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Werden Sie zu Experten in der Entwicklung Ihres Kindes! Wie ist mein Kind entwickelt? Woran kann ich mich orientieren? Wie kann ich mein Kind fördern? Muss ich es überhaupt fördern? Welche Rollen und Aufgaben kommen mir als Elternteil bei der Entwicklungsbegleitung zu? Und wer fragt danach, wie es mir geht? "Mein Kind und ich" greift elementare Fragen von Eltern zur Entwicklung ihres Kindes und zur Elternschaft auf. Übersichtlich wird zusammengefasst, was von einem Kind zu erwarten, was ihm zu wünschen und wovor es zu schützen ist. Dabei geraten die Eltern nicht aus dem Augenmerk. Eltern junger Kinder erfahren erhebliche Belastungen: Grundlegende Empfehlungen zeigen deshalb auf, wie Eltern zur Entwicklung ihres Kindes beitragen können und wo die Grenzen sinnvoller Entwicklungsförderung sind. Darüber hinaus wird dargestellt, welche Anforderungen in der Elternschaft bestehen und wie sich Überlastungen vermeiden lassen. Zahlreiche Hinweise helfen, Entwicklungsrisiken und Entwicklungskrisen, von Kindern wie von Eltern, rechtzeitig zu erkennen und auch zu bewältigen.
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2016
Mein Kind und ich
Thorsten Macha, Franz Petermann
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Psychologie:
Prof. Dr. Guy Bodenmann, Zürich; Prof. Dr. Lutz Jäncke, Zürich; Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen; Prof. Dr. Astrid Schütz, Bamberg; Prof. Dr. Markus Wirtz, Freiburg i.Br.
Thorsten MachaFranz Petermann
Mein Kind und ich
Die ersten Lebensjahre
Thorsten Macha, Dr. phil.
Franz Petermann, Prof. Dr.
Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation
Universität Bremen
Grazer Straße 6
28359 Bremen
Deutschland
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Hogrefe AG
Lektorat Psychologie
Länggass-Strasse 76
3000 Bern 9
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Tel: +41 31 300 45 00
E-Mail: [email protected]
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Lektorat: Dr. Susanne Lauri
Bearbeitung: Elisabeth Dominik, Allendorf
Fotografien: Agentur Ideja Design & Fotografie, Bremen
Herstellung: Daniel Berger
Druckvorstufe: Claudia Wild, Konstanz
Umschlagabbildung: © Monika Cybulko by iStockphoto
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Illustration/Fotos (Innenteil): Agentur Ideja Design & Fotografie, Bremen
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšín
Printed in Czech Republic
1. Auflage 2016
© 2016 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95678-7)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75678-3)
ISBN 978-3-456-85678-0
http://doi.org/10.1024/85678-000
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Seit vielen Jahren untersuchen wir in unserer Universitäts-Kinderambulanz in Bremen und im Rahmen wissenschaftlicher Studien Kinder, bei denen auch eine Entwicklungsdiagnostik durchgeführt wird. Um dieses Vorgehen zu optimieren und regelmäßig an den aktuellen Stand der Forschung anzupassen, haben wir vor über 20 Jahren begonnen, eigene entwicklungsdiagnostische Verfahren zu entwickeln.
Häufig sind Eltern über den Entwicklungsstand ihrer Kinder verunsichert, wünschen sich Erziehungshilfen und Förderempfehlungen, entwicklungspsychologische Fachliteratur oder Hinweise, wie mit einem vertretbaren Aufwand der Entwicklungsstand eines Kindes eingeschätzt werden kann. Der Markt hält einiges an solcher Literatur vor, jedoch nicht alle Quellen sind in gleicher Weise fachlich fundiert, wissenschaftlich gesichert oder nützlich. Da es in der Regel typische, wiederkehrende Fragen und Probleme sind, mit denen sich Eltern an uns wenden, haben wir beschlossen, die häufigsten und wichtigsten Fragen aufzunehmen und die Antworten in diesem kompakten Band zusammenzufassen.
