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Zwei Herzen, die schlagen - wörtlich und im übertragenen Sinn, das ist der Kernaspekt beim Thema Abtreibung: der Konflikt zwischen Mutter und Kind, zwischen Lebensrecht und Selbstbestimmungsrecht, manchmal auch zwischen Herz und Verstand. Wie können wir gut mit dieser Spannung umgehen? Kann man "Pro Life" und "Pro Woman" sein? Oder bedeutet Lebensschutz, sich nur für das Leben des ungeborenen Kindes zu interessieren? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt Sabina Scherer in empathischer Weise. Ohne negative Stereotype oder Klischees zu bedienen, ermöglicht dieses Buch sich eine eigene fundierte Meinung zu bilden.
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Seitenzahl: 249
Veröffentlichungsjahr: 2024
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SABINA SCHERER (Jg. 1990) ist Psychologin und startete in ihrer Elternzeit den Podcast »Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung«. Dadurch wurde sie als junge Stimme der Lebensschutzbewegung bekannt und vertritt diese nun unter anderem auf Social Media. Sie lebt mit ihrer Familie in Bayern.
Pro Woman, pro Child, pro Life
Zwei Herzen, die schlagen – wörtlich und im übertragenen Sinn, das ist der Kernaspekt beim Thema Abtreibung: der Konflikt zwischen Mutter und Kind, zwischen Lebensrecht und Selbstbestimmungsrecht, manchmal auch zwischen Herz und Verstand. Wie können wir gut mit dieser Spannung umgehen? Kann man »Pro Life« und »Pro Woman« sein? Oder bedeutet Lebensschutz, sich nur für das Leben des ungeborenen Kindes zu interessieren?
Antworten auf diese und weitere Fragen gibt Sabina Scherer in empathischer Weise. Ohne negative Stereotype oder Klischees zu bedienen, ermöglicht dieses Buch sich eine eigene fundierte Meinung zu bilden.
»Dieses Buch ist ein bedeutender und umfassender Beitrag zur Pro-Life-Bewegung, der hoffentlich einige der Vorurteile gegen diese abbaut und mehr Menschen verstehen hilft, warum das Leben ungeborener Menschen genauso wertvoll ist und es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Wir empfehlen die Lektüre dieses Buches jedem, der Antworten und Wissen zu diesem Tabuthema sucht.«
Alicia und Andreas Düren, sundaysforlife
»Sabina Scherer liefert mit ihrem Buch viele wichtige Impulse und Gedankenanstöße für die Debatte über Abtreibung. In kompetenter Weise analysiert sie die Stichhaltigkeit der gängigen Argumente, die zugunsten von Abtreibungen angeführt werden, und geht dabei auch selbstkritisch auf weniger hilfreiche Argumente von Lebensschützern ein. Für jeden, der sprachfähig darin sein möchte, seine Pro-Life-Position auf emphatische und kompetente Weise zu kommunizieren, wird dieses Buch enorm hilfreich sein. Ein wertvoller Beitrag ist ihr Buch dabei auch deshalb, weil es nicht auf einer rein argumentativen Kritik an Abtreibungen stehen bleibt. Es appelliert zu einer Kultur des Lebens und dazu, alle im Blick zu haben: ungeborene Menschen genauso wie schwangere Frauen.«
Simon Garrecht, Initiator des Apologetik Projekts
»Für die einen ein Menschenrecht, für die anderen Barbarei: Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Abtreibungsdebatte, die an Schärfe in dem Maße zugenommen hat, wie Abtreibungen in der westlichen Zivilisation selbstverständlicher wurden. Sabina Scherer ist überzeugt: Wer sein Gegenüber vom Wert des menschlichen Lebens überzeugen möchte, muss diese Schärfe aus der Debatte herausnehmen. Ihr Buch »Mehr als ein Zellhaufen« leistet dazu einen großen Beitrag. Scherers Credo: die Wahrheit mit Liebe zum Leuchten bringen. Wie einfach letztendlich diese Wahrheit zu verstehen ist, wie nachvollziehbar die dahinter liegende Argumentation – das bringt Scherer auf den Punkt. Sie setzt sich dafür umfassend und pointiert mit den gängigen Argumenten der Abtreibungsbefürworter auseinander und weist nach, wie bedeutungslos sie angesichts der grundlegenden Wahrheit sind: Wenn ein ungeborenes Kind ein Mensch ist, hat keines von ihnen Bestand. Die klare Struktur und Sprache des Buchs machen es zu einer in jeder Hinsicht gewinnbringenden Lektüre.«
Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der ALfA e.V.
»Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung. Jetzt schreibt er auch noch. Und wie: Klar, kompetent, mit bestechender Logik und gleichwohl empathisch. Konstruktiv statt destruktiv, wertschätzend statt verurteilend. Eine der besten Verteidigungen des Lebensrechts ungeborener Kinder, die es je gab.«
STEFAN REHDER, Journalist, Buchautor & Bioethik-Experte
SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-7751-7641-5 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6212-8 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2024 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: [email protected]
Die Internetlinks wurden am 21.12.2023 auf ihre Aktualität überprüft.
Lektorat: Cordula Orth
Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, www.spika-design.de
Titelbild: freepik.com
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Persönliches Vorwort
Einführung
Ein Embryo ist kein Parasit Die wichtigsten Argumente in der Abtreibungsdebatte und was es dazu zu sagen gibt
1. »Wenn du Abtreibung nicht magst, treib halt nicht ab, aber lass andere das selbst entscheiden«: Persönliche Entscheidung vs. moralisches Problem
2. »Das ist ein Embryo, kein Mensch«: Die biologische Perspektive
3. »Das ist aber noch kein richtiger Mensch«: Die philosophische Perspektive
4. Die brennende Kinderwunschklinik: und andere »Ha – erwischt!«-Argumente
5. »My body, my choice«: Recht auf Leben vs. Recht auf Selbstbestimmung
6. »Bevor das Kind nicht geliebt wird, ist es besser, es wird nie geboren«: (Potenzielles) Leid als Maßstab für Moral?
7. »Von wegen Pro Life – ihr seid doch nur Pro Birth!«: Was die Pro-Life-Bewegung für Frauen und ihre Kinder tut und warum sie trotzdem dafür kritisiert wird
8. »No uterus, no opinion«: Ad-hominem-Argumente: Warum jeder seine Meinung zu Abtreibung äußern darf und das auch sollte
9. »Man kann Abtreibungen nicht verbieten, nur sichere Abtreibungen«: Wie sicher kann eine Abtreibung sein?
10. »Ich hoffe, ihr lebt alle vegan«: Whataboutism oder berechtigte Kritik?
11. »Die meisten Frauen sind nach einer Abtreibung total erleichtert«: Mögliche psychische Folgen von Abtreibung
12. »Was ist, wenn die Frau vergewaltigt wurde oder ihr Leben gefährdet ist?«: Härtefälle, kriminologische und medizinische Indikation
13. »Ihr seid total frauenverachtend«: Wie Feminismus mit Lebensschutz zusammenpasst und warum Pro Life auch immer Pro Woman heißt
14. »Abtreibung ist ein Menschenrecht«: Reproduktive Rechte und der Schrecken von Schwangerschaft
What not to say Weniger hilfreiche Argumente
1. »Einfach mal verhüten«: Schuldzuweisungen und Pauschalisierungen sind ein No-Go
2. »Abtreibung ist Sünde«: Warum wir den Glauben in der Diskussion gar nicht brauchen
3. »Ich kenne eine Frau, die …«: Einzelfälle sind kein Beleg
Wo stehen wir? Wo wollen wir hin?
1. Fürsprecher für die Ungeborenen sein: Wie wir sprachfähig und relevant bleiben
2. Eine Kultur des Lebens schaffen: Damit Abtreibung langfristig nicht mehr notwendig ist
»Mama, was würdest du sagen, wenn ich jetzt schwanger wäre?«, fragte ich mit vielleicht 15 oder 16 Jahren meine erzkonservative Mutter. Ihre Antwort auf diese Frage hat sehr viel damit zu tun, was ich heute mache und was mich antreibt. Doch ich möchte zunächst der Spannung halber ein wenig ausholen.
Mein Name ist Sabina Scherer, ich bin Psychologin, Mutter und engagiere mich in den sozialen Medien für den Schutz des ungeborenen Lebens. Sehr oft werde ich gefragt, wie es dazu kam. Gab es ein konkretes Ereignis, einen »Auslöser«, der mich dazu bewog? Die Kurzversion der Geschichte lautet: Das Thema war gefühlt »schon immer« eines meiner Herzensanliegen. Mein Engagement in den sozialen Medien begann ich dann in Elternzeit mit meinem ersten Kind, als ich selbst auf der Suche nach einem deutschsprachigen Podcast zum Thema Lebensschutz bzw. Abtreibung war. Da ich nicht fündig wurde, beschloss ich kurzerhand, diese Lücke selbst zu füllen. So entstand mein Podcast »Ein Zellhaufen spricht über Abtreibung«.
