Mäßigung - Thomas Vogel - E-Book
Beschreibung

Seit Jahrtausenden philosophieren Menschen über Mäßigung als Ziel für Zufriedenheit und Glück. Unser exzessiver Produktions- und Lebensstil und die Zerstörung der natürlichen Umwelt erfordern ein neues Nachdenken über diese Lebensregel als die Suche nach dem rechten Maß. Warum gelingt es vielen Menschen in den Industrieländern nicht, sich zu mäßigen – obwohl sie wissen, dass es nötig ist? Ist der Mensch überhaupt in der Lage, sich zu beschränken, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Welche Rolle spielen dabei Erziehung und Bildung? Thomas Vogel taucht ein in die Philosophiegeschichte und identifiziert die Tugend der Mäßigung als bedeutsame Antwort auf falsche Glücksversprechen unserer Zivilisation.

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Thomas Vogel
Mäßigung
Was wir von einer altenTugend lernen können
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2018 oekom verlag MünchenGesellschaft für ökologische Kommunikation mbHWaltherstraße 29, 80337 München
Lektorat: Konstantin Götschel, oekom verlagKorrektorat: Maike Specht, Berlin
Umschlaggestaltung: www.buero-jorge-schmidt.deUmschlagabbildung: © AVTG/iStockphot
Satz: Markus Miller, München
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-96238-497-5
Für unsere Kinder
Das Glück besteht darin, in dem zu Maßlosigkeit neigenden Leben das rechte Maß zu finden.
Leonardo da Vinci

Inhalt

Vorwort
1.  Einleitung
2.  Phänomene der Maßlosigkeit
3.  Warum müssen wir uns mäßigen?
3.1 Globale Probleme der Maßlosigkeit
3.2 Individuelle Folgen von Maßlosigkeit
4.  Kann der Mensch sich mäßigen?
4.1 (Evolutions-)Geschichtliche Sichtweisen
4.2 Anthropologische Sichtweisen
4.3 Ökonomische Sichtweisen
4.4 Philosophische Sichtweisen
4.5 Psychologische Sichtweisen
5.  Maß und Mäßigung in Philosophie und Religion
5.1 Maß und Mäßigung – Wortbedeutungen
5.2 Mäßigung in der Philosophie
5.3 Mäßigung in den Weltreligionen
5.4 Mäßigung in Diskursen der Neuzeit
6.  Warum fällt uns Mäßigung so schwer?
7.  Maßlosigkeit und Dummheit
8.  Zu einer Kultur der Mäßigung
9.  Können wir Mäßigung lernen?
9.1 Kann man Mäßigung lehren?
9.2 Mäßigung und Moralentwicklung
9.3 Mäßigung durch ästhetische Bildung
9.4 Mäßigung durch Stärkung der Person
10.  Leben nach dem rechten Maß
Literaturverzeichnis
Über den Autor
Nachhaltigkeit bei oekom: Wir unternehmen was!

Vorwort

Der gegenwärtige verschwenderische, naturzerstörende Lebensstil in den entwickelten Industriegesellschaften geht unweigerlich seinem Ende entgegen. Dieses Ende kann in zweierlei Hinsicht eintreten: indem uns die Natur – vermutlich auf sehr schmerzhafte und verlustreiche Weise – die Grenzen aufzeigt oder indem der Mensch die Gefahren der gegenwärtigen Entwicklungen erkennt und zur Einsicht gelangt, dass er sich mäßigen muss. Die triviale Erkenntnis, dass die Wirtschaft auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen nicht unbegrenzt expandieren kann, hat uns der Club of Rome mit seinem Bericht über die »Grenzen des Wachstums« bereits vor über vier Jahrzehnten aufgezeigt. Für die Einsicht, dass ständiges Wachstum nicht möglich ist und dass der Mensch sich grundsätzlich immer, dem rechten Maß folgend, gegebenen Grenzen fügen muss, hätte es aber im Grunde keiner wissenschaftlichen Studie bedurft – hierfür hätte gründliches Nachdenken ausgereicht, wie uns die Philosophie der Mäßigung schon vor über 2500 Jahren gezeigt hat.
Obwohl die gegenwärtigen Krisen deutlich aufzeigen, dass der Mensch sich mäßigen muss, wurde die Philosophie der Mäßigung bisher kaum rezipiert. Stattdessen gab es eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffe und Konzepte, die sich zwar an der Frage nach einem rechten Maß orientierten, dabei aber kaum die umfassenden philosophischen und religiösen Wurzeln der »Kardinaltugend« Mäßigung berücksichtigten. Der Begriff »Mäßigung« ist der philosophische Grundbegriff für Bemühungen im Kampf gegen das Immer-weiter, Immer-schneller, Immer-mehr, wurde aber im Diskurs der Postwachstumsgesellschaft bisher weitgehend gemieden. Im Nachhaltigkeitsdiskurs ersetzte man ihn durch den Begriff der Suffizienz. Man spricht von einem Genug, vom rechten Maß oder von Minimalismus. Ein Grund dafür, dass von Mäßigung selten die Rede ist, mag darin liegen, dass dieser Begriff in der deutschen Sprache negativ konnotiert ist. Die Menschen reagieren zunächst relativ empfindlich auf den Begriff, weil sie eine Einschränkung ihrer Freiheit befürchten. Beim Lesen dieses Buches wird man hingegen erkennen, dass dies eine Fehlinterpretation ist, die auf zahlreichen Missverständnissen beruht. Um diesen Missverständnissen zu begegnen, müsste man zunächst die Frage stellen, ob die Menschen, die durch Mäßigung eine Einschränkung ihrer Freiheit fürchten, sich nicht in einem System weitgehender Unfreiheit bewegen. Wie weit besitzen die Menschen in kapitalistischen Industriegesellschaften überhaupt die Herrschaft über ihr eigenes Leben? Zahlreiche soziologische und philosophische Analysen weisen darauf hin, dass die Freiheit der Menschen stark beschränkt ist. Über sie herrscht eine anonyme Macht, die Bedürfnisse und weite Teile des Lebens steuert. Die wenigsten sind sich dieser Macht bewusst, und diejenigen, die sie zu erkennen glauben, sehen wenig Möglichkeiten, sich zu wehren.
