Materialien zum Thema Aggression - Friedrich Hacker - E-Book

Materialien zum Thema Aggression E-Book

Friedrich Hacker

0,0
10,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mit seinem vielbeachteten Bestseller «Aggression – Die Brutalisierung der modernen Welt» hat Friedrich Hacker der Diskussion über Ursachen, Formen und Kontrollen der Gewalt eine Fülle von Denkanstößen gegeben. Dabei bediente er sich, um der Vielschichtigkeit des Untersuchungsbereichs gerecht zu werden, verschiedener Erkenntnismittel und Darstellungsebenen: der Theorie und kollektiven Erfahrung, der spektakulären Ereignisse wie individueller Krankheitsfälle, des Dialogs wie der Parabel und These. Hier nun, im Gespräch mit Adelbert Reif und Bettina Schattat, faßt er seine Ansichten zu zentralen Fragen der Aggressionsforschung nochmals systematisch zusammen. Vernunft und Brutalität, Biologie und Soziologie der Aggression, Aggression und Sexualität, Familienstruktur, Erziehung, Massenmedien, Verbrechen und Gesellschaft, Aggression in Sozialismus, Kapitalismus und Totalitarismus, Soziologie und Psychoanalyse sind einige der angeschnittenen Themen. Hacker zieht bei ihrer Erörterung nicht nur eine Summe aus seinem ersten Buch, sondern formuliert seine Erkenntnisse unter Berücksichtigung kritischer Einwände vielfach präziser und sachgerechter. Er greift das Aggressionsproblem aber vor allem in dem Bewußtsein wieder auf, daß die subtilen Mechanismen der Aggressionsverschleierung nur durch permanente öffentliche Diskussion aufgebrochen werden können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.

 

Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.

 

Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire

Friedrich Hacker

Materialien zum Thema Aggression

Über Friedrich Hacker

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

VorwortModerne Brutalisierung: Scheinbar oder tatsächlich?VerunsicherungVernunft und BrutalitätHomo homini lupusInnerer GrenzverlustAggressionstheorieGesellschaftstheorieIst Gewalt jemals erlaubt?Weite des AggressionsbegriffsAggressionstrieb? Aggressionsreservoir?Biologie und Soziologie der AggressionAggression und SexualitätWomen’s Lib und FamilienstrukturErziehungTechnisierte Umwelt und AggressionssteigerungWirtschaft und PsychologieGeheimbotschaft der Massenmedien: GewaltSport: Zweischneidige AggressionskontrolleTraditionsverlust und neue BindungenDrogenkultGewaltsame VereinfachungGewaltlegitimation und EtikettenschwindelSachliche Aggression und SpielregelgehorsamNotwendige Gegengewalt?Aggression in Sozialismus, Kapitalismus und TotalitarismusGesellschaftsspezifische VerbrechenPolizei und MilitärChancen der GewaltlosigkeitChancen kollektiver GewaltkontrolleAngewandte Aggressionstheorie: Drei FälleVerbrechensbekämpfung – VerbrechensursacheTodesstrafeVerbrechensverhütung und BußeVorbeugehaft?Verbrechen und KrankheitSoziologie und PsychoanalyseUnterbau und ÜberbauInnen und AußenDéformation professionnelle„Offene“ TheoriePsychoanalytische ForschungsaufgabenManipulationWeiterentwicklung der PsychoanalyseBekenntnis zur PsychoanalyseBibliographieSachregisterPersonenregister

Vorwort

Das Aggressionsproblem ist und bleibt ein heißes Eisen, ein erregendes (auch furchterregendes und Debatten anregendes) Thema von anhaltender, wenn nicht sogar ständig verstärkter brennender Aktualität. Bti aller verwirrender Mannigfaltigkeit der gewalttätigen Wirklichkeit wird die erkennbare Gesetzlichkeit von Gewalt- und Gegengewaltanwendung, die ich in meinem Buch „Aggression – Die Brutalisierung der modernen Welt“ darzustellen versuchte, immer offenkundiger. Vorauszusehen war auch die durch Terror hervorgerufene Angst, die vielfach in Panik und der hysterischen Forderung nach Gegenterror umzuschlagen droht, prophezeibar (und daher auch steuerbar) der Wandel öffentlicher Meinung und die unter dem Einfluß von Brutalitätsmeldungen zunehmende Bereitschaft, mühsam erkämpfte Freiheitsrechte der zumindest rhetorischen Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses zu opfern. Die Fortdauer und sogar Eskalation der Gewalt in individuellen Brutalitätsausbrüchen (die manchmal, keineswegs immer, als Verbrechen gewertet werden) und vor allem die erschreckend hinauflizitierte Bedeutung von Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung rechtfertigen die weitere, intensivierte Beschäftigung mit den komplexen Problemen der Aggression und den ungelösten Fragen der Aggressionskontrolle.

Viele der von mir vertretenen Anschauungen sind Resultate klinischer Beobachtungen und unzähliger, über Jahrzehnte hinaus fortgesetzter Diskussionen mit meinen Mitarbeitern in der Hacker-Clinic in Beverly Hills und in Lynwood, USA. Ohne die solidarische Unterstützung der Klinik, der auch alle Autoreneinkünfte zufließen, wäre die umfassende, praktische und theoretische Beschäftigung mit den Problemen der Aggression nicht möglich gewesen.

Nun haben sich Adelbert Reif und Bettina Schattat der Mühe unterzogen, mit dem Autor die in dessen Buch „Aggression“ ausgedrückten Ansichten nochmals kritisch zu durchleuchten, um deren Richtigkeit durch Infragestellung zu überprüfen und deren Anwendung auf die verschiedenen Gebiete klarzustellen.