Was mich lange Zeit hemmte, war eine Erfahrung, die wohl viele Menschen kennen, die meinen Standpunkt teilen. Man liest beispielsweise einen Artikel auf Social Media zum Thema Abtreibung, schaut in die Kommentare und wird förmlich überrollt von einer Welle des Zuspruches für das Entscheidungsrecht von Frauen: Man lebe ja wohl nicht mehr im Mittelalter, es sei ja unerhört, dass wir »darüber« heutzutage immer noch diskutieren müssen, warum man es sich anmaße, über die Körper junger Frauen zu bestimmen. Doch nicht nur die Äußerungen von Privatpersonen, auch mediale Darstellungen lassen darauf schließen, dass man mittlerweile recht alleine dasteht oder zumindest einem ganz rückständigen Personenkreis angehört, wenn man sich für das Lebensrecht Ungeborener ausspricht. Es schien mir mühsam, fast schon sinnlos, die Nuancen und Argumente meiner Sicht der Dinge darzustellen. Daher lautete meine Devise lange Zeit: Den Ärger spar ich mir. Macht ja doch keinen Unterschied.
Heute weiß ich: Es macht einen Unterschied. Nicht, weil es nicht schon viele wunderbare, engagierte Menschen gäbe, die sich für den Schutz der Ungeborenen einsetzen. Nicht, weil zu dem Thema nicht schon alles gesagt wäre. Sondern weil Menschen andere Menschen brauchen, um sich zu orientieren. Menschen, die außerhalb der üblichen Muster denken und sprechen. Menschen, die ihrem Anliegen ein Gesicht geben – oder die sie dazu herausfordern, ihren Standpunkt zu überdenken. All das ist mir in kurzer Zeit nach Beginn meines Engagements schneller gelungen, als ich gedacht hätte. Aber wieso?
Ich liebe an der Wahrheit, dass sie nicht nur richtig und gut, sondern auch schön ist. Es ist für mich ein Kennzeichen göttlicher Wahrheit, wenn sich alle Aspekte einer Sache zu einem harmonischen, wundervollen Ganzen zusammenfügen und so auf unterschiedlichen Ebenen Sinn ergeben. So gelangte ich im Laufe der Zeit zu der Erkenntnis, dass es keinen vernünftigen Grund dafür gibt, das Lebensrecht des Kindes nicht mit voller Überzeugung zu verteidigen. Denn egal aus welcher Perspektive ich die Thematik betrachte: Ich finde Antworten, die zwar nicht immer dem Zeitgeist entsprechen, aber dafür von bestechender Logik und Klarheit sind und die es am Ende nur noch mit Menschlichkeit und Empathie zu verknüpfen gilt. Und vielleicht ist es das, was mir besonders gut gelungen ist: die Argumente für den Schutz des ungeborenen Lebens mit Feinfühligkeit in aller Klarheit zu vermitteln, ohne Bewertung der Einzelschicksale, die der Thematik zugrunde liegen.
Der wunderbare Kern der Pro-Life-Botschaft lautet ja: Jeder Mensch verfügt über eine unveräußerliche Würde und bedingungslosen Wert. Dass damit alle im Konflikt Beteiligten gemeint sind, steht für Lebensschützer außer Frage. Dennoch entsteht manchmal der Eindruck, dass es uns in erster Linie um das Kind geht. Doch auch die Würde der Frau kann nur dann vollständig gewahrt werden, wenn sie in ihrem gesamten Sein, inklusive ihres Potenzials, ein Kind zu empfangen, bedingungslos angenommen und gefördert wird. Wie kann davon gesprochen werden, dass Abtreibung eine feministische Errungenschaft ist, wenn das zugrunde liegende Ideal der Mensch ist, der konsequenzlosen Sex haben kann (auch genannt: der Mann)? Und gleichzeitig dürfen und müssen wir anerkennen, dass es nicht das ultimative Ziel und die Bestimmung jeder Frau ist, Mutter zu werden. Dass Elternschaft viel zu lange in viel zu enge Muster gepresst wurde. Und dass der Preis für die Befreiung aus diesen Mustern dennoch niemals das Leben eines Kindes sein darf.
Nur wenn wir jedes Menschenleben gleichwertig betrachten und behandeln, können wir am Ende wahre Freiheit und Gerechtigkeit erreichen. Das Ziel lautet: Abtreibung unnötig und damit undenkbar zu machen. Indem wir konsequent die dem Konflikt zugrunde liegenden Nöte beseitigen anstatt der Kinder. Indem sich keine Frau im Konflikt mehr allein gelassen fühlt. Und indem jeder Mensch um die Unantastbarkeit der Würde des Menschen von Anbeginn seiner Existenz weiß. Das mag manchen Menschen unrealistisch vorkommen, andere würden es gar nicht erst als wünschenswert erachten. Mit Sicherheit wird es ein weiter Weg dorthin. Aber wenn wir heute den ersten Schritt tun, kann es uns gelingen.
Ach ja. Ich schulde ja noch die Antwort meiner Mutter auf die Frage, was sie sagen würde, wäre ich als Teenager schwanger geworden. Sie lautete: »Ich würde mich freuen.« Das und nichts anderes. Diese Gewissheit der bedingungslosen Annahme durch Angehörige wünsche ich jeder Frau und fordere ich von uns als Gesellschaft für alle Frauen und Kinder. Sie ist es, die wir brauchen, um Abtreibung langfristig undenkbar zu machen.
