Mein Kind und ich - Thorsten Macha - E-Book

Mein Kind und ich E-Book

Thorsten Macha

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Beschreibung

Werden Sie zu Experten in der Entwicklung Ihres Kindes! Wie ist mein Kind entwickelt? Woran kann ich mich orientieren? Wie kann ich mein Kind fördern? Muss ich es überhaupt fördern? Welche Rollen und Aufgaben kommen mir als Elternteil bei der Entwicklungsbegleitung zu? Und wer fragt danach, wie es mir geht? "Mein Kind und ich" greift elementare Fragen von Eltern zur Entwicklung ihres Kindes und zur Elternschaft auf. Übersichtlich wird zusammengefasst, was von einem Kind zu erwarten, was ihm zu wünschen und wovor es zu schützen ist. Dabei geraten die Eltern nicht aus dem Augenmerk. Eltern junger Kinder erfahren erhebliche Belastungen: Grundlegende Empfehlungen zeigen deshalb auf, wie Eltern zur Entwicklung ihres Kindes beitragen können und wo die Grenzen sinnvoller Entwicklungsförderung sind. Darüber hinaus wird dargestellt, welche Anforderungen in der Elternschaft bestehen und wie sich Überlastungen vermeiden lassen. Zahlreiche Hinweise helfen, Entwicklungsrisiken und Entwicklungskrisen, von Kindern wie von Eltern, rechtzeitig zu erkennen und auch zu bewältigen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Mein Kind und ich

Thorsten Macha, Franz Petermann

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Psychologie:

Prof. Dr. Guy Bodenmann, Zürich; Prof. Dr. Lutz Jäncke, Zürich; Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen; Prof. Dr. Astrid Schütz, Bamberg; Prof. Dr. Markus Wirtz, Freiburg i.Br.

Thorsten MachaFranz Petermann

Mein Kind und ich

Die ersten Lebensjahre

Thorsten Macha, Dr. phil.

Franz Petermann, Prof. Dr.

Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation

Universität Bremen

Grazer Straße 6

28359 Bremen

Deutschland

[email protected]

[email protected]

Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Psychologie

Länggass-Strasse 76

3000 Bern 9

Schweiz

Tel: +41 31 300 45 00

E-Mail: [email protected]

Internet: http://www.hogrefe.ch

Lektorat: Dr. Susanne Lauri

Bearbeitung: Elisabeth Dominik, Allendorf

Fotografien: Agentur Ideja Design & Fotografie, Bremen

Herstellung: Daniel Berger

Druckvorstufe: Claudia Wild, Konstanz

Umschlagabbildung: © Monika Cybulko by iStockphoto

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Illustration/Fotos (Innenteil): Agentur Ideja Design & Fotografie, Bremen

Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšín

Printed in Czech Republic

1. Auflage 2016

© 2016 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95678-7)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75678-3)

ISBN 978-3-456-85678-0

http://doi.org/10.1024/85678-000

Nutzungsbedingungen

Der Erwerber erhält ein einfaches und nicht übertragbares Nutzungsrecht, das ihn zum privaten Gebrauch des E-Books und all der dazugehörigen Dateien berechtigt.

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Diese Bestimmungen gelten gegebenenfalls auch für zum E-Book gehörende Audio­dateien.

