Mai Juni Juli - Hiltrud Baier - E-Book

Mai Juni Juli E-Book

Hiltrud Baier

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Beschreibung

Linnea Lindblad führt ein Sternerestaurant in Göteborg, und seit sie in einer Kochshow auftritt, kennt ganz Schweden ihr Gesicht. Mit ihren achtunddreißig Jahren hat sie erreicht, wovon viele ein Leben lang träumen. Aber Linn ist müde, antriebslos – und beschließt, eine Auszeit zu nehmen. Kurzerhand trennt sie sich von ihrem Markenzeichen, dem langen Zopf, instruiert ihre Angestellten und fährt in einem alten Volvo bis nach Norrbotten an der norwegischen Grenze. Einen Ort, mit dem sie nur schöne Erinnerungen verbindet: Hier verbrachte sie den letzten Urlaub mit ihren Eltern. Linn erkundet die Gegend, joggt, schläft und kocht – endlich wieder nur für sich und nur mit dem, was der Wald um sie herum ihr bietet. Als sie die Dorfbewohner*innen kennenlernt, beginnt sie hier am Ende der Welt, wo niemand weiß, wer sie ist, zu begreifen, was ihr wirklich fehlt. Und dann bittet man sie, in einer Imbissbude auszuhelfen …

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Hiltrud Baier

Mai Juni Juli

Roman

Oktopus

1

Linn zog die Wohnungstür zu, schloss ab und steckte den Schlüssel ein. Sie kontrollierte die Schnappverschlüsse ihres Rucksacks, hievte ihn auf den Rücken und atmete aus. Weg hier. Sonst überlegte sie es sich noch anders.

Der Aufzug stand bereit. Linn fuhr vom dritten Stock in die Tiefgarage. Sie wollte nur kurz einen Blick auf ihren Wagen werfen. Hatte sie ihn gestern Abend abgeschlossen? Sie war so erschöpft. Es konnte gut sein, dass sie es vergessen hatte.

Am Vorabend, nach der Verabschiedung von ihren Mitarbeitern, waren ihr schon wieder Zweifel gekommen. Konnte sie Svea und Ole mit dem Restaurant alleinlassen? Bei Ole hatte sie ein gutes Gefühl. Ihr Chefkoch war engagiert und kreativ. Und eigentlich glaubte sie, dass er auch die beiden Jungköche im Griff hatte. Fast machte er den Eindruck, als freute er sich über die neue Verantwortung. Als Überraschung hatte er ihr ein leckeres Dessert gezaubert. Crème Brulée – ihre Lieblingsnachspeise. »Damit du weißt, was du vermissen wirst«, hatte er gesagt und sie kurz fest umarmt.

Aber würde Svea ihre Aufgaben genauso sicher meistern wie Ole? Svea war gerade mal Mitte zwanzig und erst seit sechs Monaten bei ihr angestellt. Jetzt sollte sie alleine Einkauf und Service managen und anspruchsvolle Gäste betreuen. Sich mit den Vertragspartnern in Italien herumschlagen, wenn das Olivenöl oder die Kräutermischungen, die Linn dort fertigen ließ, nicht die nötige Qualität aufwiesen. Linn hatte Svea versprochen, dass sie regelmäßig telefonierten. Zumindest in den ersten Wochen. Natürlich würde sie Svea nicht sich selbst überlassen. Aber Linn hoffte, dass ihre junge Mitarbeiterin die neue Aufgabe schnell auch ohne ihre Unterstützung schaffen würde.

Die Tür des Aufzugs öffnete sich. Linns eleganter Elektro-Wagen war erst zu sehen, wenn man einige SUVs umrundet hatte. Ein Cabrio, metallicweiß, zweitürig. Seit ihrer Kindheit hatte Linn davon geträumt, ein Auto mit offenem Verdeck zu fahren, obwohl das Wetter in Göteborg nur an wenigen Tagen im Jahr dazu einlud. Selbst im Sommer war es an der Westküste Schwedens oft windig. Aber Linn bewunderte die mondänen Männer und Frauen in alten amerikanischen Filmen, die in leichter Sommerkleidung mit fliegenden Haaren auf sonnigen Straßen am Meer entlangfuhren. Nachdem sie sich ihren Traum erfüllt hatte, sah sie ein, wie überflüssig dieses Extra am Wagen war. Linn benutzte ihr Auto nur für die wenigen Kilometer von ihrer Wohnung zu ihrem Restaurant im Haga-Viertel. Oder um ihren Vater zu besuchen. Für Urlaub hatte sie in den letzten Jahren keine Zeit gehabt.

Linn überprüfte jede Tür des Cabrios. Alle waren abgeschlossen. Jetzt konnte sie beruhigt gehen.