Wie geht es dir, wenn du mit jemandem auf das Thema Abtreibung zu sprechen kommst? Oder wenn du einen Artikel, einen Fernsehbeitrag oder ein Posting im Internet dazu siehst? Höchstwahrscheinlich lässt es dich nicht kalt. Egal, in welchem Kontext das Thema Abtreibung diskutiert wird: Es ist immer ein »heißes Eisen« und die Debatten darüber werden schnell hochemotional. Wie könnte es auch anders sein, dreht es sich dabei doch um die tiefsten und gewichtigsten Themen des Menschseins: um Leben, Freiheit, Elternschaft, Selbstbestimmung, Sexualität und Würde – dazu kann kaum einer neutral stehen. Und dennoch halten sich viele Menschen mit ihrer Meinung lieber zurück.
Ob wir es wollen oder nicht: Das Thema Abtreibung ist Teil unserer persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Realität. Wir tun gut daran, aus verschiedenen Perspektiven darauf zu blicken und seine Komplexität anzuerkennen. Leider sind Berichterstattungen oder Diskussionen zum Thema Schwangerschaftsabbruch oft einseitig, polemisch oder unschön. Teilweise werden Einzelschicksale überbetont und eine sachliche Diskussion damit von vorneherein ausgehebelt. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die ausschließlich auf der moralischen Ebene argumentieren und dabei ignorieren, welcher Realität Frauen im Schwangerschaftskonflikt ausgesetzt sind. Das kann zu dem Eindruck führen, es gäbe nur zwei Extreme, zwei konträre Positionen, deren Vertreter auch klar zwei sich feindlich gesinnten Lagern zuzuordnen sind. Unter solchen Bedingungen kann gesellschaftlicher Diskurs jedoch nicht fruchtbar werden.
Mich treibt schon lange die Frage um, was es braucht, damit die Diskussion rund um das Thema Abtreibung nicht nur ein Austausch hohler Phrasen bleibt. Gerade jetzt, wo sich die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen im Umbruch befinden, dürfen wir an diesem Punkt nicht stehen bleiben. Die aktuelle Regierung sieht vor, den Paragrafen 218 außerhalb des Strafgesetzbuches zu regeln.1 Währenddessen stieg die Anzahl der Abtreibungen im Jahr 2022 erstmals seit Jahren wieder an, und zwar um 9,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.2 Diese Entwicklungen machen deutlich, dass es jetzt wichtiger denn je ist, der Debatte nicht teilnahmslos zuzusehen. Es ist nicht egal, welches Menschenbild sich etabliert und welche Schlüsse daraus gezogen werden.
Die beste Voraussetzung für gesellschaftliche Spaltung ist es, wenn alle nur in ihren Blasen bleiben, niemals miteinander kommunizieren und ausschließlich mit denen sprechen, die sowieso die gleiche Meinung teilen. Wo das praktiziert wird, werden Sichtweisen oder Handlungen oft abgeurteilt, ohne die dahinterliegenden Überlegungen und Gedanken verstanden oder sich überhaupt damit auseinandergesetzt zu haben. Ein erster wichtiger Schritt zum gelingenden Diskurs ist daher die Auseinandersetzung mit den Argumenten und Positionen der verschiedenen Sichtweisen. Wer sich damit beschäftigt, verliert Berührungsängste und vielleicht sogar Vorurteile. Vor allem aber trägt es dazu bei, dass die Problematik nicht nur auf Grundlage der eigenen Prämissen betrachtet wird, sondern ein Verständnis für die Vorannahmen anderer Sichtweisen entsteht. Dieses Buch lädt dazu ein, die gängigsten Argumente in der Abtreibungsdebatte aus einer gesellschaftlich eher unpopulären Perspektive zu beleuchten: der, die das Lebensrecht des Kindes vollständig anerkennt und ernst nimmt. Wer den Anspruch der Neutralität hat, ist daher in diesem Buch falsch. Dennoch lohnt sich ein Blick, denn es werden an vielen Stellen überraschende oder unkonventionelle Gedanken dabei sein.
Dieses Buch soll mehr als eine Darlegung meines persönlichen Standpunktes sein, der sich im Übrigen in manchen Aspekten auch immer wieder verändert. Ich möchte nicht einfach Entgegnungen auf Floskeln anbieten, sondern überlegen, welche Annahmen und Intentionen hinter Aussagen stehen können. Es ist eine Einladung zum Perspektivwechsel, sowohl auf kognitiver als auch auf emotionaler Ebene. Alle, die dieses Buch lesen, sollen dadurch ermutigt werden, die eigenen Ansichten kritisch zu hinterfragen, zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Ob du am Ende zu komplett anderen Schlüssen kommst als ich oder ob du dich in deiner Meinung bestärkt fühlst: Das Entscheidende ist, dass wir überhaupt in den Diskurs gehen und unsere Standpunkte begründet, empathisch und respektvoll darlegen können. Dazu soll dieses Buch eine Hilfe sein.
