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Beginnend mit dem Einmarsch in Österreich durchlebte Eugen Höflinger den gesamten 2. Weltkrieg vom ersten bis zum letzten Tag in verschiedenen Nachrichteneinheiten der Gebirgstruppe. Sein Weg führte über Westdeutschland, Dänemark, Norwegen bis nach Finnland. Seine Erlebnisse, seine Aufträge und die Aufstellung seiner Einheiten hat er in einem Tagebuch und in Skizzen festgehalten. 1948/49 hat er an Hand seiner Aufzeichnungen das Erlebte niedergeschrieben. In seinem nüchternen Stil, mit einfachen Worten und nur mit zeitlich geringer Distanz zu den Ereignissen ist ein authentisches und ehrliches Zeitdokument entstanden, was Einblick in das Soldatenleben und die damalige Gedankenwelt eines jungen Menschen erlaubt, dessen Leben fast ausschließlich durch Wehrmacht und Krieg geprägt war. Als Offizier hat er aber auch die Bewegungen und die Ziele seiner Einheit dokumentiert und damit historisch wertvolle Informationen hinterlassen. Viele Fotos, die er vorwiegend mit seiner einfachen Kodak Balgenkamera aufgenommen hat, sind erhalten geblieben. Mehr als 300 davon gestalten diesen Bericht sehr anschaulich.
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2020
Der nachfolgende Bericht soll ein möglichst ungetrübtes, wahrheitsgetreues, aber auch ungeschminktes Bild meines Soldatenlebens, vor allem aber der Zeit von 1938 bis 1945 geben, wobei wiederum die erlebnisreichsten Abschnitte des Krieges, 1939 bis 1945 auf breitere Basis gestellt und eingehender behandelt werden sollen.
Ich will hier keinen Bericht über politische Ereignisse geben und desgleichen keine taktischen Einzelheiten erörtern, denn diese sind aus anderen Schriften einwandfreier zu ersehen und auch von berufeneren Leuten geschrieben. Ich will lediglich meine persönlichen Erlebnisse schildern, meine Kameraden aus den verschiedenen Abschnitten festhalten und Örtlichkeiten und Zeiten angeben.
Ich stütze mich dabei auf die mir verbliebenen Aufzeichnungen aus jenen Tagen, auf Erlebnisberichte, die ich damals selbst verfasst habe, auf Kriegstagebuchaufzeichnungen meiner jeweiligen Truppenteile, auf Briefe, Kartenmaterial und Fotos sowie auf die in meinem Gedächtnis haften gebliebenen Erinnerungen.
Ich will versuchen, ohne Schönfärberei zu betreiben, was bei jedem nachträglichen Bericht eine große Gefahr ist, die durch die natürliche Veranlagung des Menschen, das Gute zu behalten, das Schlechte aber nach einer gewissen Zeit zu vergessen, hervorgerufen wird, alles so wahrheitsgetreu niederzuschreiben, wie mir das heute noch möglich ist.
Ich beginne im Jahre 1948, also 3 Jahre nach Abschluss der Kampfhandlungen, und hoffe damit einen genügend großen Abstand von den Ereignissen gewahrt zu haben, um objektiv bleiben zu können. Ich beabsichtige den Bericht nach und nach fertig zu stellen, so wie mir hierfür Zeit übrig bleibt.
Bonn, den 12. Juni 1948
Eugen Höflinger
Einsatz in Österreich März 1938
Einsatz Sudetenland Okt. 1938
Kriegsschule Potsdam Nov. 1938 - Aug. 1939
Mobilmachung Aug. 1939
Polenfeldzug Sept. – Okt. 1939
Abfahrt und Eisenbahntransport
Einsatz in der Slowakei
Vormarsch und Verfolgung in Polen
Stellungskämpfe vor Lemberg
Rückmarsch auf die Demarkationslinie
Rückmarsch aus Polen und Fahrt nach Westen
Schlusswort zum Polenfeldzug
Westdeutschland Okt. 1939 – Apr. 1940
Gebirgsnachrichtenabteilung 54
Gebirgsjägerfeldersatzbataillon 54
Gebirgsnachrichtenabteilung 67
Dänemark Apr. – Mai 1940
Norwegenfeldzug Mai – Juni 1940
Überfahrt nach Norwegen
Oslo 10. - 13. Mai 1940
Vormarsch in Südnorwegen
Vormarsch von Steinkjer nach Rognan 28. - 31. Mai 1940
Kampf um Bodö 31. Mai – 2. Juni 1940
Büffelunternehmen 3. – 10. Juni 1940
Besetzung Norwegens
Aufenthalt in Mosjøen 20. Juni – Aug. 1940
Schiffsfahrt nach Vadsö Sep. 1940
Aufenthalt in Sörvaranger (Sept. 1940 – März 1941)
W.C.-Ballade 1940
Erholungsurlaub im Oktober 1940
Schneidhofer Franzl
Winterbiwak im Raume von Nyborgmoen
Skijöring nach Polmak
Rentiere
Hühner- und Hasenjagd
Sonstiges
Verlegung des Abteilungsstabes nach Kirkenes
Kirkenes März – Juni 1941
Besuch im Sörvarangerwerk
Russlandfeldzug Juni – Okt. 1941
Besetzung von Petsamo (Juni 1941)
Der Angriff in Richtung Murmansk (Juli – Aug. 1941)
Lizafront Sep. – Okt. 1941
Der Herzberg
Besetzung Eismeerküste - Kirkenes Nov. 1941 – Febr. 1942
Finnland Febr. 1942 – Febr. 1943
Beim Stab des Armeenachrichtenregiments 550 als Regimentsadjutant
Urlaubsreise Februar 1942
Als Regimentsadjutant des Armeenachrichtenregiment 550
Urlaub Februar 1943
Chef der 4. Kp. Febr. 1943 – Dez. 1944
Das Jahr 1943
Gliederung der 4. Kompanie Armeenachrichten Regiment 550
Das Jahr 1944
Einsatz Enontekiö – Sittsajärvi Febr. – Apr. 1944
Gebirgsnachrichtenabteilung 67 Dez. 1944 – Mai 1945
Rückzug in Norwegen
Dänemark Januar 1945
Einsatz Kolmar-Brückenkopf 24. Jan. – 8. Febr. 1945
Kaiserstuhl 8. – 18. Febr. 1945
Eisenbahntransport in die Rheinpfalz 18. – 22. Febr. 1945
Einsatz Raum Bitsch 22. – 25. Febr. 1945
Einsatz Saar – Ruwer-Front 27. Febr. – 15. März 1945
Rhein bis Chiemsee
Anhang
Über den Polenfeldzug und die Rolle des Generaloberst Kübler
Churchills Memoiren
Nachwort 1
Nachwort 2
Vereidigung im November 1937 auf dem Königlichen Platz in München
Ich war gerade 5 Monate Soldat bei der Nachrichtenabteilung 7 in München, Lazarettstraße 7, und meine Grundausbildung war noch nicht beendet, als am 11. März 1938 die Teilmobilmachung unseres Truppenteils angeordnet wurde. Als Fahnenjunker war ich nur von meiner Stammabteilung, der Gebirgsnachrichtenabteilung 54 in Oberammergau, zur Ausbildung zur Nachrichtenabteilung 7 kommandiert und musste im Mobilmachungsfall zu meiner Stammabteilung zurückkehren. Aber meine Stammabteilung war gleichfalls mobilisiert worden und sofort aus der Garnison per Achse an die österreichische Grenze bei Reichenhall abgerückt. Ich erhielt also zusammen mit meinen Fahnenjunkerkameraden, Karl Danzer, Heinz Wacker und Böxler, die ebenfalls zur G.D.N.A. 54 gehörten, einen Marschbefehl nach Reichenhall mit dem Auftrag, mich dort beim Adjutanten der Abteilung zu melden.
