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Die Gefährdung des Menschen durch brutale Gewalt ist so alt wie die Menschheit selbst. Neu ist die Dimension der Gewalt, sowohl durch den Wirkungsgrad brutalen Verhaltens in hochtechnisierten Gesellschaften wie auch durch den ständigen Anschauungsunterricht in Gewalt, den die Medien bieten. In extremer Konsequenz kann diese Brutalisierung der modernen Welt die Selbstauslöschung der Menschheit bedeuten, zumindest aber zur abgestumpften Hinnahme von Gewalt als alltäglichem Ereignis führen. Um so mehr ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit Aggression und Gewalt eine Aufgabe von existentieller Bedeutung. Friedrich Hacker, einer der bekanntesten in Amerika wirkenden Psychiater seiner Zeit und vielbeschäftigter Sachverständiger an US-Bundesgerichten, analysiert pathologische Fehlfunktionen der Aggressivität an Beispielen wie dem Mordfall Sharon Tate, dem Massaker von My Lai oder dem Harakiri-Phänomen und stellt sie den arterhaltenden Leistungen des Aggressionstriebs gegenüber. Wie Konrad Lorenz, der Vater der vergleichenden Verhaltensforschung, entwickelt er eine ambivalente Theorie der Aggression und beschreibt Praktiken zur Kontrolle ihrer destruktiven Tendenzen. Diskussionen mit Aggressionsforschern anderer Disziplinen runden Hackers Buch zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit der komplexen Problematik der Aggression ab.
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Seitenzahl: 732
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Friedrich Hacker
Aggression
Die Brutalisierung der modernen Welt
Ihr Verlagsname
Die Gefährdung des Menschen durch brutale Gewalt ist so alt wie die Menschheit selbst. Neu ist die Dimension der Gewalt, sowohl durch den Wirkungsgrad brutalen Verhaltens in hochtechnisierten Gesellschaften wie auch durch den ständigen Anschauungsunterricht in Gewalt, den die Medien bieten. In extremer Konsequenz kann diese Brutalisierung der modernen Welt die Selbstauslöschung der Menschheit bedeuten, zumindest aber zur abgestumpften Hinnahme von Gewalt als alltäglichem Ereignis führen.
Für Stasi
Ich verstehe viel zuwenig von Psychoanalyse, um wirklich dazu berechtigt zu sein, ein Vorwort zu dem Buch eines Psychoanalytikers zu schreiben. Meine Meinungen werden sicher einseitig sein, vom Standpunkt der vergleichenden Verhaltensforschung aus gefaßt. Aber dieses Vorwort gibt Gelegenheit zu einem reuigen Geständnis: Ich hegte jahrelang ein schweres Vorurteil gegen die Psychoanalyse, obwohl – oder vielleicht weil – ich meine psychologische Ausbildung in Wien empfing und in dem von den Professoren Bühler und Pötzl gehaltenen Seminar viel mit Psychoanalytikern in Berührung kam. Was mich damals aufs heftigste abschreckte, war der Umstand, daß Freuds Anhänger ganz offensichtlich keine Schüler, sondern Jünger waren. Sie gaben dies auch ganz offen zu, indem sie von ihm als «dem Meister» und von allen seinen Aussagen wie von völlig unbezweifelbaren Offenbarungen sprachen. In der Wissenschaft aber ist es, wie mir schon damals völlig klar war, die erste Pflicht des Schülers, die empfangene Lehre zu kritisieren. Gerade wenn der Lehrer ein großes Genie ist und neue Erklärungen und Erkenntnisse errungen hat, ist es sein Prärogativ, die gefundenen Erklärungsprinzipien zu überschätzen. Dann ist es Sache seiner weniger genialen Schüler, Mitarbeiter und Freunde, seinen Geistesflug kritisch zu überwachen und ihn vor dem Schicksal des Ikarus zu bewahren. Die anbetende Haltung, die alle mir bis dahin bekannten Psychoanalytiker ihrem Meister gegenüber einnahmen, veranlaßte mich, nicht ganz zu Unrecht, der Psychoanalyse den Charakter wissenschaftlicher Forschung abzusprechen. Was mich außerdem zu diesem harten Urteil veranlaßte, war die wissenschaftlich nicht begründbare Ausschließlichkeit, mit der die Psychoanalytiker das analytische Gespräch mit dem Patienten als alleinige Wissensquelle betrachteten und alle anderen ablehnten.
Erst Jahre später, als in meiner eigenen Forschung die Spontaneität instinktiver Antriebe zum zentralen Problem aller Untersuchungen geworden war und als ich, im Verein mit Erich von Holst, an dem Kampf gegen die alles beherrschende Lehre vom Reflex als einzigem Erklärungsprinzip teilzunehmen begann, wurde mir die Größe Sigmund Freuds klar. Zu einer Zeit, da es niemandem einfiel, an der absoluten Richtigkeit der Sherringtonschen Lehre vom Reflex sowie an der Pawlowschen Lehre vom bedingten Reflex auch nur die geringsten Zweifel zu hegen, erkannte Freud klar, daß die Antriebe des Verhaltens nicht re aktiv sind, daß sie nicht wie ungebrauchte Maschinen und wie Reflexe passiv des Reizes von außen her harren, der sie in Gang setzt, sondern daß es ganz im Gegenteil der aktiven Aufwendung von Energie bedürfe, um ihre Auswirkungen wenigstens zeitweise zurückzudämmen. Erst jetzt ahnte ich in Sigmund Freud den großen Helfer und Bundesgenossen im Kampf gegen das bereits zur Ideologie gewordene Erklärungsmonopol des Reflexes und der bedingten Reaktion.
Der erste Analytiker aber, dessen Fragestellungen und Methoden uns, den vergleichenden Verhaltensforschern, klarmachten, wie nahe verwandt die Probleme der Psychoanalyse und der Ethologie im Grunde genommen sind, war René Spitz. Er untersuchte das Lächeln des menschlichen Säuglings mit Hilfe von Attrappen, er quantifizierte die spontane Produktion von Saugbewegungen durch Zählen von Leerlaufbewegungen, kurz, er hatte die wesentlichen Fragestellungen und Methoden der Ethologie unabhängig für sich entwickelt, und zwar auf Grund von unvoreingenommener Beobachtung. Wenn dieser Mann viele Erkenntnisse Sigmund Freuds auf Grund seiner unabhängigen Erfahrungen zwar teilweise kritisierte, im Ganzen aber für grundsätzlich richtig hielt, hatte dies für mich mehr Gewicht als die Predigten der gläubigen Jünger. Ich begann aufs neue, mich mit Psychoanalyse zu beschäftigen.
Im Jahre 1960/61 hatte ich meine Meinung über sie so weit berichtigt, daß ich eine Einladung der Menninger Clinic annahm, als Sloan Professor nach Topeka zu kommen. Ich tat dies mehr, um dort zu lernen als zu lehren. Unter den Analytikern der Menninger Clinic traf ich eine ganze Reihe von Männern an, auf die meine Vorurteile nicht zutrafen, die ich vielmehr als ernst zu nehmende Wissenschaftler und Forscher gelten lassen mußte. Unter ihnen war Friedrich Hacker, der ebenfalls als Sloan Professor tätig war. Als einzige Wiener im weiten Middle West freundeten wir uns bald an, und ich habe von ihm sehr viel über Psychoanalyse gelernt, über ihr Wesentliches und ihren Wahrheitsgehalt so gut wie über die Schwächen ihrer Theorie. Er war fürwahr kein Jünger, der die Worte des Meisters unkritisiert als Offenbarung nachbetete! Sein scharfer Geist und sein ebenso scharfer Humor, dem immer etwas bubenhaft (die Zensur hat hier die Vorsilbe «laus»- gestrichen) Respektloses anhaftet, machten vor den Theorien des Meisters keineswegs halt. Aber gerade dadurch kam ihr Wahrheitsgehalt oft besonders klar zutage. Niemals vorher zum Beispiel war mir der Freudsche Begriff des Ich und seine Funktion des Vermittelns zwischen den Trieben und dem Über-Ich so deutlich geworden wie damals, als Hacker es mit jener sprichwörtlich gewordenen Figur des österreichischen Amtslebens verglich, dem stets etwas kläglichen und bedauernswerten «Beschwichtigungs-Hofrat».
Einer der Gründe, die mich veranlaßten, nach Topeka zu gehen, war mein Wunsch, mit Psychoanalytikern über die Freudsche Gleichsetzung von Aggression und Todestrieb zu diskutieren, gegen die ich schwere Einwände hatte, da mir seit langem klar war, daß Aggressivität an sich ein ebenso lebenswichtiger und ebenso unabhängiger Antrieb tierischen und menschlichen Verhaltens sei wie Hunger, Furcht und Sexualität. Ich erkannte bald, daß ich mit meiner Theorie der Aggressivität an der Menninger Clinic offene Türen einrannte.
Die Stärke und der konstruktive Charakter der Kritik, die Friedrich Hacker der Freudschen Trieblehre und insbesondere den Freudschen Anschauungen über die Aggression angedeihen läßt, sind sicherlich zum großen Teil dem Umstand zu danken, daß er neben dem analytischen Gespräch noch andere Wissensquellen ausbeutet. Hacker ist Psychiater, Professor für Psychiatrie an der University of Southern California, außerdem Gerichtspsychiater und Spezialist für Jugendkriminalität. Ich hörte in Topeka ein Seminar von ihm, in dem er die neurotische Seite gewisser rebellierender Jugendlicher, die damals Beatniks hießen, mit einer glücklichen Kombination von Sympathie und einsichtiger Kritik behandelte. Friedrich Hacker kennt die menschliche Natur von sehr verschiedenen Seiten her, er betrachtet sie mit einfühlendem Wohlwollen, das er bei seiner profunden Illusionslosigkeit nur durch seinen stets etwas satirisch gefärbten, Nestroy-ähnlichen Humor aufrechtzuerhalten vermag. Auch über tierisches Verhalten vermag er mitzureden, wie ich anläßlich eines Seminars über Instinkt innewurde, an dem wir beide neben Harry Harlow, Karl Menninger, Margaret Mead und anderen teilnahmen. Wer die Ansichten der genannten Forscher kennt, kann sich vorstellen, daß die Diskussionen mehr als lebhaft waren. Friedrich Hacker und ich fanden uns erstaunlich oft auf derselben Seite des Treffens widerstreitender Meinungen, und besonders dann, wenn das aggressive Verhalten von Mensch und Tier den Gegenstand der Disputation bildete.