Auf der Straße vor dem Mehrfamilienhaus stand der alte Volvo. Linn öffnete die Heckklappe und stellte den Rucksack neben das andere Gepäck. Ihr Blick fiel auf ein Fenster im ersten Stock. Vorhin, als sie ihre beiden riesigen Reisetaschen im Auto verstaut hatte, hatte sie die nette Nachbarin getroffen, die ihre Orchideen versorgen würde, solange sie weg war. Die alte Dame hatte ihr eine gute Reise gewünscht und noch einmal beteuert, dass sie sich überhaupt keine Sorgen um ihre Pflanzen zu machen brauche.

Linn hatte lange überlegt, wem sie ihre Blumen anvertrauen sollte. Obwohl sie die Vierzimmerwohnung nahe dem Slottskogen, dem Schlosspark, bereits vor eineinhalb Jahren gekauft hatte, kannte sie die meisten Nachbarn nur vom Sehen. Sie hatte keine Zeit für Small Talk. Wenn sie ausnahmsweise frei hatte, joggte sie im weitläufigen Schlosspark oder fuhr zu ihrem Vater, der sich immer freute, wenn sie ihn besuchte. Seit Linn zur Köchin des Jahres, der angesehensten Auszeichnung der schwedischen Restaurantbranche, gekürt worden war, hatte sie permanent gearbeitet. Tagein, tagaus. Wochentags und am Wochenende. Jeden Morgen fuhr sie in ihr eigenes Restaurant. Linnea Lindblads Laboratorium LLL. Bekannt in ganz Schweden und nicht nur dort. Ihre Gäste kamen aus Skandinavien, aus Deutschland und sogar aus Übersee.

Linn besuchte Bauern in der Gegend, bei denen sie die Waren bezog, legte die Menüs fest, kreierte neue Gerichte, kochte ab und an abends selbst. Wöchentlich kamen auch internationale Gäste. Maximal zehn. Linn zeigte ihnen Kochtricks, ließ sie experimentieren, erfand neue Speisen, die sie dann zusammen genossen. Ein Kochbuch hatte sie auch schon geschrieben. Einmal im Monat drehte sie mit dem hiesigen Fernsehsender eine Kochshow. Kochen mit Linnea. Inzwischen gehörte sie zu den beliebtesten Sendungen im schwedischen Fernsehen. Auch mit Journalisten musste Linn sich treffen. Seit sie ihren ersten Michelin-Stern hatte, wurde sie ständig um Interviews gebeten.

Mit ihrer Nachbarin hatte Linn zuvor nie ein Wort gewechselt. Die alte Dame war ihr nur deshalb in den Sinn gekommen, weil in deren Fenstern das ganze Jahr über üppige verschiedenfarbige Topfpflanzen blühten. Gestern hatte Linn bei ihr geklingelt und war sofort freundlich hereingebeten worden. Aber sie hatte wenig Zeit gehabt. Gerade so viel, um die Töpfe zu bringen und eine Flasche Champagner zu überreichen, die die Dame erst nicht hatte annehmen wollen. Letztlich konnte Linn sie überreden. Sie war der Frau so dankbar. Schließlich waren die beiden Orchideen die einzigen Pflanzen, die überlebt hatten, seit sie in ihre Wohnung eingezogen war. Zudem fand sie es sympathisch, dass die Frau nicht wusste, wen sie vor sich hatte. Seit Linns Fernsehshow lief, sprachen Unbekannte sie auf der Straße an, weil sie ein Selfie mit ihr machen wollten. Am Anfang hatte sie sich geschmeichelt gefühlt. Jetzt nicht mehr. Doch sie war selbst schuld. Ihre Social-Media-Kanäle waren voll von ihren eigenen Rezepten und Tipps, wie man das Kochen vereinfachen konnte. Früher hatte sie das alleine gestemmt. Jetzt hatte sie ein Team, das die Werbung übernahm. Linn war froh, dass ihr Restaurant einen exzellenten Ruf genoss und dass es lief wie am Schnürchen. Aber seit Anfang des Jahres hatte sie das Gefühl, ihr wüchse alles über den Kopf. Es waren nicht nur das Kochen, die Gäste, ihre Angestellten. Da war so viel mehr.

Linn steckte den Schlüssel ins Zündschloss des Volvos und überlegte kurz. Kupplung, Schaltung, Gas, Bremse. Schon lange hatte sie kein mechanisches Auto mehr gefahren. Nur gestern die wenigen Kilometer, als sie den Wagen aus Frederiks Garage geholt und vor ihrer Wohnung geparkt hatte.

Seit ihr ältester und bester Schulfreund Ende letzten Jahres zu seinem Partner nach Barcelona gezogen war, schaute sie ab und an in seiner Wohnung nach dem Rechten. Aber Frederik bekam so gut wie keine Post. Die Raumtemperatur konnte er in seinem modernen Wohnkomplex bei konstant achtzehn Grad halten, und Blumen waren noch nie sein Ding gewesen. Frederik hatte sie auch darum gebeten, immer wieder nachzuschauen, ob der Volvo wohlbehalten auf dem Stellplatz in der Tiefgarage stand.