Der Titel dieses Buches lautet „Mein Kind und ich – Die ersten Lebensjahre.“ Er entspringt einerseits aus dem Wissen, dass die Entwicklung eines Kindes sich in sehr engem Bezug zu den Eigenschaften seiner Eltern vollzieht und somit eine bloße Orientierung am Kind für viele Elternfragen zu kurz greift. Eltern wünschen sich einerseits Informationen zur Entwicklung von Kindern allgemein, sie möchten wissen, was „normal“ und was nicht mehr „normal“ ist, und sie möchten dabei natürlich ihre Kinder angemessen fördern, begleiten und erziehen. Eltern hätten andererseits von uns aber auch gerne Empfehlungen, wie sie sich in schwierigen Situationen und Lebensabschnitten verhalten können, damit die Entwicklung ihres Kindes nicht unnötig gefährdet wird. Häufig möchten Eltern auch einfach nur eine Bestätigung, dass sie alles „richtig machen“. Und gar nicht selten wünschen sich Eltern, dass auch sie einmal gefragt werden: „Und wie geht es Ihnen eigentlich dabei?“ So greift dieses Buch auch einige Fragen und Probleme auf, die manchmal auf den ersten Blick eher indirekt mit dem Kind zu tun haben scheinen, sich aber über die Zeit als erhebliche Belastungen oder auch besondere Ressourcen für Familien und somit auch für die Entwicklung eines Kindes erweisen können.
Dieses Buch bezieht sich auf den Altersbereich von null bis sechs Jahren. Es greift zunächst Prozesse der kindlichen Entwicklung in wichtigen Bereichen auf. Dabei werden grundlegende Prinzipien der Entwicklung, Entwicklungsschritte im Detail sowie Alarmzeichen der Entwicklung dargestellt. Ein Stichwortverzeichnis erläutert dann wichtige Fachbegriffe aus der Entwicklungspsychologie, Kinderheilkunde und aus verschiedenen Bereichen der Erziehung, Förderung und Therapie von Kindern. Es ist uns dabei ein wichtiges Anliegen, für die Inhalte, Situationen und Probleme, die in diesem Buch aufgegriffen werden, Empfehlungen und Hilfestellungen zu formulieren sowie kompetente Ansprechpartner zu benennen. Wir würden uns freuen, wenn dieses Buch Sie als Eltern gut informieren und auf diese Weise in Ihrem Kompetenzerleben unterstützen kann.
Wir danken Frau Dr. Nicole Gust aus unserem Hause sowie der Agentur Ideja Design & Fotografie in Bremen für die Unterstützung bei der Herstellung der Abbildungen.
Thorsten Macha und Franz Petermann
Bremen, im September 2016
Hinweis
In diesem Buch sind zahlreiche Stichworte mit einem Pfeil (↑) versehen. Zu diesen Stichworten finden Sie Erläuterungen im Stichwortverzeichnis ab Seite 85 am Ende dieses Buches.
Um den Entwicklungsstand↑ eines Kindes einzuschätzen, geht man von verschiedenen Bereichen der Entwicklung aus, die zunächst isoliert betrachtet und dann in einer Gesamtschau miteinander in Beziehung gesetzt werden. Auf diese Weise können Stärken und Probleme eines Kindes veranschaulicht werden. Für jeden Bereich stehen spezifische entwicklungsdiagnostische Verfahren zur Verfügung, mit denen ein Entwicklungsstand präzise bestimmt werden kann. Die Anwendung solcher Verfahren stellt hohe Anforderungen an den Untersucher und muss somit Fachleuten vorbehalten bleiben. Eltern können jedoch wichtige Beobachtungen in eine Entwicklungsdiagnostik einbringen und somit die Entscheidungsfindung unterstützen. Häufig können detaillierte Elternangaben unnötige Untersuchungen ersparen.
Wichtige Bereiche der Entwicklung, die dieses Buch aufgreift, sind
die Körpermotorik (auch Grobmotorik genannt (vgl. Motorik↑)),die Handmotorik (auch als Feinmotorik bezeichnet; umfasst auch die Bereiche Visuomotorik bzw. Auge-Hand-Koordination sowie Grafomotorik),die kognitive↑ Entwicklung (die Wahrnehmung↑, Leistungen wie z.B. Denken, Lernen und Problemlösen sowie spezifische Bereiche wie das Gedächtnis↑) einschließlich der Sprachentwicklung.Häufig wird auch die sozial-emotionale Entwicklung bewertet, wobei aus dem Verhalten eines Kindes im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen Rückschlüsse auf seine emotionalen↑ Kompetenzen und sozialen Fertigkeiten gewonnen werden. Die Entwicklung in diesen verschiedenen Bereichen erfolgt bei einem Kind meistens nicht vollkommen unabhängig voneinander. Häufig lassen sich aber bei einem Kind individuelle Stärken oder spezifische Entwicklungsprobleme in einem oder mehreren Bereichen feststellen. Werden bei einem Kind Entwicklungsprobleme erkannt, können diese Bereiche isoliert oder miteinander kombiniert gefördert werden.
Die folgenden Abschnitte beschreiben wichtige Entwicklungsschritte bei Kindern im Alter von null bis sechs Jahren.
