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Friedrich Hacker

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Beschreibung

Terror und Terrorismus können jeden zu jeder Zeit an jedem Ort treffen. Die oft raffinierte Originalität der Planung und ihre «heroische» Ausführung, das Image ihrer Allmacht und Allgegenwart, schlägt potentielle Terroristen und Terrorisierte gleichermaßen in Bann. Wie Terrorakte ablaufen und was sie auslöst, untersuchte der Aggressionsforscher Friedrich Hacker schon 1973 im historischen Rückblick und an spektakulären Fällen. Psychische Ursachen und politische Hintergründe des Terrorismus werden in ihrer komplexen Wechselwirkung aufgeschlüsselt. Denn nur die genaue Kenntnis der Motive und Mittel erlaubt eine wirksame Bekämpfung.

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Seitenzahl: 593

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Friedrich Hacker

Terror

Über Friedrich Hacker

Professor Dr. med. Friedrich Hacker, geboren 1914 in Wien, promovierte 1939 in Basel. 1940 ging er in die USA (Columbia University, Menninger Clinic u.a.). Er war Chef eigener Kliniken in Beverly Hills und Lynwood, Kalifornien; Gründer und Leiter der Hacker-Foundation; Professor für Psychiatrie an der medizinischen und juristischen Fakultät der Universität von Süd-Kalifornien; beeidigter Sachverständiger der US-Bundesgerichte; Präsident der Sigmund-Freud-Gesellschaft in Wien.

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

Meinem Bruder und ...VorwortI. Kapitel: Zur SacheII. Kapitel: Am Beispiel MünchenCitius, Altius, FortiusViermal MünchenChronik der EreignisseAlles gerettet – alles verloren?Erklärung des PolizeipräsidentenPsychopolizeiEntspannungsrisikoErpressungsnotstandOffizieller BerichtAutorität und AutoritätsgläubigkeitGlück im PechDeutsche StellungnahmenIsraelische StellungnahmenArabische StellungnahmenEndlösungOlympische SpieleHeile Welt und überwertige IdeenSport und Spiel?Terror ohne RisikoHöhere InteressenIsrael über allesAufs Dabeisein kommt es anAngewandte AggressionstheorieIII. Kapitel: Die gelobten LänderVerdammung des TerrorismusArabische SzenarienEtikettenschwindelZur Geschichte PalästinasGründung IsraelsDavid und GoliathSelbsterschaffung einer NationRechtfertigung der TerroristenMoral und RechtMitleid und SchreckenFanatismus und TraditionWunderglaube und HaßpropagandaDie schöne Rede als TatersatzPsychiatrische Diagnosen und UnterdrückungsstrukturenPrägung zur GewaltIV. Kapitel: Identität und Wir-GefühlIdentitätsforderung und RepräsentationWir-BewußtseinGleicher als gleichGemeinsamkeit und IdentitätsbildungPsychosoziale IdentitätIdentitätserlebnis und ZusammengehörigkeitEinheit und UnterschiedlichkeitIdentitätskonflikteZugehörigkeit und VerdinglichungPsychodynamik der IdentitätAls und als obNationalismus und VerteidigungsrechtAnonymität und HeldentumV. Kapitel: Macht und Ohnmacht des SchreckensAlarm und PlakatAnatomie des Terrors«Natürliche» StrafeStrafe und AngstTerrortechnikMacht und VernunftTerror im FilmTerrorpropagandaDynamik des TerrorsDas kleinere ÜbelIntervention der Vereinten NationenTerrorismus und KriegGewalt, Wahn und WirklichkeitTerrorismus und GegenterrorismusSpielformen des TerrorismusTerrorismus: Signal und SpektakelRisikoverhalten und HeroismusMassenmedien: Herolde und Helfershelfer des TerrorismusPolarisierung in Drama, Sport und PolitikDarstellung in Legende und WirklichkeitVI. Kapitel: Verbrechen, Irrsinn, FanatismusEntführung zur BefreiungSchlag, Gegenschlag, GegengegenschlagNeue Wege zurückGeiselerpressungFluchtgeiselnKriminelle Entführung und «Entprogrammierung»Übergesetzlicher NotstandTerror per PostHerostratischer Terrorismus«Sinngebung des Sinnlosen»LuftpirateriePsychologie der FlugzeugentführerMethoden zur Verhütung und Bekämpfung von FlugzeugentführungenRealitätsanpassung und beschränkte WahlPatentlösungen und moralisches DilemmaVII. Kapitel: Gegebene Illusionen – Erschaffene RealitätenTerroristen und TerrorisierteIdentitätSouveränität und FreiheitOrdnung und SicherheitAggressionsentlastungSinnverlangenToleranz und VeränderungsnotwendigkeitLustprinzip und RealitätsprinzipAggression, Reform, RevolutionGlück und Elend der GruppengemeinschaftWeltinnenpolitikÜberhaupt verbotenImmer oder nimmerIm Dienste der Terroristen«Die Waffen hoch»Intoleranz und VersöhnungVerhandlung und VermittlungVerrat und soziale LernprozesseGewaltäquivalenteKonfliktproblematikRealitätsprinzip der ZukunftEmpfohlene LiteraturNamenregister

Meinem Bruder und der Brüderlichkeit

Vorwort

Wer ist «wirklich» schuld? Wie ist es tatsächlich gewesen? Wie konnten die Ereignisse von Lod, München, Khartum, Beirut geschehen? Was sind die wahren Gründe und Hintergründe, die «eigentlichen» Ursachen und Wirkungen dieser Vorfälle? Was wurde versäumt oder falsch gemacht? Wie hätten Sie gehandelt?

Derartige und ähnliche Fragen werden sehr berechtigt jenen gestellt, die durch ihre berufliche Beschäftigung mit menschlichen Beweggründen, durch ihre Studien individuellen und kollektiven Verhaltens und durch ihre Beobachtungen und Reflexionen über Aggression und Aggressionsrechtfertigung Fachleute sein sollten für Terror und Terrorismus und Experten der Terrorverhütung und Terrorvermeidung.

In Kalifornien, Tausende Meilen weit vom Schuß, war ich wie Millionen andere «dabeigewesen», vor dem Fernsehschirm und am Radioapparat, beteiligt und passiv zugleich, engagiert und dennoch hilflos, als in München der Olympia-Krimi der Wirklichkeit vor den Augen und Ohren der Weltöffentlichkeit abrollte. Legitime Würdenträger, authentische Sportler und Polizisten, echte Fanatiker traten als Akteure im Welttheater der Realität auf, lebten und starben wirklich, Mitwirkende eines Sensationsdramas, das geplant, inszeniert und gemacht war, um Geschichte zu machen.

Ist im 20. Jahrhundert das Verbrechen, das garantiert weltweite Publizität erzeugt, um sich ihrer zu bedienen, zum wichtigsten Instrument politischer Selbstdarstellung und propagandistischer Meinungsmanipulation geworden? Wird das Olympiaereignis als eine besonders eindrucksvolle Episode in der zu erwartenden Radio- und Fernsehserie «Terror» in Erinnerung bleiben, nachdem bewiesen wurde, daß Terrorwirkung tatsächlich die ganze Welt durch Schrecken lähmen, durch Furcht aufrütteln und durch Einschüchterung entscheidend beeinflussen kann? Gibt es heute irgendeinen wirksamen Schutz gegen Terrorismus oder gegen jenen Terror, der Terrorismus hervorbringt, obwohl er sich als dessen einziges Verhütungs- und Bekämpfungsmittel anpreist? Muß man sich mit Terrorismus und Terror abfinden und arrangieren, als wären sie unvermeidlich, gleich Naturkatastrophen und Verkehrsunfällen? Wie wird die durch solche Anpassungen bestimmte zukünftige Welt der permanent Terrorisierten und der potentiellen Terroristen beschaffen sein? Welche psychischen Spesen und welche Kosten an Menschlichkeit und Lebensqualität sind mit einer derartigen Existenz verbunden?

Als Psychiater, Psychoanalytiker und Sozialpsychologe hatte ich mich jahrelang mit den brennenden zeitgenössischen Problemen der Aggressionsansteckung und Gewaltlegitimierung auseinandergesetzt. Ich hatte zu zeigen versucht, wie im Kreislauf der Aggression die primitivste und gefährlichste aggressive Ausdrucksform, nämlich Gewalt, hergestellt und durch Etikettenschwindel als Notwendigkeit, Pflicht und einziges Konfliktlösungsmittel hingestellt wird. Bei der Münchner Olympiatragödie entsprach und folgte die Wirklichkeit dem theoretischen Modell moderner Gewaltausübung mit entsetzlicher Genauigkeit; daher schienen mir diese Vorfälle sowie deren Hintergründe und Folgen dringend untersuchungsbedürftig. Am konkreten Beispiel des Münchner Geschehens konnten viele der bisher einigermaßen abstrakt formulierten Erkenntnisse der Aggressionsforschung eindeutig erwiesen und klar aufgezeigt werden. Der nur allzu erfolgreiche Versuch des Fanatismus, durch spektakuläre und weithin propagierte Gewalt und Gegengewalt Exempel zu statuieren, sollte selbst zum Exempel und Beispiel werden, bevor die eingeschüchterte, von Schrecken faszinierte, vor Furcht erstarrte und gebannte Welt im geschichtlichen Wiederholungs- und Nachahmungszwang Terror und Terrorismus, Gegenterror und Gegenterrorismus allgemein duldet oder gar an deren Veranstaltungen allgemein teilnimmt.

Persönliche Erfahrungen im Nahen Osten und zunehmende Vertrautheit mit einer schlechthin unübersehbaren Literatur über den tragischfaszinierenden arabisch-jüdischen Konflikt ließen vorerst alle Vermittlungsvorschläge, zu denen dieser herausfordert, als Produkt von Naivität, Ignoranz und Verantwortungslosigkeit, als Anmaßung und Überheblichkeit erscheinen. Angesichts der tatsächlich stattfindenden Polarisierung und Konflikteskalierung in Drohung und Gewalt, in Terrorismus und Gegenterrorismus, muten die Empfehlungen der Konfliktlösungsforschung (man solle dem Opponenten die Überzeugung vermitteln, daß er gehört und verstanden werde, man solle den Bereich, innerhalb dessen die Argumente des Opponenten Gültigkeit haben, abgrenzen, man solle Ähnlichkeit der gegenseitigen, einander oft spiegelbildlich gleichenden Annahmen betonen) realitätsfremd an. Nicht nur im Nahen Osten, aber dort ganz besonders, weicht die Wirklichkeit von jener Vernunft und Moral ab, die, im Gefangenendilemma[1] exemplarisch dargestellt, erfordern, daß Begrenzung und Einschränkung der eigenen Forderungen in Kauf genommen werden, um auf lange Sicht die optimale Befriedigung der eigenen Ansprüche durchzusetzen und zu gewährleisten.