Es war im Religionsunterricht in der 12. oder 13. Klasse. Ich hatte Religion als Hauptfach gewählt und wir diskutierten oft und gerne über ethische und gesellschaftliche Themen. Als wir auf das Thema Abtreibung zu sprechen kamen, bot unser Klassenzimmer ein gutes Abbild der Gesellschaft: Ich argumentierte dagegen, zwei Mitschülerinnen dafür und der Rest der Klasse hüllte sich in Schweigen. »Wenn ein Kind bei einem Unfall schwer verletzt wird und eine Behinderung erleidet, ist es doch auch nicht in Ordnung, dieses Kind zu töten!«, brachte ich hervor. »Aber das ist doch etwas ganz anderes! Das Kind bekommt ja im Mutterleib noch gar nichts davon mit«, lautete die Antwort meiner Klassenkameradin. Ich spüre noch heute die schwitzigen Hände und das nachhallende Herzklopfen dieser Diskussion. Ihr Tonfall strotzte vor Empörung darüber, dass ich überhaupt auf die Idee kam, man könne ein geborenes mit einem ungeborenen Kind vergleichen …
Jeder kennt solche Situationen. Es sind die Momente, über die man noch mal nachdenkt, wenn man abends im Bett liegt und nicht schlafen kann. Hätte ich bloß … gesagt! Ich hätte noch dieses und jenes Argument bringen sollen. Oder man hat eine Gelegenheit verpasst, überhaupt in die Diskussion einzusteigen und ärgert sich dann darüber. Wenn dir das bekannt vorkommt, habe ich drei gute Nachrichten für dich:
1. Nicht jeder ist dazu berufen, auf gleiche Art und Weise zu allen Themen Stellung zu beziehen.
2. Jeder noch so scheinbar bedeutungslose Satz kann etwas bewirken.
3. Diskutieren kann man lernen! Und das fängt damit an, sich mit den Argumenten auseinanderzusetzen, die die Debatte prägen. Spoiler: Es sind fast immer dieselben.
Egal, um welches Thema es geht und egal, ob es sich um einen freundschaftlichen Meinungsaustausch, um eine Kommentarspalte in den sozialen Medien oder um einen Leserbrief in der Lokalzeitung handelt: Wer sich auskennt, ist klar im Vorteil. Dabei geht es weniger darum, Daten und Fakten aus dem Stegreif zitieren zu können, als zu verstehen, welche Intentionen und Prämissen hinter einzelnen Aussagen stehen. Für die Debatte um Abtreibung habe ich die gängigsten Argumente analysiert und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, damit dir nächstes Mal keine Worte fehlen. Am Ende jedes Kapitels findest du einen oder mehrere Vorschläge, wie man »kurz und knapp« auf das jeweilige Argument antworten kann und so bestenfalls einen tieferen Einstieg in die Diskussion findet.
Varianten: »Das muss jede Frau für sich selbst entscheiden«, »Niemand hat ein Recht darüber zu urteilen, welche Entscheidung eine Frau über ihren Körper trifft«, »Da gibt es kein Richtig oder Falsch«, »Kümmert euch lieber um geborene Menschen und lasst die Frauen in Ruhe«.
Im April 2023 beging eine deutsche Influencerin mit mehr als einer Millionen Followern einen Tabubruch: Sie informierte die Öffentlichkeit, noch bevor es so weit war darüber, dass sie eine Abtreibung vornehmen lassen würde. Sie sei sich über die zu erwartenden Reaktionen bewusst, doch sie wolle das Thema nicht totschweigen. Die Kommentare unter dem Posting reichten von bitterbösen Beschimpfungen bis hin zu verständnisvoller Bestärkung. Die dreifache Mutter selbst sagte über ihren Weg: »Mein Leben hat nichts mit deinem Leben zu tun. Mein Körper hat nichts mit deinem Körper zu tun. Meine Entscheidung hat nichts mit deiner Entscheidung zu tun.«3
Je nach Kontext können hinter solchen Aussagen verschiedene Intentionen oder Gedanken stehen. Grundsätzlich ist das Statement »Das muss jede Frau für sich entscheiden« erst einmal nicht mehr als eine Aussage, die man unabhängig vom eigenen Standpunkt bejahen kann. Kommt es zum Schwangerschaftskonflikt, wird jede Frau eine Entscheidung treffen müssen, das stimmt. Nach deutschem Recht ist auch sie alleine dazu befugt, diese Entscheidung zu treffen. Diese Interpretation trifft jedoch meist nicht vollständig die Intention des Sprechers. Implizit schwingt die Ergänzung mit: »… ob Abtreibung eine valide Entscheidung ist oder nicht«. Wenn es um die persönlichen Geschichten Betroffener geht, spielt mit Sicherheit der Schutz vor bösen Worten eine Rolle. Manchmal handelt es sich dabei aber auch um einen Appell, der die Diskussion im Keim ersticken will: Misch dich nicht in das Leben anderer Menschen ein, das geht niemanden etwas an. Vielleicht ist es bisweilen ein Versuch, die Begründung des eigenen Standpunkts zu umgehen. Was dabei leicht übersehen wird, ist der logische Fehlschluss, dem diese Haltung unterliegt: Die Forderung danach, nicht zu urteilen, ist selbst schon ein Urteil, nämlich dass Abtreibung zumindest neutral zu bewerten sei. In keinem anderen Fall könnte man eine Sache einfach zur Privatsache erklären.