Gestern Morgen, während Linn mit Ole zum letzten Mal die Saisongerichte für die nächsten Wochen besprochen hatte, war ihr mit einem Mal klargeworden, dass sie nicht mit ihrem auffälligen teuren Wagen in den Norden Schwedens fahren wollte. Sie hatte sich bei Ole entschuldigt, kurzerhand zum Handy gegriffen und Frederik angerufen. »Hi, schon am Arbeiten? Stör ich dich?«

»Du weißt, dass ich ein Morgenmensch bin. Was gibt’s? Hast dich ja lange nicht mehr gemeldet.«

»Kann ich deinen Volvo ausleihen?«, fragte Linn und tat so, als hätte sie den kleinen Vorwurf nicht gehört.

»Ist was mit deinem Cabrio?«

»Nein.«

Nach wenigen Sekunden: »Wenn du darauf aufpasst … Für wie lange denn?«

»Ein paar Monate.«

»Okay …«

Das klang eher nach einer Frage als nach einer Zustimmung. »Mein Auto fährt wie immer. Ich … ich will für eine Weile weg und möchte nicht erkannt werden. Also …«

»Wie? Erkennt man dich in deinem Cabrio? Verstehe ich nicht. Und warum willst du weg? Wohin denn?«

Sie schwieg. Sie hatte ja nur eine grobe Vorstellung davon, wohin sie wollte. Hauptsache weg. Irgendwohin, wo niemand sie kannte und keiner etwas von ihr wollte. Nicht arbeiten, endlich wieder durchschlafen, ohne von Albträumen geplagt zu werden. Das war ihr Ziel. Aber das sagte sie nicht.

»Es ist der Wagen meines Vaters«, kam von Frederik.

»Weiß ich doch.«

Das Auto war ein Schmuckstück. Ein weinroter Volvo 850, Baujahr 1995. Top gepflegt. Kein Rost. Trotzdem begriff Linn nicht, warum Frederik das alte Teil hütete wie einen Schatz. Schließlich hatten ihn seine Eltern kurz nach dem Schulabschluss aus dem Haus geworfen, als sie erfuhren, dass Frederik sich in einen Jungen verliebt hatte. Damals hatte er den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen. Oder sie zu ihm. Ganz klar war Linn das bis heute nicht. Frederik war nicht einmal zur Beerdigung seines Vaters gegangen, als der vor ein paar Jahren gestorben war.

Der Motor lief, Linn setzte die Scheibenwischer. Seit gestern Mittag hatte es ununterbrochen geregnet. Normal für die Jahreszeit. Ende April war das Wetter in Göteborg unbeständig. Mal Sonne, mal Regen. In der vergangenen Woche hatte es sogar Schneeregen gegeben. Aber jetzt schien es wärmer zu werden. Sie fuhr Richtung Hafen, ließ die Masthuggskirche links liegen und schwenkte auf die Schnellstraße nach Norden. Raus aus der Stadt.

Ein merkwürdiges Gefühl. Sie war so lange nicht mehr weggefahren. Seit ihrer Geburt, seit achtunddreißig Jahren, lebte sie in Göteborg und kannte die Stadt in- und auswendig. Nur nach der Kochlehre hatte es sie kurz nach Berlin, dann für eine längere Zeit nach Mailand verschlagen. Sie war zurückgekommen, hatte in verschiedenen Restaurants gearbeitet, und drei Jahre später war sie zur Köchin des Jahres gekürt worden und hatte ihr eigenes Restaurant eröffnet. Wahnsinn, wie schnell die Zeit verflogen war.

Die Scheibenwischer waren ständig in Bewegung. Der Regen schien stärker zu werden. Die Frontscheibe beschlug von innen. Linn öffnete das Seitenfenster wenige Zentimeter, doch so drang der schräge Regen herein. Ihre Oberschenkel wurden nass. Sie kurbelte das Fenster wieder zu, fand ein Tuch in der Seitenschublade und putzte die Scheiben von innen. Frederik war gewissenhaft. Tücher, Schwämme, Scheibenwischwasser, alles war vorhanden. Linn überlegte. Sie bedauerte, dass er weggezogen war. Und das zwischen ihm und seinem spanischen Freund schien ernst zu sein. Seit Frederik weg war, hatte er sich kaum bei ihr gemeldet. Aber sie auch nicht bei ihm. Sie wollte ihn mit ihren Sorgen nicht belasten.

»Ich will eine Auszeit nehmen«, hatte sie bei ihrem Gespräch erwähnt. Mehr nicht. Und Frederik hatte nicht nach den Gründen gefragt. »Gute Idee! Mach das. Hast eh immer zu viel gearbeitet.«

»Kommst du denn wieder, oder bleibst du in Spanien?«, hatte Linn gefragt.