In zugespitzten Konflikten ist die Lage so verzweifelt kompliziert, da so vielen verzweifelten, unmittelbar Betroffenen die angeblich einzige Lösung so einfach vorkommt. Doch bedarf es wahrhaft keines neuen Buches, um nochmals nachzuweisen, daß es für komplexe, unentwirrbar verwickelte Aggressionskonstellationen und Aggressionsrechtfertigungen keine einfachen Rezeptlösungen und keine einfachen Lösungsrezepte gibt. Eben deshalb schien es mir zeitgemäß und geboten, die der realistischen Vieldeutigkeit und Verwirrung zugrunde liegenden Motive, Bedürfnisse, Ursachen, Methoden und Ziele am «gegebenen», fortwirkenden zeitgenössischen Beispiel aufzuzeigen und zu untersuchen, statt zu diesem Zweck in die historische Vergangenheit oder geographische Entlegenheit zu flüchten oder sich gar mit nur journalistischer Oberflächendarstellung von Geschehnisabläufen zu begnügen. Aus sicherer Distanz läßt sich gleichnishaft und durch Analogie gewiß auch aus dem Studium der Französischen Revolution, des Nationalsozialismus, der Tyrannei des Dschingis-Khan oder des Despotismus der Zulus ungemein Wertvolles über unsere heutigen Probleme entnehmen, da bei aller Verschiedenheit von Entwicklung, Geschichte und Tradition einander ähnliche, stets wiederkehrende Beweggründe, Träume, Mythen und Symbole das individuelle und kollektive Handeln bestimmen. Doch sollten sich die Einsichten psychohistorischer Betrachtungsweise und die Befunde moderner Aggressionsforschung vor allem auch unmittelbar und direkt an den noch in Gang befindlichen, brennenden Konflikten der Gegenwart bewahrheiten und bewähren. Um zu begreifen, was geschehen ist und was geschieht, muß auch klar erkannt werden, warum verschiedene Alternativen nicht ausgearbeitet, gewisse Optionen nicht gewählt wurden. Die Interpretationen, welche tatsächlich die Welt, das Bewußtsein, die Dynamik innerer Abwehrvorgänge, die Verdrängungsstrukturen und damit auch das Unbewußte des Menschen verändern, müssen vor allem darüber Auskunft geben, welche äußeren und inneren Widerstände derartigen Wandel verhindern, wieso die Veränderung im Sinne der «richtigen» (vernünftigen, wahren, menschlichen) Ziele bisher nicht stattgefunden hat und auch nicht ohne weiteres «von selbst» stattfindet. Damit Verständnis nicht immer nur zur «Bewältigung» und «Überwindung» von Konflikten (durch Überwältigung des Feindes), sondern zu deren «Behandlung» beitragen kann, muß vor allem die oft unwiderstehliche Versuchung zur «natürlichen» Wiederholung des ewig Selben erforscht werden. Wie und wodurch wird die Anziehungskraft von Primitivität und der Sog von Regression ausgenützt für gezielte und geplante Handlungen und Handlungslegitimationen; in welcher Weise können die bewegenden Identitäten und intuitiven Feindschemata sowie die subjektiv echt empfundene Spontaneität des Denkens, Fühlens und der Tat erzeugt, erzwungen und manipuliert werden?

Um äußere und innere Schwierigkeiten, Konflikte und Komplexe zu meistern und zu kontrollieren, müssen sie erst in ihrem vollen Umfang erkannt und zur Kenntnis genommen werden. Daher beschäftigt sich die ernst zu nehmende, kritische Bemühung mit der Identifizierung und Interpretation des sogenannten und tatsächlichen Bösen, im Namen eines wenn schon nicht Guten, so doch eines klügeren und würdigeren Besseren. Es gilt, sich mit Unmenschlichkeit, Unrecht, Aggression und Terror auseinanderzusetzen, um der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und der Liebe willen.

Die Kompetenz des Psychologen und Psychiaters zur Erklärung und Deutung oder gar zur Beeinflussung der sozialen und politischen Wirklichkeit ist keineswegs allgemein anerkannt. Die Haltung wertfreier Neutralität (je ne propose rien, je n’impose rien, j’expose) wird oft als einzig angemessene, wissenschaftliche Haltung erachtet: der Psychiater solle sich mit dem isolierten Individuum oder bestenfalls mit einer sich selbst auswählenden Kleingruppe, wie sie sich eben dem Therapeuten präsentiert, als gegebener Forschungs- und Beeinflussungseinheit beschäftigen. Psychotherapeuten sind ständig dem Verdacht ausgesetzt, daß sie als Folge ihrer «déformation professionelle» dazu neigen, Mitmenschen und historische Figuren wie hilfesuchende Kranke behandeln, belehren, verändern und heilen zu wollen; damit werde jedoch die vielfältige Wirklichkeit angeglichen an jenen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit, in dem der Psychiater als weiser Arzt und unfehlbarer Vertreter der Realität auftritt, während jedermann sonst zum Beurteilungs-, Bewertungs- und Beeinflussungsobjekt reduziert wird. Unterschwellig erwartet die breite Öffentlichkeit vom Psychiater wenn schon nicht Enthüllungen sadistischer Grausamkeit und sexueller Perversion, so doch wissenschaftlich verbrämte Moralpredigten oder klare, eingängige Diagnosen sowie leicht befolgbare Therapievorschläge. Durchdrungen von der Überzeugung, daß es sich bei ernsten politischen Fragen um «reale», nicht um «nur» seelische und psychologische Probleme handelt, haben die politisch Verantwortlichen zwar nichts dagegen, daß sich der Psychiater mit dem Gegner befaßt, der offensichtlich der fachlichen Betreuung bedarf, sind aber selbst nur mäßig begeistert, mittels Methoden, die Gedankenverbindungen mit der «psychiatrischen Couch» heraufbeschwören, durchleuchtet und «durchschaut» zu werden.

Psychologische Universalität drückt sich stets in spezifischen Erlebnissen und Ereignissen aus. Eben deshalb bedarf es ständiger Wachsamkeit, um nicht das Bemühen um Wahrheit mit der Wahrheit selbst zu verwechseln, die eigene Überzeugung für Objektivität zu halten, Betragensnoten auszuteilen, «Unarten des Geistes» (Kleist) zu rügen und abweichendes Denken und Handeln als Unvernunft oder Abirrung, als Perversion oder Pathologie einzustufen und abzuwerten. Gründliche Ausbildung sollte den Historiker wie den Psychotherapeuten vor den Versuchungen eitler Besserwisserei gefeit haben. Doch weder Historiker noch Psychologen sind wie unbeschriebene Blätter oder neutrale Spiegel der Ereignisse, die sie berichten und die ihrer Analyse zugrunde liegen; selbst die «reine» Berichterstattung geschichtlicher Tatsachen ist Resultat bewußter und unbewußter Selektion und Folge von Arrangements, deren Auswahlprinzipien angegeben und ständig überprüft werden sollten. Ein Minimum moralischer und psychologischer Wertung tritt in jede geschichtliche Betrachtung ein, da die handelnden Menschen, als Individuen und als Repräsentanten geschichtlicher Kräfte, nicht lediglich kausale Faktoren der Geschehnisse sind, sondern eigene Motive und Ziele besitzen.

Die historische und psychologische Realität wird bedeutsam und ist wirklich eben dadurch, daß sich in ihr Wahres und für wahr Gehaltenes, Wichtiges und für wichtig Erachtetes, Objektives und Subjektives nicht säuberlich objektiv unterscheiden läßt. Das Ereignis und dessen symbolische Bedeutung, die Tatsache und deren Überhöhung oder Dämonisierung, das Geschehnis und die Tat in einem mit deren Absicht und Wirkung, sind in der historischen Wirklichkeit untrennbar miteinander verbunden. Erst miteinander und aufeinander bezogen machen sie die historische Wirklichkeit aus. Bestmögliche Objektivität, die auf äußerste Wahrhaftigkeit nicht verzichtet, aber nicht darauf besteht, nur eine (die eigene) Wahrheit anzuerkennen, kann jenseits von desinteressiertem Detachement und dem Schein der Neutralität, hinter dem sich uneingestandene, unanalysierte Parteilichkeit verbirgt, nur durch kritisches und selbstkritisches Bewußtsein gewährleistet werden, das ständig die Grenzen jeder einzelnen Einsicht erkennt und anerkennt. Ohne Tatsachen ist der Historiker (und der Psychologe) wurzellos und unfruchtbar. Ohne Historiker sind die Tatsachen stumm und tot.

Geschichte ist keine Krankengeschichte und besteht auch nicht aus der Summe oder der Gegenüberstellung von Krankengeschichten. Die psychohistorische Betrachtungsweise, welche psychologischen Beweggründen, individuellen und kollektiven Erwartungen, Träumen, Hoffnungen und Befriedigungen besondere Beachtung schenkt, ist keine Pathographie, keine Kolektivanamnese, keine Entlarvung der Symptome von Beteiligten und erst recht nicht eine dem Muster individueller Analyse entsprechende Untersuchung der zu Großindividuen stilisierten, vereinfachten und analogisierten Gruppen, Völker und Staaten. Vielmehr gilt es, Aufmerksamkeit zu lenken auf jene Prozesse, welche die gängigen Bezugssysteme der größeren Ganzheiten herstellen, in deren Zusammenhang die einzelnen Ereignisse erst zu folgenreichen, bedeutsamen und erinnerungswürdigen historischen Tatsachen werden. Nationalität, Souveränität, Identität und andere durch Verallgemeinerung und Mythologisierung zustande gekommene «höhere» Einheiten müssen das Geheimnis ihrer Entstehung und «Erzeugung» enthüllen, bevor sie als Erkenntnisgrundlage, Erlebnishintergrund und Legitimationsquelle gelten können. Denn scheinbar oder offensichtlich höchst individuelle Tatbeweggründe folgen den kollektiven Vorstellungsschablonen mit ihren eingebauten, oft verborgenen Anweisungen zu Handlungen der einzelnen; vereinfachte Stereotypen bestimmen die Stellung und Entstellung, die Deutung, Umdeutung und Verdeutlichung komplexer, persönlicher Motive. Nicht erst nachher, sondern schon im Augenblick des Ereignisses, oft sogar vorher, setzen Betonung, Ausschmückung und Übertreibung jene entscheidenden Akzente, die, oft unbemerkt und «unabsichtlich», zur dramatisierten Geschichte werden, die später die «Moral» und die «Vernunft» der größeren Einheit begründet. Bei vielen terroristischen Akten ist die finstere Entschlossenheit zur Legendenbildung, auch um den Preis von Menschenleben, sogar das entscheidende Handlungsmotiv. Im allgemeinen und erst recht bei heiklen, emotionsgeladenen Themen erschwert vorhersehbar schon die durch vorbestimmte Loyalitäten polarisierte «primäre» Wahrnehmung jede verläßliche, einigermaßen umfassende Kenntnis der wichtigsten Probleme, deren Wiedergabe und Darstellung «sekundär» noch durch parteiische Berichterstattung in den jeweils gewohnten Gefühls-(und Verblendungs-)zusammenhang eingepaßt wird.

