Medizinische Psychologie - Rudolf Lotze - E-Book

Medizinische Psychologie E-Book

Rudolf Lotze

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Beschreibung

Lotzes medizinischen Studien waren Pionierarbeiten auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Psychologie. Sein Werk über Medizinische Psychologie gehört heute noch zu den Referenzbüchern auf diesem Gebiet. Inhalt: VORWORT. Erstes Buch - Allgemeine Grundbegriffe der physiologischen Psychologie ERSTES KAPITEL. Von dem Dasein der Seele. §. 1. Von den Gründen für die Bildung des Begriffs der Seele. §.2. Von wahrer und falscher Einheit. § 3. Die Einwürfe des Materialismus. §. 4. Die Identität des Realen und des Idealen. §. 5. Spiritualistische Ansichten. ZWEITES KAPITEL. Vom physisch-psychischen Mechanismus. §. 6. Vom Zusammenhang zwischen Leib und Seele überhaupt §. 7. Vom psychologischen Werte des Leibes. §. 8. Verschiedene Begründungsweisen geistiger Verrichtungen durch körperliche Beihilfe. §. 9. Von den Prinzipien der Phrenologie. §. 10. Von dem Sitze der Seele. DRITTES KAPITEL. Vom Wesen und den Schicksalen der Seele. §. 11. Von der Ausdehnung der Beseelung. §. 12. Von den verschiedenen Formen des Seelenlebens. §. 13. Von dem Wesen und den Vermögen der Seele. §. 14. Realistische und idealistische Auffassungen. §. 15. Von der Entstehung und dem Untergang der Seelen. Zweites Buch - Von den Elementen und dem Physiologischen Mechanismus des Seelenlebens ERSTES KAPITEL. Von den einfachen Empfindungen. §. 16. Von der Erzeugung der einfachen Empfindungen. §. 17. Verteilung der Empfindungen an die Sinnesorgane. §. 18. Von den Formen der Reize, der Nervenprozesse und der Empfindungen überhaupt. §. 19. Proportionen zwischen Reiz und Empfindung. ZWEITES KAPITEL. Von den Gefühlen. §. 20 Von der Bedeutung der Gefühle im Allgemeinen. §. 21. Von dem Mechanismus der Entstehung der Gefühle. §. 22. Von den Ursachen der verschiedenen Gefühle. §. 23. Vom Gemeingefühl. DRITTES KAPITEL. Von den Bewegungen und den Trieben. §. 24. Von der Entstehung der Bewegungen. §. 25. Von den Trieben und den willkürlichen Handlungen. §. 26. Von den Bewegungsgefühlen. §. 27.

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Medizinische Psychologie

Oder Physiologie Der Seele

Dr. Rudolph Hermann Lotze

Inhalt:

Rudolf Hermann Lotze – Biografie und Bibliografie

MEDIZINISCHE PSYCHOLOGIE

VORWORT.

Erstes Buch - Allgemeine Grundbegriffe der physiologischen Psychologie

ERSTES KAPITEL. Von dem Dasein der Seele.

§. 1. Von den Gründen für die Bildung des Begriffs der Seele.

§.2. Von wahrer und falscher Einheit.

§ 3. Die Einwürfe des Materialismus.

§. 4. Die Identität des Realen und des Idealen.

§. 5. Spiritualistische Ansichten.

ZWEITES KAPITEL. Vom physisch-psychischen Mechanismus.

§. 6. Vom Zusammenhang zwischen Leib und Seele überhaupt

§. 7. Vom psychologischen Werte des Leibes.

§. 8. Verschiedene Begründungsweisen geistiger Verrichtungen durch körperliche Beihilfe.

§. 9. Von den Prinzipien der Phrenologie.

§. 10. Von dem Sitze der Seele.

DRITTES KAPITEL. Vom Wesen und den Schicksalen der Seele.

§. 11. Von der Ausdehnung der Beseelung.

§. 12. Von den verschiedenen Formen des Seelenlebens.

§. 13. Von dem Wesen und den Vermögen der Seele.

§. 14. Realistische und idealistische Auffassungen.

§. 15. Von der Entstehung und dem Untergang der Seelen.

Zweites Buch - Von den Elementen und dem Physiologischen Mechanismus des Seelenlebens

ERSTES KAPITEL. Von den einfachen Empfindungen.

§. 16. Von der Erzeugung der einfachen Empfindungen.

§. 17. Verteilung der Empfindungen an die Sinnesorgane.

§. 18. Von den Formen der Reize, der Nervenprozesse und der Empfindungen überhaupt.

§. 19. Proportionen zwischen Reiz und Empfindung.

ZWEITES KAPITEL. Von den Gefühlen.

§. 20 Von der Bedeutung der Gefühle im Allgemeinen.

§. 21. Von dem Mechanismus der Entstehung der Gefühle.

§. 22. Von den Ursachen der verschiedenen Gefühle.

§. 23. Vom Gemeingefühl.

DRITTES KAPITEL. Von den Bewegungen und den Trieben.

§. 24. Von der Entstehung der Bewegungen.

§. 25. Von den Trieben und den willkürlichen Handlungen.

§. 26. Von den Bewegungsgefühlen.

§. 27. Von den Systemen der Bewegungen.

VIERTES KAPITEL. Von den räumlichen Anschauungen.

§. 28. Vorbemerkungen über den Sinn der Aufgaben.

§. 29. Von der Bedeutung der Nervenfaserung.

§. 30. Von der Entstehung des Sehfeldes.

§. 31. Von der optischen Wahrnehmung der Größen, Formen und Bewegungen.

§. 32. Von den anatomischen und physiologischen Hilfsmitteln des Tastsinns.

§. 33. Von der Totalanschauung des Raums und der Objektivierung der Eindrücke.

§34. Von den Sinnestäuschungen.

DRITTES BUCH - VON DER GESUNDEN UND DER KRANKEN ENTWICKLUNG DES SEELENLEBENS.

ERSTES KAPITEL. Von den Zuständen des Bewußtseins.

§. 35. Vom Bewußtsein und der Bewußtlosigkeit.

§. 36. Vom Verlaufe der Vorstellungen.

§. 37. Vom Selbstbewußtsein und der Aufmerksamkeit.

§. 38. Von den Gemütszuständen.

ZWEITES KAPITEL. Von den Entwicklungsbedingungen des Seelenlebens.

§. 39. Die Verschiedenheit der Tierseelen und die Instinkte.

§. 40. Von den angebornen individuellen Anlagen.

DRITTES KAPITEL. Von den Störunge des Seelenlebens.

§. 41. Von geistiger Gesundheit und Krankheit.

§. 42. Die psychischen Symptome körperlicher Störungen.

§. 43. Entstehung und Formen der Seelenstörungen.

§. 44. Von der Zurechnung.

Medizinische Psychologie, R. H. Lotze

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849630898

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Rudolf Hermann Lotze – Biografie und Bibliografie

Deutscher Philosoph und Physiologe, geb. 21. Mai 1817 in Bautzen, gest. 1. Juli 1881 in Berlin, studierte in Leipzig Philosophie und Medizin, wurde 1842 daselbst zum außerordentlichen Professor der Philosophie, 1844 zum ordentlichen Professor in Göttingen ernannt und 1881 in gleicher Stellung nach Berlin berufen, wo er aber nicht einmal ein Semester hindurch Vorlesungen halten konnte. Seine Schriften sind: »Metaphysik« (Leipz. 1841); »Allgemeine Pathologie und Therapie als mechanische Naturwissenschaften« (das. 1842, 2. Aufl. 1848); »Logik« (das. 1843); »Über den Begriff der Schönheit« (Götting. 1846); »Über die Bedingungen der Kunstschönheit« (das. 1848); »Allgemeine Physiologie des körperlichen Lebens« (Leipz. 1851); »Medizinische Psychologie oder Physiologie der Seele« (das. 1852; Neudruck, Götting. 1896); »Mikrokosmos. Ideen zur Naturgeschichte und Geschichte der Menschheit« (Leipz. 1856–64, 3 Bde.; 5. Aufl. 1896ff.), sein Hauptwerk, in dem er seine ganze Weltanschauung niedergelegt und ein würdiges Seitenstück zu Herders »Ideen« geliefert hat; ferner »Geschichte der Ästhetik in Deutschland« (Münch. 1868) und »System der Philosophie« (Bd. 1: Logik, Leipz. 1874, 2. Aufl. 1880; Bd. 2: Metaphysik, 1879, 2. Aufl. 1884). Nach seinem Tod erschienen Diktate aus seinen Vorlesungen in 8 Heften (Leipz. 1882–84; öfter aufgelegt) und »Kleine Schriften« (das. 1885–94, 3 Bde.). Über sein Verhältnis zu Herbart, Weiße und Leibniz hat er sich ausgesprochen in seinen »Streitschriften« (1. Heft, Leipz. 1857) gegen J. H. Fichte. Seine Werke zeichnen sich sämtlich durch vornehme Haltung und geschmackvolle, nicht immer ungesuchte Darstellung aus. Als Physiolog hat L. die Annahme der »Lebenskraft« heftig bekämpft und den Mechanismus verteidigt. Als Philosoph hat L. von Weiße und Herbart Anregungen erfahren und verdankte insbes. dem ersteren viel, während er es entschieden ablehnte, Herbartianer zu sein; am meisten fühlte er sich nach seiner eignen Aussage von Leibniz angezogen, doch hat er auch manches von Spinoza genommen. Seinen philosophischen Standpunkt bezeichnet er als teleologischen Idealismus, indem die Metaphysik ihren Anfang nicht in sich selbst, sondern in der Ethik haben soll. Er will einen Frieden stiften zwischen den Ergebnissen der Wissenschaft und den Bedürfnissen des Gemüts. Volle Wahrheit kann die Philosophie nicht erreichen, sie soll nur eine widerspruchslose Weltanschauung gewinnen, die uns wertvolle Ziele in dem Leben setzt und sie zu erreichen lehrt. Das Seiende muss seinem Begriffe nach in Beziehungen stehen, was nicht möglich wäre, wenn nicht die Veränderung in dem einen zugleich ein Leiden im andern wäre. So kann eine Trennung zwischen den Dingen nicht angenommen werden, sondern eine gegenseitige Einwirkung der Dinge auseinander ist nur möglich, wenn sie alle Teile einer einzigen, unendlichen Substanz sind, also eine substanzielle Wesensgemeinschaft aller Dinge existiert. Zugleich müssen diese Dinge, um in Wechselwirkung stehen zu können, ein Fürsichsein haben, fühlen, so dass sie, nur in verschiedenen Graden, den Charakter der Geistigkeit besitzen, geistige Monaden sind. So gilt der Satz, dass alles Reale geistig ist. Die Seele ist eine einzelne unsinnliche Substanz, der Körper ist aus vielen zusammengesetzt, so dass zwischen Seele und Körper eine Wechselwirkung wie sonst zwischen den Dingen stattfindet. Die allgemeine unendliche Substanz, deren Modifikationen die einzelnen Mon. den sind, ist auch das eine und höchste Gut, weil sie der Grund ist der Ideen des Guten, Schönen und Wahren. Durch die Welt des Seienden sollen Werte verwirklicht werden: das Gute ist Grund und Zweck der Welt. Wie freilich aus dem Absoluten oder der Idee des Guten die Welt in ihrer vorliegenden Beschaffenheit hat hervorgehen können, das ist uns ein unlösbares Rätsel. Der Begriff des Guten ist übrigens mit dem der Luft eng verknüpft: bei dem Handeln muss Rücksicht auf zu gewinnende Luft genommen werden, da man sonst nicht wüsste, wozu etwas geschehen sollte. Das Unendliche erhält seinen Inhalt durch den vollen Begriff Gottes, zu dem auch die Persönlichkeit gehört. Die große Bedeutung Lotzes, der sehr viele Verehrer in den gebildeten Kreisen der Gegenwart, namentlich unter Theologen, hat, besteht darin, dass er, mit den exakten Wissenschaften wohl vertraut, trotz aller Kritik, die er anwendet, den Idealismus doch in den Vordergrund stellt und so zu einer Weltanschauung gelangt, in der das Ethische und Religiöse zu ihrem vollen Rechte kommen. Lotzes Bildnis s. Tafel »Deutsche Philosophen II«. Vgl. E. Pfleiderer, Lotzes philosophische Weltanschauung (2. Aufl., Berl. 1882); Caspari, Hermann L. in seiner Stellung zu der Geschichte der Philosophie (2. Aufl., Bresl. 1895); Koegel, Lotzes Ästhetik (Götting. 1886); E. v. Hartmann, Lotzes Philosophie (Leipz. 1888); Vorbrodt, Prinzipien der Ethik und Religionsphilosophie Lotzes (2. Aufl., Dessau 1892); Schröder, Geschichtsphilosophie bei L. (Leipz. 1896); Seibert, L. als Anthropologe (Wiesbad. 1900); Falckenberg, Hermann L. (Stuttg. 1901, Bd. 1); H. Schoen, La métaphysique de Herm. L. (Par. 1902); Else Wentscher, Das Kausalproblem in Lotzes Philosophie (Halle 1903); Chelius, Lotzes Wertlehre (Erlang. 1904).