Die Frage, ob es sich bei Abtreibung um eine rein persönliche Entscheidung oder um eine ethische Problemstellung handelt, beantwortet sich damit schnell: Es ist beides. Hier zu differenzieren und dies zu kommunizieren, kann der Schlüssel zu einer konstruktiven und respektvollen Konversation sein. Auf individueller Ebene ist ein Schwangerschaftsabbruch eine sehr persönliche Entscheidung, deren Hintergründe letztlich nur die Frau selbst kennt. Nicht einmal der Vater des Kindes kann ohne Zweifel wissen, welche Verletzungen, Ängste oder Nöte die Schwangere im Konflikt begleiten. Daher gebietet es sich nicht, Betroffene – egal in welcher Phase des Konflikts sie sich befinden – zu verurteilen. Abgesehen davon, dass die Verurteilung durch Außenstehende wohl selten ein Kind gerettet hat, ist sie auch für den Diskurs reines Gift.
Wenn wir Abtreibung als ethische Problemstellung betrachten, dann ist es selbstverständlich erlaubt und vielleicht sogar geboten, ein Urteil zu treffen, denn die Ethik als Kompass für menschliches Handeln dient ja letztlich dazu, Gesellschaft gerecht zu gestalten. Das gilt erst recht, wenn dieses Handeln mehr Menschen betrifft als nur den Akteur selbst. Ob das bei Abtreibung der Fall ist, ist einer der großen Streitpunkte in der Debatte.
Wenn wir einen ethischen Diskurs über eine Sache führen, versuchen wir sie gewissermaßen auf einem Spektrum von »schlecht« über »neutral« bis hin zu »gut«4 zu verorten. Zwischen den Polen könnten Positionen wie »unter bestimmten Umständen« oder »in gewissen Fällen« stehen. Aus dieser Beurteilung folgen Konsequenzen für alle möglichen Handlungen, Haltungen und Umstände, die mit dieser Sache zu tun haben. Was für viele wahrscheinlich recht banal klingt, ist aber allgemein gar nicht so selbstverständlich. Allein die Frage, ob es objektiv Gutes und Böses überhaupt gibt, beschäftigt Philosophen ja seit Jahrtausenden. Ohne eine Antwort auf diese tiefen Fragen des Lebens finden zu müssen, tun wir gut daran, uns bewusst zu machen, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Grundannahmen bezüglich Wahrheit und Moral haben. Deshalb verortet man seine eigene Meinung auf dem ethischen Spektrum oft ganz anders, als das jemand anders tun würde. Wer Schwangerschaftsabbrüche als Unrecht erachtet, wird die Aussage »Jede Frau muss das für sich entscheiden« aufgrund seiner Prämissen nicht als neutrale Position einordnen. Eine Person, die diese Aussage macht, wird sie jedoch durchaus für neutral halten.
Eine Gynäkologin, mit der ich im Rahmen eines Projekts zu tun hatte, erklärte ihre Haltung damit, dass sie die Frau als moralische Instanz im Schwangerschaftskonflikt verstehe. Was sie damit sagen wollte: Ob Abtreibung moralisch richtig oder falsch, gut oder schlecht ist, entscheidet die Frau selbst. Dieser Aussage liegen verschiedene Prämissen zugrunde, die, jede für sich, diskussionswürdig sind und auch im Laufe der nächsten Kapitel aufgegriffen werden. Eine davon ist die Prämisse, dass es in manchen Fällen oder auch allgemein keine objektive Wahrheit gäbe. Sehr viele Christen glauben grundsätzlich daran, dass Gott die Quelle von und der Maßstab für Wahrheit ist. Doch auch unabhängig von theistischen Glaubensüberzeugungen kann man zu der Erkenntnis gelangen, dass es im gesellschaftlichen Zusammenleben objektive moralische Instanzen braucht, verbindliche Maßstäbe, nach denen menschliches Handeln bemessen wird. Sonst herrscht am Ende die Willkür. Dem würde die Mehrheit der Menschen vermutlich zustimmen, wenn es auch unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, welcher Maßstab gelten sollte.