Historischer (und persönlicher) Mythos ist nicht der Gegensatz zur historischen (und psychologischen) Wahrheit, sondern deren Bedingung, Ergänzung und Einschränkung; in der geschichtlichen Wirklichkeit ist deren mythologischer Stellenwert (und Entstellungswert) als wichtige Komponente mitenthalten.

Die tatsächliche Wirklichkeit, wie sie war und ist, wird keineswegs ausschließlich von den quantitativ feststellbaren «harten» Daten bestimmt, vielmehr auch von den qualitativen, schwankenden, erlebnismäßigen Elementen, die historische Geschehnisse nicht färben und entstellen, sondern diese selbst darstellen. Gerade weil im historischen Zusammenhang meßbare und unwägbare Faktoren, Ereignis, Meinung und Bedeutung miteinander verwoben und aufeinander bezogen sind, ergab sich die Notwendigkeit, in diesem Buch ausführlich gewisse Geschehnisse sowie die Reaktionen und Meinungen der beteiligten Personen und Gruppen vorerst einigermaßen unreflektiert wiederzugeben, bevor diese in anderen Abschnitten der Kritik und Analyse unterzogen werden. Natürlich erwies sich als unmöglich, jede Art von Terror und Terrorismus zu beschreiben oder auch nur zu erwähnen; die zur analytischen Untersuchung notwendige Konzentration auf ganz bestimmte konkrete Geschehnisse bedingte den Verzicht auf die Darstellung anderer historischer und zeitgenössischer terroristischer Ereignisse und Haltungen, was selbstverständlich nicht deren stillschweigende Duldung oder gar deren Billigung und Befürwortung bedeuten soll.

Ich war bestrebt, zwischen den berichteten Realitäten und Mythen, die der Analyse bedürfen, und der Analyse so deutlich zu unterscheiden, wie es die durch reale historische Prozesse undeutlich gewordene Sachlage zuließ. Dennoch wäre es naiv, sich darauf zu verlassen, daß aus dem Zusammenhang gerissene Sätze und Passagen, die sich auf fremde Meinungen beziehen, nicht gelegentlich zu polemischen Zwecken zitiert und dem Autor zugeschrieben werden. Auch wäre es gewiß Anmaßung, zu behaupten, daß mein Bemühen, hinter die mythologische Fassade der Realität zu den «wirklichen» Gründen vorzudringen, die einzig mögliche Methode sei, um zur richtigen, echten Wahrheit zu gelangen. Bei einem derart heiklen Thema ist das Risiko, mißverstanden und fehlinterpretiert zu werden oder aus «falschen» Gründen unerwünschte Zustimmung zu erlangen, keineswegs leicht zu nehmen.

Von meiner Gerichtstätigkeit als Sachverständiger in Strafprozessen her ist mir außerdem wohlbekannt, daß schon die bloße Beschreibung von ungewöhnlichen Haltungen und Handlungen und erst recht der Versuch, zu deren Verständnis vorzudringen, von Anklägern und Richtern häufig als Entschuldigung und Parteinahme für das lediglich berichtete und analysierte Verhalten aufgefaßt wird. Wenn die auf beruflicher Pflicht zur Einfühlung beruhende, verständnisvolle Berichterstattung nicht sogleich dem Verurteilungsbedürfnis entgegenkommt, das den Angeklagten belastet und gleichzeitig alle anderen entlastet, wird oft genug, im Gerichtssaal und in der Öffentlichkeit, der Psychiater vom Zeugen zum eigentlichen Angeklagten herabgesetzt. Als stellvertretender Prügelknabe wird er für jene Handlungen, die er zu erklären versucht, verantwortlich gemacht; dem Eifer und der Selbstgerechtigkeit der Ankläger erscheint Verständnis als Komplizität und Mitschuld.

Bei Gesprächen über die hier behandelten brisanten Probleme konnte ich mich davon überzeugen, mit welcher Vehemenz (und Aggression) ansonsten «vernünftige» Menschen auf die kritische Analyse von Begriffen wie Identität, Souveränitätsanspruch, Aggressionsrechtfertigung usw. reagieren. Viele Freunde gaben ärgerlich oder besorgt zu bedenken, daß der Versuch einer objektiven Darstellung von Fragenkomplexen, wie sie durch den verwickelten und emotionsgeladenen arabisch-israelischen Konflikt aufgeworfen werden, notwendigerweise zum Scheitern verurteilt sei, denn wahre Objektivität sei für den Autor entweder nicht möglich oder nicht zulässig. Im Kampf um Leben und Tod des jüdischen Volkes bedeute Objektivität Verrat an der Sache; in der Barrikadensituation, wo es um alles geht, könne und dürfe sich jemand, der durch Herkunft und Schicksal zur Parteilichkeit angehalten sei, den Luxus des Verständnisses für irgendeine andere Seite nicht leisten. Das Schicksal der Juden sei ohne Parallele und Präzedenz, während jede wissenschaftliche Darstellung und Durchleuchtung darauf beruhe, durch Analogien und Vergleiche Ähnlichkeiten zu finden und Gesetzmäßigkeiten festzustellen. Daher sei in gewissen geschichtlichen Situationen entschlossenes Handeln oder zumindest engagierte Unterstützung geboten statt wissenschaftliche Durchleuchtung der politischen und sozialen Probleme, um die sich die hierzu Befugten und Beauftragten kümmern sollten.

Doch Politiker, Diplomaten und Staatsmänner sind bei aller Kenntnis der Probleme durch ihre eigenen nationalen und sozialen Loyalitäten gebunden und hierdurch in ihren Äußerungen und Vorschlägen eingeschränkt und beeinflußt. Historiker beschäftigen sich mit bereits vergangenen Ereignissen, Politologen und Soziologen nur mit den ihren spezifischen Sparten zugehörigen Teilaspekten des Gesamtproblems, dessen wesentliche psychologische Dimension den erst durch Vorurteil, Propaganda und Manipulation aufgeputschten Gefühlen und sodann den schnell einsetzenden Verdrängungsprozessen überlassen wird. Schon jetzt will man es so genau nicht mehr wissen, möchte lieber vergessen als verstehen oder gar verzeihen und eigene Fehlhaltungen einsehen oder gar korrigieren.

Die Berufspflicht der Psychotherapeuten, der zerstörerische und selbstzerstörerische Unvernunft aufzuzeigen hat, um wenn möglich irrationales Handeln durch Erkenntnis unter Kontrolle zu bringen und zu verhindern, gebietet, auch vor allerschwierigsten Situationen, zu deren Lösung sich alle vorherigen «normalen» Mittel als ungenügend erwiesen haben, nicht die Waffen zu strecken. Der mögliche Vorwurf ungebetener Einmischung wiegt gering, wenn die offensichtlichen ebenso wie die offensichtlich verborgenen psychologischen Motive, Ursachen und Wirkungen das Geschehen derart entscheidend beeinflussen wie in der dargestellten Problematik. Denn wer sollte auf diese psychologische Dimension hinweisen, sie zu verstehen und zu ergründen versuchen, wenn nicht psychologisch geschulte Beobachter, die nicht nur an einer Interpretation der Welt und der Menschen, sondern an deren Verbesserung und «Vermenschlichung» durch Interpretation, Verständnis und Bewußtseinserhellung interessiert sind und interessiert sein müssen. Eben wegen der ungeheuren Schwierigkeit der Situation schien es mir daher eine Gewissenspflicht, Zeugnis abzulegen, nicht weil ich sicher war, dieser Aufgabe völlig gerecht zu werden, sondern weil es nur wenige gibt, die bereit sind, sich ihr mit einigem Anspruch auf Sachlichkeit und Objektivität überhaupt zu unterziehen. Ich gab in meinen Vorschlägen der Überzeugung Ausdruck, daß die Verminderung von Gewalt und Einschüchterung nebst der Einsicht in das Entstehen und die Dynamik von Aggression, Terror und Terrorismus auch der moralischen Entscheidung bedürfe. Daher durfte ich selbst es an dem von anderen geforderten Mut zur Erkenntnis und zum Bekenntnis nicht fehlen lassen.

 

Zahlreiche Kontakte in München, Bonn, Kairo, Beirut, Tel Aviv, Jerusalem, London, Wien, New York und Los Angeles vermittelten einen Überblick über vielfältige Meinungen. Gedankenaustausch mit prominenten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, mit Freunden und Kollegen (vor allem mit Dr. Klaus Hoppe und anderen Mitarbeitern der Hacker Clinic) sowie vielen an der Frontlinie des Geschehens Beteiligten, die aus begreiflichen Gründen nicht namentlich angeführt werden können, erbrachten eine Fülle wertvoller Informationen, Anregungen und Aufklärungen. All meinen Gesprächspartnern möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen.

