Mein Name ist DRAKE. Francis Drake - Wulf Mämpel - E-Book

Mein Name ist DRAKE. Francis Drake E-Book

Wulf Mämpel

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12,99 €

Beschreibung

Die Memoiren des berühmten Piraten und Besiegers der spanischen Armada. Wer war Drake wirklich? Ein Pirat? Ein Patriot? Ein Emporkömmling? Ein Günstling Ihrer Majestät, der Königin Elisabeth I.? War er sogar ihr Liebhaber? Fest steht: Er war ein berühmter Seeheld, ein Abenteurer, ein loyaler Kapitän, ein ergebener Pirat der Königin von England. Und er war ein Glückspilz aus einfachen Verhältnissen, der die Spanier über die Weltmeere jagte, indem er dazu beitrug, sie brutal auszuplündern und ihre Schiffe in Brand zu schießen. So wurde er einer der reichsten Männer seiner Zeit in England, laut Forbes betrug sein Vermögen auf Dollarbasis umgerechnet rund 115 Millionen US-Dollar. Heute wird er als Nationalheld in Great Britain gewürdigt. Und seine Königin mochte ihn, sie liebte ihn, sie lobte ihn und schlug ihn zum Ritter des Reiches. Sir Francis Drake gelang es, mit der britischen Flotte 1588 die spanische Armada, die England überfallen wollte, im Kanal vernichtend zu schlagen. Dieser Sieg und die vielen Freibeuter-Fahrten des Piraten Drake, bei denen er unglaubliche Schätze für die Krone und für sich erbeutete, machten ihn zu einem unvergesslichen Helden – bis heute. Sir Francis Drake ist zu einem Symbol der neuen Weltmacht England und des Elisabethanischen Zeitalters geworden. Er ermöglichte durch seine Art, durch seinen Mut und seine Erfolge den Beginn des Britischen Empire, das mit der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 durch Kolumbus begann. Die Zeit des Kolonialismus zeigt seither viele brutale Auswirkungen – mit den Folgen, die wir heute noch in allen Teilen der Welt erleben! Die Memoiren des Francis Drake ist der fünfte historische Roman des Essener Journalisten und Autors Wulf Mämpel, der 33 Jahre als Lokalchef die WAZ in Essen leitete. Zu seiner Bibliographie gehören inzwischen 20 Bücher, darunter auch ein Krimi.

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Seitenzahl: 855

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Mein Name ist DRAKE. Francis Drake

Titel SeiteWeltgeschichteDER FUND.VORBEMERKUNG . . .VORBEMERKUNG. . . - 1PROLOGEINSZWEIDREIVIERFÜNF.SECHS.SIEBENACHT.NEUN.ZEHN.ELF.ZWÖLF.DREIZEHN.VIERZEHN.FÜNFZEHN.SECHZEHN.SIEBZEHN.ACHTZEHN.NEUNZEHN.ZWANZIG.EINUNDZWANZIG.ZWEIUNDZWANZIG.DREIUNDZWANZIG.VIERUNDZWANZIG.FÜNFUNDZWANZIG.SECHSUNDZWANZIG.SIEBENUNDZWANZIG.ACHTUNDZWANZIG.NEUNUNDZWANZIG.DREISSIG.EINUNDDREISIG.ZWEIUNDDREISSIG.DREIUNDDREISSIG.VIERUNDDREISSIG.FÜNFUNDDREISSIG.SECHSUNDDREISSIG.SIEBENUNDDREISIG.ACHTUNDDREISSIG.NEUNUNDDREISSIG.VIERZIG.EINUNDVIERZIG.ZWEIUNDVIERZIG.DREIUNDVIERZIG.VIERUNDVIERZIG.FÜNFUNDVIERZIG.SECHSUNDVIERZIG.SIEBENUNDVIERZIG.ACHTUNDVIERZIG .NEUNUNDVIERZIG.FÜNFZIG.EINUNDFÜNFZIG.BRIEF AN KÖNIGIN ELISABETH!SCHLUSSBEMERKUNG.BIBLIOGRAPHIE

Titel Seite

Texte: © Copyright by Wulf Mämpel Umschlaggestaltung: © Copyright by BJM

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Für Thora, Kiki, Carolin und Hendrik Jacobus

Ich danke meiner Frau für ihr großes Verständnis, meinen Freunden, die mich beflügelten und allen, die mir aufmunternd mit Rat und Tat zur Seite standen. Mein besonderer Dank gilt den kundigen Freunden Dr. Günther Wallberg, der als hilfreicher, kompetenter Lektor fungierte, und Bernd J. Meloch, der mich mit einem neuen Marketingkonzept und seinem technischen Wissen unterstützte.

Quidquid agis,prudenter agas et respice finem!

(Was du auch tust, tue es klug und beachte das Ende)

Herodot

WULF MÄMPEL

Mein Name

ist

Francis Drake

Sie tauchen ganz plötzlich in Schottland auf: Die verschollenen, unglaublichen Memoiren des tollkühnen Piraten und britischen Nationalhelden Sir Francis Drake.

Spannend: Sein Verhältnis zu seiner Königin Elisabeth

I. Es entstand ein buntes Sittengemälde aus der Feder des Sklavenhändlers, Weltumseglers, Freibeuters und Siegers in der Seeschlacht gegen die spanische Armada, die England erobern wollte. Im Grunde aber auch ein Roman über das Versagen der Eliten und den

Beginn der Kolonisierung der Neuen Welt . . . und ihren unmenschlichen Folgen, deren Auswirkungen wir durch die Flüchtlingskrise bis heute erleben!

Historischer Roman

Weltgeschichte

Ein Pirat schreibt Weltgeschichte

Wer war Francis Drake?

Ein Pirat? Ein treuer Engländer? Ein Emporkömmling? Ein Günstling Ihrer Majestät, der Königin Elisabeth I.? War er sogar ihr Liebhaber?

Fest steht: Er war ein berühmter Seeheld, ein Abenteurer, ein loyaler Kapitän, ein ergebener Pirat der Königin von England. Und er war ein Glückspilz aus einfachen Verhältnissen, der den Spaniern das Fürchten lehrte, indem er dazu beitrug, sie brutal auszuplündern und ihre Schiffe in Brand zu stecken. So wurde er einer der reichsten Männer seiner Zeit in England. Laut Forbes betrug sein Vermögen auf Dollarbasis umgerechnet rund 115 Millionen US-Dollar. Heute wird er als Nationalheld in Great Britain gewürdigt.

Es entstand nach vielen Recherchen eine Art biografischer Roman. Und seine Königin mochte ihn, sie liebte ihn, sie lobte ihn und schlug ihn zum Ritter des Empire. Sir Francis Drake gelang es, mit der britischen Flotte 1588 die spanische Armada, die England überfallen wollte, im Kanal, wenige Meilen von Plymouth entfernt, wo die englische Marine wartete, vernichtend zu schlagen. Dieser Sieg und die vielen Freibeuter-Fahrten des Piraten Drake, bei denen er unglaubliche Schätze für die Krone und für sich erbeutete, machten ihn zu einem unvergesslichen Helden – bis heute. Sir Francis Drake (auch Francis Draeck) ist über all die Jahre hinweg zu einem Symbol des neuen Weltreiches England und des Elisabethanischen Zeitalters geworden. Er ermöglichte durch seine Art, durch seinen Mut und Erfolge den Beginn des Britischen Weltreiches in der Neuzeit, die mit der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 durch Kolumbus begann.

Sir Francis Drake ist der wohl berühmteste Seefahrer des Elisabethanischen Zeitalters. Er ist ein treuer Verbündeter und verschwiegener Liebhaber von Königin Elisabeth I. - im Kampf gegen den gemeinsamen Rivalen Spanien. Mit seinem berühmten Schiff, der „Golden Hind“, erringt er erhebliche Erfolge gegen den katholischen Erzfeind Spanien. Als Drake 1596 am Ruhr-Fieber in Amerika stirbt, hat der Niedergang der spanischen Weltmacht und Englands Aufstieg zur neuen, noch größeren Weltmacht der Neuzeit bereits begonnen. Seine geliebte Königin Elisabeth I. stirbt am 24. März des Jahres 1603 im Alter von 70 Jahren und nach einer 45 jährigen machtvollen Regierungszeit, in der sie die Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft, die britische Marine und auch bürgerliche Rechte unterstützte und zur Blüte brachte. Unter dem Motto: „England first“!

Das abenteuerliche Leben des Sir Francis Drake ist oft beschrieben und verfilmt worden, doch noch nie erschien ein Buch, indem er sein Leben selbst erzählt: Wahrhaftig und fiktiv – auf jeden Fall als ein buntes Sittengemälde einer Zeit, die als der eigentliche Beginn der Neuzeit deklariert wird und Großbritannien auf dem Weg zur Weltmacht war.

Wenn auch Spanien und Portugal noch für einige Zeit die Weltmeere dominieren sollten, prägte doch Francis Drake maßgeblich das Bild Englands als aufstrebende Welt- und Seemacht mit. Es gelang ihm, den spanischen Welthandel mit seinen Kapererfolgen zu stören. Die Spanier waren dadurch zu kostspieligen Schutzmaßnahmen gegen die englischen Piraten gezwungen. Zahlreiche Orte tragen zu Ehren Sir Francis Drakes den Namen des Engländers. So heißt die Wasserstraße zwischen der Südspitze Südamerikas und dem Südpol Drakestraße. Die Wasserstraße zwischen den Englischen Jungferninseln  wird Drake-Kanal genannt. Die Insel St. Michaels Island im Plymouth Sound wurde bereits 1583 im Auftrag der Königin in Drakes Island  umbenannt, und eine Bucht vor San Francisco sowie eine Bucht vor Costa Rica tragen den Namen Drakes Bucht.

Dieses 16. Jahrhundert, diese Kriege, Ränke, diese Menschen, sie sind womöglich wirklich nicht so weit entfernt! Man bekommt einen Einblick in die damalige Zeit, eine Ahnung von ihrer Gottesgläubigkeit und Teufelsfurcht, ihrer Magie und ihrem Aberglauben, ihren Lehren und Irrlehren, ihren Härten und Grausamkeiten. Piraten sind nun einmal nicht zimperlich! Fiktion und überlieferte Realität werden vermischt. Vergangenheit wird an die Gegenwart gekoppelt. Francis Drake erzählt sein Leben mit allen Facetten seiner Zeit, sehr persönlich, sehr direkt, ungeschminkt. Drake sagt: „Lesen heißt Antworten suchen, das Schreiben will Verwirrung stiften!“

Ich habe versucht, Schlaglichter auf eine Zeit zu werfen, als sich Europa anders entwickelte, als vermutet, ein Europa, in dem England sich zur größten Kolonial-Macht in der damaligen Welt entwickeln konnte, da die Nationen auf dem Kontinent in kleinstaatliche Ränkespiele verwickelt waren und die große Besiedelung der neuen Welt durch Europäer begann . . . Es beleuchtet aber auch die hässliche Fratze des Kolonialismus und seine Auswirkungen bis heute!