Manchmal begegnet mir die Aussage, dass der Mensch letztlich im demokratischen Prozess selbst bestimmt, was gut und was böse ist. Der Gedanke dahinter: Was die meisten Menschen für richtig halten, ist zumindest in dem Moment auch richtig. Dabei lehrt uns die Geschichte, dass das mitnichten der Fall ist. Früher wie heute hielten Menschen die schrecklichsten Dinge für gut oder normal. Was gibt also Anlass zu glauben, dass wir jetzt und hier am Höhepunkt menschlicher Kultur angelangt sind und endgültig festgelegt (oder herausgefunden?) haben, was gut und was böse ist? Das wäre vermessen, denn auch der moderne Mensch ist beeinflussbar, anfällig für Propaganda und denkt nicht immer nur rational. Es bleiben zwei Optionen als Maßstab für Moral: Gott oder Ethik. Als weitgehend anerkannter säkularer Kodex gilt heutzutage die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen. Sie hält fest, welche Erkenntnisse über Gut und Böse in Bezug auf den Umgang mit Menschen im Laufe der Geschichte bereits gewonnen wurden. Doch am Ende stehen und fallen auch diese Erkenntnisse mit ihrer Interpretation und Umsetzung.
Wenn die Debatte um Abtreibung uns eines lehrt, dann die Tatsache, dass in dieser Welt vieles eine Frage der Definition ist und davon, wer die Macht hat, diese festzulegen. Das wird im Verlauf der kommenden Kapitel noch deutlich. So ist es auch mit dem Gedanken, dass Abtreibung eine rein persönliche Entscheidung ist, die nichts mit Außenstehenden oder gar mit Wahrheit oder Moral zu tun hat. Er basiert auf der Grundannahme, dass die Schwangere die einzige (relevante) von der Abtreibung betroffene Person sei. Die Rolle und Relevanz des Vaters werden in diesem Kontext selten genannt, zumindest ist jedoch dessen Existenz als Person unstrittig. Erhebt man auf die anfängliche Aussage den Einwand, dass das Ungeborene ein weiterer Mensch ist, dessen Interessen gewahrt werden sollten, gelangt man schnell zu den Kernfragen der gesamten Abtreibungsdebatte:
• Ist ein Embryo überhaupt ein Mensch?
• Besitzt er Würde und Rechte?
• Und selbst wenn dem so ist – sollte die Entscheidung nicht trotzdem alleine bei der Mutter liegen?
Über diese und mehr Fragen werden wir im Folgenden genauer nachdenken. Du wirst sehen, dass beinahe jedes Argument in der Abtreibungsdebatte am Ende auf die Beantwortung dieser Fragen hinausläuft.
Fazit: Abtreibung ist sowohl eine persönliche Entscheidung als eine ethische Problemstellung. Wir können Abtreibung auf sachlicher Ebene beurteilen, ohne die Betroffenen im Hinblick auf ihre Entscheidung zu verurteilen. Wir behandeln Abtreibung als ethische Fragestellung, weil sie nicht nur die Schwangere selbst, sondern auch weitere Personen direkt oder indirekt betrifft.
»Ich verstehe, wie du zu diesem Standpunkt kommst. In der Tat ist die Entscheidung für oder gegen die Fortführung einer Schwangerschaft eine sehr persönliche. Allerdings gehe ich davon aus, dass der Embryo ein Mensch mit eigenem Recht auf Leben ist. Unter dieser Annahme kann mir die Thematik nicht egal sein. Kannst du das nachvollziehen?«
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• Wo verortest du dich bzw. deine Meinung zu Abtreibung auf dem »ethischen Spektrum«?
• Welche Konsequenzen folgen daraus für die Frage, ob Abtreibung eine rein persönliche Entscheidung ist?