Er hatte die Antwort hinausgezögert, ein »Vielleicht …« gemurmelt, und Linn hatte verstanden. Er würde bleiben. Die nächste Zeit oder für immer. Frederik liebte die Sonne, und als Designer konnte er arbeiten, wo er wollte.

Und sie? Sie würde die kommenden Monate im Norden Schwedens verbringen. Linn hatte lange überlegt, wohin es sie zog. Aber es war nicht die Wärme, es war kein südliches Land. Sie suchte die Einsamkeit, wollte alleine sein, den Kopf frei bekommen. Und sie wollte zudem den Ort aufsuchen, an dem sie die letzten Urlaubstage mit ihrer Mutter verbracht hatte. Eine kleine Insel, nicht weit von der norwegischen Grenze entfernt. Wo genau sie lag, daran konnte sie sich nicht erinnern. Nur, dass es dort wunderschön gewesen war.

Damals, vor über fünfundzwanzig Jahren, war sie mit ihren Eltern im Wohnmobil unterwegs gewesen. Von Göteborg waren sie über das Inland bis in den Norden Schwedens gefahren. Ihr Vater hatte während des Urlaubs wegen eines Termins weggemusst, und Linn hatte zusammen mit ihrer Mutter auf einer Insel in einer kleinen Hütte gewohnt. Sie kauften Lebensmittel für ein paar Tage ein, und jemand setzte sie mit einem Boot über. Mama und sie kochten, angelten, badeten, lasen, machten Lagerfeuer und brieten Fische. Sie genossen diese gemeinsame Zeit so sehr. Kurz darauf kam ihr Vater wieder, und sie setzten die Reise fort, über Nord-Finnland, in den Süden und dann von den Ålandinseln aufs Festland und zurück nach Göteborg.

Es war der letzte Sommer ihrer Mutter gewesen. Ein halbes Jahr später war sie gestorben. Linn schluckte. Vielleicht war das Blödsinn, was sie vorhatte. Sie war alleine unterwegs. Niemand begleitete sie. Und ein Vierteljahrhundert später konnte die Gegend völlig anders aussehen. Sie würde trotzdem dorthin fahren, nach Lappland. Vielleicht fand sie die Insel und kam dort endlich zur Ruhe.

2

Linn bog in eine schlichte Reihenhaussiedlung ein. In winzigen Vorgärten blühten die ersten bunten Primeln und Narzissen und verliehen dem regnerischen Tag ein wenig Farbe. Sie parkte vor der Garage des Einfamilienhauses. Hier war sie aufgewachsen, ganz in der Nähe zur Grundschule gegangen, hatte Frederik und ihre beste Freundin dort kennengelernt.

Auch ihrem Vater hatte sie nichts von ihren Plänen erzählt. Sie hatte befürchtet, dass eine einzige kritische Bemerkung von ihm ausreichen würde, sie von der Reise abzubringen. Linn stieg aus und stand gleich darauf vor der hellbraunen Holztür, atmete tief durch und klingelte, drei Mal kurz, einmal lang. Ihr Zeichen.

Barbara öffnete die Tür.

Linn lächelte. Sie hatte gehofft, dass Papas Lieblingsbetreuerin Dienst hatte.

»Oh, neu eingekleidet.«

Linn schaute an sich hinunter. Der warme Parka, die dicke Wollmütze und die Sneakers passten so gar nicht zu ihrem üblichen Stil. Entweder trug sie einen eleganten Wollmantel über ihrer Kochkleidung oder, wenn sie sich im Restaurant um die Gäste kümmerte, schicke Kleider und hochhackige Schuhe, alles passend zu ihrem langen blonden Zopf. Linns Markenzeichen.

»Und … mit Oldtimer.« Barbara deutete auf den Wagen, der vor der Garage stand. »Werden die sonst nicht eher nach Polen verkauft? Meine Landsleute lieben alte Volvos.« Barbaras große dunkle Augen schauten Linn belustigt an.

»Geliehen«, sagte Linn und putzte ihre Schuhe an der Fußmatte ab.

»Komm rein. Dein Vater macht sein Mittagsschläfchen. Er wird sicher bald aufwachen.«

Linn schlüpfte aus Parka und Schuhen, legte ihre Wollmütze auf die Ablage und folgte Barbara in die gemütliche Küche mit den halbhohen weißen Paneelen, deren Farbe an manchen Stellen abgeblättert war. Ihr Vater hatte sein Haus nie renoviert. Sein Zuhause war sein kleines Restaurant in Partille gewesen, das er nach dem Tod von Linns Mutter eröffnet hatte. Dort hatte er Linn die Grundlagen des Kochens beigebracht.