So entstanden innerhalb von zwei Jahren die Lebenserinnerungen eines berühmten Piraten. . .

WULF MÄMPEL

DER FUND.

Drakes Memoiren plötzlich im Angebot

Es gibt Ereignisse im Leben, die überfallen einen Menschen geradezu. Machtlos steht er plötzlich vor einer Tatsache, die ihn erschüttert, die sein Leben verändert. Vielen Menschen kann das so geschehen. Schicksal? Zufall? Vorsehung? Menschliche Schwäche?

Mein eher beschauliches, ruhiges Leben nimmt mit einem Mal eine ungeheure Fahrt auf. Ich habe immer auf Werte geachtet, auf Tradition und Erfolg. Mein Motto aus Kindertagen begleitet mein bisheriges Leben:  „Du wirst morgen sein, was du heute denkst.“ Doch mit einem Mal ist alles anders. Meine Welt steht Kopf! Ich bin sehr verwirrt. Es ist nicht das unsinnige Spektakel um den Ausstieg Englands aus den „Vereinigten Staaten von Europa“ oder die machtpolitischen Ränkespiele einiger Möchtegern-Potentaten in Ost und West, die immer noch nicht begreifen, dass auch sie scheitern werden. Wie ihre Vorgänger auch scheiterten!

Hätte ich doch nur geschwiegen!

Ich denke, es ist wohl das erste Mal in meinem Leben, dass ich dieses Hassgefühl gegenüber einer anderen Person wahrnehme und mich darüber wundere. Das Böse lauert eben auch in den Besten. Nein, ich hasse ihn ja nicht, um mich besser zu fühlen. Mein Herz schlägt jedoch nicht mehr im Takt, ich spüre, wie mein Kopf zu zerspringen droht. Ich spüre, wie meine Gedanken sich verlieren. Eine Tatsache, die mir bisher fremd gewesen ist. Ich gelte als sachlich und wissenschaftlich korrekt. Ich glaube sogar, dass viele mich mögen. Doch nun . . . Der kurze, heftige Streit mit meinem ehrgeizigen, sechs Jahre älteren Kollegen Dr. Brian Spittfield hatte mich doch mehr erregt, als ich mir eingestehen wollte. Was trieb mich zu dieser folgenreichen, unnötigen Wichtigtuerei? Hätte ich doch nur den Mund gehalten! Ich dumme Nuss! Warum habe ich ihm von meinem Geheimnis erzählt? Ein Geheimnis, das nun keines mehr ist. Ich weiß natürlich: Verschwiegenheit gilt als positiv besetzte Verhaltensweise und Charaktereigenschaft und erfordert eine bewusste Selbstbeherrschung. Ist jetzt mein ganzes Projekt gefährdet? Ist das, was ich vorhabe, mit einem Mal gescheitert, nur, weil ich ein Geheimnis verriet, das die interessierte Welt aufhorchen lassen wird? Muss ein Teil der Geschichte Englands sogar neu definiert werden?

Vivian, Du bist eine dumme Kuh!!!

Es gibt ja Ereignisse im Leben, die unwahrscheinlich sind oder wie erfunden klingen oder einfach nicht sein können. Jeder von uns hat schon einmal solche Situationen erlebt. Plötzlich ist man mitten in einer Folge von Abläufen, die das eigene Leben verändern. Mir kommen im Nachhinein die Geschehnisse so vor, als hätte ich sie geträumt. Ohne mein Zutun bin ich in eine Lage geraten, die in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich klingt, ja, die kaum zu glauben ist. Es war ja nicht nur der Disput mit diesem Ekel Brian Spittfield, dem ich nur wenig Bedeutung beimaß, und der mich vielleicht ärgerte. Vielleicht. Es war aber auch etwas geschehen, von dem ich hier berichten werde, weil dieser Zufall – ein zunächst völlig unbedeutendes Telefonat - mein Leben verändern sollte. Kann ein zufälliger Fund solch ein Beben auslösen?

Als Historikerin weiß ich natürlich, was in den letzten Jahrhunderten geschah, welche Rolle England in der Welt spielte: Die kleine Insel am Rande Europas wird zur größten Kolonialmacht der Geschichte. Ich bin heute sicher, dass England ein zivilisatorischer Segen für die Völker der Erde gewesen ist. Das Wissen Europas verbreitete sich in englischer Sprache über die Kontinente. Und Drake war eine der Säulen dieser internationalen Entwicklung. Gerade zu Europa hat das Königreich immer eine enge Verbindung unterhalten. Viele der großen Häuser waren oder sind verwandt. Wer weiß heute noch, dass die Schwester Königs Richard I. Löwenherz – Mathilde Plantagenet - die Gemahlin des Herzogs Heinrich der Löwe gewesen war und in Braunschweig lebte und dort beerdigt wurde? So ist für mich die inzwischen peinliche Diskussion über den Brexit nicht mehr nachvollziehbar. Europa ohne England? Für mich ein schwerer Fehler!

Als Spittfield mich anschreit: „Das werde ich zu verhindern wissen!“ahne ich die Probleme noch nicht, die auf mich zukommen. Abrupt wende ich mich ab und lasse den Mann mit der runden Nickelbrille einfach stehen: „Sie sind ein eitler, ungehobelter Fatzke, ein negatives Beispiel für unsere Fakultät und die Wissenschaft!“

Ich eile durch die Flure der Universität, geplagt vom Zorn auf mich selbst. Hilflos, deprimiert, sogar mit einem Anflug von Angst. Momente, Gefühle, die ich bisher nicht kannte. Nicht, dass ich Spittfield plötzlich ernst nehmen würde, er ist für mich ein unattraktiver, neidischer und intriganter Typ mit Schweißhänden. Dazu ein hagerer Puritaner. Ein übler Finger! Doch nun ist die Nachricht auf dem Klatschmarkt und rast wie ein Inferno durch die Säle der ehrwürdigen Universität. Zumindest kann dieser Trottel meine Kreise stören und meinen Plan erschweren. Die Zeitungen werden über mich herfallen und mich mit Häme überziehen. Ich sehe schon die Schlagzeilen: „Fälschung“. „Unehrenhaft“. „Größenwahn“.

Wie kann man nur so dumm sein . . . Ich weiß doch um den blinden Ehrgeiz dieses eitlen Mannes, der ein Versager ist und sich für ein Wunderkind hält, weil er Latein, Griechisch und Hebräisch perfekt beherrscht. Was ihm fehlt, ist der Respekt vor den Leistungen der Vergangenheit, die er übrigens mit vielen Menschen teilt, die glauben, nur das, was sie anstellen, sei von Bedeutung. Wahn, nichts als Wahn! Noch immer gilt: Ohne Herkunft keine Zukunft – diese Gedanken-Gabe ist Spittfield fremd, obschon er ja selbst Historiker ist! Er lästert gegen die Kirche, obwohl er genau weiß, dass die Kirche auf den Gebieten der Architektur, der Musik, der Literatur, der Malerei und Bildhauerei und im Bereich der Medizin sehr viel Gutes in den vergangenen Jahrhunderten geleistet hat. Für ihn sind die „Kirchenfürsten allesamt geile Kinderschänder“. Außerdem ist Spittfield ein radikaler Gegner der „Vereinigten Staaten von Europa“, wie Churchill die Zukunftspläne des Kontinents nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges nannte und es der französische Pazifist Victor Hugo bereits hundert Jahre vor ihm formulierte. Was mich besonders ärgert: Er ignoriert, dass wir in Europa über 70 Jahre in Frieden und Wohlstand leben konnten! Für ihn ist England immer noch die Führungsmacht in Europa, deren Lizenz zum Plündern anderer Länder bis heute Gültigkeit besitze.

Brian Spittfield ist vor diesem Hintergrund zudem ein glühender Bewunderer des bedingungslosen Brexit, ein nationalkonservativer Rechter. Sein Vater, ein windiger Geschäftemacher mit einem Hang zum Organisierten Verbrechen, ein Baulöwe und Spekulant, war sogar einige Jahre Mitglied der Bauerngruppe des Europaparlaments, was ihn als Gegner Europas nicht hinderte, die saftigen monatlichen Diäten zu kassieren. Ich mag diese Typen nicht, die glauben, die moderne globale Welt sei allein auf einer national-konservativen Plattform zu gestalten. Brian gehört zu den ewig Gestrigen. Sein negativer Einfluss auf die Innenverhältnisse der Universität ist kein Geheimnis, so dass viele Dozenten ihn meiden, wo und wie sie nur können. Die Studenten, die aus der ganzen Welt nach Glasgow kommen, lehnen ihn als Dozenten ab und boykottieren seine Vorlesungen. Mein Kontakt zu ihm beruht allein auf der Tatsache, dass wir beide zur gleichen Zeit studierten und denselben Professor hatten. Seine eher plumpen Annäherungsversuche, die es natürlich gegeben hatte, ignorierte ich mit einer – wie ich zugebe – gespielten Arroganz, die mir sonst fremd war. Seine Eltern gehörten zu den Klienten meines Vaters, wenn es darum ging, in Rechtsfragen seine Hilfe zu beanspruchen. In den meisten Fällen beschäftigten sich die Konsultationen mit Problemen der umfangreichen Ländereien der Familie Spittfield und ihrer dunklen internationalen Geschäfte.

Spielte mir mein Verstand diesmal einen üblen Streich? Ich berichte hier, wie es war und wie ich es empfand, als ich die Kopien drei eng beschriebener vergilbter Papierstapel aus dem Jahre 1590, die mit einer Kordel zusammengehalten waren, in meinen Händen hielt und sie behutsam in einen ledernen Pilotenkoffer verstaute. Ich muss den Vorfall so genau schildern, da ich sonst an mir selbst verzweifle. Warum ausgerechnet ich - Vivian Collins, 31jährige Dozentin an der Glasgow-Universität für Allgemeine europäische Geschichte und Geschichte der Seefahrt in der Neuzeit, nicht verheiratet, aber nur kurz mit einem Spross der Clan-Familie der McLLoyd verlobt, der sich als schwul entpuppte, Besitzerin eines Segelschiffes, das seit dieser Zeit in einem kleinen Hafen auf der Halbinsel Skye liegt, und stolzes Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaft - dieser Glückspilz sein sollte, beschäftigte mein Gewissen nur kurz. Ich bin länger nicht auf Skye gewesen. Ich gebe zu: Mir fehlen die Romantik der Hebriden, die Musik der Piper, Haggis und Salzlamm. Die Enttäuschung sitzt noch tief, obwohl die Familie meines Verlobten alles unternahm, mir den Schmerz zu erleichtern. Ich hege jetzt keinen Groll mehr. Es sollte einfach nicht sein.

