysteme inne. Was hingegen die Fortbewegung durch den Weltraum anging, waren die Menschen weitgehend nur noch dazu da, mit ihren Aggregaten die Energieversorgung und den Schutzschirm der Plattform zu verstärken. Falls es wirklich zur Sache ging, dann wohl bei Pelok.

»Wir sind hier fertig.« Schablonskis mürrische Bemerkung riss Kapescu aus seinen Gedanken. Kapescu kehrte jäh zurück in die Realität und damit in die Zentrale der MAGELLAN, die ihm eben noch wie der technische Garten Eden erschienen war. Und nun, wo er sie verlassen sollte, gewann sie wieder zusehends an Reiz.

»Aber ...« Verzweifelt suchte er nach einem Grund, um bleiben zu dürfen. Wenn schon nicht in der Hauptzentrale der Paddler, dann wenigstens im Befehlszentrum des terranischen Expeditionsraumers. »Was ist mit den anderen Sicherungen?«

Schablonski schüttelte den Kopf. »Vor einem Hypersprung können wir ohnehin nichts reparieren, das wäre viel zu riskant.«

Als hätten seine Worte es heraufbeschworen, spürte Kapescu das obligatorische Ziehen im Nacken und einen kurzen Druck im Schädel, dann war alles wieder vorbei.

»Willkommen im Limbus«, verkündete hinter ihm die raue Stimme des Paddlers.

Kapescu sah zur Decke der Zentrale empor, wo sich der Holodom wie eine Kuppel erstreckte. Er zeigte einen völlig fremdartigen Sternenhimmel. Aber die Orientierungsversuche anhand von prägnanten Konstellationen hatte Kapescu ohnehin aufgegeben, seit sie die Milchstraße verlassen hatten.

»Mir wäre lieber, den hätten wir bereits hinter uns«, sagte Deringhouse.

»Tut mir leid, Kommandant«, gab Pelok zurück. »Mit nur einer einzigen Transition schafft es die PE-hilfreich nicht, den Limbus zu durchqueren. Das ist schließlich der Sinn dieser Grenzkontrollzone. Niemand kommt ins Sternenreich von Andrumidia, ohne sich zuvor erkennen zu geben. Oder darf aus dem Thetisergebiet hinaus.«

»Schon klar.« Deringhouse straffte die Schultern. »Wie sieht es mit unseren Freunden aus?«

»Nichts zu sehen«, antwortete der Mann an der Ortung.

Ein unsanfter Stoß traf Kapescu an der Schulter. »Ich hab doch gesagt, wir sind hier fertig«, murrte Schablonski. »Wir sind hergekommen, um zu arbeiten. Nicht, um zu gaffen.«

»Schon gut, Entschuldigung.« Immerhin gab es offenbar ohnehin nichts mehr zu sehen. Die Thetiser waren abgeschüttelt. Wartungsarbeiten und eine langweilige Konfrontation, das war wirklich der mieseste erste Tag an seinem neuen Posten, den er sich vorstellen konnte.

»So ein Dreck!«, rief der Orter.

Kapescu fuhr herum. Aus dem Augenwinkel sah er noch, dass auch Schablonski innehielt. Dann fesselte der Holodom seine gesamte Aufmerksamkeit. Das Grenzschutzgeschwader war zurück.

Der Paddler brummte. Der Ausschnitt des Kommunikationsholos reichte nicht aus, um zu erkennen, was Pelok an Bord der PE-hilfreich tat. Aber die Hektik in seinen Bewegungen war eindeutig.

»Was ist los?«, flüsterte Kapescu.

Schablonski bedeutete ihm mit einer barschen Geste, still zu sein. Mit verbissenem Gesichtsausdruck beobachtete der Chefingenieur die plötzlich aufkommende Nervosität in der Zentrale der MAGELLAN.

Deringhouse vergrößerte einen Ausschnitt im Holodom, der eine schematische Darstellung des Geschwaders und seiner voraussichtlichen Flugbahn zeigte. »Sie holen auf«, sagte er. »Können wir sie abhängen?«

»Ich tue, was ich kann«, antwortete Pelok. »Aber sie müssen bereits vor der Transition beschleunigt haben, jedenfalls haben sie ein ordentliches Tempo drauf und werden immer schneller. Früher oder später werden sie uns einholen. Und damit meine ich eher früher als später.«

Die Paddlerplattform ist zu groß und zu schwer, erkannte Kapescu. Kopfrechnen war nicht seine beste Stärke, man musste jedoch kein Genie sein, um zu erkennen, dass die MAGELLAN allein bessere Chancen gehabt hätte, dem Grenzschutzgeschwader davonzufliegen.