Ich kenne also Friedrich Hackers Anschauungen über die Natur der Aggression ziemlich gründlich, und dies berechtigt mich dazu, dieses Vorwort zu schreiben. Die wesentliche Erkenntnis, die ihm in meinen Augen einen großen Teil seines Wertes verleiht, ist die folgende: Der Umstand, daß Aggressivität durch verschiedene Umgebungseinflüsse in gesetzmäßiger Weise als Re-aktion ausgelöst werden kann, ist kein Argument gegen die durch viele Gründe gestützte Annahme, daß sie, wie alle anderen Instinkte auch, ihren besonderen spontanen Antrieb hat. Das Argument, daß die Aggression, vor allem die menschliche, deshalb keinen derartigen Antrieb haben könne, weil sie durch Angst, Stress und Frustration usw. in gesetzmäßiger Weise ausgelöst werde, ist genauso abwegig, als wollte jemand behaupten, die Sexualität des Menschen könne keinen spezifischen und spontanen Antrieb haben, weil sie nachweislich durch bestimmte, vom anderen Geschlecht ausgehende Reize ausgelöst werde. Wenn gescheite Leute bezüglich der Aggression hartnäckig Ansichten dieser Art vertreten, so läßt sich dies nur aus tief eingefressenen Vorurteilen erklären. So mancher sonst durchaus ernst zu nehmende Forscher verhält sich nach dem Vorbild von Christian Morgensterns Palmström und «schließt messerscharf, daß nicht sein kann, was nicht sein darf». Auf diesen a-logischen Schluß folgt dann meistens die ideo-logische Attacke: es wird nämlich demjenigen, der das aggressive Verhalten so darstellt, wie es wirklich ist, alsbald mit großer moralischer Überheblichkeit vorgeworfen, daß er in höchst gefährlicher Weise jegliche Aggression entschuldige und sich zum Verteidiger des Völkermordens mache! Was in Wirklichkeit eine ernste und dringende Warnung vor Gefahren ist, die Menschheit und Menschlichkeit bedrohen, wird so in eine satanische Apologie des Bösen schlechthin umgefälscht.
Vorwürfe dieser Art werden auch diesem Buch nicht erspart bleiben, denn es stellt sich tatsächlich die Aufgabe, die Aggressivität des Menschen so darzustellen, «wie sie wirklich ist», das heißt ohne Voreingenommenheit und ohne Vereinfachung. Die pathologische Fehlfunktion der Aggressivität wird zur Wissensquelle, die zu Aussagen über die normale, arterhaltende Leistung befähigt, die dieser Trieb im komplexen Wirkungsgefüge menschlicher Antriebe zu erfüllen hat. Das Studium der menschlichen Motivationen zeigt so manche Analogien zu dem der endokrinen Drüsen und ihrer Funktionen: einander entgegengesetzte Wirkungen ‹antagonistischer› Faktoren sind so ausgewogen, daß ein lebenserhaltendes Gleichgewicht erzielt wird. Keine der beiden Wirkungen ist entbehrlich, keine darf eine zu große oder zu kleine Leistung vollbringen, soll dieses Gleichgewicht erhalten bleiben. Ein Zuviel an Schilddrüsensekretion erzeugt die Basedowsche Krankheit, ein Zuwenig das Myxoedem, eine in gewissen Alpentälern häufige Form der Idiotie. Es würde eine völlige Verkennung des Systemcharakters der Drüsen mit innerer Sekretion bedeuten, wenn etwa einer fragen wollte, ob die Schilddrüse nun eigentlich «gut oder schlecht» sei, und in der Tat stellt auch niemand eine so erzdumme Frage. In bezug auf den Aggressionstrieb ist dieselbe Frage um nichts gescheiter; sie wird aber dennoch hartnäckig gestellt und ebenso hartnäckig im negativen Sinne beantwortet. Es ist daher in hohem Maße dankenswert, wenn sich Friedrich Hacker im vorliegenden Buch die Aufgabe stellt, die vielfache und komplizierte Wechselwirkung zu untersuchen, die ‹Polarität›, wie er sich ausdrückt, die zwischen Aggressivität und den ihr antagonistisch gegenüberstehenden Motivationen menschlichen Verhaltens besteht. Es bedeutet einen sehr kühnen Versuch, das Wirkungsgefüge menschlicher Antriebe in systemgerechter Weise darstellen zu wollen, und noch dazu mit besonderer Berücksichtigung der Rolle, die in diesem System von der Aggression gespielt wird. Es gehört Wagemut zur Theoriebildung dazu, derartiges überhaupt zu versuchen. Aber ohne Wagnisse dieser Art kommt die Wissenschaft nicht voran.
Altenberg/Donau, im Juni 1971
Konrad Lorenz
Gewalt ist das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt.
Probleme, die nur mit Gewalt gelöst werden können, müssen neu gestellt werden.
Nackte Gewalt ist die sichtbare, ungebundene, ‹freie› Erscheinungsform von Aggression. Nicht alle Aggression ist Gewalt, aber alle Gewalt ist Aggression.
Gewalt ist ansteckend wie Cholera; sie verdankt ihre Virulenz dem Schein der Rechtfertigung, der sie epidemisch macht.
Gewalt ist auch, was sich als Gegengewalt gerechtfertigt fühlt.
Gewalt, als Delikt verboten, wird als Sanktion geboten, umbenannt und gerechtfertigt.
Rechtfertigung erzeugt und eskaliert, was sie leugnen und verbergen will: die eigene Gewalt.
Gerechtfertigte Gewalt verführt zur Nachahmung sowohl der Rechtfertigung wie der Gewalt.
Die Legitimierung von Gewalt bedient sich des Etikettenschwindels: eigene Gewalt wird als Notwendigkeit, natürliches Recht, Pflicht, Selbstverteidigung und Dienst an höheren Zielen dargestellt und empfunden.
Die Verleugnung und Verdrängung der eigenen, auf den Feind projizierten Aggression erhöht die Wahrscheinlichkeit so genannter und so empfundener Gegengewalt.
Gewalt ist einfach, Alternativen zur Gewalt sind komplex.
Der Gegensatz zu Komplexität ist aggressive Vereinfachung, nicht schlechthin Einfachheit. Der Preis für Vereinfachung ist Gewalt.
Die unerkannte, verhüllte und verhüllende Maskierung und Bindung von Aggression zu Zwecken der Gewaltkontrolle wird zur Gewaltursache und Gewaltrechtfertigung.
Die Explosion der heißen Gewalt verhält sich zur geplanten Aktion der kalten Gewalt wie das Symptom zur Strategie.
Strategie kann Symptome herbeiführen und benützen; im strategischen Einsatz symptomatischer Gewalt verfügt Manipulation über spontanen Ausdruck.
Vernunft ist nur dann eine Alternative zur Gewalt, wenn sie nicht ihr Rechtfertiger und Helfershelfer wird.
Die gewaltsame Erziehung zur Gewaltlosigkeit gewöhnt die Erziehungsmethode, nicht die Erziehungsabsicht ein und verewigt die Gewalt, die sie verhindern will.
Das gewaltsam hergestellte Bedürfnis nach Gewalt wird als deren natürliche Bedingung hingestellt.
Ausnahmen des Gewaltverbotes werden zu Regeln der Gewaltanwendung.
Der nur anderen gepredigte oder auferlegte völlige Gewaltverzicht kaschiert die eigene Aggression und bereitet Gewaltanwendung durch deren Rechtfertigung als Gegengewalt vor.
Nur die jeweiligen Besitzer, nicht die Habenichtse der Gewalt können Gewalteskalation und Brutalisierung durch Gewaltbeschränkung und Gewaltabstinenz verhindern.
Gewalt ist die geheime Botschaft der Massenmedien; in ihren Konfliktlösungsmodellen wird der gerechtfertigte, vorschnelle, sogar präventive Gebrauch von Gewalt ermutigt. Der Held ist nicht weniger, sondern erfolgreicher, oft auch rascher brutal.
Um Gewalt zu legitimieren, werden ihre Alternativen ausgeschaltet. Nicht die Anprangerung von, sondern der Verzicht auf Schablonen und Etikettenschwindel, nicht die Forderung nach, sondern die Förderung von Toleranz für Komplexität sind die Strategien der Mündigkeit.
Die Sprache der Gewalt ist keine; wer nur sie versteht ist Denkroboter und Gefühlsanalphabet.
Man kann von der Gewalt lernen, ohne sie nachzuahmen oder sich ihr zu beugen.
Unser Zeitalter der Grausamkeit und Unsicherheit erfand die Atombombe und den Molotow-Cocktail, vervollkommnete die Technik des Terrors und den Terror der Technik und entdeckte beinahe wider Willen den veränderten Stellenwert: die Relevanz des Menschen.
Da die alte Selbstverständlichkeit dem neuen Selbstverständnis wich, hat sich der Homo sapiens, die Krone der Schöpfung, in den Homo brutalis, die entfesselte Bestie ohne Hemmungen, verwandelt. In Kriegen, in Polizeiaktionen, in Zusammenstößen und Verbrechen, in Angriff und in Abwehr wurde im zivilisierten Westen seit 150 Jahren jede Minute des Tages und der Nacht mindestens ein Mensch von einem anderen umgebracht. In den letzten 50 Jahren, in denen sich die durchschnittliche Lebenserwartung verdreifacht hat, ist die Pause zwischen Morden auf ein Drittel, auf etwa zwanzig Sekunden, zusammengeschrumpft.