Ich bin jetzt wieder der Glückspilz, dachte ich stolz und freudig zugleich! Es hatte mehrere Tage gedauert, bis ich die Kopien des Originals angefertigt hatte und mich auf die Fahrt machte. Das Original habe ich nun aus Angst – Angst wovor? - im riesigen Tresor meines Vaters in Glasgow, genauer in dessen ehemaliger Anwaltskanzlei in der Buchanan Street, die ich samt der dazu gehörenden Wohnung – insgesamt 240 Quadratmeter Wohnfläche in bester Lage - geerbt und in der ich mein Büro und meine sehr geräumige private Wohnung bezogen hatte, gut verborgen in Sicherheit gebracht.

Warum hast du nicht die Klappe gehalten, Frau Doktor?

Als ich am anderen Morgen gegen elf Uhr – unausgeschlafen und immer noch wütend über mich und mein Plappermaul - mit meinem alten, hellblauen Rover, den mein verstorbener Vater mir zu meinem Doktor-Examen geschenkt hatte, vor der Efeu umrankten Villa in der Nähe von Dumbarton Castle, der ältesten Burg Schottlands, wo sich der River Clyde zu einer ansehnlichen seeähnlichen Breite entwickelt hatte, auf dem Kiesweg vor dem imposanten Sandstein-Portal parke, vermute ich aufgeregt: Gleich würde ich es genau wissen, ob das, was ich in meinem Tresor aufbewahrte, das Original oder nur eine gute Fälschung des Originals ist. Das „Buch“ in drei relativ gut erhaltenen „Bänden“ – eher hunderten von nummerierten Blättern - aus den Jahren 1590 bis 1596 trägt den für die damalige Zeit ungewöhnlichen Titel: „Mein Name ist Drake. Francis Drake“. Er erinnert mich natürlich an den typischen, flapsigen Spruch des fiktiven englischen Superagenten James Bond. Doch der Titel ist nicht das, was mich nervös macht:

Sollten die drei dicken Bände – vielmehr drei Stapel vergilbten Papieres - tatsächlich die Lebenserinnerungen des berühmten Seehelden, Piraten und Admirals ihrer Königin Elisabeth I., Sir Francis Drake, sein? Seit Langem wird in Historikerkreisen darüber diskutiert, ob Drake sie wirklich jemals verfasst hat und wo sie verblieben sein könnten. Denn bislang sind sie trotz vieler akribischer Nachforschungen nie aufgetaucht. Zumindest wussten wir nichts über ihre Existenz.

Ich muss vorausschicken: Seit meiner Kindheit habe ich mich – ungewöhnlich für ein Mädchen? - eigenartiger Weise für die abenteuerlichen Geschichten der Piraten interessiert. Ich sah sie als Jugendliche in einem romantischen Licht und klammerte die Brutalität der Seeräuber völlig aus. Natürlich bewunderte ich Francis Drake und John Hawkins, die berühmten englischen Nationalhelden, aber auch die irische Piratin Grace O’Malley, eine eher vulgäre Zeitgenossin des Drake. Ich habe die Hollywood-Filme mit Erol Flynn, Rod Taylor, Lex Barker, Anthony Quinn, Eva Bartok, Maureen O‘Hara und Burt Lancaster natürlich alle mehrfach gesehen und träumte von Tortuga, Jamaica, den Cayman Inseln und von Nassau in der Karibik. Sogar mit einem gewissen Stolz. Denn der Erfolg des englischen Empire ist diesen mutigen Korsaren zum großen Teil zu verdanken, weil ihre spanische Goldbeute den Bau der englischen Flotte und damit die Besiedlung der neuen Welt ermöglichte. Und vor allem den Untergang der Okkupationsflotte des spanischen Königs Philipps II. ermöglichte. Ich habe alles über Drake gelesen, was möglich war. Vor drei Monaten habe ich sogar einen gut honorierten Vortrag in der renommierten amerikanischen Drake-Gesellschaft in Boston gehalten. Darüber berichteten sogar die englischen Zeitungen. Was ich aber für bedeutend hielt war die Erkenntnis, dass das Meer nicht nur ein lebensfeindlicher Raum ist, sondern viele Vorteile für den Menschen bereit hält.

Meine Meinung über Drake in meinem Vortrag: „Er war das typische Geschöpf seiner Zeit, in der Gewalt zum Alltag gehörte. Als Pirat bei seinen blutigen Raubzügen und bei militärischen Konflikten mit den Spaniern machten Drake und seine „Seefalken“ reichlich davon Gebrauch und schonten dabei weder die eigenen Mannschaften noch den verhassten Feind. Bei näherem Hinschauen entpuppt sich Sir Francis Drake aber auch als ein Kapitän, der im Umgang mit Menschen viel fortschrittlicher dachte und humaner handelte, als viele seiner Entdecker- und Seefahrerkollegen im 16. und 17. Jahrhundert. Sein großer Vorteil war seine Disziplin gegenüber sich und seinen Männern. Da kannte er kein Pardon. Er war ein Held seiner Zeit, das sehr wohl, aber er ist von einem Helden anderer Art umgeben, von einer Frau, die er wie eine Heldin verehrte. Das ist neu in dieser Zeit: Ein Frau wie Königin Elisabeth I. bestimmt die Geschicke der Zukunft. Heute sind Helden keine Selbstverständlichkeit, weil sie dem Gedanken der Gleichheit widersprechen. In einer Demokratie wird leider oft das Mittelmaß zur Norm erklärt. Heute ist - wie zur Zeit der Königin - ein Held neues Typs in Erscheinung getreten: die Frau, eine von uns, unter uns, die sich einem Ideal verschreibt.“

Mein Besuch in der abgelegenen Kleinstadt Dumbarton, diesem sehr einsamen, rauen Flecken Schottlands, 25 Kilometer nordwestlich von Glasgow, gilt einem alten Mann, einem Eigenbrötler und meist knurrigen Junggesellen, dem berühmten Historiker und Verleger von historischen Büchern, Professor Dr. Bruce Barrington, Sir Bruce, bei dem ich meine Doktorarbeit ablieferte und mit dem Prädikat „summa cum laude“ zurückerhielt. Die Arbeit lautete:Thomas Carlyle als Künstler unter besonderer Berücksichtigung „Friedrichs des Großen“. Der Schotte Carlyle, in Ecclefechan geboren, hochangesehener Rektor der Edinburgh University, war als anerkannter Historiker ein großer Fan des Preußenkönigs, was ich schnell herausfand und zu einem Schwerpunkt in meiner Dissertation aufbaute. Das gefiel dem begeisterten Europäer Prof. Barrington sehr, denn er gehört heute zu den schärfsten Kritikern des Brexit, denn er argumentiert mit den vielen, gerade englischen Wurzeln in Europa, als Aquitanien und die Normandie für sehr lange Zeit englischer Besitz in Frankreich gewesen waren. Sein wütender Kommentar, den ich kürzlich ausgerechnet im Boulevardblatt „Daily Mirror“ lesen konnte: „Alles Dummköpfe in London, warum laufen die Eliten nicht sturm: England ohne Europa ist wie Rührei ohne Bacon. Ich bin entsetzt, mit wie viel Dummheit Regierungen heute an die Macht kommen und ihren oft peinlichen - wie ich es nenne - Immerschlimmerismus ungestraft verbreiten können!“

Ich versuchte mich während der Fahrt abzulenken. Meine Gedanken richten sich auf die kommende Adventszeit, die ich mir in alter Manier als beschaulich vorgestellt hatte. Doch nun rasen Gedanken durch meinen Kopf, Gedanken, die ich in jedem Jahr entwickle, wenn der Advent naht.Wenn ich in die vermeintlichen Abgründe unserer Tage blicke, dann scheint das Ende nahe. Das Ende wovon?

Dabei ist gerade die Zeit vor Weihnachten geeignet, im kleinen Kreis einmal inne zu halten und nachzudenken über das, was uns in diesem Jahr serviert wurde. Von der Politik, den Medien und der Gesellschaft. Die verbale Apokalypse umgarnt uns täglich aus immer denselben Mündern: Das Glück scheint unsere schöne Erde verlassen zu haben! Despoten sind im Vormarsch und rasseln mit ihren Säbeln, Wirrköpfe bestimmen die politische Richtung und füllen ihre privaten Konten, man kann nur ahnen, dass es zurzeit viele Protagonisten gibt, die Abgründe des Bösen in sich haben. Sie zündeln als „öffentliche Meinung“ und verbreiten Panik. Was ist nur mit uns los? Haben wir die Caritas abgeschafft, den Glauben an das Gute im Menschen, die frohe Botschaft ebenfalls und die jahrhundertealte Hoffnung auf eine bessere Welt? Das kann nicht sein!

Ich bin fest davon überzeugt, dass es immer noch viele Menschen gibt, die meisten, die nach Glück streben. Nach Frieden in dieser zum Teil verrückten Welt, in der viele die Orientierung verlieren, weil auch die Eliten versagen. Wer ist denn noch als Vorbild zu verwenden, wenn selbst die Kirchen und das Management an den menschlichen Unzulänglichkeiten scheitern. Die Lenker unserer Welt entpuppen sich – bis auf wenige Ausnahmen - als gewaltbereite Despoten. Der Bürger, der nach dem Glück strebt, hat leider keine Lobby. Denn ist es wirklich möglich, dass einige wenige Möchtegerns der Mehrheit eines Volkes vorschreiben wollen, wie sie zu leben hat? Früher nannte man das Tyrannei. Alles scheint dem Untergang geweiht zu sein: Individualität, Liberalismus, Christentum, das eigene Ich. Pluralismus und Individualismus – die Säulen der Freiheit – scheinen zu Fremdworten degradiert zu sein. Gut und Böse – der alte Kampf wird heute mit anderen Waffen geführt. Aber er findet statt!

Das Diktat der alles wissenden Gutmenschen beherrscht die Medien, Meinungen und Mainstreams. Wo ist bei dieser Brexit-Diskussion noch Platz für das Glück? Für die kleinen vertrauten Gesten, für Romantik, Geborgenheit, Zuwendung, für den Zauber eines Neubeginns, für die gute Nachricht? Für die frohe Botschaft in der Adventszeit: für Liebe, Frieden und Wohltat? Meinungsmacher bestimmen unseren Alltag. Offenbar braucht der Mensch solche Leithammel, denen er kopflos folgt, weil er glaubt, nicht mehr „en vogue“ zu sein, wenn er beiseite steht. Werden wir nur ernst genommen, wenn wir alles mitmachen, was man uns empfiehlt? Wenn wir über jedes Stöckchen springen, das uns vorgehalten wird?

