Perry Rhodan Neo 176: Arche der Schläfer - Madeleine Puljic - E-Book

Perry Rhodan Neo 176: Arche der Schläfer E-Book

Madeleine Puljic

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Beschreibung

Im Jahr 2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Damit erschließt er der Menschheit den Weg zu den Sternen. In den Weiten der Milchstraße treffen die Menschen auf Gegner und Freunde; es folgen Fortschritte und Rückschläge. Nach 2051 wird die Erde unbewohnbar, während Milliarden Menschen zu einem unbekannten Ort transportiert werden. 2055 reist Rhodan mit dem riesigen Fernraumschiff MAGELLAN in die Galaxis Andromeda, findet dort aber keine Spur zur vermissten Erdbevölkerung. Er kehrt in die Milchstraße zurück – doch die Passage schlägt fehl. Die MAGELLAN strandet in der sogenannten Eastside. Die Besatzung begegnet den fremdartigen Blues und knüpft nach anfänglichen Konflikten erste Freundschaften. Danach steuert Perry Rhodan eine geheimnisvolle Region an, die man Droo Karuuhm nennt. Er hofft dort Hinweise zu finden, warum es die MAGELLAN in die Eastside verschlagen hat – stattdessen stößt er auf die ARCHE DER SCHLÄFER ...

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Band 176

Arche der Schläfer

Madeleine Puljic

Cover

Vorspann

1. Perry Rhodan

2. Tuire Sitareh

3. Ambrose Escher

4. Tuire Sitareh

5. Perry Rhodan

6. Ambrose Escher

7. Perry Rhodan

8. Herxxell

9. Tuire Sitareh

10. Icho Tolot

11. Perry Rhodan

12. Ambrose Escher

13. Perry Rhodan

14. Tuire Sitareh

Impressum

Im Jahr 2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Damit erschließt er der Menschheit den Weg zu den Sternen.

In den Weiten der Milchstraße treffen die Menschen auf Gegner und Freunde; es folgen Fortschritte und Rückschläge. Nach 2051 wird die Erde unbewohnbar, während Milliarden Menschen zu einem unbekannten Ort transportiert werden.

2055 reist Rhodan mit dem riesigen Fernraumschiff MAGELLAN in die Galaxis Andromeda, findet dort aber keine Spur zur vermissten Erdbevölkerung. Er kehrt in die Milchstraße zurück – doch die Passage schlägt fehl.

Die MAGELLAN strandet in der sogenannten Eastside. Die Besatzung begegnet den fremdartigen Blues und knüpft nach anfänglichen Konflikten erste Freundschaften.

Danach steuert Perry Rhodan eine geheimnisvolle Region an, die man Droo Karuuhm nennt. Er hofft dort Hinweise zu finden, warum es die MAGELLAN in die Eastside verschlagen hat – stattdessen stößt er auf die ARCHE DER SCHLÄFER ...

1.

Perry Rhodan

»Lauft schneller!«, brüllte Perry Rhodan seinem Team zu. Icho Tolot hatte Rhodan abgesetzt und sich Eric Leyden zugewandt.

Dann war der erste Feind heran. Die gut vierzig Zentimeter lange, tausendfüßlerartige Kreatur sprang ihm ans Bein und hieb die Zangen in seinen Anzug. Die Positronik reagierte auf den Schockimpuls in Rhodans Neuronen und aktivierte den Schutzschirm. Das Biest flog in hohem Bogen davon, als es vom Prallschirm fortgeschleudert wurde, doch der Widerstand schien es nur weiter anzustacheln. Sofort kroch es wieder heran. Die spitzen, insektenartigen Beine bohrten sich mit kratzenden Geräuschen in den Kreellschnee, die Mandibeln klackten angriffslustig.

Rhodan zielte mit seinem Thermostrahler und feuerte, aber davon ließ sich das Tier nicht beeindrucken. Es schüttelte sich kaum merklich und sprang ihn erneut an, gieriger als zuvor. Diesmal landete es auf Rhodans Brust, und trotz des Prallschirms gelang es dem Biest, sich an ihm festzuklammern.

Das war unmöglich! Wie zum Teufel schaffte es dieses Ungeheuer, sich in einen Prallschirm zu krallen?

Ob unmöglich oder nicht, das Mistvieh hing an ihm wie eine Klette, seine Beißzangen schnappten unmittelbar vor Rhodans Gesicht zusammen. Verzweifelt schlug er mit dem Griff seines Strahlers auf den harten Panzer des Gegners ein und versuchte, die unzähligen Gelenke des Tiers von sich zu drücken.