Bei diesem Vorhaben ist manche Wiederholung sowie das eine oder andere Zitat unvermeidlich; dennoch gelang es hoffentlich, einiges aus diesem komplizierten Gebiet unter Berücksichtigung berechtigter kritischer Einwände schärfer zu präzisieren und sachgerechter zu formulieren.

Sokrates soll einem Schüler, der ihn tadelte, daß er immer wieder dieselben Antworten gäbe, erwidert haben: „Ich gebe nicht nur dieselben Antworten, ich gebe sie auch auf immer dieselben Fragen.“

So handelt es sich hier nicht um das Aufwärmen alter, erkalteter Einsichten, sondern um den Versuch, die allgemeinen, lehr- und lernbaren Prinzipien der Aggressionsentstehung, Aggressionsverwendung und Aggressionskontrolle an neuen, vom Zeitgeschehen im Überfluß beigesteuerten Beispielen aufzuzeigen und in das öffentliche Bewußtsein zu bringen. Allerdings wird die Genugtuung, für ein entscheidendes Problem der Gegenwart das Interesse verstärkt und zu dessen Diskussion beigetragen zu haben, mehr als aufgewogen durch die allerdings keineswegs überraschende Enttäuschung der Hoffnung, daß die in meinem Buch über Aggression vertretenen Ansichten nicht nur lebhaften Widerhall finden, sondern auch verwirklicht werden mögen. Diese Hoffnung ernstlich gehegt zu haben, wurde dem Autor als eben jene Naivität des leichtgläubigen Optimismus mit geschlossenen Augen angelastet, die in meinem Buch wiederholt als komplexes Produkt gefühlskalter und denkfauler Entscheidungsflucht, als „Sünde des falschen Selbstvertrauens“ entlarvt wurde.

Durch Verwendung einigermaßen neuartiger Darstellungsmittel, nämlich der Variation derselben Themata auf verschiedenen Ebenen in Theorie, kollektiver Erfahrung, spektakulären Ereignissen, individuellen Krankheitsfällen, Zwiegesprächen, Parabeln und Thesen, wurde in meinem Buch gleichzeitig ein aggressiver Frontalangriff auf die Gewalt und die List des Einschleichens in die Verstecke der Aggression geprobt. In kaum zu verkennender Absicht wurde dem letzten Buchabschnitt, der traditionellerweise Ausblicke, Empfehlungen und Lösungen enthält, der Titel „Fehlendes Schlußkapitel“ gegeben. Mit dieser ironischen Kapitelüberschrift sollte die Übereinstimmung mit jenen, die hofften, daß die Menschen besser werden, und forderten, daß „sie sich ihrer bisherigen Unmenschlichkeit bewußt werden mögen“ (wer könnte da nicht übereinstimmen?) und – gleichzeitig mit dieser Übereinstimmung – das Fehlen jeder konkreten Vorstellung einer Verwirklichungsmöglichkeit dieser frommen Wünsche kritisch vermerkt werden.

Tief eingewurzelte, eingeprägte und eingeimpfte Mechanismen der Aggressionsverfälschung und Aggressionslegitimierung verschwinden nicht über Nacht, auch nicht nach Lektüre von Befunden der Aggressionsforschung, um so weniger, als ein immer mehr vervollkommneter, raffinierter Etikettenschwindel Aggression mit immer neuen Entschuldigungen und Rechtfertigungen zu verschleiern vermag. Vereinfachung der Problemlage, Verleugnung und Verdrängung der eigenen und Projektion von Aggression auf den anderen, Polarisierung und Eskalation von Konflikten sowie Regression auf die einfache Gewalt – all diese eingespielten Gewohnheiten und Manöver, mit denen der durch Scheinrechtfertigung legitimierten Gewaltneigung nachgegeben wird, weichen erwartungsgemäß nicht ohne weiteres der vernünftigen Argumentation. Unterstützt von ungelösten, unbewußten Konflikten und mächtigen äußeren Interessen ist die zähe Beharrlichkeit, mit der sich brutale Gewalt unter dem Beifall der betroffenen Öffentlichkeit als Problemlösung anbieten und ausgeben kann, das wesentliche Problem der Aggressionskontrolle.

Bei Nestroy heißt es: „Sei g’scheit, hab ich dem Mädel schon dutzendmal g’sagt; sie folgt mir nur nicht.“ Das ist ein humorvoll ausgedrückter, trauriger Musterfall, der nicht nur für naive Mädchen zutrifft. Dennoch repräsentiert dieses Modell kein Argument gegen die Gescheitheit, nur eines gegen deren sofortige, unmittelbare Wirkung. Vernünftiges nochmals an anderen Stellen immer wieder und lauter zu äußern, kann daher unter geänderten historischen Bedingungen (auch geändert durch das häufige Aussprechen) eine ganz veränderte Wirkung haben: Die revolutionäre Wahrheit von gestern mag heute zur Trivialität, aber morgen zur Gewohnheit geworden sein, zur Gewohnheit der Brutalität oder zur Gewohnheit der Gewaltenthaltsamkeit.