Kapescu kniff die Augen zusammen, um die Werte auf dem Holodom von seiner Position aus lesen zu können. Die Kuppel war natürlich auf die Arbeitstationen der Offiziere und des Kommandanten ausgerichtet, nicht für einen Techniker, der sich an der Wand herumdrückte. Soweit er das sah, flog die PE-hilfreich mit fünfundsiebzig Prozent Lichtgeschwindigkeit, was wohl ihrer Sprunggeschwindigkeit entsprach. Die Thetiserschiffe waren mit knapp über siebzig Prozent aus dem Hyperraum ausgetreten und hatten inzwischen beinahe achtzig erreicht, während die Werftplattform bisher keine nennbare Beschleunigung zeigte.

»Sir, ich erhalte eine Nachricht«, meldete der Ortungs- und Funkoffizier. »Sie fordern uns auf, sofort umzukehren. Andernfalls wollen sie uns mit Waffengewalt dazu zwingen.«

»Das hätten sie wohl gern.« Deringhouse wandte sich an eine japanisch aussehende Frau. »Aktivieren Sie den Libraschirm!« Demnach musste das Tya Sentaku sein, die Waffenchefin der MAGELLAN.

»Schon erledigt.«

»Ist die Transformkanone einsatzbereit?«

Sentaku nickte. Der strenge Haarknoten auf ihrem Kopf wippte dabei leicht auf und ab. »Einsatzbereit ja, aber die Ziele sind zu verstreut, um sie damit zu treffen.«

Deringhouse verzog das Gesicht. »Das habe ich befürchtet. Aber ich will ihnen auch keinen Erstschlag liefern.«

Als hätten die Thetiser nur auf diese Bemerkung gewartet, eröffneten sie das Feuer. Der Schutzschirm, der sich über das Gesamtgebilde aus MAGELLAN und PE-hilfreich spannte, gleißte an verschiedenen Stellen auf. Nach ein paar Sekunden kehrte wieder Stille ein.

Unruhig sah Kapescu sich um. Nun wurde es doch spannend; allerdings war er nicht mehr sicher, ob es tatsächlich das gewesen war, was er sich gewünscht hatte.

»Warnschüsse«, kommentierte die Waffenchefin. »Sie sind zu weit entfernt, um strategisch schießen zu können. Sie wollten wohl nur ihrer Aufforderung ein wenig Nachdruck verleihen.«

Der Kommandant rieb sich nachdenklich das Kinn. »Pelok, hast du in eurem Prospektorenfundus Sprengkörper, die wir als Raumminen verwenden könnten?« Als der Paddler nickte, befahl Deringhouse: »Raus damit! Das sollte sie ein wenig bremsen. Niemand, der halbwegs bei Trost ist, beschleunigt weiter, wenn er auf ein Minenfeld zufliegt.« An Montoya gewandt, fuhr Deringhouse fort: »Rufen Sie Rhodan. Ich fürchte, das wird er sehen wollen.«

Kleine, rote Punkte erschienen im Ortungsholo und verrieten Kapescu, dass der Paddler die Anweisung von Deringhouse umgehend in die Tat umgesetzt hatte. Nur hatte der Kommandant sich mit seiner Einschätzung geirrt, oder die Thetiser waren einfach nicht bei Trost: Sie hielten weiter ungebremst auf die Plattform zu. Kapescu zählte drei Explosionen, wenn er die Darstellungen im Hauptholo richtig deutete. Drei Raumschiffe von zweihundert, die im Minenfeld verglühten. Der Rest wich den gefährlichen Hindernissen anscheinend mühelos aus.

»Sie sind jetzt in Kampfreichweite«, meldete Sentaku.

»Schleusen Sie unsere Beiboote aus!«, befahl Deringhouse, doch sein Ton hatte an Schärfe verloren. »Was davon noch übrig ist.«

Kapescu hörte, wie Schablonski neben ihm durchatmete. Verwundert hob Kapescu die Augenbrauen. Welches Interesse hatte der Chefingenieur an den Kampfpiloten? Da er ihn jedoch nicht an seine Anwesenheit erinnern wollte – und damit auch an die Aufforderung, die Zentrale zu verlassen –, verkniff er sich eine Frage in dieser Richtung. Schablonski war immerhin einmal Soldat gewesen, vielleicht kannte er einige der Piloten, auch wenn die normalerweise jünger und fitter waren als Kapescus Vorgesetzter.