Nachdem wir nach vielerlei Schwierigkeiten unsere Mobausrüstung aus den verschiedenen Kammern empfangen hatten, fuhren wir mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof. Es war das erste Mal, dass wir keinen Fahrpreis bezahlen mussten. Alle bestaunten uns und wollten uns ausfragen, aber wir dachten, wir würden ein Staatsgeheimnis verraten, wenn wir sagen würden, wohin wir mit unserer neuen Ausrüstung, mit den gelben Schuhen und dem Gewehr hinwollten. Am Bahnhof kauften wir uns Fahrkarten nach Reichenhall, fuhren ab und landeten schließlich abends todmüde bei Dunkelheit dort.
Nach einigem Suchen fanden wir schließlich den Abteilungsstab im Jägerkasino bei einem frohen Umtrunk vereint. Wir meldeten uns beim damaligen Adjutanten Leutnant Hübsch, der uns sofort an die Kompanien verteilte. Die ebenfalls anwesenden Kompaniechefs nahmen uns gleich in Empfang und schickten uns zu den Hauptwachtmeistern. Ich wurde der 1. Kompanie (Chef Hauptmann Binder) zugeteilt, die zum größten Teil in einer Turnhalle lagerte. Der Spieß, Hauptwachtmeister Pfahler, nahm mich dort in Empfang, allerdings nicht so herzlich, wie ich es mir gedacht hatte. Er wies mir einen Platz zum Schlafen lediglich dadurch an, indem er mit der Hand auf einen Haufen bereits schlafender Soldaten zeigte. Ich zog mich nicht mehr aus, sondern legte mich gleich nieder und schlief auch sofort ein, da ich bereits zwei Nächte nicht mehr geschlafen hatte.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war die Turnhalle leer, alles war ausgeflogen. Da stand ich nun allein auf weiter Flur und dachte schon, ich hätte den Krieg verpasst. Ich machte mich also auf die Socken und erfuhr schließlich, dass meine Kompanie bereits in Richtung österreichischer Grenze abgerückt sei und Stammleitung baute. Ich marschierte nun allein mit meinem Tornister in Richtung Salzburg und hatte Glück, dass ich nach kurzer Zeit ein Störungssuchfahrzeug meiner Kompanie fand. Diese brachte mich schließlich zu meinem Trupp, einem Betriebstrupp für die Divisionsvermittlung. Ohne diesen Glücksfall hätte ich tatsächlich den Einmarsch in den ersten Stunden versäumt, und ich wollte doch so gerne dabei sein.
Wie es sich dann herausstellte, hatte man mich als Neuen einfach beim Abrücken vergessen, da mich keiner kannte. Auch war mein Schlaf so fest gewesen, dass ich den Lärm einer abrückenden Truppe nicht bemerkte. Aber nun saß ich auf meinem Platz im Betriebsfahrzeug und brauchte nicht mehr zu tippeln.
März 1938, auf dem Weg zur Besetzung Österreichs (Höflinger 2. v.r.)
An der österreichischen Grenze angekommen, gab es einen kurzen Halt. Es wurde ‚Laden und Sichern‘ befohlen, und die Stahlhelme wurden aufgesetzt. Es war dies ein recht feierlicher Augenblick. Dann ging der Schlagbaum hoch, und wir fuhren und marschierten nach Österreich ein. Die Zollbeamten grüßten militärisch.
Die Steifheit dieses ersten Augenblicks löste sich aber schon in der nächsten Ortschaft. Dort war alles geflaggt und mit Girlanden geschmückt. Die gesamte Einwohnerschaft stand an der Straße und begrüßte uns herzlich. Wir hatten wirklich das Gefühl, dass die Bevölkerung uns als Befreier willkommen hieß. Geschenke wurden uns auf die Fahrzeuge geworfen, und an den Stellen, wo der Vormarsch für kurze Zeit ins Stocken geriet, wurden die ersten Unterhaltungen angeknüpft. Bald hatte keiner mehr seinen Stahlhelm auf dem Kopf, sondern jeder benützte ihn zum Auffangen von Zigaretten und sonstigen Geschenken.
Es war ein herrliches Wetter an diesem Märztag. Aber nicht nur am ersten Tag des Einmarsches war es schön, sondern die ganze Zeit, die ich damals dort verbrachte, war durch keinen einzigen trüben Tag beschattet. Auch waren der Jubel und die Begeisterung an allen Orten von Salzburg bis Graz gleich groß und gleich ehrlich. Ich muss das sagen, weil es viele Österreicher heute nicht mehr wahrhaben wollen. Auch war die gesamte Bevölkerung von einer Gastfreundschaft beflissen, wie wir sie zur damaligen Zeit im sogenannten ‚Altreich‘ schon lange nicht mehr kannten.
Am Nachmittag kamen wir in Salzburg an, das festlich geschmückt war. Groß und Klein standen zu unserem Empfang bereit. Allerdings war die österreichische Armee am Anfang noch in ihren Kasernen und hatte Ausgangsverbot. Aber am Abend dieses denkwürdigen Tages kamen auch die österreichischen Soldaten aus ihren Kasernen, und wir konnten uns begrüßen.
März 1938, Rast in Österreich
In Salzburg bezogen wir für diesen Tag in einer Schule Quartier auf Stroh. Nachdem wir uns dort eingerichtet hatten, erhielten wir Ausgang, um die Stadt zu besichtigen. Mich schnappten gleich zwei junge Österreicher, und wir machten einen ausgedehnten Bummel durch die Stadt, von dem ich heute nichts mehr weiß, da wir allerhand verschiedene schöne Sachen getrunken haben. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich in mein Quartier in der Schule zurückgekommen bin. Jedenfalls erwachte ich dort am nächsten Morgen durch den Weckruf des Wachhabenden. Es ist mir allerdings in Erinnerung geblieben, dass es schön war, und dass ich am nächsten Morgen keinerlei Kopfschmerzen hatte.
Dann ging es weiter über Vöklabruck nach Schwanenstadt, wo ich ein sehr nettes Quartier hatte, und wo ich eine Nacht lang ein Telefonfräulein bewachen sollte. Die Bewachung war meines Erachtens nicht nötig, aber Befehl ist Befehl, so hieß es jedenfalls damals. Nachdem ich nun so eine halbe Stunde mit meinem Gewehr dagesessen war, wurde mir die Geschichte zu dumm, und ich stellte meine ‚Latte‘ in ein Eck, zog die Feldbluse aus und machte es mir gemütlich.
Das Telefonmädchen hatte wenig zu tun, und auf einmal sagte sie zu mir, dass es nun Zeit sei, eine ‚Jausen‘ zu machen. Ich wusste zwar nicht, was das ist, sollte es aber gleich erfahren. Das Mädchen holte hinter ihrem Klappenschrank eine große Thermosflasche hervor, zwei Tassen und schließlich noch eine ganze Torte. Sie richtete alles nett her und lud mich ein. Wir schmausten nun bis die Torte und der Bohnenkaffee alle waren und ließen nebenbei gesagt, Telefon Telefon sein. So konnte der Feldzug ruhig weitergehen.
Da unser Marsch uns bis dahin in mehr nordöstlicher Richtung geführt hat, kam in diesen Tagen das Gerücht auf, dass wir gleich in die Tschechoslowakei einrücken sollten. Aber der nächste Tag führte uns wieder in südlicher Richtung weiter. Am zweiten Tag kamen wir nach Gmunden am Traunsee, wo ich in einem schönen Sommerhotel Quartier bezog. Auch hier hatte ich nette Erlebnisse, die aber zu sehr ins Persönliche gehen. Jedenfalls war ich über die herrliche Gegend um den Traunsee entzückt, wie ich überhaupt das Salzkammergut für eine der schönsten Gegenden Europas halte. Hier errichtete mein Trupp die Divisionsvermittlung. Gmunden selbst ist ein sauberer Badeort, der aber seinen Charakter als kleines Landstädtchen noch nicht ganz verloren hat, wie man es sonst bei Badeorten so häufig finden kann.