Aus den Helmlautsprechern gellte das hektische Piepen der Positronik, die eine Warnung nach der anderen an das Kommunikationsgerät an seinem Arm sandte. Rhodan fand keine Gelegenheit, die Meldungen zu lesen, doch das Flackern des Energieschirms genügte ihm. Die Blase des Schutzschirms war dabei, zu kollabieren. Hastig aktivierte Rhodan einen weiteren Schutzschirm, enger am Körper. Gerade rechtzeitig, ehe sich die Krallen in seine Brust bohren konnten.

Leider war das ein Trick, der nur ein einziges Mal funktionierte. Was auch immer das Biest mit Rhodans Schirmen anstellte, lange würden sie nicht mehr halten, und dann gab es nichts mehr, das zwischen ihm und den scharfen Zangen lag.

Er spürte einen dumpfen Aufprall am Bein, gleich darauf einen weiteren am Rücken. Das Klacken und Schaben nahm zu. Mindestens drei der Kreaturen hingen an ihm, suchten nach einem Weg durch die Schirme. Rhodan warf sich auf den Rücken, hörte das leise Knirschen des Panzers, fühlte die tastenden Insektenbeine in seinem Nacken. Er drückte dem Monstrum vor seinem Gesicht die Mündung des Thermostrahlers zwischen die Kiefer und feuerte erneut. Sein Schuss zeigte ebenso wenig Wirkung wie beim ersten Mal.

Was sind das bloß für Drecksviecher?

An seltsame Fauna war er ja durchaus gewöhnt, aber derart widerstandsfähig war eine fremde Tierwelt selten. Was auch immer diese Dinger sein mochten, sie waren einfach nicht totzukriegen! Auf Modul und im Verremsystem hatten sie Überreste gesehen, die diesen Biestern ähnelten. Lebendigen Exemplaren hatte er eigentlich nie begegnen wollen, aber immerhin bedeuteten die früheren Funde, dass sie nicht unsterblich waren. Er hatte nur noch nicht das richtige Mittel gefunden, um ihnen den Garaus zu machen.

Rhodan sparte sich weitere Schüsse und setzte stattdessen auf stumpfe Gewalt. Er versuchte, die Biester von sich runterzustemmen, doch die vielgliedrigen Körper waren unablässig in Bewegung. Er bekam sie nicht zu packen, ständig entwanden sie sich seinem Griff.

Das hektische Piepsen der Positronik ging in jenen Modus über, der normalerweise von rot umrandeten Warnhinweisen begleitet wurde.

Nein, nein, nein!

Rhodan hieb mit den Beinen auf den Boden, schlug mit der Wut der Verzweiflung um sich. Sie waren so weit gekommen. Nach all den Irrwegen waren sie endlich in die Milchstraße zurückgekehrt, hatten endlich den ersehnten Hinweis auf den Verbleib der Menschheit gefunden. Die Memeterarche lag direkt vor ihnen, keine hundert Meter von ihm entfernt! Er war fast zu Hause, hatte es fast geschafft. Er war unsterblich geworden, um seine Familie, sein Volk zu retten. Nach all dem konnte es doch nicht sein, dass er auf diesem elenden Mond verreckte, aufgefressen von überdimensionalen Käfern!

Er ballte die Hand, aktivierte den Kraftverstärker in seinen Armen und stieß die Faust mit aller Wucht in das Maul des Biests, das vor seinem Gesicht geiferte. Noch ehe er es berührt hatte, zerplatzte das Vieh. Sein Schlag ging ins Leere. Sofort fiel der Druck von seiner Brust, ebenso von seinem Bein. Das Zappeln unter seinem Rücken hörte auf, und eine bläulich transparente, zähflüssige Soße tropfte von seinem Schutzschirm. Angewidert wischte Rhodan sich über das Gesichtsfeld.

Als er aufsah, erblickte er jedoch nicht wie erwartet das breite Grinsen und die drei glutroten Augen von Icho Tolot. Stattdessen war es die zierliche, kastanienbraunhaarige Frau, deren Bekanntschaft sie eben erst gemacht hatten – Nadine Bellusca. Sie hielt ihre eigenartige Waffe, die aussah wie eine Mischung aus einem Druckluftgewehr und einer Farbpistole, auf die nachstürmenden Käfer gerichtet.

»Geht's?«, fragte sie, ohne den Blick von ihren Gegnern zu nehmen.