Begnügt man sich mit der Anpreisung allgemein wünschbarer Ziele, macht man es sich leicht und braucht nur religiöse oder politische Erwartungsvorstellungen oder bequemes Wunschdenken zu kopieren. Durch ausweichende Unbestimmtheit bleiben oft auch die schönsten Gewalttheorien konkret anwendbare Antworten schuldig und zwingen hierdurch die Praxis, auf die theoretisch längst durchschauten und verworfenen Gewaltmethoden zurückzufallen. Die eingehende Beschreibung von Verwirklichungsmöglichkeiten und die Darstellung von Durchführungsbestimmungen – das Wie, nicht das Was – sind schwierig. Das in meinem Buch als fehlend bezeichnete Schlußkapitel ist noch nachzuliefern. Niemand ist sich dessen mehr und schmerzlicher bewußt als der Autor. Eben wegen dieses Bewußtseins des Fragmentarischen und Skizzenhaften meines – und jedes bisherigen, mir bekannten – Ansatzes widersetze ich mich der rhetorischen „Erklärung“ (Deklaration und Explanation), mit der die weit offenen Probleme der Gewalt, mit Gewalt, als gelöst oder gar als unproblematisch hingestellt werden. Gerade in der Vereinfachung um jeden Preis, im gewaltsamen Abbrechen oder Abschneiden des Denk- und Gefühlsprozesses (auch und besonders um des lieben Friedens willen), in der falschen Sicherheit durch Aggressionsverleugnung liegt die ungeheure, sich täglich verstärkende Gefahr, daß komplexer Ausdruck von Aggression auf die einfache, nackte Gewalt verkommt. Daher wird die Weiterführung offener, kritischer, radikaler Diskussion, die zeitnah die Zeit beeinflussen soll, zur wissenschaftlichen und sozialen Aufgabe. Die bisher kaum erprobte Ausdrucksform des periodischen Kommentars, des „Gerichtstaghalten über sich selbst“ und „Rede-und-Antwort-Stehens“ desselben Autors über dasselbe, sich in seiner Erscheinungsform allerdings wandelnde Phänomen (also z.B. „Aggression 1974“ und „Aggression 1980“, um Orwells „1984“ weniger wahrscheinlich zu machen) könnte dabei in Erwägung gezogen werden.

Einsichten über Aggressionsverwandlung und Gewaltvermeidung bedürfen der individuellen und sozialen Zurkenntnisnahme, Verwirklichung und Institutionalisierung. Auch wenn man sich nicht dem Terror jener unbemerkt eingespielten Vorurteile beugt, die sich gerne als gesunder Menschenverstand ausgeben, bleibt es doch Arroganz der Wissenschaft oder schlechthin Hochmut, allein in der Verständlichkeit und Popularität von Ansichten die Kriterien für deren Unwert oder gar deren Widerlegung zu erblicken. Karl Kraus sagte einmal: „Je größer der Stiefel, desto größer der Absatz.“ Beliebtheit und Gängigkeit von Anschauungen, besonders solcher, die im Hinblick auf ihre Verkäuflichkeit angefertigt wurden, sind keine Gütezeichen und Wertgarantien, aber auch nicht notwendig Anzeichen von Banalität oder von Verrat an jenem Geist, der nur von der Neidgenossenschaft heiliggesprochen wird.

Immer wieder erweisen sich dieselben Probleme als jeweils unlösbar. Wer legitimiert, und was stellt authentisch verläßliche Legitimation dar? Was kann die „Unschuld“ und Gewißheit unkritischer, subjektiv parteiischer Wertentscheidungen ersetzen, nachdem Rechtfertigungen nicht nur als Rationalisierungen der Aggression, sondern als primäre Aggressionsursachen erkannt wurden? Völlige und unbedingte Gewaltenthaltsamkeit bedeutet Verzicht auf jeden Widerstand, sogar unter den unerträglichsten und ungerechtesten Bedingungen. Verantwortungsgefühl und Realitätsbewußtsein zwingen zu dem Schluß, daß unter gewissen Umständen Widerstand nicht nur berechtigt, sondern sogar geboten ist. Doch wer und was definiert den Begriff „Notwehr“? Wie und wann ist berechtigte, zum Überleben sogar notwendige Aggression zu rechtfertigen, da sich fast jeder, auch der Unberechtigteste, mitunter selbst zu bizarr-brutalen Gewaltakten legitimiert empfindet? Einfache Modellbeispiele sind auch einfach irreführend. Immer wieder wird der Modellfall des brutal attackierenden Verbrechers zitiert, der den vorher ahnungslos unbeteiligten Mitbürger oder Staat überfällt und dadurch dessen Notwehrreaktion als lediglich verteidigende Gegengewalt legitimiert. Aber wie oft sind gerade bei den wichtigsten Anlässen, die wahre Entscheidungen erfordern, die Verhältnisse derart klar und eindeutig, da doch erst die Komplexität der wechselseitigen Verknüpfung von Aktion und Reaktion gewisse Ereignisse wichtig werden läßt? Gegen die bequeme ideologische Verallgemeinerung eines Denkmodells, das sich durch Vorherbestimmung der von vornherein feststehenden Schuld einer (natürlich stets der anderen) Seite die schwierige Untersuchung der eigenen Berechtigung ersparen will, ist Verunsicherung durch kritische Skepsis angebracht, selbst wenn der Zweifel an angeblich ohnehin klaren Unterscheidungskriterien als Ärgerniserregung, Nestbeschmutzung und Metaliberalismus denunziert wird. Doch prinzipiell ist es nicht unmöglich, auch schwierige und komplexe Probleme klar und modellhaft zu definieren; jede objektive Rechtsprechung tut eben dies; sie bewährt ihre Objektivität im Eingehen auf die subjektiven Tatbestände und bewahrt ihre Identität im lebendigen Wandel gültiger Anschauungen. Nur werden gemäß der Problemkomplexität auch die Lösungen schwierig und komplex sein. „Gewalt ist einfach. Alternativen zur Gewalt sind komplex.“