Barbara stellte ihr ein Glas Orangensaft vor die Nase. »Frisch ausgepresst. Magst du doch gerne.«

Linn mochte, wie Barbara das R rollte. Seit zwei Jahren arbeitete die Polin für ihren Vater. Jeweils vier Wochen am Stück, dann wurde sie von einer Kollegin abgelöst. In ihrer freien Zeit kümmerte sie sich um ihre Familie, einen dreizehnjährigen Sohn und ihre Mutter. Ihr Mann war als Fernfahrer oft unterwegs. Zuerst hatte Linns Vater Schwedisch mit ihr geübt, aber seit einem Jahr ging Barbara drei Mal die Woche in den Schwedischunterricht, wenn sie hier arbeitete. Sie lernte schnell, verstand fast alles, nur ab und an war ihr ein Wort unbekannt.

Linn ließ sich auf einen der Holzstühle sinken und trank einen Schluck Saft. »Danke. Lecker. Sag mal, hast du deine Utensilien dabei?« Barbara war gelernte Friseurin und machte in Polen Hausbesuche, vor allem bei älteren Leuten, die nicht mehr mobil waren.

»Ich schneide nur in Polen, alles offiziell.« Sie runzelte die Stirn.

»Weiß ich doch. Aber ab und zu schneidest du auch meinem Vater die Haare.«

»Und?« Barbara nahm Linns blonden Zopf in die Hand. »Wunderschöne Haare. Soll ich die Spitzen schneiden?«

Linn schüttelte den Kopf. »Ich möchte kurze Haare, ganz kurze.«

Barbara schlug die Hände vors Gesicht. Sie schüttelte den Kopf.

Linn schaute ihr fest in die Augen. »Ich hab mir das lange überlegt.«

»Aber warum? Dauert ewig, bis die nachwachsen. Das gehört zu deinem Look. Zopf, elegantes Kleid, rote Lippen.«

»Und jetzt möchte ich kurze Haare, Jeans und ungeschminkt.«

Barbara schaute sie verständnislos an. »Du hast eigenen Friseur. Gehst jede Woche einmal zu ihm. Warum nicht jetzt?«

Linn seufzte. »Der kennt zu viele Leute. Es würde sich sofort herumsprechen, dass ich mir den Zopf habe abschneiden lassen, dass ich anders aussehe, und … das will ich nicht.«

»Was willst du nicht?«

Linns Vater stand in der Küchentür. Ihr fiel wieder einmal auf, wie sehr die dichten weißen Haare und die runde Nickelbrille seinem feinen Gesicht schmeichelten. Er trug eine dunkle Hose und einen passenden dunkelblauen Rollkragenpullover. Wie aus dem Ei gepellt sah er aus, obwohl er eben erst von seinem bequemen Liegesessel im Wohnzimmer aufgestanden war. Jeden Nachmittag hielt er dort sein halbstündiges Schläfchen ab. Er kam auf Linn zu. Sie stand auf, umarmte ihn und setzte sich wieder.

»Besuch außer der Reihe? Ist etwas passiert?«

3

»Das kannst du nicht machen!«

Linns Vater saß ihr gegenüber. Mit beiden Händen umklammerte er den Kaffeebecher, den Barbara ihm eingeschenkt hatte.

»Was? Den Zopf abschneiden oder wegfahren?« Linn schob den Stuhl etwas zurück. Sie hatte geahnt, dass ihr Vater nichts von ihren Plänen halten würde. Deshalb hatte sie bei ihren letzten Besuchen keine Andeutung darüber gemacht.

»Kannst du dir das denn leisten? Deine Gäste erwarten, dass du da bist. Sie wollen von dir begrüßt und verabschiedet werden, das sind sie gewöhnt. Du bist das Herz deines Restaurants. Alles steht und fällt mir dir. Linnea Lindblads Laboratorium, das bist du. Was ist denn los?«

Linn fasste die geäderten Hände ihres Vaters. »Papa, ich hab mir das lange überlegt …«

»Hast du keine Lust mehr? Bist du das Kochen leid? Oder …«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich liebe meine Arbeit, das weißt du doch. Aber … ich bin so furchtbar müde, schlafe schlecht und …«

»Immer noch. Ich dachte, das wäre nur eine Phase. Hat sich das denn nicht geklärt mit dem Mietvertrag?«

»Doch. Ich habe einen neuen Vertrag zu denselben Konditionen wie zuvor, für zwei Jahre.«

»Was ist es dann?« Er entzog ihr seine Hände.

Linn merkte, wie sich Speichel in seinen Mundwinkeln ansammelte. Das passiert immer, wenn er sich aufregte.