Von Gmunden aus ging der Marsch unserer Division über Mühldorf, Klaus, Dirnbach nach Windischgarsten. Bei der Nennung des letzten Ortes fällt mir auch der Zwetschgenschnaps ein, den wir dort in ausreichenden Maße getrunken haben. Und weiter ging der Marsch nach Spital am Pyrn mitten durch die herrliche Bergwelt. Von hier aus begann dann der Marsch über den Pyrnpass (945m), über den ich im Folgenden Näheres sagen werde.
Die Straße über den Pyrnpass hatte damals noch stellenweise eine Steigung von 23%. Die Überwindung einer derartig steilen Straße durch eine Marschkolonne bedeutete eine große Leistung und eine ungeheure Anstrengung für die Fahrzeuge, die sich nur im Schritttempo vorwärts bewegen konnten. Bald war das Kühlwasser der Motoren am Kochen und musste dauernd erneuert werden. Die Vorwärtsbewegung war oft so langsam, dass man aussteigen konnte, um seine Notdurft zu verrichten. Man konnte dann, ohne sein Marschtempo zu beschleunigen, sein Kraftfahrzeug wieder erreichen. Mein Trupp war mit einem alten Betriebskraftfahrzeug (Büssing NAG.) ausgestattet. Die Passhöhe selbst war tief verschneit und musste von den Pionieren (Geb.Pi.Batl.54) freigeschaufelt werden.
Währen dieses Aufstiegs ist auch ein bedauerliches Unglück passiert. Ein schweres Geschütz des IV./Geb.Art.Rgt. 79 stürzte beim Nehmen einer scharfen Rechtskurve samt Zugmaschine und voller Besatzung nach links in den Abgrund. Sämtliche Leute kamen ums Leben. In der Kurve kam das linke Hinterrad der Kanone auf das aufgeweichte Bankett, das durch die schwere Last abbrach. Die abstürzende Kanone zog durch ihr Gewicht die Zugmaschine mit in den Abgrund.
Auf der Passhöhe wurde eine kurze Rast eingelegt, und dann ging´s hinab in das Obere Ennstal. Wir erreichten als erstes Lietzen an der Enns, als unser Tagesziel. Dann ging es weiter über Rottenmann, Gaishorn - Paß -Mautern im Liesingtal nach Leoben. Dieser Ort war ebenfalls wieder Tagesziel. Jetzt waren wir in der Steiermark.
Am nächsten Tag erreichten wir Bruck an der Mur, das ich noch heute wegen der gastfreundlichen Unterbringung gut im Gedächtnis habe. Der nächste Tag führte uns dann bei herrlichem Frühlingswetter das Murtal entlang, über Frohnleiten, Peggau, Gradwein zu der steiermärkischen Hauptstadt Graz. Hier in der Steiermark war alles schon in Blüte, wir kamen uns wirklich wie nach dem Süden versetzt vor, so stark war der Unterschied im Pflanzenwuchs zwischen den nördlichen Voralpenländern und der Steiermark.
In Graz selbst hat es mir ausgezeichnet gefallen. Ich war bei einem Rechtsanwalt im Quartier, der in der Gegend der Schillerstraße wohnte, dessen Namen ich aber leider vergessen habe. Ich wurde liebevollst betreut, hatte vor allem jeden Abend frisches Obst an meinem Bett stehen. Man las mir jeden Wunsch von den Augen ab.
Ich habe mir alle Sehenswürdigkeiten von Graz, vor allem den Schlossberg mit seinem historischen Glocken- und Uhrturm, das Rathaus am Hauptplatz und die historisch und künstlerisch wertvollen Gebäude und Denkmäler in der näheren und weiteren Umgebung des Karl-Ludwig-Rings angesehen, aber auch nicht versäumt, gewisse pikante Lokale in der Nähe des Murplatzes zu besuchen. Man musste ja schließlich alles einmal gesehen haben.
Hier in Graz fand auch eine große Truppenparade auf dem Josefsplatz statt. Leider muss ich zugeben, dass ich von dieser Parade nicht viel gesehen habe. Das kam nämlich folgendermaßen:
Der Paradetag war sehr heiß, und wie es bei solchen Paraden üblich war, dauerten der Aufmarsch und die Aufstellung länger als die ganze Parade, ja sogar viel länger. Ich weiß nur noch, dass wir an diesem Tag schon sehr früh angefangen haben, und dass dadurch unser Durst ziemlich groß war. Als wir bei dem ruckweisen Vorwärtsmarschieren und immer wieder Anhalten einmal gerade bei einem Wirtshaus hielten, kamen wir auf die Idee, uns Bier in unseren Betriebswagen hereinzuholen. Damit es aber auf jeden Fall auch reicht, kauften wir ein ganzes ‚Tragerl‘ mit 25 Flaschen. Wir zechten in unserem Wagen und rückten stückweise weiter vorwärts. Von außen ist da nicht viel zu erkennen, aber auch von innen ist nicht allzu viel zu sehen. Als sich wieder einmal einer erkundigte, wie lange es noch dauert, bis die Parade losgeht, sagte unser Kraftfahrer, dass es schon vorbei sei. So haben wir diese Parade in wenig militärischer Art hinter uns gebracht und hoffen, dass es niemand gesehen hat. Und wenn es doch jemand gesehen haben sollte, so kann es uns heute auch nicht mehr viel schaden.
Ansonsten soll es bei dieser Parade viel zum Lachen gegeben haben, vor allem beim Vorbeimarsch der Bergteile mit den Mulis. Da ging doch manchem Jäger die Wickelgamasche auf, und sein Muli oder der dahinter marschierende Kamerad trat darauf, wodurch natürlich der Wickelgamaschenträger stolperte oder gar hinfiel. Es war eben doch nicht das Richtige, mit Gebirgssoldaten eine Parade abzuhalten.
Von Graz aus machten wir einige Ausflüge in die nähere Umgebung, so z.B. auf den Rosenberg. Aber auch größere Tagesausflüge mit Kraftfahrzeugen wurden veranstaltet, die uns nach Kärnten, einmal sogar bis Klagenfurt führten. Dort sind wir auch einmal an die jugoslawische Grenze gefahren. Auch der Hauptstadt der damaligen Ostmark habe ich einen kurzen Besuch abstatten dürfen, als ich eine Dienstreise als Kurierbegleiter dorthin machte. Überall wo wir hinkamen, wurden wir herzlichst empfangen und großartig bewirtet mit Wein und Kuchen. Sogar ein Manöverball wurde veranstaltet.
Gegen Anfang April war für mich diese schöne Zeit vorüber, und wir begaben uns auf die Rückreise. Diesmal ging es aber mit der Eisenbahn von Graz aus in die Heimat. Die Fahrt führte uns in etwa zwei Tagen durch die herrliche Bergwelt über Bruck an der Mur, Leoben, Rottenmann, Selztal, Radstadt, Golling, Hallein, Salzburg, Rosenheim, München nach Oberau bei Garmisch-Partenkirchen. Es war ein fröhlicher Militärtransport. Unsere Waggons hatten wir mit Blumen und frischem Grün geschmückt.
Der Empfang in der Heimat war bei weitem nicht so herzlich, wie wir es uns gedacht hatten. Jedenfalls lange nicht so herzlich wie unser Empfang in Österreich, das muss vor allem deshalb gesagt werden, weil es die Österreicher heute nicht mehr wahrhaben wollen.
Für mich schlug nun wieder die Stunde, wo ich wieder zur Nachrichtenabteilung 7 nach München zurückkehren musste. Wir fühlten uns damals alle schon wie richtige alte Krieger und waren doch noch recht grüne militärische Anfänger im Vergleich zu unseren späteren Erlebnissen. Jedenfalls habe ich auch noch meinen ersten Orden (Medaille zur Erinnerung an den 12. März 1938) bekommen, was natürlich die Heldenbrust schwellen ließ.