Das neugeborene Kind liegt zunächst auf dem Rücken oder auf dem Bauch, der Kopf liegt so, dass das Gesicht zu einer Seite ausgerichtet ist. Bereits in den ersten Lebenswochen erlernt das Kind, den Kopf selbst zu wenden. Es werden bereits alle Gliedmaßen bewegt, die Bewegungen von Armen und Beinen zueinander erscheinen dabei noch eher unkoordiniert. Das Kind nimmt zunehmend unterschiedliche Körperpositionen ein, wobei der Kopf zunächst oft noch in eine bevorzugte Richtung gewendet wird. Insgesamt sind die Rumpfhaltungen und die Bewegungen des Kindes jedoch ohne besondere Seitenbevorzugungen, sondern ausgewogen und symmetrisch.
Das Kind kann den Kopf in der Rückenlage in der Körpermitte halten. In der Bauchlage gelingt es ihm, den Kopf etwas anzuheben und ein wenig zu den Seiten zu rotieren, so dass es sich im Radius der Reichweite seiner Hände umschauen kann (s. Abbildung 1). Dabei stützt es sich auf seine Unterarme und seine zumindest zeitweise geöffneten Hände. Sowohl in der Rückenlage als auch später in der Bauchlage streckt das Kind eine Hand aus, um Personen oder Gegenstände zu berühren. Außerdem beginnt das Kind, sich (in der Bauchlage verbleibend) zu drehen, so dass es in verschiedene Richtungen des Raumes blicken kann. Aus der Rückenlage heraus gelingt es, Dinge mit den Füßen zu berühren. Später versucht das Kind in der Rückenlage, Dinge mit beiden Händen zu berühren oder zu ergreifen. Vielen Kindern gelingt es bereits, sich selbsttätig aus der Rücken- in die Bauchlage und umgedreht zu bewegen. Es gelingt zunächst oft noch keine vollständige Rotation, die Bewegung endet noch in der Seitenlage. Bei den ersten vollständigen Rotationen vom Rücken auf den Bauch gelingt es dem Kind gelegentlich noch nicht, den Kopf koordiniert mitzuführen, so dass es nach der Körperdrehung mit der Stirn oder dem Gesicht auf der Unterlage aufkommt.
Abbildung 1: Bauchlage mit guter Kopfkontrolle
Das Drehen aus der Rücken- in die Bauchlage und umgekehrt gelingt dem Kind nun koordiniert, flüssig und ohne größere Anstrengungen. Gleichzeitig wird der Kopf koordiniert mitgeführt, nach dem Drehen vom Rücken auf den Bauch ist der Kopf sofort erhoben (s. Abbildung 2), so dass übergangslos die Umgebung erkundet werden kann. Nach der Drehung vom Bauch auf den Rücken wird der Kopf behutsam und in einer flüssigen Gesamtbewegung abgelegt.
Abbildung 2: Von links oben nach rechts unten: flüssige Rotation aus der Rücken- in die Bauchlage
Von einem Erwachsenen in die Sitzposition gebracht ist das Kind zunächst in der Lage, die freie Sitzhaltung auf ebener Fläche für kurze Augenblicke aufrecht zu erhalten. Hierbei lassen sich anfangs oft noch eine unsichere Kopfkontrolle, eine gebeugte Rumpfhaltung (s. Abbildung 3) sowie das Bestreben des Kindes beobachten, sich seitlich mit den Händen abzustützen. Diese Zeichen deuten auf eine noch nicht ausreichende körperliche Reife zur Einnahme der Sitzposition, weshalb das Kind dieser Körperhaltung auch nicht zu früh ausgesetzt werden sollte. Später zeigt das Kind eine sichere und stabile Sitzposition (s. Abbildung 4), das heißt, es sitzt mit geradem Rücken, guter Kontrolle der Kopfhaltung und Kopfbewegungen und kann gleichzeitig mit seinen Händen vor dem Körper greifen und agieren. Kurz darauf gelangt das Kind dann ohne Unterstützung (zumeist aus der Bauchlage) über einen kurzen Kniestand aus der liegenden in die sitzende Position (s. Abbildung 5).
Abbildung 3: Die Sitzposition ist noch nicht stabil, der Rumpf wird zur Stabilisierung nach vorne gebeugt.
Abbildung 4: Sichere Sitzposition: Kopf und Rumpf können gewendet werden.
Abbildung 5: Der Übergang aus dem Sitzen in die Krabbelposition erfolgt über den Kniestand.