Ein kleiner Blick in die Geschichte beruhigt dann doch wieder: Nicht, dass anno dazumal alles besser gewesen wäre. Das ist nostalgischer Unsinn, aber viel von dem, was uns heute anmacht und blind werden lässt, hat es immer wieder zu allen Zeiten gegeben. Aufreger gehören nun einmal zu unserem Leben, denn wir lernen nichts dazu, weil wir unsere Charaktereigenschaften an unsere Kinder und Kindeskinder weitergeben. Ein Erbe aus früheren Tagen: Als Kain seinen Bruder Abel erschlug! Was kann noch Schlimmeres passieren? Die Neros wachsen eben immer wieder nach und scheitern wie alles vorangegangenen Neros! Auch wenn sie heute andere Namen haben.

Dass wir in Europa 70 Jahre Frieden und Wohlstand haben, regt heute niemanden mehr auf. Der Mensch ist undankbar. Er will immer mehr und gewöhnt sich schnell an gute Zeiten. Einigen scheint das zu wenig zu sein: Sie suchen die Randale wie die Motten das Licht. Wegbereiter dieser extremen, populistischen Manie sind die vermeintlichen Besserwisser, die Ich-Menschen, die über den Scherbenhaufen, den sie hinterlassen, lachen und bereits auf der Suche nach neuen Opfern sind. Dabei ist die Suche nach dem Glück heute zu einem großen Geschäft geworden: Psychologen, Ratgeber, Coach-Experten wissen, wie es sein muss – und verdienen an der Suche nach dem Glück. Dabei ist das Streben nach Glück ein ganz natürliches menschliches Empfinden. Gut, dass das Glück viele Gesichter hat. Den Verführern sollten wir die kalte Schulter zeigen, sie haben zu allen Epochen nur Unheil produziert.

Vielleicht ist der Advent die Zeit, sich einmal selbst auf den Prüfstand zu stellen. Es ist sicher nicht alles Gold, was glänzt, es ist aber auch nicht alles so schlimm, wie uns täglich weißgemacht wird. Denn die meisten Untergangs-Szenarien, mit denen wir konfrontiert wurden, sind nicht eingetreten. Weil es immer wieder Menschen gibt, die uneigennützig helfen, hingucken und handeln. Zum Beispiel das riesige bewundernswerte Heer der Ehrenamtlichen, bei denen wir uns immer wieder bedanken sollten. Nicht nur zur Weihnachtszeit, in der das göttliche Kind in der Krippe die Welt veränderte. Der Grund für die Krise des Christentums ist nicht das Christentum selbst, sondern der eitle Mensch, der sich anmaßt alles zu wissen, alles zu können und alles zu dürfen. Der göttliche Auftrag, sich die Welt untertan und urbar zu machen, heißt ja nicht, sie rücksichtslos zu zerstören. Auch nicht verbal. Schon vor Urzeiten ahnte der Mensch, dass er Teil der Natur ist und entwickelte einen religiösen Respekt. Und er wusste, dass derjenige, der sie bezwingen will, sich selbst bezwingt . . .

Es dauert eine ganze Weile, bis mein mehrfaches Schellen Erfolg hat. Die Haushälterin des Professors, Miss Claire Bristow - auf das Miss legt sie besonders viel Wert, die ich von vielen Besuchen her kenne, die mich aber nicht mag - blickt mich mit ihrem anmaßenden Gesichtsausdruck an: „Ach, Sie sind es wieder. Der Herr Professor schläft.“

„Dann werde ich ihn wecken, Miss Bristow!“

Als ich in den großen Leseraum der Villa, wie Sir Bruce seine ansehnliche Bibliothek zu nennen pflegt, trete, steht der emeritierte Dekan, wie immer korrekt sportlich-elegant gekleidet, an einem großen Regal und blättert in einem seiner vielen Folianten. Die Geschichts-wissenschaft ist nur eine kleine Fakultät der Uni Glasgow, die immer im Schatten der Natur-wissenschaften und der Medizin stand, doch der Ruf ist nach wie vor exzellent. Schnell erkläre ich meinem Mentor die Situation. Ich spüre, wie er plötzlich voller Energie und Neugierde Näheres erfahren will.

„Hast Du die Memoiren dieses Piraten gelesen, Vivian?“

Neugierig blickt mich der alte Mann mit dem imposanten Kopf eines bärtigen Schotten aus den Highlands an. Dann sagt er schmunzelnd:

„Immer noch ein hübsches Ding, diese Miss Collins. Klug und hübsch. Das schafft Neid, mein Kind. Nicht nur Neid bei den Suffragetten, sondern auch bei den männlichen Kollegen. Erlebst Du viele Nachstellungen und Anmachen an der Uni – ich kann mir das sehr gut vorstellen . . . Also, hast Du die Texte gelesen?“

„Ja, sicher, sogar zweimal sehr intensiv und mit großer Freude – und ich habe mir sehr viele Notizen gemacht und Zitate daraus gesammelt.“

„Das ist sehr gut. Nun soll ich sie studieren, wie Du mir am Telefon erklärtest. Warum?“

„Ich will sie als Buch herausgeben, doch ich möchte sicher sein, dass sie echt sind. Es wird ja so viel kopiert, auch schon vor über 400 Jahren war das nicht anders. Besonders reizvoll finde ich die Dialoge und Begegnung mit unserem Freund Shakespeare. Und natürlich Drakes Gespräche mit der Königin. Es geht hier um Macht, Gold, Intrigen und Fortschritt. Aus der Feder des Drake klingt das sehr authentisch und demaskierend. Es zeigt aber auch, wie das Gold die damalige Welt beherrschte und veränderte, Tyrannen wachsen ließ und Adel und Klerus in die zweite Reihe verdrängten. Der Kaufmann hatte plötzlich das Sagen im Königreich. Ich finde, das ist eine höchst interessante Parallele zu heute. Noch immer regiert das Geld die Welt der Eliten - heute das Öl, das Gas, die seltene Erden - rücksichtslos und ohne Mitleid gegenüber denen, die wenig oder nichts besitzen. Wir nennen es heute globales Management, damals hieß es Freibeuterei.“

Dann zitiere ich eine Stelle aus einer Rede Königin Elisabeths, die die Zukunft Englands beschreibt - ich entdeckte sie im Archiv der Universität: „Die historische Rolle Englands in Europa gehört der Vergangenheit an. Wir werden nun weltweit agieren, als ein großes Empire, als eine große Nation, die Kolonien in der ganzen Welt besitzt. Die Vereinigten Königreiche werden die Zukunft sein, allein geboren aus eigener Stärke. In Amerika, Afrika, Australien und in Asien. Wer sollte uns jetzt noch aufhalten? Wir können uns mit den kleinstaatlichen Problemen Europas und dem ständigen Gezänk nicht mehr aufhalten. Wir denken ab sofort in anderen Dimensionen.“ Soweit die Königin. Und exakt diese Gedankenwelt schildert Drake in seinen Aufzeichnungen. Das klingt doch vor dem Hickhack des Brexit sehr aktuell, finden Sie nicht?“

„Glaubst Du denn, dass sie keine Fälschung sind? Es gibt so viele Plagiate in der Neuzeit, denke nur an den Unsinn mit den gefälschten Tagebüchern des Adolf Hitler! War das eine Pleite für den Journalismus.“

„Ich bin mir nicht ganz sicher, aber doch schon sehr nahe daran zu glauben, dass sie aus der Feder unseres Nationalhelden stammen.“

„Wie findest Du sie? Sind sie den Druck wert?“

„Nun, der Stil ist sicher aus der Zeit geboren, etwas belehrend vielleicht, aber die Aufzeichnungen sind ein erfrischendes Sittengemälde aus der Zeit der großen Elisabeth. Drake hat, wie er selbst bestätigt, am Rad der Geschichte kräftig mit gedreht. Er rettet Königin Elisabeth vor dem Bankrott, schwächt gewaltig die spanische Seemacht und macht dadurch den Weg frei für die Gründung der englischen Kolonien. Drake ist der typische Vertreter der Neuzeit, wenn nicht der beginnenden Moderne. Er gibt sich als rationaler Geistesmensch, der die überkommenen Machtstrukturen des 16. Jahrhunderts in seiner sympathischen, flotten Art einfach für überholt erklärt und die Neue Welt nach seinen Vorstellungen neu ordnet. Er war ein echter Kerl und Freibeuter am Anfang einer neuen Zeitenwende. Wenn man so will war er einer der Wegbereiter des Kapitalismus. Es ist spannend, dem Zeitzeugen Drake dabei auf die Spur zu kommen.“

„Warum soll ich sie denn ebenfalls lesen, ich traue Dir ein kompetentes Urteil zu, das wohl, aber als Buchveröffentlichung sind sie sicher ungeeignet.“

„Oh, das sicher nicht. Mich interessiert Ihre Meinung, Sir, die meines alten, verehrten Professors, dessen Nachfolgerin ich gerne geworden wäre. Doch der Rektor war anderer Meinung, da ich nach mehreren intensiven Bemühungen nicht mit ihm ins Bett gegangen bin, was ihn dann sehr plötzlich zu einer anderen Meinung über meine wissenschaftlichen Qualifikationen brachte. Aus der Traum oder Bettlaken first. Ich erlebe das tatsächlich oft, dass die männliche Elite glaubt, mit ihrem Penis die Lehrstühle erobern zu können. Was meinen Sie, Herr Professor.“

„Nun, wir waren keine Kinder von Traurigkeit und spuckten in manche Kanne, scheuten uns vor keinem Duell, aber wir waren Gentlemen, die genießen und schweigen konnten. Ein Prahlhans findet schnell keine Beute mehr. Er gilt als Schwätzer und Wichtigtuer. Der erfolgreiche Verführer muss verschwiegen sein, sein Amt beherrschen, einen guten Job machen und über exzellente Verbindungen verfügen. Das können nur wenige. Also, starten wir das Unternehmen Drake als Paar, als Herausgeber-Duo, wie ich schon vorschlug. Spittfield ist ein räudiger Wolf, eine Niete und Wichtigtuer, aber ein guter Wendehals. Wenn ich das Epos des Drake tatsächlich lese, Vivian, dann wird es die Meinung eines alten Mannes sein, der sich zurzeit mit dem Parlament wegen des Brexit anlegt. England verlässt Europa, das ist vor dem historischen Hintergrund Europas nicht mehr zu begreifen. Aber es beweist deutlich: Das Volk ist dumm. Dummheit regiert immer die Welt: früher, heute, morgen, immer und ewig. Es ist eine Tyrannei unter dem Mäntelchen einer Volksentscheidung. Vielleicht gelingt es ja wirklich, dass Schottland sich von England löst und in der EU verbleibt. Ich wäre dafür! Bei Sankt Andrew! Aber, schönes Kind, auf uns hört ja niemand.“