Die 20 Fahnenjunker beim Umtrunk im Kloster Andechs
An dieser Stelle möchte ich auch kurz die Namen meiner Fahnenjunkerkameraden bei der Nachrichtenabteilung 7 festhalten, soweit sie mir noch in Erinnerung sind. Es waren dies:
Ernst Wichert
N.27
Augsburg
(Wohnort München)
Karl Danzer
N.54
Oberammergau
(Wohnort München)
Ludwig Seitz
N.7
München
(Wohnort Kehlheim)
Heinz Wacker
N.54
Oberammergau
(Wohnort Gauting)
Valerian Friedrichs
N.7
München
(Wohnort Stettin)
Paul-Hans Kühne
N.7
München
(Wohnort Marburg/Lahn)
Rolf Donner
N.17
Ansbach
(Wohnort Ansbach)
Karl Rommel
N.27
Augsburg
Karl Böxler
N.54
Oberammergau
(Wohnort München)
Hans Denner
N.7
München
Flugblatt, abgeworfen im März 1938 über Salzburg
In München bei der N.7 begann wieder der Fahnenjunkerausbildungsdienst mit seinen vielen Strapazen und Übungen, denen ich allerdings verdanke, dass ich Reiten und Fahren mit Sechser-Gespannen, sowie Kraftfahren in den Klassen I - III erlernte. Außerdem wurde ich im Funken ausgebildet. Ich beherrschte schließlich die Morsetaste im Tempo 100 und konnte dieses Tempo auch aufnehmen. Des Weiteren erlernte ich sämtliche gebräuchlichen Schlüsselsysteme der deutschen Wehrmacht. Später wäre ich wohl kaum noch zur Erlernung dieser Fähigkeiten gekommen. So zog sich die Ausbildung über den Sommer und den Herbstanfang 1938 hin, und ich rechnete bald mit meinem Kriegsschulkommando. Aber vorher sollte noch der Einsatz im Sudetenland kommen, von dem wir bereits ein halbes Jahr früher, anlässlich des Einmarsches in Österreich, gesprochen hatten. Besonders überrascht hat uns dieser Einmarsch nicht.
Eugen Höflinger am 12.09.1938
Allzu viel ist über diesen kurzen ‚Krieg‘ auch nicht zu sagen. Ich war wieder meiner Stammabteilung mobilmachungsmäßig zugeteilt worden. Da ich inzwischen zum Fahnenjunkerunteroffizier befördert worden war, wurde ich als Truppführer bei der 3./Geb.Nachr.Abt. 54 (Funkkompanie) eingeteilt. Ich erhielt einen mittleren Geb.Funktrupp b in Stärke von 2 Uffz., 10 Mann und 5 Mulis. Mein 2. Uffz. war Uffz. Martin, eine lustige, frohe Seele und ein guter Kamerad. Diese kleine Truppe war mir nun für 4 Wochen unterstellt, und ich muss sagen, dass wir uns gut vertragen haben. Befehle musste ich fast nie geben. Wir waren alle ungefähr gleichalte, aktive Soldaten, die genau wussten, was die Aufgabe eines jedes Einzelnen ist.
Ich muss aber an dieser Stelle ausdrücklich bemerken, dass die Disziplin damals noch viel besser war als später, als man glaubte, sie nur mit NS.-Führungsoffizieren aufrechterhalten zu können.
Nachdem wir also am 25. September 1938 wieder einmal teilmobilisiert hatten, wurden wir auf die Bahn verladen und fuhren noch am gleichen Tag nach Passau. Dort erhielten wir Privatquartiere, wo wir es uns 3 Tage gut gehen ließen. Während dieser Zeit waren in München die Verhandlungen zwischen Chamberlain, Daladier, Mussolini und Hitler. Ich muss sagen, dass wir uns sehr wenig um Politik gekümmert haben. Für uns war alles mehr ein Erlebnis, das wir ganz gerne mitmachten.
Am 29. September 1938 ging dann endlich der Marsch von Passau an die tschechoslowakische Grenze los. Immer meinen Mannen voraus ging es durch den südlichen Böhmerwald nach Haunzenberg, das uns für eine Nacht Unterkunft bot. Am 30. September 1938 erreichten wir schließlich die Grenze zwischen Ulrichsberg und Glöckelberg. Die Quartiere waren dem Böhmerwald entsprechend recht kümmerlich, vor allem aber ausgesprochen ländlich, so mit Kuhstall und Stroh. Ich glaube, dass Betten nur ab Stabsoffizier aufwärts zur Verfügung standen.
Am frühen Morgen des 1. Oktober 1938 begann der Einmarsch in das Sudetenland. Die Grenze liegt in einem großen Wald auf der Wasserscheide Donau-Moldau/Elbe. Im deutschen Zollhaus haben wir noch eine kurze Rast gehalten. Dann begann der Einmarsch. Vorbei an tschechischen Straßensperren, die meines Erachtens eigentlich mehr zum Aufhalten von Schmugglerfahrzeugen gedacht waren, erreichten wir den ersten Ort im Sudetenland, das Dorf Glöckelberg. Den tschechischen Namen habe ich mir nicht gemerkt. Er ist mir zu schwierig gewesen.
Die tschechischen Grenzpfähle wurden übrigens von unserer Kompanie beim Grenzübertritt mitgenommen und später in der Kaserne in Oberammergau aufgestellt, wo bereits die von der österreichischen Grenze mitgebrachten Pfählen standen. Im Laufe der Zeit gesellten sich dann noch andere Grenzpfähle hinzu.
In Glöckelberg wurden wir von der sudetendeutschen Bevölkerung herzlich und mit Tränen in den Augen empfangen. Die Bevölkerung war aber so arm, dass sie uns nichts zum Empfang bieten konnte. Das Letzte was sie noch hatte, wurde ihr von der tschechischen Wehrmacht am gleichen Morgen bei ihrem Rückzug abgenommen. Schon in den nächsten Tagen kam es schließlich soweit, dass wir die Bevölkerung ernähren mussten, weil einfach nichts mehr zum Essen da war.
Am 2. Oktober 1938 ging es von Glöckelberg weiter. Der Marsch führte uns nach Oberplan - Schwarzbach. Der letztere Ort war unser heutiges Tagesziel. Hier im Moldaugrund war die Bunkerlinie der Tschechen aufgebaut. Für uns war das damals sehr interessant, waren dies doch die ersten Befestigungswerke, die wir aus der Nähe besichtigen und auch betreten konnten. In der Hauptsache handelte es sich um leichtere Werke, vor allem um Schützen- und Maschinengewehrbunker. Größere Werke, wie sie von Deutschland damals gerade am Westwall errichtet wurden, habe ich bei dieser Befestigungslinie nicht gesehen.
Die Anlage der einzelnen Werke war nicht ungeschickt. Es war besonders viel Wert auf gegenseitige Deckung gelegt worden. Jedoch war die gesamte Befestigungslinie noch nicht vollendet. Insbesondere war die Tarnung und Bepflanzung noch nicht sehr weit gediehen, so dass man die einzelnen Bunker sehr deutlich schon aus größerer Entfernung im Gelände ausmachen konnte. Deshalb bin ich heute noch der Überzeugung, dass ein Angriff auf diese Bunkerlinie keine allzu großen Schwierigkeiten bereitet hätte. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, die Bunker aus sicherer Entfernung durch Flak oder Pak außer Gefecht zu setzen. Wie spätere Versuche ergaben, waren unsere damaligen panzerbrechenden Waffen durchaus in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen. Wir haben versuchsweise diese Bunker aus verschiedenen Entfernungen mit verschiedenen Waffen beschossen, und uns dann die Ergebnisse genau angesehen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich an diesem Tag vor lauter Bunkerbesichtigen fast verirrt habe, und nur durch eifriges Suchen wieder in mein Quartier zurückgefunden habe.