Diese und ähnliche Statistiken haben längst ihre Schockwirkung verloren. Die erschreckendste Dimension der modernen Brutalisierung ist nicht das immer häufiger werdende Aufflackern individueller und kollektiver Gewalt (meist nach geplantem Schüren und Anfachen), sondern deren zunehmende Gewöhnlichkeit und Gewohnheit. Gewalt ist zum alltäglichen, natürlichen, trivialen Ereignis, zur banalen Bagatelle geworden und beansprucht in unserem Denken und Fühlen das Gewohnheitsrecht traditioneller Unvermeidlichkeit. Wir sind bereits derart abgestumpft, daß es bedeutender Gewalteskalation oder besonders dramatischer Brutalitätsakte bedarf, um uns aus unserer, der vermeintlichen Ohnmacht entspringenden, dumpfen Gleichgültigkeit aufzuschrecken. Gewöhnung an Gewalt ist das einfache, weil gewaltsam vereinfachte Resultat zwangsmäßiger Eingewöhnungsvorgänge. Das Erlebnis der Alltäglichkeit von Gewalt kommt durch komplizierte Veralltäglichungsprozesse zustande. Die Natürlichkeit von Gewalt ist das Produkt künstlicher Vernatürlichung. Nur merken wir das kaum, dürfen es nicht merken. Denn könnten und wollten wir diese komplexen Vorgänge zur Herstellung von Einfachheit und Natürlichkeit durchschauen, wären wir gezwungen, uns nicht mehr ohnmächtig, sondern mitverantwortlich zu fühlen.
Rapid hinaufschnellende Kriminalität, Folter und Tortur, Geiselentführung und mitleidlose Erpressung, Massenvertilgung und Genozid werden als zur Tagesordnung gehörend (denn Ordnung muß sein!) hingenommen, als wären sie Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Erdbeben. In der Kenntnis und gleichzeitigen Nichtzurkenntnisnahme welterschütternder, apokalyptischer Ereignisse, die nicht eben geschehen und passieren, sondern herbeigeführt und gesteuert werden, drückt sich die Ungeheuerlichkeit der alten und dennoch sehr zeitgenössischen Weigerung aus, Aggression ins Bewußtsein treten zu lassen.
Die Vorstellungsbilder aller nur möglichen, vor kurzem noch als unmöglich erachteten Explosionen (Kommunikations-, Bevölkerungs-, aber auch Atomexplosionen) versuchen noch die Gleichsetzung gesellschaftlicher Ereignisse mit vulkanartigen Ausbrüchen festzuhalten. Wir können nichts dafür, es stößt uns zu, wir tragen keine Verantwortung, wir sind nicht schuld! Auch nicht für die Gewaltexplosion? Für die schon gar nicht, lautet die traditionelle Antwort der Selbstgerechtigkeit. Wir wehren uns ja nur, wir sind immer und ewig in der Defensive. Wir verteidigen unseren Lebensraum, unser Territorium, unsere Gesetze und unsere Wirtschaftsordnung, unsere Freiheit und unsere Gerechtigkeit, unsere Wahrheit und unsere Kultur, unsere Weltanschauung, unsere Ideale und vor allem unsere Friedfertigkeit. Wer oder was attackiert uns und macht dadurch das wirtschaftlich und seelisch kostspielige Verteidigungsaufgebot notwendig? Ist es die wuchernde Technik, die sich verselbständigt hat, die Bürokratie, die durch ihre Ungreifbarkeit unangreifbar geworden ist, die Übervölkerung und das Anschwellen der Massen? Ist es die Tatsache, daß alles zu groß und zu unübersehbar anonym geworden ist oder daß es überhaupt zu viele Menschen gibt?
All dies sind Antworten des modernen Zauberlehrlingskomplexes. Die Geister, die wir riefen, haben sich unserer Kontrolle entzogen, und wie in Goethes Ballade wollen die lebendig gewordenen Werkzeuge, die uns dienen sollten, nicht mehr an den ihnen zugewiesenen Platz zurückkehren.
Doch die Mobilisierung enthusiastischer Abwehrbereitschaft bedarf mehr als einer Liste abstrakter Bedrohungen; das Böse muß vereinfacht, dramatisiert und personifiziert werden. Es muß in der Haßgestalt des ‹anderen› mit tatsächlichem Erlebniswert erscheinen, um den Abwehrwillen des Guten hervorzubringen und aufrechtzuerhalten.
Unprovozierte, unberechtigte, ‹eigentliche› Aggression, die einzig ‹wirkliche› Aggression, ist immer die teuflische Erfindung und diabolische Eigenschaft der anderen. Daß sie dieser zerstörerischen, mörderischen, destruktiven Aggression fähig sind, macht sie zu den anderen. Sie sind an allem schuld, sie sind für alles Üble in der Welt verantwortlich, sie sind böse und gemein, und außerdem haben sie mit der Gewalt angefangen oder hätten anfangen können, wenn wir uns nicht vorsorglich schon früher präventiv zur Wehr gesetzt hätten. Die gewalttätigen anderen verteidigen ihrerseits ihren Lebensraum und ihr Territorium, ihre Gesetze und ihre Wirtschaftsordnung, ihre Freiheit und Gerechtigkeit, ihre Wahrheit und ihre Kultur, ihre Weltanschauung, ihre Ideale und ihre Friedfertigkeit. Für sie sind wir die anderen; sie bezichtigten uns der Gewalttätigkeit.
Die Gesetzlichkeit des Trennenden eint die feindlichen Lager, die Amerikaner und die Nordvietnamesen, die Araber und die Israelis, die Studenten und die Polizisten, die Regierungen und die Terrorgruppen. Sie wissen sich eins in der Überzeugung ihrer eigenen ursprünglichen Unschuld und Friedfertigkeit. Derselbe gute Glaube zwingt sie zur wechselseitigen üblen Gewalt. Da der andere der Störenfried ist, Künder, Träger und Agent der zerstörerischen Aggression, muß er ausgerottet, ausradiert, ausgemerzt werden. Im Namen des Guten und damit Friede herrsche auf der Welt!
Objektiv beweisbar ist die regelmäßige Paradoxie symmetrischer Gegenseitigkeit, die sich auf beiden Seiten als absolutes Wertbewußtsein und subjektive Selbstrechtfertigung ausgibt und erlebt.
Zwangsläufig und zwanghaft findet sich die eigene Aggression ‹natürlich› durch komplizierte und konstruierte Begründungssysteme legitimiert, die einander wechselseitig ebenso ähneln wie die Gewalt, welche sie erklären, ermöglichen und verewigen. So war es immer, und so muß es wohl auch sein, solange im blinden Wiederholungszwang die noch unerprobten Möglichkeiten der Zukunftschancen an die abgebrauchten, verstaubten und deshalb vertrauten Motivationsklischees und Erklärungsschablonen der Vergangenheit verraten werden.
Auch der neue Mensch, besonders der neueste Mensch, sieht sich von aggressiven Feinden umgeben, die er hat und die er braucht, ist er doch derselbe alte Adam. Der moderne Mensch, der auszog, Freiheit, Selbstbestimmung und Liebe zu suchen, findet zu seiner Enttäuschung und Verzweiflung Sklaverei, Tyrannei, Aggression und schließlich hinter all diesen Wirklichkeiten: sich selbst.
In seiner Selbstfindung, in der Entwicklung des wirklichkeitsbestimmenden, wirklichkeitsverändernden Selbst, besteht die neue Relevanz des Menschen, der von der Kreatur zum Kreator, vom Geschöpf zum Schöpfer, vom Rechtfertigungsbedürftigen zum Rechtfertiger, vom Opfer zum Opfernden und zum Henker, vom Beschädigten zum Beschädiger aufrückt.
Ob sprunghaft vermehrter Zuwachs an Macht und Verantwortlichkeit für den Menschen ein Segen ist oder ein Fluch, bleibt noch dahingestellt. Sicher ist lediglich, daß Unsicherheit und Verunsicherung ebenso allgemein wirklichkeitsbestimmend und bewußtseinsprägend sind wie Gewalt als Symptom und Symbol, als auslösende Ursache und weithin sichtbare Wirkung einer unwiderruflichen Weltveränderung.
Wie kommt es, daß durch und durch anständige Menschen unter bestimmten Umständen zu grausamen Schlächtern ihrer Mitmenschen werden? Wie und wodurch ist es möglich, daß selbst entsetzliche Verbrechen plötzlich gar nicht aggressiv, sondern als berechtigte Notwehr erscheinen? Wieso gestatten wir Staaten Handlungen, die wir, falls wir dem Staat angehören, keineswegs als aggressiv empfinden, für die aber jedes Individuum als Gewalttäter lebenslang eingesperrt würde?
Mittels einer vorläufig globalen Auffassung von Aggression, die erst später in der Darstellung ihrer Formen und Masken differenziert wird, kann eine zusammenfassende Aggressionstheorie des beschädigten, aber auch beschädigenden Lebens entwickelt werden, die unseres Wissens bisher von keinem anerkannten Befund außer Kraft gesetzt oder falsifiziert ist und sowohl mit Trieb- wie mit Frustrationstheorien der Aggression vereinbar ist.
Von der individuellen, biologischen, zur sozial organisierten und legitimierten Aggression führt ein weiter Weg mit vielen Etappen. Dank ihres Verantwortungs- und Rechtfertigungsmonopols vermag soziale Organisation die biologische Aggression derart zu verstärken und die ehemals sozial domestizierte Aggression durch gelenkte Entlassung aus ihrer Bindung so zu potenzieren, daß die aggressiven Resultate kollektiver Grausamkeit und Brutalität, die sich ihrer selbst natürlich in keiner Weise bewußt sind, alles weit in den Schatten stellen, was auch das unkontrollierteste Individuum je an Zerstörung hätte bewirken können.
Bei der folgenden Darstellung weithin bekannter und spektakulärer Gewaltereignisse der Gegenwart, die unsere Thesen erhärten und verdeutlichen soll, bedienen wir uns zur Erzielung von Plausibilität und Einfachheit eben jener Technik der Vereinfachung, Dramatisierung und Polarisierung, die von uns als aggressionsfördernd entlarvt wird.
Doch wir wollen vorerst plausibel sein, um Zweifel an und Mißtrauen gegen Plausibilität zu wecken. Unsere versuchte Einfachheit soll die Vereinfachung um so eindringlicher beschreiben helfen. Die einfache und plausible Darstellungsmethode eindeutig aggressiver Vorgänge soll der Plakatierung und aggressiven Aufmerksamkeitserweckung dienen. Hoffentlich wird sich das einmal geweckte Interesse die Anstrengung des Bedenkens und Durchdenkens komplexer Verhältnisse nicht ersparen wollen.