Auch so häufig falsch angewendete, bequem mißbrauchte und ideologisch entstellte Begriffe wie organisches Wachstum, Gesundheit, normative Entwicklung, Gerechtigkeit usw. haben ihren Sinn und ihre feststellbare Bedeutung; weder Wirklichkeitsschelte noch die Drohung, in die Wüste zu gehen, „weil nicht alle Blütenträume reiften“, noch blindwütiges Bombenwerfen kann verantwortliche Handlung und Selbstprüfung ersetzen. Es liegt im Wesen der politischen Realität, wichtige Entscheidungen auf Grund vorläufiger und unvollständiger Information treffen zu müssen. Berechtigung und Handlungslegitimation werden als Annahmen gelten müssen, bevor sie als schlüssige Beweise feststehen; auch demokratische Selbstkontrolle darf nicht fordern, daß sich die Demokratie aus Scheu vor Anwendung noch nicht oder nicht mehr verpflichtender, bindender Normen entschlußlos der totalitären Diktatur oder, aus übertriebener Toleranz der Intoleranz, widerstandslos der Brutalität ausliefert. Aus Gründen langfristiger Strategie der Freiheit jedoch muß immer wieder betont werden, daß jene gültigen Erkenntnisse, welche die fehlenden Schlußkapitel füllen sollten, erst noch zu erdenken und zu erfühlen sind. Doch sollte allen praktischen Erwägungen der Charakter der Vorläufigkeit mit dem Segen der Widerruflichkeit anhaften. Es kommt nicht darauf an, das letzte Wort zu haben, es kommt aber sehr darauf an, die Auseinandersetzung über Fragen der Aggression und Aggressionskontrolle offenzuhalten und die vorläufigen Antworten praktisch zu erproben, damit nicht Gewalt, von welcher Seite auch immer, jede weitere Diskussion abschneidet und alle Chancen echter Erkenntnis und Entscheidung zunichte macht.

 

Wien/Beverly Hills, im August 1972

Friedrich Hacker

Moderne Brutalisierung: Scheinbar oder tatsächlich?

Frage: Herr Professor Hacker, in Ihrem Buch „Aggression – Die Brutalisierung der modernen Welt“ stellen Sie die These auf, daß „sich der Homo sapiens, die Krone der Schöpfung, in den Homo brutalis, die entfesselte Bestie ohne Hemmungen, verwandelt“ habe, und Sie widmen – zur Verdeutlichung „eindeutig aggressiver Vorgänge“ – unter anderem der Mörderclique Manson breiten Raum.

In Wirklichkeit ist doch aber die vielbeschriebene Eskalation der Gewalt keine Besonderheit unseres Jahrhunderts. Die Bibel, die Dramen Shakespeares sind angefüllt mit Grausamkeiten aller Art. Und manches, was heute im politisch-kriminellen Bereich geschieht: Luftpiraterie, Diplomatenentführungen, Banküberfälle, Gefangenenbefreiungen, Folterungen, Erpressungen, Straßenschlachten, Guerillas, Mord und Totschlag – manches davon hat eine lange Geschichte. Immerhin gelten als die Urformen der Guerillabewegung der amerikanische Befreiungskrieg gegen die Engländer und der spanische Volksaufstand gegen Napoleon. Die Tupamaros sind also nur eine moderne Variante dieser Kriegsgattung.

Beruht nicht Ihre Klassifizierung des modernen Menschen als Homo brutalis auf einer Überschätzung der Zunahme von Gewaltakten in unserer Zeit, was durchaus erklärlich ist, wenn man den raschen und intensiven Informationsfluß, der jeden einzelnen heute erreicht, in Rechnung stellt?

 

Hacker: Jede Periode hat die Tendenz, sich übertrieben wichtig zu nehmen, und wähnt sich daher außerordentlich entscheidend oder außerordentlich gefährdet. Vielleicht gibt es sogar etwas wie einen Zeitalter-Narzißmus. Ähnlich dem narzißtischen Individuum sieht sich jede Periode als Mittelpunkt aller Ereignisse an, überschätzt die eigene Bedeutung und setzt alles nur mit sich in Verbindung. Der moderne Homo brutalis ist aber nicht nur ein Phantasieprodukt hysterischer Selbstüberschätzung; der neue Stellenwert von Gewalt im öffentlichen Leben ist nicht lediglich auf die sprunghafte Vermehrung der Weltbevölkerung, auf bessere Kriminalstatistiken, gründlichere Verbrechensentdeckung und schnellere Masseninformationsmethoden zurückzuführen oder gar nur auf das Weiterbestehen des alten brutalen Adam. Selbstverständlich gab es Aggression, Gewalt und Brutalität zu allen Zeiten. Diese triviale Beobachtung wird übrigens häufig vor allem deshalb vorgebracht, um plausibel, aber unlogisch auch alle zukünftige Gewalt als unvermeidlich zu rechtfertigen. Gewöhnlich werden frühere, unglaublich grausame Strafmethoden (Rädern, Vierteilen, Gliederausreißen, Verbrennen), ständige Kriege und interne gewalttätige Auseinandersetzungen, aber auch die Grausamkeit der Märchen und Fabeln (lange vor Fernsehen und anderen Massenmedien) als Beweise für die „natürliche“ Wiederkehr ewig gleicher Gewalt ins Treffen geführt. Das Phänomen der angeblich verstärkten und vermehrten modernen Brutalität werde nur durch eine größere Sichtbarkeit und die schnellere Verbreitung von Nachrichten, durch Abnahme der Verbrechensdunkelziffern bei gleichzeitiger Zunahme der Bevölkerungsdichte und durch die neuent wickelte, besondere Empfindlichkeit, ja Wehleidigkeit des modernen Menschen in bezug auf Gewalt vorgetäuscht.

 

Frage: Könnte dies nicht zur Verwechslung von Oberflächenerscheinungen mit fundamentaler Änderung der Struktur und Häufigkeit von Aggression führen?