 

 

 

Für ihre bereitwillige Unterstützung besonders verpflichtet fühle ich mich

Dr. Kurt Waldheim, Generalsekretär der Vereinten Nationen

Dr. Peter Jankowitz, Botschafter, österreichischer Delegierter bei den Vereinten Nationen

Prof. Dr. Eric Suy, Vorsitzender des Rechtsausschusses der Vereinten Nationen

Hans Dietrich Genscher, derzeitiger Bundesminister des Inneren der Bundesrepublik Deutschland

Gerhard Jahn, derzeitiger Bundesminister für Justiz der Bundesrepublik Deutschland

Dr. Manfred Schreiber, Polizeipräsident von München

Bernhard Rupprecht, Kriminaldirektor, München

Georg Sieber, ehemaliger Polizeipsychologe, München

Mohammed Hassanein Heikal, Chefredakteur, Al Ahram, Kairo

Gesprächspartner in Kairo: Abdel Malek Oda, Gamil Matar, Mohamed Sid Ahmed, Tahseen Bashir, Osama el Baz, Samih Sadek, Abdel Wahab el Messiri, Hatem Sadek, Ahmed Bahaa el Din

Dr. Abdel Aziz Hamdy, Polizeigeneral von Kairo

Salah Gohar, Botschafter der arabischen Republik Ägypten in Wien

Abdul Aziz Zoabi, Vizeminister für das Gesundheitswesen in Israel

Yael Vered, Leiterin der Nahost-Abteilung im israel. Außenamt Zeev Shek, früherer Botschafter Israels in Wien

Yitzhak Patish, derzeitiger Botschafter Israels in Wien

Ammon Lev, Botschaftsrat der israelischen Botschaft in Wien

Teddy Kollek, Bürgermeister von Jerusalem

Dr. Yehoshafat Harkabi, Autor, Professor der Universität Jerusalem und seinerzeitiger Chef des israelischen Nachrichtendienstes

Prof. Jakob Talmon, Prof. für zeitgenössische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem

Dr. Rudolf Kirchschläger, Bundesminister für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Österreich

Dr. Walter Wodak, Botschafter, Generalsekretär im Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Österreich

Dr. Christian Broda, Bundesminister für Justiz der Republik Österreich

Josef Holaubek, ehemaliger Polizeipräsident von Wien

Dr. Hugo Portisch, Journalist und Publizist

Dr. Ernst Ludwig Ehrlich, Dozent für Religionswissenschaften, Basel

Dr. Max Horkheimer, em. Prof. für Philosophie und Soziologie, Frankfurt/Main

Dr. Lennart Geijer, Justizminister von Schweden

I.Kapitel Zur Sache

Terror ist die Verwendung des Herrschaftsinstruments der Einschüchterung durch die Mächtigen, Terrorismus die Nachahmung und Praxis von Terrormethoden durch die (zumindest einstweilen noch) Machtlosen, Verachteten und Verzweifelten, die glauben, auf keine andere Weise als durch Terrorismus ernst und für voll genommen zu werden. Terror und Terrorismus signalisieren und plakatieren, daß jedermann jederzeit immer und überall bedroht ist, unbeschadet seines Ranges, seiner Verdienste und seiner Unschuld: es kann jeden treffen. Die Willkür der Opferauswahl ist kalkuliert, die Unvorhersehbarkeit der Aktionen vorhersehbar, die vermeintliche Ziellosigkeit gezielt und die scheinbare Sinnlosigkeit der wahre Sinn von Terrorhandlungen, die den Schrecken lebensgefährlicher Verunsicherung und dauernd drohender Ungewißheit verbreiten. Terror und Terrorismus sind nicht dasselbe, aber zeigen deutliche Verwandtschaft in ihrer Abhängigkeit von Propaganda und Publizität, in ihrer rücksichtslosen, brutal vereinfachten und vergegenständlichten Gewaltanwendung und vor allem in ihrer betont zur Schau gestellten Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben. Dasselbe Wort Terror bezeichnet die Schreckensherrschaft der Mächtigen, die der Machterhaltung dient, und die punktuelle oder organisierte Schreckenserzeugung der Ohnmächtigen, der Möchtegern- oder noch nicht Mächtigen, die sich gegen die Mächtigen richtet.

Terror und Terrorismus ahmen einander nach und bedingen einander wechselseitig, überschneiden sich und gehen ineinander über; ihnen gemeinsam ist die vorwiegende oder ausschließliche Hinwendung zur vorweggenommenen Wirkung möglichst allgemeiner Verunsicherung, Schreckenserregung und Einschüchterung. Als einzig probates Mittel zur Terrorismusbekämpfung angepriesen und empfohlen, gibt Terror die beruhigende Versicherung, mit allen tatsächlichen oder potentiellen Terroristen, «Volksverrätern» (Nazi-Deutschland), «Konterrevolutionären» (UdSSR), «kommunistischen Revolutionären» (Griechenland, Spanien), «imperialistischen Verbrechern» (Kuba) usw. ein für allemal aufzuräumen. Die Terrorspezialisten wissen – oft aus eigener terroristischer Erfahrung –, wie das bestens zu machen ist. Manchmal, wie etwa beim Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich, wird Terroristenaktivität frei erfunden, um das Terrorregime der Unfreiheit «vernünftig» und «moralisch» zu rechtfertigen. Andererseits hat Terrorismus schon sein erstes Teilziel erreicht, wenn sich die Überzeugung festigt, daß die einzig wirksame Antwort auf Bombenwerfen Bombenwerfen auf die Bombenwerfer ist, verbunden mit der Aufhebung von Freiheitsgarantien und individuellen Rechten. Die Befürwortung des Endes mit Schrecken als kleineres Übel ist der Anfang des Schreckens ohne Ende. Stets rechtfertigt sich die Verwendung terroristischer Gewalt zur psychologischen Wirkung durch die hehren nationalen, sozialen oder religiösen Ziele, die es angeblich auch um des Heils der Terrorisierten willen durchzusetzen gilt. Unter der Devise, es gäbe zur Vermeidung und Bekämpfung des Terrorismus nichts anderes als Terror, beginnt Terror durch Terrorpropaganda, die leidenschaftliche Gefühle mobilisiert und aufputscht. Wäre die terroristische Neigung nicht im menschlichen Aggressionsrepertoire enthalten, wäre Terror, gleich der Unmenschlichkeit, nicht eine menschliche Möglichkeit zur Gestaltung und Organisierung zwischenmenschlicher Beziehungen, hätte sich äußerer Terror, der, verinnerlicht, terroristische Versuchungen und Bedürfnisse hervorbringt und verstärkt, niemals so erschreckend weit verbreiten, so erfolgreich vervielfachen können.

Terror wird ähnlich wie Aggression weithin, sogar universell, beklagt, verdammt und verworfen. Man hat gelernt, durch Etikettenschwindel die eigenen Kontroll- und Einschüchterungsversuche zur Machtfestigung oder zum Widerstand bei einem anderen Namen zu nennen. Gelingt es nicht, Terror als Selbstverteidigung, Pflichterfüllung und Dienst an der heiligen Sache darzustellen, bleibt immer noch übrig, Terrorverwendung in Regierungstechnik und Revolutionstaktik mit der Erklärung zu verklären, daß eben nichts anderes mehr übrigbleibe.

Wie sehr sich die Zwangstaufe von Terror und Notwehr und Notwendigkeit bewährt hat, ist daraus zu ersehen, daß trotz um sich greifender Terrorverwendung eine systematische Untersuchung des Phänomens Terror in seinen Ursprüngen, Erscheinungsformen und Verwandlungen noch aussteht. Parteiische Betrachtung bringt dem Terror der Seite, mit der man sympathisiert, Verständnis entgegen, das letztlich zu Billigung ausartet, während der Terror der anderen Seite, zu deren Ausrottung man auffordert, übertrieben und verteufelt wird.

Andererseits muß der Versuch einer völlig apolitischen, unparteilichen Phänomenologie von Terror zu zynischer Resignation oder zu machiavellistischer Bündnisbereitschaft mit Terror führen. Denn wenn unter Enthaltung jedes Werturteils nur die sehr wirkliche, unbestreitbar wirklichkeitsverändernde Macht von Terror beobachtet und beachtet wird, bleibt keine andere Wahl, als sich mit der durch Terror geformten Wirklichkeit abzufinden oder sich unter dem Motto «Besser Terrorist als Terrorisierter» mit ihr zu alliieren. Impotente Entrüstung allein bleibt Ausdruck eben jener Hilflosigkeit, die, durch Terror und Furcht hervorgebracht, den besten Nährboden für Terror liefert.

Durch technologische Vervollkommnung und durch psychologisches Raffinement haben sowohl terroristische Machtzementierung wie terroristische Machtbedrohung dazu beigetragen, das Erlebnis individueller und kollektiver menschlicher Hilflosigkeit zu betonen und einzugewöhnen, wodurch alle zu Terrorobjekten oder zu potentiellen Terroristen erzogen, vorbereitet und vorprogrammiert werden. Terror benützt nicht nur Technologie und Psychologie, sondern spannt auch noch die modern kulturpessimistische Überzeugung von der durch Terror bewirkten, vom Terror propagierten Ohnmacht des Geistes, der Vernunft und der Moral in seine Dienste ein, um sein modernes Image der Unwiderstehlichkeit zu erwerben. Wenn kritischer Intellekt bereit ist, zugunsten eines ozeanischen Zusammengehörigkeitsgefühls abzudanken, wenn die Frustration der Ohnmacht sich in Allmachtphantasien flüchtet und wenn amoralisches Handeln sich hinter scheinheiligen Rechtfertigungen verbirgt, gedeiht der Terror. Erst jetzt, da Legitimationen für Gewalttaten in jeder gewünschten Ausführung am Fließband der Selbstgerechtigkeit erzeugt werden und reißend Absatz finden, ist unbeschränkte, spontane oder manipulierte terroristische Gewalt sowie deren uneingeschränkte Rechtfertigung zur weltweiten, weltbestimmenden Bedrohung und Gefahr geworden.

Aggression, die sich zur brutalen Durchführung ihrer Ziele auch und vorwiegend psychologischer Mittel (Psychoterror) bedient, erzeugt Terror als seelischen Zustand richtungsloser und auswegloser Furcht, organisiert Terror, um durch Schrecken zu herrschen, und verwendet Terrorismus, um die Herrschenden zu erschrecken. Im Terrorismus drückt sich die Signal- und Plakatfunktion von Aggression in reiner Unkultur aus. Terroristen wollen vor allem Aufsehen erregen und allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und ihre stets heilige, durch ihren Opfermut geheiligte Sache lenken. Mit Gewalt wollen sie durch ihre spektakulären Taten interessant, sichtbar, beachtet und vor allem gefürchtet werden, da sie vermeinen, daß man sie und ihr Anliegen bisher übersehen und nicht zu Kenntnis genommen hat.

Terroristische Akte sind Demonstrationen von Handlungsbereitschaft und Handlungsfähigkeit, die, als Drohung beabsichtigt, Einschüchterung bewirken sollen. Der Öffentlichkeit – womöglich der ganzen Welt – wird angekündigt, daß sie mit einem zu rechnen hat und es sich fortan nicht mehr wird leisten können, die Erfüllung der durch Terrorismus dargestellten und unaufschiebbar angemeldeten (verdinglichten und verdringlichten) Forderungen weiter zu versagen. Auch die Wahnsinnstaten Geistesgestörter und die Verbrechen krimineller Einzelgänger oder Cliquen können wegen der Gefahr von Wiederholung oder Nachahmung in kopierten Anschlußhandlungen terroristische Wirkung ausüben: Noch in Freiheit befindliche Sexualattentäter und Massenmörder, Flugzeugentführer und Geiselerpresser, die alle die Virulenz ansteckender Gewalt erweisen, verbreiten zwar auch Furcht und Schrecken; um «echten» Terror aber handelt es sich erst, wenn Einschüchterung nicht Zufallsfolge, sondern Absicht und Zweck der Übung ist. Terrorismus vernichtet rücksichtslos und skrupellos, läßt sich durch nichts einschränken und begrenzen, macht nicht halt vor der Zerstörung von Gütern, Werten und menschlichem Leben – das der anderen und des eigenen. Doch auch der Einsatz brutalster, roher und nackter Gewalt ist für den Terrorismus nur Mittel zur Furchterregung, Schreckenserzeugung und Einschüchterung. Bedenkenlose Zerstörung soll alarmieren und aufrütteln, um Verbündete zu gewinnen, den Gegner zu provozieren, zu warnen, zu verhöhnen. Ungebrochene Vitalität und die bewegende Macht der eigenen Ansprüche soll durch Todesbereitschaft unter Beweis gestellt werden, um breite und tiefe Publikumswirkung zu erzielen.