Allerdings erkennen wir immer deutlicher, dass die Kultur der Industriegesellschaft die wichtigsten Zielsetzungen gemeinschaftlichen Zusammenlebens verfehlt: Sie ist weder zukunftsfähig, weil sie die eigenen Existenzgrundlagen zerstört, noch macht sie die Menschen zufrieden und glücklich, da sie sie überfordert. Diese Kultur und die in ihr lebenden Menschen verfehlen das rechte Maß. Die Bestimmung des rechten Maßes sollte aber das zentrale Ziel einer jeden Kultur sein, die die Zufriedenheit und das Glück der in ihr lebenden Menschen anstrebt. Und das rechte Maß muss auch das Ziel jedes Individuums sein, welches die eigene Zufriedenheit und das eigene Glück im Auge hat. Die philosophischen und religiösen Reflexionen über Mäßigung, die in diesem Buch vorgestellt werden, belegen den engen Zusammenhang zwischen der Bestimmung des rechten Maßes und einem harmonischen Leben. Aus eigener Erfahrung ist jedem Menschen bewusst, dass ein Übermaß, sei es beim Alkoholkonsum oder beim Essen, beim Umgang mit Zeit oder beim Einkaufen, auf Dauer zu körperlichem oder psychischem Leid führt. Leib und Seele können durch Übertreibung erkranken oder gar zugrunde gehen. Kulturen können durch Maßlosigkeit das gleiche Schicksal erleiden. Vor 2000 Jahren ruinierte sich das reiche Rom durch seinen Luxus und seinen Überfluss selbst. Heute stehen wir allerdings nicht nur vor dem Ende einer degenerierten Kultur, sondern vor der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. In dieser Situation kann die Philosophie der Mäßigung einzelnen Menschen wie ganzen Kulturen Anhaltspunkte für eine Umkehr liefern. Dabei zeigt die Rezeption dieser Philosophie gleichwohl, dass Mäßigung keinen Widerspruch zu Lebensfreude, Spaß und Lust darstellen muss. Vielmehr wird man feststellen, dass Mäßigung befreien und zu einem lustvollen Leben führen kann.
*
Seit über dreißig Jahren beschäftige ich mich mit Fragen der gesellschaftlichen Naturkrise. In dieser Zeitspanne hat sich im menschlichen Umgang mit der Natur nur wenig zum Besseren gewendet. Insbesondere das Wirtschaftswachstum als Ausdruck der Naturvergessenheit unserer Kultur konnte nicht gestoppt werden. Trotz ganz offensichtlicher Anzeichen des Klimawandels und des Artensterbens ist es den Industriegesellschaften noch nicht gelungen, innezuhalten und sich zu mäßigen.
In kritischer Absetzung vom Nachhaltigkeitsdiskurs fand ich den Ausdruck des »Naturgemäßen« im Hinblick auf die Lösung der gesellschaftlichen Naturkrise sinnvoller. In der Folge wurde ich immer wieder gefragt, wie man naturgemäß definieren oder womöglich berechnen könnte. Auf diese Frage konnte ich aber nie eine gänzlich befriedigende und abschließende Antwort geben. Auch wenn uns die Naturwissenschaft häufig ein Bewusstsein von der Berechenbarkeit der Natur vermitteln will, kann sie uns nicht mit Sicherheit sagen, zu welchem Zeitpunkt wir das Maß der Natur überschreiten. Schon im nächsten Jahr könnte durch die Bedrohung der Bienenpopulation beispielsweise eine dramatische Krise in der Welternährung eintreten; niemand kann das sicher ausschließen. Für eine genaue Erkenntnis des Umkippens des globalen ökologischen Gleichgewichts fehlt uns das Wissen. Aber wir spüren, dass wir uns dem Punkt der Übernutzung der Erde annähern.