Anmerkung

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Nutzungsbedingungen
Anmerkung
Vorwort
1 Entwicklungsbereiche
1.1 Zur Einleitung
1.2 Körpermotorik
1.2.1 Säuglinge (0–18 Monate)
0–3 Monate
4–6 Monate
7–12 Monate
13–18 Monate
1.2.2 Kleinkinder (19–36 Monate)
19–24 Monate
25–36 Monate
1.2.3 Vorschulkinder (37–72 Monate)
37–60 Monate
61–72 Monate
1.2.4 Hinweise zur Entwicklung der Körpermotorik
1.3 Handmotorik
1.3.1 Säuglinge (0–18 Monate)
0–3 Monate
4–6 Monate
7–12 Monate
13–18 Monate
1.3.2 Kleinkinder (19–36 Monate)
19–24 Monate
25–36 Monate
1.3.3 Vorschulkinder (37–72 Monate)
37–60 Monate
61–72 Monate
1.3.4 Hinweise zur Entwicklung der Handmotorik
1.4 Kognitive Entwicklung und Sprachentwicklung
1.4.1 Säuglinge (0–18 Monate)
0–3 Monate
4–6 Monate
7–12 Monate
13–18 Monate
1.4.2 Kleinkinder (19–36 Monate)
19–24 Monate
25–36 Monate
1.4.3 Vorschulkinder (37–72 Monate)
37–60 Monate
61–72 Monate
1.4.4 Hinweise zur kognitiven Entwicklung und Sprachentwicklung
2 Entwicklungsförderung durch die Eltern
3 Stichworte: Informationen kompakt
ADS, ADHS
Anfälle
Anfallsleiden
Ängste
Anregungen
Anstrengungsbereitschaft
Anstrengungsvermeidung
APGAR
Belohnung
Belohnungsaufschub
Bestrafung
Betreuung, gesetzliche
Beziehungsprobleme (Eltern)
Bindung
Chronische Erkrankungen
Computerspiele
Depressionen
Diagnostik
Dysgrammatismus
Elektronische Medien
Elternhilfen
Elterntraining
Emotionen (emotional)
Enkopresis
Entwicklungsalter
Entwicklungsauffälligkeit
Entwicklungsdiagnostik
Entwicklungsförderung
Entwicklungsprofil
Entwicklungsprognose
Entwicklungsrisiken
Entwicklungsrückstand
Entwicklungs-Screening
Entwicklungsstand
Entwicklungsstörungen
Entwicklungstest
Entwicklungsverzögerung
Enuresis
Epilepsie (epileptisch)
Ergotherapie
Ernährung
Erzieher
Erziehung
Erziehungsstil
Familienhebamme
Familienhilfe
Fernsehen
Frühförderung
Frühgeburt
Gedächtnis
Gelbes Kinder-Untersuchungsheft
Geschwister
Grenzen setzen
Grenzsteine
Händigkeit
Hebamme
Heilpädagogik
Hilfsangebote
Hochbegabung
Hyperaktivität
Hyperkinetische Störung
Hypertonie
Hypotonie
Impfung
Intelligenz
Intelligenzquotient
Jugendamt
Kinderarzt
Kinderneurologe
Kinderpsychologe
Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut
Kinder- und Jugendhilfe
Kindeswohl
Kindeswohlgefährdung
Kleinkindalter (Kleinkind)
Kognition (kognitiv)
Krankengymnastik
Lebensalter, korrigiertes
Lebensereignisse, kritische
Lernen
Logopädie (Logopäde)
Mehrsprachigkeit (mehrsprachig)
Meilensteine
Mitbewegungen
Motopädie
Motorik (motorisch)
Muskelspannung
Nabelschnur-pH
Neugeborenen-Hörscreening
Neuropädiater
Paarprobleme
Pädagoge
Pädaudiologe
Pädiatrie
Paukenröhrchen
Persönlichkeit
Physiotherapie
Positive Erziehung
Psychische Störungen
Psychotherapie
Regeln
Regulationsstörungen
Resilienz
Ressourcen
Risikofaktoren
Sauberkeitserziehung
Säuglingsalter (Säugling)
Schlafen
Schreien
Schuleingangsuntersuchung
Schulfähigkeit
Schulreife
Schutzfaktoren
Seelische Behinderung
Sensible Phase
Sensorische Integration
Soziale Kompetenz
Sprachstörungen
Sprachtherapie
Stillen
Temperament, frühkindliches
Tics
Tonus
Trotzphase
Überforderung (Kind, Eltern)
Unterforderung
Verhaltensbeobachtung
Verhaltensstörungen
Vorbildlernen
Vorschulalter
Vorsorgeuntersuchung
Wahrnehmung (Sinne)
Wahrnehmung, soziale
Zweisprachigkeit
Vertiefende Elternliteratur
Die Autoren

Vorwort

Seit vielen Jahren untersuchen wir in unserer Universitäts-Kinderambulanz in Bremen und im Rahmen wissenschaftlicher Studien Kinder, bei denen auch eine Entwicklungsdiagnostik durchgeführt wird. Um dieses Vorgehen zu optimieren und regelmäßig an den aktuellen Stand der Forschung anzupassen, haben wir vor über 20 Jahren begonnen, eigene entwicklungsdiagnostische Verfahren zu entwickeln.