Terrorismus in seiner reinen Form wird durch die von ihm einberechneten und vorweggenommenen Effekte bedingt, bestimmt und gerechtfertigt. Terrorismus will und muß um jeden Preis Eindruck schinden; die Wirkung auf die Allgemeinheit ist Ziel und Sinn der terroristischen Unternehmung; demgegenüber ist das Schicksal der willkürlich, nur symbolisch oder gar nicht ausgewählten Opfer gleichgültig, sie sind lediglich Faustpfänder zur Erzielung von Einschüchterung. Wenn es die Umstände verlangen, bringt man sie zwar ohne Zögern um, sobald sie ihre Rolle zur Aufmerksamkeitserregung und Erpressung erfüllt haben, aber bis dahin kann man sich erlauben, mit ihnen nett zu sein; auf diese Opfer kommt es auch gar nicht an, sondern nur darauf, was man durch sie erreichen kann. Die Zielrichtung auf Eindruck und Wirkung macht Terrorismus, der regelmäßig mit moralischer Polarisierung, Eigenidealisierung und Fremdsatanisierung arbeitet, zur eminent dramatischen, ja theatralischen Spielform von Aggression, die Mitleid und Schrecken erregen, Empörung oder Bewunderung auslösen soll. Daher erzielt Terrorismus seine besten Wirkungen nicht nur durch das Beispiel beispielloser Brutalität, sondern durch Pfiff, Schneid und Einfallsreichtum, durch Originalität der Planung und Raffinement der Ausführung. Gesehen, gehört, diskutiert, rezensiert, kommentiert, gefürchtet und durch Furchterweckung geachtet zu werden, ist Motiv, Sinn und Zweck des Terrorismus. Um Publizität zu erlangen, scheuen Terroristen keine Opfer und keine Mühe. Sie bedürfen der Publizität, von der sie leben und um deretwillen sie töten. Daher sind sie von Gelegenheiten, durch Bomben und Schüsse, durch Mord und Brand ins öffentliche Bewußtsein einzudringen, unwiderstehlich angezogen. Sogar die moralischen und politischen Beweggründe, die terroristische Gewaltanwendung «ethisch» rechtfertigen sollen, treten hinter den wirkungsheischenden, publizistischen «ästhetischen» zurück. Unbeschadet der Folgen, Kosten und Opfer rechtfertigt sich das Schauspiel um seiner selbst und seiner Schauwirkung willen. Fiat spectaculum pereat mundus; je aufsehenerregender, desto besser. Die Prominenz der Opfer und das Ausmaß der tatsächlichen oder angedrohten Gefahr erhöhen die Wirkung auf ein sensationslüsternes Publikum, das den Nervenkitzel des realen Dramas kulinarisch genießt und die Vorstellung der terroristischen Akteure, wenn schon nicht mit sympathisierender Anteilnahme, so doch mit faszinierter Empörung honoriert. Noch besser als offene oder heimliche Bewunderung sorgen Abscheu und Entrüstung dafür, daß sich die Kunde von terroristischen Taten und Gefahren möglichst rasch und weit verbreitet.

Durch Umfunktionierung und politisch motivierten Gewalttaten, Wahnsinnsakten und Schauvorstellungen gelingt es einer geschickten Regie, die psychopathischen, kriminellen und rein politischen Komponenten zu entschärfen und durch einfallsreiche Publizität und Propaganda das terroristische Geschehnis als solches zum denkwürdigen, womöglich historischen Ereignis aufzuwerten. Der ganze Terrorakt und jedes seiner Details ist auf Effekt ausgerichtet, gleichgültig, ob Terrorismus von Geisteskrankheit oder von Entschlossenheit zur Weltverbesserung oder von beiden ausgelöst wird, und unbeschadet der meist bedenkenlos eingesetzten Gewaltmittel; wichtig ist nicht, was ist oder was sein soll, sondern was wirkt. Auch völlig irrationale, unsinnige und unverständliche Taten nehmen so ihren Platz in sehr wohlausgeklügelten rationalen Verunsicherungsplänen ein; durch Unvernunft hervorgerufenes Erschrecken läßt sich ebenso bereitwillig manipulieren wie jede andere Einschüchterung und bietet sich zur «vernünftigen» Benützung und Ausnützung für Schreckenserzeugung an.

Mit dem Ruf «Deutschland erwache!» erklärten und rechtfertigten vor fünfzig Jahren die deutschen Nationalsozialisten ihre terroristischen Aktionen, die zeigten, daß die braunen Bataillone, hellwach und zu allem entschlossen, angetreten waren, um die übrige Bevölkerung durch ihren Auftritt aus dem Schlaf der Passivität und Apathie zu erwecken und zur Befreiung zu ermutigen. Der Terrorismus in der Weimarer Republik war Vorgeschmack und Vorbereitung für den Terror des Dritten Reiches.

Mit den Machtmitteln und Institutionen eines Staates können Schreckenserzeugung, Furchterregung und Einschüchterung durchorganisiert und mit entsetzlicher Wirksamkeit als Herrschaftstechnik vervollkommnet werden. Nicht nur Adolf Hitler [1] betrachtete Terror als die wirksamste politische Waffe. Auch alle jene, die sich zur Steuerung menschlichen Verhaltens, zur Erreichung der ihnen wünschenswert dünkenden Ziele vorwiegend oder ausschließlich der Einschüchterung durch Straf- und Katastrophendrohung und durch spektakuläre Gewaltakte bedienen, beabsichtigen Terrorisierung durch Furchterregung und Schreckenserzeugung. Terror verwandelt mehr oder weniger frei entscheidende aktive Subjekte in marionettenhaft gehorchende, reagierende Objekte, die sich tragischerweise sogar durch die erzwungene Wahl des scheinbar kleineren Übels mit ihren Unterdrückern gegen ihre Leidensgenossen verbünden müssen.

Die zur äußersten Geheimhaltung verpflichtete Organisation zur Produktion von Schrecken duldet keine Geheimnisse. Sie achtet weder Diskretion noch Privat- und Intimsphäre, während sie selbst niemandem – außer ihren Auftraggebern – Rechenschaft schuldet. Nichts ist vor ihrem Zugriff sicher, die Öffentlichkeit ist ihr wehrlos ausgeliefert, das Damoklesschwert ungewisser Drohung hängt über jedermann, da auch völlige Unschuld und beweisbares Unbeteiligtsein keinen Schutz gewähren. Terror mit seinem unwiderstehlich wirkungsvollen Image von Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart bringt es zustande, daß sich niemand irgendwo jemals sicher fühlen darf. Herrschende Terrorregimes oder von den Herrschern geduldete Terrorestablishments in einem souveränen Staat mögen durch Ausbildung und Tatbeihilfe, durch moralische Unterstützung und Asylgewährung den Erfolg terroristischer Aktivitäten in einem anderen Land gewährleisten: kommunistische Attentäter tauchen hinter dem Eisernen Vorhang unter; während der österreichischen «Systemzeit» fanden Naziattentäter Unterschlupf und bereitwillige Unterstützung in ihrer deutschen Wahlheimat; die arabischen Terroristen besitzen die ermutigende Gewißheit, daß sie mit oder ohne Geiseln in vielen arabischen Ländern willkommen geheißen und als Helden gefeiert werden. Zur Einschüchterung und als Propaganda wählen die Terroristen am liebsten und am häufigsten die grausam vereinfachte, weithin publizierte Gewalt und Gewaltdrohung, um ihre Ideale durchzusetzen, weil sie, zynisch oder verzweifelt, nicht daran glauben, daß von Menschen entworfene Systeme oder die Menschen selbst veränderungswillig und veränderungsfähig sind, außer durch Gewaltdrohung und Gewaltbeispiel.

Terror der Mächtigen will uns zur Gleichgültigkeit und Resignation, zu Wehrlosigkeit und zu Apathie zwingen. Es soll uns eingeredet, eingebleut, eingebombt und eingeschärft werden, daß wir hilflos und schutzlos sind und uns daher vernünftigerweise mit der terroristischen Wirklichkeit, wie sie eben ist, abfinden, uns mit ihr versöhnen und uns ihr anpassen sollen, wenn wir nicht (zur Strafe für Dummheit und Trotz) vernichtet werden wollen. Der Terror der Schwachen und Verzweifelten soll die Mächtigen alarmieren, erschrecken und verwirren, die Massen zum Widerstand aufrütteln, Signal und Beispiel zur gewalttätigen Abwerfung eines unerträglichen Jochs geben. Die Methoden der Machtbekräftigung durch die Machtbesitzenden und die der Machteroberung durch die Habenichtse der Macht werden notwendigerweise voneinander abweichen. Doch das Ziel, für das die verschiedenen, vorzüglich gewalttätigen Mittel eingesetzt werden, ist immer dasselbe: Beeinflussung und Kontrolle des Handelns, vor allem aber des Denkens und Fühlens der Mitmenschen durch ständige Gewalt- und Todesdrohung, durch extreme Einschüchterung, gezielte Furchterregung und totale Verunsicherung.

Nichts wäre wirklichkeitsfremder, als die wirklichkeitsbestimmende Macht von Gewalt zu bagatellisieren oder zu verkennen. Nichts wäre, auch aus moralischen Gründen, verwerfenswerter, als sich auf eine neutrale Position zurückzuziehen oder sich nur damit zu begnügen, Gewaltanwendung moralisch verwerflich zu finden. Nichts wäre schimpflicher, als die Bestechlichkeit und Feigheit der ohnmächtigen Menschen zu denunzieren, die durch Terror korrumpiert und versklavt wurden. Um Terror, Terrorismus und die terroristische Versuchung wirkungsvoll zu bekämpfen, muß man die terroristischen Phänomene, deren Ursachen, Hintergründe und Wirkungen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit zur Kenntnis bringen und zur Kenntnis nehmen, ohne selbst der terroristischen Einschüchterung zum Opfer zu fallen. Nur dadurch und erst danach wird es möglich sein, dem Terror statt ihn bloß zu beklagen, zu begegnen, sein Entstehen zu verhindern und Terroralternativen zu entwickeln.