Durch die Auseinandersetzung mit dem Problem, was der Ausdruck »naturgemäß« bedeutet, stieß ich auf die Philosophie der Mäßigung und setzte mich mit der Fragestellung auseinander, wie der Mensch das rechte Maß im Umgang mit der Natur bestimmen kann. Mäßigung spielte bereits in der antiken Philosophie wie in den Weltreligionen in unterschiedlichen Facetten eine wichtige Rolle. Die intensive Auseinandersetzung mit dieser Philosophie zeigte, dass die Überlegungen zur Mäßigung durchaus zu einem gelingenden individuellen Leben beitragen können. Gleichzeitig zielt diese Philosophie auch auf ein rechtes Maß bei der Bewältigung von moralischen, sozialen und poltischen Fragen. Die philosophischen und religiösen Gedanken können vielfältige Ansatzpunkte für eine fortschrittskranke Kultur wie die unsere liefern. Die Philosophie der Mäßigung ist umfassender und besitzt mehr Tiefe als die modernen Konzepte der Suffizienz oder die vielfältige Ratgeberliteratur zum Minimalismus, zum Aufräumen im Leben oder zur Entschleunigung. Diese philosophischen Überlegungen können uns ein alternatives Fortschrittsmodell für die Bewältigung der Krise unserer Zeit liefern.
Wir dürfen die Bestimmung eines rechten, zukunftsfähigen Maßes nicht der Eigendynamik einer anonymen (Wirtschafts-)Macht überlassen. Die folgenden Ausführungen sind daher sowohl als Anregung für den Einzelnen als auch für einen gesellschaftlichen Diskurs gedacht. Die Menschen müssen lernen, über Mäßigung in ihrem eigenen Leben zu reflektieren, und zugleich die Fähigkeit entwickeln, sich an einem gesellschaftlichen Diskurs zur Bestimmung eines rechten Maßes im Verhältnis von Mensch und Natur kritisch zu beteiligen.
Den Anstoß für dieses Buch gab letztlich eine Vorlesung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg im Sommersemester 2015. Als ich das Manuskript für diese Vorlesung meiner Familie zum Lesen gab, stand die Idee im Raum, hieraus eine Publikation zu machen. Die praktische Umsetzung dieser Idee hat nun drei Jahre gedauert, in denen ich viele anregende Gespräche mit Familienmitgliedern, Freunden, Kolleginnen und Kollegen geführt habe. Diese Gespräche waren für den Entstehungsprozess dieses Buches außerordentlich wichtig, da sie mich nicht nur zum Weiterdenken anregten, sondern auch zum Weitermachen motivierten. In diesem Zusammenhang möchte ich besonders meiner Kollegin Dr. Maja Maier danken, die das Manuskript durchgearbeitet und mir viele gute Ratschläge gegeben hat. Ebenfalls möchte ich meiner Mitarbeiterin Milena Krikava sowie Konstantin Götschel vom oekom verlag für die inhaltliche und formale Betreuung des Buchprojekts meinen Dank aussprechen. Und ich danke meiner Familie, die mir immer wieder mit interessanten Informationen und Gesprächen geholfen und mir darüber hinaus die Kraft gegeben hat, das Buchprojekt zum Ende zu führen.
Kapitel 1
Einleitung
Genug währt ewig.Wendell Berry
An wenigen Beispielen lässt sich die gegenwärtige Maßlosigkeit unserer Kultur verdeutlichen: Die acht reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der gesamten Weltbevölkerung (Oxfam 2017); die zehn bestbezahlten Manager in Deutschland verdienen im Jahr jeweils mehr als fünf Millionen Euro, das heißt, sie verfügen pro Tag über mehr als 13.000 Euro – gleichzeitig bekam ein Hartz-IV-Empfänger als Alleinstehender im Jahr 2017 pro Monat 409 Euro, das heißt, er verfügte pro Tag über ca. 13 Euro; vor rund 50 Jahren litten 400 Millionen Menschen an permanenter und chronischer Unterernährung (Ziegler 2005, 32) – bis heute hat sich die Zahl der Hungernden auf 800 Millionen verdoppelt (Statista 2017c); in Deutschland werden jedes Jahr rund 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel in den Müll geworfen (World Wide Fund for Nature 2017) – einem Mastschwein, das über 110 Kilogramm wiegen kann, steht in der konventionellen landwirtschaftlichen Tierhaltung ein Quadratmeter Bodenfläche zu (Niedersächsisches Landesamt 2017); im Zeitraum seit 1970 hat sich die Population untersuchter Wirbeltierarten weltweit mehr als halbiert und nimmt nach wie vor jährlich um zwei Prozent ab (World Wide Fund for Nature 2016).
Nahezu in jeder Beziehung hat die Menschheit das rechte Maß verloren und lebt mit unerhörten Widersprüchen. Maßlosigkeit gehört wesentlich zum Fortschrittsmythos unserer Kultur, das Streben nach immer mehr ist positiv besetzt. Nachrichten über eine stetig wachsende Wirtschaft werden gefeiert, während Krisen des Wachstums als regelrechte Katastrophen wahrgenommen werden.