MEDIZINISCHE PSYCHOLOGIE

VORWORT.

Der allgemeinen Physiologie des körperlichen Lebens lasse ich hier die Physiologie des geistigen Lebens folgen, als Abschluß der Darstellungen, durch welche ich hoffte, dem medizinischen Studium von Seiten philosophischer Betrachtung einige Vorteile zu bereiten. Dieselben Zwecke, dieselbe Darstellungsweise teilt dieses Buch mit dem vorerwähnten; indem es sich auf die Wechselverhältnisse zwischen Körper und Seele beschränkt, und die Gegenstände ausschließt, die einer spekulativen Psychologie allein zugänglich sind, macht es nicht den Anspruch, eine philosophische Untersuchung zu sein, sondern ist gleich seinem Vorgänger zur Entwicklung anwendbarer Anschauungen über die Beziehungen des geistigen Lebens zu den körperlichen Tätigkeiten bestimmt. Man wird vielleicht eine größere Ausführlichkeit in Betreff der anatomischen Verhältnisse der Nervenzentralorgane wünschen. Ohne indessen die Wichtigkeit zu verkennen, welche die Encephalotomie bei den verbesserten Mitteln der Untersuchung für unsere Zeit gewinnt, kann ich doch nichts sehen, was sie bis jetzt schon gelehrt hätte, als einzelne noch ganz undeutbare Tatbestände. Je sicherer wir indessen von den scharfsinnigen und gewandten Physiologen, die sich dieser Untersuchungen angenommen haben, einen lebhaften Fortschritt der Entdeckungen erwarten dürfen, um so nützlicher schien es mir, eine allgemeine Ansicht über die möglichen Beurteilungsgründe zu entwickeln, nach denen die eventuellen Resultate jener Forschungen zu deuten sein werden. Ich muß die Worte Volkmanns über die Untersuchung der Herztätigkeit auch auf den Gegenstand meines Buches anwenden: "Mikroskopische Untersuchungen in diesem Gebiete werden nie zu erheblichen Aufschlüssen fuhren, weil selbst die bewahrteste Beobachtung ein vieldeutiges Ding ist. Mit solchen Beobachtungen macht Jeder, was er will; was er mit ihnen machen darf, das hängt von schon erworbenen physiologischen Erfahrungen ab. Ebenso ist in unserm Falle die Deutung des Gefundenen nach allgemeinen psychologischen Anschauungen zu regeln. Auf diese mich zu beschränken, schien mir um so ratsamer, als ich heimlich längst die statistische Bemerkung gemacht, habe, dass die großen positiven Entdeckungen der exakten Physiologie eine durchschnittliche Lebensdauer von etwa vier Jahren haben.

Göttingen Ostern 1852.