Am nächsten Tag ging unser Marsch wieder weiter. Endziel war Andreasberg. In diesem Ort sollten wir uns nun etwa 14 Tage aufhalten. Der Ort selbst liegt hoch auf einem Hügelrücken, und man kann weit ins Tal in Richtung Prachatitz blicken, wo der Divisionsstab und meine Kompanie lagen. Ich hatte mit meinem Trupp die Funkverbindung zwischen der Division und einem Rgt. herzustellen. Ich glaube es war das Geb.Jäger Rgt. 100. Allerdings kam diese Funkverbindung taktisch nicht zum Tragen, da keine taktischen Sprüche zugelassen waren.
04.10.1938, der erste Feldpostbrief
Diese Maßnahme war befohlen worden, um den Tschechen nicht die Möglichkeit zu geben, unsere Absichten durch Entschlüsselung unserer Funksprüche zu erfahren.
Unser Quartier war in einer Wirtschaft mit Kegelbahn, und unsere Funkstelle hatten wir in einem Dachstübchen aufgebaut. Damit unseren Funkern die Zeit nicht zu lange wurde, wurden Betriebssprüche befördert. Da aber langsam auch der Stoff für Betriebssprüche ausging, kam ich auf die Idee, den Text einer alten Bibel, die eben in dieser Dachkammer lag, unserer Gegenstelle in Form von Funksprüchen durchzutasten. So wurde nun stündlich ein Funkspruch durchgegeben, und ich kann mich erinnern, dass wir einen ganz ansehnlichen Teil dieser Bibel in den 14 Tagen unseres dortigen Aufenthalts in den Äther gestrahlt haben. Aber sonst haben wir uns wirklich ‚keinen Haxen ausgerissen‘.
Weil wir nun schon einmal da waren, haben wir uns auch die nähere und weitere Umgebung von Christianberg und Andreasberg angesehen. Ganz besonders ist mir ein Besuch in einer Glashütte noch in lebhafter Erinnerung. Die Hütte lag in Ernstbrunn. Dort hat jeder von uns Kristallvasen und andere Gegenstände aus Kristallglas erstanden. In fast jedem Ort gab es auch einen Glasschleifer. So habe ich mir, wie auch die übrigen Kameraden des Trupps, einen Glaskrug mit einem Erinnerungswappen schleifen lassen. Dieser Krug hatte die Inschrift: ‚Zur Erinnerung an den Einmarsch in das Sudetenland am 1. Oktober 1938‘, ferner waren die Kompanie und mein Name darauf vermerkt. Wo nun heute mein Krug und meine Vase gelandet sind, das weiß ich nicht zu sagen. Ich bedaure allerdings sehr, dass ich ihn nicht mehr besitze.
Desweiteren habe ich Krummau besichtigt. Ich erinnere mich auch noch lebhaft an einen Kompanieabend in Prachatitz. Da wurde ein Schwein geschlachtet und gebraten. Es gab echtes Pilsener Bier, das die Kompanie mit einem LKW von dort selbst geholt hatte, und es wurde getanzt. Ich weiß noch mit Bestimmtheit, dass Bier reichlich vorhanden war.
In unserem kleinen Ort Andreasberg war ansonsten nicht viel los. Unsere Jäger und auch meine Funker halfen den Bauern bei ihrer Herbstbestellung, die durch die politischen Ereignisse im Rückstand war. Es fehlte den Bauern damals auch an Gespannen, da ein Teil ihrer Pferde durch die tschechische Wehrmacht requiriert worden war.
Die zu unserem Wirtshaus gehörende Kegelbahn war fast den ganzen Tag in Betrieb. Es wurden verschiedene Meisterschaften zwischen den Trupps und Kompanien, aber auch mit der dortigen Bevölkerung ausgetragen. Mein Nachtlager hatte ich in der Küche auf einer Ottomane. In der Küche schliefen außerdem noch eine junge Magd und manchmal noch einige Landser.
Am 21. Oktober 1938 war für uns auch diese Zeit vorüber. Der Rückmarsch begann. Der Weg führte uns diesmal über Wallern, Kirchwalda, Landstraßen, Klein-Phillipsreut, Freyung und Leoprechting nach Passau. Der Rückmarsch war anstrengender als der Vormarsch, da die ganze Strecke an einem Tag von uns verlangt wurde. Wir waren ziemlich erledigt, als wir am Abend mit Militärmusik in Passau empfangen und in unsere Quartiere begleitet wurden. Es waren übrigens dieselben wie vor dem Ausmarsch.
Nach entsprechender Ehrung durch die Bevölkerung ging´s schon am nächsten Tag zum Bahnhof zur Verladung. Der Heimtransport begann
Wir hatten in diesen Tagen die Grenze des Deutschen Reiches um durchschnittlich 35 km vorwärts getragen, und wir waren stolz darauf. Wenn ich mich recht erinnere, gab es damals sogar schon Feldpost, und wir fühlten uns schon wie alte Feldsoldaten, wenn auch noch völlig ohne Berechtigung. Für die Strapazen dieses ‚Feldzuges‘ erhielt ich meinen 2. Orden, die ‚Medaille zur Erinnerung an den 1. Okt. 1938‘
Nach dem Einrücken in Oberammergau war es an der Zeit, mich für mein Kriegsschulkommando in Potsdam fertig zu machen, das dann am 1. November 1938 begann. Über dieses Kommando will ich im folgenden Abschnitt berichten.
Eingang und Wache der Kriegsschule Potsdam
1939 auf der Kriegsschule
1939 in Zivil in Potsdam
Wir waren der 2. Lehrgang, der in der neuen Kriegsschule in Potsdam-Nedlitz untergebracht war. Es handelte sich hier um eine ganz moderne Anlage, mit allem Komfort der modernen Zeit. Von Kaserne war hier nicht mehr viel zu merken.
Ich gehörte der 8. Fähnrichschaft in der 1. Inspektion der Lehrgruppe B an. Mein Fähnrichsoffizier war Lt. von Bernhardi, ein etwas degenerierter alter Adel. Mein Inspektionschef war anfangs Hptm. Heering und gegen Ende Hptm. von Vietinghoff zu Riesch, beide untadelige deutsche Offiziere, die später im Krieg ihren Mann gestanden haben. Mein Lehrgruppenkommandeur war Oberst Grossmann, ein ruhiger, langsam sprechender Ostpreuße. Der Kommandeur der Kriegsschule Potsdam war Generalmajor Wetzel, ein kleines Männchen, bei dem der Säbel beinahe größer war als er selbst.
Mein Taktiklehrer und unser aller Palladin und Betreuer war der damalige Major und Junggeselle Dewitz, unser ‚Bestens‘ genannt, weil er diesen Ausdruck bei jeder passenden und auch unpassenden Gelegenheit gebrauchte. Er erfreute sich allgemein großer Beliebtheit. Wir standen alle noch lange mit ihm in Briefverbindung und er sandte allen ehemaligen Angehörigen der 8. Fähnrichschaft noch bis zum Jahre 1943 Rundbriefe, die über das Ergehen aller Kameraden berichteten und uns damit gegenseitig auf dem laufenden hielten. In den letzten Jahren des Krieges Riss dann die Verbindung zu ihm ab, so dass ich heute nicht weiß, wo er steckt, und was dieser alte Militär jetzt wohl treiben mag. Er wurde mehrmals im Krieg verwundet und ausgezeichnet. Er hatte bei seiner letzten Mitteilung an mich die Stellung eines Div. Kdr. erlangt.
Um das Bild rund zu machen, will ich im nachstehenden Teil alle Kameraden meiner Fähnrichschaft namentlich aufführen:
Major v. Dewitz und Leutnant v. Bernhardi
Die 8. Fähnrichschaft nach dem Stand von 1939:
Auer (später LW.)
Altendorf
Bielas † (später LW.)
Bethmann
Bleckmann
von Dunker
Friedrich
Gehrt (unser Jüngster)
Graf von der Groeben Horstwilh.