Das größte Paradoxon der Moderne scheint darin zu bestehen, dass es sich der Mensch seit dem Aufkommen der Aufklärung Ende des 17. Jahrhunderts zum Ziel gesetzt hat, die Natur möglichst vollkommen zu beherrschen, dabei aber die Kontrolle über die eigenen Lebensgrundlagen zu verlieren droht. Am Beginn der Neuzeit stellte der italienische Philosoph und Naturforscher Galileo Galilei (1564 – 1642) eine für unser heutiges Fortschrittsverständnis weitreichende Forderung auf: »Man muss messen, was messbar ist, und messbar machen, was es nicht ist.« (Galilei in Hackenesch 1984, 43) Dieser Aufforderung ist man alsbald nahezu blind gefolgt und hat zunächst eine gigantische Macht über Naturzusammenhänge gewonnen. Nach 300 Jahren der Anwendung dieses Prinzips läuft die Menschheit jedoch zunehmend Gefahr, das wichtigste Maß, nämlich das ihrer eigenen Existenzgrundlagen, zu verfehlen. Wir scheinen an dem endgültigen Triumph dessen zu scheitern, was Edmund Husserl (1859 – 1938) als die »Mathematisierung der Natur« beschrieben hat (Husserl 1954). Am Beginn der Neuzeit standen ein neues Denken und ein sich wandelndes menschliches Selbstbewusstsein, welches sich aus den Fesseln des scholastischen Mittelalters befreite und sich selbst zum Gott und Herrscher über die Welt machte: »Der Himmel liegt in uns selbst« – mit diesem Kernsatz hatte Giordano Bruno, der berühmte italienische Priester, Dichter, Philosoph und Astronom, bereits im 16. Jahrhundert den geistesgeschichtlichen Wandel auf den Punkt gebracht. Bruno war davon überzeugt, dass das »Buch der Natur« nicht ein Gott geschrieben habe, sondern dass es vielmehr allein menschliche Erkenntnis verlange, um entziffert zu werden. Der Mensch müsse lernen, die Zeichen der Natur zu verstehen. Kepler, Galilei und viele andere neuzeitliche Denker waren der Auffassung, das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben. Dieses Denken erweist sich allerdings zunehmend als sehr problematisch.
In einer gänzlich mathematisierten Welt, der wir uns immer mehr annähern, ist allein das wahr, was quantifiziert und in Zahlen ausgedrückt werden kann. Es agieren in dieser Welt nur noch der »homo oeconomicus« und sein Zwillingsbruder, der informatisierte, durch Wissenselemente in Form gebrachte Mensch (vgl. Gorz 1998, 127). Beide stricken an einem Fortschrittsmythos, dessen Konsequenz der Menschheit zunehmend zum Verhängnis zu werden droht. Unzählige Naturkatastrophen spiegeln dem menschlichen Wirken, dass das gegenwärtige wissenschaftliche und ökonomische Verständnis von Natur und von den der Natur innewohnenden Zusammenhängen dem tatsächlichen Wesen und den immanenten Maßen von Natur nicht gerecht werden. Das große Problem besteht darin, dass der Mensch in der Bezwingung der Natur zu erfolgreich geworden ist und es für den Erhalt seiner Existenzgrundlagen kein berechenbares Maß gibt. Ein solches Maß müsste die Menschheit immer wieder neu erfinden, es sozusagen erspüren, es in einem kommunikativen gesellschaftlichen Diskurs entwickeln und es sich in Form einer Wert­orientierung individuell und gesellschaftlich selbst auferlegen. Diese Aufgabe stellt menschheitsgeschichtlich wahrscheinlich eine größere Herausforderung dar als der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit; denn der Mensch muss erkennen, dass er nicht »das Maß aller Dinge ist«, und was noch herausfordernder erscheint: Er muss diese Erkenntnis auch in ein entsprechendes Handeln umsetzen.
Die Menschen in den entwickelten Konsumkulturen wissen mittlerweile, dass sie sich um der Erhaltung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen willen beschränken müssen. Aber nicht nur im Hinblick auf die ökologische Krise gewinnt eine solche Beschränkung an Bedeutung; vielmehr spüren die Menschen immer deutlicher, dass das Streben nach mehr auch sie selbst nicht unbedingt glücklicher und zufriedener macht. Nicht nur die äußere Natur wird durch diese Kultur zerstört, auch immer mehr Menschen leiden psychisch unter dieser Entwicklung.
Seit über 2500 Jahren gibt es philosophische Überlegungen über die Suche nach einem rechten Maß als wichtigem Fundament menschlichen Lebensglücks. Bereits in der Antike dachten Philosophen darüber nach, ob Menschen in ihrem Verhalten gegenüber sich selbst, ihren Mitmenschen und der Natur nicht nach Harmonie streben sollten. Die Ergebnisse dieses Nachdenkens bündeln sich im Ausdruck der »Mäßigung«. Mäßigung wurde in den Anfängen der Philosophiegeschichte als Kardinaltugend bezeichnet. Das Wort »Kardinal« kennen wir heute meist nur noch als Bezeichnung für einen kirchlichen Würdenträger. In seiner Bedeutung hat es jedoch einen viel tieferen Sinn: Vom lateinischen Wort cardo abgeleitet, bedeutet es so viel wie »Türangel« oder »Drehpunkt«. Übersetzt in unseren Kontext, steht es dafür, dass Mäßigung sozusagen ein lebenswichtiger Angelpunkt menschlichen Lebens sein sollte.
Seit der Antike hat die Philosophie der Mäßigung eine Karriere als lebensphilosophisches Konzept gemacht. Zu allen Zeiten, in allen Weltreligionen und in vielen nicht religiösen Philosophien wurde Mäßigung thematisiert und als Rezept für ein geglücktes Leben gepriesen. Angesichts der heutigen Krise, in der es nicht nur um ein gelingendes menschliches Leben, sondern um das Überleben der Menschheit insgesamt geht, müsste Mäßigung eigentlich das Konzept schlechthin werden. Und in der Tat gibt es überall – in den Geistes- und Sozialwissenschaften wie in der Alltagskultur – Konzepte, Überlegungen und Angebote für ein gemäßigtes Leben. Viele Menschen, die in der Wachstums- und Konsumgesellschaft aufgewachsen sind, haben mittlerweile das Gefühl, dass allein die Anhäufung von materiellen Gütern und Reichtum dem menschlichen Leben kaum Erfüllung zu geben vermag, sondern vielmehr zunehmend unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstört.