H. Lotze.

Den Sturm einer akuten Krankheit hat schon die Naturbeobachtung der ältesten Zeiten der langsamen Gewalt chronischen Siechtums als die günstigere Form des Übels vorgezogen. Ausreichende Reize, mit großer Kraft die natürlichen Verhältnisse verschiebend, drängen dort das Leben zu schnellem Untergang oder zu gleich rascher und elastischer Rückwirkung; kleinliche Einflüsse, oft wiederholt, greifen es hier verstohlen an, jeder einzelne stark genug, um ein Stück seiner Grundlagen anzunagen, keiner hinlänglich, um durch entschiedenen Eindruck seine Kräfte zu gemeinsamer Abwehr zu wecken. Man hat nicht mit unrecht dieselben Analogien auf das geistige Leben übergetragen; sie kehren in der Tat nicht nur in unsern sittlichen Verhältnissen, sondern ebensowohl im Laufe wissenschaftlicher Bestrebungen wieder. Für die Erziehung des Einzelnen gleich sehr wie für die Entwicklung der Wissenschaft selbst ist es stets eine ungünstige Bedingung, wenn wir mit ihrem Gegenstande allmählich und zu einer Zeit bekannt werden, in welcher uns eine genügende Fähigkeit seiner Beurteilung noch abgeht. Wo einem gebildeten und gesammelten Bewußtsein ein Kreis von Erscheinungen sich plötzlich gegenüberstellte, da würde, an die Verfolgung bestimmter Fragen längst gewöhnt, unser Nachdenken rasch in seine Tiefen vordringen, lange bevor die Helligkeit verblich, mit welcher die Frische des Eindrucks jeden einzelnen seiner Züge hervorhob. Verfrühte und nur allmählich sich erweiternde Auffassung der Dinge läßt dagegen die meisten ihrer Eigentümlichkeiten wirkungslos an uns vorübergleiten, um so mehr, je weniger ein an andern Problemen noch nicht geübtes Denken für den unmerklichen Zuwachs neuen Inhaltes reizbar ist, den eine so langsam fortrückende Erfahrung mit sich führt. Die unzureichende Kraft dieser in ihrer Zersplitterung zu wenig eindringlichen Wahrnehmungen regt die Erkenntnis zu keiner entschlossenen und vollständigen Untersuchung auf; mit kleinen und unvollständigen Aushilfen beschwichtigen wir uns für jeden einzelnen Fall, und so bringt dies allmähliche Verwachsen des Geistes mit seinen Gegenständen nur eine unzusammenhängende Ablagerung von Eindrücken hervor, deren jeder ein halbgelöstes Rätsel in sich schließt.         Unter der hemmenden Gewalt dieser Umstände hat die Erkenntnis des Seelenlebens in größerem Masse als andere Wissenschaften, und in eigentümlicher Weise gelitten. In der Tat dürfen wir uns auf diesem Gebiete das innigste und eindringendste Verständnis fast mit demselben Recht zuschreiben, mit welchem wir die Unmöglichkeit beklagen, gerade diesen Besitz in wissenschaftlichen Formen festzuhalten. Von frühester Kindheit an führt uns die Umgebung unzählige Wahrnehmungen geistigen Lebens zu; aber mancherlei Wünsche des Gemüts und die Triebe der Selbsterhaltung zeitigen aus ihnen mit allzugroßer Beschleunigung jenen Instinkt unmittelbarer Menschenkenntnis, der sogleich den nutzbaren Gewinn seiner Wahrnehmungen zu verfolgen eilt. Mit dem schnellen Anwachs dieser praktischen Klugheit vermag die wissenschaftlichere Neigung des Verstandes, das Beobachtete auf seine ersten Quellen zurückzuführen, niemals gleichen Schritt zu halten. Und so erneuert sich zwar in dem Lebenslaufe jedes Einzelnen die rasche Ausbildung einer mehr oder minder gehaltvollen Kenntnis des geistigen Lebens, und die Lücken individueller Erfahrung ergänzend haben die Überlieferungen der Geschichte und die Werke der Kunst einen Reichtum psychologischer Anschauungen um uns aufgehäuft, deren umfassende Mannigfaltigkeit und eindringende Feinheit wenig zu begehren übrig läßt. Aber diese lebendige Menschenkenntnis ist dennoch weder Wissenschaft, noch geeignet eine solche aus sich zu entwickeln.         Zwar entspringen gewiß auch aus ihr für jedes nachdenkliche Gemüt allgemeine Gesichtspunkte und zusammenfassende Ansichten genug, aber sie unterscheiden sich völlig von dem, was eine Wissenschaft anstreben würde, die zunächst nur auf Erklärung ihres Gegenstandes, nicht aber gleich unmittelbar auf die praktische Anwendung ihrer Ergebnisse gerichtet wäre. Eine vollendete Erklärung irgend eines Kreises von Erscheinungen würde allerdings stets die genaueste Anweisung sein, handelnd in ihn einzugreifen und ihn nach willkürlichen Zwecken zu gestalten; bei der allgemeinen Unvollendbarkeit menschlicher Wissenschaft jedoch fließen in Wirklichkeit die nützlichen Regeln praktischen Benehmens meist aus näheren Quellen. Um den Eintritt irgend eines Ereignisses aus vorhandenen Umständen vorher zu bestimmen, ist selten die Kenntnis der wahren wirkenden Kräfte unentbehrlich, welche jene Folge mit diesen Bedingungen verknüpfen; es reicht hin, eine gesetzliche Formel zu wissen, nach welcher beide tatsächlich mit einander verbunden vorkommen. Solcher Gesetze bietet uns eine vervielfältige Beobachtung gar manche mit hinlänglicher Genauigkeit dar; und da selten eine praktische Maxime auf Unfehlbarkeit Anspruch macht, vielmehr die Ungewißheit der Beurteilung diesem Verkehr mit den Ereignissen einen neuen Reiz lebendigen Wagnisses gibt, so reichen um so mehr selbst unvollständige Beobachtungen hin, um unserem Handeln die nötigen Zielpunkte festzustellen. Auf so schwebenden Grundlagen ruht auch jene lebendige Menschenkenntnis; und so wenig wir hoffen dürfen, ihren praktischen Blick jemals durch wissenschaftliche Überlegungen zu ersetzen, so wenig vermag sie selbst die Aufgaben der Wissenschaft zu lösen oder ihrer Lösung auch nur in genügender Weise vorzuarbeiten. Jenes Innere der Seele, das der Pädagog nach bestimmten Zwecken auszubilden, dessen krankhafte Störungen der Arzt, dessen sittliche Verirrungen der Seelsorger zu heilen unternimmt, und dessen verborgenstes Getriebe meist der Schlechteste für seine Absichten am glücklichsten in Bewegung setzt, bleibt in seinem eigentlichen Wesen und in den ursprünglichen Gesetzen seines Wirkens ihnen allen unbekannt Mit instinktiver Sicherheit bewegen sie sich in einem Kreise der zusammengesetztesten Ereignisse, die auf ihre unzähligen Bedingungen zurückzuführen die Wissenschaft, selbst im Besitze der festeten Prinzipien, verzweifeln müßte; manche Gewohnheiten ferner des Ineinanergreifens geistiger Tätigkeiten wissen sie den Beobachtungen geschickt genug zu entlehnen: aber die wesentlichste Frage lassen sie unberührt, die nach den elementaren Kräften, auf deren Wirksamkeit und Verbindung die Möglichkeil aller dieser Gewohnheiten allein beruht. Neben dem feinsten Verständnis menschlicher Charaktere im Leben und neben der schärfsten Zeichnung derselben in den Werken der Kunst pflegt daher doch selbst ein gebildetes Zeitalter gewissen Grundvorstellungen über die Natur des geistigen Wesens zu folgen, über deren Rohheit es selbst erschrickt, sobald eine empirische Psychologie ihm die Summe derselben in wissenschaftlicher Allgemeinheit vorhält und abgelöst von dem bestechenden Reichtum spezieller Anschauungen, die allein in der lebendigen Anwendung ihre gänzliche Unzulänglichkeit verdeckten.         Dasselbe geistige Dasein nun, welches jene lebendige Kenntnis so fein in seinen letzten Verzweigungen und so gar nicht in seinen Wurzeln versteht, hat freilich stets auch den geordneten Angriffen der wissenschaftlichen Untersuchung offen gestanden. Aber ein doppeltes Mißgeschick hat auch diese ernstlichen Bestrebungen der Erklärung immer verfolgt. Zuerst hat die überwältigende Wichtigkeit des Gegenstandes jedes Zeitalter gedrängt, mit oft unzulänglichen Erkenntnismitteln eine abschließende Ansicht über ihn zu suchen. Wie sehr nun auch zur Beurteilung vieler Seiten des geistigen Lebens die nötigen Grandlagen nur in dem Innern des Geistes selbst liegen und daher dem Scharfsinn menschlicher Erkenntnis stets zugänglich sein mußten, so wird doch seine vollständige Auffassung nie ohne jene klaren naturwissenschaftlichen Anschauungen möglich sein, die im Verlaufe unserer Bildung sich bekanntlich spät und allmählich entwickelt haben. Im Angesicht so vieler mißlungener Versuche, das geistige Leben zu erklären, dürfen wir deshalb die Hoffnung doch nicht aufgeben, wenigstens in Bezug auf die enger begrenzte Frage, welche den Gegenstand unserer folgenden Betrachtungen bilden wird, glücklicher zu sein. Können wir uns nicht zuschreiben, eine größere Kraft des Gedankens gegen diese Rätsel zu wenden, so hat dafür der allgemeine Fortschritt der naturwissenschaftlichen Bildung nicht nur einzelne Schranken der Erkenntnis hinweggeräumt, sondern durch den umfassenden Überblick, den er uns über die Welt des Vorhandenen eröffnet, sind auch unsere allgemeinen Beurteilungsgründe klarer und zur Überwältigung mancher Schwierigkeit beweglicher geworden.         Es ist daher nicht sowohl die eigne Dunkelheit des Gegenstandes, die wir scheuen, als vielmehr jenes andere Mißgeschick, dem, wie wir erwähnten, die Versuche psychologischer Erklärung stets ausgesetzt gewesen sind. In jener lebendigen Menschenkenntnis sind wir mit den Erscheinungen des Seelenlebens äußerlich zu bekannt geworden, um noch gern zu glauben, die Wissenschaft wisse über sie mehr Aufklärung zu geben, als unsere unerzogenen Reflexionen bereits enthalten. Wie jeder andere Kreis von Erfahrungen, so ist auch der, den wir über psychische Erscheinungen uns gesammelt haben, durch die unablässige Tätigkeit halb unbewußter Überlegungen mit einer unfertigen Metaphysik allenthalben versetzt. Jene äußerliche Vertrautheit aber mit den Phänomenen des geistigen Lebens trägt die Schuld, dass wir gerade auf diesem Gebiete die Vorurteile jener unregelmäßigen Erklärungsversuche mit viel größerer Hartnäckigkeit, als sonstwo, den Behauptungen gegenüberstellen, welche eine besonnene und an umfassender Betrachtung der Welt großgezogene Spekulation geltend zu machen hat. Vieles erscheint daher der allgemeinen Meinung als eine klare und brauchbare Hypothese der Erklärung, was jede philosophische Theorie als eine völlig unmögliche Verkehrtheit zurückweisen muß; manches gilt umgekehrt jener fragmentarisch gebildeten Ansicht als unlösbares Rätsel, was die wissenschaftliche Auffassung als einfach und erledigt betrachten darf. So hat jener unangenehme Zustand der Dinge sich gebildet, dass zwar Jeder zugibt, die Entscheidung physikalischer Fragen hänge von der genauen Kenntnis unbestreitbarer Grundsätze ab, dass dagegen der Bereich psychologischer Untersuchungen fast für ein vogelfreies Gebiet gehalten wird, in welchem bei dem Mangel aller festen Gesetze und der Unmöglichkeit sicherer Ergebnisse Jeder den Einfällen folgen dürfe, die nach der besondern Eigentümlichkeit seines Bildungsganges ihn am meisten anmuten. Zwar müssen wir zugeben, dass hier wie in allen Wissenschaften, einzelne unentscheidbare Fragen sich finden, deren Beantwortung für jetzt einem subjektiven Gefühl des Richtigen anheimgestellt bleiben muß; nicht minder aber können wir das Vorhandensein ebenso sicherer Grundsätze behaupten, als sie irgend einer andern Wissenschaft zu Gebote stehn. Der Genialität unserer Physiologen mag das schöne Verdienst beschieden sein, diesen Grundsätzen durch individuellen Scharfsinn eine Reihe wichtiger Anwendungen abzugewinnen; in Bezug auf die Grundsätze selbst dagegen müssen sie mit Aufgebung subjektiver Neigungen sich zu der aufrichtigen Stellung eines Lernenden verstehen.         Indem wir nun den Versuch wagen wollen, den Zusammenhang des geistigen und des körperlichen Lebens in allen jenen Beziehungen zu schildern, die der Heilkunst von Wert sein können, müssen wir hoffen, dass eine ausdauernde Teilnahme unserer Leser die Ungunst der Stellung überwinden werde, in der sich alle solche Bestrebungen gegenwärtig befinden. Wir sehen uns einem Gegenstande gegenüber, dessen erste Frische längst durch unzählige vereinzelte und mißglückte Versuche seiner Erforschung für uns verloren ist; der Zugang zu dem ferner, was wir als feststehend und weiterer Entwicklung fähig behaupten möchten, steht uns nur nach dem langen Wege einer erschöpfenden Kritik jener Vorurteile offen, die sich verwirrend, Gesuchtes und Gegebenes am häufigsten verwechselnd, in unerhörten Entdeckungen einander überbietend, um diese Fragen angesammelt haben; endlich ist, was wir als das Wahre vertreten wollen, nicht eine jener extremen und capriciösen Ansichten, die gegenwärtig am meisten Hoffnung haben, die erschlaffte Empfänglichkeit für die Behandlung dieser Gegenstände wieder aufzustacheln. Unsere Absicht ist es vielmehr, eine Auffassung des Seelenlebens zu entwickeln, die den Anforderungen naturwissenschaftlicher Anschauung ebenso vollständig Genüge leistet, als sie anderseits unverkümmerten Raum läßt für die Anknüpfung jener sittlichen und religiösen Reflexionen, deren gleiches Recht an unsern Gegenstand zu leugnen wir der Leidenschaftlichkeit unserer Zeit nicht zugestehen dürfen. Wir wollen versuchen, diese allgemeinen Grundlagen der psvchologischen Untersuchungen hier zusammenzufassen, ohne Bildung und Sprache einer bestimmten philosophischen Schule vorauszusetzen, aber gleichzeitig auch ohne den Zusammenhang mit jenen Elementen der Bildung zu verlieren, die außer der Physiologie das menschliche Nachdenken bewegen, und deren Einflüsse der Naturforscher sich weder im Leben noch in der Wissenschaft zu entziehen vermag oder versuchen soll.