Die Chronik der letzten Monate berichtet über Bürger- und Religionskrieg in Irland, Folterung politischer Gefangener in Brasilien mit Diplomatenentführung, Geiselerpressung, Terror und Gegenterror sowie Gegenterror gegen Gegenterror, über Grausamkeit der Schwarzen Panther und Brutalität gegen die Schwarzen Panther; über die Ermordung des entführten Amerikaners Mitrione durch die Tupamaros in Uruguay, die Entführung und Ermordung des einstigen Präsidenten Aramburu in Argentinien, über den Mord an dem deutschen Botschafter Graf Spreti in Guatemala; über die Manson-Damen, die in zunehmender Fröhlichkeit freimütig über ihre Schandtaten aussagen, als hätten sie bei einer interessanten Amateurvorstellung mitgetan; die Chronik berichtet aber auch über den weiterdauernden Krieg in Vietnam, über den strammen Volksheld-Massenmörder Calley, über die allerorts hinaufschnellende Kriminalität und besonders über die Kriminalisierung der Jugend. Grausam tückische Morde werden von Kindern begangen. Polizisten formen Vigilantengruppen, die jeden Verdächtigen ohne Prozeß aburteilen. In Quebec erdrosseln französische Separatisten den Kabinettminister Laporte mit einer dünnen Goldkette, an der ein Medaillon mit religiösen Symbolen hängt. Die katholischen Priester Daniel und Philip Berrigan werden beschuldigt, in einem reichstagsbrandähnlichen Komplott das Weiße Haus anzünden und den Berater des Präsidenten entführen zu wollen, damit der Krieg in Vietnam ein Ende finde. Gerüchte verlauten, daß die Entführung des deutschen Bundeskanzlers Brandt unmittelbar bevorstehe. Bomben explodieren täglich, letzthin auch im Weißen Haus in Washington. Im kalifornischen San Rafael werden bei der Freischießung von Gefangenen vier Menschen einschließlich des Richters getötet. In Wildwestfilm-Manier schoß die Meinhoff-Bande den Journalisten Baader frei. Todesurteile werden in Burgos gefällt, Todesurteile auch in Moskau.
Der Unmenschlichkeit wurde eine große Zukunft prophezeit; aber auch ihre Gegenwart kann sich sehen lassen. Man gewöhnt sich an alles. Selbst die Routine der Gewalt ist zur lieben Gewohnheit geworden; es würde einem etwas fehlen, wenn Zeitungen und Fernsehen nicht täglich von neuen, schrecklichen Gewalttaten berichteten. Die Brutalisierung der Welt ist unvermutet und unbemerkt vor sich gegangen, soweit sie sich auf uns selbst bezog. Nur der andere, der Gegner erschreckt uns durch seine ungezügelte Wildheit und Gewissenlosigkeit. Noch nie war die Menschheit so. erfinderisch in der Verfertigung und Verfeinerung von Feindsymbolen und in der Herstellung und Bekräftigung des eigenen guten Gewissens. Die größte Sensation wäre ein Machthaber oder ein Terrorist, der seiner gerechten Sache nicht sicher ist; allerdings wäre er dann zum Machtbesitz kaum qualifiziert und könnte Terror nicht richtig ausüben. Alle sind überall und immer völlig gerechtfertigt, in den Regierungspalästen und im Untergrund, in den Herrschaftssitzen und den Elendsquartieren, in jedem Kontinent, in der ersten, zweiten und dritten Welt. Die vielschichtige Wirklichkeit wird auf Vordermann gebracht, in die Kreuzwegsituation des Entweder-Oder gezwängt, um dann so oder so, aber jedenfalls gewalttätig handeln zu können: in berechtigtem Zorn, berechtigter Entrüstung, berechtigter Verzweiflung, berechtigter Selbstbehauptungsnotwendigkeit, berechtigter Verteidigung höchster Güter.
Nach der letztbesten Definition ist der moderne Mensch jenes komplexe, sehende und selbstentscheidende Wesen, das nach Einfachheit, Blindheit und moralischer Gewißheit süchtig ist und daher erst den Tatsachen Gewalt antut, dann seiner Wahrnehmung und schließlich dem anderen, der ihm aus denselben Gründen dasselbe antut: Gewalt. Wichtiger als die Erfindung der Atombombe ist die des Molotow-Cocktails, die allgemeine Zugänglichmachung explosiver Gewalt, deren Zubereitung in billigen Bombenkochbüchern für jedermann nachzulesen ist. Bedeutsamer als die Bevölkerungs- und Wissensexplosion ist die spektakuläre Legitimationsexplosion. Die jederzeitige Rechtfertigung von allem und jedem ist ebenso unbeschränkt und unbegrenzt wie die Gewalt, die sie rechtfertigt und durch Rechtfertigung ermöglicht.
Die demokratischen Länder protestieren gegen die Überstrenge spanischer Todesurteile und gegen eine faschistische Justiz, die den angeklagten baskischen Separatisten keine wirksame Verteidigung erlaubte. In vielen spanischen Städten finden spontane Massendemonstrationen statt. In Madrid erscheint Franco, wird von der Masse umjubelt und lautstark zu größerer Strenge aufgefordert. Dieselben und andere Demokratien protestieren auch gegen die russischen Todesurteile wegen versuchter Flugzeugentführung und gegen die kommunistische Justiz, die den vorwiegend jüdischen Angeklagten keine wirksame Verteidigung erlaubte. Unter dem Beifall der russischen Massen, die «größere Strenge gegen die Mörderbanditen» fordern, weisen die Russen alle Proteste zurück (obwohl sie ebenso wie die Spanier die Todesurteile in die vergleichsweise milden Urteile lebenslanger Kerkerhaft umwandeln) und verbieten sich ebenso wie die Spanier jede Einmischung. Die einen unternahmen gegen die mörderischen, baskischen Banditen das, was die anderen gegen die mörderischen, jüdischen Banditen unternommen hatten und was man gegen die staatsfeindlichen, mörderischen Banditen in Kanada, in Deutschland, in Brasilien, in den USA und wo immer sonst zu unternehmen gedenkt.
Die erst in den letzten Jahren entdeckte und prompt überall nachgeahmte Methode der Flugzeugentführungen und Geiselerpressungen weisen mit drastischer Eindringlichkeit darauf hin, daß die moderne Welt störungsanfälliger, empfindlicher und verwundbarer geworden ist, als sie es jemals war. Grenzen und nationale Zugehörigkeiten sind kein Hindernis mehr, eher eine Verlockung. Schon die modernen Luftpiraten sind gelehrige Schüler und erst recht die Diplomatenentführer; sie wurden zu gleichberechtigten (und ihrer Meinung nach natürlich ungleich gerechtfertigteren) Verhandlungspartnern souveräner Staaten, indem sie die Methoden und Rechtfertigungen der Souveränität kopierten. Erst jüngst wurde der Gebrauch von Terror nicht nur zur Schreckensverbreitung und zerstörerischen Aufmerksamkeitserweckung, sondern zum Ermöglichen von Verhandlungen und Menschenhandel entdeckt. Gefangene, die man foltern und töten kann, zwingen den Opponenten an den Verhandlungstisch. In keiner anderen Weise hätten die Freischärler und Guerillas die Freilassung ihrer Kameraden erwirken können als durch die Pacht der üblichen Souveränitätsrechte zur Rechtfertigung. Sie besorgten sich die Geiseln und Flugzeuge als Faustpfänder, Drohungs-, Aggressions- und daher Tauschobjekte. Durch die Anmaßung von Macht, die keine anderen und höheren Rücksichten oder Schranken kennt, wurde plötzlich vollbracht, was kein Appell an die Menschlichkeit oder Gerechtigkeit je vermochte. Auch die Tupamaros und Vigilanten, die Partisanen und Revoluzzer jeder Hautfarbe und Nationalität beantworten die moralische Verdammung durch ihre Gegner mit wüstem Geschimpfe gegen die eigenen kritischen Nestbeschmutzer und die außenstehenden Einmischer und fordern eskalierte Strenge gegen alle Abweicher. Durch die sklavische Nachahmung der Machttechnik sind sie zu Herren im eigenen Haus geworden. Die Anmaßung von Souveränität verschafft ihnen erst den identitätsspendenden, selbstwertstärkenden eigenen Hausbesitz, der seinerseits alles rechtfertigt, was sie tun: vor allem die brutalste Gewaltanwendung zu Hause. Doch die Rechtfertigungsprozeduren bedürfen der Rechtfertigung; da jedes Volk und jeder Staat, aber heute auch schon jede kleine Gruppe und jedes Individuum, Legitimation suchen und finden kann, die zur Gewalt ermächtigt und gleichzeitig freispricht, müssen die Methoden der Urteilsfindung und Urteilsfällung dem kritischen Urteil unterworfen werden.
In Spanien und Rußland, in Griechenland und in der Tschechoslowakei, in Brasilien und in den USA sprechen ordentliche Gerichte Recht und beugen sich jener Gewalt, die zu prüfen und zu beschränken sie berufen wären. Der uneingeschränkte, ungehemmte Souveränitätsanspruch im eigenen Haus, in der eigenen Familie, in der eigenen Gruppe, im eigenen Staat ist die Tyrannei des Machtmonopols, das in seinem Bereich keine anderen Grenzen und Beschränkungen duldet als die von ihm selbst auferlegten und erzwungenen. Jeder ist sein eigener Souverän, jeder Narr und Verbrecher, jedes Grüppchen und jede Sekte bastelt sich, gleich jedem Staat, das eigene Rechtfertigungsschema zusammen. Im ständig neu erklärten Notstand sind die Gerichte überfordert. Ihre Aufgabe wird es, die Begründung für das von der Souveränitätsraison gefällte Urteil zu finden, das schon lange vor Eröffnung des Beweisverfahrens feststeht. «Bevor wir ihn hängen, muß er ein gerechtes Verfahren haben», sagte einst ein Richter in der guten, alten Zeit des (jetzt nicht mehr so wild anmutenden) Wilden Westens. Zwar wird heute auch der Justiz selbst der Prozeß gemacht, aber der spanischen nur in Rußland und Mitteleuropa, der russischen in Spanien und Mitteleuropa, der amerikanischen überall, nur nicht in den USA. Auch in Deutschland, in Frankreich, in Amerika herrscht Unzufriedenheit mit den eigenen Gerichten, aber nur, weil sie nicht streng genug sind. In Frankreich demonstrierten 800 Richter der Höchstgerichte (zum erstenmal seit 1785), da ihnen von führenden gaullistischen Politikern – die sich vom Angriff auf das Recht mit Recht Stimmen versprachen – übermäßige Milde, ja sogar Feigheit vorgeworfen worden waren. In den USA macht man gleichfalls die Milde der Oberstrichter und die übermäßige Betonung der Unschuldsvermutung für die Zunahme von Unruhe und Verbrechen verantwortlich. Die unabhängig gebliebenen Richter mit ihrem veralteten Festhalten an zeitraubenden Prozeßregeln, die vielleicht sogar den Angeklagten zu Wort kommen lassen, stehen der Entwicklung nur im Weg. Ohne daß man es richtig bemerkt, wird überall mehr Unduldsamkeit und mehr Härte gefordert; auf das Kontra der Gewalt folgt ein Rekontra und ein Subkontra, bis es höher nicht mehr geht und man nicht mehr tiefer sinken kann.