Die Menschen suchen nach einer Orientierung, die sie aus dem Hamsterrad der Konsumgesellschaft herausführt. Die jahrtausendealte Philosophie der Mäßigung könnte in dieser Situation ein altes und zugleich hochaktuelles Denkangebot liefern. Denn das Nachdenken über diese alte Weisheit1) rückt angesichts der Folgen unseres exzessiven Lebensstils immer mehr ins Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Der bereits erwähnte Bericht des Club of Rome zeigte, dass es in einer begrenzten Welt kein grenzenloses Wachstum geben kann, und verwies damit auf die Tatsache, dass sich insbesondere die Bevölkerungen der Industrieländer beschränken müssen, sofern auch künftige Generationen und die Menschen in den »Entwicklungsländern«2) noch eine Chance auf ein menschenwürdiges (Über-)Leben erhalten sollen.
Trotz der Erkenntnis, dass es ohne Mäßigung keine Zukunft gibt, konzentrieren sich die bestimmenden politischen und ökonomischen Kräfte unserer Kultur nach wie vor und weitgehend unreflektiert auf das Wachstumsziel. Jeder Rückgang des Wirtschaftswachstums wird von Politik, Wirtschaft und Medien als Rückschlag und Verlust an Lebensqualität betrachtet. Dabei wissen mittlerweile alle Verantwortlichen, dass das Gegenteil zutrifft: Das ständige Wachstum von Produktion und Konsum führt die Menschheit zunehmend in Krisen und Katastrophen. Mäßigung ist keineswegs mehr ein Rezept weltfremder Religionen und Philosophien für ein glückliches Leben, sie wird zunehmend ein Imperativ für die Zukunft dieser Welt. Obwohl diese Erkenntnis in zahlreiche politische Programme und Deklarationen auf nationaler und internationaler Ebene Eingang gefunden hat, ist es bisher nicht gelungen, entsprechend zu handeln. Im Gegenteil: Das weltweite Sozialprodukt ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist das weltweite Bruttoinlandsprodukt, das den globalen Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen beschreibt, um fast 20 Billionen US-Dollar gestiegen, von 58,05 Billionen US-Dollar auf 77,99 Billionen US-Dollar (Statista 2017a). Aktuell stellen Wirtschaftsexperten fest, dass das Wachstum der Welt weiter an Tempo zugelegt hat (Zschaber 2017). Bei diesen Entwicklungen gewinnt man den Eindruck, die Menschheit befinde sich in einem Endspurt hin zum eigenen Untergang.
Wenn in diesem Buch über die Tugend der Mäßigung reflektiert wird, so soll auch betont werden, dass sich die moralische Forderung zunächst gegen die Maßlosigkeit der Verhältnisse richtet. Es kann und soll hier nicht darum gehen, Menschen durch Moralpredigten ein schlechtes Gewissen zu machen, nur weil sie sich einmal etwas offensichtlich Überflüssiges geleistet haben. Aber spätestens, wenn man von Überflüssigem im wahrsten Sinne des Wortes überschwemmt wird, wenn die Bewältigung des Überflusses an Konsumgütern unser Lebensglück mehr bedroht als ihm dient, spätestens dann sollte es für jede und jeden an der Zeit sein, sich über die Philosophie der Mäßigung Gedanken zu machen.
Diese Untersuchung beschäftigt sich aus verschiedenen Perspektiven mit den Widersprüchen unserer gegenwärtigen Situation: Warum gelingt es den Industrieländern und ihren Bürgern – trotz der Einsicht in die kritische globale Lage sowie in die eigenen existenziellen Widersprüche – nicht, sich zu mäßigen? Welche Umstände und welche Widerstände sind entscheidend dafür, dass wir uns nicht beschränken können? Ist der Mensch überhaupt in der Lage, sich zu beschränken, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Was dachten die antiken Philosophen über Mäßigung? Wie wird heute über die Forderung nach Mäßigung diskutiert und gestritten? Wie könnte man die Einsicht fördern, dass Mäßigung notwendig ist, wenn die Menschen gleichzeitig permanent von der Aufforderung zu mehr Konsum umgeben sind? Wie erfolgversprechend ist eine Erziehung zur Mäßigung in einer Kultur der Verschwendung? Kann Erziehung die Menschen überhaupt zur Mäßigung befähigen? Oder wäre die Folge dann ein Zurück zu einer moralisierenden Pädagogik des erhobenen Zeigefingers? Diese und viele weitere Fragen sollen in diesem Buch untersucht werden. Dabei mögen die Ausführungen den Leser zum Nachdenken über den eigenen Lebensstil und über seine Entwürfe für ein glücklicheres Leben anregen.