„Und genau das beschreibt auch Francis Drake, Sir. Er sah manche Entwicklung in Europa klug voraus und warnte davor, das Empire scheitern zu lassen. Wir dürften uns nicht benehmen – so schreibt er in seinen Aufzeichnungen - wie die typischen Kolonialherren. Sonst würden wir dafür die Quittung erhalten. Er sah es voraus: Der Ausbeutung und der Versklavung in den Kolonien folgten die Aufstände gegen die Krone. Indien wurde erst 1948 in die Freiheit entlassen. Erst 1948! Drake warnte damals seine Königin vor den Folgen, im Grunde warnte er vor einer großen Flüchtlingswelle, die die Mutterländer überfluten würde, vor einer neuen Völkerwanderung. Wie sich die Bilder - betrachtet man die heutige Flüchtlingswelle - gleichen! Aber Elisabeth I. setzt das weltumspannende britische Empire ja nicht in den Sand, sondern erst viele Jahre später ihre Nachfolger . . .“

„Wir sollten jetzt ein Glas des Portweins trinken, liebe Vivian. Ich gestehe, Du hast mich neugierig gemacht. Dieser Drake, ein Vagabund und Pirat, ein Sklavenhändler und Admiral, ein Entdecker und Weltumsegler und der Bezwinger der spanischen Armada – nun soll er noch einmal berühmt werden, durch die plötzlich aufgetauchten Memoiren? Kaum zu glauben, eher unwahrscheinlich.“

Nach einer kurzen Pause meint Sir Bruce weiter: „Er war ein Hallodri, das ist sicher. Aber: Er ist ein englischer Nationalheld und steht in einer Reihe mit Admiral Lord Nelson, John Churchill, dem ersten Duke of Marlborough oder dem Herzog von Wellington, dem Helden von Waterloo. Er war ein erfolgreicher, daher wohl brutaler Pirat und sicher ein guter Seefahrer, der erste Engländer, der die Welt umsegelte und die Alleinherrschaft der Spanier auf den Weltmeeren brach. Durch ihn hat sich die britische Seefahrt völlig verändert, sie wurde nicht belächelt. England begann seinen Aufstieg, der im 19. Jahrhundert mit dem British Empire seinen Höhepunkt erreichte. Dass weltweit der Ruf „Britannia rules“ erschallen konnte, geht eindeutig auf diesen Seebären zurück. Ja, so ist es wohl . . .“

„Ja, Drake war ja kein hochgebildeter Mann und besaß nur eine geringe Schulbildung, aber er war ein kluger Berater der Königin. Ein Naturtalent, wenn man so will, der sich sein Wissen selbst aneignete. Er sagte voraus, dass die Menschen aus den Kolonien Afrikas eines Tages vor den Toren Europas stehen werden, weil wir die Kolonien ausgeraubt und die Völker sich ihrem Schicksal überlassen haben. Er sagt: Sie kommen zu uns, weil sie ein Stück von der Beute zurückhaben wollen.“

„So, sagt er das?“

„Ja, sehr oft und viel anderes Kluges ebenfalls. Gerade auch in den Gesprächen mit der Königin, die den Grundstein für das Empire ja legte. Ich zitiere Drake: „Ich habe nicht allein das Wissen über das Aussehen der Erde verbessert, ich wurde auch als entscheidender Akteur an einer Wende in der Weltpolitik beteiligt. Meine erfolgreichen Kaperfahrten zeigten, dass sogar die führende Seemacht Spanien keineswegs unbesiegbar gewesen ist, sondern verletzlich und angreifbar war. Unser erfolgreicher Kampf gegen die spanische Armada im Jahre 1588 leitete den allmählichen Niedergang der iberischen Vorherrschaft auf dem Meer ein. Ich bin sehr stolz, meinen Teil geleistet zu haben: England hat sich dadurch als wichtige Seefahrernation etabliert. Ich sage stolz: Ohne Drake kein Empire!“

„Dieser arrogante Pirat! War er der Liebhaber der Queen?“

„Ja, er beschreibt sein Verhältnis sehr dezent“, antworte ich lächelnd.

„Nun, ist das ein Beweis? Gemunkelt wird das ja immer schon.“

„Er beschreibt die Liaison sehr ritterlich, fast zärtlich.“

„Der ungebildete Pirat als Romantiker. Ich kann es nicht glauben. Und Du meinst, der Kontakt zu Shakespeare wird mich interessieren?“

„Ganz sicher, Sir.“

„Nun zur Hauptsache: Woher hast Du die Texte, die angeblich von Drake stammen?“

Ich habe die Frage natürlich erwartet. Es ist eine merkwürdige, eine schier unglaubliche Geschichte, das gebe ich zu: Ich erhielt vor ein paar Wochen einen Anruf eines Mannes aus Inverness in Schottland. Ein Doktor Jack McFinn rief mich an und erklärte mir, er habe von mir gehört und gelesen und sei der Meinung, ich sei die richtige Person für eine Sensation, die er mir zwar exklusiv, jedoch nur unter vier Augen und mit der Zahlung von 50 000 Pfund anvertrauen würde. Ich überlegte lange, denn ich erhielt nur folgende Information: Die Drake-Memoiren befänden sich in seinem Besitz . . .

„Und, bist Du nach Inverness gereist?“ Ich sehe am Gesicht meines Professors, wie er seine Zweifel zu unterdrücken versucht.

„Natürlich, Sir, nach einer Woche Bedenkzeit fuhr ich nach Inverness und traf mich mit einem sehr sympathischen, etwa 40jährigen Mann, einem Arzt für Kinderkrankheiten, einem Doktor Jack McFinn in dessen Privathaus, einem gemütlichen Manor House. Er berichtete von einem seiner Vorfahren, der ein Pirat gewesen sein soll. Es war ein klarer Deal, Sir Bruce. Ich prüfte das Papier, was ich ja gelernt hatte, las ein paar Seiten quer, fragte nach der Herkunft der Lebenserinnerungen.“

„Und, was hast Du erfahren?“

„Stellen Sie sich vor, Sir: Es klingt unwahrscheinlich, aber einer der Vorfahren des Arztes McFinn war 1. Offizier und enger Gefährte des Admirals Drake. Drake erwähnt ihn sehr oft in seinen Erinnerungen. Das lässt mich vermuten, dass das Manuskript tatsächlich von Drake stammt. Diesem gewissen John McFinn gelang es - nach dem Tod des Admirals im Jahre 1596 - auf Umwegen die Aufzeichnungen mit nach England zu bringen, wo er sie der Witwe Lady Drake übergab. Wie sie tatsächlich wieder in den Besitz der Familie McFinn zurückkehrten, weiß ich nicht exakt. Das wird wohl ein Geheimnis bleiben.“

„Hast Du . . . die Summe bezahlt?“

„Ja. Ich habe von meinen Eltern nach ihrem gemeinem Unfalltod – wie Sie ja wissen - ein mittleres Vermögen geerbt, das mir ein sorgenfreies Leben ermöglicht, so dass ich die Kaufsumme ohne weiteres entrichten konnte.“

Der Professor nickt und trink sein Portweinglas in einem Zug leer: „Ich werde das Manuskript lesen, schnell und genau und mit all meinem Wissen über die Zeit der ersten Elisabeth. Ob ich es als Buch verlegen werde, entscheide ich danach, das wird sich zeigen. Du kannst ja schon mal ein Exposé vorbereiten, zu dem auch die Informationen aus der schottischen Quelle gehören . . . von diesem Doktor McFinn!“

„Ja, das mache ich gerne. Ein Vorfahre aus der Familie des Arztes, so erklärte er mir, habe die Aufzeichnungen wahrscheinlich von den Nachfahren der Vivian Drake, einer angeblichen Tochter des Admirals, erhalten. Ob das tatsächlich der Wahrheit entspricht, weiß ich natürlich nicht. Ich gebe zu, das klingt alles sehr mysteriös. Aber so war das Leben des Drake, Sie werden es ja beim Lesen erfahren . . . ich erwarte bald Ihr Urteil, Sir Bruce.“

„Ich gebe mir Mühe, mein Kind. Du hast mich tatsächlich neugierig gemacht. Du weißt ja, ich lese immer zuerst den Schluss eines Buches, dann erst beginne ich am Anfang. Eine Marotte. Schade ist nur, dass dieser Cretino Brian Spittfield von der Existenz erfahren hat. Ich traue dem Kerl nicht. Ich las neulich einen Vortrag von ihm, in dem er die Herrschaft der Wissenschaft fordert: Nur Wissenschaftler sollten die Macht über die Unwissenden besitzen, da das Volk dumm und dreist sei. Das ist eine gefährliche These, Vivian, die er vertritt, da er alle Menschen zu Idioten erklärt, die keine Wissenschaftler sind. Ich bezeichne ihn als einen gefährlichen, neidischen Psychopathen. Neider können großes Unheil anrichten, besonders wenn sie verklemmte Wissenschaftler sind. In erinnere mich an einen Mordfall vor vielen Jahren, als ein Kommilitone aus meinem Seminar ein Original-Brief der Königin Elisabeth I. aus dem Archiv der Universität stahl. Der Idiot bot das Stück in den USA an, wohin es tatsächlich verkauft wurde und für immer verschwand. Der Kaufpreis betrug angeblich 90 000 Pfund. Wir wurden zu spät aktiv und konnten dem Burschen letztendlich den Diebstahl nicht beweisen. Doch der Dieb wurde später beraubt und so schwer verletzt, dass er an den Folgen verstarb. Du siehst, es gibt zu allen Zeiten solche Gangster. Und dieser Depp Spittfield könnte Dir ebenfalls schaden. Sei auf der Hut, mein Kind. Auch in unseren Kreisen wimmelt es von undurchsichtigen Charakteren, deren Profilneurosen sie zu obskuren Reaktionen, Prognosen und Szenarien veranlassen. Den guten Drake trifft sicher keine Schuld.“

„Ich lasse Ihnen die Kopie hier. Wenn Sie das Okay geben, möchte ich die Lebenserinnerungen schnell veröffentlichen, bevor die Gerüchtewelle das Projekt eventuell gefährdet.“

„Ich werde mich beeilen, das verspreche ich. Bin ich überzeugt, sollten wir beide als Herausgeber firmieren, das macht Eindruck bei den Skeptikern in der internationalen Szene. Und die wird es geben, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf.“

Zum Abschied, bevor die finster dreinblickende Hausdame mich zur Tür begleitet, sagt Sir Bruce eindringlich: „Achte auf Dich, Vivian. Das Gerücht hat schnelle Beine. Ich schlage vor, dass wir unseren Dialog über das Werk in den Text mit einfließen lassen. Das macht man heute gerne, angeblich erhöht das die Spannung bei der persönlichen Lebensbeichte des Sir Francis. Lassen wir sie erscheinen, werden Alt und Jung begeistert sein. Den Erfolg, auch finanziell, überlasse ich aber Dir allein.“

Etwas benommen, aber glücklich verlasse ich das Anwesen meines Mentors. Sollte uns beiden tatsächlich dieser Coup gelingen?