Häufig sind Eltern über den Entwicklungsstand ihrer Kinder verunsichert, wünschen sich Erziehungshilfen und Förderempfehlungen, entwicklungspsychologische Fachliteratur oder Hinweise, wie mit einem vertretbaren Aufwand der Entwicklungsstand eines Kindes eingeschätzt werden kann. Der Markt hält einiges an solcher Literatur vor, jedoch nicht alle Quellen sind in gleicher Weise fachlich fundiert, wissenschaftlich gesichert oder nützlich. Da es in der Regel typische, wiederkehrende Fragen und Probleme sind, mit denen sich Eltern an uns wenden, haben wir beschlossen, die häufigsten und wichtigsten Fragen aufzunehmen und die Antworten in diesem kompakten Band zusammenzufassen.

Der Titel dieses Buches lautet „Mein Kind und ich – Die ersten Lebensjahre.“ Er entspringt einerseits aus dem Wissen, dass die Entwicklung eines Kindes sich in sehr engem Bezug zu den Eigenschaften seiner Eltern vollzieht und somit eine bloße Orientierung am Kind für viele Elternfragen zu kurz greift. Eltern wünschen sich einerseits Informationen zur Entwicklung von Kindern allgemein, sie möchten wissen, was „normal“ und was nicht mehr „normal“ ist, und sie möchten dabei natürlich ihre Kinder angemessen fördern, begleiten und erziehen. Eltern hätten andererseits von uns aber auch gerne Empfehlungen, wie sie sich in schwierigen Situationen und Lebensabschnitten verhalten können, damit die Entwicklung ihres Kindes nicht unnötig gefährdet wird. Häufig möchten Eltern auch einfach nur eine Bestätigung, dass sie alles „richtig machen“. Und gar nicht selten wünschen sich Eltern, dass auch sie einmal gefragt werden: „Und wie geht es Ihnen eigentlich dabei?“ So greift dieses Buch auch einige Fragen und Probleme auf, die manchmal auf den ersten Blick eher indirekt mit dem Kind zu tun haben scheinen, sich aber über die Zeit als erhebliche Belastungen oder auch besondere Ressourcen für Familien und somit auch für die Entwicklung eines Kindes erweisen können.

Dieses Buch bezieht sich auf den Altersbereich von null bis sechs Jahren. Es greift zunächst Prozesse der kindlichen Entwicklung in wichtigen Bereichen auf. Dabei werden grundlegende Prinzipien der Entwicklung, Entwicklungsschritte im Detail sowie Alarmzeichen der Entwicklung dargestellt. Ein Stichwortverzeichnis erläutert dann wichtige Fachbegriffe aus der Entwicklungspsychologie, Kinderheilkunde und aus verschiedenen Bereichen der Erziehung, Förderung und Therapie von Kindern. Es ist uns dabei ein wichtiges Anliegen, für die Inhalte, Situationen und Probleme, die in diesem Buch aufgegriffen werden, Empfehlungen und Hilfestellungen zu formulieren sowie kompetente Ansprechpartner zu benennen. Wir würden uns freuen, wenn dieses Buch Sie als Eltern gut informieren und auf diese Weise in Ihrem Kompetenzerleben unterstützen kann.

Wir danken Frau Dr. Nicole Gust aus unserem Hause sowie der Agentur Ideja Design & Fotografie in Bremen für die Unterstützung bei der Herstellung der Abbildungen.

Thorsten Macha und Franz Petermann

Bremen, im September 2016

1 Entwicklungsbereiche

Hinweis

In diesem Buch sind zahlreiche Stichworte mit einem Pfeil (↑) versehen. Zu diesen Stichworten finden Sie Erläuterungen im Stichwortverzeichnis ab Seite 85 am Ende dieses Buches.