II. Kapitel Am Beispiel München

Citius, Altius, Fortius

Am 5. September 1972 stellte der Terrorismus einen neuen Weltrekord auf: noch niemals zuvor war es so wenigen gelungen, so viele durch Schreckenserregung und Furchteinflößung in ihren Bann zu schlagen. Ganz wie im Leben erschien da an den Fernsehschirmen und im Radio, was sich im Leben abspielte: vor den Augen und Ohren der ganzen Welt war die fürchterliche Gewalttätigkeit des Wirklichen in den für spielerisch heitere Wettkämpfe ausgesparten Bezirk menschlicher Verbrüderung eingebrochen; da gab es kein Entrinnen, weder für die unglücklichen Opfer des Terrorismus noch für die mit wachsender Spannung an ihre Apparate gefesselten Zuseher und Zuhörer, die als Motiv, Sinn, Ziel und Publikum des terroristischen Unternehmens die eigentlichen Terrorobjekte sind.

Der Veranstaltung war voller Erfolg beschieden; die Popularität der Sendung überstieg alles bisher Dagewesene – über einen Tag lang stand die ganze Welt, im Schrecken geeint, unter dem Eindruck des Sensationsereignisses.

Das enorme und noch immer steigende Interesse an sportlichen Rekordleistungen drückt beispielhaft die moderne Tendenz der Angstbewältigung aus, ungewiß unterschiedliche Qualitäten, einzigartige und unvergleichliche menschliche Errungenschaften zum Zweck konkurrenzfähiger und daher nicht mehr beängstigender, einfacher Vergleichbarkeit auf das rein Quantitative, mit dem Metermaß oder der Stoppuhr Meßbare, zu reduzieren. Von der Verletzung des geheiligten Gewalttabus bis zum Massaker in Fürstenfeldbruck sagten die Sportberichterstatter, die als politische Kommentatoren einspringen mußten, alle jeweiligen, einander widersprechenden Resultate rapid und präzise durch: im amerikanischen Fernsehen 1017 Minuten Direktübertragung der den anderen Sportarten neu hinzugefügten 22. olympischen Disziplin: Töten im Freistil.

Viermal München

Im Sternbräu zu München, der Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung, begann Adolf Hitler in den zwanziger Jahren seinen aufsehenerregenden Aufstieg. Vor der Feldherrnhalle in München nahm er an einem etwas dilettantischen Putsch teil, dessen klägliches Scheitern dennoch über die Wegstationen Strafverhandlung, Festungshaft, Verfassung von Mein Kampf, oratorische, propagandistische und terroristische Aktivitäten schließlich zur nationalsozialistischen Machtergreifung führte. In München diktierte Hitler 1939, assistiert von Mussolini, dem englischen und dem französischen Ministerpräsidenten die Bedingungen für die Verstümmelung der ČSSR und für den «Frieden in unserer Zeit» (Chamberlain), dem nicht ganz ein Jahr später der Kriegsausbruch folgte. Der Name München ist seither Symbol für den Triumph des Terrors, der durch Gewaltdrohung und Einschüchterung demütigende Unterwerfung erzwingen kann, die gewalttätige Auseinandersetzung nicht verhindert, sondern nur hinausschiebt.

München hat sich inzwischen ohne Verlust seiner unverwechselbaren Eigenständigkeit in eine moderne Metropole verwandelt; an diesem von Assoziationen Schmach belasteten Ort sollte der Welt anläßlich der Olympiade demonstriert werden, daß sich Deutschland äußerlich und innerlich grundsätzlich gewandelt habe. Aus Monster-Sportveranstaltungen Politik gänzlich ausschalten zu wollen, ist ebenso zum Scheitern verurteilt, wie wenn man versuchte, aus Börsengeschäften die Geldgier zu eleminieren. Schon vor Beginn der XX. Olympiade hatte eine scharfe politische Konfrontation mit deutlich rassistischen Ober- und Untertönen die Binsenweisheit bestätigt, daß olympische Wettkämpfe nicht nur frohe, zweckentbundene Spiele um ihrer selbst willen, sondern auch profitables Geschäft, politisch-publizistische Zurschaustellung und vor allem Beteuerung und Bekräftigung der diversen nationalen Selbstwertgefühle sind. Damit hatten sich die Veranstalter abfinden müssen; sie hatten den zu erwartenden nationalistisch getönten und gefärbten Rummel mit Hymnen, Fahnen, Begeisterungsstürmen und allem sonstigen Drum und Dran sogar begrüßt.

Dennoch sollte in München dieser Aspekt am allerwenigsten betont werden: Tanzgruppen statt Militär, Gemütlichkeit statt Pomp, entspannter Schlendrian statt diszipliniertem Marschtritt sollten die Atmosphäre kennzeichnen. Die Errichtung einer friedlichen Schutzzone auf beschränkte Zeit sollte die Wirklichkeit mit sich in tiefstem Unfrieden lebenden, konfliktbeladenen, waffenstarrenden, hemmungslos aggressionsbereiten Welt nicht verleugnen, jedoch in einem möglichen Wirklichkeitsmodell vorführen, wie nationale Konflikte friedlich ausgetragen und die von diesen Konflikten geschürten Leidenschaften ohne Schädigung des Gegners kontrolliert werden könnten. Ebenso weil trotz aller Friedenssehnsucht dieses Modell in der Realität nur so selten und dann nur auf so beschränktem Raum und für kurze Zeit verwirklicht werden kann, knüpfte sich die Hoffnung der ganzen Welt an eine Olympiade, die ganz bewußt nicht mit nationaler Stärke protzen und prunken, sondern vielmehr beweisen wollte, daß unwiderleglich vorhandenen Aggressionsspannungen in zivilisiertem Regelgehorsam gebunden und ungefährlich entladen werden können. Besonders heute, im Zeitalter des oft überschüssigen, unbeherrschten und unbeschränkten Nationalismus, zu dessen ärgsten Auswüchsen die regelmäßige Rechtfertigung von Gewalttaten in seinem Namen gehört, sollte Nationalismus im Wettkampfreglement der Olympiade kanalisiert und kontrolliert und somit modellhaft als kanalisierbar, kontrollierbar, zähmbar und daher nicht notwendig zerstörerisch dargestellt werden.

Die Ironie des Schicksals und die tragisch zutreffend kalkulierende Planung der Terroristen fügten es, daß die beabsichtigte Alternative zur Gewalt die brutalste und krasseste Form von Gewalt ermutigte und herbeiführte. Alle Vorbereitungen in München zielten darauf ab, zu erweisen, daß Organisation den einzelnen, den aktiven Teilnehmer wie den passiven Zuschauer, nicht hemmen und erdrücken müsse, sondern zu spontaner Freude verhelfen könne. Weil München einen Vorgeschmack von und einen Anreiz für geregelte Konfliktaustragungen vorführen sollte, wie es sie heute nicht gibt, aber morgen geben könnte, traf der unvermutete Import mörderischer Gewalttätigkeit eines ungehemmten Nationalismus die olympische Enklave so tragisch unvorbereitet. Durch den ungehinderten Einbruch und Ausbruch von Gewalt wurde das bewußt in Kauf genommene Risiko nachträglich zum sträflichen Leichtsinn gestempelt und die Hoffnung auf Frieden als naive, den Terrorismus begünstigende Illusion und Selbsttäuschung entlarvt. Mit Gewalt zwangen die Terroristen dem hilflos und fassungslos zusehenden Weltpublikum «ihre» Wahrheit auf, daß es in Wirklichkeit nichts gebe außer Gewalt, um die Wirklichkeit zu beeinflussen und zu verändern.

Chronik der Ereignisse

Der Ablauf des Geschehens ist allgemein bekannt: Zwischen vier Uhr und vier Uhr dreißig früh überkletterten acht arabische Terroristen in Olympia-Trainigsanzügen, mit Waffentaschen, die als Sportgerätebehälter getarnt waren, in zwei Gruppen den Zaun des olympischen Dorfes.

Etwas vor fünf Uhr läuteten sie an der Eingangstür des israelischen Quartiers. Ringertrainer Moshe Weinberg öffnete in der Meinung, es handle sich um spät heimkehrende Kameraden, die Tür, sah Maschinenpistolen auf sich gerichtet, schlug die Tür zu und stemmte sich von innen dagegen; er wurde durch die Tür erschossen, ein anderer israelischer Sportler tödlich verletzt, die Terroristen drangen ein. Fünf Israelis fanden Gelegenheit, sich durch Notausgänge in Sicherheit zu bringen, die übrigen neun wurden gefesselt, in einen Raum zusammengetrieben und von schwerbewaffneten Terroristen bewacht.

Um 5.03 Uhr verständigte ein Ordnungsmann, der die Schießerei gehört hatte, die Polizei. Ein anwesender Kriminalbeamter lief sofort in die angegebene Richtung, sah aus dem israelischen Quartier bereits einige Maschinenpistolen auf sich gerichtet und einen Toten vor der Tür liegen. (Moshe Weinbergs Leiche war inzwischen als Zeichen, «daß es ernst sei», von den Arabern hinausgetragen worden.)

Polizeipräsident Dr. Schreiber hatte kurz vor 5.30 Uhr den Zettel erhalten, welchen die Terroristen dem Kriminalbeamten zugeworfen hatten: das mit drei Stunden befristete Ultimatum, Israel müsse zweihundert namentlich genannte Gefangene ausliefern oder die israelischen Geiseln würden erschossen. Doktor Schreiber begab sich daraufhin sofort zum israelischen Quartier: die Eingangstür im Erdgeschoß, ein Fenster im ersten Stock und beide Balkons im zweiten Stock waren von Terroristen mit schußbereiten Maschinenpistolen besetzt, die nicht nur ihren Unterhändler (einen kleinen, mageren, schwächlich aussehenden Mann), sondern auch das ganze Areal an der Vorderfront abgesichert hatten.

Um 5.30 Uhr war die Umgebung des Quartiers bereits von starken Polizeikordons abgeriegelt; Hubschrauber kreisten im Tiefflug über dem Areal; in einem improvisierten «Hauptquartier» tagte der Krisenstab, räumlich getrennt, aber in ständiger Verbindung mit dem Polizeiführungsstab.

Die ersten Verhandlungen zielten auf Zeitgewinn durch Fristverlängerung ab; man hoffte, die Araber entweder überreden, mit Lösegeld bestechen oder zumindest ihre Zahl (man vermutete fünf, die Terroristen behaupten 25) und die Möglichkeiten zu ihrer Überwältigung auskundschaften zu können.

Ab 8.50 Uhr war das Fernsehen «auf Sendung».

Um 10.30 Uhr beschloß die israelische Regierung offiziell, die geforderten Gefangenen nicht auszuliefern.

Um 11.15 Uhr wurde die Presse über die Lage und über die neue Forderung der Terroristen, mit den Geiseln in ein arabisches Land ausfliegen zu wollen, informiert.