Erstes Buch - Allgemeine Grundbegriffe der physiologischen Psychologie

ERSTES KAPITEL.Von dem Dasein der Seele.

§. 1. Von den Gründen für die Bildung des Begriffs der Seele.

1. In unmittelbarer und unzweifelhafter Wahrnehmung ist es andern Wissenschaften vergönnt, den Gegenstand ihrer Untersuchung vor sich zu sehn; auf Pflanze, Tier und Stein kann die Naturgeschichte, wie auf festgezeichnete Bilder einer Allen in gleicher Weise zugänglichen Anschauungswelt verweisen. Mühseliger ist der Beginn der Psychologie. Schon in ihrem Anfang sehen wir uns über Dasein und Begrenzung ihres Gegenstandes in einen Streit verwickelt, den zu unterhalten und zu verwirren stets die ganze Leidenschaftlichkeit der mannigfachen Vorurteile geschäftig war, die ein so großer Gegenstand, alle Interessen des menschlichen Lebens berührend, notwendig in Bewegung setzen mußte. Die Ereignisse, die wir dem Gebiete des geistigen Daseins zurechnen, alle jene Formen des Bewußtseins, der Empfindung und der Rückäußerung innerer Zustände, sind für uns stets nur in unauflöslicher Verbindung mit den gleich veränderlichen Zuständen des lebendigen Leibes Gegenstände einer wirklichen Beobachtung. Hätte die Bildung der Sprache sich begnügt, aus der Menge dieser verschiedenen und wandelbaren Ereignisse das Gleichartige und Entsprechende, unter dem Namen psychischer Erscheinungen vielleicht, zusammenzuziehen, so würde sie uns dadurch den tatsächlich vorhandenen Gegenstand einer möglichen Wissenschaft vorurteilslos bezeichnet haben. Aber vorahnend, wie immer, hat sie zugleich theoretisiert, und indem sie den Begriff der Seele schuf, eine große und wichtige Behauptung, welche das Ergebnis strenger Untersuchung sein müßte, in Gestalt eines unwissenschaftlichen Vorurteils unserm gewöhnlichen Vorstellungskreise einverwebt. Denn indem sie unter dem Namen der Seele in die Mitte jener beobachteten Erscheinungen ein durch keine Beobachtung nachweisbares Subjekt hineinstellte, hat sie ausgesprochen, dass jene Gruppe von Erscheinungen nicht nur um ihrer innern Verwandtschaft willen auf einen eigentümlichen Erklärungsgrund überhaupt hinweise, sondern dass dieser Grund nur in der Annahme eines eigentümlichen substantiellen Wesens zu finden sei.

2. Die Möglichkeit, Psychologie als eigene Wissenschaft auszubilden, oder die Notwendigkeit, sie als einzelnes Gebiet der Anwendung den übrigen Naturwissenschaften einzuschalten, beruht auf der Wahrheit oder Unwahrheit dieses Vorurteils, das wir in der Bildung jeder Sprache wiederkehren sehen und deshalb zu den beständigsten Erzeugnissen menschlicher Reflexion zählen müssen. Man könnte es vorziehen wollen, hier, wie am Anfange anderer Naturwissenschaften, diese Frage dahin gestellt zu lassen, und von der vollendeten Untersuchung der Erscheinungen, die uns allein gegeben sind, die Entscheidung über die Natur des unbeobachtbaren Prinzips zu erwarten, auf welches sie zurückzudeuten sind. Die unvermeidliche Unvollkommenheit psychologischer Wahrnehmungen läßt uns indessen von diesem Aufschub nicht gleichen Vorteil hier wie dort voraussehn. Der Naturbeobachtung steht eine so feine Messung freiwillig geschehender und eine so große Mannigfaltigkeit künstlich zu erzeugender Ereignisse zu Gebot, dass sie leicht aus der Vergleichung ihrer Erfahrungen die Möglichkeit des einen, die Unmöglichkeit des andern, und auf dem Wege fortwährenden Ausschließens die alleinige Zulässigkeit eines einzigen Erklärungsprinzipes folgern kann. Unsere Beobachtungen psychischer Zustände dagegen sind so fein und bestimmt niemals, dass uns eine einzelne von ihnen einen entscheidenden Beweis für die eine oder die andere Ansicht darböte; jene Züge des Seelenlebens aber, auf welche die Wahl eines Erklärungsgrundes am Ende der Untersuchung doch immer wieder zurückkommen würde, sind auch an ihrem Anfange klar genug, um die Beantwortung jener Frage zu dem ersten Gegenstande unserer Überlegung zu machen. In drei Zügen nun scheint die lebendige Bildung der Sprache den Grund für die Erschaffung jenes Begriffes der Seele gesehen zu haben. Zuerst in der beobachteten Tatsache des Vorstellens, Fühlens und Begehrens, dreier Formen des Geschehens, in denen sich außer dem bloßen Sein und Geschehen noch eine hinzukommende Wahrnehmung dieses Seins und Geschehens, das Phänomen des Bewußtseins im weitesten Sinne, zeigt; dann in der Einheit dieses Bewußtseins, welche nicht gestattet, die geistigen Tätigkeiten an ein Aggregat teilbarer und nur äußerlich verbundner körperlicher Massen zu knüpfen; endlich in dem nicht beobachteten, sondern aus Beobachtungen gefolgerten Umstände, dass alles übrige Seiende sich in allen seinen Verhältnissen nur als wirkende Ursache benimmt, die nach allgemeinen Gesetzen vorherbestimmte Folgen mit Notwendigkeit erzeugt, während das Beseelte allein als handelndes Subjekt Bewegungen und Veränderungen, Taten überhaupt, mit neuem Anfange frei aus sich hervorgehn läßt. Prüfen wir nun, ob diese Züge die Annahme eines eigentümlichen Prinzips, der Seele ihrer Erklärung unentbehrlich machen, so werden wir finden, dass die Psychologie sich nicht auf alle mit gleichem Rechte stützen kann.

3. Von äußern Eindrücken und ihren physischen Wechselwirkungen mit den materiellen Elementen unsers Körpers zeigt uns eine allgemeine und unablässig wiederholte Erfahrung die Veränderungen unserer geistigen Zustände abhängig. Andere Farben sieht unser Auge, andere Töne vernehmen wir, wenn die Schwingungsfrequenz oszillierender Mittel sich ändert, die unsere Sinneswerkzeuge berühren, andere Empfindungen knüpfen sich an den Wechsel der Gestalt, der Dichtigkeit und der Geschwindigkeit der bewegten Körper, die mit der Oberfläche unsers Leibes in Berührung kommen, und alle diese Veränderungen erfolgen gesetzmäßig, unter gleichen Bedingungen sich stets in gleicher Weise wiederholend. Gewisser ist daher nichts, als dass die physischen Zustände körperlicher Elemente ein Reich von Bedingungen darstellen können, an welchen Dasein und Form unserer geistigen Zustände mit Notwendigkeit hängt. Aber alles, was den materiellen Elementen der Natur als solchen, oder was dem eigenen Körper als einer Zusammenfassung vieler von ihnen zustoßen kann, die Gesamtheit aller jener Bestimmungen der Ausdehnung, Mischung, Dichtigkeit und Bewegung, ist zugleich völlig unvergleichbar mit der eigentümlichen Qualität jener geistigen Zustände, die wir an sie geknüpft sehen. Keine Analyse würde in der Natur einer Schallwelle einen hinlänglichen Grund finden können, am deswillen sie als Ton und zwar als dieser bestimmte Ton empfunden werden müßte; umgekehrt sind Jahrtausende lang die Farben wahrgenommen worden, ohne dass in ihnen eine Hindeutung auf die Wellenzahl eines vibrierenden Äthers bemerkt worden wäre. Es würde zu rasch sein, um dieser Schwierigkeit willen sofort zu einem eigenen psychischen Prinzip zu flüchten; auch in dem Gebiete des unbeseelten Geschehens finden wir ähnliche Vorkommnisse, deren Analyse uns zu einer richtigeren Auffassung dieser Vermutung eines eigentümlichen Prinzips zurückführen wird.