1.1 Zur Einleitung

Um den Entwicklungsstand↑ eines Kindes einzuschätzen, geht man von verschiedenen Bereichen der Entwicklung aus, die zunächst isoliert betrachtet und dann in einer Gesamtschau miteinander in Beziehung gesetzt werden. Auf diese Weise können Stärken und Probleme eines Kindes veranschaulicht werden. Für jeden Bereich stehen spezifische entwicklungsdiagnostische Verfahren zur Verfügung, mit denen ein Entwicklungsstand präzise bestimmt werden kann. Die Anwendung solcher Verfahren stellt hohe Anforderungen an den Untersucher und muss somit Fachleuten vorbehalten bleiben. Eltern können jedoch wichtige Beobachtungen in eine Entwicklungsdiagnostik einbringen und somit die Entscheidungsfindung unterstützen. Häufig können detaillierte Elternangaben unnötige Untersuchungen ersparen.

Wichtige Bereiche der Entwicklung, die dieses Buch aufgreift, sind

die Körpermotorik (auch Grobmotorik genannt (vgl. Motorik↑)),die Handmotorik (auch als Feinmotorik bezeichnet; umfasst auch die Bereiche Visuomotorik bzw. Auge-Hand-Koordination sowie Grafomotorik),die kognitive↑ Entwicklung (die Wahrnehmung↑, Leistungen wie z.B. Denken, Lernen und Problemlösen sowie spezifische Bereiche wie das Gedächtnis↑) einschließlich der Sprachentwicklung.

Häufig wird auch die sozial-emotionale Entwicklung bewertet, wobei aus dem Verhalten eines Kindes im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen Rückschlüsse auf seine emotionalen↑ Kompetenzen und sozialen Fertigkeiten gewonnen werden. Die Entwicklung in diesen verschiedenen Bereichen erfolgt bei einem Kind meistens nicht vollkommen unabhängig voneinander. Häufig lassen sich aber bei einem Kind individuelle Stärken oder spezifische Entwicklungsprobleme in einem oder mehreren Bereichen feststellen. Werden bei einem Kind Entwicklungsprobleme erkannt, können diese Bereiche isoliert oder miteinander kombiniert gefördert werden.

Die folgenden Abschnitte beschreiben wichtige Entwicklungsschritte bei Kindern im Alter von null bis sechs Jahren.

1.2 Körpermotorik

1.2.1 Säuglinge (0–18 Monate)

0–3 Monate

Das neugeborene Kind liegt zunächst auf dem Rücken oder auf dem Bauch, der Kopf liegt so, dass das Gesicht zu einer Seite ausgerichtet ist. Bereits in den ersten Lebenswochen erlernt das Kind, den Kopf selbst zu wenden. Es werden bereits alle Gliedmaßen bewegt, die Bewegungen von Armen und Beinen zueinander erscheinen dabei noch eher unkoordiniert. Das Kind nimmt zunehmend unterschiedliche Körperpositionen ein, wobei der Kopf zunächst oft noch in eine bevorzugte Richtung gewendet wird. Insgesamt sind die Rumpfhaltungen und die Bewegungen des Kindes jedoch ohne besondere Seitenbevorzugungen, sondern ausgewogen und symmetrisch.

4–6 Monate

Das Kind kann den Kopf in der Rückenlage in der Körpermitte halten. In der Bauchlage gelingt es ihm, den Kopf etwas anzuheben und ein wenig zu den Seiten zu rotieren, so dass es sich im Radius der Reichweite seiner Hände umschauen kann (s. Abbildung 1). Dabei stützt es sich auf seine Unterarme und seine zumindest zeitweise geöffneten Hände. Sowohl in der Rückenlage als auch später in der Bauchlage streckt das Kind eine Hand aus, um Personen oder Gegenstände zu berühren. Außerdem beginnt das Kind, sich (in der Bauchlage verbleibend) zu drehen, so dass es in verschiedene Richtungen des Raumes blicken kann. Aus der Rückenlage heraus gelingt es, Dinge mit den Füßen zu berühren. Später versucht das Kind in der Rückenlage, Dinge mit beiden Händen zu berühren oder zu ergreifen. Vielen Kindern gelingt es bereits, sich selbsttätig aus der Rücken- in die Bauchlage und umgedreht zu bewegen. Es gelingt zunächst oft noch keine vollständige Rotation, die Bewegung endet noch in der Seitenlage. Bei den ersten vollständigen Rotationen vom Rücken auf den Bauch gelingt es dem Kind gelegentlich noch nicht, den Kopf koordiniert mitzuführen, so dass es nach der Körperdrehung mit der Stirn oder dem Gesicht auf der Unterlage aufkommt.