Endlich schleusten die Beiboote aus, und plötzlich wirkten die Grenzschutzschiffe der Thetiser nicht mehr so winzig wie noch vor wenigen Augenblicken. Sie hatten jeweils den fünffachen Durchmesser einer Korvette, und selbst als der Strom der Space-Disks und Dragonflys versiegte, waren die Thetiser nach wie vor in der Überzahl. Außerdem waren sie stärker bewaffnet, das konnte selbst ein Gefechtslaie wie Kapescu erkennen.

Die Thetiser sahen das offenbar genauso, denn sie feuerten erneut auf den Libraschirm, der unter dem massiven Ansturm aufleuchtete. Die terranischen Beiboote flogen enge, schnelle Manöver, versuchten, die Größe der Angreifer gegen sie zu verwenden. Die Menschen blieben zwischen den Thetiserschiffen, wodurch die ihre größere Feuerreichweite nicht zur Geltung bringen konnten. Bei zu massivem Beschuss hätten die Thetiser riskiert, ihre eigenen Schiffe zu treffen. So taktisch die Terraner auch vorgingen, es beeindruckte die Thetiser wenig. Nur eine Handvoll der Grenzschutzschiffe fokussierte ihr Feuer auf die menschlichen Verteidiger. Es genügte, um innerhalb weniger Minuten bereits die erste Korvette in Trümmer zu schießen.

Schablonski ballte die Hände zu Fäusten, Deringhouse stöhnte auf.

»Die zerlegen uns«, stieß der Kommandant zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Funken Sie Icho Tolot an, vielleicht kann er ...«

»Daraus wird nichts.«

Nicht nur Kapescu fuhr bei diesen Worten herum. Er war es tatsächlich: Perry Rhodan, der Protektor der Terranischen Union. Er stand nur zehn Meter von ihm entfernt. Kapescu spürte die Aufregung als körperliches Kribbeln, das sich in seinem Bauch ausbreitete. Wo Rhodan weilte, wurde Geschichte geschrieben. Und Kapescu war mit dabei!

»Tolot ist nicht erreichbar, das habe ich bereits versucht. Bis er sich von sich aus meldet, müssen wir uns selbst unserer Haut erwehren.«

Deringhouse presste die Lippen aufeinander. »Na schön. Hast du einen anderen Vorschlag?«

Rhodan studierte die Datenfelder und dreidimensionalen Darstellungen auf dem Holodom. So ausführlich, dass Kapescu bereits rätselte, was der Protektor darauf entdeckt haben mochte, das ihm entgangen war.

Dann schüttelte Rhodan resigniert den Kopf. »Nicht wenn wir nicht weitere Menschenleben opfern wollen. Wir müssen die Beiboote zurückbeordern und verhandeln.«

Sprach er da tatsächlich davon, aufzugeben?

Der Kommandant schien nichts dabei zu finden. Ohne zu zögern, gab er den Rückzugsbefehl an die Korvetten und kleineren Kampfboote durch.

Kaum war das letzte terranische Beiboot wieder unter den Schutz des Libraschirms zurückgekehrt, meldete der Funker eine neue Nachricht der Thetiser. »Diesmal ist es eine Komverbindung zu einem ihrer Schiffe«, informierte er.

Rhodan nickte Deringhouse zu. »Mal sehen, was sie uns zu sagen haben.«

Angespannt beugte Kapescu sich vor. Endlich würde er Perry Rhodan in Aktion erleben. Der Protektor musste noch ein Ass im Ärmel haben, und Kapescu war begierig darauf, von ihm zu lernen.

Im Kommunikationsbereich des Holodoms erschien das Gesicht eines kleinen, glatzköpfigen Manns mit rundem Gesicht. Seine Augen waren abschätzig zusammengekniffen, der schmale Mund zu einer unsympathischen Miene verzogen, und die rote Gesichtsfarbe legte nahe, dass der Kerl entweder knapp vor dem Herzinfarkt stand oder an einem ordentlichen Sonnenbrand litt. Da er nicht wie ein Sonnenanbeter wirkte, tippte Kapescu auf Bluthochdruck.