4. Es ist ein sehr irrtümlicher Grundsatz, dem man oft zu huldigen pflegt, dass jede Wirkung ihrer Ursache, jede Folge ihrem Grunde ähnlich sein müsse. So lange sich diese Meinung auf die äußerlich beobachtbare Form der erscheinenden Ursachen und Wirkungen bezieht, kann nichts grundloser sein als sie. Das Leben der Natur besteht vielmehr gerade in unendlich wechselnden Kombinationen einfacher Prozesse, die äußerst verschiedene Erscheinungen darbieten können, indem die jedesmalige Stellung wirksamer Elemente zu einander bald einzelne Kräfte, die früher ruhten, zur Tätigkeit beruft, bald anderen die Möglichkeit erfolgreicher Äußerung entzieht. So lange wir die qualitative Veränderlichkeit der Körper außer Acht lassen und sie nur als Massen betrachten, läßt sich allerdings leicht nachweisen, wie Geschwindigkeit und Richtung der Bewegung, in die sie versetzt werden, analytisch schon in den Bewegungen anderer enthalten lag, durch deren Anstoß ihnen die ihrige mitgeteilt wurde, oder in jenen beständigen Kräften, die der Masse ursprünglich eigen, nach verschiedenen Entfernungen verschiedene Beschleunigung erregen. Sehen wir dagegen eine langsam anwachsende Temperatur, die zunächst nur stetig die gewohnte Ausdehnung einer Materie hervorbrachte, bei einer gewissen Höhe plötzlich mit einer Explosion derselben endigen, so entgeht uns im ersten Augenblicke der analytische Zusammenhang beider in ihrer Form so verschiedenen Ereignisse. Dennoch ist er gewiß vorhanden, und wir besinnen uns bald, dass er eben in jener ausdehnenden Kraft der Wärme liegen mag, die auf die verschiedenen Bestandteile der zusammengesetzten Materie nicht gleichmäßig, sondern verschieden einwirkte, weil sie dieselben nicht als indifferente Massen, sondern als spezifische Elemente antraf, deren eigentümliche Verwandtschaften nun Gelegenheit fanden, nach ihren Gesetzen die letzte Gestalt des Erfolges hervorzubringen. Einer gleichen Anschauungsweise bedienen wir uns in den Naturwissenschaften überall. In der stetigen Fortdauer oder dem gleichförmigen Anwachs einer einfachen Kraft liegt niemals der Grund, warum sie unstetige Wirkungen von springender Veränderlichkeit erzeugen sollte, in der Natur derselben Kraft nie der Grund, warum sie hier und dort qualitativ verschiedene Effekte bedingte. Wo sich in der Natur eines veranlassenden Prozesses analytisch die qualitative Form des mit ihm verknüpften Erfolges nicht nachweisen läßt, liegt sie ohne Zweifel in der spezifischen Natur des Objektes begründet, auf welches jener Prozeß einwirkte, und so verschiedenartige Gruppen von Wirkungen wir aus gleichen Reizen hervorgehen sehen, so verschiedenartige Substrate haben wir anzunehmen, deren eigentümliche Natur die letztern in Anregung setzten. Die Psychologie hat dieselben Voraussetzungen zu machen. Alle jene physischen Reize sind so unvergleichbar mit den geistigen Zuständen, dass diese zwar von ihnen abhängen, aber nicht durch sie allein, sondern nur durch die Eigentümlichkeit einer zweiten irgend wie gestalteten Prämisse hinreichend begründet sind, mit welcher jene Reize zusammentreffen.

5. Wenn auf dieser Grandlage indessen die Psychologie sofort die Behauptung wagte, dass nur ein eigentümliches substantielles Prinzip, die Seele, diese spezifische zweite Prämisse bilden könnte, so würde sie eine richtige Ansicht um einen Schritt zu früh vortragen. Denn jene allgemeinen Betrachtungen nötigen uns nur zu der Annahme, dass der genügende Grund der geistigen Vorgänge nicht in den physischen Prozessen der Reize oder in den ihnen ähnlichen des organisierten Körpers liegen könnte. Sie setzen voraus, dass irgendwo andere als materielle Eigenschaften vorhanden sind, auf welche die Reize wirken, aber sie nennen das Subjekt nicht, an dem diese Eigenschaften sich finden. Man kann deshalb daran zweifeln, ob es notwendig sei, diese besondern Eigenschaften auch an ein ebenso besonderes isoliertes Subjekt geknüpft zu denken, und ob sie sich nicht vielmehr an derselben Materie finden dürften, die es doch ist, welche den veranlassenden Anstoß der äußern Reize in sich aufnimmt. Jedes Element der Materie, so wird man meinen, führe neben seinem äußerlichen mechanischen Dasein noch ein inneres Leben für sich, und werde deshalb durch physische Reize nicht nur in veränderte physische Zustände versetzt, sondern erzeuge auf Veranlassung derselben aus dieser wesentlich andern Seite seiner Natur heraus jene einfachen Elemente geistiger Tätigkeit.

6. Auf solche Vorstellungen ausführlicher einzugehn werden wir später vielfache Aufforderung finden; wir müssen ihnen jedoch hier bereits zugeben, dass in jener völligen Unvergleichbarkeit physischer und psychischer Ereignisse allerdings kein hinlänglicher Grund liegt, sie an zwei verschiedene Gattungen von Substanzen, Materien und Seelen zu verteilen. Wenn jedoch eine solche Verteilung nicht dennoch aus andern Gründen notwendig wäre, so würde doch die Einheit des Subjektes, an welchem sich beide Ereigniskreise entwickeln sollen, keinen erheblichen Vorteil für die Ausbildung der Psychologie gewähren. Denn für die wissenschaftliche Analyse der Erscheinungen wurde hierdurch die Kluft, die sich zwischen beiden ausbreitet, nicht geschlossen. Innerhalb desselben Wesens würden noch immer beide vollkommen vermittlungslos nebeneinander stehen, ohne dass aus der Kenntnis seiner materiellen Veränderungen eine Herleitung der psychischen Zustände möglich wäre, die auf sie folgen müssen. Wir würden zwar, der Erfahrung gemäß, behaupten dürfen, es sei so, dass mit gewissen Modifikationen der körperlichen Verhältnisse gewisse Abwandlungen auch der geistigen Tätigkeiten korrespondierend verbunden vorkommen, aber niemals würden wir im Stande sein, den inneren Grund nachzuweisen, der aus den physischen Bewegungen die ganz disparaten geistigen Erscheinungen hervorgehn läßt. Derselbe Zustand der Untersuchung würde eintreten, den wir in Bezug auf die meisten Wechselwirkungen physischer Kräfte im engem Sinne und chemischer Wahlverwandtschaften bestehen sehen. Wir wissen, dass die Wirksamkeit der letztern durch die Effekte der erstem mannigfach verändert werden kann; aber es ist uns bisher noch unmöglich gewesen, ein allgemeines und den innern Hergang nachweisendes Gesetz dieser Einflüsse aufzufinden; wir können daher nichts tun, als für die einzelnen Fälle die physischen Umstände namhaft machen, welche auf unbekannte Weise den chemischen Kräften Gelegenheit zu ihrer Wirksamkeit verschaffen. Für einige Untersuchungen der Psychologie wurde auch diese nur kombinierende, aber nicht erklärende Form der Betrachtung ihre Vorteile haben; einen großen Gewinn für die Entwicklung der Psychologie überhaupt bringt jedoch diese Vereinigung physischer und psychischer Attribute in demselben Substrate nicht herbei; sie würde nur, unabhängig von dem Grade ihrer Brauchbarkeit, als Teil der Wahrheit an und für sich von Wert sein, wenn es möglich wäre, sie in dieser Gestalt mit den Anforderungen der Erfahrung in Übereinstimmung zu setzen.

7. Dies jedoch finden wir unmöglich um jener Einheit des Bewußtseins willen, auf welche sich die Annahme eines eigentümlichen Prinzips für die psychischen Erscheinungen ebenso sehr als auf ihre Unvergleichbarkeit mit den physischen Ereignissen stützt. Ich fürchte nicht, dass man das Dasein jener Einheit durch mißverständliche Einwürfe anfechten wird. Die Tatsachen vergessener und wieder erinnerter, oder die der scheinbar in verschiedenen Höhen im Bewußtsein schwebenden Vorstellungen mögen darauf hindeuten, dass das Bewußtsein nicht für alle Teile seines Inhalts dieselbe Form der Zusammenfassung besitzt, aber sie heben jene Einheit nicht auf, welche die Grundlage unserer gegenwärtigen Betrachtung ist. Denn diese besteht nicht darin, dass alle innern Zustande beständig in gleicher Strenge und Engigkeit der Verknüpfung gehalten werden, sondern darin, dass es dem Bewußtsein überhaupt möglich ist, auch nur wenige Eindrücke zu jener Einheit zusammenzufassen. Dass nun die Möglichkeit dieser Tatsache, die wir so unendlich oft beobachten, nur unter der Voraussetzung einer eigentümlichen Seele denkbar sei, finden wir sogleich, wenn wir genauer das Subjekt zu bestimmen suchen, auf welches die vorhin erwähnte Ansicht physische und psychische Prozesse zu häufen denkt. Nur der ungebildetsten Meinung gilt der ganze Körper für die geistig tätige Person; es zeigt sich zu bald, wie viele seiner Teile für das Seelenleben nur äußerst mittelbare Bedeutung haben; Kopf oder Herz werden später als die materiellen Subjekte der geistigen Regsamkeit betrachtet; physiologisch gebildetere Zeiten beschränken sich weiter auf das Nervensystem, und in ihm selbst unterscheidet die neuere Wissenschaft die Leiter der Erregungen von jenen Zentralteilen, die allein die unmittelbaren Substrate und die Erzeuger der psychischen Verrichtungen sein sollen. Aber die anatomische Forschung weist in der Struktur dieser Teile keine Verschmelzung ihrer Fasern zu einem einzigen Endpunkte nach, und vermöchte sie es selbst, so würde auch dieser Punkt doch in einer teilbaren noch immer ausgedehnten Masse bestehen, in welcher man wieder ins Unendliche hin mittelbar mitwirkende Bestandteile von einem immer mehr ins Kleine sich ziehenden Zentralpunkte zu unterscheiden suchen würde. Diese Lage der Dinge läßt jener Hypothese nur zwei Auswege übrig. Entweder sie muß, was sie nicht findet, durch eine neue Vermutung schaffen, und irgendwo in den Zentralmassen des Nervensystems einen unteilbaren, und durch den Mangel aller Ausdehnung der sinnlichen Wahrnehmung entrückten Punkt annehmen, der dann freilich nicht mehr den Namen der Materie verdienen, sondern unwillkürlich den Übergang zu jener richtigeren Ansicht der Dinge bilden würde, welche ein übersinnliches Wesen als das wahre Subjekt des Seelenlebens mit dem Komplexe der körperlichen Massen in Verbindung denkt. Oder wer die Gefahr dieses Überganges scheut, müßte sich entschließen, die Einheit des Bewußtseins aus der Vielheit der unter einander sich bedingenden Zustände zu konstruieren, die in den mancherlei materiellen Bestandteilen der Nervenmassen gleichzeitig oder sukzessiv bestehen.