Abbildung 1: Bauchlage mit guter Kopfkontrolle

7–12 Monate

Das Drehen aus der Rücken- in die Bauchlage und umgekehrt gelingt dem Kind nun koordiniert, flüssig und ohne größere Anstrengungen. Gleichzeitig wird der Kopf koordiniert mitgeführt, nach dem Drehen vom Rücken auf den Bauch ist der Kopf sofort erhoben (s. Abbildung 2), so dass übergangslos die Umgebung erkundet werden kann. Nach der Drehung vom Bauch auf den Rücken wird der Kopf behutsam und in einer flüssigen Gesamtbewegung abgelegt.

Abbildung 2: Von links oben nach rechts unten: flüssige Rotation aus der Rücken- in die Bauchlage

Von einem Erwachsenen in die Sitzposition gebracht ist das Kind zunächst in der Lage, die freie Sitzhaltung auf ebener Fläche für kurze Augenblicke aufrecht zu erhalten. Hierbei lassen sich anfangs oft noch eine unsichere Kopfkontrolle, eine gebeugte Rumpfhaltung (s. Abbildung 3) sowie das Bestreben des Kindes beobachten, sich seitlich mit den Händen abzustützen. Diese Zeichen deuten auf eine noch nicht ausreichende körperliche Reife zur Einnahme der Sitzposition, weshalb das Kind dieser Körperhaltung auch nicht zu früh ausgesetzt werden sollte. Später zeigt das Kind eine sichere und stabile Sitzposition (s. Abbildung 4), das heißt, es sitzt mit geradem Rücken, guter Kontrolle der Kopfhaltung und Kopfbewegungen und kann gleichzeitig mit seinen Händen vor dem Körper greifen und agieren. Kurz darauf gelangt das Kind dann ohne Unterstützung (zumeist aus der Bauchlage) über einen kurzen Kniestand aus der liegenden in die sitzende Position (s. Abbildung 5).

Abbildung 3: Die Sitzposition ist noch nicht stabil, der Rumpf wird zur Stabilisierung nach vorne gebeugt.

Abbildung 4: Sichere Sitzposition: Kopf und Rumpf können gewendet werden.

Abbildung 5: Der Übergang aus dem Sitzen in die Krabbelposition erfolgt über den Kniestand.