Hartmann † (Stubenkamerad)
Heerdt, Heini
Keppler (Nachrichten!)
Kleemann (Fähnrichsschaft Ältester)
Kleine
Kleybold
Kofler (Österreich)
Künzel
von Münchow
Patzer (Österreich)
Prion (Afrikaner)
Scheunemann † (Stubenkamerad)
Schmelzer, Karl
Steichele (später Luftwaffe)
Schulz (nach 1960 Bonn)
Stahlberg †
Trautner, Ernstl † (Geb. Truppe)
Woelki (Pionier)
Ein großer Teil dieser jungen Kameraden, die meist noch nicht einmal 20 Jahre alt waren, ist als Leutnant gleich zu Anfang des Krieges gefallen oder schwer verwundet worden, da fast alle mit ihren aktiven Truppenteilen in den Krieg zogen und dort fast ausnahmslos zuerst als Zugführer eingesetzt wurden. Besonders hart hat es die Kameraden der Infanterie getroffen. Auch meine beiden Stubenkameraden Hartmann und Scheunemann, mit denen ich beinahe ein Jahr lang die zwei Zimmer unserer Wohnung in der Kriegsschule geteilt habe, sind sehr bald gefallen.
Von den meisten Kameraden habe ich seit 1943 nichts mehr gehört. Die bis dahin noch am Leben waren, hatten zumeist die Stellung eines Kompaniechefs oder eines höheren Adjutanten inne. Von den mit † bezeichneten Kameraden haben wir bis 1940 sichere Todesnachricht erhalten. Von dem weitaus größeren Teil waren die Todesnachrichten nicht offiziell, sondern nur gerüchteweise zu mir durchgedrungen. Ich habe es deshalb unterlassen, sie als tot zu bezeichnen.
Während meiner Kriegsschulzeit, die sehr abwechslungsreich und interessant war, habe ich auch einen großen Teil von Preußen - damals hieß es noch so - kennengelernt. Vor allem habe ich Berlin und seine nähere Umgebung eingehend besichtigt und genossen.
Dienstlich unternahmen wir verschiedene Besichtigungs- und Ausbildungsfahrten, z. B. nach Döberitz zur Infanterieschule und zum Olympiadorf, in dem damals die Heeressportschule untergebracht war. Wir waren auch in der Panzerschule in Wünsdorf, wo uns die neuesten Panzertypen vorgeführt wurden, und wo wir auch Gelegenheit hatten, in den Panzern mitzufahren und scharf zu schießen. Ferner besuchten wir die Fallschirmjägerschule in Stendal, und haben uns dort einen Massenabsprung von Fallschirmjägern vorführen lassen, wobei wir alle auch gerne springen wollten, was man uns aber nicht erlaubt hat.
In Roßlau an der Elbe hat uns die Pionierschule die Waffen und Geräte der Pioniere vorgeführt und uns in die Bekämpfung von Befestigungen eingeweiht. Weiterhin haben wir dort Kriegsbrückenschlag und Flussüberquerung mit Pioniergeräten zu sehen bekommen. In Jüterbog hat man uns mit Kalibern aller Art scharf überschossen, um uns die Wirkungen zu demonstrieren, und um uns für die Artillerie zu gewinnen. Ein ganzer Tag war dem Besuch der Luftwaffenkriegsschule in Gatow gewidmet. Dort gab es ein großes Schaufliegen. Wir sind von früh bis spät von einer Maschine in die andere geklettert, und haben uns von den Kameraden der Luftwaffe spazierenfliegen lassen. Diese haben natürlich die Gelegenheit genutzt, mit uns allerhand Unfug zu treiben, um uns Angst einzujagen.
Die Heinkel-Flugzeugwerke in Rostok haben wir gleichfalls besichtigt, weiterhin eine Marinestation in Swinemünde, wo im Wesentlichen ein riesiges Lager von Sperrwaffen zu sehen war. Darüber hinaus gab es noch Besuche in Frankfurt an der Oder, Brandenburg a. d. Havel und Stettin.
Im Januar 1939 unternahm die Kriegsschule Potsdam eine 14-tägige Skireise in das Glazer Bergland. Meine Fähnrichschaft war zum größten Teil in der Kohlauer-Mühle untergebracht, einem Hotel in Bad Reinerz. Leider gab es dort in diesem Jahr weniger Schnee als üblich, weshalb vorwiegend andere Vergnügungen wie Tanz etc. an der Tagesordnung waren. Einmal habe ich sogar die Bar übernommen.
Im Sommer 1939 kam dann die große Ostpreußenfahrt, die jedes Jahr sämtliche Kriegsschulen beim Tannenbergdenkmal vereinigte. Wir waren inzwischen alle Fähnriche geworden, soweit wir die Fähnrichsprüfung im Mai 1939 bestanden hatten. Die Ostpreußenfahrt führte uns von Swinemünde mit dem damaligen Dampfer ‚Stuttgart‘ nach Pillau bei Königsberg. Wir hatten eine herrliche Überfahrt und lebten auf dem Schiff wie Vergnügungsreisende. Die gesamte Reise dauerte gut 14 Tage und führte uns von einem Winkel des ostpreußischen Landes in den anderen. Sämtliche Schlachtfelder der großen Tannenbergschlacht von 1914 wurden besichtigt, und der Ablauf der Kämpfe besprochen. Zwischen den einzelnen Vorträgen wurde in den vielen Seen bestens gebadet, da der Sommer sehr heiß war.
Abfahrt zur großen Ostpreußenfahrt, Januar 1939
In Warnemünde
Auf der Stuttgart
Einlaufen in Pillau
In Insterburg
Auf den Tannenberg Schlachtfeldern
Der Schlussappell fand am Tannenbergdenkmal statt, und der damalige Oberbefehlshaber des Heeres, von Brauchitsch, sprach zu uns. Während des Schlussappells ging übrigens ein furchtbares Gewitter nieder, und wir sind alle bis auf die Haut nass geworden.
Ansprache von Gen.Feldmarschall v. Brauchitsch
Marienburg
Landsitz von Hindenburg in Neudeck
Die Rückreise war stürmischer, und mehrere Seekranke waren zu beklagen. Ich selbst bin einigermaßen seefest, wie ich später auch in Norwegen feststellen konnte.
Die Offiziersprüfung, die anschließend stattfand, habe ich gut bestanden und wurde daraufhin am 20. August 1939 mit Wirkung vom 1. August 1939 zum Oberfähnrich befördert. Damit endete mein Kommando zur Kriegsschule Potsdam, bei dem ich viel gelernt und gesehen habe. Nach einem kurzen Urlaub war nun für mich die Zeit gekommen, zu meiner Stammabteilung der G.D.N.54 nach Oberammergau zurückzukehren. Auch munkelte man damals schon viel von Krieg, was wir aber noch nicht recht glauben wollten.
Nach einem herzlichen Abschied mit entsprechenden Feiern wurden wir losgeschickt. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verließ ich Berlin, wo ich doch eine Menge Freunde gefunden hatte.
Im Hörsaal beim Taktikunterricht
Fähnrichsheim
Feldmarschallsaal
Frühjahr 1939, Besuch bei verschiedenen Truppenteilen u.a. in Döberitz, Wünsdorf, Roßlau und Stendal
Kriegsschule Potsdam, Sportfest mit Kaffekränzchen
Nach Oberammergau zurückgekehrt, wurde ich als Zugführer eingesetzt. Ich wurde der 2. Kompanie unter Hptm. Peter zugeteilt und erhielt den 4. Zug dieser Kompanie. Ich war zu dieser Zeit der jüngste Zugführer.
Am 26. August 1939 wurde mir meine Beförderung zum Leutnant durch meinen Abteilungskommandeur, Oberstleutnant Kleinschroth mitgeteilt. Am Abend fand dann eine friedensmäßige Beförderungsfeier mit allem Drum und Dran statt. Am nächsten Morgen lagen die Kasinoordonanzen noch total besoffen in den Klubsesseln des Kasinos und hatten die uns abgezwickten Flaschen noch vor sich stehen. Letztendlich erhielt ich eine Rechnung von etwa 400 RM. Ich musste für die Getränke, mehrere Gläser, eine Deckenlampe, die zerschossen wurde und die Reparatur der Wand bezahlen.