Bei der Reflexion über Mäßigung gelangt man selbstverständlich oft zu der Frage, wie man es selbst mit dieser Tugend hält. Gelingt es jemandem, der sich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt hat, sich vorbildlich zu verhalten? Meine Antwort lautet: nein. Auch mir fällt es schwer, mich in allen Lebenslagen zu beschränken. Der griechische Philosoph Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) hat das Dilemma des Verhältnisses von kritischen Überlegungen und einer eigenen vorbildlichen Praxis sehr treffend zum Ausdruck gebracht und dabei beschrieben, wie er mit dieser Widersprüchlichkeit von Theorie und Praxis umgegangen ist:
»Von der Tugend rede ich, nicht von mir, und wenn ich die Laster schmähe, so schmähe ich an erster Stelle die meinigen. Sobald ich die Kraft dazu erlangt habe, werde ich leben, wie es sich gehört. Und eure in Gift getauchte Bosheit soll mich nicht abschrecken von dem unbedingt Guten; selbst das Gift, mit dem ihr andere bespritzt, euch selbst aber tötet, soll mich nicht abhalten, ohne Unterlaß ein Leben zu preisen, nicht wie ich es führe, sondern wie es nach meiner festen Überzeugung geführt werden muss, soll mich nicht abhalten, die Tugend anzubeten und in weitestem Abstand mich mühselig ihr nachzuschleppen.« (Seneca 1993, Bd. 1, 28 f.)
Wie Seneca mache ich mir also viele Gedanken über die Tugend der Mäßigung und entwickele Leitlinien für ein mäßiges Leben, führe aber selbst ein keineswegs asketisches. Vielmehr begebe auch ich mich immer wieder neu auf die Suche nach dem rechten Maß im eigenen Leben.
1) Der Begriff »Mäßigung« wird hier und in den folgenden Ausführungen immer wieder synonym mit zahlreichen Begrifflichkeiten verwendet, die mit einer Einschränkung verbunden sind, Begriffen wie Genügsamkeit, Be- oder Einschränkung, Askese, Enthaltsamkeit, Bescheidenheit, Zurückhaltung, (Selbst-)Begrenzung oder Verzicht. Dieses geschieht wohlwissend, dass jeder dieser Begriffe auch eigene Nuancen im Feld der Mäßigung zum Ausdruck bringt.
2) Der Ausdruck »Entwicklungsland« ist eigentlich unangemessen, denn er betrachtet den ökonomischen, technischen und sozialen Stand der Industrieländer als Maßstab für die Entwicklung der ärmeren Länder. Dieser Maßstab wird hier jedoch kritisch betrachtet, und man ist sich mittlerweile wohl einig, dass eine solche Entwicklung kaum noch als globales Vorbild dienen kann.
Kapitel 2
Phänomene der Maßlosigkeit
Über 18 Mio. Tonnen Nahrungsmittel landen in Deutschland pro Jahr im Müll.World Wide Fund for Nature 2017
Zahlreiche Ansätze, unsere Kultur zu erklären, gehen davon aus, dass sie nach den Grundsätzen »weiter, schneller, mehr« funktioniert. Soziologen und Ökonomen sprechen von der »Konsum-« oder »Überflussgesellschaft« (Gailbraith 1958). Kritisch wird diese Gesellschaft auch als »Wegwerfgesellschaft« bezeichnet. Dieser Ausdruck beschreibt eine gesellschaftliche Mentalität, die durch schnelles Konsumieren und einen verschwenderischen Umgang mit Gütern und Ressourcen geprägt ist. Die Wegwerfgesellschaft tendiert dazu, Gebrauchsgüter, die eigentlich für eine längerfristige Nutzung bestimmt sind, durch Einwegprodukte oder durch eine künstliche Verkürzung ihrer Lebensdauer (geplante Obsoleszenz) möglichst schnell zu ersetzen. Mit der Bezeichnung »Erlebnisgesellschaft« (Schulze 2005) wird eine weitere Beschleunigung dieser Entwicklung umschrieben. In der Erlebnisgesellschaft sind Produkte nicht mehr ausschließlich Träger eines instrumentellen Nutzens, sondern werden vielmehr mit Bedeutungen aufgeladen und sollen für die Menschen eine symbolische Funktion erfüllen.
In Wegwerfgesellschaften werden der sorgsame Umgang und das Instandhalten der Güter zugunsten ihres möglichst schnellen Ersatzes vernachlässigt. Der heutige Mensch, so schrieb der Technikphilosoph Günther Anders (1902 – 1992), sehe in der Welt als Ganzer »nur Material« und zwinge sich lieber neue Bedürfnisse auf, als Seiendes intakt und unverwendet zu lassen. Der Mensch will »die ganze Welt verarbeiten, verwandeln, ›fertig machen‹« (Anders 1985, 186). Sein Ziel sei es, die Produktion und den Konsum immer mehr zu steigern und das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen.3)
Die privaten Konsumausgaben stiegen in Deutschland im Jahr 2016 auf 1,68 Billionen Euro und erreichten damit wieder einmal einen Rekord. Noch 1991 lagen diese Ausgaben bei 890 Milliarden Euro und sind seitdem ständig gestiegen (Statista 2017b). Shoppen ist für viele Menschen eine ihrer beliebtesten Freizeitaktivitäten. Aber was dabei gekauft wird, gelangt immer schneller wieder in den Müll. Im Jahr 2013 häufte die Menschheit weltweit jeden Tag 3,5 Millionen Tonnen Abfall an – und es wird stetig mehr. Wenn sich daran nichts ändert, wird sich die tägliche Menge bis zum Jahr 2025 verdoppelt haben (Zeit Online 2013).