Das Kind erwirbt zudem die Fähigkeit zur koordinierten, zielgerichteten Fortbewegung auf ebenem Boden ohne Unterstützung. Einige Kinder sind bei ihren ersten Fortbewegungsbemühungen frustriert, weil aufgrund unzureichender Koordination kein Fortkommen von der Stelle gelingt oder die gewünschte Richtung nicht eingestellt werden kann. Die meisten Kinder robben bzw. kriechen zunächst, das heißt, es besteht ein Kontakt der Ellenbogen, der Hüfte und der Knie mit dem Boden. Die Arm- und Beinbewegungen werden dabei zunehmend aufeinander abgestimmt, bis sich eine wechselseitige, symmetrische und flüssige Bewegungsfolge einstellt, mit der das Kind zielgerichtet und ökonomisch an die gewünschte Stelle im Raum gelangt. Etwas später entdecken die meisten Kinder das Krabbeln (s. Abbildung 6), das heißt, sie begeben sich in den Kniestand und bewegen sich durch abwechselnde Arm- und Beinbewegungen auf Händen und Knien fort, wobei das Körpergewicht vollständig von den Händen, Knien, Unterschenkeln und Füßen getragen wird. Einige Kinder robben oder krabbeln jedoch nicht, sondern zeigen andere Formen der Fortbewegung. Manche Kinder bewegen sich aus der Sitzposition heraus mit rutschenden, stoßartigen oder hoppelnden Bewegungen fort und bringen es dabei zu guten Koordinationsleistungen. Andere Kinder bewegen sich in der Rückenlage durch raupenartige oder schlängelnde Bewegungen fort, bei denen sie sich mit den Füßen abstoßen. Und wieder andere Kinder legen größere Distanzen im Raum dadurch zurück, dass sie sich mehrfach um die Körperlängsachse drehen. Auch wenn das Krabbeln die häufigste Form der Fortbewegung vor dem freien Gehen darstellt, muss das Ausbleiben des Krabbelns nicht unbedingt ein Entwicklungsproblem darstellen. Wenn ein Kind eine der beschriebenen, selteneren Fortbewegungsformen zeigt, liefert eher der Zeitraum des Erreichens einer guten Koordination bei der Fortbewegung Hinweise auf Entwicklungsprobleme, als die Art der Fortbewegung selbst. Solche Bewegungsmuster weisen häufig eine ererbte Komponente auf, das heißt, sie treten insbesondere dann auf, wenn auch bei einem Elternteil ähnliche Entwicklungsschritte zu beobachten waren.

Abbildung 6: Krabbeln: koordinierte Abstimmung der Arme und Beine

Die meisten Kinder gelangen gegen Ende des ersten Lebensjahres bereits in den Stand, wenn sie sich beim Aufrichten an Wänden, Möbeln, Gegenständen oder den Händen eines Erwachsenen abstützen können (s. Abbildung 7). Manche Kinder unternehmen dabei auch schon erste Schritte, an Möbeln und Wänden zumeist eher seitlich, an den Händen von einem Erwachsenen gehalten oft bereits schon vorwärts (s. Abbildung 8).

Abbildung 7: Kniestand beim Aufstehen an einem Stuhl

Abbildung 8: Unterstütztes Gehen: erste Schreitbewegungen vorwärts

13–18 Monate

Das Kind erlernt nun das freie Gehen, es benötigt auf ebenem Boden keine Unterstützung mehr. Die ersten Schritte sind zunächst meist noch etwas unsicher, das heißt, zur besseren Kontrolle des Gleichgewichts geht das Kind eventuell noch etwas breitbeinig, etwas nach vorne gebeugt und breitet die Arme aus. Oft wechselt das Kind noch zwischen Krabbeln und Gehen, bis das freie Gehen (s. Abbildung 9) sich zur wichtigsten Fortbewegungsform entwickelt hat. Wenn sich das Kind an einem Geländer oder an den Händen eines Erwachsenen festhalten kann, bewältigt es die Stufen einer Treppe aufwärts und abwärts im Nachstellschritt, das heißt, es besteigt eine neue Stufe mit einem Fuß und setzt den anderen Fuß auf die gleiche Stufe auf.

Abbildung 9: Freies Gehen

Aus dem Stand heraus lernt das Kind nun auch sich umzudrehen: Es vollzieht eine Drehung des Körpers und des Kopfes so weit, dass es sich dabei „über die Schulter sehen“ kann. Außerdem kann es Gegenstände vom Boden aufnehmen, ohne dabei den Stand aufgeben zu müssen. Zunächst stützt es sich oft noch mit einer Hand auf dem Boden ab, während die andere Hand den Gegenstand ergreift, später bückt es sich herab, ohne sich abstützen zu müssen. Noch etwas später gelingt es dem Kind auch bereits, einen Gegenstand oder Ball mit einem Fuß anzustoßen (s. Abbildung 10), ohne dass es das Gleichgewicht verliert.

Abbildung 10: Ball anstoßen im Stand: Zunächst wird noch gegen den Ball gelaufen, später wird er gezielt weggekickt.