Das Kind erwirbt zudem die Fähigkeit zur koordinierten, zielgerichteten Fortbewegung auf ebenem Boden ohne Unterstützung. Einige Kinder sind bei ihren ersten Fortbewegungsbemühungen frustriert, weil aufgrund unzureichender Koordination kein Fortkommen von der Stelle gelingt oder die gewünschte Richtung nicht eingestellt werden kann. Die meisten Kinder robben bzw. kriechen zunächst, das heißt, es besteht ein Kontakt der Ellenbogen, der Hüfte und der Knie mit dem Boden. Die Arm- und Beinbewegungen werden dabei zunehmend aufeinander abgestimmt, bis sich eine wechselseitige, symmetrische und flüssige Bewegungsfolge einstellt, mit der das Kind zielgerichtet und ökonomisch an die gewünschte Stelle im Raum gelangt. Etwas später entdecken die meisten Kinder das Krabbeln (s. Abbildung 6), das heißt, sie begeben sich in den Kniestand und bewegen sich durch abwechselnde Arm- und Beinbewegungen auf Händen und Knien fort, wobei das Körpergewicht vollständig von den Händen, Knien, Unterschenkeln und Füßen getragen wird. Einige Kinder robben oder krabbeln jedoch nicht, sondern zeigen andere Formen der Fortbewegung. Manche Kinder bewegen sich aus der Sitzposition heraus mit rutschenden, stoßartigen oder hoppelnden Bewegungen fort und bringen es dabei zu guten Koordinationsleistungen. Andere Kinder bewegen sich in der Rückenlage durch raupenartige oder schlängelnde Bewegungen fort, bei denen sie sich mit den Füßen abstoßen. Und wieder andere Kinder legen größere Distanzen im Raum dadurch zurück, dass sie sich mehrfach um die Körperlängsachse drehen. Auch wenn das Krabbeln die häufigste Form der Fortbewegung vor dem freien Gehen darstellt, muss das Ausbleiben des Krabbelns nicht unbedingt ein Entwicklungsproblem darstellen. Wenn ein Kind eine der beschriebenen, selteneren Fortbewegungsformen zeigt, liefert eher der Zeitraum des Erreichens einer guten Koordination bei der Fortbewegung Hinweise auf Entwicklungsprobleme, als die Art der Fortbewegung selbst. Solche Bewegungsmuster weisen häufig eine ererbte Komponente auf, das heißt, sie treten insbesondere dann auf, wenn auch bei einem Elternteil ähnliche Entwicklungsschritte zu beobachten waren.
Abbildung 6: Krabbeln: koordinierte Abstimmung der Arme und Beine
Die meisten Kinder gelangen gegen Ende des ersten Lebensjahres bereits in den Stand, wenn sie sich beim Aufrichten an Wänden, Möbeln, Gegenständen oder den Händen eines Erwachsenen abstützen können (s. Abbildung 7). Manche Kinder unternehmen dabei auch schon erste Schritte, an Möbeln und Wänden zumeist eher seitlich, an den Händen von einem Erwachsenen gehalten oft bereits schon vorwärts (s. Abbildung 8).
Abbildung 7: Kniestand beim Aufstehen an einem Stuhl
Abbildung 8: Unterstütztes Gehen: erste Schreitbewegungen vorwärts
Das Kind erlernt nun das freie Gehen, es benötigt auf ebenem Boden keine Unterstützung mehr. Die ersten Schritte sind zunächst meist noch etwas unsicher, das heißt, zur besseren Kontrolle des Gleichgewichts geht das Kind eventuell noch etwas breitbeinig, etwas nach vorne gebeugt und breitet die Arme aus. Oft wechselt das Kind noch zwischen Krabbeln und Gehen, bis das freie Gehen (s. Abbildung 9) sich zur wichtigsten Fortbewegungsform entwickelt hat. Wenn sich das Kind an einem Geländer oder an den Händen eines Erwachsenen festhalten kann, bewältigt es die Stufen einer Treppe aufwärts und abwärts im Nachstellschritt, das heißt, es besteigt eine neue Stufe mit einem Fuß und setzt den anderen Fuß auf die gleiche Stufe auf.
Abbildung 9: Freies Gehen
Aus dem Stand heraus lernt das Kind nun auch sich umzudrehen: Es vollzieht eine Drehung des Körpers und des Kopfes so weit, dass es sich dabei „über die Schulter sehen“ kann. Außerdem kann es Gegenstände vom Boden aufnehmen, ohne dabei den Stand aufgeben zu müssen. Zunächst stützt es sich oft noch mit einer Hand auf dem Boden ab, während die andere Hand den Gegenstand ergreift, später bückt es sich herab, ohne sich abstützen zu müssen. Noch etwas später gelingt es dem Kind auch bereits, einen Gegenstand oder Ball mit einem Fuß anzustoßen (s. Abbildung 10), ohne dass es das Gleichgewicht verliert.