Allgemein zugängliche Gewalt ist das Kennzeichen unserer Gegenwart, die, gleichzeitig mit den Kochrezepten zur Herstellung handlich explosiver Gewalt, auch deren allgemein erhältliche Rechtfertigung beistellt. Die Grenzenlosigkeit der Gewalt und ihre grenzenlos unbeschränkte Rechtfertigung empfiehlt eine neue Anwendungsform der Einschüchterungstechnik durch die gezielte, strategische Aggression des Imponiergehabens und der Gewaltdrohung. Der moderne Terror hat entdeckt, daß die Einbeziehung von völlig Unschuldigen und total Unbeteiligten seine Wirkung erhöht. Souveräne Bestimmung schmilzt alle Nuancen und Differenzierungen schwieriger Problemstellungen in die Selbstgewißheit absoluter Rechtfertigung ein. Uneingeschränkte Grausamkeit erzeugt ihre unbeschränkte Rechtfertigung, die ihrerseits weitere monopolisierte Grausamkeit hervorbringt.
Der Brutalisierung gegenseitiger Gewalteskalation wird durch den Appell der Gewalthaber zum Gewaltverzicht der anderen kein Einhalt geboten werden, vielleicht aber durch die Erkennung und Anerkennung der verborgenen Zusammenhänge des allgemeinen Aggressionskreislaufs und der gefährlichen Neigung zur Gewalt – in den anderen und in uns selbst.
In den wiedererweckten traditionellen Tugenden von Pflichterfüllung, Härte, Selbstzucht, Disziplin und Patriotismus erblicken viele die erneuernden Kräfte der Gegenwart.
«Seien Sie doch nicht verrückt!» – Mit diesen Worten versuchte der an seinen Stuhl gefesselte Garnisionskommandant von Tokio die fünf in traditionellem Wichs erschienenen Eindringlinge von ihrer grausigen Schreckenstat abzuhalten. Doch die Fanatiker bewegte eine Vernunft, die über jeder nur der Selbsterhaltung dienenden Vernunft steht, eine heilige und heiligende Legitimation, die von oben und früher her kommt und keine Rücksichten kennt, auch nicht gegen sich selbst. Pünktlich und genau vollzogen sie an sich das Ritual des zeremoniellen Harakiri-Opfertodes. In strengem Regelgehorsam rannte sich der berühmte Dichter, Schauspieler, Sportler und Führer einer ultranationalistischen Privatarmee, Yukio Mishima, das kurze Schwert in den Leib. Sein Vertrauter und Exekutor Morita schlug ihm den Kopf ab, bevor unerträglicher Schmerz die Schmach der Demoralisierung bewirken konnte. Dann kniete sich der Exekutor hin; beging Harakiri und wurde seinerseits von einem hinter ihm stehenden Freund enthauptet. Mit Tränen in den Augen salutierten die drei übriggebliebenen Männer ihren toten Freunden und ergaben sich widerstandslos den Militärs.
«Die Tat von Wahnsinnigen», kommentierte der japanische Ministerpräsident das grausige Ritual; «Blutige Samurai-Clownerie und Beweis für die Wiederkehr des Militarismus», nannten es die Kommunisten. In Wort und Schrift hatte der geniale Dichter und Nobelpreis-Kandidat Yukio Mishima seit vielen Jahren gegen Materialismus, Dekadenz, rückhaltlose Genußsucht, gegen Korruption, Industrialisierung und Umweltverschmutzung als Darsteller, Pamphletist, Versammlungsredner und als Gründer einer Privatarmee von hundert begeisterten, zu allem entschlossenen jungen Leuten gekämpft. Wie fast alle riesigen Bevölkerungszentren der modernen Welt ist auch Tokio meist in gelbgraue Rußschwaden der Industrie- und Automobilabgase eingehüllt. Mishima wartete auf einen strahlenden Sonnentag im Herbst 1970, an dem der selten so klare, stahlblaue Himmel (Kaiserwetter) die Reinheit seiner Tat bescheinen (und bescheinigen) sollte. Mishima hatte sich beim Truppenkommandanten anmelden lassen. Gemeinsam mit seinen vier Gefolgsleuten wurde der prominente Dichter empfangen; die von ihm geforderte Erlaubnis, zu den Truppen sprechen zu dürfen, wurde ihm vom Kommandanten allerdings verweigert. Daraufhin fesselten die Eindringlinge den General und wehrten die zu Hilfe eilenden Wachen blutig ab. Mishima trat auf den Balkon und hielt mit verbissener Miene eine zündende Ansprache an die Truppen. Er forderte sie auf, die entwürdigende Friedensverfassung über den Haufen zu werfen und sich der alten kriegerischen Tradition der Armee bewußt zu werden, statt sich unter der schmählichen Etikette von Verteidigungskräften zu Polizisten degradieren zu lassen. Die Sprechanlage funktionierte nicht. Die wenigen, die ihn hörten, hielten ihn für einen Idioten oder einen Witzbold. Sie verlachten den weißbehandschuhten, wild gestikulierenden, schreienden Mann mit der wehenden, chrysanthemengeschmückten Samurai-Binde um die Stirn. Mishima erkannte bald die Wirkungslosigkeit seines Appells, kehrte in das Zimmer des Kommandanten zurück, kündigte an, daß er seinen Protest mit dem Tode besiegeln werde und stieß sich mit dem Ruf «Es lebe der Kaiser!» die Schwertspitze in die linke Bauchseite.
Er starb den herrlichen, berauschenden Opfertod für Kaiser und Vaterland, den er in zahllosen Stücken dramatisiert und in unzähligen Gedichten lyrisch gefeiert hatte. Die Millionen der emsig produktiven, konjunkturfreudigen, modernen Japaner deuteten die Tat als romantischen Anachronismus, der kaum in die moderne Zeit passe, als vergebliche, histrionische Geste eines alternden Literaten und Mimen, der das Leben mit der Literatur verwechselt habe. Einige Hunderttausende beneideten ihn um die Erhabenheit seines Todes («Eine schöne Leich’»); er war selbstlos und sinnvoll für etwas Größeres, Höheres gestorben.
Mit neunzehn hatte der aus einer wohlhabenden, aristokratischen Familie stammende begabte Junge sein erstes Buch veröffentlicht; das Thema der Todessehnsucht zieht sich durch alle seine Novellen, Gedichte und Theaterstücke. Er war vom Tod und der Gewalt romantisch und erotisch fasziniert. Von früh an trainierte er seinen schmächtigen Körper in eiserner Selbstdisziplin, um in Schönheit und Würde zu leben und zu sterben. Er zwang sich täglich stundenlang zu gymnastischen Übungen, damit er gestählt und furchtlos allem Kommenden gewachsen sein möge. Der angesehene, reiche und berühmte Mann lebte mit Frau und Kindern in luxuriösen Verhältnissen, trotzdem war er Asket, präzise und zielbewußt in seinem literarischen Schaffen und in seinem Körpertraining. Er war hart gegen sich selbst, daher durfte er Härte fordern. Er verachtete die Verweichlichung seines Landes, das seiner Meinung nach die Glorie militärischer Stärke an die einlullende Wohlstandsgewißheit der kompromißbereiten Konsumgesellschaft schmählich verraten habe. Verzicht auf Krieg als souveränes Recht der Nation schien ihm unerträglich; nur die Wiederherstellung der alten Autoritäten und der traditionellen Rittertugenden der Samurai-Elite, also unbedingte Selbstaufopferung, unbedingte Einsatzfreude, unbedingte Pflichterfüllung, unbedingter Gehorsam könnten das Land von seiner Schmach befreien. Sollte sein «letzter Appell» ungehört verhallen, hatte er das Szenarium des selbstinszenierten Heldentodes nach uraltem Ritus bereit. Er selbst führte Regie und war sein eigener Hauptdarsteller. Durch das Kulturstereotyp des Harakiri erfüllte er die Mission seiner ureigensten Identität.
Der Zornausbruch wütender Enttäuschung ist im Ritual der Sitte zur Zeremonie abgekühlt und überhöht; die zornigen jungen und älteren Männer der Mishima-Gruppe führten ihre hitzige, haßerfüllte Gewalttat aus Verzweiflung über die feige Gleichgültigkeit des Volkes in eisiger Ruhe, mit maschineller Präzision aus. Vergeblich hatten sie vorher alles versucht, um das Volk aus seiner schmachvollen, lethargischen Passivität aufzurütteln und zur Härte freudiger Pflichterfüllung aufzurufen. Ansprachen, Pamphlete, Drohungen hatten nichts gefruchtet. Nun sollte das heroische Beispiel ihrer eigenen Einsatzbereitschaft beweisen, daß es höhere Ziele gebe als egoistischen Genuß. Da sie nicht bewegen und mitreißen konnten, wollten sie wenigstens beschämen und beschuldigen. Indem sie die Konsequenz aus ihrer eigenen Niederlage und Erfolglosigkeit zogen, verwandelten sie die ihnen aufgezwungene Passivität des Lebens in die Aktivität des selbstgewählten Todes. Im Namen der Freiheit protestierten sie gegen die Friedlichkeit und den Mangel an Zwang. Der drohende Ausbruch des ewigen Friedens, das Verschwinden von bedingungslos anerkannter Autorität und starrer Hierarchie war für sie der Notstand, den sie durch die Wiederherstellung von Befehlsnotstand zu beheben suchten. Sie waren bindungshungrig, bindungssüchtig; ihre freie Aggression mußte Bindungen finden oder sie herstellen, wenn nötig sogar mit Hilfe der ‹freien› Aggression der Gewalt. Nur im auferlegten und erduldeten Zwang fühlten sie sich wahrhaft frei. Die Soldaten hatten Mishima verlacht und wollten seinen Befehlen nicht folgen, sondern nur in Ruhe gelassen werden. Daß niemand ihm Befehle erteilen wollte, konnte er nicht ertragen; so gehorchte er dem Gebot eines längst sinnentleerten Rituals und fand im Tod jenen Sinn, den ihm das Leben verweigerte.