Varianten: »Das ist nur ein Zellhaufen/eine befruchtete Eizelle/potenzieller Mensch/Gewebe/kein lebendiger Mensch usw.«
Vor einigen Jahren diskutierte ich auf Instagram mit einer jungen Medizinstudentin über das Thema Abtreibung. Ich war geradezu schockiert darüber, dass eine angehende Ärztin nicht mit mir übereinstimmen konnte, dass es sich bei einem Embryo um einen Menschen handelt. Sie argumentierte mit der neuronalen Entwicklung und verglich den Embryo mit Tumorzellen – dabei redeten wir vermutlich ganz schön aneinander vorbei. Wenn es um die Frage geht, was ein Embryo ist, müssen wir die biologische Perspektive von der philosophischen Perspektive unterscheiden. Die Philosophie stellt die Frage danach, was den Menschen ausmacht und wer »Person« ist, also Träger von Würde und Rechten. Über diese Perspektive werden wir im nächsten Kapitel nachdenken. Die biologische Perspektive beschreibt hingegen, wann die Entwicklung des Menschen beginnt und was einen lebendigen Organismus ausmacht. Die Aussage »Ein Embryo ist noch kein richtiger Mensch, weil das Gehirn noch nicht vollständig entwickelt ist« ist also vielmehr ein philosophisches als ein biologisches Statement. Niemand bestreitet, dass ein Embryo noch kein ausgewachsener Mensch ist. Doch das ist ja gar nicht die Frage. Es geht darum, ob er überhaupt ein lebendiger Mensch ist. Und wenn nicht, was ist er dann?
Ein US-amerikanischer Doktorand befragte im Rahmen seiner Dissertation mehr als 5 500 Biologen dazu, wo sie den Beginn des Lebens verorten würden.5 Die überwältigende Mehrheit, nämlich 96 Prozent der Befragten, teilte die Ansicht, dass die Befruchtung der Eizelle durch die Samenzelle der Startpunkt menschlicher Entwicklung sei. Dabei ist es interessant zu wissen, dass sich die Teilnehmer der Studie mehrheitlich als nicht religiös (63 %), liberal (89 %) und »Pro Choice« (85 %) bezeichneten. Biologen sind sich demnach darin einig, dass die Empfängnis einen entscheidenden Zeitpunkt darstellt, mit dem der kontinuierliche Entwicklungsprozess eines lebenden Organismus beginnt – der genau genommen erst mit dem Tod wieder endet. In diesem Zusammenhang lautet eine der wichtigsten Fragen, ob der Mensch sich zum Menschen oder als Mensch entwickelt. Die Beantwortung dieser Frage zieht Konsequenzen für viele bioethische Thematiken nach sich. Sein ganzes Leben lang durchläuft das Individuum unterschiedliche Entwicklungsstadien, in denen es sich immer wieder in Form und Fähigkeiten verändert. Zu Beginn des Lebens sind diese Veränderungen noch extremer und deutlicher als später im Leben. Dennoch stellt sich die Frage, ob irgendeine dieser Veränderungen auch das Wesen dessen verändert, was dieser Organismus ist. Klar ist, dass es sich beim Embryo von Anfang an um ein Lebewesen bzw. einen Organismus handelt, der individuelle DNA besitzt und der Spezies Mensch angehört. Dass viele Menschen das nicht in Verbindung zu dem setzen, was wir landläufig unter dem Begriff Mensch verstehen, hat vor allem sprachliche Gründe, was später noch deutlicher wird.
Was unterscheidet einen Zellhaufen von einem lebenden Organismus?Die Bezeichnung »Zellhaufen« wird oft abwertend für einen Embryo oder Fötus gewählt, um aufzuzeigen, dass dieser entweder noch gar nicht lebt oder kein Mensch ist. Dabei ist es kein Widerspruch, dass auch ein »Zellhaufen« ein lebendiger menschlicher Organismus sein kann: Bereits in den ersten Lebenstagen und -wochen, wenn der Embryo rein optisch noch eher einer Ansammlung von Zellen gleicht, erfüllt er entscheidende Kriterien, die das Leben kennzeichnen, wie Wachstum, Stoffwechsel, Bewegung oder Interaktion mit seiner Umwelt.
Bezeichnungen wie »werdendes Leben« oder »die Entwicklung zum Menschen« implizieren, dass der menschliche Organismus zu Beginn noch nicht vollständig oder fertig sei. Um bildhaft zu erklären, dass der Mensch mit der abgeschlossenen Verschmelzung von Ei- und Samenzelle vollständig ist, benutzt die Kanadierin Justina van Manen in ihrem Buch »Genug geschwiegen«6 folgende Metapher: Wenn der neue menschliche Organismus entstanden ist, ist es so, als hätte man den Auslöser einer Polaroid-Kamera gedrückt. In diesem Moment sind alle Informationen vorhanden, die es braucht, damit sich das Bild entwickelt. Dann sind nur noch Zeit und die richtige Umgebung notwendig, damit das Bild auch sichtbar wird. So ist auch der Embryo in dem Sinne vollständig, dass er in seiner natürlichen Umgebung außer Zeit nichts braucht, um sich weiterentwickeln zu können. Wenn er bestimmte Strukturen noch nicht ausgebildet hat, dann nicht, weil er noch kein Mensch ist, sondern weil es schlicht normal ist, dass ein Mensch in diesem Alter diese Strukturen nicht besitzt.