Um 11.30 Uhr entschied die deutsche Regierung, ein Ausfliegen der Terroristen unter keinen Umständen zuzulassen. Kurz nach Mittag scheiterte der Versuch der Polizei, als Essensträger verkleidete Polizisten in das Quartier einzuschleusen (man hatte übermäßig viele Speisen für Geiseln und Attentäter vorbereitet, um die Zahl der Essensträger plausibel zu machen): sie durften die Verpflegung nur vor der Tür abstellen.

Um 14 Uhr wurde Dr. Schreiber vom Bundesinnenminister Genscher und dem bayerischen Innenminister Dr. Merk als Verhandler abgelöst. Knapp vorher hatte das Deutsche Fernsehen die Unterbrechung der Berichterstattung damit begründet, daß man den Terroristen keine Möglichkeit geben dürfe, sich über geplante Gegenmaßnahmen via Rundfunk und TV zu informieren.

Um 17 Uhr gestatteten die Terroristen einem Israeli, durch das Fenster mit den Deutschen zu sprechen. (Er bat, die Forderungen zu erfüllen, und antwortete nur zögernd auf die Frage, ob alle Geiseln wohlauf seien.)

Wenig später durfte Innenminister Genscher das israelische Quartier besuchen.

Um 20 Uhr ging man scheinbar auf die Forderungen der Terroristen auf Abflug ein; stundenlang vorher waren als Sportler getarnte, schwerbewaffnete Polizisten in Panzerwesten in der nächsten Umgebung des Quartiers und im Basement des Hauses verteilt worden, um dort eine Überrumpelung der Attentäter herbeizuführen. Immer neue Forderungen in bezug auf die Abzugs- und Transportmodalitäten verhinderten auch diesen Versuch und verzögerten den Abflug der Hubschrauber um mehr als zwei Stunden.

Um 22.22 Uhr starteten sie vom Olympiadorf, um 22.35 Uhr landeten sie auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck, wo eine Lufthansa-Maschine mit laufendem Motor, aber ohne Besatzung, stand, die von zwei Arabern besichtigt wurde.

Zwischen 22.40 Uhr und 22.45 Uhr erfolgte, als zwei Terroristen von der Flugzeuginspektion zum Hubschrauber zurückkehrten, heftigster Schußwechsel, dann herrschte Waffenruhe.

Um 23 Uhr wurden die restlichen Terroristen über Lautsprecher zur Aufgabe aufgefordert, worauf keine sichtbare oder hörbare Reaktion erfolgte.

Um 23.55 Uhr erging der Befehl, die Verletzten zu bergen und Widerstand leistende Terroristen auszuschalten.

Um 0.04 Uhr wurde die Tür eines Hubschraubers aufgerissen; ein Araber sprang heraus und brachte den Hubschrauber mit einer Handgranate zur Explosion. Ein Löschzug wurde von den Terroristen bei dem Versuch beschossen, den Hubschrauber (und seine Insassen) zu retten. Bei neuerlich einsetzendem Polizeifeuer wurden auch Schüsse aus der Richtung des zweiten Hubschraubers gehört. Drei Araber, die zu entkommen versuchten, wurden überwältigt.

Ab 0.15 Uhr wurde das ganze Gelände systematisch nach weiteren Überlebenden abgesucht.

Um 0.32 Uhr fiel der letzte Schuß.

Um 2 Uhr morgens begannen die kriminalistischen Untersuchungen der Vorfälle.

Um 6 Uhr morgens wurde offiziell gemeldet, daß alle neun Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizeibeamter bei der Aktion in Fürstenfeldbruck getötet worden seien.

Kurz nach Mitternacht hatte der offizielle Sprecher der deutschen Bundesregierung, Konrad Ahlers, verkündet: «Man kann wohl sagen, diese Operation ist glücklich und gut verlaufen.» Minuten später meldeten die Agenturen, was der Chefredakteur des ZDF, Woller, behauptet und Ahlers nicht dementiert hatte: «Alle Geiseln sind am Leben.» Der bayerische Ministerpräsident Goppel und der deutsche Bundeskanzler Brandt hatten allerdings schon vor Mitternacht erfahren, daß «fünf Attentäter und ein Polizist tot seien, drei Israelis getötet, die übrigen Geiseln noch in der Maschine». «Das klingt jetzt aber ganz anders», meinte Brandt, der einige Minuten später den Bericht des bayerischen Innenministers erhielt: «Es ist doch nicht so schön, wie wir geglaubt hatten. Eben ist ein Hubschrauber in die Luft geflogen, da sind noch Geiseln drin.»

Alles gerettet – alles verloren?

Wie es zu der unbegründeten, siegverkündenden Erfolgsmeldung des Regierungssprechers hat kommen können, ist bis heute ungeklärt. Wahrscheinlich hatte ein in der Nähe des Flugplatzes wohnender Mann der Hilfskräfte des olympischen Organisationskomitees die Verwirrung verursacht; den Flugplatzbeamten vermutlich bekannt und außerdem im Olympiadress, war ihm das Passieren einiger Sperren erlaubt worden, so daß er sich als Augenzeuge ausgeben konnte. Er oder auch einer der Polizisten auf dem Tower konnten die nach dem ersten Feuerstoß im Dunkel geflüchteten Hubschrauberpiloten für israelische Geiseln gehalten und aus Wichtigmacherei die Information «es ist eh nix passiert» gesprächsweise weitergegeben haben. Jedenfalls verbreitete sich das Gerücht vom günstigen Ausgang wie ein Lauffeuer in der Stadt; offizielle Stellen fragten zurück und erhielten von ihren Informationsquellen die Bestätigung derselben Version, die nach all den Stunden verzweifelten Hoffens und zähneknirschender Hilflosigkeit ein Happy-End verhieß, dessen Verkündung man der Welt nicht länger vorenthalten wollte. Die Euphorie dauerte jedoch nur kurze Zeit – bis sich die Nachricht als Trug erwies und der volle Umfang der Tragödie mit der Bilanz von siebzehn Todesopfern bekanntgegeben wurde.

Wieder einmal hatte das Bedürfnis die «Notwendigkeit», der Wunsch die «Tatsache» geboren.

«Alles gerettet!» meldete gehorsamst der Polizeirat Landsteiner dem an die Unglücksstelle geeilten Erzherzog Albrecht beim Ringtheater-Brand vom 8. Dezember 1881 in Wien. Die Feuerwehr zog daraufhin einen Sperring um die Brandstätte und verhinderte so weitere Rettungsaktionen. Mehr als 300 Menschen, von denen viele trotz des Brandes hätten gerettet werden können, falls man sie nicht schon in Sicherheit geglaubt hätte, kamen ums Leben; die Verantwortlichen bestritten ihre Schuld, dennoch wurden einige von ihnen bestraft. Kaiser Franz Joseph ordnete zur Erinnerung an das schreckliche Ereignis die Errichtung eines «Sühnhauses» an (dessen Zinsertrag den Angehörigen der Opfer zugute kam).

Diese Episode gilt als tragisches Beispiel für die lebensgefährlich diensteifrige Bereitschaft, Menschenleben zu opfern, um nur der Obrigkeit und der Öffentlichkeit eilig melden zu können, daß erstens ohnehin alles in Ordnung sei, zweitens alles nur mögliche unternommen worden wäre und drittens, daß, was immer man getan hätte, sich am Ausgang nichts geändert haben würde.

Zum Unterschied vom Ringtheater-Brand hätte sich an den Münchner Ereignissen tatsächlich nichts geändert, wenn deren tragischer Ausgang ohne vorhergehende Erfolgsmeldung bekannt geworden wäre. Jedenfalls trennt aber nur ein winziger Abstand die frohe Botschaft «Alles gerettet» von der Schreckensnachricht «Alles tot»; den deutschen Regierungsmitgliedern ist nachzuempfinden, daß das beschämte Dementi und die Mitteilung, daß alle in Sicherheit gewähnten Geiseln umgekommen sind, die schwerste und traurigste Aufgabe ihres Lebens gewesen ist.

Offizielle Äußerungen, die das eigene Verhalten rechtfertigen, sollen in einer freien Gesellschaft zur genauen Nachprüfung und Kritik herausfordern, besonders wenn die autoritätsgestützten Berichte die aufgeregte Bevölkerung vom Terrorschock heilen, sie beruhigen, trösten und ihr versichern wollen, daß ohnehin alles nur Menschenmögliche getan wurde (siehe zum Beispiel Warren-Bericht nach dem Kennedy-Mord, Weißbücher usw.). Schon in die Beschreibung der tatsächlichen Ereignisse mischen sich die Rechtfertigungsversuche; aus den sofort entstehenden und phantastisch ausgeschmückten Mythen, welche eigene Aggression als notwendige, ja unvermeidliche Verteidigung legitimieren, bilden sich bald individuelle Legenden und nationale Traditionen.

Erklärung des Polizeipräsidenten

Sofort und immer wieder stand Münchens Polizeipräsident und Sicherheitsbeauftragter für die Olympischen Spiele 1972, Dr. Manfred Schreiber, der volle Verantwortung für alle Vorbereitungen und Verkehrungen übernehmen mußte, im Kreuzfeuer der Kritik.

Den Vertretern der harten Linie, die einen Polizeieinsatz als um so besser erachten, je militärähnlicher er sich – ohne modernistischen, besonders psychologischen Firlefanz – vollzieht, war der aufgeschlossene, wissenschaftlich interessierte und tätige Erfinder der «Münchner Linie» schon seit langem ein Dorn im Auge. Der frühere Kriminaldirektor Dr. Schreiber hatte nach den teilweise durch die plumpe Unbeholfenheit und brutale Phantasielosigkeit der Münchner Polizei provozierten und verstärkten Schwabinger Studentenunruhen im Jahre 1963 sein Amt angetreten. Als Vertreter einer «weichen Welle» hatte er versucht, seine Leute mit dem neuen Geist moderner Polizeiwissenschaft vertraut zu machen; er hatte Originelles probiert und mit neuartigen Methoden experimentiert. Als erster in Deutschland hatte er seinem Polizeistab eine psychologische Abteilung eingegliedert und trotz aller Widerstände in den eigenen Reihen auf Ausbildung und Verwendung von «Psycho-Bullen» (Polizisten, die auch mit den Grundsätzen moderner Psychologie vertraut sind) bestanden.