»Dies ist eine Information an die Besatzung der Werftplattform mit der Kennung PE-hilfreich«, verkündete der Giftzwerg in unnötig lautem, nölendem Tonfall. Falls er verwundert darüber war, in der vermeintlichen Zentrale einer Paddlerplattform hellhäutige Thetiserähnliche anzutreffen, ließ er sich das nicht anmerken. Vermutlich war es ihm einfach egal, er wollte nur jemanden anschreien. »Ich bin Iljas Verhenno, der Leitende Kopru des achtunddreißigsten Grenzschutzgeschwaders des Sternenreichs von Andrumidia.«

»Tag auch«, antwortete der Paddler, der offenbar ebenfalls eine Funkverbindung zu dem thetisischen Offizier hatte. »Ich würde es begrüßen, wenn du deinen Beschuss verdammt noch mal einstellen würdest.«

Wenn überhaupt möglich, färbte sich Verhennos Gesicht noch dunkler.

Nun endlich mischte sich der Protektor ein. »Wie Sie sehen, haben wir unsere Gegenwehr eingestellt. Wir hegen keine kriegerischen Absichten gegen Ihr Geschwader oder das Sternenreich von Andrumidia, wir möchten nur unsere Reise unbehelligt fortsetzen.«

»Anfrage abgelehnt«, schnauzte Verhenno. »Sie haben unerlaubt das Gebiet des Sternenreichs von Andrumidia verlassen und damit gegen Vorschrift Vier-Punkt-Alpha des Grenzschutzkodex verstoßen. Kehren Sie unverzüglich um. Über die weitere Strafe für Ihre Gegenwehr werden die zuständigen Behörden entscheiden.«

»Das wird nicht möglich sein«, widersprach Rhodan.

»Dann ist das Ihr Problem.« Der Thetiser reckte das feiste Kinn in die Höhe. »Reduzieren Sie die Eigenfahrt auf null. Ihre Plattform ist hiermit unter die Befehlsgewalt des achtunddreißigsten Grenzschutzgeschwaders gestellt. Sie haben zwei Minuten Zeit, um Ihren Umkehrschub zu aktivieren. Danach werden wir Sie lahmschießen und ein Prisenkommando an Bord schicken.«

Damit unterbrach er die Verbindung. Kapescu war fassungslos. Wieso ließ Perry Rhodan so mit sich reden?

»Schöner Mist«, sagte der Protektor. Er wandte sich an das Hologramm, das vor dem Pilotensitz leuchtete. »Ich nehme nicht an, dass die PE-hilfreich in den nächsten zwei Minuten sprungbereit ist?«

Pelok lachte auf. »Tut mir leid, aber für Wunder reichen unsere Kapazitäten heute nicht mehr. Mit der MAGELLAN allein würdet ihr es wohl schaffen. Aber auch ihr könnt sie nicht so schnell von der PE-hilfreich lösen und uns zurücklassen.«

»Das haben wir sowieso nicht vor«, antwortete Rhodan. »Keine Sorge.« Er sah sich um, als erwartete er das Wunder nun von anderer Seite. Auf Kapescu blieb sein Blick kurz hängen, dann hatte er sich schon wieder an den Paddler gewandt. »Tu, was die Thetiser verlangen.«

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!«, platzte es aus Kapescu heraus. »Sie können doch nicht einfach aufgeben!«

Der Protektor drehte sich langsam um, und diesmal war ihm die Irritation deutlich anzusehen. »Und Sie sind?«

»Kapescu.« Seine Stimme klang fiepsig, unreif. Er räusperte sich und setzte erneut an. »Alexander Kapescu, Sir.«

Schablonski seufzte vernehmlich. »Ich fürchte, der gehört zu mir.«

Darauf ging Rhodan nicht weiter ein. »Und welche Alternative können Sie uns nennen, Mister Kapescu, die nicht weitere Menschenleben opfert?«

Kapescu verfluchte seine vorlaute Art. Er hatte keinen großartigen Plan, aber das konnte er nicht zugeben. »Was, wenn wir die Transitionstriebwerke der MAGELLAN mit denen der PE-hilfreich koppeln, ähnlich wie wir es beim Libraschirm getan haben?« Bei diesem Unterfangen hatte er mitgeholfen, und das war kein Problem gewesen. Je länger er redete, desto plausibler schien ihm dieser Gedanke, auch wenn Rhodan das Gesicht verzog. Kapescu nickte heftig. »Denken Sie doch nach«, fuhr er eifrig fort. »Die PE-hilfreich benötigt eine Geschwindigkeit von fünfundsiebzig Prozent Lichtgeschwindigkeit, um in den Hyperraum einzutreten. Die MAGELLAN nur fünfzig, und sie hat eine geringere Refraktionszeit als alle Schiffe, denen wir bisher in Andromeda begegnet sind, was also mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf dieses Grenzschutzgeschwader zutrifft. Wir können wie gefordert die Geschwindigkeit reduzieren. Bei der Schubkraft der Plattform dauert es grob gerechnet zwei Tage, um auf null abzubremsen. Nach sechzehn Stunden wären wir bei fünfzig Prozent. Wenn uns bis dahin der Zusammenschluss gelungen ist ...«

»Die zwei Minuten sind um«, unterbrach Rhodan. »Pelok, bitte leite das Bremsmanöver ein.«

Kapescu fühlte einen harten Griff an seinem Arm. »Sparen Sie sich solche Einfälle das nächste Mal für die Theoriestunden«, flüsterte Schablonski ihm ziemlich ungehalten zu.