Anmerkungen zu frühkindlichen Reflexen

Bei Säuglingen↑ sind in den ersten Lebenswochen und Lebensmonaten einige Verhaltensweisen zu beobachten, die unwillkürlich ablaufen, das heißt, vom Kind nicht gesteuert werden können. Sie werden häufig als frühkindliche Reflexe bezeichnet, auch wenn diese Bezeichnung etwas ungenau und in der Literatur umstritten ist. Es handelt sich um ererbte Verhaltensmuster, die für das Überleben des Kindes während der Schwangerschaft und nach der Geburt hilfreich sind. Gemeinsam ist diesen Verhaltensweisen, dass sie sich mit zunehmender Reife des Gehirns zurückentwickeln und teilweise vollständig verschwinden, so dass sie ab einem gewissen Alter des Kindes nicht mehr hervorgerufen werden können.

Einige dieser frühkindlichen Verhaltensweisen konkurrieren mit Willkürbewegungen, hierzu ein Beispiel: Bis etwa zum vierten Lebensmonat kann durch eine Berührung der Handinnenfläche in der Nähe der unteren Fingergelenke der Handgreifreflex ausgelöst werden, bei dem sich die Hand des Kindes als Reaktion spontan zur Faust verschließt. Solange der Greifreflex besteht, ist dem Kind kein dosiertes willkürliches Greifen und Loslassen möglich. Andere frühkindliche Reflexe beziehen sich unmittelbar auf bestimmte Körperhaltungen und -bewegungen und schränken die willkürlichen Bewegungen des Kindes ein. Solange diese Reflexe bestehen, ist es dem Kind nicht möglich, konkurrierende Bewegungen zu erlernen. Dieses Beispiel veranschaulicht, dass sich die motorische Entwicklung angepasst an die biologischen Voraussetzungen vollzieht und eine unzeitgemäß frühe Förderung motorischer Fertigkeiten erfolglos bleiben muss.

1.2.2 Kleinkinder (19–36 Monate)

19–24 Monate

Das Kind kann nun sicher vor Hindernissen stoppen oder diese umgehen. Sobald ein Kind routiniert steht und geht, eröffnen sich ihm die Möglichkeiten, aus diesen Haltungen und Bewegungen heraus weitere motorische Handlungen zu vollführen. So zieht es beispielsweise aufmerksam ein Nachzieh-Spielzeug hinter sich her, schiebt einen Puppenwagen zielgenau oder wirft beim Laufen etwas von sich fort, wobei die Wegwerfbewegung zunächst noch aus dem Unterarm heraus erfolgt. Die Aufmerksamkeit des Kindes verlagert sich dabei immer weiter von der Fortbewegung weg und richtet sich auf die zusätzlichen motorischen Handlungen. Das Gehen selbst vollzieht sich bald selbstverständlich „von allein“, die Bewegungsabläufe werden automatisiert. Mit zunehmender Sicherheit beginnt das Kind, seine Schrittfolgen zu variieren und die Schrittfrequenz zu erhöhen: So werden große und kleine Schritte möglich, oder ein Bein wird seitlich ausgestellt, um gezielt auf etwas zu treten. Zum Gehen („Schreiten“) gesellen sich kurze, schnelle, trippelnde Schritte, bei denen das Kind das Körpergewicht zunehmend auf die Vorfüße verlagert und die es ihm ermöglichen, kurze Strecken von einigen Metern in raschem Tempo zurückzulegen. Hierbei erfolgt zunächst noch kein Armschwung, sondern die Bewegungsdynamik wird noch aus der unteren Körperhälfte heraus erzeugt. Auch sind einige Rückwärtsschritte möglich. Jetzt erlernt das Kind rasch, ein Rutsche-Auto („Bobby-Car“, s. Abbildung 11) mit kräftigen Fußstößen vorwärts zu bewegen und es dabei zu lenken. Die Fortschritte in der motorischen Entwicklung des späten zweiten und des dritten Lebensjahres äußern sich (anders als im Säuglingsalter↑) nicht mehr in so rascher Folge neu erworbener Fertigkeiten, sondern eher im kontinuierlichen Verfeinern verschiedener motorischer Leistungen. Dies zu erkennen, erfordert eine präzise Verhaltensbeobachtung↑.

Abbildung 11: Das Rutsche-Auto wird gleichzeitig beschleunigt und gelenkt.