«Da sieht man wieder, wohin das führt …» hörte man nun häufig wieder von Befürwortern des traditionell-autoritären Kurses, der «nicht im Schwadronieren, sondern im Draufhauen und Nachsetzen» die Hauptaufgabe der Polizei sieht. Schließlich sei der Polizist nicht «Mitglied einer karitativen Organisation, Absolvent einer Sozialakademie oder einer kirchlichen Hochschule» (Minister Weyer, Nordrhein-Westfalen). Modernistische Phrasen hätten die Polizei verstimmt, verwirrt und verunsichert. Die deutsche Regierung habe durch Nachgeben auf frühere Erpressungsversuche – besonders durch eine präzedenzlose Zahlung von fünf Millionen Dollar an arabische Flugzeugentführer – dem internationalen Terrorismus in Deutschland Tür und Tor geöffnet; die deutsche Polizei habe durch ihre anfängliche Milde und spätere Unfähigkeit gegenüber radikalen Revolutionären (besonders der Baader-Meinhof-Bande) entschlossenen Kleingruppen einen Freibrief, wenn nicht eine Einladung ausgestellt. Vielfach wird sogar ausgesprochen, was sonst nur als Unterton mitschwingt: «Beim Hitler wäre das nicht möglich gewesen …»

Den Liberalen war Dr. Schreiber nicht oder nicht mehr liberal genug: schon beim Banküberfall in der Prinzregentenstraße habe er seine Befehlsautorität zu willig dem reaktionären Oberstaatsanwalt eingeräumt, was auch dort, ähnlich wie in Fürstenfeldbruck, zum Schießbefehl, zum Versagen der Scharfschützen und zum Geiseltod geführt habe. Der «Kugel-Schreiber» sei offenbar auf die Linie von Franz-Josef Strauß eingeschwenkt, dem übrigens ungehöriger- oder zumindest unnötigerweise zusammen mit dem israelischen Sicherheitschef im dritten Hubschrauber, der den Krisenstab zum Flugplatz brachte, ein Platz eingeräumt worden wäre. (Tatsächlich hatte sich der Bundestagsabgeordnete und Chef der CSU, Franz-Josef Strauß, ebenso wie unzählige andere Bundestags- und Landtagsabgeordnete, Honoratioren, Offizielle und Adabeis nach Bekanntwerden des Anschlags im Olympiadorf eingefunden und war von Bundesinnenminister Genscher in seiner Eigenschaft als bayerischer Oppositionsführer aufgefordert worden, den Krisenstab zu begleiten. Vermutlich hatte diese Aufforderung dazu beigetragen, daß nachher die schon geplante und begonnene innenpolitische Auseinandersetzung über die Münchner Ereignisse in ihren Anfängen steckenblieb.) Franz-Josef Strauß hatte die Schießerei in der Prinzregentenstraße beifällig kommentiert («Da hat’s pascht»); in Fürstenfeldbruck war er bestürzt, nicht daß die Polizei geschossen hatte, sondern daß sie so schlecht geschossen hatte.

Über den beruflichen und zivilen Mut des von allen Seiten angegriffenen Polizeipräsidenten kann kein Zweifel bestehen. Wie es seine Pflicht war, hatte er für die ihm vorgeworfene Vernachlässigung angemessener Sicherheitsmaßnahmen wie für die Durchführung der Polizeiaktionen die volle Verantwortung zu übernehmen. Keine dienstliche Verordnung schrieb ihm jedoch vor – ebenso wie Bundesminister Genscher –, während dieses dramatischen Tages sein Leben unzählige Male gewagt aufs Spiel zu setzen, sich wiederholt schutzlos den arabischen Attentätern auszuliefern und sich freiwillig als Ersatzgeisel anzubieten.

Dr. Schreiber bedachte sogar die Möglichkeit, den arabischen Unterhändler bei der ersten Besprechung zu überwältigen und zur Geisel zu machen. Vielleicht hatte er einen Augenblick zu lange überlegt; denn der weißbehutete Araber mit rußgeschwärztem Gesicht und Sonnenbrille hatte ihn durchschaut. «Entweder Sie wollen mich beschreiben für die spätere Festnahme, oder Sie wollen mich angreifen», sagte er lächelnd in fließendem, wenn auch nicht akzentfreiem Deutsch und wies drohend auf die abzugsbereit gehaltene Granate in seiner bis dahin hinter dem Rücken verborgenen Hand hin: seine Kameraden und er seien zum Tode entschlossen; er wisse, daß er wahrscheinlich noch heute für Palästina sterben müsse; aber im Falle irgendeiner Gewaltanwendung würden natürlich auch die Geiseln sofort erschossen. Es spiele ihm und seinen Kameraden keine Rolle, ob sie hier untergehen oder zu Hause wegen Befehlsverweigerung hingerichtet würden. «Wir sind Soldaten und gewohnt, uns zu opfern.»

Die taktischen Manöver des Polizeipräsidenten waren immer durch Entscheidungen höheren Orts, denen er zwar zustimmte, denen er aber auch hätte gehorchen müssen, falls er anderer Meinung gewesen wäre, von vornherein ungemein eingeschränkt. Für Dr. Schreiber waren die israelischen Geiseln in dem Augenblick praktisch (99 Prozent) tot, als die israelische Regierung jede Verhandlung mit den Terroristen und schon gar eine Herausgabe der von ihr in Gewahrsam gehaltenen Gesinnungsfreunde der Freischärler verweigerte. Nach der israelischen Ankündigung, sich unter keinen Umständen auf Geiseltausch einzulassen, und nach dem Beschluß der deutschen Bundesregierung, die Ausreise der Attentäter mit den Geiseln zu verhindern, war der Entscheidungsspielraum so eingeschränkt, daß nicht viel anderes übrigblieb, als immer wieder weiteren Aufschub der ultimativen Fristen zu erreichen und darauf zu warten, ob und wann die Attentäter irgendeinen Fehler begingen, der aussichtsreiches polizeiliches Eingreifen ermöglichte.

Bis zum Ende hatten die Freischärler mit Schläue und Raffinement alle polizeilichen Pläne vereitelt; sie hatten die Absicht gemerkt, ihren verhandelnden Anführer zur Geisel zu machen; sie hatten die Auskundschaftung des Terrains bei der Essensübergabe durch verkleidete Beamte verhindert; sie hatten systematisch die Bergsteiger-Technik (immer ein Attentäter mit zwei Geiseln oder zwei Attentäter mit einer Geisel) angewendet, den Fußmarsch durch das heimlich von Polizeibeamten besetzte Basement des Israeli-Hauses abgelehnt und durch die Forderung des plötzlichen Austausches des Autobusses sowohl Vorsicht wie Energie bewiesen. Vor allem durchschauten sie jedoch die Anwendung behördlicher Ermüdungs- und Zermürbungsstrategie, deren sich die Araber ständig bewußt waren.

Die herbeigewünschte Blöße gaben sich die Attentäter aus Erschöpfung und Nervosität erst in Fürstenfeldbruck; vom Attentäter-Standpunkt aus gesehen war es ein Fehler, sich gehorsam an einer hundert Meter von der Lufthansa-Maschine entfernten Stelle einweisen zu lassen, statt mit den Hubschraubern ganz nahe heranzufliegen. Nach dem Aussteigen exponierten sich zum erstenmal vier arabische Terroristen gleichzeitig; bisher waren es höchstens immer nur einer oder zwei gewesen, die sich im Schußfeld befanden; die beiden Araber, die nach Inspektion des Flugzeugs erkannt haben mußten, daß sie in eine Falle gegangen waren, versuchten ohne Verständigung der anderen, ruhigen Schrittes zu ihren zwei ebenfalls exponierten Kameraden zurückzukehren, was der Polizei Gelegenheit zur Feuereröffnung gab.

Daß die durch den Schild ihrer Geiseln geschützten Araber in den Hubschraubern nach Unschädlichmachung ihrer Kameraden die Geiseln nicht niederschießen würden, war eine verzweifelte Hoffnung, aber immerhin eine Hoffnung in einer ansonsten ausweglosen Situation. Gar so absurd war diese Erwartung nicht, denn drei arabische Terroristen hatten sich später nach der Schießerei ins Dunkel abzusetzen und zu entkommen versucht: sie wurden angstschlotternd in einem Zustand von äußerstem Schock und größter Panik festgenommen; «die feigen Hund’», kommentierte ein bayerischer Ortspolizist, «bibbert und zittert ham s’». Es wäre denkbar gewesen, daß bei einigem Glück zum Beispiel alle diese Araber als Restbesatzung eines Hubschraubers die Flucht ergriffen hätten und damit das Leben wenigstens einiger Geiseln geschont worden wäre. Jedenfalls mußte angenommen werden, daß die Araber, nachdem sie ein leeres Flugzeug vorgefunden hatten, einen Hinterhalt vermuten und das oft angekündigte Massaker beginnen würden. Die letzte Möglichkeit zu polizeilichem Eingreifen war gekommen. Offensichtlich konnte nicht geduldet werden, so betont Dr. Schreiber, daß in Anwesenheit Hunderter bewaffneter Sicherheitsbeamter eine partielle oder totale Geiselhinschlachtung erlaubt würde, während die Polizei tatenlos zusah. Der Militärflughafen Fürstenfeldbruck sei aus Sicherheitsgründen statt des Verkehrsflughafens München-Riem von der Polizei ausgewählt worden; außerdem gaben die dortigen Verhältnisse bessere Möglichkeiten für die Auswahl von guten Schußpositionen, auch konnte eine Gefährdung von Außenstehenden weitgehend ausgeschlossen werden.

Allerdings durften die Behörden sich nicht darauf verlassen, daß die Attentäter nicht während des Hubschrauberfluges die Piloten zwingen würden, auf einem anderen Flughafen zu landen, so daß vorsorglich an anderen Orten (Flughafen Riem und Olympiadorf, falls die Terroristen eine Rückkehr dorthin verlangten) gleichzeitige Einsätze vorbereitet werden mußten. Eine Chartermaschine der Lufthansa war zum Einsatz abkommandiert worden; ausländische Gesellschaften, die nicht deutscher Befehlsgewalt unterstanden, hatten die Verwendung ihrer Flugzeuge verweigert. (Auch der Einsatz von Bundeswehrfliegern oder Bundeswehrflugzeugen war nach rechtlichen Grundsätzen nicht möglich, weil die Bundeswehr nur zur Verteidigung militärischer Angriffe eingesetzt werden darf und die Soldaten Aufträge nur im Zusammenhang mit Handlungen auszuführen haben, die ihren Soldateneid und damit den Verteidigungsauftrag beinhalten.) Doch zivile Lufthansa-Piloten konnten gegen ihren Willen nicht gezwungen werden, sich als zusätzliche Geiseln zur Verfügung zu stellen. Auch den verkleideten Polizeibeamten, die vorerst den Platz der zivilen Piloten einnahmen, schien der Einsatz gegen die mit Handgranaten und Maschinenpistolen bewaffneten Araber als Todeskommando. Um sinnlose Gefährdung weiterer Menschenleben zu verhindern, wurden sie schließlich zurückgezogen; bei laufenden Motoren blieb die Maschine unbemannt.