Die buddhistischen Mönche verbrannten sich aus Protest gegen den Krieg, der Tscheche Jan Palach – eingedenk des für seine Überzeugung auf dem Scheiterhaufen gestorbenen Nationalhelden Jan Hus – aus Protest gegen die sowjetische Besatzung; französische Jugendliche aus Protest gegen die Leere des Lebens und – fanden Nachahmer. Gewalt ist ansteckend. Ihre epidemische Wirkung bewährt sich gleichermaßen, ob nun die nackte, ultimative Aggression im Verbrechen nach außen oder im Selbstmord nach innen gerichtet ist. Anschlußtäter folgen dem Beispiel, das Schule und dadurch Mode macht. Wenn nur die Tat Überzeugung beweist, muß jede Überzeugung Taten hervorbringen, um Echtheit zu garantieren, und jede Tat wird sich der Überzeugung rühmen, die sie vernünftig oder unvernünftig, tatsächlich oder wahnhaft rechtfertigt. Die Tupamaros und Guerillas, die Soldaten und Polizisten, die Freischärler und Ordnungshüter haben alle denselben kompromißlosen Glauben und das gute Gewissen der Reinheit und Unschuld, nach dem sie sich so sehr sehnen, daß sie bereit sind, es jedem aufzuzwingen. Politische Gegnerschaft oder auch nur das allgemeine Ruhebedürfnis psychologisiert und kriminalisiert Überzeugungstäter und stempelt sie zu gewöhnlichen Narren und gewöhnlichen Verbrechern, gegen deren Gewaltanwendung man sich mit aller Gewalt schützen muß. Die Verrückten und Kriminellen dagegen stilisieren sich zu Überzeugungstätern. Sie politisieren und ideologisieren ihre Untaten, die so zu Signalen und Protesten werden, zu Befreiungsaktionen von Zwang oder zu Zwang, von Tyrannei oder zur Tyrannei.
SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Chef des Reichssicherheitshauptamtes und Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, wurde am 27. Mai 1942 bei einem auf ihn verübten Attentat schwer verletzt und erlag acht Tage später seinen Verwundungen. Die Gestapo beantwortete das Attentat mit einer Overkill-Reaktion. Ohne die Ergreifung der Täter abzuwarten (die sofort einsetzende Großfahndung blieb zunächst erfolglos, obwohl das Kopfgeld allmählich auf eine halbe Million Reichsmark erhöht worden war), suchten sich die Behörden völlig willkürlich die Ortschaft Lidice aus, um ein entsetzliches Exempel zu statuieren. Lidice hatte mit dem Attentat nicht das Geringste zu tun; dennoch wurde es dem Erdboden gleichgemacht, 199 männliche Einwohner wurden an Ort und Stelle erschossen, die Frauen in Konzentrationslager, die Kinder in verschiedene Heime gebracht. Die deutschen Behörden kaschierten die Sündenbock-Funktion des Dorfes mühelos durch die unbewiesene Behauptung reichsfeindlicher Gesinnung.
Die tschechische Exilregierung in London hatte beschlossen, Heydrich, der für die bedeutendsten Nazi-Verbrechen seit 1933 persönlich verantwortlich war, aus dem Weg zu räumen, da er es verstanden hatte, sich nach einer kurzen Phase offenen Terrors durch gefährliche psychologische Manöver in das Vertrauen der von ihm brutal niedergehaltenen Bevölkerung einzuschleichen. Dem tschechischen Nationalbewußtsein schmeichelte er durch Lobpreisungen des böhmischen Nationalpatrons, des heiligen Wenzel, der dem tschechischen Volk empfohlen hatte, im deutschen Raum zu leben.
Zwei junge Exiltschechen, Jan Kubis und Josef Gabcik, die in Schottland für die Ausführung von Sonderaufgaben eine besondere Ausbildung erhalten hatten, wurden in der Nähe von Prag mit Fallschirmen abgesetzt, wo sie Verbindung zur tschechischen Widerstandsbewegung aufnahmen und den Anschlag in allen Einzelheiten planten und schließlich auch durchführten.
Der Prager Widerstand hatte das Vergeltungsblutbad vorausgesehen und deshalb bei der Londoner Exilregierung schwerste Bedenken gegen das Attentat angemeldet. Auch die Exilregierung wußte mit Sicherheit, daß die Racheaktionen der Deutschen für Hunderte und Tausende ihrer Landsleute Tod oder KZ-Haft bedeuten würden. Der Ausführungsbefehl wurde dennoch gegeben.
Der Exiltscheche Curda, der gemeinsam mit Kubis und Gabcik nach Prag eingeschleust worden war, sich aber später im Haus seiner Mutter in einem südböhmischen Dorf verbarg, verfolgte mit Entsetzen die Liquidation von Lidice. Als die Gestapo weitere Vergeltungsmaßnahmen ankündigte, falls die Attentäter nicht gefunden würden, reiste er nach Prag und teilte der Geheimpolizei mit, was er über das Attentat wußte. Den Aufenthaltsort der beiden Bombenwerfer konnte Curda der Gestapo allerdings nicht verraten, aber er führte sie zu einem anderen Widerstandskämpfer namens Morawetz, der sich der abgesprungenen tschechischen Fallschirmjäger nach deren Ankunft in Prag anzunehmen gehabt hatte. Morawetz und sein Sohn wurden verhaftet; Frau Morawetz entzog sich ihrer Festnahme im letzten Moment durch Selbstmord. Selbst unter Folterungen schwiegen Vater und Sohn beharrlich. Als jedoch der Vater vor den Augen seines Sohnes an den Folgen der Martern starb, gab dieser schließlich das Versteck der Attentäter in der orthodoxen Kirche von Cyril und Methodius in der Prager Altstadt preis.
Am nächsten Morgen stürmte Waffen-SS den Barockbau, der von den in der Empore und der Krypta verborgenen sieben Widerstandskämpfern bis zum äußersten verteidigt wurde. Die letzten Kugeln hatten sie für sich selbst aufgespart. Curda identifizierte die sieben toten Tschechen, die er alle von der gemeinsamen Ausbildung in Schottland her kannte. Die niemals genau bekanntgewordenen Verluste der SS bei dieser Aktion waren so beträchtlich, daß die Gestapo in ihren Akten die Zahl der Widerstandskämpfer von sieben auf 120 erhöhen mußte.
Die Racheaktionen gingen weiter; allein vom Standgericht Prag wurden 936, von Standgericht Brünn 395 Personen rechtsgültig zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der Korporal Karel Curda, der seine Kameraden an die Gestapo verraten hatte, wurde zunächst um seine Silberlinge betrogen und erhielt nur ein Viertel der ausgesetzten Belohnung; dennoch blieb er getarnt im Dienst der Gestapo. Nach Kriegsende wurde Curda trotz Namensänderung aufgespürt, verhaftet, rechtsgültig verurteilt und hingerichtet. Von den Frauen und Kindern aus Lidice, die in KZ-Lager verschleppt worden waren, erlebten nur die wenigsten das Kriegsende.
Im August 1958 entschied der Vierte Senat des Landessozialgerichtes in Schleswig endgültig und ohne Berufungsmöglichkeit, daß Heydrich in Zusammenhang mit den Kriegsereignissen den Tod gefunden habe, also als Soldat gefallen sei, und daß daher seiner Witwe gemäß des Bundesversorgungsgesetzes bis an ihr Lebensende die Witwenrente zuerkannt werden müsse. (Schon im Jahre 1953 wurde der Witwe Heydrichs diese Rente zugesprochen; in den darauffolgenden Berufungsverhandlungen setzte sich jedoch die durch wissenschaftliche Gutachten erhärtete Auffassung durch, daß Heydrich einem politischen Attentat zum Opfer gefallen sei und daß daher seiner Witwe keine Rente zustehe. Das Landessozialgericht in Schleswig machte dieses ‹Unrecht› rechtlich wieder gut.) Frau Heydrich erhielt ihre Rente und besaß eine gutgehende Fremdenpension auf einer Ostsee-Insel sowie ausgedehnten Grundbesitz; ihr Heim galt allgemein als Treffpunkt der Frauen früherer SS-Führer.
Die tschechoslowakische Regierung machte Lidice zur Gedenkstätte: ein hohes Kreuz aus unbehauenen Baumstämmen mit einem Dornenkranz aus Stacheldraht schmückt das Massengrab, in dem die Männer von Lidice verscharrt sind. Buden tragen die international verständliche Aufschrift «Souvenir» und machen lebhafte internationale Geschäfte mit dem nationalen Unglück; Ansichtskarten und Abziehbilder, Brieföffner und der übliche Kram werden als Devotionalien gehandelt. In dem großen Gedenkbuch, das die unzähligen Besucher und Delegationen aus aller Herren Ländern unterzeichnen, findet man immer wieder die Eintragung «Nie wieder!».