 

Hacker: Ich bin der Meinung, daß die evidente heutige Gewaltzunahme nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich ist. Ich denke da vor allem an die destruktive Gewalt der Atombomben und an den allgemeinen Zugang zu automatischen Schußwaffen und Explosivstoffen (wie im Molotow-Cocktail), an die dank der Sensitivität der modernen Gesellschaft besonders wirksamen Erpressungen durch Geisel- und Flugzeugentführungen, an die Banalität von brutalem Verbrechen und brutalisierter Verbrechensbekämpfung, an Terror und Gegenterror, die alle, als Drohung oder trivialisierte Wirklichkeit, an die man sich schon gewöhnt hat, unser gesamtes Leben beherrschen. Selbstverständlich trifft auch zu, daß der Mensch als natürliches biologisches Lebewesen aggressive Tendenzen, aggressive Dispositionen, aggressive Kompetenzen oder aggressive Triebe mitbringt: der Homo brutalis ist eine Potentialität des Homo. Unmenschlichkeit ist eine Ausdrucksform des Menschlichen. Der einfache, vorschnelle Schluß, es lasse sich daher nichts Wirksames gegen Aggression finden, ist einfach falsch. Man könnte ebensogut behaupten, daß Armut und Hungerleiden unausweichliche menschliche Schicksale sind, da es zu allen Zeiten wahrscheinlich mehr arme, hungrige Menschen gegeben hat als reiche oder auch nur satte. Diese Beweisführung übersieht die historische Kategorie. In einer potentiellen oder tatsächlichen Überflußgesellschaft haben Armut und Hunger eine völlig andere Bedeutung als in einer Mangelgesellschaft, wo einfach nicht genügend Güter gefunden oder erzeugt werden, um die vitalen Bedürfnisse aller zu befriedigen. Selbst wenn sich die schwer meßbare Brutalität nicht vermehrt hätte, wäre sie auffallender, skandalöser und hätte verschiedenen Stellenwert zu einer Zeit, in der schon wegen der technologischen Entwicklung für roh gewalttätige Auseinandersetzungen weder ein vernünftiger Anlaß besteht, noch durch sie ein vernünftiges Ziel zu erreichen ist. Gewöhnliche statistische Methoden können bei diesem Problem nicht weiterhelfen; es ist schwer, sich schlüssige Zahlenkorrelationen zwischen Weltbevölkerungsexplosion, technologischer Entwicklung, Verbrechenszunahme und Gewaltkult vorzustellen, um so weniger, als ja die Einstufung und Bezeichnung aggressiver Akte als gewalttätig selbst wiederum der Willkür und oft der Gewalt unterliegt. Durch Umbenennung (Etikettenirrtum und Etikettenschwindel) wird Gewalt auf ihre vermutlichen Rechtfertigungen umgetauft, die bei ihren Anfängen Pate standen. Fortan heißt sie Notwendigkeit, Selbstverteidigung, Pflicht oder Dienst. Die Gewöhnung an Gewalt trägt durch Veralltäglichung (Banalisierung und Trivialisierung) dazu bei, die Gewaltpraxis zu verniedlichen, das Gewaltbewußtsein oder gar Hemmungen und Schuldgefühle bezüglich Gewaltanwendung auszuschalten. Gewaltregimes dürfen sich ruhig darauf verlassen, daß schon nach kurzer Zeit im Erfolgsfall ihre Gewalt als Ordnungskraft empfunden und als unvermeidlich, selbst von Neutralen und Gegnern gleichgültig oder resigniert, akzeptiert wird. Etikettenschwindel, Habituierung und Trivialisierung bedingen die modellhafte Ausstrahlung und die eminent gefährliche Ansteckungswirkung der Gewalt, die sehr wirksam und dauerhaft die Wirklichkeit zu verändern imstande ist.

Verunsicherung

Frage: Ist nicht auch der allgemeine, manchmal sogar die Dimensionen der Panik annehmende Verlust des Vertrauens in unsere Institutionen und in uns selbst eine Wirkung von Gewalt und Gewaltdrohung?

 

Hacker: Das gegenwärtige, nicht nur auf westliche Gesellschaften beschränkte allgemeine Gefühl der Verunsicherung und Bedrohung durch Gewalt (oder Vertrauen auf Rettung durch Gewalt) ist zwar schon an und für sich ein bemerkenswertes und höchst erklärungswürdiges Phänomen; so weit verbreitet es aber auch ist, genügt es dennoch nicht, um allein tatsächliche moderne Brutalisierung zu beweisen.

Überraschender als Verbrechenszunahme und Kriegsbereitschaft ist die Wirklichkeit und Wichtigkeit von fortdauernder, ja sogar vielfach eskalierter Brutalität, die nur teilweise auffällt, die teilweise jedoch als alltägliches Element politischer Auseinandersetzungen, familiären Lebens und der Konfliktlösung überhaupt trivialisiert und unerkannt akzeptiert wird. Durch diesen Mechanismus wird Aggression zwar lange Zeit übersehen, dann aber wieder schreckgespenstartig übertrieben.