Mit dem Phänomen der Wegwerfgesellschaft hängt der Trend zusammen, dass Abläufe in vielerlei Hinsicht beschleunigt werden (Rosa 2014). Beschleunigung erweist sich zunehmend als ein kulturelles Grundphänomen und trägt entscheidend dazu bei, dass die Menschen in weiten Bereichen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens kein rechtes Maß finden. Im Umgang mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit zeichnet sich Maßlosigkeit ab. Die Erwartung der Menschen, möglichst viel in einer bestimmten Zeit zu erreichen, zu erleben und zu bewirken, führt zu einer Überfrachtung der Zeit mit zu vielen Aktivitäten. Auch in der Arbeitswelt zeigen sich solche Beschleunigungsprozesse sehr deutlich. Prekäre Arbeitsverhältnisse wie Zeitarbeit, Just-in time-Arbeiterschaft und die Modularisierung von Arbeit und Produktion zeugen davon, wie das Leben der Menschen durchbrochen, sozusagen aufgelöst wird. Gleichzeitig steigen die Arbeitszeiten, und bei den Menschen nimmt das Gefühl der Überarbeitung zu. Laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer war beispielsweise die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund eines Burn-out (Z73 im ICD-10-GM) im Zeitraum ­zwischen 2004 und 2012 um 700 Prozent, die Anzahl der betrieblichen Fehltage sogar um fast 1400 Prozent gestiegen (vgl. Bundespsychotherapeutenkammer 2012, 3). Es ist festzustellen, dass die vielfältigen Erwartungen, die an die Menschen gestellt werden, und die unzähligen Alternativen, die ihm zur Verfügung stehen, ihn zunehmend überfordern. In einer solchen Kultur wird der Mensch das Lebensziel von innerer Ausge­glichenheit, Zufriedenheit und Glück verfehlen.
Hartmut Rosa stellt eine Veränderung unserer Beziehung zu Raum und Zeit als eine durch die technische Beschleunigung verursachte Revolutionierung der Art und Weise fest, in der die Menschen in die Welt gestellt sind. Er nimmt durch die Beschleunigung des Transports ein verändertes menschliches Raumverhältnis, durch eine Beschleunigung der Kommunikation gewandelte menschliche Beziehungen sowie durch die Beschleunigung der Produktion eine verwandelte Beziehung zu den Dingen wahr. Diese drei Beschleunigungen hätten zugleich eine Veränderung unserer Beziehungen zur Zeit hervorgerufen (vgl. Rosa 2014, 170). Rosa zitiert in seiner Untersuchung den britischen Soziologen John Urry mit einer umfangreichen Liste von Formen der Vergleichzeitigung, aus der der Trend ersichtlich wird, dass immer mehr menschliche Handlungen und Wirkungen in Zeit und Raum gleichzeitig und beschleunigt erfolgen:
»Informations- und kommunikationstechnische Veränderungen, die einen weltweit simultanen Austausch von und Zugriff auf Informationen und Ideen ermöglichen;
(organisations-)technische Veränderungen, welche die Unterschiede zwischen Tag und Nacht, Werktagen und Wochenenden, Freizeit und Arbeit zum Verschwinden bringen;
die wachsende Austauschbarkeit von Gütern, Orten und Bildern in einer ›Wegwerfgesellschaft‹;
die zunehmende Flüchtigkeit und Vergänglichkeit von Moden, Gütern, Arbeitsprozessen, Ideen und Bildern;
eine verschärfte ›Zeitweiligkeit‹ von Gütern, Jobs, Karrieren, Natur, Werten und Beziehungen;
das oft grenzüberschreitende Überhandnehmen neuer Waren, flexibler Technologieformen und riesiger Müllberge;
das Anwachsen befristeter Arbeitsverträge und einer ›just in time‹-Arbeiterschaft sowie die Tendenz, lange Aufgabenlisten anzufertigen;
die Zunahme des weltweiten Nonstop-Handels mit Wertpapieren und Währungen;
die wachsende ›Modularisierung‹ von Freizeit, Aus- und Weiterbildung und Arbeit;
die extreme Zunahme der Verfügbarkeit von Gütern und Bräuchen unterschiedlichster Gesellschaften an jedem Ort der Welt;
wachsende Scheidungsraten und andere Formen der Haushaltsauflösung;
schwindendes intergenerationales Vertrauen und abnehmende intergenerationale Solidarität;
das Gefühl eines (weltweit) zu hohen Lebenstempos, das in Widerspruch zu menschlichen Grunderfahrungen gerät;
wachsende Volatilität des politischen Wahlverhaltens.« (Urry zit. n. Rosa 2014, 346 f.)
Diese Entwicklungen scheinen in eine Kultur zu führen, die Zygmunt Bauman als »liquid modernity«4) (vgl. Bauman 2000) bezeichnete, eine Kultur also, in der sich alle Regeln, kulturellen Standards, Rituale, Werte und Normen, kurzum die gesamte Stabilität und Verlässlichkeit eines regulierten menschlichen Zusammenlebens, aufzulösen scheinen. Was hierbei letztlich verloren geht, ist das menschliche Vertrauen in die Verlässlichkeit der Mitmenschen und zukünftiger Entwicklungen. Dass im Zuge dieses Prozesses das rechte Maß für menschliches Leben und Zusammenleben verloren gegangen ist, liegt auf der Hand. In einer »verflüssigten« Kultur fällt es den Menschen immer schwerer, angemessene Entscheidungen über ihr Leben zu treffen, sich in bestimmten Situationen entsprechend ritualisierten Mustern zu verhalten oder auch der Angebotsflut an Gütern zu begegnen. Sie stehen permanent unter Entscheidungsdruck: Sie müssen unter der Vielzahl der Handlungsoptionen und Produkte die für sich richtigen aus­wählen. Der andauernde Zwang zur Wahl setzt sie unter Dauerstress, und es erscheint zweifelhaft, dass die Menschen unter den Bedingungen einer verflüssigten Kultur glücklich werden können. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr in der Lage, innezuhalten und zu verarbeiten, was vor sich geht.