»Ja. Danke.«

Schwungvoll kam Rhodan auf die Beine. Ein Blick nach unten zeigte ihm die Überreste der dritten Kreatur, die an seinem Rücken gehangen hatte. Wo sein Körper den des Insekts bedeckt hatte, war es unversehrt. Der Rest hatte sich in Matsch aufgelöst.

Ein leises Ploppen war zu hören, das beinahe in dem Schaben und Schnarren der Ungeziefer unterging. Bellusca feuerte auf die Käferhorde, und obwohl Rhodan keine Projektile oder Strahlen sah, explodierten die getroffenen Biester augenblicklich, während ihre Artgenossen in unmittelbarer Nähe zumindest ein Stück zurückwichen. Die Waffe der ihrer Sprachfärbung nach wahrscheinlich italienischstämmigen Terranerin war demnach weit effektiver als Rhodans Thermostrahler.

Diese Menschen hatten immerhin über drei Jahre Zeit, um zu lernen, wie man sich gegen diese Kreaturen zur Wehr setzt.

Nun begriff er auch, weshalb sie ihn und seine Leute angewiesen hatte, Schutz zu suchen. Sie wollte nicht aus purem Heldenmut allein zurückbleiben – jeder Schuss, den sie benutzen musste, um einen Unbewaffneten wie Rhodan vom Käferbefall zu befreien, war einer, den sie nicht in Richtung der Angreifer feuern konnte. Und diese Pausen gaben dem Insektenschwarm die Gelegenheit, nachzurücken. Bellusca tat ihr Bestes, die heranstürmenden Viecher zurückzudrängen, und so ungern Rhodan es auch einsah: Er konnte ihr nicht helfen, außer dadurch, dass er ihr nicht im Weg stand.

Er wandte sich in die Richtung, in die ihre Begleiter geflohen waren. Durch das Kreellgestöber, das seit ihrer Ankunft auf Impos immer dichter wurde, konnte er die Schiffbrüchigen der AVEDANA-NAU gerade noch erkennen. Sie hatten die havarierte Arche schon fast erreicht.

Sein eigenes Team war nicht so gut vorangekommen. Eric Leyden lag auf dem Bauch und kam gerade erst wieder auf die Beine. Icho Tolot stand über ihm, eine dreieinhalb Meter hohe, schwarze Gestalt, und kämpfte mit allen vier Armen verbissen gegen die Angreifer. Doch selbst dem Haluter gelang es nicht, den zähen Kreaturen ernsten Schaden zuzufügen. Ein paar Meter weiter wirbelte Tuire Sitareh in beeindruckenden Kampftechniken über den Boden. Auch er konnte den wurmartigen Käfern nichts anhaben, aber wenigstens kamen sie nicht nah genug an ihn heran, um sich an ihm festzubeißen.

Rhodan rannte los. Er hatte noch keinen Plan, wie er seinen Freunden helfen sollte, aber tatenlos zusehen, während sie um ihr Leben kämpften, würde er nicht. Im Laufen steckte er den offensichtlich nutzlosen Strahler weg und warf einen Blick auf die Anzeige seines Komarmbands. Die Warnungen waren in den gelben Bereich gerutscht, der Schutzschirm hatte sich fast vollständig regeneriert. Weit genug, dass er einen Energieschub riskieren konnte.

Er aktivierte den Antigrav, dazu die Kraftverstärker in den Beinen, und stieß sich ab. Nahezu schwerelos segelte er auf die kleine Gruppe seiner Mitstreiter zu. Er spannte die Muskeln an, desaktivierte den Antigrav und rammte mit der vollen Wucht seines Momentums gegen eins der Biester, das sich an Tolots Schulter verbissen hatte. Rhodan riss den Wurmkäfer zu Boden und nagelte ihn mit seinem Körper dort fest. Das Vieh wand sich unter seinem Griff, allerdings nicht aus Schmerz. Es zuckte, hob sich ihm entgegen und hieb die Hauer in Rhodans Schutzschirm.

Und das war nicht sein einziges Problem. Angezogen von seinem plötzlichen Auftauchen, strömten weitere der unterarmlangen Insekten auf ihn zu. Er konnte sie rascheln und klacken hören, spürte das Kribbeln an seinen Beinen, während sie daran emporkletterten.

»Der Schutzschirm!«, schrie Leyden irgendwo hinter ihm. Seine Stimme ging fast unter in den durchdringenden Geräuschen der Käfer. »Schalten Sie das Energiefeld aus!«

War der Kerl völlig wahnsinnig geworden? Der Schutzschirm war das Einzige, was Rhodan überhaupt noch am Leben hielt, und selbst diese vermeintliche Sicherheit würde bald enden. Er würde den Teufel tun und sich den Biestern völlig schutzlos präsentieren.