In Europa gelang es, durch staatliche Gewalt nach außen und nach innen, das Gewaltverbrechen einzuschränken; verglichen mit Weltkriegen, Bürgerkriegen, gewaltsamen Besetzungen, Diktaturregimes, Hinrichtungen, gescheiterten und gelungenen Putschen, Machtergreifungen, allsonntäglichen Straßenschlachten usw. scheint die heutige Zeit vergleichsweise friedlich. Und doch war früher Gewaltanwendung prinzipiell beschränkt und schien dadurch normal. Sie bediente sich gewisser, fest umschriebener Rechtfertigungen und war, so grausam sie auch sein mochte, für die Durchsetzung bestimmter Ziele reserviert und auf bestimmte Gruppen begrenzt. Daß die noch sehr lebendige Erinnerung an mörderische Kriege und Straßenschlachten die Vorstellung der guten, alten, sicheren Zeit (vor dem Zweiten Weltkrieg oder vor dem Ersten Weltkrieg) nicht zu stören imstande ist, stellt ein noch kaum untersuchtes Phänomen systematischer Aggressionsleugnung dar, das durch die Annahme eines rückprojizierten Wunschbildes allein nicht ausreichend geklärt ist. Solange Möglichkeiten (oder der Glaube daran) bestehen, sich durch Flucht, Unauffälligkeit, Kompromisse usw. der Zielgruppe, gegen die Gewalt gerichtet ist, entziehen zu können (solange also die Gewalt prinzipiell beschränkt bleibt und ein Minimum von Spielregeln einhält), wird sie, bei aller Intensität, mit Recht nicht als schicksalhaft empfunden. Die Verunsicherung wird jedoch total und der Stellenwert der Gewalt, die nunmehr alles und alle bedroht, ein grundsätzlich anderer, wenn jeder potentiell sowohl Gewaltsubjekt wie Gewaltobjekt wird. Durch Legitimationsinflation maßt sich dann jede Gruppe und jeder einzelne unter Mißachtung oder mittels Ad-hoc-Veränderung aller Spielregeln scheinbar legitimierte Gewaltsausübung an, während umgekehrt durch Unvorhersehbarkeit und Grenzenlosigkeit der Gewaltanwendung auch jeder zum Gewaltopfer werden kann.

Vernunft und Brutalität

Frage: Wo ziehen Sie nun die Grenze zwischen dem Homo sapiens und dem Homo brutalis? Waren die Neger in den Vereinigten Staaten Homines sapientes, solange sie sich freiwillig terrorisieren ließen, und wurden sie zu Homines brutales, als sie sich entschlossen, das weiße Monopol der Gewalt nicht mehr anzuerkennen?

 

Hacker: Die gegenteilige Behauptung würde schon eher stimmen, doch ist sie eben auch nicht ganz richtig; die theoretische Schwierigkeit der Grenzziehung zwischen Homo sapiens und Homo brutalis entsteht aus der Mischung von Vernunft und Brutalität in Individuen und Kollektiven. Vernunft und Brutalität sind aber nicht immer und ohne weiteres Gegensätze; der Homo wird ganz besonders dann zum Homo brutalis, wenn er ausschließlich sapiens sein will. In anderen Worten: die Menschen werden immer dann besonders brutal, wenn sie ihre Vernunft dazu benutzen, Gewalt gezielt und bewußt strategisch einzusetzen. Man könnte sogar sarkastisch darauf hinweisen, daß nur die seinerzeit erfolgreich Brutalen – auf Grund des Erfolges ihrer Brutalität – es sich leisten können, später weise und gerecht zu werden; für Zyniker sind Vernunft und Gerechtigkeit Luxusartikel. Jedenfalls ist die Möglichkeit des „Homo brutalis“ im „Homo sapiens“ mit enthalten. Menschen könnten niemals so brutal sein, wie sie es tatsächlich sind, wenn sie nicht ein gewisses Maß funktioneller Rationalität in den Dienst ihrer Brutalität stellen könnten; Brutalität wird erst dann im großen Stil gefährlich, wenn sie sich der Vernunft (zumindest im Sinn der Klugheit und des technologischen Know-how des Funktionsverständnisses) bedienen kann.

 

Frage: Gewöhnlich wird aber in der Vernunft die Hoffnung der Aggressionskontrolle gesehen. Empfehlen nicht auch Sie vernünftige Maßnahmen zur Einschränkung von Brutalität?

 

Hacker: Im konventionellen Modell sind Vernunft und Brutalität Gegensätze; doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Durch Vernunft (wenigstens durch eine Art von Vernunft) werden die Mittel geheiligt; zielführende Brutalität erscheint nicht als unvernünftig. Rationalisierungen verwenden vernünftige Erwägungen und Schlüsse, um brutale Maßnahmen zu kaschieren, zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Funktionelle Vernunft, die überhaupt nur die Untersuchung der Mittel-Zweck-Beziehung als Revier der Rationalität betrachtet und alles darüber Hinausgehende zwar nicht als irrational, wohl aber als arational erachtet, bleibt bei der Prüfung angemessener Mittel zur Erreichung bestimmter Ziele stehen, ohne die Art, Qualität, Güte oder Gefahr dieser Ziele und die Dynamik der Zielsetzung rational zu untersuchen. Damit wird das, worauf letztlich und wirklich alles ankommt, nämlich Zielsetzung und Wertgebung, der Willkür, der keiner rationalen Begründung bedürftigen Präferenz, dem Zufall oder der verborgenen Manipulation überlassen. Vernunft kann der Brutalität und der Unvernunft dienen; sie tut es nur allzu häufig. Dies zu übersehen oder abzuleugnen bedeutet eine Idealisierung und Idolisierung der Vernunft, die allerdings unter Umständen, die sowohl das reife Individuum wie die mündige Gesellschaft kennzeichnen, imstande ist, die unheilige Allianz zwischen Brutalität und funktioneller Vernunft zu entlarven und zu Wertentscheidungen substantiell beizutragen.