War der Chefingenieur etwa sauer, weil er ihn übertrumpft hatte? »Es könnte funktionieren!«, beharrte Kapescu.

»Ja, könnte. Aber abgesehen davon, dass die Zeit nicht reicht und dass die Thetiser nicht so blind sind, dass ihnen ein derartig gravierender Eingriff entginge ... Wenn es nicht funktioniert, fliegen uns die Aggregate um die Ohren und wir hocken hier im Grenzgebiet zwischen dem Sternenreich von Andrumidia und dem Rest der Galaxis fest – und zwar ohne Antrieb. Also ein hübscher Einfall, aber nicht praxistauglich, vor allem nicht in einer Krisensituation!«

»Aber ...«

»Ich kannte die Männer, die auf dieser Korvette gedient haben«, sagte Tim Schablonski. »Ich habe sie ausgebildet. Himmel, ich selbst bin früher in einer dieser Dragonflys in den Einsatz geflogen. Wenn Rhodan sagt, eine Kapitulation ist die beste Lösung, dann ist das auch so. Also halten Sie sich an die Technik, Junge, und hören Sie auf, sich in taktische Entscheidungen einzumischen, von denen Sie nichts verstehen!«

Damit wollte Schablonski ihn gerade endgültig aus der Zentrale hinausbugsieren, als erneut der Alarm losging.

»Sir«, meldete der Orter. »Wir bekommen noch mehr Besuch. Da fällt noch ein Geschwader aus dem Hyperraum. Schiffe unbekannter Bauart und Herkunft. Hunderte ... Nein, korrigiere: mindestens tausend davon. Und sie haben sofort das Feuer eröffnet.«

»Ich sehe keine Treffer.« Perry Rhodan klang verwundert.

»Weil sie nicht auf uns schießen«, sagte Conrad Deringhouse. »Sie greifen die Thetiser an.«

2.

Strafe der Gerechten

Mirona Thetin schaute in die Gesichter der versammelten Piloten, die sich in dem Hangar eingefunden hatten. Ausgezehrt, bleich und deutlich von dem Drogenmix gezeichnet, den sie sich injizierten, um die Raumboote ihrer Meute steuern zu können.

Nützliche Schwächlinge. Das war alles, was Thetin in ihnen sah. Austauschbare Teile der Maschinerie aus Fleisch, die sie in Andrumida errichtet hatte. Süchtig nach dem einzigen Zweck, den sie in diesem Gefüge erfüllten: auf Befehl zu jagen, zu hetzen ... und zu vernichten.

Nur dass sie in diesem Fall auf ganzer Linie versagt hatten. Sie hatten gegen den ausdrücklichen Befehl von Mirona Thetin gejagt, und sie hatten ihr Ziel nicht zerstört, sondern waren selbst nahezu ausgelöscht worden. Aber sie würde nicht das Werkzeug bestrafen für den Fehler, den derjenige begangen hatte, der es hätte lenken müssen. Sie wandte sich dem eigentlichen Quell dieser unerquicklichen Situation zu: Trinar Molat. Faktor II. Ihr Stellvertreter.

Er trug dieselbe schwarze Robe wie Thetin, dieselbe Maske, die ihre Gesichter verschleierten und Sternenfratzen daraus machten. Er stand aufrecht, als wäre er sich keiner Schuld bewusst. Oder als wüsste er, dass sie ihm nichts anhaben konnte. Sie würde keinen Meister der Insel zu Fall bringen, nicht vor all diesen sterblichen Zeugen. Der Status der Faktoren musste unantastbar bleiben.

Wenn du dir da deiner Sache nicht ein wenig zu sicher bist.

Oder dachte er etwa, sie würde Milde walten lassen, nur weil sie eine gemeinsame Vergangenheit miteinander verband? Diese Verbindung war ebenso tot wie der Sohn, der daraus hervorgegangen war. Molat müsste es besser wissen.