Offizierskorps der Geb. Nachr. Abt. 54 im August 1939 (Höflinger links außen)
Da ich den 4. Zug, auf dessen Zugführerplanstelle ich eingeteilt war, auch im Polenfeldzug führen durfte, halte ich es für wichtig, hier die genaue Gliederung und Besetzung festzuhalten:
4. Zug der 1. Kompanie der Geb.Nachr.Abt. 54
Gesamtstärke:
1 Offizier, 7 Uffz., 44 Mann, 18 Tragtiere und 2 Reitpferde
Bewaffnung insgesamt:
47 Gewehre, 5 Pistolen, 940 Schuss Gewehr- und 40 Schuss Pistolenmunition
Zugtrupp
Zugführer:
Lt. Höflinger
Uffz. z.b.V.:
Wm. Vorderwülbecke
Kradfahrer:
Fu. Gruber II (WH.62457)
Pferdewärter:
Ofu. Kärcher (Reitpferde Quirin und Karin)
Tragtierführer:
Fu. Lunglhofer (Nachtigall mit Karette)
Fu. Moser I (T.T. Igel)
Trupp 32 (1. Geb.Betriebstrupp)
Stärke:
1 Uffz., 7 Fernspr., 3 Tragtiere
Bewaffnung:
7 Gewehre, 1 Pistole, 140 Schuss Gewehr- und 8 Schuss Pistolenmunition
Truppführer:
Uffz. Blersch
stellv. Truppführer:
Gefr. Pischel
Gerätewart:
Fu. Exner
Fernsprecher:
Fu. Kainz
Fu. Schwind
Tragtierführer:
Ofu. Feldbacher (T.T. Nock)
Fu. Hecht (T.T. Rebell)
Fu. Katzenschwanz (T.T. Pius)
Tragtiere:
Mulis Nock, Rebell und Pius
Trupp 33 (2. Geb.Betriebstrupp)
Stärke:
1 Uffz., 7 Fernspr., 3 Tragtiere
Bewaffnung:
7 Gewehre, 1 Pistole, 140 Schuss Gewehr- und 8 Schuss Pistolenmunition
Truppführer:
Uffz. Grathwohl
stellv. Truppführer:
Gefr. Kapfhammer
Gerätewart:
Fu. Sobscack
Fernsprecher:
Fu. Suchan
Fu. Straub I
Tragtierführer:
Fu. Effhäuser (T.T. Rival)
Fu. Mader (T.T. Oztant)
Fu. Pfleger (T.T. Müllerhorn)
Tragtiere:
Mulis Rival, Oztant und Müllerhorn
Trupp 34 (großer Geb.Fernsprechtrupp)
Stärke:
2 Uffz., 8 Fernsprecher, 5 Tragtierführer
Bewaffnung:
14 Gewehre, 1 Pistole, 280 Schuss Gewehr- und 8 Schuss Pistolenmunition
Truppführer:
Uffz. Janson
stellv. Truppführer:
Uffz. Helfer (kommandiert)
Gerätewart:
Fu. Bauer Joh. I
Hilfskrankenträger:
Gefr. Rothmund
Fernsprecher:
Gefr. Körber
Gefr. Schlögel
Ofu. Grandinger
Fu. Maier XI
Fu. Gierth
Fu. Hansenhündl
Tragtierführer:
Fu. Schell (T.T. Neck)
Fu. Loher (T.T. Nerz)
Fu. Wagner (T.T. Quo vadis)
Fu. Crasser (T.T. Narziss)
Fu. Althäuser (T.T. Siegfried)
Tragtiere:
Neck, Nerz, Quo vadis, Narziss und Siegfried
Trupp 35 (großer Geb.Fernsprechtrupp)
Stärke:
2 Uffz., 8 Fernsprecher, 5 Tragtierführer
Bewaffnung:
14 Gewehre, 1 Pistole, 280 Schuss Gewehr- und 8 Schuss Pistolenmunition
Truppführer:
Uffz. Windstossser
stellv. Truppführer:
Gefr. Bauberger
Gerätewart:
Fu. Donderer
Hilfskrankenträger:
Gefr. Funk
Fernsprecher:
Fu. Pflüger
Fu. Hoffmann I
Gefr. Vogl
Fu. Winterstein
Fu. Weiß
Fu. Hertl
Tragtierführer:
Fu. Huber II (T.T. Pascha)
Fu. Hoffer (T.T. Markgraf)
Fu. Höpfinger (T.T. Nagerhorn)
Fu. Fischer (T.T. Neptun)
Fu. Weinhart (T.T. Philipp)
Tragtiere:
Pascha, Markgraf, Nagerhorn, Neptun, Philipp
An dieser Stelle möchte ich auch noch einige andere Besetzungen meiner Kompanie aufzeichnen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten:
Kompaniechef:
Hptm. Peter
Hptwm.:
Hptwm. Leimböck
Funkmeister:
Uffz. Arnold
Schirrmeister:
Schirrm. Kaltenecker
Zugführer 1. Zug:
Lt. Schleif
Zugführer 2. Zug:
Lt. Erzberger
Zugführer 3. Zug:
Lt. d.R. Freund
Zugführer 4. Zug:
Lt. Höflinger
Fahnenschmied:
Beschl. Uffz. Wimmer
Gefechtstrossführer:
Wm. Hegendörfer
Verpflegungsuffz.:
Wm. Völkel
Kompaniesanitäter:
Gefr. Albrich
Rechn. Führer:
Wm. Haag
Am 28. August 1939 kam dann die Mobilmachung. Die Aufregung war nicht besonders groß. Es klappte alles ausgezeichnet. Wir hatten ja nun allmählich eine gewisse Erfahrung darin. Schon wenige Stunden nach der Mobilmachung kamen die ersten Reservisten an. Es waren dies vor allem Kraftfahrer samt ihren Fahrzeugen, die als Trossfahrzeuge eingezogen waren. Da war mancher ältere Mann dabei, der noch nie Soldat war. Viele davon konnten bereits mein Vater sein.
Die größte Arbeit hatten die einzelnen Kammern. Sie mussten ja außer der aktiven Truppe auch die ganzen Reservisten einkleiden, bewaffnen und ausrüsten.
Die letzten Tage in Oberammergau waren sehr schön. Wir kamen noch oft ins Dorf, wo alles in Abschiedsstimmung war, und wo man von allen möglichen Leuten zu einem Abschiedstrunk eingeladen wurde. Es war auch so, dass keiner wusste, wohin wir kommen sollten und was überhaupt los war. Gerade das gab wahrscheinlich diese besondere Stimmung vor großen Ereignissen, die man sehr selten erlebt.
31.08.1939, am Tag vor der Abfahrt, Blick aus der Offz.-Messe
Der Abmarsch aus der Kaserne begann am 1. September 1939 um 17 Uhr. Das ganze Dorf Oberammergau war auf den Beinen. Vor allem die Mädchen brachten ihren nun in den Krieg ziehenden Burschen Blumen und andere Geschenke und zogen noch kilometerweit mit der ausmarschierenden Kompanie mit. Ich selbst war mit dem Kompaniechef und den anderen Zugführern hoch zu Ross. Da die Bergteile wegen ihres langsameren Marschtempos die Spitze der Marschkolonne bildeten, ritt ich auch mit an der Spitze. Es war herrlich warmes Wetter und die Stimmung der Truppe war wirklich ausgezeichnet, obwohl man auch weinende Mütter und Mädchen sah, die die Straßen säumten.