»Läuft dein Restaurant schlecht? Hast du Geldsorgen?«

»Papa, manchmal muss ich Gäste abweisen, wir sind meist voll besetzt. Ende des Jahres habe ich meinen Kredit abbezahlt.«

»Das ist doch wunderbar. Arbeite bis zum Jahresende, dann ist alles in trockenen Tüchern.« Ihr Vater schaute ihr in die Augen. Er trank einen Schluck Kaffee und schien zu überlegen. »Weißt du, Linnea, im Grunde brauche ich keine Betreuerin. Meine Multiple Sklerose behindert mich kaum.« Er reckte den Kopf und schaute in den Flur, in dem Barbara verschwunden war. Aber sie schien außer Hörweite zu sein. »Ab und an funktioniert mein Bein nicht so, wie es soll. Sonst kann ich alles tun. Ich habe nur Angst, Auto zu fahren. Aber das Taxi bringt mich überallhin. Du brauchst das Geld nicht für mich auszugeben. Ich komme gut allein zurecht.«

»Papa, darum geht es nicht. Ich bezahle die beiden Frauen gerne. Ich kann es finanziell auch. Mach dir darüber keine Sorgen. Außerdem hast du viel Geld in meine Ausbildung und mein Restaurant investiert.« Linn schluckte. Wenn ihr Vater vor fünf Jahren sein eigenes Restaurant nicht verkauft hätte, hätte ihr die Bank den Kredit verweigert. Sein Geld und ihr Erspartes waren ihr Startkapital. Sie verstand, dass er sich Sorgen machte. Ständig hatte er ums finanzielle Überleben gekämpft. Und wenn ihm das Gebäude in der Stadtmitte von Partille nicht gehört hätte, hätte er lange vor der Öffnung ihres Restaurants schließen müssen.

»Was ist es dann, Linnea?«

»Es sind nur ein paar Monate, Papa. Bis Ende August. Das ist der Plan.«

»Und … wohin willst du?«

Linn schluckte. »Wir waren doch in Lappland im Urlaub. Mama, du und ich. Unsere letzte gemeinsame Reise, bevor sie krank wurde.«

»Ich erinnere mich. Aber warum willst du dorthin?« Seine Augen weiteten sich.

»Da gab es eine Insel, auf der Mama und ich ein paar Tage alleine verbrachten. Und … das war so schön dort.«

Ihr Vater wirkte irritiert. »Und du willst auf diese Insel? Jetzt?« Verständnislos schaute er sie an. »Ende April ist in Lappland das Eis nicht mal getaut.«

Oh! Daran hatte sie überhaupt nicht gedacht. Aber es machte nichts. Sie wollte zuerst die Gegend erkunden, in der sie damals mit ihren Eltern im Wohnmobil herumgereist war. Sie hatte so viele positive Erinnerungen daran. Wanderungen in einsamen Wäldern, baden und angeln an stillen Seen. Ein Museum kam ihr in den Sinn, das sie zusammen besucht hatten …

»Es war Sommer. Warum fährst du nicht irgendwohin, wo es warm ist? Wo du dich in die Sonne legen kannst, weg von diesem unbeständigen Wetter. Besuch doch Frederik oder fahre mit deiner Freundin Moa in den Süden in Urlaub, wie früher. Wart ihr nicht mal zusammen in Portugal?«

»Papa, es geht mir nicht um gutes oder schlechtes Wetter. Und ich will niemanden besuchen und auch nicht mit jemandem verreisen. Außerdem, Moa ist verheiratet und hat seit einem halben Jahr ein Baby. Sie hat überhaupt keine Zeit für Urlaub, und ich hab sie auch schon länger nicht mehr gesehen. Meine Güte. Ich will alleine sein.« Linn merkte, wie Röte in ihre Wangen stieg.

»Alleine bist du doch die ganze Zeit.«

»Bitte?« Jetzt war es an Linn, befremdet zu reagieren. Was meinte er damit? Sie war ständig von anderen Menschen umgeben. Ihren Angestellten, den Gästen, Lieferanten. Sogar im Schlosspark war sie nie alleine. Da waren nicht nur Jogger wie sie, sondern Spaziergänger, Frisbee-Spieler, Café-Besucher unterwegs.

»Wann bist du das letzte Mal ausgegangen?«

Sie starrte ihren Vater an. »Keine Ahnung.« Was sollte das denn jetzt? Sie überlegte. »Im Herbst. Irgendwann im Oktober. Da war ich mit Frederik im Theater und danach in einer Bar.«

»Okay. Und wann hast du das letzte Mal einen Mann getroffen?«

»Frederik ist ein Mann.«

»Linnea, du weißt, was ich meine.«

»Nein, weiß ich nicht. Soll ich heiraten, oder was?« Langsam wurde sie ärgerlich.