Homo homini lupus

Frage: Um das Problem der Gegenwart weiter zu erörtern: anläßlich des hundertsten Jahrestages der Proklamation der Pariser Commune veröffentlichte der marxistische Philosoph Hans Heinz Holz[1] einen Aufsatz über „Die Moral der Gewalt“, worin es unter anderem heißt:

„Wer Gewaltanwendung gewärtigen muß, kommt nicht umhin, sich auch der Gewalt zu bedienen. Die reine Moral der Gewaltlosigkeit ist die Schutzideologie des Bürgers, der den Umsturz fürchtet; er vergißt sie rasch genug, wenn es um die Durchführung seiner Interessen gegen andere, um die Verteidigung seines Besitzes geht … Solange der Mensch des Menschen Wolf ist, bedeutet der Verzicht auf Gewalt zugleich Unterwerfung …“

Ist das Ihrer Meinung nach zutreffend?

 

Hacker: Homo homini lupus will somit das „ehrliche“ Bekenntnis zur ungeschminkt aggressiven Natur des Menschen sein, die von Unentschlossenen und Schwachen nur um den Preis der eigenen Hilflosigkeit verkannt und beschönigt wird. Dies ist allerdings nur teilweise richtig. Die moderne Antwort auf die alte Frage, ob der Mensch mehr dem Wolf oder dem Lamm gleiche, lautet, daß er in seinem Verhalten um so wahrscheinlicher dem reißenden Raubtier ähnelt, je mehr er sich als eigentlich nicht aggressives, unschuldiges Opfer verkennt, das heißt, sofern er alle Aggressionen auf den Gegner projiziert und gleichzeitig die eigene Aggression verdrängt und verleugnet. Was der Selbstbehauptung, der Selbstverteidigung und der Bewahrung der eigenen höchsten Werte zu dienen scheint, wird nicht mehr als Aggression, sondern als „natürliche“ Notwendigkeit empfunden. Diese Behauptung ist nicht allein auf den ängstlichen und scheinheiligen Bürger beschränkt. Die widersprüchliche Wahrnehmung und die bewußt wie unbewußt verschiedenartige „Behandlung“ der eigenen, im Gegensatz zur fremden Aggression sind charakteristische Aspekte jeder, nicht nur einer bürgerlichen, sondern ebenso einer kommunistischen Ideologie. Auf die Betonung dieser transideologischen, ideologiebedingenden Eigenheit des Aggressionserlebnisses lege ich großen Wert!

Wenn sich die heutigen Führer der Sowjetunion verteidigen und erklären, wie gefestigt ihr Regime sei, so sind sie sich gewiß nicht dessen bewußt, daß sie damit aggressiv handeln. Sie stehen vielmehr auf dem Standpunkt, daß nur die gegen sie auftretenden Revolutionäre oder Reaktionäre aggressiv sind. Als Machthaber teilen sie diese Auffassung mit aristokratischen und mit bürgerlichen Machthabern, mit allen Machthabern als Machthabern überhaupt.

Von engagierten Parteigängern, die selbstverständlich ihre eigene Verblendung ableugnen und sich ihrer ideologieverbrämten Aggression in keiner Weise bewußt sind, wird diese grundlegende und grundlegend wichtige Erkenntnis vielfach als apolitische, ahistorische und damit wirklichkeitsfremde Ausflucht denunziert, als ob die Hervorhebung eines im verborgenen wirkenden Mechanismus der Aggressionsverwandlung alle politischen Systeme entweder ignoriere oder wertmäßig gleich einstufe. Dieser Vorwurf ist offensichtlich absurd. Die Bewußtmachung und Betonung eines allgemeinen Aggressionsschicksals, das jede Art der Machterringung und Machtausübung entscheidend beeinflußt, bedeutet nicht die Verneinung der Wichtigkeit verschiedener politischer und gesellschaftlicher Aggressionsregelungen, sondern vielmehr den Beginn einer vernünftigen und humanen Politik. Gesellschaftliche Systeme können in ihrer „Güte“ und Gerechtigkeit sogar danach beurteilt werden, inwieweit sie die ihnen innewohnenden Gefahren blinder Verkennung der eigenen Aggression vermeiden und mündige Aggressionskontrolle individuell und kollektiv konkret verwirklichen.

Innerer Grenzverlust

Frage: Die heutigen Generationen sind die ersten, die im Bewußtsein der totalen atomaren Bedrohung leben. Spielt dieses Bewußtsein nicht eine entscheidende Rolle bei dem in fast allen Lebensbereichen zu beobachtenden Anstieg aggressiver Verhaltensweisen?

 

Hacker: Als ich den Ursprung des gegenwärtigen „Jugendstils“ und überhaupt den Bewußtseinszustand der heutigen Jugend analysieren wollte, schrieb ich den Schocks von Auschwitz und Hiroshima große Bedeutung zu, und zwar in dem Sinne, daß auf Grund des gestern Erlebten heute buchstäblich alles möglich geworden ist. Der neuen Generation ist klar geworden, daß moralische Überzeugungen und sittliche Prinzipien allein selbst ärgste Grausamkeit und Brutalität nicht zu verhindern, sondern nur zu beschönigen vermögen. Erlebnisse der jüngsten Vergangenheit hatten aufgezeigt, daß es keine Grenzen der Aggression gibt. Die neue Generation glaubt erkannt zu haben, daß das Unmögliche sehr wohl zur Wirklichkeit werden kann, weil dies in Auschwitz und Hiroshima bereits geschehen ist. Diese „neue“ Erlebnisweise, die eine veränderte Beziehung zwischen Lust- und Realitätsprinzip und damit veränderte Zielsetzungen bedingt, reflektiert sich auch in einer Umstrukturierung der Psyche. Die Trennungslinien zwischen Ich und Über-Ich werden verwischt und undeutlich. Dieser innere Grenzverlust, der psychischen Konstellation bei schizophrenen Vorgängen in manchem analog (allerdings bestimmt mit ihnen nicht identisch), ist in grober Verallgemeinerung generationscharakteristisch. Auch aus diesem Grund begegnen die scheinheiligen Moralpredigten der Älteren und die Appelle derjenigen, die daran interessiert sind, den gegenwärtigen Status quo ewig beizubehalten, dem Unglauben und Unverständnis der Jungen.