8. Es kann für uns gegenwärtig nur Interesse haben, diesen letzteren Versuch zu verfolgen, den wir oft gemacht und stets scheitern sehen. Die Zusammensetzung der physischen Bewegungen nach dem Parallelogramm der Kräfte ist die verführerische Analogie, deren gewöhnlich etwas ungenauer Ausdruck diese unerfüllbaren Hoffnungen zu erregen pflegt. Zwei Bewegungen sollen eine dritte nicht minder einfache erzeugen, als sie selbst waren. Warum also sollten nicht auch die innerlichen psychischen Zustände der einzelnen Nervenelemente, ihre Empfindungen, ihre Gefühle, ihre Strebungen, in beständiger Wechselwirkung mit ähnlichen Zuständen ihrer Nachbarn begriffen, zuletzt den einfachen Strom eines Gesamtbewußtseins erzeugen, der gleich einer resultierenden Bewegung uns stets den Schein der Einheit geben müßte, obgleich er aus unendlich vielen Komponenten erzeugt ist? Wir sagten oben, dass der ungenaue Ausdruck jenes physischen Gesetzes solche Hoffnungen errege. Das Parallelogramm der Kräfte sagt uns, dass zwei Kräfte, auf einen und denselben Punkt einwirkend, diesem Punkte eine mittlere einfache Bewegung erteilen. Von der Einheit dieses Punktes schweigt jene Hypothese, denn nicht irgend einem sich gleichbleibenden, außerhalb des Geflechtes der Nervenfasern für sich bestehenden Punkte, nicht einer einfachen psychischen Substanz läßt sie die Hirnfasern ihre Bewegungen mitteilen, sondern ohne Voraussetzung eines solchen Punktes sollen die Tätigkeiten derselben überhaupt nur Resultanten bilden. Man kann dies doppelt deuten. Gewiß liegt einer großen Menge solcher Aussprüche wirklich die leichtsinnige Unklarheit zu Grunde, als könnten die Tätigkeiten verschiedener Teile eine Resultante hervorbringen, die nicht nur als Zustand irgend eines oder mehrerer von diesen Teilen selbst, sondern als selbständiges Wesen dastände. Lassen wir jedoch dies äußerste Mißverständnis beiseit, und nehmen wie als zugestanden an, dass aus der Verschmelzung mehrerer Tätigkeiten nie von selbst ein neues Subjekt entstehe, dem ihre Resultante zukommt, dass diese vielmehr stets an denselben Substraten haften müsse, von denen die zusammensetzenden Bewegungen ausgingen, oder auf die sie wirkten, so bleibt uns nur folgende Ansicht der Sache übrig. Jedes Nervenelement wird auf eine uns übrigens unbekannte Weise die inneren psychischen Zustände, in die es durch irgend welche Reize versetzt ist, auf seine näheren und entfernteren Nachbarn übertragen. Nach allen Analogien naturwissenschaftlicher Anschauung müssen wir voraussetzen, dass auf die Größe dieser Mitteilung teils die Verschiedenheit der räumlichen Lage, teils der Grad der Engigkeit des physiologischen Zusammenhangs der Elemente bedeutenden Einfluß haben wird. Wie eine Welle mit abnehmender Höhe sich über einen zunehmenden Wasserkreis verbreitet, wird der jedem Element eigentümliche Erregungszustand sich den entfernteren nur in geringerem Grade mitteilen und am Ende dieser ganzen Zerstreuung wird jedes derselben sich in einem andern Gesamtzustande innerer Erregungen befinden als jedes andere. Dies wird wenigstens der Fall sein während der kurzen Zeit, die bei der beständigen Abwechselung der Eindrücke im Seelenleben jedem einzelnen zu seiner ungestörten Verbreitung vergönnt ist, und die stets die Herstellung eines vollkommen gleichartigen Zustandes in allen einzelnen Nervenelementen verhindern würde.

9. Diesem Ergebnis wüßten wir nichts mehr hinzuzufügen; dass es weit entfernt ist, die Einheit eines Bewußtseins zu begründen, leuchtet von selbst ein. Anstatt der einen Seele, deren Zustände wir zu konstruieren suchten, hätten wir nur ein Aggregat vieler kleinen Seelen erlangt, deren jede die Erregungen der andern in einer ihr allein eigentümlichen Weise und Größe mitempfände. Ihre Vielfältigkeit läßt die Frage übrig, welches dieser tätigen Elemente es nun sei, dessen innere Zustände unser Seelenleben repräsentieren. Man wird vielleicht annehmen wollen, dass unter so Vielen doch nur Eines so günstig lokalisiert und in so glücklichen organischen Verhältnissen mit den übrigen verbunden sei, dass es als Erstes unter Gleichen allein eine reiche und ungeschmälerte Zusammenfassung aller Eindrücke besitzt, während alle übrigen, abgesehn von dem innern Leben, das sie für sich fahren, in Bezug auf dieses Zentralelement nur als dienende zuleitende Wesen zu betrachten sind. Man wird damit nur zu der allgemeinen Forderung einer Einheit zurückkehren, auf welche wie auf ihren sammelnden Brennpunkt alle jene Tätigkeiten einzelner und zerstreuter Teilchen einwirken. Man wird sich endlich auch entwöhnen, diese Einheit in irgend einem ausgedehnten Massenelemente zu suchen und zugestehn, dass das Bewußtsein, welches in der Tat eine Art Resultante aller Wirkungen einzelner Organe ist, doch diese Resultante nur dann sein kann, wenn ein einfaches, immaterielles Subjekt schon feststeht, auf welches alle die zusammenströmenden und einander modifizierenden Wirkungen sich beziehen. Der Anerkennung dieser Wahrheit dürfte kaum etwas Anderes entgegenstehen, als die oft unbesiegliche Neigung zu jener Unklarheit, die wir oben gern als unmöglich bezeichnet hätten, die Gewohnheit nämlich, aus Zuständen und Ereignissen neue Bewegungen und Begebenheiten hervorgehn zu lassen, ohne sich im Mindesten um die genaue und sorgfältige Bezeichnung des Subjekts zu bekümmern, an welchem das Neuentstandene zum Vorschein kommen wird.

10. Behaupten wir nun, dass auf dieser Einheit des Bewußtseins die Annahme eines eigentümlichen Seelenwesens vollkommen fest und sicher beruhen kann, so gibt uns das eben Erwähnte zugleich einen neuen Beweis dafür, dass die Hypothese eines psychischen inneren Lebens aller Materie für die Ausbildung unserer Wissenschaft gänzlich fruchtlos ist. Könnten die Empfindungen und Strebungen einzelner Nervenelemente gleich über diesen Substraten schwebenden Flammen sich zu einer Gesamtempfindung und Strebung zusammensetzen, und in sich selbst ein neues einfaches Subjekt nacherzeugen, dem diese angehörte, so möchte es allerdings von Vorteil sein, das psychische Leben schon in diesen materiellen Elementen vorhanden zu denken. Aber jedes von ihnen kann seine eignen innern Zustände nur auf ein anderes übertragen, und auch das nur dadurch, dass es dem andern einen physischen Anstoß mitteilt, durch den dieses zur neuen Erzeugung des gleichen psychischen Prozesses sich selbst bestimmt wird. So müssen wir wenigstens annehmen, wenn wir in Zusammenhang mit den übrigen Naturwissenschaften bleiben und nicht durch die Behauptung eines unmittelbaren sympathetischen Rapports, durch den ein Teil die Stimmung des andern ohne physikalische Botschaft ahnte, den ganzen feinorganisierten Bau der Nervenzentralorgane überflüssig und unerklärbar machen wollen. Ist aber diese physische Vermittlung einmal notwendig und gleich notwendig die Vorstellung eines individuellen Elementes, in welchem sich alle diese Anstöße sammeln, so leisten alle übrigen Elemente, wenn sie als Massen nur physische Prozesse weiter leiten und nicht denken, für die Erklärung des geistigen Lebens in jenem bevorzugten Elemente genau ebenso viel, als wenn sie die Weiterbeförderung dieser physischen Anreize mit eigenem wirkungslosen Nachdenken in sich selbst begleiteten. Es hat ohne Zweifel jene Ansicht ihr eigentümliches allgemeines Interesse, dessen Betrachtung wir später nicht ausschließen wollen; für die Entwicklung der Psychologie jedoch werden wir stets ausreichen, wenn wir von allem psychischen Leben der Teile, als einer unserer Beobachtung gänzlich entgehenden Begebenheit absehn und sie nur als physische Massen betrachten, deren weitergeleitete Erregungszustände erst in dem einen individuellen Wesen der Seele die Erscheinungen des Vorstellens, Fühlens und Strebens veranlassen.

11.

§.2. Von wahrer und falscher Einheit.

Die Einwürfe, durch welche man die richtige Auffassung des Verhältnisses zwischen Leib und Seele namentlich in unserer Zeit so oft verdunkelt hat, gehen von so verschiedenen irrtümlichen Vorurteilen aus, dass es schwer sein würde, ihnen allen durch die bloße positive Darstellung unserer Überzeugungen hinlänglich zu begegnen. Wir versuchen deshalb, soweit so verworrenen Elementen gegenüber ein methodischer Gang möglich ist, diese Meinungen zu prüfen, so wie sie als die gewöhnlichen Bestandteile des modernen Räsonnements über diese Gegenstände sich darbieten. Wo die Gelegenheit es mit sich bringt, werden wir allerdings aus den Werken an sich beachtenswerter Schriftsteller die Darstellung jener Meinungen entlehnen, um jeder Auffassungsweise auch die ihr eigentümliche Färbung ihrer Äußerung zu lassen; doch schien es nicht notwendig, diesen Sätzen die Namen ihrer Urheber hinzuzufügen, da nur wenige die Erzeugnisse eigentümlicher persönlicher Bildungsrichtungen, die meisten vielmehr nur Ausdrücke traditionell gewordener Reflexionen sind.