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„Nun“, frage ich vorschnell. Vor Aufregung beginne ich zu schwitzen. Sir Bruce lacht zunächst, als ich ihn Tage später anrufe. Dann sagt er in seiner etwas umständlichen Art: „Ja, Vivian, es soll wohl so sein: Ich habe bereits einen Drucktermin mit meinem Verlagschef vereinbart. Noch habe ich ja die Memoiren nicht ganz zu Ende gelesen, aber ich muss sagen: Es wird ein Kuchen daraus. Mir gefällt die zum Teil naive Art, wie er schreibt und was er schreibt. Besonders seine Beobachtungen und Rückschlüsse: Vieles ist ein gedankliches Durcheinander und ein Austoben in Wiederholungen, aber das ist ja gerade das Authentische an seiner Lebensbeichte. Rufe mich in drei Tagen zurück, dann bin ich mit dem Lesen und dem Denken über diesen Drake durch.“

Ich komme zwei Tage später von einem wunderbaren Abend aus der Königlichen Oper in Glasgow, in der ich eine grandiose „La Traviata“ unter der Leitung unseres Generalmusikdirektors David Parry erlebte, fröhlich in meine Wohnung zurück, um mich bei einem Glas Rotwein zu entspannen, denn am nächsten Vormittag habe ich eine Vorlesung über das Thema: „Welchen Einfluss hatten die Zwangsheiraten an den Königshäusern in Europa auf die Entwicklung des Kontinents?“ anberaumt. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Thema viele Studierende interessiert, denn es soll beweisen, wie verwandt gerade auch England mit den Königsgeschlechtern des Kontinent gewesen ist – gerade vor den unerträglichen Diskussion um den Brexit ein sicher aktueller Bezug.

Als ich aus meiner Garage komme, rieche ich bereits den Brandgeruch und sehe mehrere Feuerwehrleute vor meinem Haus stehen, die sich angeregt mit anderen Bewohnern und Nachbarn unterhalten. Wenig später klärt mich ein Officer auf: „Sind Sie Miss Vivian Collins. Doktor Collins?“

Als ich das bejahe, führt mich der Feuerwehrmann durch einen Ring von gaffenden Menschen zum Fahrstuhl und in die erste Etage, wo sich meine Wohnung befindet. Zwei Beamte sichern den Eingang. Der Brandgeruch sticht mir in der Nase. „Ma‘am, es ist nicht viel zerstört, nur . . . Ihr Tresor wurde aufgebrochen und Papier wurde verbrannt, viel Papier . . . im Kamin.“

Ich stürme in die große Bibliothek, in der das Ungetüm von Geldschrank steht. Die Tür ist geöffnet, im Kamin qualmt noch ein großer Haufen Papier, besser, was an Asche davon übrig geblieben ist. Mit einem Blick sehe ich, was dort gebrannt hat: Drakes Lebenserinnerungen! Mit einem Schrei stürze ich auf die verkohlten und vom Löschvorgang aufgeweichten Reste.

„Da hat jemand mit Benzin gearbeitet, deshalb auch die fast komplette Zerstörung der vielen Seiten. Das Feuer entwickelte starken Rauch, so dass uns Mitbewohner alarmierten. Wir konnten die Flammen ohne Problem bekämpfen, das war kein wirklich großer Einsatz. Uns wunderte nur, dass die Tür nicht verschlossen war, sondern aufstand. Jemand muss einen Schlüssel gehabt haben. Auch für den Tresor. Können Sie sich das erklären, Doktor Collins?“

Ich staune einen Moment lang, dann meint der Feuerwehrmann aufgeregt: „Und dort haben wir noch etwas gefunden: Eine männliche Leiche, wenn Sie mir bitte folgen.“

In der großen Küche meiner Wohnung, in einer dafür extra gefliesten Ecke, die mit einem Vorhang verdeckt werden kann, liegt in einer silbrig glänzenden Hülle ein regungsloser Mensch. Als die Beamten den Reißverschluss öffnen, sehe ich sofort, wer der Tote ist: Dr. Brian Spittfield.

„Er hing dort an einem der Deckenbalken, an einem Messinghaken“, meinte der Leiter des Brandeinsatzes, Peter Bullister. Ich erkläre dem Mann, dass dort mein Vater immer seine Beute aufhängte, um sie auszuweiden, wenn er mit einem Stück Wild nach Hause kam. Die Küche ist ungewöhnlich groß, da meine Eltern hier sehr gerne aufwendig gekocht haben, wenn sie Gäste hatten.

„Ja, es ist Doktor Brian Spittfield, der Historiker“, sage ich leise.

„Kannten Sie ihn gut, Miss Collins, ist er Ihr Ehemann, Ihr Lebenspartner? Denn der . . . Tote hatte die Schlüssel zur Wohnung bei sich . . . und auch zum Tresor. Ist das nicht merkwürdig?“

Ich sage zunächst nichts. Der Vorfall lässt mich verstummen. Ich kann mir nicht vorstellen, was der Grund für die Handlung des Toten sein könnte.

„Doktor Collins . . . Wir transportieren die Leiche nun fort. Es ist ein klarer Selbstmord: Der Tote hinterließ ein Schreiben an Sie. Wir können den Inhalt so nicht verstehen, können Sie uns helfen?“

„Natürlich“, erkläre ich leicht stotternd. „Wir sind nicht . . . verheiratet . . . oder ein Paar.“

Ich kann es nicht fassen, was hier in meiner Wohnung geschah. Ich setze mich im Wohnzimmer in einen Sessel und studiere den Abschiedsbrief meines Kollegen, den mir einer der Feuerwehrleute übergibt, nachdem er eine Kopie gemacht hat:

„Liebe Vivian, verzeih, aber ich duze Dich jetzt einfach mal,

Du kannst es mir nicht mehr verbieten, denn ich bin bereits tot, wenn Du diese Zeilen liest, die ich ohne Traurigkeit schrieb. Es war für mich leicht, in Deine Wohnung zu kommen, denn ich habe vor Wochen Kopien Deiner Schlüssel machen lassen. Du hast es nicht bemerkt, da Dich dieser Schurke Drake so begeisterte. Ja, ich war eifersüchtig auf Deine Erfolge, die ich Dir neidete. Du und Dein schrulliger Professor! Wahrscheinlich hat er Dich verführt und Dir aus Dankbarkeit diese hervorragenden Prädikate testiert. Ich hätte Dich auch gerne erobert, aber Du begegnetest mir nur mit Deiner Verachtung für mich. Das schürte meinen hehren Hass und ließ mich meinen Plan entwickeln. Als Du in Deiner Euphorie mir das Geheimnis der angeblichen Memoiren des Drake erzähltest, reifte mein Plan, Dein Werk zu zerstören, denn Du solltest nicht den Ruhm ernten, den ich nie erlebte. Ich verbrannte das Manuskript, um ganz sicher zu gehen. Da Du mir auf die Schliche gekommen wärest, habe ich meinem lieblosen Leben ein Ende gesetzt. Das hatte ich sowieso vor, denn mein Lungentumor hat sich in den letzten Monaten rapide vergrößert. So ist die Vernichtung des Manuskriptes meine letzte bedeutende Tat.

Gestorben wäre ich sowieso in ein paar Monaten, also dann bitte in meiner eigenen Regie! Hier hänge ich also und kann nicht anders! Lebe wohl, doch ohne den Drake-Erfolg, den gönne ich Dir auch nach meinem Tod nicht. Niemals.

Dr. Brian Spittfield,

Dozent der Universität von Glasgow“

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„Er war ein Idiot und als Idiot ist er gestorben! Sein Tod ist kein Verlust.“

Sir Bruce nimmt den Selbstmord des Brian Spittfield, als ich ihm am darauffolgenden Tag davon berichte, mit diesen beiden Sätzen zur Kenntnis. Mit keinem weiteren Wort kommentiert er den spektakulären Tod. Ich wundere mich auch über mich selbst: Brians Tod berührt mich merkwürdiger Weise kaum, auch dass er sich in meiner Wohnung umbrachte, schockiert mich nicht. Meine Aussagen wurden am Tag danach auf der Wache protokolliert, dann war für die Polizei und auch für mich der Fall abgeschlossen. Klarer Suizid. Aus. Vorbei.

Sir Bruce unterbricht meine Gedanken und meint am Telefon nach einer kleinen Pause weiter: „Wir gehen bald gezielt ans Werk, Vivian, ich muss noch weniger als 100 Seiten lesen . . . bin aber schon jetzt begeistert. Ich werde meine ganze Autorität und meine internationalen Kontakte in das Projekt stecken. Das wird ein Knaller . . . ganz sicher.“

Fünf Monate später erscheinen die Memoiren des Sir Francis Drake als Buch – mit einer Startauflage von 35 000 gedruckten Exemplaren und als E-Book für den Englisch sprechenden Markt. In einer Pressekonferenz stellen Sir Bruce und ich die Lebenserinnerungen des berühmten Piraten vor . . . Die Öffentlichkeit ist sehr überrascht, dass plötzlich Memoiren des Seeräubers aufgetaucht sind. Ein großes Rätselraten setzt ein. Zweifel werden laut, spöttische Kommentare von Kollegen werden zitiert. Doch der Erfolg lässt sich dadurch nicht verhindern. Als Sir Bruce mich nach Monaten – ich bin gerade auf einer Lese-Tour durch Cornwall und Wales - anruft und mir mitteilt, dass ein Produzent aus Hollywood an einer Verfilmung der Lebenserinnerungen des Drake interessiert sei, wird mir klar, dass wir alles richtig gemacht haben . . .