»Die kannibalische Dynamik der Konsumgesellschaft spiegelt sich in der individuellen Psyche. Wie die hoch entwickelten Gesellschaften bis zu sechsmal mehr Energie und Rohstoffe verbrauchen, als sich auf dem Planeten regenerieren können, so wächst auch in den Konsumgesellschaften die seelische Erschöpfung und nimmt bedrohliche Formen an. Die Depression wird zur häufigsten Ursache der Unfähigkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.« (Schmidbauer 2017, 13)
Ein gründliches Reflektieren über die Gründe und Motive dessen, was man tut oder was man konsumiert, wird unter solchen psychischen Belastungen noch zusätzlich erschwert. Das Thema Mäßigung gewinnt in diesen Kontexten an Bedeutung.
Paradoxerweise scheint es aber zur Beschleunigungskultur zu passen, dass man für die Forderung nach Mäßigung heute neue Begriffe benötigt, weil die Philosophie der Mäßigung dieser Kultur als »verstaubt« (Sachs) und unmodern erscheint. Im aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurs konnte sich der Ausdruck »Mäßigung« bisher kaum durchsetzen. Es wurde der neue Begriff der Suffizienz geprägt, der zunächst im Fachpublikum mehr Aufmerksamkeit hervorrief, der Kulturindustrie ein neues Publikationsfeld erschloss, aber letztlich kaum andere Sachverhalte kritisierte oder neue Alternativen anbot, als sie sich aus einem gründlichen Studium der Philosophie der Mäßigung ergeben hätten; denn hier wie dort steht die Frage im Zentrum, wie wir zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig sowohl in gesellschaftspolitischer Hinsicht als auch im individuellen Leben das rechte Maß finden. In beiden Theorien richtet sich die Kritik auf das Leiden der Menschen an der Maßlosigkeit, ihrem Verlust an Orientierung im Leben und ihrem Bedürfnis nach immer mehr Zerstreuung, um den Schmerz über den Verlust an der Sinnhaftigkeit ihres Daseins nicht spüren zu müssen. Im Suffizienzgedanken wie in der Philosophie der Mäßigung geht es um die Suche nach Harmonie und Glück.
Ein Alltagsbeispiel soll die Schwierigkeiten, die wir mit der Suche nach dem rechten Maß haben, veranschaulichen. In einem Internetforum stellt eine junge Frau folgendes Problem zur Diskussion:
»Hey ihr Lieben, ja, ab und an (z. B. heute, wo ich wieder shoppen war …) frage ich mich, ob ich eigentlich (zu) viele Klamotten besitze. Also habe ich mal kurz durchgezählt, was eigentlich ziemlich schnell ging.
Grober Überblick: Shirts: 39; Hosen: 8; Röcke: 13; Kleider: 17; Pullis: 20; Leggings: 7; Hemden: 5; sonstige Oberteile (Westen, Cardigans etc. …): 27; Jacken: 10; Schuhe 26.
So ungefähr … ich finde, dass sich das eigentlich gar nicht nach so viel anhört, was mich erst mal beruhigt hat.
Aber ich frag mal euch: Viel, viel zu viel? Was habt ihr so im Schrank hängen?« (Kleiderkreisel 2013)
In diesem Beitrag über das Maß an notwendiger Bekleidung sind viele Aspekte der Problemstellung zum Thema Mäßigung und den damit verbundenen Problemen enthalten.5) Schon der Anlass des Beitrags ist für diese Untersuchung interessant: Die junge Frau fragt sich »ab und an«, ob sie zu viele »Klamotten« besitze. Besonders kommt sie ins Nachdenken, wenn sie sich gerade wieder neue Sachen gekauft hat, also nach dem Shoppen. Man gewinnt den Eindruck, dass sie zunächst ein schlechtes Gewissen hat. Die Antwort auf die Frage, warum sie ein schlechtes Gewissen haben könnte oder unsicher in ihrer Entscheidung ist, bleibt ungeklärt. Nach ihrer Kleiderschrank­inventur kommt sie zunächst zu der Erkenntnis, dass sich ihr Kleiderbestand wohl doch in Grenzen halte, und erscheint beruhigt. Doch etwas verunsichert fragt sie die Community nach ihrem Urteil: »Viel, viel zu viel?« Sie bekundet damit, dass ihr ein Maßstab für ihren Kleiderbestand fehlt. Die zwei zentralen Fragen – warum sie überhaupt in Zweifel gerät, ob sie zu viele »Klamotten« im Schrank hat, und anhand welcher Kriterien man eventuell bestimmen könnte, ob man zu viel Bekleidung hat – reflektiert sie nicht.