 

Frage: Wie steht dieser innere Grenzverlust mit Aggression und Aggressionskontrolle in Zusammenhang?

 

Hacker: Die innere Instanz des Über-Ichs ist von aggressiven Energien gespeist und gleichzeitig die wirksamste Organisation zur Aggressionskontrolle. Die verinnerlichte Gewissensinstanz ersetzt den vormals äußeren Zwang, der sie bildete, indem sie ihn fortsetzt; vom reifen Erwachsenen wird Aggression vorwiegend durch sein Gewissen gehemmt, gelenkt und gerechtfertigt. Das eindeutig geformte Über-Ich bestimmt klar und deutlich Aggressionshemmung und Aggressionsausdruck sowie die verbotenen oder gestatteten Aggressionsziele; daher sind frühe Erlebnisse und Erziehungseinflüsse, die das Über-Ich gestalten, von derart entscheidender Bedeutung für alle spätere Aggressionskontrolle.

Verwirrte, richtungslos gewordene Erziehung, die zwischen exzessiver Permissivität und autoritärer Willkür pendelt, reflektiert sich in vagen, konfusen, ambivalenten Über-Ich-Bindungen mit verwischten Grenzen und fließenden Übergängen zum Ich und zum Es. Die frühere Starre, die unter Umständen moralistische Enge und Strenge, Vorurteil und Scheinheiligkeit, Selbstgerechtigkeit und Sturheit zur Folge hatte, wurde abgelöst von aufgelockerten inneren Strukturen, die nahezu unbeschränktes Experimentieren, Offenheit, Bewußtseins- und Sinnesänderungen, schnelle Entschlüsse und deren ebenso rasche Zurücknahme sowie wechselnde, intensive, aber letztlich unverbindliche Engagements gestatten. Diese Entwicklung bedingt aber auch die Auflockerung, wenn nicht Auflösung der inneren Sicherheitsstrukturen, die Aggression sowohl binden wie kontrollieren. Blinder Gewaltfanatismus verführbarer, manipulierbarer, „plastischer“ Jugendlicher ist mit der neuen Persönlichkeitsorganisation des „proteischen“ Menschen ebenso vereinbar wie die sanfte Gewaltlosigkeit (z.B. der ursprünglichen Blumenkinder). Darin liegt die Gefahr, aber auch die Chance für die zukünftige Aggressionskontrolle.

 

Frage: Das führt allerdings zu der Frage, weshalb sich dieser „innere Grenzverlust“ erst ein gutes Vierteljahrhundert nach Auschwitz, nach Hiroshima und in dieser Form manifestiert?

 

Hacker: Wichtige äußere Veränderungen schlagen sich als innere Haltungen sehr häufig erst mit geraumer Verzögerung nieder; dies macht manchmal das Aufzeigen gefährlicher Entwicklungen, die sich erst langfristig in Schädigungen auswirken, so schwierig. Völlige Verinnerlichung von Geschehnissen und Veränderungen hinkt immer den Ereignissen und den sich daraus ergebenden Schlußfolgerungen, die verinnerlicht werden, beträchtlich nach. Die Eltern- und Erziehergeneration bestimmt weitgehend die Bildung oder Verbildung des Über-Ichs der Jugend. Die heutige Erziehungsgeneration ist die erste, die Auschwitz und Hiroshima erfahren, innerlich verarbeitet oder abgewehrt und der jungen Generation in deren oft nicht mehr scharf abgegrenzten Über-Ich-Bildung vermittelt hat. Die heute stattfindenden Ereignisse werden ebenso erst nach etwa 15 bis 20 Jahren in kollektiven Haltungen wirksam und sichtbar werden, weil erst dann jene Menschen, welche die Ereignisse der Gegenwart bestimmen und von ihnen bestimmt werden, als Vorbilder und Modelle die Über-Ich-Inhalte der nächsten Generation beeinflußt haben werden.

Aggressionstheorie

Frage: Worin besteht eigentlich das grundsätzlich Neue in Ihrer Aggressionstheorie?

 

Hacker: Darin, daß ich den Versuch unternehme, den Übergang von individueller zu sozialer Aggression nicht nur zu behaupten, sondern systematisch darzulegen und detailliert zu beschreiben, unter welchen Bedingungen freie Aggression gebunden und sozialisiert sowie institutionalisiert, aber auch unter welchen Bedingungen sie wieder entbunden oder lediglich verheimlicht und kaschiert wird. Die Verwandlungen der Aggression, d.h. die Bindung freier Aggression in inneren Instanzen wie Gewissen und Charakter und in äußeren Institutionen sowie die Entbindung und Freisetzung von Aggression entweder gegen oder vor allem mit Duldung, Rechtfertigung und Legitimierung des Gewissens und der Institutionen, bewirken die Übergänge von individueller zu sozialer Aggression, die sich auch empirisch nachprüfen lassen. Diese Einsichten sind verifizierbar oder zumindest falsifizierbar und erheben daher durchaus den Anspruch auf eine wissenschaftliche Theorie. Auf das Verständnis des Kreislaufes der Aggression wird besonderer Wert gelegt, denn auf diesem Verständnis beruht die Möglichkeit der Veränderung und Korrektur, des sozialen und therapeutischen Eingreifens, der Aggressionskontrolle.

 

Frage: Ist das aber nicht schon früher von vielen Aggressionsforschern sowie von Erziehern, Philosophen und Politikern gefordert worden?

 

Hacker: