Mediensoziologie - Elke Wagner - E-Book

Mediensoziologie E-Book

Elke Wagner

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Beschreibung

Was ist eigentlich ein "Medium"? Welche Bedeutung haben Medien für soziale Ordnung? Und wie verändern sich soziale Praktiken, wenn sich ein neues Medium verbreitet? Anhand von Anwendungsfällen wie Individualität, Öffentlichkeit, Privatheit und Tourismus überführt Elke Wagner die Ansätze der Medientheorie in soziologisch-empirische Fragestellungen.

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Seitenzahl: 211

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[2][3]Elke Wagner

Mediensoziologie

UVK Verlagsgesellschaft mbH ⋅ Konstanz mit UVK/Lucius ⋅ München

[4]Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014 Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart Einbandmotiv: Gabi Blum, Mainz Lektorat: Marit Borcherding, München Satz und Layout: Claudia Wild, Konstanz Druck: fgb ⋅ freiburger graphische betriebe, Freiburg

UVK Verlagsgesellschaft mbH Schützenstr. 24 ⋅ D-78462 Konstanz Tel.: 07531-9053-0 ⋅ Fax 07531-9053-98www.uvk.de UTB-Band Nr. 4224

ISBN 978-3-8463-4224-4

[5]Inhaltsverzeichnis

I.

Einleitung

1.

Medien als soziologischer Forschungsgegenstand

2.

Aufbau des Buches

A.

Medientheorien

I.

Wozu Mediensoziologie?

1.

Prägen Medien soziale Praktiken?

2.

Harold A. Innis: Medientheorie der Kulturwissenschaft

2.1

Kritik der mechanisierten Kommunikation

2.2

Unterschiedliche Qualitäten von Medien

3.

Medien und Gesellschaft

4.

Der Arabische Frühling: eine Facebook-Revolution?

II.

Marshall McLuhan und Friedrich Kittler: Ein starker Medienbegriff:

1.

Marshall McLuhan: Das Medium ist die Botschaft

1.1

Heiße und kalte Medien

1.2

Medien als Verlängerungen menschlicher Organe

1.3

Geneaologie der Medien

2.

Friedrich Kittler: Medien bestimmen unsere Lage

2.1

Aufschreibesysteme

2.2

Technische Medien

III.

Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Pierre Bourdieu: Kritische Mediensoziologie

1.

Dialektik der Aufklärung

2.

Kulturindustrie: Aufklärung als Massenbetrug

3.

Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen

[6]IV.

Cultural Studies: Medieninterpretation als politische Praxis

1.

Kultur als politischer Bedeutungszusammenhang

2.

Alltags- und Populärkultur

2.1

Encoding und Decoding

2.2

Das Beispiel Madonna

2.3

Medienrezeption als Emanzipation?

V.

Sybille Krämer, Gabriel Tarde, Bruno Latour: Unsichtbare Medien?

1.

Sybille Krämer: Medien als (unsichtbare) Boten

2.

Gabriel Tarde: Medialität als schlafwandlerische Nachahmung

3.

Bruno Latour: Medialität als Black Box

VI.

Niklas Luhmann: Ein breiter Medienbegriff

1.

Medium und Form

2.

Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

3.

Verbreitungsmedien

4.

Sozialer Wandel durch Medien?

B.

Praktische Mediensoziologie

I.

Ein unvermitteltes Selbst?

1.

George Herbert Mead: Sprachlich vermittelte Identität

2.

Jürgen Habermas: Entstehung bürgerlicher Identität durch die Briefkultur

II.

Authentische Gefühle?

1.

Niklas Luhmann: Roman und romantische Liebe

2.

Eva Illouz: Verlust der romantischen Liebe im Internet

[7]III.

Medialitiät des Öffentlichen

1.

Medial vermittelter Strukturwandel des Öffentlichen

2.

Öffentlichkeit und Privatheit als spezifische Praxis

IV.

Populärkultur: Ein Einheitsbrei?

1.

Soziologische Lesarten des Populären

2.

Die universale Zitierbarkeit

V.

Weltgesellschaft: ein mediales Produkt?

1.

Weltereignisse und Massenmedien

2.

Tourismus: Globalisierte Bildpraktiken

Literaturverzeichnis

Indexverzeichnis

[8][9]I.

Einleitung

Medien spielen in der Soziologie zwar eine wichtige und prominente Rolle – einen einheitlichen Kanon zur Mediensoziologie muss man indes (noch) suchen. Dies liegt sicherlich mit daran, dass es bislang nur wenige Lehrbereiche innerhalb der Soziologie gibt, die sich ausdrücklich dem Thema Medien verschrieben haben. Dafür waren bisher die Kommunikationswissenschaften, die Literaturwissenschaften oder die Medienphilosophie zuständig. Erst seit jüngerer Zeit ändert sich die Forschungslandschaft und es gibt immer mehr Lehrbereiche, die dezidiert zur Mediensoziologie forschen. Dabei hat die Soziologie zum Thema Medien einiges zu bieten. Das vorliegende Buch möchte auf den folgenden Seiten verschiedene dieser Beiträge vorstellen.

1.

Medien als soziologischer Forschungsgegenstand

In soziologischen Gesellschaftstheorien können Medien auf unterschiedlichen Ebenen vorkommen. Einerseits spielen sie im Gegenstandsbereich von Theorien innerhalb der Soziologie oftmals eine wichtige Rolle. Sei es nun das Fernsehen (Adorno 1963; Postman 1985), die Fotografie (Bourdieu 2006), das Geld (Simmel 1989), das Pressewesen (Habermas 1962/1990), die Werbung (Illouz 2007) oder das Internet (Castells 2001) – immer wieder werden Medien im Rahmen soziologischer Studien als prominentes Thema verhandelt. Gleichzeitig tauchen Medien auch auf der Theorieebene von Gesellschaftstheorien auf, wo sie eine Rolle für die theoretische Beschreibung von Gesellschaften spielen. Zu nennen wäre hier etwa die von Jürgen Habermas (1981) entwickelte Theorie des kommunikativen Handelns. Für Habermas sind es besonders die Sprache und ihre medientheoretischen Implikationen, die eine zentrale Rolle in der Praxis moderner Gesellschaften einnehmen. Über die kommunikative Rationalität der Sprache sind lebensweltliche Bereiche des Sozialen vermittelt, so Habermas. Aber auch andere Gesellschaftstheorien beinhalten medientheoretische Implikationen. So hat etwa Niklas Luhmann im Rahmen seiner Systemtheorie eine umfassende Medientheorie vorgelegt (Luhmann 1997). Die Luhmann’sche Systemtheorie lässt sich deshalb durchaus als eigenständige Medientheorie lesen. Diese wenigen Hinweise mögen als Beispiel dafür genügen, dass Medien für die Soziologie von entscheidender Bedeutung sind.

[10]Tatsächlich aber liegen nur wenige Werke vor, die einen systematischen Rundgang durch mediensoziologische Arbeiten unternehmen (siehe etwa Jäckel 2005, sowie Ziemann 2006). Die meisten prominenten medientheoretischen Arbeiten sind in der Medienphilosophie und in der kulturwissenschaftlichen Medienforschung verortet. So stammt auch der bekannteste medientheoretische Satz von einem Literaturwissenschaftler: Marshall McLuhans Diktum, dass das Medium die Botschaft ist und nicht deren Inhalt (»The Medium is the Message«; McLuhan 1964), gilt nach wie vor als Begründungssatz der Medientheorie. Aber nicht nur dies: Mit diesem einem Slogan ähnlichen Satz wurde zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass Medien als zentraler Gegenstand innerhalb moderner Gesellschaften anzusehen sind. Marshall McLuhan erregte mit seiner These auch außerhalb der Wissenschaft Aufmerksamkeit.

Durch die neueren Entwicklungen im Medienbereich ist der Satz von Marshall McLuhan mehr als bestätigt worden. Medien spielen in der zeitgenössischen Gesellschaft eine zentrale Rolle, ablesbar an den aktuellen Diskussionen im Feuilleton. Tag für Tag steht darin etwas über das veränderte Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit, das durch den Einsatz neuer Medien hervorgerufen werden sein soll (Post-privacy-Debatte), über die neuen Möglichkeiten der Geheimdienste, unsere privaten Daten abzuhören (NSA-Debatte) oder über die neue Möglichkeit von Firmen, auf unsere Kundendaten zurückgreifen zu können (Big Data-Debatte). Die Diskussionen um die Offenlegungspraktiken durch den früheren Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden oder den WikiLeaks-Gründer Julian Assange offenbaren, wie dramatisch sich bisher etablierte Formen von Öffentlichkeit durch den Einsatz neuerer Medien wandeln bzw. schon gewandelt haben. Wir stecken also mitten drin in einem sozialen Wandel, der durch neuere Medien zumindest unterstützt, wenn nicht sogar durch sie beschleunigt wird. Umso mehr lohnt es sich aus soziologischer Sicht, Medien als Forschungsgegenstand auszuwählen und sich damit auseinanderzusetzen.

2.

Aufbau des Buches

Wie bereits dargestellt, speist sich eine Mediensoziologie einerseits aus eigenständigen, dezidiert soziologischen Beiträgen zum Thema Medien. Medien als Forschungsgegenstand sind aber auch ein klassisches Schnittmengenthema, auf das sich unterschiedliche Forschungstraditionen richten. Zu nennen sind hier insbesondere die Literaturwissenschaften, die Kulturwissenschaften, die Medienphilosophie und die Kommunikationswissenschaften. Diese Einführung bedient sich einiger Einsichten aus der Kulturwissenschaft und der Medienphilosophie, weil dort erstmals der Forschungsgegenstand der Medien [11]konstituiert wurde. Innerhalb der Kulturwissenschaften wurde erstmalig postuliert, dass es die Medien der Gesellschaft sind, denen besondere Aufmerksamkeit zuteil werden muss, wenn es um Forschungsfragen geht. Die vorliegende Einführung stellt Bezüge zu medientheoretischen Erkenntnissen der Kulturwissenschaften und der Medienphilosophie her, versucht aber auch, den eigenständigen Wert von soziologischen Beschreibungen zur Medientheorie herauszuarbeiten. Zudem basiert dieses Buch auf der Annahme, dass eine Mediensoziologie auf unterschiedlichen Ebenen auf den Forschungsgegenstand Medien stößt. Beschäftigt man sich soziologisch mit dem Thema, so stellt man schnell fest, dass unterschiedlichste Gegenstände als Medien auftreten können. Es sind also nicht nur die Massenmedien, auf die sich der Blick der Forschenden richtet. Es zeigen sich vielmehr unterschiedlichste Phänomene, die als Medien eine Rolle spielen können. Aus der Sicht von Marshall McLuhan etwa kann all das als Medium verhandelt werden, was zur Verlängerung der menschlichen Sinnesorgane dient (»extensions of men«). Niklas Luhmann schlägt wiederum einen dreistelligen Medienbegriff vor, der auf verschiedenen Ebenen innerhalb der Theorie, aber auch auf der Gegenstandsebene wirksam wird. Und für Jürgen Habermas ist es wie gesagt vor allen Dingen die Sprache, die einen entscheidenden Beitrag zur Modernisierung der Gesellschaft leistet. Man muss auf die Diversität an Medienbegriffen nicht enttäuscht reagieren, führt sie innerhalb der Soziologie und der kulturwissenschaftlichen sowie philosophischen Medientheorie doch vor, dass die Notwendigkeit besteht, einen Medienbegriff zur Verfügung zu haben. Wichtig für eine mediensoziologische Perspektive ist es, zunächst auf der theoretischen Ebene zu wissen, was man unter einem Medium verstehen möchte – und was nicht. Was kann unter welchen Bedingungen zu einem Medium gemacht werden – und was nicht?

All dies sind medientheoretische Fragen. Diese Einführung versucht deshalb, in einem ersten Schritt sich diesen medientheoretischen Beiträgen anzunähern. Der erste Teil (A) widmet sich deshalb der Medientheorie, um Einsteigern einen Überblick zu vermitteln, welche Medienbegriffe innerhalb der medienwissenschaftlichen Forschung bereits vorhanden sind. Hier stößt man auf unterschiedliche Traditionen. Zunächst (Kap. I und II) werden die medientheoretischen Implikationen der kulturwissenschaftlichen Medientheorie (Innis; McLuhan; Kittler) verhandelt. Die hier vorgestellten Beiträge präsentieren zentrale Einsichten innerhalb der Medientheorie, die auch für eine Mediensoziologie unerlässlich sind. Die beiden darauf folgenden Kapitel (Kap. III und IV) richten ihren Fokus auf dezidiert soziologische Beiträge zur Medientheorie. Hier werden die nach wie vor einflussreichen Ansätze der Kritischen Theorie verhandelt. Zudem werden die in der Mediensoziologie nicht minder bedeutenden Beiträge der Media Studies innerhalb der Cultural [12]Studies besprochen. Während die Medientheorie der Kulturwissenschaften ihren Blick vordringlich auf die Praxis von Medien richtet, fragt eine soziologisch informierte Medientheorie nach dem Zusammenhang von Medien und Gesellschaft: Welchen Einfluss haben Medien auf soziale Praktiken? Während die Medientheorie stärker nach den Eigenschaften von Medien fragt, richtet sich eine mediensoziologische Perspektive zumeist auf die Wirkungen von Medien. Dieser Unterschied wird noch einmal im Vergleich der Kapitel V und VI deutlich. In Kapitel V werden unterschiedlich medientheoretisch informierte Beiträge vorgestellt (Krämer, Tarde, Latour), die eine bestimmte Eigenschaft von Medien herausarbeiten, nämlich dass sich Medien im praktischen Vollzug unsichtbar machen. Es geht hier also um die praktische Qualität von Medien. Kap. VI wiederum beschreibt die eher soziologisch grundierte Medientheorie von Niklas Luhmann, die fragt, welche sozialen Probleme der Einsatz von Medien löst.

Eine mediensoziologische Perspektive darf sich aber nicht allein auf die Klärung von Begriffsfragen beschränken. Schließlich geht es ihr um eine praktische Beforschung von Medien, also immer auch um die Empirie, um eine praxisbezogene Mediensoziologie. Dieser Perspektivierung widmet sich der zweite Teil des Buches (B). Dabei zeigt sich, dass Medien zwar nahezu überall auftauchen, dass sie empirisch-praktisch aber gar nicht so leicht zu fassen sind. Medien sind Mittler, die Botschaften übertragen – sie schleichen sich dabei in den Übermittlungsvorgang ein und prägen diesen. Gleichzeitig machen sich Medien im praktischen Vollzug unsichtbar. Wie kann man dann aber Medien empirisch-praktisch beforschen? Diese Einführung kann darauf keine allumfassende Antwort geben. Schließlich handelt es sich bei der Antwort auf diese Frage um konkrete, forschungspraktische Angelegenheiten, die immer im Einzelfall im Hinblick auf das konkrete Forschungsthema geklärt werden müssen. Was hier indes versucht werden soll, ist, Gegenstandsbereiche aufzuzeigen, in denen Medien für soziale Praktiken eine Rolle spielen (können). Soziale Praktiken herauszuarbeiten, die hochgradig über Medien vermittelt sind, ist mit anderen Worten Gegenstand des zweiten Buchteils. Es kommen dabei unterschiedliche Phänomene zur Sprache. Einmal stellt sich die Frage, wie Medien eine soziale Identität vermitteln (Kap. I). Hier spielt der Ansatz von George Herbert Mead, aber auch der von Jürgen Habermas eine Rolle. Weiterhin geht es um die Themen Liebe (Kap. II) und Öffentlichkeit (Kap. III). Schließlich beschäftigt sich dieser Teil mit Praktiken der Populärkultur (Kap. IV) und widmet sich abschließend der Frage, inwiefern Globalisierungsprozesse durch Medien vermittelt sind (Kap. V). Die Wirksamkeit von Medien wird hier am konkreten Gegenstand sichtbar und erfahrbar.

[13]Das vorliegende Buch richtet sich an Studierende im Bachelor-Studiengang und ist damit eine Einführung in ein soziologisches Vertiefungsgebiet, das bereits grundständiges Wissen über soziologische Sachverhalte voraussetzt. Es ist kaum möglich, in ein solches Vertiefungsgebiet einzuführen, ohne dabei auf Wissensbestände aus der allgemeinen Soziologie zurückzugreifen. Die vorliegende Einführung versucht die immer wieder sehr komplex zu lesenden medientheoretischen Implikationen transparent zu machen und an Übungsbeispielen und empirischen Studien zu verdeutlichen, worin die Wirkungsmacht und Wirkungsweise von Medien bestehen könnte. Es bleibt den Lesern und Leserinnen zu wünschen, dass diese Einführung dazu anregt, sich mit dem Thema Medien weiterhin soziologisch zu beschäftigen.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass dieses Werk unter der Mithilfe einiger Personen entstanden ist. Zu danken habe ich Lena Setzer und Dinah Schardt für die Durchsicht des Manuskripts, Gabi Blum und Florian a. Betz für die grafische Arbeit. Schließlich möchte ich mich bei all jenen bedanken, die mir Bildmaterial freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben. Für Diskussionen, Anregungen und Gespräche bedanke ich mich bei Reinhold Böh, Martin Stempfhuber, Natascha Nisic, Florian Amberger, Peter Wacha, Xaver Holler und Rüdiger Wolf.

[14][15]A.

Medientheorien

[16][17]I.

Wozu Mediensoziologie?

LEITENDE FRAGEN:

Was kann man unter Medien verstehen?

Warum soll sich die Soziologie für Medien interessieren?

Was kann man unter einem Medium verstehen? Auf diese Frage gibt es so viele Antworten, wie es theoretische Zugriffe auf Medien gibt. Die Kulturwissenschaften (wie etwa die Literaturwissenschaft), die eine lange medientheoretische Tradition aufweisen, beantworten die Frage anders als die Kommunikationswissenschaft. Letztere versteht unter Medien gemeinhin Massenmedien, womit die Beschreibung von Prozessen der Informationsvermittlung zwischen einem Sender und einem Empfänger gemeint ist. Die Kulturwissenschaft wiederum verfügt über einen sehr breiten Medienbegriff. Darunter fallen nicht nur Massenmedien, wie etwa Pressewesen, Fernsehen und Internet, sondern auch Kleidung, Technik oder Sprache, Schrift und Bilder. Diese Einführung in die Mediensoziologie will einen dezidiert soziologischen Zugang zum Thema vermitteln. Sie fragt also nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Medien: Wie wirken sich Medien auf soziale Prozesse aus? Verändern Medien soziale Praktiken?

In diesem ersten Kapitel wollen wir uns zunächst überlegen, was man unter einem Medium verstehen kann. Um dem näherzukommen, greifen wir auf die lange medientheoretische Tradition in den Kulturwissenschaften zurück. Denn dort kam die Rede vom sozialen Einfluss der Medien zum ersten Mal als wissenschaftliches Thema auf. In einem weiteren Schritt werden wir fragen, was an der kulturwissenschaftlichen Tradition der Medientheorie für die Soziologie von Interesse ist: Wozu brauchen wir überhaupt eine Mediensoziologie? Warum soll sich die Soziologie mit dem Gegenstand der Medien beschäftigen?

1.

Prägen Medien soziale Praktiken?

Ausgangspunkt ist der Vorschlag, mediale Prozesse als Übertragungsverhältnisse (Krämer 2008) zu fassen, die bestimmte Phänomene sichtbar und erfahrbar machen. Dabei weisen Medien sowohl eine materiale als auch eine symbolische Seite auf. So sind etwa Mobiltelefone und Computer technische [18]Apparaturen, die aber auch als Medium fungieren können. Denn Medien vermitteln Informationen, die über Symbole hergestellt werden, also sprachliche Zeichen und Zahlen. Der Computer kann deshalb Medium sein, weil er mittels Schrift, Bild oder Ton symbolische Werte transportiert.

Abb.1: Materiale und symbolische Medien Foto: Gabi Blum

[19] Infobox

Mediale Prozesse sind Übertragungsverhältnisse, die soziale Phänomene erfahrbar und sichtbar machen. Medien weisen eine materiale und eine symbolische Seite auf.

Wie bereits erwähnt, finden sich die ersten Arbeiten, in denen Medien überhaupt zu einem eigenständigen Thema gemacht worden sind, in den Kulturwissenschaften. Die Medientheorie der Literaturwissenschaft befasste sich zunächst damit, dass die materiale Ausstattung des Mediums eine eigenständige Rolle für die Wirkung der übertragenen Information spielt. So hat zum Beispiel die materiale Ausstattung eines Buches mehr Bedeutung für die Veränderung von sozialen Praktiken als das, was darin zu lesen ist. Wenn ein Text als Buch erscheint, kann er massenhaft hergestellt und vertrieben und damit einem weitaus größeren Publikum zugänglich gemacht werden. Der Autor eines Textes und seine Leser können sich auf veränderte Weise aufeinander beziehen. So war das Lesen von Texten vor der Erfindung des Buchdrucks allein einigen wenigen Gelehrten vorbehalten. Die vergleichsweise wenigen vorhandenen Schriftstücke galten als heilige Texte. Mithilfe des Buchdrucks konnten nicht nur mehr Menschen an den Inhalten teilhaben, Leser konnten auch selbst zu Autoren werden und die einstmals heiligen Texte in eigenen Veröffentlichungen kritisieren. In der Medientheorie der Kulturwissenschaften geht man deshalb davon aus, dass die Einführung des Buchdrucks die Entwicklung von demokratischen Tendenzen unterstützt hat. Weil es mittels Buchdruck zu einer massenhaften Verbreitung von Informationen und Texte kam, konnten sich Personen auf neuartige Weise verständigen und gemeinsame Inhalte formulieren. Es entwickelten sich bis dahin unbekannte soziale Praktiken. So entstanden im 18. Jahrhundert zahlreiche Lesegesellschaften und Lesesalons, in denen man sich über das von allen Gelesene ausgetauscht und unterhalten hat. Zudem führte die Verbreitung von Büchern schließlich auch zu einer Alphabetisierung der Bevölkerung – immer mehr Personen waren des Lesens und Schreibens kundig.

Kurz: Medien übertragen nicht einfach nur Informationen, sondern schleichen sich in die Informationsvermittlung mit ein und verändern dabei die Formen der Wahrnehmung der übertragenen Informationen.

Man nennt diesen Zusammenhang auch die Generativität des Mediums. Generativität meint dabei einerseits, dass Medien Botschaften nicht einfach neutral übertragen, sondern Teil des Prozesses der Informationsvermittlung sind und die Botschaften auf spezifische Weise prägen. Medien sind [20]also keine neutralen Vermittler, sondern Prägeinstanzen, sie fügen ihren Botschaften etwas hinzu. Gleichzeitig heißt Generativität auch, dass soziale Veränderungen auf Medienwechsel zurückgeführt werden. Dahinter steht die These von der Veränderung sozialer Praktiken, wenn ein (neues) Medium zum Einsatz kommt. Der Literaturwissenschaftler und Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan hat diese These insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung des Buchdrucks diskutiert (s. a. Kap. II.1).

Übungsvorschlag:

Versuchen Sie einmal, einen Tag lang auf die Nutzung von Medien zu verzichten. Benutzen Sie weder Mobiltelefon noch Computer, öffnen Sie keine Briefe, schreiben Sie keine E-Mails und SMS. Sie werden beobachten können, welchen Einfluss Medien auf unsere täglichen Alltagspraktiken haben (können). Auch andere haben sich schon dieser Entzugspraxis ausgesetzt. So verabschiedete sich der Journalist Christoph Koch für 58 Tage von seinem Mobiltelefon und dem Internet, um hautnah zu erfahren, wie es sich ohne neue Medien leben lässt und schrieb darüber einen Erfahrungsbericht (Koch 2010). Seine Reaktion auf den Wiedereinstieg ins Internet nach gut zwei Monaten: »Ich fühle mich wie ein Junkie, der nach langem Leiden, nach einem Cold-Turkey-Entzug mit Blut, Schweiß und Tränen endlich wieder zurück in die Arme seiner Droge flieht.« (Koch 2010, S. 5)

Wir werden auf den folgenden Seiten immer wieder auf die beiden Thesen, die die Generativität des Mediums ausdrücken, zurückkommen. Jetzt soll es zunächst noch einmal um die Tradition gehen.

2.

Harold A. Innis: Medientheorie der Kulturwissenschaft

Worauf bezieht man sich, wenn man von der Medientheorie der Kulturwissenschaften spricht? Zunächst taucht hier das Center of Culture and Technology an der Universität von Toronto in Kanada auf. Die frühe Medientheorie trägt deshalb auch das Label Toronto School oder Kanadische Schule. Dort versammelte sich eine Gruppe von – zum Teil auch nicht aus Kanada stammenden – Kultur- und Sozialanthropologen, Ethnologen, Literaturwissenschaftlern, Philologen und Historikern: Eric A. Havelock war Visiting Professor [21]bei McLuhan und arbeitete außerdem an der Yale University. Der im amerikanischen Missouri geborene Walter Ong studierte bei McLuhan. Jack Goody war Engländer und lehrte in Cambridge.

Eric A. Havelock gilt als ein wichtiger Vertreter der Toronto School. In seinem Werk Preface to Plato (1963) beschreibt er auf beeindruckende Weise, wie durch die Einführung der Schrift so etwas wie ein soziales Gedächtnis entsteht, weil Ereignisse und Vorkommnisse nun festgehalten – und gleichzeitig auch vergessen – werden können. Man ist von da an nicht mehr darauf angewiesen, dass sich jemand Ereignisse merkt und sich an sie erinnert oder dass sie nur durch mündliches Erzählen weitergegeben werden können. Den prominentesten Status der Kanadischen Schule haben sicherlich die Arbeiten von Marshall McLuhan. Seine These, dass das Medium die Botschaft sei (the Medium is the Message) verschaffte ihm ungeheure Popularität (siehe Kap. II.1). Deshalb werden die Arbeiten der Toronto School auch oftmals ihm allein zugerechnet. Zwar hat Marshall McLuhan mit seinen Werken The Gutenberg Galaxy und Understanding Media zwei große Werke vorgelegt, die sich mit dem Wandel von Gesellschaften durch den Einsatz von Medien befassen. Doch auch Jack Goody und Ian Watt trugen mit ihrer Studie Consequences of Literacy (1963) entscheidend dazu bei, eine Medientheorie zu etablieren. In ihrem Werk beschreiben sie, wie die Einführung der Schrift zur Ausbildung eines Verwaltungssystems im Ägypten der Frühzeit geführt hat.

Infobox:

Center of Culture and Technology, University of Toronto:

Harold A. Innis (1951):

The Bias of Communication

Eric A. Havelock (1963):

Preface to Plato

Marshall McLuhan (1962):

The Gutenberg Galaxy

Marshall McLuhan (1964):

Understanding Media

Jack Goody & Ian Watt (1963):

Consequences of Literacy

Pionier der Medientheorie ist ohne Zweifel Harold A. Innis. Er war ein Wirtschaftshistoriker, der Politik, Sozialstruktur, Technik und die Wirkung von Medien zusammendachte. McLuhan, Goody und Watt haben mit ihren Beiträgen dazu beigetragen, Innis Werk in den 1960er- und 1970er-Jahren nachvollziehbar und bekannt zu machen. Medientheorie versteht sich seither auch als Zeitdiagnose, in deren Rahmen man Medienumbrüche und technische Entwicklungen als Taktgeber sozialer und kultureller Veränderungen ansieht. Ausgangspunkt für die Arbeiten von Harold A. Innis waren [22]seine wirtschaftshistorischen Forschungen über Eisenbahnnetze, Fischerei und Pelzhandel. Unter Medien verstand Innis insbesondere die materiellen Träger von Kommunikation wie Stein, Ton, Papyrus, Pergament und Papier oder Transport- und Schifffahrtswege. Er analysierte ihre formbildenden und verhaltenskonstituierenden Kräfte in Bezug auf gesellschaftliche Organisationsformen. So interessierte sich Innis etwa dafür, welchen Einfluss die Einführung veränderter Transportwege auf die Gesellschaft hatte. Die Übertragungswege von Kommunikationspraktiken stehen generell im Zentrum von Innis Arbeiten. Verändern sich diese, kommt es zu einem kulturellen Wandel. Dies analysiert Innis am Beispiel der Einführung der Schrift und des Buchdrucks.

Mediale Prozesse sind für Harold A. Innis Übertragungsprozesse mit einer materialen Basis. Diese materiale Basis schreibt sich in die Form der Wissensübertragung ein und verändert sie. Auf diese Weise entstehen unterschiedliche Wissenskulturen, die jeweils vom materialen Träger der Kommunikation abhängig sind. Innis bezeichnet diesen Umstand auch als Bias of Communication – so lautet jedenfalls der Titel seines 1951 erstmals erschienenen bekannten Hauptwerks. Er formuliert folgende These: »Wir können wohl davon ausgehen, dass der Gebrauch eines bestimmten Kommunikationsmediums über einen langen Zeitraum hinweg in gewisser Weise die Gestalt des zu übermittelnden Wissens prägt.« (Innis 1997, S. 96) Seine medientheoretische Perspektive impliziert aber auch eine Technikkritik, die sich vordringlich gegen Mechanisierung richtete. Jeder technische Fortschritt ruft laut Innis auch destruktive Kräfte hervor, hier ein von ihm gewähltes Beispiel: »Die überwältigenden Zwänge, die von der Mechanisierung ausgehen und sich bei den Zeitungen und Zeitschriften bemerkbar machen, haben gewaltige Kommunikationsmonopole entstehen lassen. Ihre tiefe Verwurzelung bringt eine anhaltende, systematische und rücksichtslose Zerstörung jener Grundbausteine des Fortbestandes mit sich, die so unerlässlich für das kulturelle Leben sind.« (Innis 1997, S. 204) Mechanisierung von Kommunikation führt also gemäß Innis zu Machtmonopolen. Genaueres dazu im folgenden Abschnitt.

2.1

Kritik der mechanisierten Kommunikation

Mediale und materiale Bedingungen der Kommunikation erweisen sich aus Innis’ Perspektive als entscheidend für die Etablierung, Verankerung, Durchsetzung und Verbreitung von Wissen. Dabei interessiert sich Innis, wie bereits erwähnt, vor allen Dingen für den Wandel, der unter dem Einfluss der Schrift und des Buchdrucks entstanden ist. Er hält in seinen Schriften an der ursprünglichen Bedeutung von Oralität, also Mündlichkeit, für soziale [23]Beziehungen fest. Unmittelbare Präsenz und die Nähe mündlicher Kommunikation gelten ihm als authentischere, wirklichere Form der Informationsübertragung: »Das mündliche Gespräch setzt persönlichen Kontakt und die Berücksichtigung der Gefühle anderer voraus, und es steht in krassem Gegensatz zu der grausamen mechanisierten Kommunikation und den Tendenzen, die wir in der heutigen Welt am Werke sehen (…). Ich möchte für die mündliche Tradition Partei ergreifen, besonders wie sie sich in der griechischen Zivilisation offenbart hat, und für die Möglichkeit, ihren Geist ein Stück wiederzubeleben.« (Innis 1997, S. 182 f.) Innis beschreibt eine zunehmende »Eskalation« der Verschriftlichung, an deren Ende die Mechanik des Buchdrucks entsteht. Dieser Entwicklungsprozess beinhaltet nicht nur die Entstehung und Veränderung von Wissen, sondern auch von Machtverhältnissen. Innis beobachtet in der zunehmenden Modernisierung von Übertragungswegen auch eine Monopolisierung von Wissen, woraus wiederum Machtverhältnisse entstehen. Als Beispiel verweist Innis auf die Einführung von Tontafeln in Altbabylonien. Gemäß ihm wurden diese Tontafeln von einer sich neu bildenden schreibenden Priesterklasse genutzt, die mit gesellschaftlicher Macht ausgestattet war: »Als Grundlage der Bildung unterstand die Schreibkunst der Kontrolle von Priestern, Schreibern, Lehrern und Richtern, so dass Allgemeinwissen und Rechtsentscheidungen religiös geprägt waren. Die Schreiber führten die umfangreichen Geschäftsbücher der Tempel und hielten die Beschlüsse der Priestergerichte in allen Einzelheiten fest. Mehr oder weniger jede Transaktion des täglichen Lebens war eine Rechtsangelegenheit, die aufgezeichnet und mit Hilfe der Siegel der Vertragspartner und Zeugen bestätigt wurde. In den einzelnen Städten bildeten die Gerichtsentscheidungen die Grundlage des Zivilrechts. Je mehr die Tempel anwuchsen und die Kulte an Einfluss gewannen, desto größer wurde die Macht und Autorität der Priester.« (Innis 1997, S. 65) Folgt man Innis, so gehen medientheoretische Überlegungen mit Aspekten der Technikkritik einher.

2.2

Unterschiedliche Qualitäten von Medien

An früherer Stelle kam schon der Hinweis, dass mediale Prozesse sowohl eine materiale wie eine symbolische Seite aufweisen. Innis unterscheidet Medien nach zwei Kategorien. Da gibt es zum einen bewegliche Medien wie etwa Papier. Diese Medien sorgen für räumliche Veränderungen. So ermöglicht Papier uns, jemandem einen Brief zu schreiben, der sich nicht am gleichen Ort befindet, was zu einer Erweiterung des Raums führt. Außerdem verweist Innis auf feste Medien, wie etwa Stein. Diese sorgen für zeitliche Veränderungen. Mittels eines Gebäudes aus Stein präsentiert sich eine Regierungsform als dauerhaft. Die Architektur ist deshalb ein interessantes mediensoziologisches [24]