Sowohl die Ermordung Heydrichs als auch die Ausrottung Lidices, beide von langer Hand und nach reiflicher Überlegung geplant, waren Akte kalter Aggression und kühler Berechnung zur Mobilisierung heißer Gewalt. Die Befehlsgeber und Verantwortlichen saßen in London und Berlin und waren sowohl räumlich wie durch eine lange Kette von Befehlsempfängern und Instanzen von den Ausführenden getrennt. Die tschechische Exilregierung fällte das Todesurteil über Heydrich und ließ es, ferngelenkt, durch eigens entsandte Henker vollstrecken. Hitler rühmte den «Mann mit dem eisernen Herzen», verlieh ihm postum die höchste Stufe des deutschen Ordens (die Reichspost widmete ihm eine ihrer teuersten Sondermarken), appellierte an das deutsche Volk, in Erinnerung an ihn sein Bestes zu geben, und ordnete die Massentötung der Männer, die Verschleppung der Frauen und die Schleifung der Häuser von Lidice an.
Heydrich, der kalter Aggression zum Opfer fiel, war ihr unbestrittener Meister. Seine Erscheinung wirkte «wie ein Peitschenknall», er war wie «geschliffener Stahl». Gefühlsbedingte Treuekomplexe bezeichnete er in seiner kalten, rationalen Kritiksucht als weichliche Schwächezeichen; er war es auch, der angeblich nach der von ihm organisierten Ermordung Röhms und der anderen SA-Führer die Parole der SS: «Meine Ehre heißt Treue» ausgegeben hatte. Er selbst war das verkörperte Mißtrauen, der «Oberverdachtschöpfer», wie Himmler ihn nannte, er wußte alles von allen und hatte sogar Dossiers über Himmler und Hitler sowie einen umfangreichen Akt über sich selbst angelegt.
Der Marineoffizier Heydrich hatte nach einer Ehrengerichtsverhandlung wegen einer niemals ganz aufgeklärten Affäre den Abschied aus der Marine nehmen müssen. Aber noch viel schlimmer waren jene Hinweise in seinem eigenen Dossier, die er nur verheimlichen, niemals aber ausmerzen konnte: nämlich der Makel seiner teilweise jüdischen Abkunft. Er kannte die ständige Spannung, die paranoide Angst vor Entdeckung und den unstillbaren Selbsthaß, die er hinter der Fassade erbarmungsloser Geltungssucht und forcierter Maßlosigkeit zu verbergen wußte. Getreu der Ideologie Machiavellis stellte er das Vaterland über das eigene Seelenheil und half, die erfolgreichste Beherrschungsstrategie der Neuzeit zu erfinden: die präzis einkalkulierte und berechnete Ausnützung unbewußten Strebens für bewußte Ziele, den gefühllosen Einsatz der Gefühle anderer zum Zweck ihrer Entmachtung und Beherrschung. Die psychologische Kriegführung war seine Spezialität; bevor er zu Propagandazwecken den heiligen Wenzel wiederentdeckte, hatte er in der Tuchatschewski-Affäre zur Liquidierung der militärischen Spitze der Sowjet-Union beigetragen. Er war der führende Kopf im Komplott gegen die Generale Blomberg und Fritsch, er bereitete die Kristallnacht vor, zog die Fäden beim Anschluß Österreichs und bei der Einverleibung der Tschechoslowakei. Er plante und lenkte den Überfall auf den Sender Gleiwitz, der Vorwand zur Auslösung des Zweiten Weltkriegs werden sollte, und unternahm während des Krieges den Versuch, mit Hilfe gefälschter Banknoten die britische Währung zu entwerten (nach E. Nolte[1][*]). Er liebte die Macht und übte sie um ihrer selbst willen aus; daher war ihm jedes Mittel recht, das in seiner Hand auch zum Recht wurde, da es seine uneingeschränkte, unkontrollierte Machtsanktion besaß.
In den Augen der Machthaber des Dritten Reiches oder der ausführenden SS und des Sicherheitsdienstes stellte das Unternehmen Lidice eine sauber durchgeführte Polizeiaktion dar. Erbittert hatte Hitler geäußert, der Tod Heydrichs gleiche einer verlorenen Schlacht. Die Niederlage ist nur dann nicht schmachvoll, wenn sie durch Aktionen zur Vergeltung, Bestrafung und Warnung wettgemacht wird. Daher war die Ausrottung einer Ortschaft nicht nur angezeigt, sondern schlechthin unerläßlich. Nachdem der deutsche Vorstoß bis nach Moskau mißglückt war, konnte man sich aus militärpolitischen Erwägungen heraus humanitäre Milde nicht leisten; es war lebenswichtig geworden, die Tschechoslowakei zu einem verläßlichen Hinterland zu machen. Um ähnliche Vorkommnisse da oder dort in anderen unterworfenen Gebieten zu verhindern, mußte zur allgemeinen Abschreckung und Einschüchterung ein deutlich erkennbares Exempel statuiert werden. Die Schutzmacht der Herrenmenschen mit dem ehrgeizigen Anspruch auf Schaffung einer neuen europäischen Ordnung konnte sich einen so krassen, provokatorischen, fanalartigen Akt der Aufsässigkeit und Mißachtung ihrer Herrschaftsrechte und Autorität nicht einfach gefallen lassen, ohne folgenschweren Gesichtsverlust und damit Machtverlust gewärtigen zu müssen.
Außerdem machte es auch Spaß, endlich nicht mehr Rücksicht auf Untermenschen nehmen zu müssen und die verhaßten und im geheimen gefürchteten Slawen einmal die Peitsche fühlen zu lassen, statt sie mit Brot oder gar Zuckerbrot zu füttern. Die Zeitungen des Großdeutschen Reiches veröffentlichten daher stolz genaue Darstellungen der Vergeltungsmaßnahmen, verbunden mit der Aufforderung an die Bevölkerung, jetzt mit erneutem, aus Empörung geborenem Enthusiasmus die gemeinsamen Kriegsziele zu unterstützen und jede Kritik zu unterlassen.
Der saloppe Verzicht auf jeglichen Richtigkeitsnachweis für die Anschuldigungen gegen Lidice ist symptomatisch für den unbekümmerten Zynismus eines machtstrotzenden Regimes, das es eigentlich gar nicht nötig hatte, über seine Handlungen irgend jemandem Rechenschaft abzulegen, außer der Geschichte, die man ohnehin nach dem Endsieg selbst schreiben werde. Im Idealfall führen Schuldbeweise zum Urteil und zur Bestrafung der Schuldigen; die Alltagspraxis entspricht aber eher der Geschichte vom Richter, der sein Urteil ausspricht, bevor er das Beweisverfahren eröffnet. Beweise lassen sich immer finden, die Schuldkausalität ist umkehrbar, das Urteil begründet die Beweise, die unbegreifliche Strafe beweist die Schuld, falls, wie bei Kafka, die Macht im Schloß völlig monopolisiert und der einzelne von ihr ebenso völlig ausgeschlossen ist. Doch selbst der autoritäre, zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr unwiderstehlich blitzsiegreiche Hitlerstaat konnte nicht umhin, dem allgemeinen Rechtfertigungsbedürfnis zumindest durch die Geste einer Erklärung der Lidice-Mitschuld zu genügen. In der Legitimationssuche entrichtet das Unrecht seinen Tribut an die Tugend.
Das Imponiergehaben der Männlichkeitsprotzerei kann man sich erst leisten, wenn man alle Schlachten gewonnen hat, und auch dann nur für kurze Zeit. Angreifer müssen sich als Verteidiger ausgeben, um attackieren zu können; Herrschende als Diener des Volkes, das sie weiter beherrschen wollen. Auch die übelste Gewalttat muß sich rechtfertigen, falls sie sich wiederholen will. Diese Rechtfertigung gelingt immer. Auch der zynische Gewalttäter – sei er Einzelverbrecher, Staatsmann oder Regierung –, der sich der unverhüllten Machtpolitik verschrieben hat, kann sich dem Zwang nicht entziehen, aus einem Unrecht vorsorglich oder nachträglich Recht, aus dem unschuldigen Opfer einen schuldigen Täter strafwürdiger Verbrechen zu machen.
Auch die terroristischen Attentäter (Gegenterroristen, denn Heydrich war ja der bis dahin unbestrittene Weltmeister des Terrors) sollten als Partisanen, als typische Gegenfiguren der modernen Herrschaftsformen politische Schule machen. Partisan ist derjenige, der sich in seinen Handlungen auf Art und Heimat, auf heilige Gewißheit und auf persönliches Gewissen beruft und damit das ältere Recht gegenüber einem Usurpator von innen oder außen vertritt. Er nimmt die Legitimität dessen in Anspruch, der den Zerstörer seiner Welt oder der Welt überhaupt zerstören will. Über allen Gesetzen und jenseits aller Gesetze fühlt sich der stets todesbereite Partisan durch die eigene bedingungslose Einsatzfreude und die Berufung auf althergebrachte Werte gerechtfertigt, der Revolutionär hingegen durch die Werte einer neuen Zeit, die erst geschaffen werden muß. Sie fühlen sich legitimiert, die Tyrannen und Herrscher, die Partisanen und Revolutionäre, sie alle dienen einem höheren Zweck, nur einem jeweils anderen: der legitimen Durchsetzung des Herrschaftsanspruchs eines Herrenvolkes, der Befreiung des Vaterlandes, der Verhinderung weiterer unsinniger Greueltaten, der Demokratisierung und endgültigen Herstellung des Friedens und der Bekräftigung, daß derartiges in Hinkunft nicht mehr möglich sein solle. Das abschreckende Beispiel wird zur Tradition, die Gewaltapotheose zur Gewohnheit und das «Nie wieder» zum «Immer aufs Neue».
Für die Welt war Lidice ein erschütternder Grausamkeitsrekord, der alle Greuel des Zweiten Weltkriegs überbot. Obwohl Gewalt sich nicht in all ihren Folgen messen oder quantitativ ermessen läßt, war hier das Mißverhältnis zwischen Tat und Vergeltung unfaßbar kraß: der Tod eines–wenn auch hochgestellten–einzelnen war nicht nur durch die Liquidierung und Schleifung einer ganzen Ortschaft gerächt worden; das grausame Verdikt schrieb auch vor, daß der Ortsname aus der Liste tschechischer Orte zu streichen sei. Lidice sollte damit zur ‹Un-Ortschaft›, die ermordeten und verschleppten Bewohner zu ‹Un-Personen› werden, damit für alle Zeiten die Erinnerung an sie gelöscht werde. Unmenschen machten aus unschuldigen Opfern Un-Menschen, Nicht-Menschen, Nicht-Personen, um sich ihrer eigenen Gewalttaten nicht schämen zu müssen. Die Opferung Unschuldiger wurde vor der Geschichte dadurch gerechtfertigt, daß man sie aus der Geschichte ausstieß.