»Das meine ich mit alleine sein. Oder besser einsam.« Die dunkelblauen Augen ihres Vaters sahen sie an. »Philippe war deine letzte Beziehung, stimmt’s? Und das ist jetzt fast acht Jahre her.«

Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie schluckte. Warum war sie nur so nahe am Wasser gebaut? Das passierte ihr in letzter Zeit häufiger. Sie schaute zur Seite und hoffte, dass ihr Vater nicht bemerken würde, wie nahe ihr die Erwähnung seines Namens ging. »Und? Möchtest du, dass ich einen Mann kennenlerne und fünf Kinder kriege, ein Restaurant führe, jede Woche einmal im Fernsehen auftrete und mir einen zweiten Michelin-Stern erarbeite?« Sie spürte eine solche Wut, dass sie am liebsten auf den Tisch geschlagen hätte. Aber sie beherrschte sich. »Ich bin fix und fertig und brauche Ruhe. Was ist daran so schwer zu verstehen?« Linn atmete tief aus. Sie wollte sich doch nur von ihrem Vater verabschieden und ihn fragen, wo genau sie damals Urlaub gemacht hatten. Ihr kamen immer nur einzelne Erinnerungsfetzen in den Kopf. Dass diese Dörfer oder kleinen Städte alle mit A oder Ä angefangen hatten. Arvidsjaur, Älvsbyn, Arjeplog. Sie hatte gegoogelt und glaubte, es war Arjeplog, wo sie länger waren. Eine rosa Kirche hatte sie im Kopf, die aussah wie in einem Märchen … Und sie hatte überhaupt keine Lust, an ihren letzten Freund erinnert zu werden, der sie verlassen hatte. Oder an Frederik, der in Barcelona war, und an Moa, ihre frühere beste Freundin, zu der sie den Kontakt abgebrochen hatte. »Weißt du was? Ich lasse mir jetzt von Barbara die Haare schneiden, und dann sehen wir uns im Herbst wieder. Okay?« Linn stand so abrupt auf, dass sie den Stuhl festhalten musste, sonst wäre er umgefallen.

»Linn, Schatz, tut mir leid.« Ihr Vater drückte sich mit einer Hand in den Stand und umrundete den Tisch. Sie bemerkte, wie er das Bein nachzog, und ihr Ärger verflog sofort.

»Komm her, mein Mädchen!« Ihr Vater zog sie an sich. »Ich möchte, dass es dir gut geht. Vergiss, was ich gesagt habe.« Er umarmte sie, und sie genoss seine Wärme und die Kraft, die trotz seiner knapp siebzig Jahre immer noch von ihm ausging.

»Weiß ich doch, Papa.«

Seine Arme lösten sich von ihr. »Ich freue mich, dass du so gute Erinnerungen an unseren letzten gemeinsamen Urlaub hast.«

»Warum? Hast du das nicht?« Sie sah, dass er schluckte, während er sich abwandte.

4

Linn fuhr über die E 45 nach Norden. Obwohl sie gerne kleine Straßen nahm, hatte sie sich diesmal für die Schnellstraße entschieden. Sie wollte sichergehen, dass sie den alten Volvo beherrschte, bevor sie auf unübersichtlichen Strecken fuhr. Zudem sehnte sie sich danach, so schnell wie möglich von hier fortzukommen. Vorhin hatte sie nach ihrem Handy gegriffen. Svea, ihre Managerin, war am Vormittag bei einem Biobauern gewesen. Ein neuer Lieferant. Sie sollte mit ihm verhandeln, unter welchen Konditionen er ihnen regelmäßig Rindfleisch liefern würde. Kurz hatte Linn überlegt, sie anzurufen und zu fragen, wie es gewesen war. Aber dann hatte sie gezögert und das Handy wieder auf den Beifahrersitz gelegt. Nein, Svea war gewieft. Linn hatte sie in den letzten Wochen öfter mitgenommen, wenn es um neue Lieferanten ging, und bemerkt, wie souverän sie verhandeln konnte. Sie hatte das sicher gut hingekriegt. Was für ein blöder Gedanke, ihr hinterherzutelefonieren. Sie sollte sich auf ihr Ziel konzentrieren. Wenn es denn ein Ziel gab. Denn ihr Vater hatte ihr bei ihren Fragen nach den genauen Orten, die sie besucht hatten, und der Insel, auf der Linn mit ihrer Mutter gewesen war, auch keine Antwort gehabt.

»Das ist schon so lange her, Linn«, hatte er gesagt und sie ein letztes Mal umarmt. »Ehrlich gesagt fand ich andere Orte, an denen wir Urlaub gemacht haben, eindrucksvoller. Wir waren doch einmal gemeinsam in Helsinki. Erinnerst du dich? Die Uspenski-Kathedrale, der Marktplatz am Hafen mit den kleinen Verkaufsständen, die geschmückte Innenstadt mit Tausenden von Lichtern. Das muss um Weihnachten herum gewesen sein. Weißt du noch, wie du auf dem historischen Karussell gefahren bist? Du bist so gerne auf dem Pferd gesessen, ein Pferd mit goldener Mähne.«

Linn hatte den Kopf geschüttelt. Da musste sie noch sehr jung gewesen sein. Schade, dass ihr Vater nicht mehr wusste, wo sie gewesen waren. Aber vielleicht war es nicht so wichtig. Sie hatte die Route ungefähr im Kopf. Für heute Abend und morgen hatte sie sich je ein Zimmer in kleinen Jugendherbergen gebucht. Hotels wollte sie meiden. So wenige Menschen wie möglich, das war der Plan. Linn stellte die Scheibenwischer aus. Endlich hatte es aufgehört zu regnen. Weit vorne im Norden verschwanden die grauen Wolken allmählich, und kleine blaue Streifen blitzten auf. Sie schaute in den Spiegel. Mit der Hand fuhr sie über die kurzen hellblonden Haare.