»Sie fressen die Energie!«, rief Leyden weiter. Diesmal klang seine Stimme lauter. Näher.

Rhodan zuckte zusammen, als etwas neben seinem Kopf zu Boden fiel, doch es war nur das Knie des Hyperphysikers.

»Sie haben von mir abgelassen, sobald mein Schirm zusammengebrochen war«, berichtete Leyden hastig. »Ich glaube, ihr Metabolismus bevorzugt Energie in Reinform.«

»Erklären Sie das mal Tolot«, presste Rhodan hervor.

Der Haluter trug keinen schweren Schutzanzug, sondern nur stabile Expeditionskleidung, dennoch hingen die Tiere wie Blutegel an ihm. Tolot tat sein Bestes, sie abzuwehren, immer wieder verhärtete er die Struktur seiner Haut, machte sie für die Angreifer schwerer zu durchdringen. Aber damit nahm er auch sich selbst die Beweglichkeit, sodass er diesen Zustand schnell wieder aufgeben musste. Sein Körper war bereits an mehreren Stellen von tiefen Wunden gezeichnet.

Trotzdem musste Rhodan zugeben, dass die meisten von Tolots Gegnern verschwunden waren. Dem Druck und dem unangenehmen Krabbeln in seinem Rücken nach zu urteilen, hatten sie sich stattdessen auf den Mann im Schutzschirm gestürzt – auf Rhodan.

»Nun, wie schon Einstein erkannte, besteht eine Äquivalenz zwischen Energie und Masse. In Ermangelung der primären Nahrungsquelle, also einem Energieschirm, stürzen sie sich auf die bestmögliche Ersatzoption – feste Nahrung.«

»Was bedeutet«, vermutete Rhodan keuchend, »sobald ich den Schutzschirm desaktiviere, geben sich die Biester damit zufrieden, statt der Energie einfach uns aufzufressen?«

»So betrachtet, haben Sie recht«, lenkte Leyden ein. »Lassen Sie den Schirm an. Früher oder später wird er ohnehin aussetzen. Unsere Technik kommt mit den Bedingungen auf Impos nicht gut zurecht, das wissen Sie.«

Für ein Genie konnte der Hyperphysiker manchmal enorm auf der Leitung stehen. Rhodan verbiss sich jedoch den entsprechenden Kommentar. Stattdessen befahl er nur: »Holen Sie Bellusca!«

»Ich glaube, das ist nicht mehr notwendig.« Leyden erhob sich.

Die Käferhorde! Es waren zu viele Angreifer! Alarmiert versuchte Rhodan, sich aufzurichten, doch gegen das Gewicht in seinem Rücken kam er nicht an. Sosehr er den Kopf verrenkte, er konnte nichts erkennen außer Kreellverwehungen und glattem Molkex, eine Ödnis aus Weiß und Schwarz. Ich hätte sie nicht allein zurücklassen dürfen ...

In diesem Moment hörte er das leise Ploppen der eigenartigen Waffe, mit der Bellusca die Biester zum Zerplatzen gebracht hatte. Augenblicklich verschwand der Druck auf Rhodans Rücken. Zurück blieb nur das Gefühl von gallertartigem Schleim.

»Los, kommen Sie!« Das war Emerald Roscoffs Stimme.

Rhodan sah auf. Die Schiffbrüchigen waren nicht geflohen, wie er gedacht hatte – sie hatten Verstärkung geholt. Sam Turgeon, der Mann neben Roscoff, war ein wahrer Hüne, und er trug dieselbe Waffe wie Bellusca.

»Schnell!«, rief Roscoff. »Im Schiff sind wir vor den Bohrschredden sicher!«

Rhodan kam auf die Beine und sah sich um. Bellusca feuerte immer noch auf die nachrückenden Gegner, doch sie hatte inzwischen einen ordentlichen Vorsprung vor den Viechern und schon fast zu ihren Gefährten aufgeschlossen. Es war eindeutig, dass sie keine Unterstützung nötig hatte – und wenn, dann von ihren eigenen Leuten. Nicht von einem Protektor, der nicht einmal sich selbst helfen konnte.

»Kommen Sie!«, forderte er Leyden auf.