Der Marsch ging über Kloster Ettal nach Oberau an der Bahnstrecke München-Garmisch-Partenkirchen. Zum letzten Mal warfen wir unsere Blicke auf die herrlichen bayerischen Berge. Der Ettaler Kofel grüßte uns noch ein Stück des Weges, dann war auch er verschwunden. Nach und nach blieben die letzten noch mit marschierenden Zivilisten und Bräute zurück.
Abmarsch von Oberammergau 1. September 1939 (Höflinger 2. von rechts)
Ich war für meine Kompanie als Verladeoffizier eingeteilt. Um 19 Uhr begann die Verladung in Oberau. Wir hatten ja vorher schon einige Verladeübungen abgehalten, es musste also klappen. Von Westen zog ein Gewitter heran. Alles beeilte sich deshalb, fertig zu werden. Trotzdem gab es viele Schwierigkeiten zu überwinden. Der Zug war in seiner Zusammensetzung auch nicht so, wie man es im Idealfall hätte erwarten können. Es musste wegen der vielen Bremserhäuschen häufiger rangiert werden, als dies sonst erforderlich war. Und wer eine Verladung von teilmotorisierten Verbänden mitgemacht hat, der weiß, wie lange es dauern kann, bis der Lokführer den Befehl zum Rangieren ausführt. Vor allem machten uns einige unserer störrischen Mulis viel zu schaffen. Wir konnten sie nur mit viel Mühe in die Waggons bringen, obwohl alle Verladegeräte, sogar eine fahrbare Rampe, vorhanden waren. Aber so ein Muli hat seinen eigenen Kopf. Einige von ihnen musste man geradezu in die Waggons tragen.
1. Sept. 1939, Bahnhof Oberau, die letzten Nachrichten werden gehört
Trotz der angeordneten völligen Verdunkelung bei der Verladung, klappte es schließlich doch noch ganz gut. Es war aber auch höchste Zeit, denn es setzte ein starker Gewitterregen ein. Alles verkroch sich in die zugewiesenen Waggons und versuchte es sich so bequem wie dies in G-Wagen möglich ist, einzurichten. Es wusste ja keiner genau wo es hinging und wie lange die Fahrt dauern würde.
Als dann gegen Mitternacht der Zug seinen Marschbefehl erhielt, waren einige der Offiziere nicht da. Ich fand sie schließlich nach einigem Suchen in der Bahnhofswirtschaft bei einem Abschiedsschoppen feucht fröhlich vereint.
Dann ging es los. Jeder wollte von mir wissen, wohin der Zug fährt. Ich konnte aber auch nicht mehr sagen als das, was ich vom Zugführer erfahren hatte. Dieser wusste aber auch nur die Strecke bis zum nächsten Lokwechselbahnhof. Dann kam ein anderer Zugführer, der wieder ein Stück weiter wusste.
Die Fahrt ging über München, Rosenheim (am 2. Sept. um 5.00 Uhr) nach Salzburg (8.00 Uhr). Hier wurde der erste längere Aufenthalt eingelegt zum Tränken der Tragtiere und Pferde, sowie zum Kaffeefassen der Truppe. Man sah auch einige ganz Unentwegte, die auf der Lokomotive heißes Wasser holten, um sich zu rasieren. Andere fassten den Entschluss, sich einen Bart wachsen zu lassen.
Dann ging´s wieder weiter über Attnang-Pullheim, durch das oberösterreichische Voralpenland zur Donau. Über Linz, wo uns freundliche Mädchen Erfrischungen anboten, und St. Pölten erreichten wir schließlich bei Dunkelheit am Abend des 2. Sept. die österreichische Hauptstadt Wien.
Meine Aufgabe während der Fahrt bestand darin, die Verbindung mit dem Zugführer aufrecht zu erhalten, was bei Nacht gar nicht so einfach war.
Noch bei Dunkelheit passierten wir gegen Morgen des 3. Sept. die österreichisch-slowakische Grenze bei Marchegg. Bis jedoch die meisten unserer Kraxler mit verschlafenen Gesichtern und Strohhalmen gespickten Haaren ihre Köpfe aus den Waggontüren herausstreckten, um Luft zu schnappen, waren wir schon weit in das breite Waagtal eingefahren. Bahnhöfe mit unentzifferbaren Namen flogen vorbei. Beim nächsten Aufenthalt versuchten alle, sich mit der Bevölkerung zu verständigen, was aber meist misslang. Hätte ich nicht den Funker Bibl gehabt, dann wären wir vollkommen aufgeschmissen gewesen. Bibl war Sudetendeutscher, den wir vor einem Jahr ‚erbeutet‘ hatten, und verstand als solcher die slowakische Sprache. Er hat uns später als Dolmetscher noch viele wertvolle Dienste geleistet.
Aber es kamen auch Ortschaften, wo man Volksdeutsche traf. Diese brachten uns Weintrauben und andere schöne Sachen an den Zug. Sie waren frohen Mutes und guter Laune, obwohl sie schon die ganze letzte Nacht durchfahrende Militärtransporte betreut hatten.
Über Trentschin ratterten wir das allmählich schmäler werdende Flusstal hinauf. Die weißen Karpathen, das Javornik- und das Galgocer-Gebirge verengten das Tal. Von den Höhen grüßten Burgen und Burgruinen aus alter Zeit, bis hinter Sillein Fluss und Bahn die Mala Fatra durchbrachen. Bald nach Rosenberg in Liptovská Teplá standen wir längere Zeit im Bahnhof. Der Nachteil der eingleisigen Strecke wurde schon recht fühlbar. Solchen Belastungen, vor allem mit solch langen Zügen, war die slowakische Bahn kaum gewachsen. Zweimal musste der Zug an besonders steilen Strecken geteilt werden. Die Teile wurden dann von der Lok einzeln die Steigung hinauf gezogen.
Gegen Abend erreichten wir Poprad. Unser direkter Zug von Oberau nach Hrabusiece lief gegen 19.00 Uhr am 3. September in seinen Zielbahnhof ein. Besser wäre allerdings der Ausdruck Bahnhöfchen gewesen, denn es war nur eine etwa 10 m lange Rampe vorhanden, wodurch sich die Ausladung erheblich verzögerte. Gegen 23.00 Uhr waren wir aber fertig.
Während der Ausladung mussten die ausgeladenen Teile wegen Fliegergefahr sofort weit auseinander gezogen werden. Dieser Umstand bereitete uns später Schwierigkeiten. Denn als es schließlich völlig dunkel war, konnte der auseinandergezogene Verband nur mühsam wieder gesammelt werden. Aber auch das wurde geschafft, und wir rückten, von Hlinka Gardisten geführt, zu unserem Tagesquartier in Mahalovce ab, das wir gegen Mitternacht erreichten. Die Quartiere waren sehr eng.
Auf dem etwa 6 km langen Weg nach Mahalovce sind uns 2 Tragtiere entkommen. Obwohl wir die ganze Nacht nach ihnen suchen ließen, konnten wir die Tiere erst am nächsten Morgen finden. Sie waren bis zu einem Dorf gekommen, das 5 km abseits unserer Marschroute lag.
Am 4. September 1939 morgens um 9 Uhr brachen Lt. Freund (3. Zug) und ich (4. Zug) sowie die bespannten Teile des Kompanietrosses (Ergänzungsstaffel) auf, um im Landmarsch unser Ziel, Alt-Lublau (Stará Ľubovňa) zu erreichen. Auf unsagbar staubigen Straßen marschierten wir bis Innica. Hier wurde Mittagsrast gemacht.
Inzwischen war von der Kompanieführung ein Kraftwagentransport befohlen worden. Da aber auch nach weiteren 25 km Marsch noch kein LKW eingetroffen war, der uns wenigstens die Rucksäcke abgenommen hätte, versuchte ich auf eigene Faust Lastkraftwagen zu organisieren. Unter Umgehung des Dienstweges gelang es mir innerhalb kurzer Zeit, vom Divisionsnachschubführer zwei Lkws zu bekommen, mit denen wir dann unser Gepäck befördern konnten.