Zuerst hatte Barbara sich geweigert, ihr den Zopf abzuschneiden. Aber auf Linns Drängen hin hatte sie sich doch überreden lassen und ihr eine Kurzhaarfrisur verpasst, die sogar der Polin gefallen hatte. »Anders, aber nicht übel«, hatte Barbara gesagt und so lange geföhnt, bis auch die letzte Welle lag, wie sie sich das vorstellte. Linn schaute noch mal in den Spiegel. Ungewohnt, aber nicht hässlich.

Nach dem Schulabschluss hatte sie sich ihre fast bis zur Hüfte reichenden Haare schon einmal abschneiden lassen. Damals kinnlang. Das war praktisch gewesen während der Kochlehre, die sie bei einem Kollegen ihres Vaters in Göteborg absolviert hatte. Und sie blieb bei dieser Frisur, auch als sie später im Ausland arbeitete. Als sie ihr eigenes Restaurant eröffnete und mit der Zeit immer bekannter wurde, suchte sie eine Stilberaterin auf. Das machte man heute so, wenn man berühmt war. Zumindest waren Frederik und ein paar frühere Schulfreunde dieser Meinung, mit denen sie sich ab und zu traf. Zuerst wollte sie nichts davon wissen, aber als Inhaberin eines der besten Restaurants in Göteborg gehörte wohl nicht nur die top Internetpräsenz dazu, die eine Werbeagentur für sie erledigte, sondern auch ihr eigenes Aussehen. Linn ließ die Haare wachsen, bis sie sie zu einem Zopf flechten konnte, der ihr später lang über den Rücken hing. Sie trug dunkle Kochkleidung, die ihre Haarfarbe gut zur Geltung brachte. Dazu passte ihre schon immer blasse zarte Haut, die nicht einmal in der Sonne Italiens Farbe annahm. Wenn sie nicht kochte, sondern die Gäste begrüßte oder Small Talk mit ihnen führte, trug sie elegante Kleider, die ihre schlanke Silhouette betonten. Die Farbe der Kleidung war immer abgestimmt auf Linns Haar- und Augenfarbe. Meist dunkelblau. Linn kniff die Lippen zusammen. Blonde Haare, blaue Augen. Sie war das absolute Klischee einer Schwedin. Wie oft hatte sie sich als Kind gewünscht, schwarze Haare und dunkle Augen zu haben. Oder wenigstens rote Haare, wie Pippi Langstrumpf. Als sie vier, fünf Jahre alt war, versuchte sie, sich die Haare mit einem dicken schwarzen Filzstift anzumalen. Linn erinnerte sich, wie entsetzt ihre Mutter reagierte. Linn hatte zwar nur wenige Strähnen erwischt, aber ihr Gesicht hatte einiges abbekommen. Die Augen waren dunkel umrandet, und ihre ehemals feinen blonden Augenbrauen bestanden aus einem ungelenken dicken dunklen Strich. Linn lachte auf. Ihre Mutter hatte sie in die Badewanne gesteckt und geschrubbt. Bis Linns Haut rot geworden war und sie so geschrien hatte, dass Mama aufgab. Am nächsten Tag sagten die anderen Kinder in der Kita Panda zu ihr, weil die dunkle Farbe rund um die Augen nicht zu übersehen war. Panda, diesen Spitznamen hatte sie bis zum Schulabschluss gehabt. Manchmal nannte Frederik sie noch so. Ihr gefiel das, obwohl sie mit einem Panda nichts gemein hatte. Doch die Langsamkeit seiner Bewegungen, das Bedächtige und Gelassene, bewunderte Linn schon immer.

Linn fuhr sich über die Augen. Vor Aufregung hatte sie schlecht geschlafen. Ein anderer Grund als sonst, aber die Wirkung blieb dieselbe. Sie war erschöpft und ausgepowert. Deshalb fuhr sie heute nur bis Mora in Dalarna. Knapp sechs Stunden Autofahrt, dann käme sie noch bei Helligkeit in der Jugendherberge an. Linn schaute an sich hinunter. Ein dunkelblauer Kapuzenpulli, Jeans, dunkle Sneakers. Beim Einchecken würde sie ihre blaue Wollmütze aufsetzen und den Parka überziehen, und niemand würde die berühmte Sterneköchin Linnea Lindblad erkennen, die versuchte, sich selbst in Göteborg zurückzulassen.

5

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