12. Unter Allem, was gegen die Scheidung der Seele als eines eigentümlichen Prinzips von dem Körper eingewandt zu werden pflegt, tritt eine ängstliche Scheu vor dem formellen Fehler der durch sie begründeten Zwiespältigkeit des Geistigen und Körperlichen in der Welt überhaupt, als die Quelle höchst mannigfach variierter Bedenken hervor. Eine so große Gewalt übt die Sehnsucht nach Einheit der Welt aus, dass jeder Versuch, jene beiden Reiche des Seienden in ihr zu unterscheiden, als die unzulässigste Verderbung der gesamten Weltansicht gefürchtet wird. Wir kommen später vielleicht selbst auf die Notwendigkeit zurück, diese Trennung aufzuheben; hier dagegen müssen wir behaupten, dass jene formelle Bedenklichkeit gegen sie vollkommen ungegründet ist. Gewiß bestreiten wir nicht, dass die Sehnsacht nach Einheit der Welt Recht hat, aber sie verfehlt ganz den Punkt, in welchem sie Befriedigung finden kann. Der Bau der Welt läßt uns drei in einander verschlungene Elemente beobachten: zuerst das Reich allgemeiner und abstrakter Gesetze, nach deren Bestimmungen in jedem einzelnen Falle die Wirkung der Kräfte von Punkt zu Punkt, von Augenblick zu Augenblick erfolgt: neben ihnen zweitens die Fülle der vorhandenen Realitäten, die mit ihren Eigenschaften die wirklichen Träger eben der Kräfte sind, deren Erfolg nach jenen allgemeinen Gesetzen gemessen wird; über beiden drittens den spezifischen Plan, nach welchem sich, realisiert durch die Tätigkeit aller gesetzlich wirksamen Kräfte, das Leben der Welt in eine gleichzeitige Breite sowohl, als in den zeitlichen Fortschritt einer Geschichte ausdehnt. Die Forderung der Einheit hat unmittelbar nur Beziehung auf dieses letzte Element des Weltbaus. Das allerdings würde eine unheilbare Verwirrung unserer Weltansicht sein, wenn wir uns die Gesamtheit des Daseins nicht zur Vermittlung einer einzigen und gemeinsamen Geschichte, nicht zur Erreichung eines und desselben Zieles in die Einheit eines umfassenden Planes aufgenommen dächten. Und von dieser Einheit hängt folgerichtig auch die andere der allgemeinen Gesetze ab; eine in sich zusammenstimmende, zu einem Plane verbundene Welt verlangt formell schon, gleichviel welches der bestimmtere Inhalt dieses Planes sein mag, eine Gemeinsamkeit der Regeln, nach denen alle jene Kräfte wirken, auf deren Tätigkeit das Zustandekommen und die Selbsterhaltung des Ganzen beruht. Aber nicht ebenso ist es eine Forderung unserer Vernunft, dass nun auch das Reich der Realitäten, jenes zweite Element des Wellbaues, irgend eine qualitative Gleichartigkeit zeige. Sie wird nur so weit vorauszusetzen sein, als sie nötig ist, um alles Seiende den einfachsten und höchsten jener allgemeinen Gesetze gleichmäßig untertan zu machen, aber nur ein völliges Mißverständnis der Welt kann hier, wo im Gegenteil alles Leben aus der Mannigfaltigkeit verschiedener und entgegengesetzter Wirksamkeiten fließen muß, unter dem Vorwand nötiger Einheit eine traurige Monotonie des Daseienden verlangen. Es mag wohl sein, dass andere Gründe, deren wir später gedenken werden, das Vorhandensein gerade dieser Trennung, durch welche das Reich des Realen in körperliche und geistige Wesen zerfiele, unglaublich machen, aber gewiß in jenem bloß formellen Fehler eines Mangels an Einheit liegt ein Motiv zu solcher Behauptung nicht, und wir würden uns nicht im Mindesten bedenken, falls die Tatsachen der Erfahrung eine ähnliche Annahme nötig machten, die Anzahl solcher getrennter Gattungen des Realen noch weit über diese Duplizität von Körper und Geist zu vermehren.

13. Aber anstatt hierauf zu achten, sehen wir vielmehr jene Ansichten gar häufig gerade die Einheit des Planes willig aufopfern, um die Monotonie der Substrate zu retten. Dieselben Schriftsteller, welche die Trennung von Körper und Geist als eine unstatthafte Zersplitterung der Welt betrachten, haben selten etwas dawider einzuwenden, dass der Weltlauf überhaupt planlos sei, und dass jedes einzelne Ereignis, jedes Erzeugnis desselben nur a tergo durch die nachwirkende Gewalt seiner vorangehenden Bedingungen in das Leere hinausgeschoben werde, ohne durch eine Macht, die es a fronte bewegt, mit allen andern nach einem gemeinsamen Ziele hingezogen zu werden. Und doch ist alles Verlangen nach Einheit überhaupt ohne Zweifel nur als Teil des allgemeineren Bestrebens zu begreifen, der Welt den Charakter inwohnender Vernünftigkeit zu sichern, und sie nicht nur als vorhandene, sondern als bedeutsame und wertvolle Welt gelten zu lassen. Wie kann nun dieses Bestreben Befriedigung hoffen, wenn es jene Einheit des Planes vorher aufopfert, um deren willen allein eigentlich die Voraussetzung entstehn kann, auch in dem übrigen Gefüge der Welt gegenseitige Beziehung der Teile auf einander und zweckmäßige Zusammenstimmung zu finden? Ist der Weltlauf nur eine Summe von Erfolgen, die aus Bedingungen hervorgehn, in welcher Weise könnte dann eine Monotonie und Ähnlichkeit dieser Bedingungen sowohl als jener Erfolge irgend einen größeren Wert haben, als die bunteste und prinziploseste Verschiedenheit beider? Allgemeingütigkeit der Gesetze, Konsequenz, Analogie oder Verschiedenheit in der Bildung des mannigfachen Realen, das Alles ist Nichts, was man um seines eignen Wertes willen als notwendig vorhanden denken müßte; es wird nur in dem Maß vorauszusetzen sein, als es die formelle notwendige Vorbedingung für die Realisierung jenes Planes der Welt ist, auf den die Voraussetzung der Einheit ganz allein eine unmittelbare Anwendung findet. Wer diesen Plan leugnet und dennoch in der Bildung des Realen Einheit und Gleichheit für notwendig ansieht, jagt einem Schatten nach und leugnet das Dasein dessen, das ihn wirft. In jenem Plane der Welt, wenn wir seinen Inhalt kannten, würden nun vielleicht ebensowohl Motive für diese Gleichheit des Seienden, als für die vielfarbigste Verschiedenheit liegen können, und eben weil beides möglich ist, bleibt es eine grundlose Behauptung, dass die Duplizität des Seienden, die wir durch die Trennung von Körper und Seele, nach den Anforderungen der Tatsachen, annehmen, eine formell unzulässige sei.

14. Eine größere Kraft allerdings scheint der eben zurückgewiesene Einwurf zu gewin-nen, wenn wir zurückgehend auf die Entstehung des Realen, nach der Quelle fragen, aus welcher so entgegengesetzte Kreise des Seienden, die Materie und die Seele hervorgegangen seien. Wir wissen, wie große Mühe die neuere Philosophie darauf verwandt hat, aus dem einen Urgrund eines absoluten Wesens beide Zweige des Daseins zu entwickeln. Aber die wesentlichste Aufgabe der Psychologie ist es nicht, die erste Entstehung ihres Objektes zu begreifen. So wie wir die Einheit des Planes in der Welt voraussetzen, haben wir natürlich auch die Einheit ihres Urhebers oder allgemeiner des substantiellen Grundes ausgesprochen, aus dem sie hervorging, und wir zweifeln nicht im Geringsten daran, dass, so wie alle Unterschiede des Seienden, so auch der zwischen Körper und Seele nur eine beschränkte Geltung hat, und in der Einheit des höchsten Weltgrundes verschwindet. Eben so wenig möchten wir die Versuche tadeln, die Art dieses Zusammenfließens der Erscheinungen in jene Einheit näher zu untersuchen; aber wir können nicht hoffen, dieser Unternehmung sobald sichere Ergebnisse abzugewinnen, dass wir sie unserer Wissenschaft, die zunächst eine andere Aufgabe hat, zu Grunde legen könnten. Was in seiner Wurzel identisch ist, kann in seinen Zweigen weit auseinandergehn. Wohl mag nun in der Bildung einer Wurzel auch das Gesetz des Winkels schon vorgebildet liegen, nach dem die Äste einer Pflanze von einander weichen. Stände uns eine Botanik zu Gebote, welche die Bildungsverhältnisse der Wurzel mit so scharfem Auge durchschaute, um jene Prädestination zu sehen, so würde allerdings unsere Kenntnis auch der Verzweigungen einen ganz andern Grad der Sicherheit erlangen, als sie besitzt. Dürften wir eine Metaphysik voraussetzen, scharf und ergiebig genug, um die Begriffe der ersten Elemente nicht nur wahr, sondern auch fruchtbar zu fassen, so würde gewiß die Erkenntnis der Natur eines noch ungeschiedenen Absoluten uns mächtig in der Beurteilung der Gesetze unterstützen, nach denen nach erfolgter Scheidung seine beiden Zweige, geistige und körperliche Welt, sich zu einander verhalten. Aber was hilft es, von Dingen zu träumen, die nicht sind? Wir sind nun einmal nicht an den Anfang der Dinge, nicht an die Wurzel der Wirklichkeil gestellt, sondern mit allen unsern Reflexionen sitzen wir in ihren letzten Verzweigungen, die uns verworren umschlingen. Uns kann nichts übrig bleiben, als zunächst die Zweige zu scheiden, die uns geschieden entgegentreten, und jeden so weit als möglich in seinem Verlauf zu verfolgen, um eine Andeutung über die Richtung zu erlangen, nach welcher hin er mit den übrigen in eine gemeinsame Wurzel verschmelzen mag. Indem wir dieser unerlässlichen methodischen Forderung genügen, sichern wir uns hierdurch allein die Möglichkeit, die Fragen zu lösen, die uns von Interesse sind; denn wie und wo auch geistige und körperliche Welt zusammenfließen mögen, unsere Untersuchung gilt nur den Verhältnissen, die zwischen beiden da obwalten, wo sie nicht zusammenfallen, sondern gleich den Zweigen eines Baumes oder gleich den Individuen des menschlichen Geschlechts, die ja alle in dem ersten Stammpaare auch eine gemeinsame Wurzel haben, als verschiedenartig abgegrenzte Mächte einander gegenüberstehn und mannigfache Wechselwirkungen ausüben. Wir wollen hierüber nicht weitläufig sein; oft genug werden wir noch Veranlassung finden, die praktische Untauglichkeit der voreiligen Anwendung jenes Identitätsprinzips zu rügen, die ein trübes Verlangen nach Einheit wohl auf trübe Weise befriedigt, über die bestimmteren Verhältnisse der Vereinigten dagegen meist unbelehrt läßt.