Einer der ersten Gratulanten ist übrigens Dr. Jack McFinn, der Kinderarzt aus Inverness. Ich schicke ihm – wie gewünscht - zehn signierte Exemplare . . .

VORBEMERKUNG . . .

. . . des Piraten und 1. Offiziers der dreimastigen „Defiance“ - John McFinn: Geschrieben im Herbst des Jahres 1597 mit meiner ungeübten, ungelenken Schrift in meinem gemütlichen Steinhaus in der Nähe von Inverness an der Nordostküste Schottlands, wo der Ness in den Moray Firth mündet,gut ein Jahr nach dem Tod meines Kapitäns und Freundes Sir Francis Drake. Mein Kaminfeuer versetzt mich in eine merkwürdige Stimmung. Meine Erinnerungen sausen durch meinen schottischen Schädel. Bilder tauchen auf. Szenen, Bemerkungen, Reden, haushohe Wellen, Stürme, Leichen und feudale Saufgelage. Ich denke nur noch an ihn. Träume von ihm. Von ihm, von ihr, von uns. Von unseren gemeinsamen Fahrten und Erlebnissen. Hat es je eine solche Freundschaft gegeben?

Dies sind seine Memoiren, die er mir anvertraute – kurz bevor er auf seinem Schiff vor der Küste Panamas am 28. Januar des Jahres 1596 in meinen Armen an der unheilbaren Ruhr elendig verstarb. Wir waren am 28. August 1595 mit 27 Schiffen und 2 500 Mann zu einer neuen Kaperfahrt in die Karibik aufgebrochen, die unsere letzte gemeinsame Reise werden sollte. Formularbeginn

Formularende

Ich werde seine Lebenserinnerungen, an denen er bis zu seinem letzten Atemzug schrieb, zunächst lesen und sie dann erst Lady Elisabeth Drake übergeben. Ich habe dabei ein schlechtes Gewissen: Zum ersten Mal in meinem Leben führe ich einen Befehl meines Admirals, seinen letzten Befehl, nicht sofort aus. Ich bin nicht glücklich darüber, aber ich kann nicht anders. Dies ist meine eigenmächtige Entscheidung, die alleine ich zu verantworten habe . . . und die ich nicht bereue.

Bei Sankt Andreas, so soll es sein!

Die Beisetzung des Admirals verfolgt mich seit Monaten. In einem Sarg aus Blei, eingehüllt in den Union Jack, wurde sein Leichnam dem Meer übergeben. Ich sprach aufgeregt und wohl stotternd folgende Worte, weil mich die Crew darum bat: „Ein großer Mann wird dem Meer übergeben, dem Meer, das er so liebte. Einen wie ihn wird es lange nicht geben. Dieser Abenteurer, dieser Held war ein guter Mensch, weil er ein großes Herz hatte. Sir Francis Drake liebte sein Land, die Königin und seine Familie, zu der ich auch seine Männer auf den Schiffen zähle. Dass ich sein Freund sein durfte, war das größte Geschenk, das er mir machte. Der Sarg geht nun zu den Fischen, aber seine Seele fährt nach oben in den Sternenhimmel.“

Danach setzten wir sein Schiff in Brand, wie es sich für einen verstorbenen, großen Helden ziemte.

PS: Die Abschiedsbriefe meines Admirals an die Königin und an seine Frau Elisabeth habe ich auftragsgemäß sofort bei meiner Ankunft in London und in Buckland Abbey, dem Landsitz der Familie Drake, übergeben . . . Ich habe sie aber auf der langen Rückreise in meine Heimat kopiert und nun den Memoiren beigefügt. Sie gehören meiner Meinung nach als Anhang dazu . . . Den langen Brief an Lady Drake stelle ich eigenmächtig an den Anfang. Den an unsere verehrte Königin an den Schluss der Aufzeichnungen meines Kapitäns!

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Liebe Elisabeth,

mein wunderschönes Weib!

Ich weiß nicht, ob ich das alles schreiben soll, was mich tief bewegt. Aber wenn Du diesen Brief tatsächlich eines Tages erhältst, ist mein Leben beendet. Dein Ehemann ruht dann auf dem Grund des Meeres – in einem Bleisarg, wie es üblich ist. Dies wird also kein Liebesbrief an eine Frau, die ich sehr vermisse. Oder doch?

Mich plagen viele Fragen. Ich habe den Eindruck, mein Leben geht zu Ende. Wir liegen hier fest, kein Wind, kein Sieg, kein Erfolg. Und vor allem kein Gold! Mit einem Wort: Verzweiflung! Ja, ich bin verzweifelt. Das Nichtstun macht uns zusätzlich fertig. Hinzu kommen Fälle von fiebriger Ruhr, diesem gefürchteten Durchfall, über den die Landratten lachen. Aber in diesen Fällen sitzt der Tod im Darm! Erste Anzeichen haben auch mich getroffen. Vielleicht habe ich ja Glück . . . und ich überstehe diese Tortur. Ich weiß jetzt zum ersten Mal, wie es ist, wenn man den Tod vor Augen hat. Untätig, machtlos und entmutigt. Man wird bescheiden, weil die Hoffnung mitstirbt, weil sie in die Ferne rückt. Kann es sein, dass ein Sir Ihrer Majestät an einem bösen Durchfall stirbt?

Ich habe Dir viel mitzuteilen, Liebes. Viele Fragen habe ich, auf die ich keine Antworten erhalte. Ich fantasiere, träume wild, der Schmerz kommt und geht und kommt und geht und kommt . . . Sie geben mir Säfte und Rum, doch nichts scheint mich von den Qualen, die in Schüben meinen Leib erschüttern, zu befreien. Ich muss viele Schreibpausen einlegen . . . um dann wieder fortzufahren. Ich muss Dir noch so viel berichten, von unseren Plänen, unseren Wünschen und Möglichkeiten. Vielleicht werden wir doch noch Farmer in Amerika. Wir bauen uns hier ein Schloss, eine neue Abbey . . . Dummes Zeug. Niemals werde ich ein Bauer. Ein böser Traum suchte mich heim.

ICH LIEBE DICH!!!!!!!!!!!!!!

Wir schreiben den 19. Januar 1596: Ich grüße Dich von der „Defiance“ herzlich - in der großen Hoffnung, dass es Dir und unserem Kind gut geht! Mich quält diese verdammte Ungewissheit: Was ist es geworden: ein Junge, ein Mädchen? Bist vor allem Du wohlauf? War es eine schwere Geburt? Dieses Rätselraten macht mich noch verrückt. Ich bin sehr traurig, nicht bei Euch sein zu können. Heute weiß ich: Ich bin ein großer Idiot, dass ich auf diese Fahrt bestanden habe. Dickköpfiger Steinbock eben! Idiot eben auch! Mir geht es seit ein paar Tagen nicht gut, ein teuflisches Fieber, ein heißes Brennen rumort in meinem Unterleib. Eine stinkende Brühe scheide ich unten und oben aus. Ich spüre, wie ich schwächer werde. Auch mein Urin ist rot gefärbt. Wir versuchen alles, um diese Pestilenz einzudämmen. Hoffentlich gelingt uns das sehr bald! Solange ich noch atme, hoffe ich. Ich würde alles hergeben, wenn ich in diesem Moment bei Euch sein könnte!

Es wird wohl ein langer Brief . . . Liebes, ich habe Dir so viel zu erzählen! Meine Gedanken sprudeln nur so aufs Papier. Gedanken eines glücklichen Mannes und eines stolzen Vaters! Aber auch die Gedanken eines kranken, einsamen Kapitäns: Wer hätte je gedacht, dass der gefürchtete Pirat eines Tages friedlich im Bett stirbt. Müde, schlapp und hilflos . . . immer hilfloser. Ich schreibe wie in einem Fieberwahn - all das, was mir gerade so einfällt. Ich will Dir Mut machen: In meinem Ende kann ein neuer Anfang für Dich, für Euch liegen . . .

Ich quäle mich heute mit der Frage: Was hat von meinem Leben Bestand? Was, um Gottes Willen, wird aus unserer Liebe, unseren Schwüren, Ideen und Zielen? Ich erkenne: Alles Gescheite ist schon einmal gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken! Ich versuche es, deshalb dieser lange Brief an Dich. Denn ich kann nicht sagen, wo und wie das alles hier enden wird . . .

Ich spüre zum ersten Mal, was Ohnmacht bedeutet, Schwäche. Zum ersten Mal spüre ich ein blamables Versagen, die Kraft des Verlierens, des Aufgebens. Ich bin kein Held mehr, sondern ein erbarmungswürdiger Greis. Ich erkenne daher: Nicht jeder große Mann ist auch ein großer Mensch. Ich habe Angst vor dem Ergebnis unserer Reise. Ich, der gefeierte Seeheld, der Pirat, der furchtlose Korsar. Was für ein fluchwürdiger Hunger nach Gold war das, der mich immer trieb. Was nützt mir nun all mein Gold? Man nennt mich heute schon den „Mann mit den zwei Gesichtern“, weil ich als Abenteurer und als der erste englische Weltumsegler geehrt worden bin, dessen Verdienste für die englische Seefahrt und den Aufbau der englischen Seemacht gar nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Das sind die Worte unserer Königin. Ich war immer der Seefahrt mit Herz, Leib und Seele verschrieben, ein Mann, der dafür geboren war, sich dem ständigen Kampf mit den wütenden, nassen Elementen zu stellen. Doch der Preis, den ich dafür zu zahlen bereit war, wird eines Tages mein Bild trüben: Plünderung, Mord und Sklavenhandel. Noch sind meine Bewunderer dem romantischen Bild verfallen, das man sich in England immer noch vom „Piraten im Dienste der Königin“ malt. Doch hat dies alles bestand vor dem erbarmungslosen Urteil der Geschichte? Vielleicht sagen sie: Er hat bewiesen, dass die Welt rund, dass sie eine Kugel ist! Du wirst Dich wundern, warum mich gerade jetzt diese Gedanken quälen: Ich weiß es nicht . . .

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe, Liebes, aber Dein Held ist sehr verzweifelt. Was ist aus mir geworden? Ein Jammerlappen! Fast hilflos, wie ein alter Segler, der irgendwo gestrandet ist. Fieberwellen durchlaufen meinen abgemagerten Leib. Mein Geist denkt wirr: Solch ein Ende für einen gefeierten Admiral? Ja! Meine Gedanken trüben sich ein, dann, Stunden später, sehe ich wieder klar. Für ein paar Minuten keimt neue Hoffnung auf, um kurz danach zu erkennen, dass es keine Rettung gibt: Dein Mann und Admiral der Königin ist nur noch ein stinkendes Etwas. John schiebt mir ein Kissen unter meinen rechten Arm, damit ich noch schreiben kann. Die Krämpfe in den Beinen zeigen mir, dass ich noch lebe und gegen den Tod ankämpfe. Meine Füße sind doppelt so dick, ich kann sie nicht mehr anheben. John gibt mir Alkohol, in den er eine Droge mischt, wahrscheinlich Opium, um die Schmerzen im Unterleib zu lindern. Das hilft für eine gewisse Zeit . . . Aber ich erkenne: Was reif ist, ist schon halb verfault! Oder: Kaum ist der Verstand zu einer gewissen Reife gelangt, beginnt der Körper zu verwelken . . . Wir müssen diesen Bauchfluss endlich stoppen . . .

Heute erinnere ich mich – ich denke, ich habe einen klaren Moment - an unsere ersten Tage in Buckland im Jahre 1585, wie Du unsicher durch das große, fremde Haus geschritten bist. Ich zeigte Dir die Räume, unsere privaten Gemächer ebenso wie die Nebengebäude, Stallungen, Lagerräume. Buckland wirkte wie eine graue, große Festung auf Dich – von außen, aber als Du ins Innere kamst, merkte ich Dein Staunen über all den Luxus, der uns umgab. Wie gerne säße ich jetzt auf der Terrasse mit Dir, die von vielfarbigen Hortensien eingerahmt ist, ein Glas Wein vor uns, den Untergang der Sonne genießend. Es machte mir immer eine große Freude, wenn wir gemeinsam in den Weinkeller, ein großes, kühles Rundgewölbe, gingen, um einen guten Tropfen für den Abend auszusuchen. Manchmal liebten wir uns spontan dort auf dem kleinen Sofa. Weißt Du noch? Es war der Reiz des Verbotenen, der uns vereinte, denn wir wurden nicht einmal von einem Bediensteten zufällig ertappt. Wir waren aufgeregt, atemlos, vital und beeilten uns danach, mit zwei Flaschen wieder nach oben zu gehen. Es waren herrliche Momente, Augenblicke einer körperlichen Erfüllung und ein wohliger Kitzel, den wir beide genossen.

Ich schreibe wieder wie ein Verrückter, um mich wach zu halten. Ist es schon das erste Anzeichen eines Wahns? Oft unterbreche ich das Schreiben, schlafe nur kurz, fange erneut an. Meine Arme schmerzen, die Beine sind fast taub und geschwollen, ich schwitze vom Fieber. Mir ist von dem bestialischen Gestank an Bord noch übler. Wir liegen hier fest, angeschlagen und ohne große Hoffnung, doch noch Portobelo erobern zu können. Es fehlt der Wind, auch Poseidon und der Gott des Windes, Aeolos, scheinen uns verlassen zu haben. Meine Männer halten noch zu mir, sie spüren meine beginnende Schwäche. Mich plagt ein heftiges, ein verdammtes Feuer, das von der heimtückischen Ruhr, einem fürchterlichen Durchfall, herrührt, der auch unseren Vetter und Freund John Hawkins hingerafft hat. Ja, Liebes, John starb bereits im November . . . vor zwei Monaten. Wir haben erst vor drei Tagen von seinem Tod erfahren. Ich bin sehr traurig. Unser beider Ehrgeiz fordert nun den Tribut. John war ein feiner Kerl, ein mutiger Kapitän, ein reicher Pirat und ein unruhiger Geist. Wir beide mochten ihn sehr.

Ich fühle mich einsam, schuldig, depressiv und schwach. Den Blick auf das Ende zu werfen - es gibt in unserem Leben kaum etwas, das den Menschen schwerer fällt. Was passiert in meinem Körper, schlägt mein Herz noch? Sind die Glieder noch voll von Leben oder schon kalt geworden, abgestorben? Verliere ich den Verstand? Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich bin unendlich traurig, von Dir getrennt zu sein. Von Dir und von unserem Kind. Wem ähnelt es? Schreit es, lacht es? Wir sind erst elf Jahre verheiratet, zu kurz, um zu sterben. Zu lang, um dem Glück entsagen zu müssen.

Ich habe mir mein Lager auf Deck aufschlagen lassen. In meiner Kajüte halte ich es nicht mehr aus. Tagsüber liege ich unter einem Sonnensegel, nachts – um etwas Kühlung zu bekommen, damit das Fieber erträglicher wird – starre ich in den Sternenhimmel. Ich blicke in die fremde, unendliche Weite des Himmels über mir und stelle mir vor, wo und wie ich dort bald sein werde. Oder ist für mich doch ein Platz in der Hölle reserviert? Für den Seeräuber Drake? So intensiv habe ich den Sternenhimmel lange nicht mehr beobachtet – wir beiden taten das am Anfang unserer Beziehung und später in den ersten Jahren unserer Ehe, wenn wir nach einem Liebesspiel ermattet am Strand lagen. Wie unbekannt die Welt über uns doch ist! Welch göttliche Macht hat das alles erschaffen und eine Gesetzmäßigkeit diesen Planeten verordnet, um das Chaos am und im Himmel zu vermeiden?

Ich beginne zu grübeln, zu zweifeln und frage mich: Wo ist unser aller Gott dort oben zu finden? Wo ist sein Reich mit all den Toten, die in den Himmel wollten und auch dort gelandet sind? Auf einem der Sterne? So intensiv ich auch nach oben starre, ich kann Gott nicht sehen, keine Engel, keine Heiligen – nichts, nur leuchtende Punkte in unterschiedlicher Größe. Irgendwie macht mir das Firmament Angst, nachdem ich des Nachts oft segelte und Kurs hielt. Wie viele dieser Sterne gibt es dort, welche sind der Himmel? Der Nordsternhimmel ist anders als der Südsternhimmel. Ich habe Probleme, das Kreuz des Südens zu erkennen. Ist dort das Königreich der Himmel zu finden, denn der Himmel ist ja nun geteilt in Katholiken, Protestanten, Sektierer, Mohammedaner, Juden, Buddhisten, Hindi – können die vielen Millionen Toten alle dort oben Platz finden? Ich bin verwirrt, je länger ich darüber nachdenke. Solche Gedanken hatte ich früher nie . . . Als junger Bursche war ich ein Suchender in einem Strudel der Gefühle, wie die meisten meiner Kumpane auch. Ich suchte nach meinem Platz im Leben, nach der Wahrheit, nach Antworten auf die vielen Fragen, die mir so durch das spätkindliche Gehirn schießen. Was ist richtig, was ist falsch, wohin führt mich mein Weg? Welcher Weg ist der richtige? Und wenn man zudem in einem streng puritanischen Haushalt aufgewachsen ist, der Meinungen und Antworten vorgibt und weitere Fragen als Provokation empfindet, wurde diese Suche zum dominierenden Inhalt eines jungen Lebens. Meines Lebens. Ich las viel und suchte nach Antworten. Ich kam mir vor wie in einem Steinbruch, suchte und fand den schweren Brocken, der meinen jugendlichen Wissendrang befriedigten konnte. Irgendwie war ich glücklich auf dieser Suche nach dem Sinn, nach dem Wo und dem Wie und dem Warum. Wie die meisten Menschen, so träumte auch ich von Erfolg und Macht, von Ansehen und Reichtum. Ich sehnte mich nach der eigenen Freiheit und einem von mir bestimmten Glück. All das habe ich erreicht und mit und in Dir gefunden. An ein Scheitern habe ich nie gedacht! Und nun dieses Ende . . . Aufstieg und Fall eines Heldenlebens?

Liebe Elisabeth: bete für mich! Ich glaube, unser gütiger Gott hat mich nun endgültig verlassen. Wir haben unser Ziel hier an der Küste von Panama nicht erreicht, wir haben verloren. Ich glaube, mein Stern sinkt, mein Ruhm verblasst. Ich bin sehr verzweifelt. Halte Dich künftig immer an die Königin, wenn Du Probleme hast. Sie wird Dich, unser Kind und unser Haus beschützen. Ich bin dann sehr weit fort von Euch . . .

Heute Morgen habe ich Gott verflucht, habe ihm meine Traurigkeit vor die Füße geworfen. Vielleicht war das falsch, aber ich spüre, wie ich schwach werde. Vielleicht war dieser Ausbruch ein letztes Aufbäumen, ein Schrei der Verzweiflung. Ich spüre den nahenden Tod, vor dem ich nie Angst hatte. Wir lachten über Freund Hein, machten unsere Witze über den Mann mit der Sense. Nun schreitet er suchend über mein Schiff. Der treue John hilft mir, so gut er kann. Ich sehe die Krankheit nicht als Strafe für meine Taten, meine Raubzüge, nein, so denke ich nicht. Ich hätte vielmehr zu Hause - bei Dir! - bleiben sollen! Mein Geburtstag – ohne Dich. Weihnachten – Ohne Dich. Ohne Dich. . .

Grausame Einsamkeit! Nun bin ich in der Karibik und sterbe langsam aber sicher vor mich hin. Ich habe das Gefühl, dass ich verfaule wie ein alter Braten. Das Schreiben macht mir letzten Mut, es lenkt mich ein wenig ab, obwohl ich Probleme mit den Augen bemerke. Mein Atem geht heute schwer, mal läuft mir der Schweiß in Bächen von der Stirn, mal friere ich sogar in der Karibiksonne. Unser treuer John kümmert sich mit Hingabe um mich, sein trauriges Gesicht verheißt nichts Gutes. Er weiß, wie es um mich steht. Ich verfluche die Abwesenheit von Dir – und unserem Kind. Der Gedanke macht mich verrückt, macht mich rasend. Ich glaube, ich spinne langsam. Meine Liebe zu Dir wird mit meinem Tod nicht aufhören, denke daran, Liebes. Ich wollte immer eine Familie haben, nun erlebe ich dieses Glück nicht mehr. Man sagt ja, glückliche Familien seien alle gleich langweilig, die unglücklichen unterschiedlich und damit interessanter. Ich bin da anderer Meinung: Meine Familie, meine Eltern und meine Geschwister, waren nie glücklich, sie glaubten das Glück durch ihren strengen Glauben gefunden zu haben – das war es aber auch schon. Es war ein Irrtum. Ich suchte mir damals mein eigenes, kleines Glück: Ich wurde als Kind schon zu einem Händler, ich verkaufte gesammelte Wildblumen an den Markteingängen, sammelte im Wald Eicheln, die mir die Schweinebauern abkauften, erntete mit Hilfe eines großem Holzkamms Wacholderbeeren, die ich in den Destillen anbot, wo sie zu Schnaps verarbeitet wurden. Ich tat das, um voran zu kommen . . . doch ich weiß heute: Ein Gentleman wird man erst in der dritten Generation!