Abbildung 10: Ball anstoßen im Stand: Zunächst wird noch gegen den Ball gelaufen, später wird er gezielt weggekickt.
Anmerkungen zu frühkindlichen Reflexen
Bei Säuglingen↑ sind in den ersten Lebenswochen und Lebensmonaten einige Verhaltensweisen zu beobachten, die unwillkürlich ablaufen, das heißt, vom Kind nicht gesteuert werden können. Sie werden häufig als frühkindliche Reflexe bezeichnet, auch wenn diese Bezeichnung etwas ungenau und in der Literatur umstritten ist. Es handelt sich um ererbte Verhaltensmuster, die für das Überleben des Kindes während der Schwangerschaft und nach der Geburt hilfreich sind. Gemeinsam ist diesen Verhaltensweisen, dass sie sich mit zunehmender Reife des Gehirns zurückentwickeln und teilweise vollständig verschwinden, so dass sie ab einem gewissen Alter des Kindes nicht mehr hervorgerufen werden können.
Einige dieser frühkindlichen Verhaltensweisen konkurrieren mit Willkürbewegungen, hierzu ein Beispiel: Bis etwa zum vierten Lebensmonat kann durch eine Berührung der Handinnenfläche in der Nähe der unteren Fingergelenke der Handgreifreflex ausgelöst werden, bei dem sich die Hand des Kindes als Reaktion spontan zur Faust verschließt. Solange der Greifreflex besteht, ist dem Kind kein dosiertes willkürliches Greifen und Loslassen möglich. Andere frühkindliche Reflexe beziehen sich unmittelbar auf bestimmte Körperhaltungen und -bewegungen und schränken die willkürlichen Bewegungen des Kindes ein. Solange diese Reflexe bestehen, ist es dem Kind nicht möglich, konkurrierende Bewegungen zu erlernen. Dieses Beispiel veranschaulicht, dass sich die motorische Entwicklung angepasst an die biologischen Voraussetzungen vollzieht und eine unzeitgemäß frühe Förderung motorischer Fertigkeiten erfolglos bleiben muss.
Das Kind kann nun sicher vor Hindernissen stoppen oder diese umgehen. Sobald ein Kind routiniert steht und geht, eröffnen sich ihm die Möglichkeiten, aus diesen Haltungen und Bewegungen heraus weitere motorische Handlungen zu vollführen. So zieht es beispielsweise aufmerksam ein Nachzieh-Spielzeug hinter sich her, schiebt einen Puppenwagen zielgenau oder wirft beim Laufen etwas von sich fort, wobei die Wegwerfbewegung zunächst noch aus dem Unterarm heraus erfolgt. Die Aufmerksamkeit des Kindes verlagert sich dabei immer weiter von der Fortbewegung weg und richtet sich auf die zusätzlichen motorischen Handlungen. Das Gehen selbst vollzieht sich bald selbstverständlich „von allein“, die Bewegungsabläufe werden automatisiert. Mit zunehmender Sicherheit beginnt das Kind, seine Schrittfolgen zu variieren und die Schrittfrequenz zu erhöhen: So werden große und kleine Schritte möglich, oder ein Bein wird seitlich ausgestellt, um gezielt auf etwas zu treten. Zum Gehen („Schreiten“) gesellen sich kurze, schnelle, trippelnde Schritte, bei denen das Kind das Körpergewicht zunehmend auf die Vorfüße verlagert und die es ihm ermöglichen, kurze Strecken von einigen Metern in raschem Tempo zurückzulegen. Hierbei erfolgt zunächst noch kein Armschwung, sondern die Bewegungsdynamik wird noch aus der unteren Körperhälfte heraus erzeugt. Auch sind einige Rückwärtsschritte möglich. Jetzt erlernt das Kind rasch, ein Rutsche-Auto („Bobby-Car“, s. Abbildung 11) mit kräftigen Fußstößen vorwärts zu bewegen und es dabei zu lenken. Die Fortschritte in der motorischen Entwicklung des späten zweiten und des dritten Lebensjahres äußern sich (anders als im Säuglingsalter↑) nicht mehr in so rascher Folge neu erworbener Fertigkeiten, sondern eher im kontinuierlichen Verfeinern verschiedener motorischer Leistungen. Dies zu erkennen, erfordert eine präzise Verhaltensbeobachtung↑.
Abbildung 11: Das Rutsche-Auto wird gleichzeitig beschleunigt und gelenkt.