15. Das formelle Bedenken, das wir hiernach zurückgewiesen haben, wird jedoch nicht nur in Bezug auf die Unzulässigkeit einer Duplizität des Seienden überhaupt, sondern noch bestimmter als eine Unstatthaftigkeit der Unterscheidung von Leib und Seele in einem und demselben lebendigen Organismus ausgesprochen. Wie oft und mit welchem übermütigen Hohn des Hinausseins über einen trivialen Standpunkt wiederholt man nicht die Belehrung, der Mensch bestehe nicht ans Seele und Leib, als aus zwei getrennten Bestandstücken eines Aggregates? Und leider, wie oft haben selbst tüchtige und sonst vorurteilslose Männer sich durch diesen törichten Einwurf einschüchtern lassen, so dass sie kaum wagten, jene scharfe und allein richtige Trennung festzuhalten, sondern in schwankender Weise der trüben Vorstellung einer unbegreiflichen Identität beider unrechtmäßige Konzessionen machten? Allerdings würde eine Meinung sinnlos sein, welche die menschliche Individualität aus der Summe zweier Bestandstücke, Seele und Leib, zu erzeugen dächte; aber nie so lange die Welt steht, ist diese Vorstellung in eines Menschen Sinn wirklich gekommen. Überall, wo eine deutliche Trennung von Körper und Geist einmal vorgenommen worden war, hat man das individuelle Wesen des Menschen stets ausschließlich in dem letztern gesehn, den Leib dagegen als eine organisierte Summe natürlicher Hilfsmittel betrachtet, über welche sich die Herrschaft der Seele erstreckt, die man aber nie mit dieser in eine so trübe Vermischung gebracht hat, wie sie von jenem Einwurf allein getroffen werden würde. Allerdings bringen die einmal angeordneten physischen Zusammenhänge den organisierten Leib in eine innigere und beständigere Verknüpfung mit der Seele, als irgend eines der übrigen aus der äußern Natur entlehnten Werkzeuge, deren sie sich mittelbar bedient; aber ihrem metaphysischen Begriffe nach ist diese Verbindung zwischen Seele und Körper keine andere und innigere, als zwischen der ersten und jedem von ihr beherrschbaren Gegenstande der übrigen Natur obwaltet. Ungerecht ist ferner der Einwurf, den wir hier meinen, auch darin, dass er eine einseitige Karrikatur der Vorstellungsweise ist, die er bekämpfen will. Nirgends hat man behauptet, dass Körper und Seele in jener inhaltslosen und leeren Weise mit einander vereinigt sind, welche das Additionszeichen etwa andeuten könnte; stets hat man vielmehr zwischen beide als das eigentliche Band ihrer Verknüpfung jene Summe feiner und vielfach systematisierter Wechselwirkungen gestellt, deren Aufhellung der Gegenstand unserer Untersuchungen ist. Lassen wir uns daher von der Zuversichtlichkeit jenes platten Einwurfes nicht abschrecken, diese Trennung von Körper und Seele aufrecht zu erhalten, die selbst dann ganz unerlässlich notwendig bleiben würde, wenn wir den allgemeinen Unterschied zwischen körperlicher und geistiger Realität völlig aufzugeben Gründe finden sollten. Möchten alle Bestandteile des Körpers auch selbst Seelen oder psychische Realitäten irgend einer Art sein, immer bleiben sie andere, als die eine individuelle Seele, die ihnen ebenso abgeschlossen gegenüberstehn bleiben muß, wie der Geist jedes Herrschers, der mit den Seelen seiner Diener in keiner unreinlichen Kontinuität zusammenhängt.

16. Noch einmal kehrt jenes Verlangen nach möglichster Einheit in der abgeblaßten Gestalt einer allgemeinen methodologischen Forderung jeder wissenschaftlichen Untersuchung wieder, und obgleich die Beurteilung dieser Zumutung nur auf dem beruhen kann, was wir bereits erwähnten, wollen wir doch, da wir zu oft Gelegenheit haben werden, ihr im Einzelnen zu begegnen, auch ihre allgemeine Berechtigung hier prüfen. Wissenschaften, welche einzig auf die praktische Handhabung eines Kreises von Gegenständen berechnet wären, könnten allerdings in gewisser Ausdehnung methodologische Forderungen geltend zu machen haben, die wenig mit der Natur jener Gegenstände, viel näher mit dem angestrebten Nutzen der Untersuchung zusammenhingen. Für sie mag es daher wichtig sein, selbst durch künstliche und der Natur der Sache wenig entsprechende Fiktionen eine große Mannigfaltigkeit von Fällen unter möglichst wenige Gesichtspunkte zusammenzudrängen. Forschungen dagegen, denen kein anderes Ziel, als die Erkenntnis der Dinge vorschwebt, können keine Methodologie ihres Verfahrens besitzen, die von der Natur des zu Erkennenden unabhängig wäre. Das Verlangen, auf Ein Prinzip so viele Erscheinungen als möglich zurückzuführen, ist daher nur so weit berechtigt, als die Herrschaft dieses Prinzips tatsächlich reicht; eine besondere Verbindlichkeit dagegen, auf Einheit desselben hinzuarbeiten, hat die Wissenschaft durchaus nicht allgemein, sondern nur in Bezug auf die Richtungen, nach welchen hin eine Gemeinsamkeit nicht nur der letzten sondern auch der nächsten Grundlage für eine Gruppe von Erscheinungen aus höhern und allgemeineren Gründen notwendig oder wahrscheinlich ist. Niemand bezweifelt, dass die Gesamtheit der Welt, sofern sie eine zusammenhängende vernünftige Totalität sein soll, irgend einen wenn auch noch so beschränkten Kreis vollkommen allgemeiner Gesetze besitzen müsse, denen jeder ihrer Teile gleichmäßig unterliegt; und man wird geneigt sein, die mathematischen Lehren zu diesen höchsten Gesetzen zu rechnen. Sobald wir jedoch jene Vermutung des vernünftigen Zusammenhangs der Welt fallen lassen, verschwindet auch für die Wissenschaft jeder Grund für die methodologische Voraussetzung der Einheit ihrer Prinzipien. Gehen wir von dem allumfassenden Ganzen zu den einzelnen Erscheinungskreisen über, die es zusammensetzen, so wird jeder von ihnen, so wie er sich durch eine Summe von Analogien als zusammengehörig in sich abschließt, auf einem eigentümlichen Prinzip beruhen müssen, und die Aufgabe der Wissenschaft kann nur in dem Nachweis bestehen, dass diese näheren Prinzipien nur abgeleitete sind, indem sie aus der Anwendung der höchsten und schlechthin allgemeinen Gesetze auf eigentümlich verschiedene Subjekte oder ebenso verschiedene Kombinationen der Umstände hervorgehn.

17. In dieser Bemühung ist die Wissenschaft stets tätig gewesen, und auch wir stehen nicht an zuzugeben, dass die eigentümlich erscheinenden Gesetze des geistigen Lebens nur besondere Fälle der höchsten metaphysischen Prinzipien alles Seins und Geschehens sind, angewandt auf die spezifische Natur eines geistigen Wesens, so wie sie in der Natur, auf die abweichenden Eigenschaften materiellen Daseins bezogen, unter der Form der physischen Gesetze erscheinen. Die Gemeinsamkeit der Gesetze also mag eine methodologische Forderung der Wissenschaft sein; die Verschiedenheit der Objekte dagegen, auf welche sich dieselben beziehen, kann sie weder eliminieren, noch gibt es einen allgemeinen Maßstab, nach welchem sie Identität oder Verschiedenheit derselben für wahrscheinlicher halten müßte. Wir haben Grund, zu behaupten, dass alle Naturereignisse sich auf dieselben Gesetze der Statik und Mechanik basieren, aber nicht den geringsten Grund zu der Vermutung, dass es auch überall dieselben Kräfte und Substanzen sein werden, die nach diesen Regeln wirken. Die Wichtigkeit und die imponierende Größe der Himmelsbewegungen, welche durch eine Reihe glänzender Fortschritte der Theorie aus dem einen Prinzip der Gravitation entwickelt worden sind, hat häufig den Wahn veranlaßt, als sei hierdurch in der Tat für alle Naturerscheinungen ein einziges konkretes Grundgesetz gefunden; man vergaß, dass jene durch ihre Maße überwältigenden Vorgänge nur ein kleines Bruchstück der Natur sind, und dass die unendliche Menge der Molekularwirkungen noch anknüpfungslos heben diesem Prinzipe steht. Der wahre Kern aller wissenschaftlichen Methodologie kann nur darin bestehen, dass durch keine subjektive Neigung des Gedankenganges der Erkenntnis der Gegenstände Gewalt angetan werde. Einheit der höchsten Gesetze müssen wir daher deshalb verlangen, weil Zusammenhang der Welt zu einem vernünftigen Ganzen eine unentbehrliche Voraussetzung unsers Geistes ist; Einheit der näheren Gesetze oder der Substrate, auf welchen die Wirkungen beruhen, können wir nur verlangen, wo durch eine Reihe besonderer Analogien sie wahrscheinlich gemacht wird; Verschiedenheit derselben Substrate müssen wir annehmen, sobald die Abweichung aller Erscheinungen sie so gebieterisch, wie in unserem Falle des geistigen Lebens verlangt.

§ 3. Die Einwürfe des Materialismus.

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