Der Hyperphysiker schüttelte nur verwundert den Kopf. »Also wirklich! Sie sehen sich diese Krabbeldinger an und Ihnen fällt nichts Besseres ein als ›Bohrschredden‹?«, fragte er. »Nennt sie doch gleich ›Hornschreckwürmer‹!«

»Lassen Sie's gut sein«, sagte Rhodan. Er desaktivierte seinen Schutzschirm und folgte den anderen zu dem abgestürzten Memeterschiff. Obwohl es der Länge nach auf einem der zweiundvierzig Monde von Moloch aufgeschlagen war, ragte es immer noch turmhoch über ihnen auf. Ein Koloss aus dunklem, graubraunem Stahl, und das war nur, was sie von ihrer Position aus sehen konnten. Er hatte ganz vergessen, wie imposant die Arche wirkte, selbst in ihrem derzeitigen Zustand, demoliert und halb in eisigem Kreell vergraben.

»Nein, denken Sie doch mal drüber nach!«, ereiferte sich Leyden. »Wie unpraktisch ist das denn, einen derart umständlichen Namen zu rufen, wenn der Feind im Anmarsch ist?« Immerhin setzte er sich in Bewegung und trabte neben Rhodan auf das zwölf Kilometer lange Schiff zu. »Und überhaupt, wozu denn bitte das ›Schreck‹ im Wort? Hornwürmer, meinetwegen. Obwohl ich da auch passendere Bezeichnungen gefunden hätte. ›Killerraupen‹ zum Beispiel.«

»Sie haben diesen Mond benannt«, murrte Rhodan. »Tun Sie mir einen Gefallen, und belassen Sie es dabei!«

»Ich finde Hornschreckwürmer stimmig«, sagte Roscoff. »Ich mochte ›Bohrschredden‹ nie. Ich gratuliere.«

Leyden verzog das Gesicht, als litte er unter heftigen Zahnschmerzen.

Vor ihnen erklang ein donnerndes Geräusch, das Rhodans Zwerchfell schmerzhaft vibrieren ließ. Tolots verbissener Ausdruck bewies, dass der Haluter darum kämpfte, nicht brüllend loszulachen, wofür Rhodan dankbar war – zum einen, weil er seine Bemerkung durchaus nicht als Scherz gemeint hatte, zum anderen, weil Halutergelächter und menschliche Ohren nicht füreinander geschaffen waren.

Roscoff, der vermutlich keine Ahnung hatte, welch unangenehmer Erfahrung er gerade entging, deutete auf ein amorphes Gebilde, das sich über einen meterlangen Riss wölbte, der sich quer am Schiffsrumpf entlangzog. Dem Aussehen nach bestand es aus Molkex – was an einem Ort wie diesem nicht weiter verwunderte. Es wirkte jedoch bearbeitet.

»Sie können Molkex bearbeiten?«, staunte Rhodan.

»Molkex?«, fragte Roscoff. »Ah – das Schwarzk'ee? Sie kennen das Zeug?«

»Ein Name von Doktor Leyden«, sagte Rhodan. »Mittlerweile ist es die offizielle Bezeichnung bei uns.«

»Ohne dieses ... Molkex wären wir längst Geschichte«, sagte Roscoff. »Da lang.«

Rhodan staunte nicht schlecht, als sich das Konstrukt unerwartet leicht beiseiteschieben ließ. Dahinter kam ein schmaler Zwischengang zum Vorschein, der in einer weiteren improvisierten Tür endete; diese allerdings aus Metallplatten, die wohl aus dem Innern des Schiffs stammten. In Anbetracht der offenbar nur beschränkten Mittel, die den Schiffbrüchigen zur Verfügung standen, war diese behelfsmäßige Schleuse äußerst effektiv, um die Kälte und die Hornschreckwürmer draußen zu halten. Und das Tor war groß genug, um selbst einem Haluter Einlass zu gewähren.

Icho Tolot trat ein und sah sich um, gefolgt von Eric Leyden, Emerald Roscoff und Sam Turgeon. Nur Tuire Sitareh stand vor dem Eingang, als wäre er ebenso im Kreell festgefroren wie die AVEDANA-NAU.

»Was ist?«, fragte Rhodan.

Der Aulore legte die Stirn in Falten. Der tätowierte Rabe darauf sah aus, als würde er angriffslustig die Flügel heben. »Nichts«, sagte Sitareh, doch das Wort kam zäh aus seinem Mund. Er schüttelte den Kopf. »Es ist nichts. Wir sollten hineingehen, bevor die Hornschreckwürmer aufholen.« Damit betrat auch er die Arche.