Rekorde sind dazu da, übertroffen zu werden, auch in bezug auf Grausamkeit. Die Nationalsozialisten sonderten wenigstens die Frauen und Kinder aus, obwohl schließlich nur wenige von ihnen überlebten. Beim Massaker in My Lai will die Notwendigkeit heißer Kriegsgewalt im Vergleich zur ausschließlich kalten Planung des Lidice-Unternehmens zur teilweisen Erklärung dienen. Jedenfalls sollte das südvietnamesische Dorf von den Amerikanern dem Erdboden gleichgemacht werden. Alles darin Lebende mußte für ewig zum Verstummen gebracht werden, weil die Einwohner der Sympathie und Verbundenheit mit dem Feind beschuldigt wurden. Freilich bezeichnete My Lai eine kriegsähnliche Polizeiaktion gegen einen aktiv Widerstand leistenden Gegner. Die amerikanische Armee strengte gegen ihre eigenen, der Kompetenzüberschreitung des Tötens beschuldigten Offiziere den Prozeß an und durchbrach damit erstmalig das Prinzip, daß Kriegsverbrechen ausschließliche Feindprivilegien seien. Lidice galt als Fanal der Grausamkeit, ohne Präzedenz und historische Parallele, dennoch nahm man sich dort die Mühe, wenigstens vorläufig Frauen und Kinder auszusondern, statt sie an Ort und Stelle hinzurichten. In My Lai hingegen wurde die Frauen und Kindern zustehende Unschuldsvermutung absichtlich mißachtet; alle, ausnahmslos alle mußten niedergemetzelt werden, so lautete der Befehl. Die Weltöffentlichkeit debattiert erregt, ob es wirklich gar nicht anders gegangen wäre, ob die My Lai-Ausrottung militärisch tatsächlich geboten, aber vor allem auch, ob es nötig war, die schauerlichen Vorgänge öffentlich bekanntzugeben, breitzutreten und damit den Gegnern billiges Propagandamaterial zu liefern. Präventive Geschichtsklitterung wäre jedenfalls bequemer und moralfördernder gewesen, und sie wurde auch durch loyal illegale – oder illoyal legale – Geheimhaltung seitens einiger amerikanischer Armeestellen versucht. Am besten wäre es wohl, wenn man die Beschuldigten für verrückt erklären könnte; auch die sonst von Vertretern der brutalen Wirklichkeit verspottete Psychiatrie kann in den Dienst der Brutalisierung treten. Die Feststellung individueller Geistesstörung entlastet die Befehlserteiler ebenso wie die Allgemeinheit. Zum psychischen Ausnahmephänomen des irrsinnigen Mißbrauchs gestempelt, verliert die Regelmäßigkeit und Regelhaftigkeit des Gebrauchs massiver Gewalt den üblen Gestank von unschuldig vergossenem Blut und geplantem Massenmord.
Heute operieren Partisanen im tiefsten Frieden, bestrafen und entführen Unschuldige; angesehene Regierungen verhandeln mit ihnen wie mit ihresgleichen, da sie, in getreuer Nachahmung der Regierungen, die sie bekämpfen, Gefangene nicht einfach machen, sondern sie der Tortur unterwerfen oder austauschen. Daß sie wirksam Gewalt androhen und an ihren unschuldigen Opfern Gewalt anwenden können, macht sie zu annehmbaren Verhandlungspartnern in jener modernen Variante des Tauschhandels, der heute von Menschenjägern statt wie seinerzeit von Autogrammjägern getätigt wird: Wie viele Uwe Seelers für einen Kiesinger? Wie viele Picassos für einen Franco? lautete es noch gestern. Jetzt heißt es: Wie viele politische Gefangene für einen entführten kanadischen Minister, einen Schweizer Botschafter, einen britischen Gesandten? Die Beherrschten haben von den Herrschern gelernt, wie man sich zu ihresgleichen macht; die Mißachtung diplomatischer Vorrechte schafft die Bedingungen für eine neue Verhandlungsdiplomatie. Mit der Kopie der Gewalt und ihrer Rechtfertigung beginnt die neue Zeit, die ganz im Sinn der alten alle Gewalt abschaffen will, das heißt alle Gewalt der Gegenseite.
Mit Heydrich und Lidice hatte die moderne Gewaltentwicklung nicht angefangen, nur einen bis dahin unerreichten, seither oft übertroffenen Höhepunkt erreicht. Bei der Betrachtung der aufeinander bezogenen, einander eskalierenden Gewaltakte wird die Relativität und Willkür der Unterscheidung in gute und böse, rechte und unrechte, legale und illegale, ordnende und verbrecherische, konstruktive und destruktive, erlaubte und verbotene Gewalt besonders deutlich. Die Wertbestimmungen ändern sich, schwanken, verkehren sich ins Gegenteil, je nach der Warte des Beschauers und Teilnehmers, je nach Standort und Lagerzugehörigkeit. Was in den Augen der damaligen Okkupanten mit dem Titel Protektoren (also Schützer) ein schnöder, hinterhältiger, gemeiner Meuchelmord, ein ungeheuerlicher Affront und ein unersetzlicher Verlust war, schien in der Sicht der Unterdrückten als eine hundertfach gerechtfertigte Hinrichtung eines besonders blutrünstigen Henkers, ein Befreiungsakt. Der Unterdrückungsfachmann war den Opfern seiner Unterdrückung (und deren Helfershelfern) zum Opfer gefallen; das Todesurteil wurde im Namen eines nationalen Selbstbestimmungsrechtes in eben jenem Augenblick vollzogen, da sich dieses Recht vielleicht gar nicht mehr als solches geltend machen wollte, weil sich durch die Wendigkeit Heydrichs die Vergewaltigung in Verführung umzuwandeln drohte.
Im Reigen der Gewalt wandeln sich unerlaubte Gewaltaktionen (Verbrechen oder Irrsinn genannt) in legitime Notwehr, gebotene Verteidigung wieder in illegitime Gewaltakte. Die Gewalttaten werden von denen, die sie ausführen, fast immer als notwendig und legitim hingestellt und empfunden, da sie aufgezwungene Abwehrmaßnahmen seien, höheren Zwecken oder angeblich gar den Opfern selbst dienten. Auf der Suche nach Aggression in all ihren Formen, Verwandlungen, Verhüllungen und Schlupfwinkeln werden wir diesem Etikettenschwindel zur Vereinfachung, Polarisierung und Rechtfertigung immer wieder begegnen.
In der Vorstellung, durch eine besonders große Anzahl ausgelöschter Menschenleben einen besonders ins Gewicht fallenden Einzelverlust quasi ausgleichen oder wettmachen zu können, drückt sich eine Art von Wahn der reinen Zahlen aus – analog dem in der Wissenschaft anzutreffenden Quantifikationsbedürfnis –, wie er gerade bei Tötungsvorgängen nicht selten ist. Seit Jahren registrieren die amerikanischen Streitkräfte mit Hilfe ihrer amtlichen Meldungen von ostasiatischen Kriegsschauplätzen in einer an Jagdstolz gemahnenden Sprache des Jägerlateins den bodycount, die Zahl der täglichen ‹Strecke›, das heißt die Anzahl der jeweils an einem Tag getöteten Feinde, die den eigenen Verlusten gegenübergestellt wird. Noch niemals hat die zählende Partei dabei draufgezahlt; das nach Art eines Sportresultates verkündete Verhältnis 80:12, 230:8, 17:0 steht immer zugunsten der makabren Berechner. Der tägliche Sieg und die vielen Rekorde trösten darüber hinweg, daß man eigentlich nicht weiterkommt und vielleicht gar verliert. Allein die Behauptung und Demonstration erfolgreicher Eigenaggression, natürlich nur zu Abwehrzwecken, hebt das Selbstbewußtsein und vertreibt die Zweifel an der Gerechtigkeit der eigenen Sache. Die Deutschen brachten für einen Heydrich ein paar Tausend Tschechen um, die Amerikaner töten durchschnittlich für jeden eigenen Gefallenen ungefähr 80 Nordvietnamesen oder Südvietnamesen – so genau nimmt man das dort nicht. Schon durch das Zählungsprinzip, wonach jeder der gezählten nichtamerikanischen Toten Feindcharakter erwirbt, wird eine Einladung zu unterschiedsloser Gewaltanwendung ausgesprochen, um das Resultat zu verschönern.
Im Januar 1957 untersuchte der Autor als gerichtlich beeideter Sachverständiger den angeklagten Massenmörder Stephen Nash auf seine Zurechnungsfähigkeit. Man hatte Nash drei Morde nachweisen können, er brüstete sich jedoch in überspitzt dramatischen Enthüllungen, noch acht weitere Menschen umgebracht zu haben; insgesamt wären demnach elf Morde, die alle in einem Zeitraum von sechs Monaten begangen wurden, Nash anzulasten gewesen. Einige Zeugen konnten die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Massenmörders nicht genug rühmen; seine unglaublich sadistischen Morde beging er nur an ihm Unbekannten und Unschuldigen, nur als Zeitvertreib und im fanatisch-wahnhaften Glauben, sich an der Gesellschaft, die ihn ruiniert hätte, rächen zu müssen. Fröhlich und erleichtert bezeichnete er sich als den einzigen wahrhaft glücklichen Menschen auf Erden, er wisse, daß er sterben müsse und könne dies kaum erwarten, denn erst dann werde seine Bilanz abgeschlossen, sein Duell mit der Gesellschaft endgültig mit seinem Sieg beendet sein; da er schließlich nur einmal hingerichtet werden könne, würde das Resultat 11:1 für ihn lauten; selbst wenn er sein eigenes Leben dreimal so wichtig einschätze wie das irgendeines seiner Opfer, stehe es schließlich immer noch 11:3.
Vielleicht gehört diese Geschichte gar nicht in die Besprechung weltgeschichtlicher Ereignisse – oder vielleicht doch?