»Sie haben Ihren Freund gehört!« Nadine Bellusca erschien neben Rhodan, ihre Wangen gerötet von der Kälte und vom Kampf. Es passte erstaunlich gut zu den kurzen, kastanienbraunen Locken, die ihr ins Gesicht hingen. Sie schwenkte die Waffe im Halbkreis und schoss einige Male, die Arche im Rücken.

Die Hornschreckwürmer hatten außerhalb ihrer Reichweite Aufstellung bezogen. Ihre Zangen klackten wütend aneinander, doch anscheinend hatten sie für den Augenblick genug ihrer Artgenossen zerplatzen gesehen.

»Der Hyperschall hält sie eine Weile ab«, erläuterte Bellusca. »Da die Wirkung lokal ziemlich begrenzt ist, vermuten wir, dass sie auf irgendeine Art eine Warnung kommunizieren.« Sie sah Rhodan auffordernd an. »Sie müssen wohl immer den Helden spielen, was?«

»Eigentlich ist das meistens nicht meine Absicht.«

»Klar, deshalb bleiben Sie jedes Mal zurück, bis alle anderen in Sicherheit sind.«

Perry Rhodan war sich nicht sicher, ob er ihre Worte als Vorwurf oder als Kompliment auffassen sollte.

2.

Tuire Sitareh

Widerwillig betrat Tuire Sitareh das Raumschiff der Memeter. Nicht weil er den gestrandeten Terranern oder der Stabilität des Schiffkolosses misstraut hätte. Es war das leise Wispern, das seine Gedanken streifte. Nur die Ahnung eines Gefühls, doch es erinnerte ihn schmerzlich an die Zeit, als er ihn zum ersten Mal in seinen Gedanken wahrgenommen hatte. Den Darojib.

Den Memeteranzug, der ihn gelockt hatte, mit Macht und Wissen. Mit seiner eigenen Vergangenheit. Sitareh hatte sich stark gefühlt, wenn er in die blaue Haut geschlüpft war. Aber es war keine Macht gewesen, die ihn dort erwartet hatte, sondern Abhängigkeit – und er war froh, sich aus dieser geistigen Umklammerung gelöst zu haben. Dennoch ...

Er schüttelte den Gedanken ab. Nein, er vermisste den Darojib nicht. Es war nur eine Erinnerung, ein Albtraum, aus dem er sich freigekämpft hatte.

Freigehandelt, meinst du wohl eher, krächzte Thaynar.

Nenn es, wie du willst, erwiderte Sitareh stumm. Was zählt, ist das Ergebnis.

Eine Stimme in seinem Kopf war wahrhaftig bereits genug, um ihn in den Wahnsinn zu treiben.

Er streifte den Kapuzenhelm seines Schutzanzugs nach hinten, wartete, bis er sich selbsttätig im Kragen der Montur zusammengefaltet hatte, und strich sich das Haar aus dem Nacken. Die Haut kribbelte unter seiner Berührung, und bei genauem Hinsehen sah er nadelfeine, rote Punkte in dem sonst gleichmäßigen Bronzeteint seines Handrückens. Einblutungen, erkannte er. Materialisierendes Kreell hatte winzige Löcher in ihn gefressen, wahrscheinlich auch überall sonst auf seiner Haut, und das waren nur die oberflächlichen Verletzungen. Im Innern seines Körpers sah es vermutlich nicht besser aus. Die Unzuverlässigkeit der Prallschirme war immer stärker geworden. Die Ausfälle der gesamten Schutzanzugtechnik mehrten sich und damit die Belastungen durch das Kreell.

Sein Pulsschwinger arbeitete bereits daran, die Schäden zu heilen, wie bestimmt auch Perry Rhodans Zellaktivator. Nach allem, was er über den Haluter wusste, dürfte auch Tolot mit dieser Widrigkeit zurechtkommen. Aber was war mit Eric Leyden und den auf Impos gestrandeten Menschen? Wie hatten Letztere mehr als drei Jahre in dieser unwirtlichen Umgebung überlebt, ohne an inneren Blutungen oder Krebsgeschwüren zu sterben?

Er musterte die beiden Männer und die Frau, die ihnen gerade das Leben gerettet hatten. Sie waren in der Tat gut an ihre neue Heimat angepasst. Die voluminösen Mäntel, die sie vor der Kälte schützten, waren nicht aus Tierfell, sondern aus einem eigenartigen, anscheinend pflanzlichem Material gefertigt, und als Bellusca das schneeartige Kreell aus ihrem Pelz schüttelte, sah er kleine, schwarze Platten in die dicken Fasern eingearbeitet. War das etwa Molkex?

Sobald sich alle an Bord versammelt hatten, setzen sie ihren Weg ins Schiffsinnere gemeinsam fort. Es dauerte deutlich länger als eine Stunde, bis sie das Habitat der Schiffbrüchigen erreichten. Tolots Größe zwang alle zu Umwegen, die von den »Eisbrechern«, wie sich die bunte Schar der auf Impos Gestrandeten offenbar nannte, zwar erkundet, aber kaum je benutzt worden waren. Den letzten Abschnitt bahnte sich der Haluter selbst und durchbrach dazu einige Wände. Schließlich kamen sie vor einer sichtlich improvisierten Tür an.

Die schlanke Frau, die dem größeren ihrer beiden Schicksalsgefährten gerade mal bis zur Brust reichte, griff nach dem Hebel der Tür. Sofort trat Sam Turgeon hinzu und übernahm für sie. Er stemmte sich gegen die Metallplatte, die mit einem hässlichen Quietschen über den Boden schrammte. Dennoch klang es in Sitarehs Ohren wie ein sehnsüchtiges, erwartungsvolles Seufzen.

»Tut mir leid«, kommentierte Bellusca. »Das Öl ist uns schon vor einer ganzen Weile ausgegangen.«

»Keine Sorge«, sagte Rhodan. »Wir sind Schlimmeres gewohnt. Machen Sie sich unseretwegen bitte keine Umstände.«

Emerald Roscoff stieß ein schnaubendes Lachen aus. Den Rest seiner gemurmelten Meinungsäußerung beachtete Sitareh nicht mehr. Aufmerksam sah er sich in dem Raum um, den die Terraner nun seit über drei Jahren ihr Zuhause nannten.

Wohnlich war es darin nicht gerade. Es kostete Sitareh ein paar Sekunden, ehe er den Grund dafür erkannte: Etwas fehlte. Wohin die Menschen auch unterwegs waren, sie brachten stets kleine Habseligkeiten mit. Nutzlosen Krimskrams, der sie an geliebte Personen erinnerte, an ihre Heimat, an Ereignisse. Etwas, was jemand wie er nicht nachfühlen konnte. Vielleicht, weil seine eigene Vergangenheit ihm in großen Teilen nach wie vor fremd war, und das, woran er sich erinnerte, hätte niemals in ein Souvenir gepasst. Abgesehen von denen, die er immer bei sich trug. Er unterdrückte den Drang, seine Tätowierung zu betasten. Nein, Krimskrams zu sammeln, war nicht seine Art. Dennoch hatte er sich an diese Eigenart der Terraner gewöhnt, und ohne diesen unnötigen Kleinkram wirkte der Raum leer und verwaist.

Die weitläufige Unterkunft der Schiffbrüchigen war vollgestellt mit Kisten, Containern und Ausrüstung aller Art. Sitareh zählte fünf Menschen und einen Blue. Nadine Bellusca, Emerald Roscoff und Ambrose Escher waren ihnen bereits draußen begegnet. Ebenso wie Sam Turgeon, der sogar Sitareh um einige Zentimeter überragte, und Herxxell. Der Azaraq hielt den breiten Tellerkopf gesenkt und streichelte ein schwarzes, pelziges Ding, während er die Neuankömmlinge mit seinem hinteren Augenpaar im Blick behielt, wozu er gelegentlich den Kopf neigen musste. Auf einem quaderförmigen Podest hockte eine weitere Terranerin, eine alte Frau mit asiatischen Zügen, die unter den unzähligen Runzeln in ihrem Gesicht nahezu verschwanden. Auch sie hielt den Kopf gesenkt. Ein leises Schnarchen verriet, dass sie von der Ankunft ihrer Gäste noch nichts mitbekommen hatte.

An der rückwärtigen Seite der Halle stapelte sich Gerümpel. Mithilfe von Vorratskisten und von der Decke hängenden Flicken hatten sich die Eisbrecher notdürftig ein wenig Privatsphäre verschafft. In jeder dieser improvisierten Nischen entdeckte Sitareh eine Stasiskapsel, die als Bett herhielt; eine davon war erkennbar eine Medoeinheit. Die fünf Schlafzapfen waren geöffnet und inaktiv, die Medokapsel war geschlossen.

Wie es aussah, hatten diese Menschen Glück im Unglück gehabt. Als die AVEDANA-NAU im Ovisystem abgestürzt war, waren sie ausgerechnet in einer Medostation aufgewacht. Ein gewöhnlicher Lagerraum, und sie hätten die vergangenen Jahre vermutlich nicht überstanden.

Die Medokapsel hatte offenbar jeglichen physischen Schaden behoben, den sie bei dem Absturz und in der Zeit danach erlitten hatten. Was auch erklärte, wie sie die winzigen Löcher überlebten, die das Kreell seit ihrer Ankunft in ihre Körper fraß: Nacht für Nacht heilte die Medokapsel ihre Wunden. Wahrscheinlich wechselten sie sich hierfür reihum ab. Leider hatte sicherlich selbst die Heilkunst solcher Medokapseln ihre Grenzen. Bewohnbar wurde Impos auf diese Weise noch lange nicht. Vor allem, da niemand sagen konnte, welche Schäden das Kreell an den Geräten anrichtete.

Dennoch hatte den Schiffbrüchigen ihr Aufenthalt in der Medostation auf mehr als eine Weise das Leben gerettet. Sitareh hatte gelernt, den kleinen Gnaden des Schicksals seinen Respekt zu zollen.

»Ist diese Schiffsregion der einzige Bereich, der leck geschlagen wurde?«, fragte er.

»Der einzige, von dem wir wissen«, antwortete Escher. Er kratzte sich die hohe Stirn, die deutliche, rote Punkte unter dem dünnen, rotstichigen Haar zeigte. »Wir haben die gesamte Außenseite der Arche umrundet und keine weiteren Zugänge gefunden. Wie es im Innern aussieht, ist eine andere Frage.«

»Wieso?«, erkundigte sich Rhodan. »Ich weiß, die Ausmaße der AVEDANA-NAU sind gewaltig, aber ...«

Escher lachte. »Aber wir hatten schließlich Zeit genug, sie zu untersuchen. Ist es das, was Sie sagen wollten?« Er schüttelte den Kopf.

»Die Bordpositronik liegt weitestgehend lahm«, erläuterte Roscoff. »Wir konnten uns ein paar Bereiche zugänglich machen, aber die meisten Schotten sind entweder hinüber oder Oxfords Berechtigung reicht nicht aus, um sie zu öffnen.«

Oxford war der Memeter, der zu ihrer Gruppe gehörte. Sitareh war überzeugt, dass das nicht sein richtiger Name war. Er konnte niemanden entdecken, auf den die Beschreibung zutraf. Da war nur dieses ungute Gefühl, das in seinen Gedanken lauerte wie ein düsterer Schatten. Sein Blick wanderte zurück zu der geschlossenen Medokapsel.

Bellusca warf ihren dicken Pelzmantel ab. Er fiel mit einem leisen Klirren zu Boden. »Wir haben nicht die Werkzeuge, um uns einen Weg weiter ins Innere des Schiffs zu bahnen«, sagte sie. »Hyperschall richtet gegen massiven Stahl nichts aus.« Sie deutete auf den Thermostrahler, der an Rhodans Hüfte hing. »Vielleicht könnten Sie uns da behilflich sein?«

Rhodan lächelte. »Ich bemühe mich stets, zu helfen.« Mit einem Kopfnicken wies er auf den Mantel, der zu ihren Füßen lag. »Wie wäre es im Gegenzug mit ein paar Antworten?«

»Und ich dachte immer, Perry Rhodan wäre die Selbstlosigkeit in Person«, spottete Escher laut genug, dass Sitareh ihn hören konnte.

Auch Rhodan waren diese Worte nicht entgangen. »Reine Neugier, Mister Escher«, erklärte er. »Diese Biester da draußen ...«

»Hornschreckwürmer!«, rief Leyden hilfsbereit vom Ende der Halle herüber.

»Die Hornschreckwürmer«, verbesserte sich Rhodan. »Wir konnten absolut nichts gegen sie ausrichten. Nicht einmal unser halutischer Freund vermochte ihnen viel entgegenzusetzen. Sie dagegen hatten keine Probleme mit ihnen, und das, obwohl Sie sich mit nichts als diesen Pelzmänteln schützen.«

»Man lernt aus Fehlern«, murrte Roscoff.

Bellusca deutete auf ihren Mantel. »Myzelpelze«, sagte sie. »Aber sie wärmen nur.«

»Und das Molkex darin?«, fragte Sitareh.

Die Frau mit dem kastanienbraunen Lockenschopf sah ihn an und hob anerkennend die Augenbrauen. »Sie haben eine gute Beobachtungsgabe. Tatsächlich ist das der einzige Schutz, den wir haben.«